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Ein ganz kleines bisschen Schadenfreude

 

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Die Schakale bleiben auf ihrer Seite, aber ich habe eine andere Begegnung mit der lokalen Fauna. Ich ziehe meine langärmelige Bluse an, über das kurze T-Shirt, und irgendwas im linken Ärmel fühlt sich seltsam an. Nun ist das eine Wanderbluse mit einer Menge Laschen, Taschen und Knöpfe im Inneren, aber trotzdem sollten die sich nicht von selber bewegen. Irgendwas stimmt da nicht. Im Allgemeinen habe ich eine gute Beziehung zur Fauna, zu allem Vier- und Zweibeinigen, nur mit den Achtbeinigen, da wird es schwierig. Und so, wie sich das jetzt bewegt und auf meinem Arm hin und herläuft, muss das etwas ziemlich großes Achtbeiniges sein. Panik! Hektik! Die Bluse reiße ich mir förmlich vom Arm und eine kleine Eidechse fällt heraus. Uff, keine Achtbeinige! Wahrscheinlich ist die Kleine seit Goshavank als blinder Passagier mitgereist. Hoffentlich findet sie bald Freunde in Dilijan.

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Unser Tagespensum ist sehr faul heute und so schlägt Soren einen Abstecher zu einem Molokaner-Dorf vor. Die Molokaner sind eine urchristliche Sekte, die – von Katharina der Großen aus Zentralrussland vertrieben – an den Rändern des Zarenreichs ihre Gemeinden aufbauten. In typisch russischen Holzhäusern leben sie bis heute gemäß ihren strengen religiösen Regeln. Die Häuser sind sehr hübsch, weiß gekalkte Steine und hellblaue Holzveranden. Bis auf das eine, wo jemand seinen Traum von „Pretty in Lila“ ausgelebt hat. Wahrscheinlich immer noch Lieblingsläster-Thema im Dorf. Hinter den Häusern erstrecken sich ihre Gärten und Felder, eine herbstlich schöne Patchwork-Decke aus gelben Stoppelfeldern, braunen Kartoffeläckern und silbergrünen Kohlreihen. Ach ja, Dating-Apps brauchen die Molokaner nicht. Mit dem Tag der Hochzeit rasiert sich der Mann nicht mehr, so dass alle verheirateten Männer wild wuchernde Bärte tragen. Sieht frau also einen glatt rasierten Mann, weiß sie sofort, der ist noch zu haben.

Auf dem Weg zum Sevan-Kloster fahren wir am Sevansee entlang, den die Armenier ihr Meer nennen. Neben der Straße läuft die Eisenbahn und im Hang rechts davon, einige zig Meter über unseren Köpfen, die alte Straßenführung, vor 40 Jahren noch auf Uferniveau. Der Raubbau am See wurde dann durch ein Gesetz gestoppt, so dass der Wasserspiegel sehr langsam, aber kontinuierlich steigt. Beim Aufstieg (sehr steil) zum Kloster sieht man auf einer gegenüberliegenden Halbinsel eine sehr schöne Anlage: hübsche, neue Häuser zwischen alten Bäumen versteckt, direkt am Wasser. Ja, es sieht sogar so aus, als stünden sie nicht am, sondern im Wasser. Soren nickt, der steigende Wasserspiegel hätte die gerade neu gebauten Häuser geflutet. Bevor ich irgendwelche mitfühlenden Geräusche von mir geben kann, winkt er ab. „Don’t worry, die gehören einem russischen Milliardär.“ Und aus meinem Mitgefühl wird so ein ganz kleines bisschen Schadenfreude.

c2Das Kloster ist nun sehr klein, sehr alt, sehr zerfallen, also nicht wirklich beeindruckend. Was beeindruckend ist, sind die Verbotsschilder. Dreimal „Erlaubt“ steht neunmal „Verboten“ gegenüber, einiges davon so kryptisch, dass wir Soren bitten zu übersetzen. Es wird nicht weniger seltsam. Welcher Gott – wenn man überhaupt einen haben mag – hat Zeit, sich über Hände in den Hosentaschen aufzuregen?

