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La mer de brouillard

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(Das wird jetzt hart für dich, Pantouffle!)

November: Nebel, grauer Nebel, Dunkelheit von morgens bis abends, das saugt schon etwas an der Lebensenergie. Zu wissen, dass etwa 500 m höher, über dem Nebelmeer, die Sonne scheint, ist da auch nicht wirklich hilfreich. Was wirklich hilft: morgens den Allerwertesten aus den Betten zu kriegen und sich auf den Weg in die Berge zu machen.

p2015_11_01_10h01_14La Dôle, mit 1677 Metern fast der höchste Schweizer Berg in der Jurakette am Genfer See, und wir haben eine etwas schwierige Beziehung. Ein gutes halbes Dutzend Mal haben wir versucht, auf die Dôle zu kommen. Einmal ist es uns gelungen. Die anderen Male zwangen uns Schneestürme zum Umkehren. Und das egal, ob wir es im Mai oder Oktober versuchten.

Heute waren wir zum zweiten Mal erfolgreich!

Wir haben nicht in La Vattay  geparkt, sondern sind faul erst mal im Wald zum Wanderparkplatz gefahren. Es zeigte sich, dass unsere Faulheit diesmal berechtigt, ja schützend war. Der Wanderparkplatz spart etwa 2 Kilometer Straße und 100 Höhenmeter. Das ist ja an sich schon positiv. Auf dem Weg dorthin parkten rechts und links eine erstaunliche Anzahl Autos im Gebüsch. An jedem Seitenweg standen Schilder: „Jagd! Seien Sie vorsichtig.“ Seit der französischen Revolution – „égalité-fraternité- Leberpaté“ oder so – hat jeder Franzose das Recht, in den öffentlichen Wäldern Wild zu jagen. Und das tun sie auch, in Heerscharen. Dabei nehmen sie das mit dem Wild und den Wäldern nicht immer so genau. Eine Freundin von mir fand z.B. einen Jäger in ihrem Garten, der seinem Hund durch die Gartenhecke nachgeprescht war, um ein armes Häschen zu killen. Meine Freundin spricht sehr gut Französisch, farbige Schimpfwörter eingeschlossen. Das hat dem Häschen das Leben gerettet.

p2015_11_01_10h36_09Am Parkplatz angekommen, sahen wir in vielen Autos die Hundeboxen, des Weiteren zusätzliche Jagd, Vorsicht-Schilder. Es ist nämlich nicht Aufgabe der Jäger aufzupassen, das ist deine Sache. Der petit blanc, den es bei jeder Jagd zum Aufwärmen gibt, frühmorgens im Morgengrauen, feuert das Jagdfieber sicher an, senkt aber wahrscheinlich die Differenzierungsfähigkeiten. Oder wie mir mal ein Jäger sagte, als ich mit meinen Vieren im Wald spazieren ging: „Singen Sie, Madame, singen Sie laut und kräftig!“

Wir steigen aus dem Auto aus, hinter uns fällt ein Schuss. Wir ziehen die Wanderschuhe an, zwei Jagdhunde brechen aus dem Gebüsch, betrachten uns uninteressiert und laufen weiter.

Auf einmal sind wir froh, dass wir Jacken und Pullover in leuchtenden Farben tragen.

Auf der Karte schauen wir uns den Weg noch mal an und rechnen uns unsere Chancen aus. Durch den Wald bis zur Grande Grande ist es etwa ein Kilometer, dahinter beginnen die offenen Almwiesen und fünf Minuten später die Schweiz. Jagdfreies Gebiet. Da sollte zu schaffen sein.

dole2Und wenig später laufen wir auf dem tadellos asphaltierten Feldweg, der mehr als die Grenzsteine anzeigt, dass wir uns inzwischen in der Schweiz befinden. Die Grenzsteine begleiten uns ein Stück, sie sind zum Teil alt und verwittert. Die erste Zahl, 1761, kaum noch lesbar, darunter 1856 und dann 1922 als Zeugen für-immer mal wieder erneuerte – Grenzverträge zwischen Frankreich und der Schweiz.

