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war er ja schon, der Kinni.

Heute ist Exkursion, die vierte in sechs Wochen. Nein, die dreieinhalbte. In Kyoto bekam man den Nachmittag frei mit der Direktive: Es gibt genug zu sehen. Schaut Euch die Stadt selber an.

Also gibt es wieder eine gemeinsame Busfahrt, diesmal bis Gstadt, dann per Boot an der Fraueninsel vorbei zur Herreninsel. Irgendjemand fühlt sich bemüßigt, die TransGenderdebatte anzuschneiden, was denn mit den Menschen wären… Manche Leute haben wirklich Probleme!

Durch den Park geht es dann zum Schloss Herrenchiemsee, wo zwei englische und eine deutsche Führung gebucht sind. Wir erreichen die Gärten dieses Chiemsee-Versailles mit ihren Wasserspielen. Besonders beeindruckend das Regiment der Bayerischen Kampfschildkröten!

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Aber dann gehen die Wasserspiele aus und wir finden die Box nicht, wo man eventuell – wie früher bei den französischen Campingplatzduschen – die Münze einwerfen muss, damit das Wasser wieder fließt. Das wäre uns schon einen Euro wert gewesen. Vorbei an sich räkelnden, aufbäumenden, fallenden, immer sehr üppigen Allegorien geht es auf die Fassade des Schlosses zu. In diesem Fall auf den Mittelteil mit 100 Meter Länge. Es waren noch zwei gleichlange Flügelbauten geplant, aber da ging dem Kinni dann das Taschengeld aus. Dieses ganze Schloss ist sozusagen Ludwigs Äquivalent des Bravo-Starschnitts. Ludwig II. von Bayern verehrte über alle Maßen Ludwig XIV. von Frankreich, nomen est omen. Und statt sich ein Poster an die Wand zu pinnen, baute er eben dessen Schloss Versailles nach. Wobei er dann doch nicht ganz an sein Idol herankam, von den über 50 geplanten Räumen sind nur eine Handvoll fertig gestellt worden. Aber wie! Eine Orgie in Gold, Kristall und verschwurbelten Putten. An der Decke dicke Damen in fließenden Gewänder, der ein oder andere Kriegsgott ist auch dabei, an den Wänden echter und gefälschter Marmor (sehr gut gemalt, wirklich!) und dazwischen Kopien französischer Gemälde aus Versailles. Schwere Samtvorhänge an den Fenstern, noch schwerere Brokatvorhänge am Bett, an denen die Stickerinnen angeblich sieben Jahre lang gearbeitet hatten. Das Bett war nun aber nicht das des Königs, nein das Schlafzimmer gehörte zu einer Flucht von ebenfalls in Versailles abgekupferten Räumen Ludwig XIV., die der zweite Ludwig nicht selbst bewohnte. Er hatte sie mit ungeheurem Prunk einrichten lassen, um darin herumzuspazieren und sich daran zu erfreuen, dass er so seinem Lieblingsstar nahe sein konnte. Die Privatgemächer kamen daran anschließend, deutlich bescheidener, aber immer noch bombastisch. Ich habe bei diesem ganzen Gedöns mit Samtvorhängen und weißen Reiherfeder-Betthäupter immer Angst vorm nächsten Asthma-Anfall. Eine Sache hat mich doch etwas versöhnlich gestimmt. Im Schlafzimmer, vor dem pompösen Bett des Königs, stand auf einem hohen Fuß eine  hohle blaue Glaskugel. Darin mussten nachts immer drei Kerzen brennen, die ein beruhigendes blaues Licht verströmten, ohne das der kleine Ludwig wohl nicht schlafen konnte. Alle Eltern kennen das.

Aus den Prunk- und den Privatgemächern kommt man schließlich in die „work in progress“ -Abteilung. Das unverputzte, aus Ziegelsteinen gemauerte Treppenhaus für des Kinnis privaten Gebrauch ist ein Raum von großer Schönheit und sehr harmonischen Proportionen. All das ging beim schon fertig gestellten Gegenstück, der Prunktreppe zu den Versailles-Zimmern, in der Überfülle von Marmordekorationen, echten und falschen, unter. Natürlich sollten diese Räumlichkeiten die Besucher beeindrucken, aber doch nicht, bitte schön, gleich erschlagen mit ihrer ungezügelten Protzsucht.

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Der Rückweg gestaltete sich etwas hektisch, da unser Boot um zehn nach fünf fahren sollten, wir aber die Führung durch despektierliche Fragen und Bemerkungen deutlich in die Länge gezogen hatten. Zum Schluss gab’s dann noch für alle ein Beispiel des berühmten bayrischen Charmes. Wir stehen locker verteilt auf dem Landesteg, ein blau Uniformierter ruft: „Aufschliaß’n, bitte, bitte schliaß’ns auf.“ Beim dritten mal war’s dann schon „Gangens weiter, kruizifix!“ Ich nehme Monsieurs ausländische Kollegen in Schutz und erkläre: „Die Herrschaften sprechen kein Deutsch.“ Worauf er zurück blafft: „Sollt’ns aber!“

Recht hat er! Soll’ns halt Deitsch learne, die Saupreiße, die ausländische!