 

Wenn ich in Länder wie Armenien oder Georgien reise, weiß ich, dass ich bestimmte Abstriche machen muss. Für richtig schönen Hotel-Urlaub fahre ich lieber nach Ba-Wü, wo ich dann nach dem Wandern in der Sauna oder mit Massage entspannen kann und mir abends ein Sternekoch ein Vier-Gänge-Menü kredenzt. Sauna haben wir hier auch, jedes Mal, wenn wir nach einer Besichtigung wieder ins Auto zurückkehren. Rückenmassage bieten georgische und armenische Straßen als „all-inclusive“  an. (Auf der Strecke nach Daveed Garecha zeigt mein Schrittzähler z.B. 9456 Schritte an. Da wir im Auto saßen, weiß ich, was er gezählt hat.) Und Sterneküche gab es bei Valodia auch, Millionen von Sterne im dunklen Nachthimmel. Der Rest, ja, also, da hat man dann halt so seine Träume. Meiner war Strandhotel am Sevan-See und dann ab ins Wasser. Ein Traum, denn ich nur aufrecht erhalten kann unter aktivem Ignorieren bekannter Fakten. Dass zum einen der Sevan-See auf fast 2000 m Höhe liegt und bis April zugefroren ist. Dass zum anderen alle (laut Soren) 28 Zuflüsse Schmelzwasser von deutlich höher liegenden Bergen bringen. Dass es Ende September nachts um die 10° kühl ist. Und dass es Strandhotels gibt und Strandhotels. Unseres ist 70er Jahre real existierende Sowjetarchitektur mit einem gehörigen Schuss Jack Nicholson und Shining dazu. Wir betreten die riesige Halle, Marmor, so weit das Auge reicht. Links ein geschwungener Tresen, die Rezeption, leer. Rechts ein identischer geschwungener Tresen, die Bar, leer. Und das meine ich wörtlich. In den Regalen hinter der Bar stehen ganze drei Flaschen: ein Wodka, ein Rum, eine Kokoscreme. Als wir eine Stunde später auf dem Weg zum Strand wieder vorbei kommen, stehen Dutzende Flaschen (Wein und Stärkeres) auf den Glasetageren. Ich kann nur hoffen, dass das ihre normaler Dienstagnachmittag-Auffüll-Aktion ist. Andernfalls müsste ich anfangen zu überlegen, ob uns und wenn ja welch ein Ruf vorauseilt.

Soren klopft, Soren ruft, Soren telefoniert. Schließlich kommt aus den hinteren Gängen jemand in aller Gemütlichkeit angeschlendert, sieht uns und verschwindet wieder. Eine andere Dame taucht auf und händigt uns die Schlüssel aus. Wir sind die einzigen Gäste in dem riesigen alten Kasten und das ist der Moment, in dem wir unsere Reservation fürs Abendessen stornieren. Ein bisschen unheimlich ist ja ganz nett, aber zu dritt allein in dem riesigen Speisesaal, das ist gruselig.

Das Zimmer im dritten Stock ist riesig, hat zwei Fenstertüren und einen großen Balkon. Den Rest erspare ich Euch jetzt mal, es ist genau so – und ich verzichte jetzt ganz bewusst auf ein wie auch immer konnotiertes Adjektiv -, wie wir das erwartet haben.

Aber dann gehen wir an den Strand, das saubere Wasser schlägt gegen den Sand, der Wind spielt in den Bäumen und der Blick ist einfach phantastisch. Monsieur traut sich sogar ins Wasser (18°!), ich nicht. Manchmal kann ich richtig gut damit leben, wenn mein Traum nicht ganz in Erfüllung geht.

