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Keine Mogelpackung

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Ich hätte so gerne die Überschrift „Nachts allein im Museum“ genommen, aber das wäre gemogelt gewesen, gleich zwei Mal. Erstens ist man mit 300 Physiker/innen nicht allein und zweitens ist acht Uhr nicht „nachts“.

fa3Schön war es trotzdem, nachdem erst einmal das Gewusel erledigt war. Eine kleine Lektion darin, wie man sich das Leben unnötig verkompliziert. In jedem Museum gibt es Schließfächer, hier auch. In jedem Museum wirfst du etwas in der Landeswährung ein, hier nicht. Hier stehst du erst an einem Garderobenstand an, gibst deinen Pass o.ä. ab und erhältst den Schlüssel. Mit dem du dann das dazugehörige Schließfach suchst, also nicht das Erste rechts oben oder die n-te Wurzel von irgendwas. Dann ist das ein bisschen wie im Flugzeug: eine Menge Menschen stehen in einem engen Gang und versuchen ihr Gepäck unterzubringen.

Aber dann geht es los, zuerst mit ein paar Geschichten zur Geschichte: wie schwierig es war, die Statuen per Schiff nach Genua zu bringen; dass in Genua spezielle Fuhrwerke entwickelt wurden, 16-spännig, um die tonnenschweren Kunstwerke über die Straßen von 1830 nach Turin zu bringen. Dass im Wettrennen der Archäologen und Sammler um die schönsten Werke niemand davor zurückschreckte, in den Fuß einer Statue, neben die Hieroglyphen in lateinischen Buchstaben zu meißeln: Eigentum vofa2n XY, Mitglied der Expedition Z. Das mindert natürlich in keinster Weise die Ausstrahlung. Das Geheimnisvolle der Statuen wird durch ihre Ausstellung in einem verdunkelten Raum erhöht. Und da schauen sie auf uns herab, die Götter oder jener Pharao, der als einziger Sandalen trägt. Was ihn als großen Kriegerfürsten identifizieren würde, erklärt die Führerin. Also sozusagen Kampfsandalen. Ein paar Stockwerke und Rolltreppen weiter geht es um das Leben der einfachen Menschen, rekonstruiert anhand der Grabfunde. Dass die Statuen keine Augen haben, erklärt sich weniger in der Tatsache, dass diese meist aus wertvollen Steinen waren. Vielmehr war es der Aberglaube der Grabräuber, der sie als erstes die Grabwächter „blenden“ ließ, damit diese nicht ihr schändliches Treiben sehen konnten. Zum Glück der Archäologen waren sie aber meist an wertvollen Metallen interessiert und ließen Statuetten und Keramik zurück.

Eine Stunde lang geht es treppauf, treppab durch mehrere Königreiche und Jahrtausende, sehr schön, aber auch anstrengend.

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Am Schluss lädt uns ein Kollege ein, ins Magazzino 52, das sind kaum 20 Minuten zu Fuß.

Und wie ich Monsieur kenne, ist das mit dem Rückweg mit dem Taxi wieder so ein „Oooch, komm, das sind doch nur …“

Zu Risiken und Nebenwirkungen

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Dieser Beitrag macht wahrscheinlich schon beim Lesen dick. Aber ich habe Euch gewarnt und will nachher kein Gejammer hören.

„Nicht nach Hause fahren, ohne im Café Al Bicerin gewesen zu sein,“ hatte man mir empfohlen. Also mache ich mich heute Morgen auf, den versprochenen Genuss zu verdienen. Zum Beispiel mit einer Stippvisite im MAO Turin, das wirklich sehr vergnüglich mit meinen Erwartungshaltungen spielt. Die Gassen, durch die ich laufe, werden immer enger, Autos und ich diskutieren die Nutzung des Raumes. Hier soll ein großes Museum sein? Ohne Besucherparkplatz, ohne Bushaltestelle? Ja, ist so. Nur zwei große Banner an der Hausfront heben es von den benachbarten Palazzi ab.

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Ich trete ein in die prunkvolle Eingangshalle des Palazzos und stehe vor zwei japanischen Gärten. Nicht ganz so schön wie die Originale in Kyoto, aber hier und jetzt unerwartet und meditativ- friedlich. Die Ausstellung beginnt im ersten Stock, wo mich zuerst weniger die Objekte als der fantastische Parkettboden der alten Räume fasziniert. Natürlich gibt es auch chinesische Knubbelpferde. Ich liebe Knubbelpferde, was in Beijing gelegentlich zu Reibereien mit den weniger Knubbelpferde-enthusiastischen Mitgliedern der Familie geführt hat. Japan wird zwei Stockwerke gewidmet, aber wirklich Neues kommt in der Himalaya-Etage mit Kunstwerken sowohl aus Nepal als auch aus dem 16. Jahrhundert. Goldene Windfahnen, angeblich einzige Überreste einer während der Kulturrevolution völlig zerstörten Klosteranlage tragen die Beschriftung: „Eigentum der Provinz Piemont“. Wenn man eine Historikerin in der Familie hat, wird man mit der Provenienzforschung bekannt gemacht und bekommt bei solchen Aussagen seltsame Gefühle.

Zurück in den Gässchen wird mir klar, dass dieses schöne Museum doch recht klein war und ich daher noch reichlich Zeit habe, den Markt an der Porta Palazzo zu durchstreifen. So ein Bicerin, wie gesagt, will verdient sein. Buntes Markttreiben verführt mich zum Schlendern und irgendwie verliere ich völlig die Orientierung, lande bei Julius Caesar, wo ich doch eigentlich zur Königin Margherita wollte. Endlich auf der richtigen Straße fühle ich mich wieder ein bisschen fremd, denn ein chinesischer Laden nach dem anderen säumt diese Straße, der schönste eine kleine Metzgerei mit Bonsais zwischen den Koteletts und Rinderbraten.

