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Die VIPs von Erice

Palermo hatte Goethe und Wagner, das ist ja schon mal nicht schlecht. Der eine auf der Durchfahrt während seiner italienischen Reise, der andere, etwa 100 Jahre später, um seinen Parsifal fertig zu komponieren.

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Die Konferenzhalle im Domenico-Kloster

Erice kann da aber mit ganz anderen VIPs aufwarten.

Äneas war hier, wenngleich aus traurigem Anlass. Er begrub seinen Vater, gründete nebenbei hier – auf dem Heiligen Berg – die Stadt und segelte dann weiter zur nächsten Stadtgründung, aus der später Rom werden sollte. Aus diesem gemeinsamen Gründungsvater leitete Erice bei der Eroberung durch die Römer dann ab, dass seine Einwohner Bürger Roms und damit von Steuern befreit seien.

Herakles hatte hier eine seiner 12 Aufgaben zu erledigen.

Dädalus baute eine Mauer, um den Absturz des Tempels über die Felsmauern zu verhindern.

Am berühmtesten waren aber die Damen – und ihre Dienste. Auf der höchsten Spitze des Felsplateaus stand ein Heiligtum, das nacheinander Astarte, Aphrodite und Venus geweiht war. Aus römischer Zeit ist noch ein Teppidarium erhalten, so dass man annimmt, dass sich die Pilger erice-17-7dort reinigten. Um dann eben die besonderen Dienste der Göttin oder Besonderes im Dienste der Göttin zu erleben. Als das Christentum nach Sizilien kam, baute es natürlich sofort eine Kirche an diesen Ort, pikanterweise Maria gewidmet. Und die Normannen setzten dann noch ein Kastell oben drauf.

Von all dem stehen nur noch ein paar Außenmauern, die man – bewaffnet mit dem Erice-Pass für 15 € – bestaunen kann. Der Pass verspricht Einlass zu gut einem Dutzend Sehenswürdigkeiten, da werde ich ‚was zu tun haben, die nächsten Tage.

erice-17-2Im Kastell bin ich aber dann doch recht schnell durch. Der außergewöhnlich schöne Blick über den Golf wird durch das diesige Wetter eingeschränkt. Man kann angeblich bei guter Fernsicht die afrikanische Küste sehen. Ich sehe immerhin die Inseln vor Trapani. Und die Auswirkungen des Sirrocco, der heftig die Bäume durchschüttelt und schaurig durch die Mauern heult. Alle Besucher, außer Herren mit Kein-Haar-Frisuren, sehen aus, als hätten sie sich heute Morgen mit dem Finger in der Steckdose frisiert, ich wahrscheinlich auch.

erice-17-6Die nächste abhakbare Sehenswürdigkeit auf meiner Pass-Liste schläft noch, also kehre ich dem Pepoli-Turm den Rücken – kein Stress! Meine Pass ist gültig bis Anfang November, ich muss das also nicht alles heute erledigen – und mache mich auf den Weg zum Kloster San Giovanni. Gleiches Problem. Vielleicht denkt jemand in Erice, dass drei Highlights so kurz hintereinander einfach viel zu aufregend sind.

Weiter geht es auf einem staubigen, steilem Feldweg unterhalb der Stadtmauern zum Quartiere spagnolo, wo eine gelangweilte junge Dame von ihrem Buch aufsieht, mir ein Kreuz auf meinen Pass malt und dann sofort wieder hinter ihrem Buch verschwindet. Das Gebäude selber ist ein langweiliger, unansehnlicher Klotz, da kann es aber nix für, es war schließlich um 1600 als Kaserne für die spanische Besatzungssoldaten geplant worden. Da verzichtet man schon mal auf verspielten Zierrat. Drinnen gibt es eine Ausstellung zum lokalen Handwerk, altes Gerät, vergilbte Fotos. Im letzten Raum dann eine Dokumentation zum Thunfischfang – ein wahres Massaker.

erice-17-3Die einzige Kirche auf meinem Pass, die ich heute wirklich besichtigen kann, ist San Orsala und hier gibt es das Angebot des Tages: zwei Kirchen zum Preis von einer. Man hat nämlich zwei nebeneinander gebaute Kirchen, die eine noch gotisch, die andere schon Renaissance, zu einer Doppelkirche vereint. Der Weg war lang und heiß, die Kirche ist kühl, der Mann am Eingang freut sich so über die Besucherin, dass er mir einiges erklärt und erzählt in einer Mischung aus Englisch und Italienisch. Und dann lasse ich einfach die Stille der Kirche auf mich wirken, bis eine Gruppe Besucher kommt, die erst lange – im Inneren – diskutiert, ob es wirklich die zwei Euro pro Person wert ist, noch weiter eintreten zu dürfen und dann ohne zu zahlen wieder geht. Nachdem sie vom Portal aus ausgiebig Fotos geerice-17-5macht haben. Geiz ist eben nicht geil.

Der Weg führt mich zurück über einen Weg namens Via Addolorata, parallel zur Stadtmauer, die die ersten Bewohner, die Elimi, im 8. Jahrhundert vor Christus um ihren heiligen Felsen gezogen haben. Die Phönizier haben die Mauer dann 100 – 200 Jahre später militärisch hochgerüstet. Sie meißelten nämlich auf die Mauersteine Schriftsymbole für „Auge“ und „Mund“, womit die Mauer angreifenden Feinden drohte: „Ich sehe dich und werde dich fressen.“ Very scary!

Wiederum einige 1600 Jahre serice-17-4päter ließen die damaligen Besatzer und Besitzer mittelalterliche Tore in diese Mauern brechen, ausgelegt für die Verkehrsmittel der Epoche. Was dann weitere 800 Jahre später mich gestern dazu zwang, die Seitenspiegel einzuklappen und den Mietwagen sehr, sehr vorsichtig zu manövrieren.

Aber jetzt ist das mal genug Kultur für heute. Zum Glück erschuf Gott ja nicht nur den Wein gegen Prinzipien, sondern auch den Aperol Spritz gegen zu viel Kultur.

Und außerdem gibt es in Erice nicht nur über 30 Kirche und Klöster, sondern auch die dazugehörenden Klosterbäckereien – ein weites Feld der Forschung…

Und dann werde ich mich mit meiner süßen Köstlichkeit auf die gut 60 cm tiefe Fensterbank setzen und den Laptop draußen auf das 40 cm breite Fensterbrett stellen. Da gibt es dann Internet.

Also wundert Euch nicht, falls ihr ein paar Krümel zwischen den Sätzen findet.