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Schakale und Spinatröllchen

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Kleiner Nachtrag zu gestern: Nach der kleinen Wanderung fährt uns Soren zu einem bekannten Schaschlik-Restaurant. Erstens, weil alle Armenier gerne gut und viel essen und wir als Zeit-Armenier somit auch. Zweitens, weil wir auf immerhin 1200 m Höhe sind, der Metabolismus in dieser Höhe stärker gefordert wird und man deshalb -> siehe Punkt eins. Und drittens hätten wir schließlich eine sportliche Leistung (2 Stunden! Bergab, meistens!) erbracht und wären somit sicher sehr hungrig. Gegen drei so gute Argumente ist schlecht anzudiskutieren. Dafür schlägt Soren vor, heute Abend im Hotel vegetarisch zu essen, nur ein paar Salate, etwas Kleines. Etwas Kleines entpuppt sich als vier sättigende Salate, dazu der cremige, fast schnittfeste Joghurt und etwas Schafskäse. Als wir fast satt sind, stellt sich heraus, das ist erst die Vorspeise. Soren hat danach die gegrillten Auberginen, die ich gestern so gelobt hatte, bestellt und Pilz-Spinat-Röllchen. Das hauchdünne, runde Lavash-Brot wird auf gegenüber liegenden Seiten mit Pilz- oder Spinatmasse bestrichen und dann so zur Mitte hin aufgerollt, dass eine Doppelröhre entsteht, die noch kurz im Ofen goldbraun gebacken wird. Sehr, sehr knusprig und lecker, ganz besonders, wenn man einen Klecks Joghurt draufgibt. Während wir essen, kommt der Koch, um zu sagen, dass er sich freut, dass uns die Auberginen so gut gefallen haben und um sich zu bedanken, dass wir ihn mit den Röllchen vor einem weiteren Schaschlik bewahrt haben. Er spendiert uns einen Granatapfelwein.

Und dann muss ich natürlich noch mal schnell hoch ins Zimmer, um mit Schweizer Schokolade zu zeigen, dass wir uns freuen, dass er sich freut.

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Akhtala soll etwas ganz Besonderes sein, habe ich gelesen. Und das ist es auch, in mehrfacher Hinsicht. Wehrkloster mit Burgmauern und Turm, liegt es halb zerfallen auf einem Plateau, ein Ort mit einer besonderen Stimmung. Auch wenn die Fabrikruine auf der anderen Talseite die Idylle sehr stört. Zu Füßen der Kirche die Steine der zerstörten Kuppel und im Inneren dann etwas, das weh tut. In meinem Reiseführer von 2014 wird noch die außergewöhnliche Schönheit der Madonna in der Kuppel erwähnt. Wir können nur noch das sagenhafte Blau des Mantels bewundern. Eindringender Regen hat das Fresko zerstört. Da, wo das Gesicht Mariens sein soll, klafft in der Decke ein Loch.

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Die M 6 fällt aus: in Vanadzor ist sie aufgerissen und nicht befahrbar und weiter südlich wäre sie durch eine lokale Protestaktion gesperrt. Wer da warum gegen wen oder was protestiert, erfahren wir nicht, aber Soren beschließt über Noyemberian und die M16 auszuweichen. Dass die auch gelegentlich gesperrt wird – und warum – erzählt er uns erst, als wir da sind. Als erstes fällt uns das verbrannte Gelände auf. Das bestimmt nicht mit dem Konflikt in Verbindung steht, eher Wildfeuer oder Brandrodung als Ursache hat. Aber darin, auf den Hügeln, in den Tälern, ausgebrannte Dörfer, zerbombte Höfe. Wir fahren an der aserbaidschanischen Grenze entlang, ein ganz schmaler Korridor Armenien zwischen Aserbaidschan und einer Enklave auf der anderen Seite. Soren erzählt, dass Scharfschützen sich hier gelegentlich an armenischen Autos ausprobieren. Aber wir seien sicher. Wann immer das passiere (das letzte Mal 2014), sperre die Polizei die Straße. Wie beruhigend für alle, die erst nach der Sperrung durchfahren wollen.

In Idschewan ist Markt und wir kaufen Obst und Tschurtschchela für ein Picknick in Goshavank. Tschurtschchela ist Power-Nahrung: Walnusskerne in eingekochtem Traubensaft getrocknet, zu biegsamen Riegeln verarbeitet. Das gibt es dann im Schatten eines – angeblich – 600 Jahre alten Nussbaum, dessen gespaltener Stamm im Wind stöhnt und knarzt. Soren benutzt das gleiche Argument wie für die Scharfschützen: Not now, not us.

Na dann.