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Die Piazza Consolata liegt im Sonnenschein, vor dem Café Al Bicerin stehen Tische, aber drinnen sieht es doch viel gemütlicher aus. Ich lasse mich auf roten Samtbänken nieder, betrachte die Schokoladen im Regal gegenüber und bestelle das, worauf ich mich den ganzen Morgen gefreut habe: Bicerin. Es kommt ein Glas nachtschwarzer Flüssigkeit, oben drauf ein guter Finger breit halbflüssige Sahne. Die Dame stellt es hin mit einem langen und schnellen Satz Italienisch, auf meinen hilflosen Blick kommt ein kurzes: „Don’t mix!“ Kaffee mit Gebrauchsanweisung, das hatte ich auch noch nicht. Aber Bicerin ist natürlich sehr viel mehr als das. Als durch die Savoyer Heirat mit Spanien Kaffee und Schokolade nach Turin kamen, sagten sich die Turiner: Wieso Kaffee oder Kakao trinken, wenn man beides haben kann. Ein Bicerin ist das sündige Ergebnis dieser Überlegung. Eine dicke heiße Schokolade, in die ein Espresso gegeben wird, getoppt mit der Sahne, das ganze natürlich hier, im Café der Erfinder dieser Köstlichkeit nach Geheimrezept und mit Vanille in der Sahne. Und das „Don’t mix!“ ist wirklich wichtig. Ich setze das Glas an, sehr vorsichtig, denn es ist heiß und ich will mir nicht die Zunge verbrennen. Was kommt, ist unerwartet sanft und wohltemperiert. Durch die Kühle der Sahne wird der Schoko-Kaffee-Genuss etwas abgekühlt. Das Absetzen und wieder Ansetzen beim Trinken mischt Kaffee und Schokolade immer wieder in einem anderen Verhältnis, so dass jeder Schluck ein anderes Erlebnis bringt. Und ganz zum Schluss, wenn es einem schon fast Leid tut, dass das Glas schon zu Neige geht, kann man den widerspenstig dickflüssigen Rest Schokomasse mit dem Löffel angehen.

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Dazu gehört dann traditionellerweise eine Schokonusstorte, übergossen mit heißer Schokolade, gekrönt von einem Klecks Schlagsahne. Aber das ist in meinen Augen wirklich zu viel des Guten und würde sicherlich den Kalorienrahmen dieses Blogs sprengen.

Ich schlecke den letzten Rest vom Löffel, richtig glücklich und nur ein ganz kleines bisschen traurig, dass es draußen strahlenden Sonnenschein und fast 18° hat. Richtig scheußliches Nieselwetter wäre die perfekte Entschuldigung für einen weiteren Bicerin gewesen.

Aber so bleibe ich vernünftig und überlege auf dem Heimweg, dass mir Monsieur heute Morgen ein „Da musst du hin!“ mit auf den Weg gegeben hat. Während der Kaffeepause hatte er sich statt dolce und espresso eine Barockkirche in der Nachbarschaft gegönnt. Die sei so was von Barock, das sei schon wieder gut. Ich finde einen Kompromiss, bin um halb eins vor Kirche, hoffend, wünschend, erwartend, dass … Bingo! Geschlossen bis um 16 Uhr.

Da kann ich guten Gewissens behaupten, dass ich es versucht habe…

Armer Stier

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Glücksbringer: Nur mal schnell am kleinen Finger reiben…

Mal schauen, ob ich noch zusammenbekomme, was Angelo über die Entstehungslegende Turins erzählt hat. Also: die ersten Turiner kommen hier hin und treffen den Ureinwohner, einen eher schlecht gelaunten Drachen. Selber gegen das Monster kämpfen wollen sie nicht, also wählen sie das größte und stärkste Tier in ihrem Besitz, einen Bullen, einen „torino“. Der aber hat so viel Selbsterhaltungsinstinkt, dass er sich nicht mit dem Drachen anlegen will. Also füllen ihn die Turiner mit Alkohol ab, mit genau der richtigen Menge, so dass er streitsüchtig und aggressiv wird, aber immerhin noch geradeaus laufen kann. Der arme Stier – ihr merkt schon, wie das ausgeht – kämpft gegen den Drachen, erfolgreich, erliegt aber dann seinen Wunden. Als Dank wird er zum Maskottchen und Namensgeber der bald darauf gegründeten, garantiert drachenfreien Siedlung.

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Da stecken eine Menge Lehren in dieser Geschichte, auf ganz verschiedenen Ebenen, wenn man sich mal die Zeit nimmt darüber nachzudenken.

Die Zeit gibt Angelo mir nicht, nachdem er mir am dunkelgrünen Stiertrinkbrunnen, dem Turet, diese Geschichte erzählt hat. Er führt mich weiter zur via Roma, immer noch ein bisschen enttäuscht, dass ich die Einzige bin, die zur „Free Walking Tour“ aufgetaucht ist. Pünktlich, obwohl das nicht einfach war. Als ich im Jogging-Tempo die via XX Septembre entlang haste, kommt mehrmals dieser Moment, dass ich nach einer Kreuzung stehen bleibe und zurück gehe. Tatsächlich, am Ende der Querstraße leuchten in der Ferne die weißen Alpen. Trotzdem schaffe ich es, ein paar Minuten vor halb elf an der Porta Nuova zu sein. Angelo ist davon nicht wirklich beeindruckt. Auch das junge Paar, das gerade um die Ecke gejoggt kommt, erleichtert, ihn doch noch, verspätet, gefunden zu haben, hilft nicht wesentlich. Er schleust uns durch die Via Roma mit ihren Luxusgeschäften, erklärt, dass da, wo jetzt Khedira und andere Juventus-Stars hausen, einst das Gestapo-Quartier war und dann zeigt er uns den Po. Rechts. Links ist die Dora, der zweite Hauptfluss Turins.

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Auf der Piazza San Carlo taut er endlich auf. Hier geht es nämlich nicht mehr um Geschichte, hier geht es um Genuss. Turin ist die Stadt des Fürstengeschlechts der Savoyer. In Genf sind das in allen Geschichten die bösen Buben, hier nicht. Als deren Fürsten- und später erste Hauptstadt des vereinten Italiens hat Turin eine Menge an Denkmälern von irgendwelchen Alphamännchen, meist hoch zu Ross, zu bieten. Auch hier sitzt einer auf einem wildmähnigen Ross, Degen in der Hand. Welche Heldentaten er vollbracht hat, interessiert Angelo überhaupt nicht, viel wichtiger ist, wen er geheiratet hat. Eine Tochter des spanischen Königs nämlich und mit dieser kommen Kaffee und Kakao in die Stadt.

