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Seltsam, im Nebel zu wandern

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Unser Hotel bietet für Freitagabend ein Drei- und für Samstag ein Fünf-Gänge-Menü, wobei sie die ein bis zwei Amuse-gueules oder Küchengrüße erst gar nicht mitzählen. Eingeleitet wird der Tag mit einen kräftigen Eifeler Landfrühstück und wer dann noch möchte (oder kann), dem steht eine reichhaltige Kuchenauswahl zur Verfügung. Wir wollen nicht und setzen auf Bewegung als Ausgleich zum guten Essen. Der Lieserpfad-Abschnitt von Daun nach Manderscheid wird in Wanderführern in den höchsten Tönen gelobt, der soll es sein. Allerdings nur bis Brockscheid, weil wir uns dort eine Glockengießerei, eine von vier in Deutschland noch existierenden, anschauen wollen.

Wir sind eine größere Gruppe, so bringt ein Taxi einen Teil, die Hardcore-Wanderer, zum Gemündener Maar. Ich mache mich mit einer Freundin auf, Autos an strategisch günstigen Punkten zu deponieren. Aus Daun heraus ist genauso unübersichtlich wie herein, aber wir schaffen das, klettern Eifelhügel hoch und fahren in eine graue Wand. Ich fühle mich beinahe wie Atréju bei seinem Ritt gegen das Nichts. Wie mittelalterliche Seefahrer erwarte ich fast, im nächsten Augenblick über den Rand der Welt zu fallen. Gut, das Navi quäkt ungerührt sein: in 500 Metern rechts abbiegen, aber ein bisschen Phantasie wird doch erlaubt sein.

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Ein Auto wird in Brockscheid abgestellt, dann suchen wir die Üdersdorfer Mühle, die den Hardcore-Wanderern nach der ersten Stunde die Möglichkeit geben soll, sich mit den Händen um eine Tasse heiße Schokolade etwas aufzuwärmen. Der erste Eindruck ist enttäuschend. Zwar hat der überschäumende Mühlbach die Gräser rechts und links des Wehrs mit Eiszapfen geschmückt, die Mühle selber sieht kalt und abweisend aus. Es ist noch früh am Samstagmorgen, also klopfen wir vorsichtig an die Gaststubentür. Nichts tut sich. Wir warten, klopfen ein zweites Mal und dann tut sich eine Menge: ein braunweißer Kugelblitz springt hektisch bellend hinter der Glasscheibe auf und ab, ein tieferes Bellen von oben kündigt Verstärkung an und eine Stimme ruft: „Die tun nix! Die machen nur Krach! Ruhig jetzt!“ Ein Schlüssel dreht sich im Schloss, die Tür öffnet sich und der Kugelblitz schießt zwischen unseren Beinen hindurch ins Freie. Die Wirtin begrüßt uns freundlich und versucht vergeblich den Berner Sennhund daran zu hindern, seine Freude über unseren Besuch auszudrücken. Irgendwie schaffen wir inmitten dieses Lärms unsere Frage, ob denn unsere Gruppe in einer guten halben Stunde hier eine kleine Pause machen kann, zu stellen, da kommt von hinten der Großvater, weist auf den liebevoll arrangierten Weihnachtsbasar und brummt: „Und den ganzen Krempel da, den können Sie auch noch kaufen!“ Scheint nicht seine Idee gewesen zu sein, der Basar.

Wir gehen unserer Gruppe entgegen, bis zur Lieserbrücke begleitet vom kleinen Kugelblitz. Die Lieser enttäuscht mich: ein schmales Rinnsal, nur wenige Zentimeter tief, an den Rändern schon zugefroren. Das soll der Bach sein, der in den Wanderbücher in den höchsten Tönen besungen wird? Wir steigen einen arg zerfahrenen Holzabfuhrweg hoch, vorbei an den gefallenen Riesen und stehen dann oberhalb des Rätsels Lösung. Ein Wehr zweigt fast die gesamte Breite der Lieser zur Mühle ab, was wir gesehen haben, war nur der klägliche Rest.

Kurz darauf treffen wir die anderen und wenig später sitzen wir bei heißer Schokolade und Cappuccino in der gut geheizten Gaststube, der Kugelblitz wie selbstverständlich zwischen uns. Und nur um dem Opa zu beweisen, dass die Idee doch gut war, werden Honiggläser, Bienenwachskerzen und Hausgemachtes gekauft. Es ist schön, es ist gemütlich, es ist warm und irgendwie ist die Nebelwanderung nicht wirklich verlockend, aber da müssen wir jetzt durch. Unsere Belohnung kommt wenig später: die Sonne vertreibt den Nebel und wir wandern oberhalb der – nun wieder breiten – Lieser durch Laubwälder, zuerst auf breiten Waldwegen, dann auf schmalen Pfaden und ich kann den Wanderführer nur recht geben: sehr, sehr schön.

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Die Glockengießerei ist dann alles andere als schön: ein hässlicher Industriebau. Dafür ist das, was uns der Mann dazu erzählt, faszinierend. Wie genau die Töne der Glocke berechnet werden müssen, wie diese Berechnungen sich in einer Holzschablone niederschlagen, wie mühsam und zeitraubend der Aufbau der inneren und äußeren Form ist, in die dann die Bronze gegossen wird. Das alles wird uns an der offenen Grube erklärt, in der schon Formen zum Gießen bereit stehen. Dann zeigt er uns eine gut 150 Jahre alte Glocke, nimmt aus einem Etui eine Stimmgabel und schlägt diese an. Die Stimmgabel schwingt, er hält sie näher an die Glocke und plötzlich klingt und schwingt die Glocke im selben Ton. Das hat schon etwas fast Magisches. Er wiederholt das mit verschieden hoch und tief gestimmten Gabeln, jedes mal „singt“ die Glocke den Ton mit. Und die Wiederholung macht das Ganze nicht weniger faszinierend!

Also, die Besichtigung der Glockengießerei kann ich nur empfehlen. Im danebenliegenden Café habe ich einen Cappuccino getrunken. Da würde ich dann doch eher den Tee empfehlen…

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Kleiner Nachtrag: Wir kommen recht spät weg, das Eifelfrühstück, ihr versteht. In der Nähe von Dijon können wir feststellen, dass wohl irgendwer die Autobahnmeisterei auf die korrekte Formel km/h hingewiesen hat. Es ist dunkel, als wir die Nordhänge des Juras erreichen und uns durch kleine Dörfchen auf unsere Jurakette zu arbeiten. Ein Dorf macht uns sprachlos. Entweder hatten sie einen großzügigen Mäzen oder der Bürgermeister hat den ganzen Haushalt in die Weihnachtsbeleuchtung investiert. Blauweiße LED-Tannen, blauweiße LED-Sterne, blauweiß explodierendes Feuerwerk, das von Straßenlaternen rieselt. Der gesamte Dorfbrunnen ist blauweiß aufgerüstet und blau-weißes LED-Wasser rieselt in ein LED-Becken. Es ist eine Wohltat für die Augen, als uns am Ortsausgang barmherzig schwarze Nacht umfängt.

Da fällt mir ein: ein bisschen Lichterschmuck könnte ich auch noch installieren. Aber nicht in blauweiß, versprochen!