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Dilijan ist ein bisschen eine Mogelpackung. Verkauft als Zentrum des Naturparks, als „grüne Stadt“, preist es eine Museumsstraße in der Altstadt an. Die Idee ist doch einleuchtend: ein bisschen schauen, ein bisschen flanieren, einen Apéro irgendwo, wo es nett ist. Da stellt sich heraus, dass die ganze, so genannte Museumsstraße eine Handvoll Häuser des Tufenkian Hotelkomplexes ist. Dass es zwar ein Restaurant mit Holzterrasse gibt, sehr hübsch, aber dort nur lauwarmen Weißwein. Dass die Bedienung in bester Sowjettradition nicht fürs Lächeln bezahlt wird und sehr deutlich kommuniziert, dass all das ganz eindeutig allein unsere Schuld sei. Und dass der Kaffee, den wir als Ersatz bestellen, auch schon zu viel verlangt ist. Was bin ich froh, dass wir anderswo untergebracht sind.

Und das auch noch, als auf der anderen Flussseite die Schakale ihren Gesang anstimmen.

Sanahin und Haghpat

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Es ist wirklich schwierig – und dabei so unnötig – zu entscheiden, welches der beiden Klöster mir besser gefällt. Sagen wir einfach: Sanahin ist sehen und staunen, Haghpat ist fühlen und staunen.

Beide haben viel gemeinsam: im 10. Jahrhundert gegründet, ist Sanahin ein paar Jahre älter. Hatte dafür aber bald darauf doppeltes Pech, einmal in Gestalt eines Erdbebens und dann durch einfallende Türkenhorden. Beide liegen auf einer Hochebene, wobei Haghpat auf ein verträumtes Dorf schaut, Sanahin auf die Schlote und Industrieruinen von Alaverdi.

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Gemeinsam machen sie uns mit dem Gavit bekannt, einer Säulen gestützten Vorhalle, die es so nur in armenischen Klöstern gibt. Der Gavit in Haghpat ist wortwörtlich gepflastert mit Grabsteinen, alten, neuen, beschrifteten, verzierten, ganz einfachen. Ja, sagt Soren, man soll über diese Grabsteine laufen. Die Toten wollen den Kontakt zu den Lebenden und nehmen dir beim Darüberlaufen deine Sünden ab. Tolles Konzept! Insofern habe ich heute eine Menge für meinen Seelenfrieden getan. Die Halle ist so beeindruckend, dass die Kirche dahinter wie ein kleiner Anhang wirkt. Die Kirche selbst ist eine ganz fremde Raumerfahrung. Ich betrete sie wie durch einen schmalen, hohen Graben. Vor mir zwei massive Säulen, davor die Apsis mit dem hüfthohen Altarpodest. In Haghpat mit einer Vielzahl Teppiche belegt, wirkt es eher wie ein fernöstlicher Diwan denn ein Altar. Was mich aber im ersten Moment mehr irritiert, ist ein Gefühl der Enge. Da, wo ich stehe, wäre in einer europäischen Kirche ein weiteres Säulenpaar und rechts und links Seitenschiff. Hier ziehen sich massive Tuffsteinwände hoch in sechs, sieben Meter Höhe. Darin sehe ich die Eingänge zu drei übereinander liegenden Zellen, in die die Mönche sich zur Meditation zurückzogen.

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Dieses Kloster war ein Zentrum der Gelehrsamkeit und so gibt es eine Bibliothek mit ebenfalls beeindruckenden Säulen. Ich liebe diesen Ansatz zur Statik: Im Zweifelsfall doppelt so dick bauen. Und so wirkt diese Halle. Im Boden vergraben jene Tonkrüge, die wir in georgischen Klöstern zur Weingewinnung gesehen haben. Aber hier sind es angeblich Verstecke für die kostbaren Schriftrollen, wenn Gefahr drohte. Eigentlich bin ich bei solchen Erklärungen immer ein bisschen skeptisch, aber wir sind hier fast 1100 m hoch und ich habe nirgends Weinstöcke gesehen. Also glaube ich das jetzt mal. Licht fällt in diese Bibliothek durch eine offene Kuppel, darunter ein Wasserauffangbecken.

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Seinen großen Charme entwickelt Haghpat dann sozusagen von hinten. Die Gebäude zum Teil halb verschüttet, die Kuppeln mit Gras bewachsen, scheint das Kloster wie ein lebender Organismus aus der Erde zu wachsen. Es hat etwas von einem schlafenden, träumenden Riesen. Der Platz, der Blick ist so verwunschen, dass wir spontan beschließen, hier heute Abend zum Sonnenuntergang noch einmal hinzugehen.