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So kommt es, dass wir vor einem der schönsten Cafés der Stadt stehen, nur um drei Schritte weiter ein noch schöneres gezeigt zu bekommen. Vor dem ersten ist im Boden eingelassen ein Messingstier. Es sei einer von drei „lucky points“ in Turin, die anderen zwei zeigt Angelo uns später. Um aber am Glück teilhaben zu können, muss man dem Stier mit dem Fuß übers Gemächt fahren, genau in die „palle“. Die Delle im Metall zeigt, dass dieser Sitte schon lange und oft nachgekommen wurde. Armer Stier, erst der Drache und jetzt Touristen…

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Durch Seitengässchen folgen wir den Straßenzügen der römischen Stadt bis zur Porta Palatina. Hatten wir gestern schon, kennen wir, aber im strahlenden Sonnenschein ist es halt doch deutlich netter. Genauso unglaublich wie gestern wirkt allerdings ein paar Schritte weiter der riesige barocke Kuppelbau, den Guarini an das schlichte Kirchenschiff des Domes drangeklotzt hat. Meine Frage „Warum?“ macht Angelo erst sprachlos, „Weil der Savoyer König es so wollte?“, dann zuckt er die Schultern: „Ist halt so ein Männer-Ego-Ding.“ So ein Männer-Ego-Ding hatten wir vorher schon beobachten dürfen, in einer der kleinen engen Gassen. Ein großer weißer Sportwagen röhrt mit hoher Geschwindigkeit etwa 30 Meter weit, bremst scharf ab, fährt über die Bremsschwelle, röhrt wieder mit hoher Geschwindigkeit weitere 30 Meter, bremst wieder scharf ab, fährt über die Bremsschwelle, röhrt wieder…  Alle Männer auf der Straße schauen ihm bewundernd nach, alle Frauen schütteln grinsend den Kopf…

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Piazzo Castello ist dann mehr so ein Frauen-Ego-Ding. Königs hatten da ein wunderschönes mittelalterliches Castello stehen, noch gut im Schuss. Gut, die Ecken waren ein bisschen abgestoßen, aber wen stört das schon? Ganz offensichtlich Frau Königin, denn sie wollte renovieren. Irgendwann nach der Fassade ist ihr dann Geld und/oder Lust ausgegangen. Und so steht da das Castello mit dieser irgendwie sehr unpassend wirkenden Renaissance-Fassade davor. Renaissance-Eternit hat Monsieur das gestern genannt.

P1030096Angelo will uns zum Schluss noch zum Mole bringen, vorbei am Teatro Regio. Das ist gut zu wissen, da ist heute Abend der Konferenzempfang. Ein paar Straßen weiter liegt die Cavallerizza, da sage ich dann Ciao und schleiche mich in die Konferenz. Finde Monsieur, sehr konzentriert, ein paar Reihen tiefer, sehe die Präsentation mit ihren Zeichnungen und Formeln und verstehe einen Satz: „We have to compare our showers“. Ich bin mir sicher, dass es nicht um Baddesign ging.

Wenig später ist der Vortrag zu Ende und wir gehen zusammen essen und gönnen uns eine kleine Siesta. Monsieur muss dann zurück Cavallerizza, ich will noch mal in die Via Roma, nachschauen, was es da sonst noch so gibt – außer dem Lego Flag store.

 

Hapaxanth

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Wir sind noch nicht mal auf der Autobahn nach Chamonix, kaum um Genf herum, da fragt Monsieur, mit diesem speziellen Tonfall – Hoffen wider alle Erfahrungen – „Die Brötchen, die gibt es jetzt noch nicht, oder?“ Schwierig, schwierig. Wir fahren diese Strecke zwar recht häufig, haben aber nicht so ein „Kein Proviant vor der Speyerer Rheinbrücke“-Ritual entwickelt wie bei den Koblenzfahrten. Das heißt, wir müssen das jetzt ausdiskutieren und einigen uns auf den Mont-Blanc-Tunnel als hinter uns zu lassende Landmarke. Die Brötchen haben wir gekauft, war heute Morgen ein bisschen zu „zu“, um in Ruhe Stullen zu schmieren.

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„Der Aufbruch der Israeliten ins gelobte Land war sicher auch nicht viel chaotischer“, bemerkte Monsieur vor vielen Jahren bei unserem ersten Versuch vier kleine Kinder und Camping zu vereinbaren. Das war natürlich maßlos übertrieben und bestimmt nicht der Grund, warum das der einzige Versuch blieb.

Heute Morgen ist es auch etwas „unübersichtlich“, was aber nicht an mir und meinen Vorbereitungen liegt, sondern an Monsieurs Kleiner. Vor 25 Jahren brachte Monsieur von einer Konferenz in Santiago de Compostela „Kindel“ mit, kleine Mini-Pflanzen, die von der Mutterpflanze abfallen. Eine Möglichkeit der Fortpflanzung, wenn einem das mit den Bienchen und Blümchen zu kompliziert erscheint.

Er übergab jedem seiner Kinder (!) ein solches Pflanzenbaby und die reagierten alters- bzw. geschlechtsgemäß. Die Knaben waren uninteressiert und verloren sie, die Jüngste stellte sie liebevoll in ihren Setzkasten und die Große pflanzte sie ein, genauso wie Monsieur. Dann gab es ein paar Jahre Umtopfen und Hegen der „Kleinen“, die letzten Jahre oft mit unterdrücktem Gefluche verbunden, denn die inzwischen sehr groß und stattlich gewordenen Pflanzen mussten im Herbst und Frühling in das bzw. aus dem Winterquartier transportiert werden.

Vor fünf Jahren ist eine der beiden Kleinen von uns gegangen, nicht ohne einen spektakulären Abgang hinzulegen. Dass, was wir für ihren Schwanengesang hielten (sorry für die vermischten Metapher), schlappe, gelbgrüne Blätter, war nur die Ouvertüre. Aus dieser gelbgrünen Mitte schob sich in kürzester Zeit ein sechs Meter hoher Schaft, entfaltete sich, erblühte und bildete Kindel. Gut, dass mit den Bienchen, das machte sie auch, sozusagen die fall back option, aber das andere war deutlich beeindruckender.

Und dann ging sie von uns und wir lernten das Wort „hapaxanth“ kennen.

