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Gut gegen Regen

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Rekonstruktion eines keltischen Bauernhofs

Das mit der Kunst ist ja eher schwierig. Mal mag man sie, mal nicht. Mal versteht man sie, mal nicht. Aber um all das überhaupt entscheiden zu können, muss man sie letztendlich erstmal betrachten.

Was sich manchmal etwas schwierig gestaltet. Etwa, wenn die Kunst in der freien Natur steht und diese Natur sich auf Regen kapriziert. Es tröpfelt schon, als ich mich mit einer Begleiterin auf den Weg mache. Die Gemeinde hat einen Skulpturenweg angelegt, den wollen wir abfahren und betrachten. Was soll man auch sonst machen heute, bei dem dummen Wetter, 16° und Regen. Ins Café zu den Kuchen fressenden Pelztieren wollen wir nicht, wandern kann man nicht. Wir beäugen den Plan nicht unkritisch. Der Künstler versteht sich als Aussagekünstler, was sofort meinen Widerspruchsgeist weckt. Andrerseits sieht er das ganze Leben als Wandlung, was ihn mir sympathisch macht. Wir werden sehen.

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Der Skulpturenweg läuft als Wanderweg zum Teil über Feldwege, wir suchen uns den Zugang über Straßen, biegen kurz vor Roitham ab nach Pavolding, fahren an einer kleinen Kirche vorbei – und da steht sie, die „Mutter Erde“. Eine überlebensgroße Gestalt mit birnenförmiger Figur hebt ein spindeliges Kleinkind hoch über den Kopf. Kraftvoll und rätselhaft. Die Platzierung ist leider alles andere als optimal. Direkt hinter der Skulptur verläuft eine Stromleitung, so dass es aussieht, als hänge Mutter Erde ihr Kind zum Trocknen auf die Leine. Das nächste Kunstwerk steht ein paar hundert Meter weiter und ist noch rätselhafter. Unter dem Titel „7. Schöpfungstag“ steht eine – männliche? – Gestalt neben einem Pferd. Hat Adam nach einem Tag schon genug von Eva und sie gegen ein Pferd eingetauscht? Will er mit dem Pferd fliehen? Hat Gott nach einem Tag schon genug von seinen Menschen und sich den Pferden zugewandt? Wir können die Skulptur nicht näher betrachten, denn die Wolken wählen just diesen Moment, um alles zu geben. Ich versuche aus dem Auto heraus Fotos zu machen, aber das wird nichts. Wir warten, so ein Wolkenbruch dauert ja meist nicht lange, doch unsere Wolken nehmen ihren Job sehr ernst.

Irgendwann wird es mir zu dumm und wir fahren Richtung Seebruck, wo es neben weiterer „Kunscht“ zur Not eben auch Cafés gibt. Meine Begleiterin versucht auf der Karte die nächsten Skulpturen zu verorten, an der ersten fahren wir vor lauter Orientierung – links das Museum, ja, stimmt, rechts das Rathaus, ja, richtig – vorbei und dann der Schrei: Ich hab ihn! Und mir wird klar, was wir eigentlich tun. Wir spielen Pokemon Go. Ein sehr spezielles Pokemon Go, aber definitiv das gleiche Prinzip.

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Der „Jesaias“ steht etwas unmotiviert an einer Straßenecke, er wohnt offensichtlich im Haus N° 19, und hebt die Hand zum Himmel. Wir winken ihm zu und machen uns auf die Suche nach dem nächsten Pokemon. Die „Mondfahrer“ sind kugelig-freundlich, wirken aber irgendwie etwas verstört, wie sie so vor dem Segelclub stehen. Sie sehen aus wie außerirdische Wesen von ungewöhnlicher Intelligenz, die nach einer Reise über Abermillionen von Lichtjahren – Pipi-Pause auf dem Mond eingeschlossen – hier auf unserer Erde gelandet sind. Und dabei aus Versehen ihr Raumschiff im Chiemsee versenkt haben, weshalb sie es jetzt nicht mehr wieder finden können. Vielleicht doch von nicht ganz so außergewöhnlicher Intelligenz, diese Wesen.

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Wenige Schritte weiter hebt „Anrufung und Begegnung mit dem alles neu schaffenden Geist“ die Arme in den Himmel. Die Figur steht auf einem kleinen Deich direkt vor dem See. Schön hat sie es da.

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Das Einbahnstraßensystem, dass uns bei Jesaias an der Rückkehr gehindert hat, fädelt uns wieder ein und wir stehen erneut zwischen Museum und Rathaus, diesmal voll konzentriert. Trotzdem dauert es eine Weile, bis wir das Pokemon wirklich sehen. Und uns dann ein bisschen wundern, wie wir diese Ohren zweimal haben übersehen können. Dieser „Wächter im Garten Eden“ sieht so freundlich aus, der lässt sicher mit sich diskutieren, ob man nicht vielleicht doch noch mal hinein dürfte, nur ganz kurz… Was mich allerdings ein bisschen irritiert – neben den Ohren – ist die Präposition. Sollte er nicht besser „vorm“ statt „im“ Garten wächtern?

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Das Römische Museum ist zu unserer Erleichterung geschlossen, die kleine Kirche dahinter zum Glück nicht. Fast so schön wie die Innenausstattung ist der Friedhof mit seinen handgeschmiedeten Kreuzen und den Gräbern mit Aussicht. Alle haben einen wunderbaren Blick auf den Chiemsee.