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Aber bis zum Sonnenuntergang ist es noch weit und wir haben noch einiges vor. Das Schwesterkloster Sanahin zum Beispiel. Wenn Haghpat verträumtes In-sich-selbst-ruhen ist, ist Sanahin Darf-es-etwas-mehr-sein? Zum Beispiel gleich zwei Gavits nebeneinander. Und den ersten auch noch mit deutlich mehr Pfeilern als in Haghbat. Worüber ich auch gar nicht meckern will, denn die Säulen sind von fremdartiger Schönheit, die Kapitelle gekrönt von Tierköpfen. Erst möchte ich ja die Löwen adoptieren, aber dann finde ich den Kampfesel. Der wird es sicher mit jedem Löwen aufnehmen, bei den Zähnen.

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Neben den kirchlichen Gebäuden gibt es auch eine „Akademie“, hier ein offenen zugiger Bogengang (ohne Tonkrüge, zumindest ohne sichtbare), Steinkreuze, die wie gemeißelte Spitzengardinen wirken. Alles ist wirklich exquisit und außergewöhnlich außergewöhnlich, aber ich habe mein Herz schon an Haghpat verloren.

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Im Internet wird eine Wanderung von Kloster H zu Kloster S beschrieben, 12 km, 300 Höhenmeter, allerdings viel Asphalt, viele Stromleitungen und Dörfer. Unsere Fahrer haben meist so eine gewisse Affinität zur Gemeinwohl-Ökonomie und so bietet Soren uns eine andere Wanderung an, ohne Asphalt, in den Debed-Canyon, mit lokalem Führer. Wir finden den Preis zwar etwas hoch, sind aber nicht abgeneigt in die lokale Ökonomie zu investieren.

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Deshalb führt uns Haddeuz um zehn Unr von Haghpat aus über sonnenverbrannte Wiesen vorbei an Kuhherden zur Abbruchkante des Canyons. Wir steigen über einen Waldweg hinab, vorbei an Quellen, an denen ich als erste einen Schluck angeboten bekomme. Aus einer verbeulten undichten Tasse, die Haddeuz aus einem Versteck neben der Quelle zieht und sorgfältig abspült. Was soll es, ich habe eine Großpackung Immodium dabei und Haddeuz schaut so treu.

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Wir nähern uns der Zivilisation in Gestalt eines Steinbruches, komplett mit verrostetem Fuhrpark und stoßen schließlich am Ende auf die Straße, die parallel zum Fluss verläuft. Soren wartet da auf uns. Hier liegt ein kleiner Kiosk mit Terrasse übers Wasser. Das Ganze sieht nicht so richtig einladend aus, aber ein Schluck Wasser aus einer frischen Flasche, das sollte kein Problem sein. Wir trinken unser Wasser, bezahlen, stehen auf. Der Wirt nimmt die Plastikflaschen und wirft sie im hohen Bogen in den Fluss. Ein Sturm der Empörung bricht los und Fahrer und Führer beschimpfen ihn heftigst. Soren ist immer noch aufgebracht, als wir an der fast 1000 Jahre alten (und noch immer stabilen) Sanahin-Brücke halten. Es wäre doch auch sein Mutterland, wie er es denn so versauen könnte…

Insofern kann ich wirklich sagen: viel gesehen, viel gelernt heute.

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Merci

 

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Irgendwann während der ersten Tage kommen wir auf die Schweiz zu sprechen. Rezo hat als kleiner Junge immer von einem echten Schweizer Messer geträumt. Auf dem Markt in Tiflis gibt es die in zwei Varianten: echt Victorinox – unbezahlbar – und echt chinesisch.

Und nun dürft ihr raten, was ich als Mitbringsel aus der Schweiz dabei habe. Rezo freut sich wie ein kleiner Junge, als er eine Schneide nach der anderen herausklappt, Schere und Korkenzieher nicht zu vergessen.