Seitdem warten wir darauf, dass ihre Schwester in die Gänge kommt. Das tat sie nun auch und stellt uns vor große logistische Probleme. In der letzten Woche hat sie gut anderthalb Meter zugelegt und wir sind nun für eine Woche weg. Das Winterquartier ist aber nur 2, 20 m hoch. Ihr seht das Problem?

Also haben wir vor die Abfahrt heute Morgen noch einen Blumentransport gelegt, wohl abwägend, ob 2,20 Raumhöhe oder knappe Nachttemperaturen schädlicher für die Entwicklung der Kleinen sein werden.

In einer Woche werden wir es wissen.

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Hinter dem Mont Blanc Tunnel gibt es eine Pause, die Brötchen und das Standard-Alpen-Foto, heute in Nebel und Wolken. Mit Alpenpanorama ist da nicht viel zu machen, dafür scheinen manche Wasserfälle direkt aus diesen Wolken zu fallen. Hat schon viel Schönes.

Die Zufahrt zum Hotel ist so complicato wie erwartet, aber irgendwann haben wir das erledigt und verknüpfen das Auto-zum-Parkhaus-Bringen mit ersten Turin-Erfahrungen. Porta Palatina und Herren in kurzen Röckchen und Sandalen lassen mich schon ein bisschen frieren beim Hinschauen. Es ist lausig kalt, es nieselt, aber das ist alles unwichtig, denn wir sind in Italien und Italien bedeutet „gelato“. An zwei Eiscafés in der Via Po ist Monsieur schon ganz tapfer vorbeigelaufen, nun ist es soweit. Doch Pistazie ist aus, Mokka auch und der Kellner verteidigt sich: „Signore, es ist so kalt, da haben wir noch nicht alle Eissorten.“ Worauf Monsieur sehnsüchtig murmelt: „Vielleicht wird es morgen ja wärmer…“

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Wir schlendern durch die Arkaden, biegen ab zum Mole Antonelliana, dem zwar beeindruckenden, aber nicht wirklich schönen Wahrzeichen Turins. Die Schlange vorm Einlass führt dann zu einer kurzfristigen Planänderung. Es gibt statt Aufzug und Aperitivo mit Rundblick über die Stadt einen Spaziergang zum Po.

Und einen Aperol Spritz auf Augenhöhe mit den Turiner Arkaden.

Molto complicato

 

 

Das ist nicht nur die Wegbeschreibung zum Hotel, das sind auch ungefähr die Ausmaße meiner Italienischkenntnisse.

Die brauchen wir ab Sonntag, für Turin.

Monsieurs Kollegen haben sich für das Begleitprogramm dieser Konferenz richtig schwer ins Zeug gelegt. Eine Nacht im Ägyptischen Museum, Konferenzdinner im Automobilmuseum und Ausflug zu einem sagenumwobenen Kloster.

Klingt alles für mich sehr spannend, zumal ich ja nicht durch die Konferenz abgelenkt sein werde. Einziges Problem: das Konferenzhotel gibt sehr widersprüchliche Aussagen von sich: man dürfe nicht zum Hotel fahren – Sperrzone. Hotelgäste dürfen aber doch, allerdings nur am Tage der An- und Abreise und zwischendurch auf keinen Fall das Auto bewegen. Und das meine Turin sehr ernst. Die Straße sei gesperrt, Kameraüberwachung garantiert. Man dürfe aber die Sperrung missachten, die Polizei lese die Kameras eh erst viel später aus. Parken dürfe man natürlich auch nicht in der Straße, in die man ja erst gar nicht einfahren darf, höchsten – sehr, sehr kostenpflichtig – im Parkhaus der Nachbarstraße, die aber genauso im gelben Sperrbezirk liegt und damit eigentlich…

Wie gesagt, das klingt alles – ich hätte jetzt gerne „sehr italienisch“ geschrieben, aber das ist sicher nicht politisch korrekt – molto complicato. Ich werde jedenfalls mal mein „scuisi“ aufpolieren und üben, wie man verloren und hilfesuchend schaut. Vielleicht komme ich damit durch. Zumindest bis zum Hotel. Da werde ich dann Monsieur die Autoschlüssel und das Parken überlassen.

Das ist das Feine daran, eine emanzipierte Frau zu sein: ich kann das natürlich alles selber erledigen – aber ich muss es nicht…

 

 

 

Das unbesichtigte Museum

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Natürlich gibt es bei solchen Konferenzen auch immer einen Bildungsauftrag jenseits der Physik. Diesmal ist das Musik, typisch italienisch: Mandolinen.

Der Dirigent bemüht sich einen Zusammenhang zwischen Physik und Musik herzustellen. Das ist sehr erheiternd, weil sein Englisch mehr so eine Schwarmleistung ist. Er betont, Musik sei ein gesamt-italienisches Erbe – „Come se dice?“ und das gesamte Orchester sagt flüsternd vor: „Heritage“. Dass die Musiker „il custodi – come se dice?“ – das Orchester schweigt und das Publikum sagt flüsternd vor: „guardians“  – des italienischen Wesens seien. So wird im musikalisch-physikalischen Zusammenspiel seine Einführungsrede aktiv mitgestaltet und dann gibt es anderthalb Stunden Werke der klassischen Musik auf Mandolinisch. Für mich etwas zu  süß und bei Verdi und Bizet fehlen  mir definitiv die Streicher und die Bläser. Dafür ist der „Sonnenaufgang an der Bucht von Neapel“ genau so, wie man sich das von italienischer Mandolinenmusik erwartet.

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Der soziale Aspekt wird mit dem Empfang am Anfang und dem conference dinner abgedeckt. Das findet diesmal statt in den riesigen Kellergewölben des Castello, auf Augenhöhe mit dem Wassergraben, was sozusagen die eigene Klimaanlage darstellt. Zuerst gibt es noch ein bisschen „Renaissance“ im Hof: Fahnenschwinger, Trommler und tanzende Burgfräuleins. Dazu Prosecco, einen halben ausgehöhlten Parmesan und kleine Häppchen, etwas Kürbis-lastig. Kürbis ist dann auch im ersten von vier Gängen, die von einer Truppe schwarz gekleideter junger Männer und Frauen serviert werden. Es ist ein graziöser Tanz, getanzt mit bis zu drei Tellern auf den Armen. Die unterirdischen Gewölbe sind riesig, die jungen Leute müssen wohl Kilometer zurück legen auf ihren Wegen von und zur Küche. Irgendwann kommen sie alle zusammen vorbei, mit leeren Händen, nur um zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Ich fange an zu klatschen und kurz darauf steht der ganze Saal und klatscht, was sie mit einer kleinen Verbeugung entgegen nehmen. Natürlich hätte auch die Küche Applaus verdient, vielleicht haben sie das ja weiter gegeben.