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Der „Friedensbote“, etwas außerhalb, hat seinen eigenen Wanderparkplatz, denn hier treffen gleich drei Rundwege zusammen: der Skulpturenweg, der Naturweg und der Archäologische Rundweg, weshalb hier auch der Querschnitt durch eine Römerstraße aufgeschüttet ist. Zum Glück fängt es gerade wieder an zu regnen.

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Am nächsten Pokemon fahren wir zweimal vorbei. Zum einen, weil wir uns nicht vorstellen können, dass die zwei Häuser links tatsächlich der gesuchte Ort sein sollen. Zum anderen, weil mich die direkt dahinter liegende Rekonstruktion eines Keltenhofes ablenkt, Teil des oben erwähnten Rundweges. Keine Säulen, da muss ich hin!

Irgendwann müssen wir aber einsehen, dass wir das Pokemon verpasst haben und machen kehrt. Wir halten in dem Ort, steigen aus und schauen uns um. Fast gleichzeitig fangen wir mit „Irgendwo muss doch…“ an und müssen dann wirklich lachen. Wir stehen direkt vor der riesigen Figur der „Schlanken Gestalt“ und haben sie einfach nicht gesehen. Während wir die Skulptur gebührend bewundern, kommen vier Kinder auf Ponys vorbei und mehrere Erwachsene mit Kinderwagen oder Hunden. Nicht einer gönnt der Figur auch nur einen Blick. Es geht ihnen damit wahrscheinlich wie mir mit meinen Säulen.

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In Truchtlaching müssen wir am „Wanderer Abraham“ erst einmal vorbeifahren und eine Parkmöglichkeit suchen. Die gibt es direkt vor einer Apotheke, wobei uns einfällt, dass wir ja auch noch etwas gegen die Mückenplage am See brauchen. So werden  wir dann Zeugen dieses Dialogs zwischen der Apothekerin und einer sehr alten Dame (ich entschuldige mich schon mal für Transkriptionsfehler):

Die Dame: „Und dann hätt i noa gern die Kigeli.“

Die Apothekerin: „Welche Kügelchen hätten Sie denn gerne?“

„Die Kigeli, die wo d‘ Frau Eder so gut g’holfen ham.“

„Wie heißen die denn?“

„Kigeli hoaßt d‘ Frau Eder die.“

Langsam arbeitet die Apothekerin heraus, dass Frau Eder an Rheuma leidet und dann ist es einfach. Als es ans Bezahlen geht, wird die Dame plötzlich misstrauisch: „Dan die aa wirkli helfa?“ Die Apothekerin legt ihre Hand auf eine Großpackung Rheumamittel, die die Dame zuvor auf Rezept bezogen hat, und meint: „Zusammen mit denen schon.“ Eine sehr diplomatische Antwort.

Der Wanderer macht mir das mit der künstlerischen Aussage einfach. Aber erst, nachdem meine Mitfahrerin mich auf dieses entscheidende Detail hingewiesen hat: mit drei Füßen wandert es sich besser. Das „Lamm“ knabbert an einem Hibiskusbusch und „Moses“ steht etwas versteckt auf dem Parkplatz eines zugegebenermaßen sehr schönen Gasthofes hinter parkenden Autos.

Richtig leid tut mir dann „Prometheus“, der uns das Auffinden dafür sehr leicht macht. Er steht mitten auf einem Verkehrskreisel. Prometheus, der Schutzpatron aller jugendlichen Rebellen, aller pubertären Brandstifter, auf einen Kreisel verbannt! Und nicht nur das, zu seinen Füßen erstreckt sich ein Meer von Blumen in der typischen „Unser-Dorf-soll-schöner-werden“-Kombination. Ich sehe sie direkt vor mir im Verschönerungskomitee: „Wir lassen uns doch nicht unseren schönen Kreisel kaputt machen – von so a bisserl a Kunscht!“ Armer Prometheus.

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Das Wetter hat sich etwas stabilisiert und wir besuchen ein zweites Mal das Pferd. Sehr gute Idee, denn jetzt sehen wir, dass auf der Wiese dahinter noch andere Skulpturen stehen, dass im Bach ein Mühlrad dreht, dass eine kleine Brücke über das Wasser führt, einfach ein wunderschöner, stimmungsvoller Ort. Wenn es nicht gerade in Strömen regnet.

Das letzte Pokemon finden wir dann direkt an der Parkplatzeinfahrt zum Kloster. „Bild des Hoffens“ heißt die Gruppe. Ich hätte sie ja eher Morgengymnastik getauft.

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Und die künstlerische Aussage hinter all dem? Kunst bewegt? Stimmt! Uns hat sie in ein paar Stunden über knappe 20 km weit bewegt. Kunst öffnet neue Perspektiven? Genau! Erst als wir beim „Geist“ auf den Deich kletterten, konnten wir dahinter den Chiemsee mit den Alpen im Hintergrund in ihrer ganzen Schönheit sehen. Kunst bildet? Unbedingt! Allerdings bilde ich mir nicht ein, die Kunstwerke verstanden zu haben.

Und für mich, für hier und heute: Kunst ist gut gegen Regen.

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