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Die letzten hundert Kilometer Georgien liegen vor uns, durch ein grandios ödes Hochland mit gelb verbrannter Steppe. Die Häuser sehen anders aus, aus Tuff, ohne Holzveranda. Dann taucht inmitten dieser monotonen Einöde ein Gebäude auf. Ein Gebilde, dass so unsagbar fehl am Platze wirkt, dass es nur eine Grenzstation sein kann. Der Beamte schlägt unsere Pässe auf, versucht ziemlich erfolgreich, unsere Vornamen auszusprechen, fragt, ob Monsieur Arzt sei, gibt sich aber mit Physiker zufrieden und winkt uns nach zwei mal Stempeln durch. Auf der anderen Seite geht es ähnlich gelassen zu und wir sind in Armenien. Dort wartet dann der armenische Fahrer, Soren, auf uns, mit einem schon fast peinlich großen deutschen Luxus-Allrad. Der Abschied von Rezo ist ziemlich emotional, dann trennen sich unsere Wege.

Unserer führt uns direkt in ein heftiges Gewitter. Soren ist auch verblüfft, seit drei Monaten hätte es nicht geregnet, der Süden Armeniens litte unter schlimmen Waldbränden. Als der Regen langsam aufhört, sehen wir, dass die Hochebene von Canyons durchzogen ist. Und von Kuhherden, richtig große Herden, mit dem passenden armenischen Cowboy.

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Soren macht einen kleinen Abstecher nach Odzun, wo ein schwarz gekleideter Priester eine russische Familie durch die Kirche führt und uns, als er unser Interesse bemerkt, immer mal wieder ein paar Sätze auf Englisch zuspielt. So erfahren wir, dass die Kirche hauptsächlich Recycling und Patchwork älterer Bauwerke ist. Hier ein Türsturz hochkant, dort eine Fensterbrüstung quer in eine mächtige Säule eingearbeitet wurde. Nur, was es mit den seltsamen Stelen auf sich hat, erfahren wir nicht, die Russen bleiben zu lange in der Kirche.

 

Alaverdi kommt als ein Schock, aber wir sind schnell durch. Trotzdem begleitet uns die Rauchfahne noch lange.

 

Auf dem Weg zum Hotel bringt Soren uns dann unser erstes Wort armenisch bei. Das einfachste Wort: Danke – shnorhakalut’yun haytnel. Was aber selbst den Armeniern zu kompliziert ist. Weshalb sie einfach „Merci“ sagen.

 

Im Hotel tobt eine armenische Geburtstagsfeier, Plastikmusik der übelsten Sorte in unvorstellbarer Lautstärke. Eine Busladung Franzosen, die zur gleichen Zeit ankommt, beschwert sich auch gleich aufs Heftigste. Ich hätte mich ja auch gerne beschwert, aber alleine gegen so viele Armenier, das habe ich mich nicht getraut. Wirklich schwierig ist, dass wir in diesen wummernden Bässen und kitschigen Melodien essen sollen. Die Franzosen handeln einen Waffenstillstand zumindest für die Zeit des Abendessens aus. Den die Gegenseite ausnützt, um ungeniert aufzurüsten. Die zwei kleinen Lautsprecher, die bis dahin die Dosenmusik herausgeplärrt haben, werden gegen eine Riesen-Anlage für Live-Musik ausgetauscht. Die Musik ist eindeutig besser, der Krach aber weiterhin unvorstellbar, jeder Versuch, sich – selbst brüllend – zu verständigen ist zum Scheitern verurteilt. Wir stehen auf, um zu fliehen. Da geschieht etwas Unglaubliches: die Franzosen am Nachbartisch werfen erst rhythmisch die Hände in die Höhe, dann brechen einzelne los und bewegen sich zuckend auf der Tanzfläche. Schließlich tanzt die ganze Busladung „armenisch“. Fasziniert, aber etwas ratlos bestaunt von den Armeniern, die beim Ansturm der Franzosen die Tanzfläche geräumt haben. Handys werden gezückt – auf beiden Seiten – und das seltsame Tun seltsamer Ausländer dokumentiert. Wahrscheinlich gibt es morgen auf armenischer Seite viele Facebook-Einträge zu „Franzosen crashen meine Geburtstagsfeier“, während die Franzosen wahrscheinlich ihr „authentisch armenisches Erlebnis“ hypen werden.

Ich, ich sch…ß auf authentisch. Es ist spät. Ich will endlich schlafen!

Der Joker, der sticht, der uns kurz vor Mitternacht Ruhe verschafft, ist eine Gruppe amerikanischer Ärzte, auf ihrer jährlichen Good will tour durch armenische Dörfer. Sie haben ihre erste Patienten um 6:30 und brauchen ihre Ruhe.

Merci!