Den Rest des Nicht-Physik-Programm haben wir „accompanying persons“ selbst gestaltet, von Museum zu Museum und von Kirche zu Kirche. Allerdings war ich nicht bei allem dabei, Ravenna und so. Manches Museum brauche ich dann auch nicht zum x-ten Mal zu haben, die immer gleichen tönernen Öllämpchen, griechischen Vasen, römischen Grabstelen.

Wir diskutieren ein bisschen, was wir wohl machen und besichtigen könnten. Eine ältere Russin meint, sie würde gerne das archäologische Museum besichtigen, die hätten da so bemalte griechische Vasen. „Die mit den nackten Männern?“, kann ich mich nicht beherrschen. Sie nickt begeistert: „Not only naked – aroused!“  Da kommt von der Seite ihre Freundin: „Something you don’t see at home any more, dear?“

 

 

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Spritz con alici

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Wenn unsere Jüngste das Gefühl hat, ihre Eltern langweilen sich mit ihr, plant sie Ausflüge mit uns. Die sind immer sehr schön und angefüllt mit wunderbaren Bildern und Begegnungen. Aber auch ein wenig anstrengend. Denn, wenn wir Eltern nach acht erfüllten Stunden betteln: „Dürfen wir jetzt nach Hause fahren, bitte?“, kommt von ihr – ich übertreibe jetzt ein bisschen, aber nur ein ganz kleines bisschen – so etwas wie „Ach, lasst uns doch gerade noch einen Abstecher über Paris machen, das soll auch ganz hübsch sein.“

Wie gesagt, nur ein kleines bisschen übertrieben.

In Comacchio bin ich diejenige, die den Abstecher andenkt. Es ist eigentlich naheliegend, denn die traumatisierenden LKW-Kavalkaden wirken noch nach: lieber über die Autobahn fahren, statt sich noch einmal der SS 16 aussetzen. Die aber führt über Comacchio, das Venedig der kleinen Fischer. Comacchio liegt in der Frühabendsonne, die Backsteine haben einen schönen rotgoldenen Ton. Im kleinen Informationszentrum gibt es erst einmal eine Enttäuschung. Seit drei Tagen ist Nachsaison und die 18-Uhr-Bootstour durch die „Valli di Comacchio“ fällt damit flach. Dafür bekomme ich die Wegbeschreibung zu einem Vogelbeobachtungsturm in der Lagune. Die „Valli“ gehören zum Naturpark Po-Delta, auch wenn das eigentliche Delta weiter nördlich liegt.

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Aber vor der Natur kommt erst einmal ein bisschen Flanieren durch Comacchio. Kinder versuchen ihr Anglerglück an einer der Brücken, zwei alte Männer staken einen flachen Nachen durch den Kanal, alte Frauen unterhalten sich mit ihren Katzen. Wäre da nicht noch ein gutes Dutzend Touristen mit mir auf den Gassen unterwegs, wäre es schon fast zu kitschig-idyllisch. Am Glockenturm überfällt mich das Verlangen nach einer kleinen Pause. Rechts unter Arkaden ein sehr volles und lautes Lokal, links in der Seitenstraße drei Stühle auf einem Podest, davor ein Schild: Spritz con alici. Spritz mag ich, alici kenne ich nicht, klingt aber interessant. Ich frage den Wirt, was denn alici seien, er zeigt auf sich, hmm. Meine erste Theorie, dass da vielleicht eine besondere Art von Orangen im Spritz sei, stirbt einen sanften Tod. Da auf wiederholtes Fragen die gleiche Geste erfolgt, entsteht die neue Theorie, dass er – oder seine Frau – auf den Namen Alici hört und ein selbstgebrautes Getränk anbietet.

Inzwischen haben wir so lange „diskutiert“, dass ich natürlich Spritz con alici bestelle. Der Aperol Spritz kommt, dazu ein Tellerchen mit marinierten Sardellenfilets. „Alici“, sagt der Wirt und deutet auf die Fischlein. „Marinate“, fügt er hinzu und zeigt auf sich selbst. Aha!

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Gut sind sie, die alici marinate, wenn auch ein bisschen klitschig auf dem Zahnstocher, den ich als einziges Werkzeug vom Wirt bekommen habe. Dann passiert das Unausweichliche, eine kleine alici klitscht mir vom Zahnstocher und landet – plopp – in meinem Glas: Spritz con alici. Es ist ein bisschen schwierig, das Fischlein zwischen den Eiswürfeln herauszufischen und dann betrachte ich die Bescherung. Das Öl der Marinade hat sich zu kleinen Fettaugen versammelt, die nun auf der Oberfläche meines Spritz schwimmen. An den Rändern der Eiswürfel docken sie an und werden opak. Aber da ich mir das selber eingebrockt habe, muss ich es wohl auch selber wieder ausbrocken, genauer gesagt austrinken. Allerdings glaube ich nicht, dass sich diese Art von Spritz con alici durchsetzen wird.

 

Der Vogelbeobachtungsturm ziert sich ein bisschen. Erst zeigt er nicht die Abbiegung an, was ich erst bemerke, nachdem die kilometerlang geradeaus führende Landstraße so gar nicht mit der Wegbeschreibung übereinstimmt. Als ich, umkehrend, die Abzweigung finde, meint er „strada dissestata“, was für mich wie „abzuratende Straße“ klingt. Aber mein Auto wird mit so einem bisschen Nicht-Asphaltiertem fertig und bringt mich zum Turm. Da schlägt meine Müdigkeit zu und lässt mich überlegen, ob ich tatsächlich Stockwerk um Stockwerk hochsteigen möchte. Habe ich natürlich gemacht, gegen meine Sturheit kommt meine Müdigkeit nicht an.

