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Kistchen fahren? Da hab ich Angst so gerne

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… sagte unsere damals dreijährige Jüngste beim Seilbahn fahren immer.

Und ich, gestern, beim Wandern, oh Mann, da hatte  ich Angst so gerne. Und wie!

Geplant war das natürlich ganz anders. Geplant war eine Herbstwanderung mit unseren Töchtern, nicht zu weit, nicht zu steil, mit schöner Aussicht, zweimal, einmal auf die Berge und einmal auf einen Genussfaktor am Schluss.

Ausgesucht hatte ich eine Wanderung von der Station de Jaman der MOB, der Montreux-Berner Oberland-Bahn, bis hoch auf die Rochers de Naye.

Weil wir nicht von Montreux aus fahren wollen, geht es per Auto nach Caux. Das beschert uns eine äußerst hübsche, aber sehr kurvenreiche Fahrt durch Montreux, vorbei an Glion, vor dessen weltberühmter Hotelfachschule junge Menschen in schicken Schuluniformen eine Pause im Sonnenschein genießen. Kurz vor Caux bremst uns ein Traktor aus, in Caux eine Baustelle: rechts steht ein Bogen eines Eisenbahnviadukts, links steht ein Bogen eines Eisenbahnviadukts, dazwischen viel Nichts. Erste Zweifel keimen auf. Vor dem Bahnhof wechseln wir in die Bergschuhe und lösen unser Ticket. Der Automat im Bahnhof hat nichts von der Werbeaktion unserer Hausbank gehört und verlangt den vollen Preis.

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Dann haben wir viel Zeit darüber zu sinnieren, dass die Schweizer Pünktlichkeit auch nicht mehr das ist, was sie mal war. Die angeschriebene Ankunftszeit ist um eine Viertelstunde überschritten und wir machen uns langsam mit dem Gedanken vertraut, dass aufgrund des fehlenden Viadukts vielleicht gar kein Zug fährt, da trudelt von oben ein Triebwagen ein, hält, öffnet die Türen. Ich will einsteigen, da steigt der Zugführer aus, sagt „Attendez, madame!“, schließt den Zug ab und verschwindet „für kleine Zugführer“ oder so. Nun für manche Sachen muss man einfach Verständnis haben. Dass er dann allerdings in aller Muße mit seinem Kollegen plaudert, den Zug noch dreimal ein, zwei Meter hin- und herrangiert, bevor wir einsteigen dürfen, finde ich schon seltsam. Wir sind – bis auf einen weiteren Gast – völlig allein im Wagen und freuen uns auf eine ruhige Fahrt. Das ändert sich in dem Moment, in dem zwei Ersatzbusse der MOB auf den Bahnhofsplatz fahren und ihre Ladung berggestählter Schweizer Rentner ausspucken. Da ist es dann aus mit der Ruhe. Andrerseits fühlen wir uns plötzlich ungeheuer jung.

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An der Station de Jaman steigen wir aus, vor uns ein Hang im Sonnenschein, den es erst hinunter und dann auf der anderen Seite, im Schatten, wieder hochgeht. Der Raureif ist zwar bildhübsch anzusehen, besonders die Kristalle, die der Wind über den Felsgrat bläst, aber unten bei uns im Tal ist das Ganze doch ein bisschen ungemütlich. Der Col de Bonaudon (1755 m) ist schnell erreicht und da wartet dann eine Überraschung auf uns.