Der Blick ist glorios! Als ich wieder absteigen will, sehe ich in den Augenwinkeln eine Bewegung, drehe mich um und da fliegen sind sie: Hunderte und Aberhunderte, in riesigen Schwärmen gegen die untergehende Sonne: Pinguine.

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Keine Chance!

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Ferraras Castello war ja recht hilfreich, was die Vermeidung von steifen Nackenmuskeln und Genickstarre anging. In Ravenna hast du da keine Chance.

Schon der Weg nach Ravenna ist hart für die Muskulatur. Die SS 16 ist wenig mehr als ein kleines Landsträßchen, in sehr schlechtem Zustand, dafür aber stark befahren. Ein LKW hinter dem anderen, Überholen insofern zwecklos, weil du nur eine Position weiter nach vorne rutschst in der langen Reihe der Brummis. Positiver Nebeneffekt: die Brummis fahren kaum schneller als 80 km/h, so dass der Polizist, der sich mit seinem Lasermessgerät hinter einer Eisenbahnbrücke versteckt hat, keinen Grund hat, ein Foto von mir zu schießen.

Die Landschaft ist eher mittelmäßig-dröge und lenkt nicht von der furchtbaren Straße ab. Einziger kleiner Höhepunkt, ich suche ja immer nach etwas Positivem, ist ein Örtchen mit dem niedlichen Namen Alfonsine. Das gefällt mir.

Just, in dem Moment, in dem ein paar Kilometer vorm Ziel die SS 16 vierspurig wird, sagt mein Navi: Jetzt bitte rechts abbiegen. Ravenna schickt mich dann Baustellen-bedingt auf zwei Ehrenrunden bei der Parkplatzsuche, aber irgendwann finde ich einen und kurz darauf auch das Informationszentrum. Natürlich hatte ich mich im Internet über Ravenna und seine Schätze informiert, aber so ein handfester Stadtplan ist doch etwas ganz anderes als ein paar hingeschriebene Notizen. Das Erste, was ich mache, ist den Standpunkt meines Autos im Stadtplan zu verzeichnen, sicher ist sicher.

Ravenna hat seine Hauptattraktionen durchnumeriert, von 1 bis 8. Ich weiß nicht nach welchen Gesichtspunkten, aber Nummer 4 und 5 liegen nur ein paar Straßenzügen von hier. Also setze ich mich frech über die Reihenfolge hinweg und fange mit dem Battisterio Neoniano an, gleich neben der Capella di S. Andrea. Der Stadtplan ist angeblich auf Deutsch, aber das beschränkt sich auf die Überschriften „UNESCO-Welterbestätten“ und „Andere Denkmäler“. Im Baptisterium sind gleich zwei deutsche Abiturklassen mit Wissenserwerb beschäftigt. Die eine Kunstlehrerin ist so fertig mit den Nerven, dass sie vor den Schülern die Kontrollörin fertig macht. Ohne „sie“ (die Lehrerin, nehme ich an) hätte „sie“ (in diesem Fall wohl die Kontrollörin) keinen Job, weshalb „sie“ (Nummer 2) sich nicht aufregen sollte, wenn „sie“ (Handbewegung zu den Schülern) ein Ticket verschlumpft hätten. Alles klar?

Trotzdem muss „sie“ (Nummer 1) dann draußen warten, was „sie“ (dito) auch tut, mit allen Schülern, an der engsten Stelle im Durchgang zwischen Dom und Baptisterium. Das mit dem Wortteil „Reife“ in Reifeprüfung bezieht sich sicher nur auf „sie“ (Nummer 3) und nicht auf „sie“ (Nummer 1).

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Die blaugoldene Vollendung der Mosaiken bringt aber dann alle zum Schweigen und die erste Genickstarre. Fotos sind schwierig, wenn nicht unmöglich und an manchen Orten schlichtweg verboten. Wie zum Beispiel in der Kapelle im benachbarten erzbischöflichen Sitz. Ein Vogelschwarm im blauen Mosaikhimmel sorgt für unerwartete Leichtigkeit. Die Jesus-Darstellung sei eine anti-arianische Provokation, behauptet die Erklärtafel. Da mein Wissen über die Arianer nicht sehr gefestigt ist, kann ich diese nicht so recht erkennen und erfreue mich an der unerwartet ritterlichen Darstellung: im kurzen Rock eines Ritters unter dem Harnisch tötet Jesus mit dem Speer die Schlange unter seinem Fuß, während die andere Hand einen Löwen bändigt.

Dann lädt Ravenna mich zu einem Spaziergang ein, denn die Punkte 1 und 2 liegen am anderen Ende der Innenstadt. Es führt mich über die Piazza del Popolo, die jetzt, um die Mittagszeit, ihrem Namen alle Ehre macht, mit gut besuchten Bars und Restaurants. Über die in italienischen Städten fast unausweichliche Via Cavour  und die Via S. Vitale geht es genau dorthin, dem großartigen San Vitale-Komplex, der Kirche und Galla Mausoleum einschließt. Das Mausoleum ist winzig klein, Alabasterfenster lassen nur wenig Licht herein. So bin ich erst einmal fast blind nach dem Eintreten. Dann beginnen die Farben zu wirken.

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Das Raumerlebnis ist natürlich ein völlig anderes im riesigen Oktagon der San Vitale Kirche, Nummer 1 der Liste, und das zu Recht. Mächtige Männer, die ihre Macht darstellen, schauen mir in die Augen. Umgeben von den Geschichten, die zu erzählen ihnen wichtig war. Das Ganze in einer Farbenpracht, die nach 1500 Jahren nichts an Strahlkraft verloren hat.

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Dass die Decke der Kuppel, die Seitenkapellen barock ausgemalt wurden, wird auf keiner Erklärtafel vermerkt, fast so, als schäme man sich dafür.

Nach so viel Exquisitem brauche ich eine kleine Pause, um das Gesehene einsinken zu lassen.  Die Qualität der Pasta und der ausgesprochen unfreundliche Kellner haben allerdings wenig Exquisites.

Das kleine Arianer-Baptisterium ist dann so etwas wie ein Anlaufnehmen für die letzten Mosaiken in S. Apollinare Nuovo. Ein kleiner Rundbau mit dem schon zuvor gesehenen Motiv der Taufe im Jordan. Dass der Jordan, als Vaterfigur auf der andern Seite von Jesus sitzend, so transparent-klare Wasser hat, ist mir auch noch selten in solchen Darstellungen untergekommen. Das Gold der Steine nicht ganz so glänzend, die Farben etwas dunkler, wirkt das Mosaik erholsam für die Augen.

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Das ist dann in der letzten Kirche ganz anders. Geplant als Palastkirche des Theoderichs sollte sie dann wohl auch eine Machtdemonstration sein. Groß und hell und mit einer Menge Gold wirkt sie leider auch sehr repetitiv: eine lange Reihe von Heiligen auf der einen Seite des Hauptschiffes, eine genauso lange Reihe weiblicher Heiliger auf der anderen Seite. Und alle sehen sie fast gleich aus: gleiches Gewand, gleiche Frisur, fast gleiche Krone. Zum Glück tragen sie ihren Namen über den Häuptern, sonst würde das sicher schwierig mit dem Identifizieren. Neben all dieser heiligen Pracht wollte Theoderich wohl auch noch ein bisschen angeben mit dem, was er hat. So sind auf der rechten Wand sein Palast, mit im Winde wehenden Gardinen, zu sehen, auf der anderen sein Hafen. Zu dem Hafen gibt es nicht viel zu sagen: Ich sehe nur eine hohe Mauer, dem Anschein nach aus purem Gold, dahinter schauen ein, zwei Dächer hervor. Meine Kunstlehrerin hätte mir unter so ein Hafenbild: Aufgabe verfehlt! geschrieben.

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Mit dem letzten UNESCO-Denkmal tue ich mich etwas schwer. Theoderich, der Dietrich von Bern der mittelalterlichen Sagen, war ein Held meiner Kindertage. Aber sein Mausoleum sieht schon von außen wie ein großer Klotz aus. Abgedeckt von einer einzigen, über 200 Tonnen schweren, elf Meter im Durchmesser messenden massiven Steinplatte. Auch in der UNESCO Begründung schwingt so etwas wie „Size matters“ mit bei der Bewunderung der architektonischen und Ingenieursleistungen.

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Mich persönlich spricht es überhaupt nicht an, was sowohl Theoderich als auch der UNESCO herzlich egal sein wird.

 

 

 

 

The dark side

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Geografisch herausgefordert und Links-Rechts-Legasthenikerin zu sein macht Kartenlesen nicht unbedingt einfacher. Richtig unfair wird es, wenn die Karte falsch ist. Ich stehe an der Ecke Via Giuocco del Pallone und Vicolo del Granchio. Das ist genau, wo ich hin wollte. Was hier sein sollte – aber nicht ist -, ist der Punkt 13 auf meinem vom Hotel gesponsorten Stadtplan: Museo di Casa Romei, Renaissance-Haus und Museum zur Wohnkultur dieser Zeit. Das Haus hier an der Straßenecke ist zwar auch recht schön, aber unbewohnt. Die Baustaub bedeckten Bruchstücke einer Einbauküche, die drei Männer gerade unter Stöhnen und Grunzen in einen Kleinlaster wuchten, würde ich auch eher auf späte 1970er als auf frühe Neuzeit datieren. Meine Begleiterin zieht den Stadtplan ihres Hotels zur Hilfe und siehe da, die Nr. 13 ist da ganz wo anders. Und nun?

Bis dahin hatten wir uns eigentlich ganz gut auf meinen Plan verlassen können und auf die „itinerari centro medievale“. An der Kathedrale vorbei, so eingerüstet, dass man fast nicht erkennt, was es ist, suchen wir entlang der Corso Porta Reno den Eingang zur Via delle Volte. Einmal gefunden, ist es ganz einfach der Bogen überspannten Via zu folgen, von Fotomotiv zu Fotomotiv. Mittelalterliche Händler bauten hier ihre Häuser rechts und links des engen Gässchen unter freundschaftlicher Missachtung der Senkrechten oder des rechten Winkels. Die Bögen verbinden dann die Häuser, wobei es heute eher so aussieht, als schützen die Häuser sich gegenseitig davor, dass die Schwerkraft sich irgendwann doch einmal zu laut räuspert.

f-fe1Es ist sehr entspannt, im Schatten über die alten Flusskieselpflaster zu laufen und so wird nichts aus dem Plan, nur mal kurz in das Gässchen zu schauen und dann umzukehren, um der Stadtmauer zu folgen. Die Stadtmauer, das hatte ich bei einer ganz kurzen Exkursion eben schon gesehen, brütet schattenlos in der Mittaghitze. Das widerspricht dem Ersten, das ich in Ferrara gelernt habe: Vergiss: Always walk on the bright side! Die „dark side“, Schatten, das ist es! Egal, wo man ist oder hin will, als Erstes wechselt man auf die „dark side“, die Schattenseite der Straße.

Hinzu kommt, dass die Mauer – mal abgesehen von ihrer schieren brutalen Größe –  ohne irgendeinen besonderen Charme ist.

Wir fotografieren uns also von Bogen zu Bogen, bis die via delle scienze kreuzt und wir den Plan fassen, Kultur und klimatisierte Räume aufzusuchen.

Mit dem schon oben erwähnten Erfolg.

Aber nur ein paar Ecken weiter gibt es den Palazzo Paradiso. Nomen est – ein wenig – omen. Der Palazzo hat einen schönen schattigen Innenhof und dahinter einen wundervollen Garten. Alles liegt in tiefstem Schweigen, denn der Palazzo ist eine der ältesten Bibliotheken der Stadt. Überall sitzen Studenten und Studentinnen über Bücher und Laptops gebeugt. Wir bewegen uns genauso leise zum Ausgang, da winkt eine Bibliothekarin und flüstert uns zu, wir könnten nicht gehen, wir müssten unbedingt in den zweiten Stock steigen. Im Treppenhaus gibt es erst einmal eine kleine patriotische Überraschung: zwei wirkliche riesige Marmortafeln erinnern an Herrn Kopernikus, der hier seinen Doktor in Theologie gemacht hat und an Theophrastus Bombast von Hohenheim. Manche Eltern haben anscheinend überhaupt kein Gespür dafür, was sie mit der Wahl des Namens einem Kind aufbürden. Vielleicht einer, sicher nicht der Grund, weshalb der f-fe2Herr eher als Paracelsus bekannt ist.