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Sehr deutlich zu erkennen sind die Leiterpassagen, mit deren Hilfe man die gegenüberliegende Felswand erklimmen soll. Nun sind Leitern an sich ja irgendwie positiv. Jemand hat sich Gedanken gemacht, dass eine Passage für den normalen Sonntagswanderer zu schwierig sein könnte und Abhilfe geschaffen. Gut, irgendwann kommt bei mir immer der Moment, in dem mir nur allzu klar wird, dass da nur sehr wenig Metall zwischen mir und sehr viel Nichts ist. Da hilft meist ganz langsam atmen, nur auf die Hände schauen und sehr konzentriert die Schritte zählen. Seilpassagen finde ich da viel schlimmer. Die gibt es in der Wand auch, sie sind aber – zum Glück – aus unserer Entfernung nicht zu erkennen. Sonst wäre das der Punkt gewesen, an dem ich zur Station umgekehrt wäre und den Rest mit dem Zug gemacht hätte. So sprechen wir uns gegenseitig Mut zu und klettern über das Geröllfeld zum Fuß der Wand. Ich glaube, es hat nicht länger als eine halbe Stunde gedauert, bis wir über die Leiter- und Seilpassagen auf dem Berggrat ankommen – aber was habe ich in dieser Zeit abwechselnd geflucht, gezittert und geschimpft. Die Mädels sind natürlich vor mir oben und berichten ganz begeistert von der traumhaften Aussicht. Von mir kommt nur ein gestresstes: „Die Aussicht ist mir so was von egal, wie sieht der Weg aus?“

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Gut sieht er aus, der Weg: er verläuft auf dem Hochplateau durch Almwiesen und die Aussicht ist wirklich phantastisch. Eiger, Jungfrau und Mönch grüßen links, les Diablerets rechts, die Berge eine Sinfonie in Blau- und Weißtönen.

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Über die Wiesen geht es dann ganz entspannt hoch zum Bahnhof und Restaurant auf den Rochers de Naye. Das „Plein Roc“ ist wirklich völlig in den Felsen gebaut, die Fassade ein riesiges Panoramafenster auf den Genfer See. Allerdings macht es doch schon einen sehr in die Jahre gekommenen Eindruck und die Bedienung ist ausgesprochen unfreundlich. Wir lassen uns aber nicht von der Aussicht auf den See und unser wohlverdientes Roesti ablenken.

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Um Viertel nach fährt jede Stunde der Zug talabwärts – laut Fahrplan, theoretisch, so steht es zumindest auf einem DIN A 4 Zettel. Und dann steht da noch, dass man Platzkarten braucht, da aufgrund der Bauarbeiten das Platzangebot beschränkt sei. Allerdings ist nirgendwo auf dem Bergbahnhof ein Schalter, wo man diese Karten erhalten kann. Ein Fahrkarten-Automat, ja, aber sonst nichts. Wir fragen ein bisschen herum und erfahren, dass man diese Platzkarten in Montreux hätte ziehen müssen. Noch etwas, dass der Bahnhof in Caux offensichtlich nicht wusste.

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Während wir auf den Zug warten, passiert so etwas wie ein menschliches Lemming Phänomen: in dem Moment, in dem der Zug einfährt, stürzen sich von überallher Menschen auf den Quai und drängen in die zwei Triebwagen. Wir haben zwar nur Fahr- und keine Platzkarten, aber wir können hervorragend so gucken, als hätten wir welche. Im Zweifelsfall hätten wir die 20 Minuten einfach gestanden. So wie unsere Große und ein kleiner Junge es tun: in der Kabine direkt hinter dem Fahrer. Für den Kleinen sicher der Höhepunkt des Tages.

Letztendlich finden aber alle, die einen Sitzplatz wollen, auch einen und der Zug ruckelt mit sagenhaften 15 km/h ins Tal. In Caux strömen die Fahrgäste zu den bereitstehenden Ersatzbussen, während wir uns auf die Heimfahrt machen. Wir stürzen uns wieder in das Gewühl der Montreux-Gässchen. Just in dem Moment, in dem wir fast sicher sind, da nie wieder herauszufinden, taucht das Autobahnschild auf und danach ist es einfach.

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Ich finde es im Prinzip ja ganz gut, wenn man ab und an Dinge tut, die einem eigentlich Angst einjagen. Aber ganz so geballt hätte es dann doch nicht sein müssen. Und eines ist klar: ich werde mich nie wieder über bayrische Wanderweg-Autobahnen lustig machen!