Im zweiten Stock sitzen noch mehr Fleißige unter wunderbaren Fresken über Lehrbücher gebeugt. Ich sehe förmlich, wie das neue Wissen kleine Wölkchen über ihren Köpfen bildet.

Dann gibt es eine Wiederholung. Weil wir taktvoll nicht durch diese Studiersäle pirschen wollen, drehen wir uns zum Gehen. Da winkt diesmal ein Bibliothekar und flüstert uns zu, wir könnten nicht gehen, wir müssten unbedingt das Grabmal des Ariost besichtigen, das in einem bombastischen Seitenflügel die bibliophilen Schätze in hohen Schränken bewacht. Pflichtbewusst bewundern wir diese Schatzhöhle, die allerdings von ihrem eigenen Drachen bewacht wird. Während wir uns respektvoll schweigend von Bücherschrank zu Bücherschrank bewegen, schießt die Drachin plötzlich aus ihrem Versteck und faucht: „No flash! No flash!“ Dabei war nirgends auch nur eine Kamera in Sicht gewesen.

Aber danach dürfen wir dann endlich und wirklich gehen.

 

Der Tag endet im „La Compagnia“ mit einem Missverständnis. Ich hatte „strozzapreti“ für das Gleiche wie „strangolapreti“ gehalten und das Gericht Monsieur als primo empfohlen. Wir schauen etwas verwirrt auf die Teller, wo statt der erwarteten Spinatnocken gedrehte Nudeln in Walnusspesto auf uns warten. Der Wirt ist erst untröstlich, versichert uns aber, dass das genau das sei, was wir bestellt hätten. Kurz darauf sind unsere Teller leer,  mit Weißbrot putzen wir fein säuberlich den letzten Soßenrest weg, hmm. Der Wirt kommt zum Abräumen, muss grinsen. Er könne genau sehen, wie wenig uns das Missverständnis geschmeckt habe.

 

Chiuso, scusi

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Ist zu erwarten, an einem Montag, aber trotzdem ein bisschen dumm. Alle Museen sind geschlossen. Dabei habe  ich mich so auf die Klimaanlage gefreut. Sorry, das sollte natürlich Kultur heißen.

Deshalb ist das einzige, was ich heute besichtigen kann, das Castello.

g-fe6.jpgNun denn, tue ich ihm halt den Gefallen. Was man über die Geschichte erfährt, macht das Castello nicht unbedingt sympathischer. Eine Revolte gegen die Steuerlast, das kann man auch 700 Jahre später gut verstehen. Setzt sich der Herr d’Este hin und diskutiert mit seinen Untertanen, wie man sich gütlich einigen kann? Natürlich nicht. Statt Steuerentlastungen anzubieten, erhebt er noch mehr und baut mit dem Geld eben dieses Castello, um sich und seine Finanzen besser schützen zu können. Das macht ihn zwar nicht sympathisch, aber so erfolgreich, dass seine Nachfahren das ursprüngliche und irgendwann – wahrscheinlich wegen zuviel angehäufter Steuergelder – zu klein gewordene Castellino durch das jetzige Monstrum ersetzen lassen und dabei wiederum richtig Geld ausgeben für den Innenarchitekten. Die besten Künstler der Zeit werden angeheuert, weshalb ein Spaziergang durch die Burg viel  angenehmer als einer um sie herum ist . Es gibt wunderbar bemalte Decken, von der Museumsverwaltung „user friendly“ gestaltet. Um der Gefahr des steifen Nackens zu entgehen, wird jeder Raum durch einen riesigen schräg stehenden Spiegel geteilt. Dann gibt es noch eine Bank, so dass der geneigte, in diesem Falle eben ungeneigte Betrachter aufrecht sitzend die knuppeligen Pferde an der Decke bewundern kann. Jede Menge blasses üppiges Renaissance-Fleisch ist auch zu sehen, erstaunlicherweise mehr nackte Männer als Frauen.g-fe5

Natürlich gibt es auch ein Museumscafé und nach dieser Pause fühle ich mich stark genug, es mit der Sonderausstellung Ferrareser Kunstschätze aufzunehmen. Leider heißt das, dass ich erst einmal wieder zurück zum Eingang muss, um die Zusatz-Eintrittskarte zu erwerben. Auf dem Rückweg – im Laufschritt –  muss ich mich dann einer Reihe seltsamer Angebote „Signora, signora prigione!“ oder „Sala! Sala!“ erwehren, weil die Aufpasser nicht verstehen können, dass ich mit meinem neu erworbenen Ticket zielstrebig zum Eingang der „mostra“ will. Schließlich erbarmt sich – oder versteht mich – einer und öffnet mir eine Abkürzung.

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Uff, ein Fotovorhang versperrt den Eingang zur „mostra“, die Dame schiebt ihn zurück und entlässt mich in ein kleines Märchenreich. Nicht der Renaissancekunst. Blasse Madonnen mit rundlichen Kindern an der milchigweißen Brust, wie schön auch immer, können mir schon Bewunderung abringen, meine Begeisterung entfachen aber die Fensterlaibungen. Über und über bedeckt mit seltsamen Zeichnungen noch seltsamerer Wesen. Ich bin mir nicht ganz sicher, was es wohl bedeutet hat, hier Kind zu sein. Ewige Angst und Furcht vor diesen Chimären? Oder fröhliches Fabulieren immer phantasievollerer Geschichten zu diesen phantastischen Wesen?

Ich bin so fasziniert, dass ich vom fensterlosen 5. Saal wieder zurücklaufe – unter Protesten: „Signora! Signora, uscita a sinistra!“ -, um sie noch einmal zu sehen. Die Drachen, die halben Menschen, das ganze Geflügeltier, langhälsig, mit und ohne Brüste, mit und ohne Fischschwänze. Tendiere zu einer eher fabulösen Kindheit.

Meine Lieblingsgeschichten würden sich um die geflügelten Mädels mit den bloßen Brüsten drehen. Mit bloßen Brüsten und mit Fischschwänzen. Mit Fischschwänzen und mit schuppigen Klauen. Und mit Spitzenunterhöschen über den schuppigen Klauen. Spitzenunterhöschen!

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