Der breite Weg ist natürlich als Wanderweg langweilig und deshalb biegt bald darauf ein Pfad rechts ab. Erst über eine Bruchsteinmauer, dann an ihr entlang steigen wir einen Weg hoch, der nur aus Steinen und Wurzeln zu bestehen scheint. Wir halten das beim Wandern ja mit der klassischen Rollenverteilung: Monsieur geht vorne weg, Madame jappst hinterher. Zum Glück gibt es, je höher wir kommen, immer mal wieder spektakuläre Ausblicke auf das Nebelmeer, so dass ich bewundernd stehen bleiben kann. Von hinten kommt dann so ein Extremsportler angejoggt und zieht im Laufschritt an mir vorbei den Berg hoch. Wahrscheinlich macht der die Strecke dreimal wöchentlich noch vor dem Frühstück und schaut gar nicht mehr hin auf die Aussichten.

p2015_11_01_10h55_45Der Gipfel der Dôle selber ist recht hässlich, da dort mächtige Radar- und Sendeanlagen stehen. Aber der Blick ist atemberaubend: rechts über die französischen Alpen, Mont Blanc, Aiguille de Midi, links ins Wallis. Auf dem Panorama sind auch Eigner, Mönch und Jungfrau eingezeichnet, aber die habe zumindest ich nicht erkennen können.

Hier oben sind dann auch plötzlich viele Menschen, da sich ein paar Meter weiter Gleitschirmflieger über den Rand stürzen.

Wir wählen dann den anderen Weg, den langsameren, über die Jurawiesen. Dieser Weg ist breit und von vielen Menschen ausgetreten, von denen uns auch Scharen entgegenkommen. Zum Glück müssen/wollen wir nicht zum Schweizer Ausgangspunkt dieser Wanderung, sondern unser Auto in Frankreich suchen. Unter dem Skilift trennen sich die Wege. Das ist nicht ganz richtig ausgedrückt: der breite Weg geht rechts runter und wir müssen ein paar Schritte bergauf nach unserem Weg suchen. Monsieur sieht den kleine Pfad etwas skeptisch an, aber ich erinnere mich noch genau an den verwunschenen Wald, den wir beim ersten Mal (vor 10 Jahren!) mit den Kindern rechts und links des Pfades gefunden hatten.

Dole1Wenig später öffnet sich der Wald zu parkähnlichen Wiesen mit großen alten Bäumen, an die sich nun wiederum Monsieur erinnert. Dazwischen einige Chalets und diese wunderschönen Bruchsteinmauern.

Bald darauf müssen wir dann die sichere Schweiz verlassen und uns wieder den Gefahren der Jagd stellen. Allerdings ist es inzwischen nach 13 Uhr, da werden die Jäger sicher schon beim Apéro im nächsten Lokal oder zu Hause am Tisch sitzen, und so erreichen wir unser Auto ungefährdet.

Auf dem Weg, auf dem wir heute früh – von den Hunden und unsichtbaren Jägern mal abgesehen – völlig allein waren, kommen uns vier Stunden später inzwischen ganz Familien entgegen.

Aus dem Nebel in den Sonnenschein aufzusteigen, ist das beste Antidepressivum, das man sich vorstellen kann. Und dann noch den Blick dazu – magnifique!

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Von goyas, greniers forts und jambon au foin

Beim Wandern haben wir eine eiserne Regel: die Laufzeit muss einen Ticken länger sein als die Zeit im Restaurant.

Sagen wir mal so: zum Glück haben wir uns zum Schluss verlaufen, falsch aufgestellte Schilder. Und dann hat’s geklappt. Zwei Stunden Hinweg, zwei Stunden Essen, und zweieinhalb Stunden zurück, knapp, aber immerhin.

jura1Eigentlich war es ja auch keine richtige Wanderung. Kilometerzahl zwar schon zweistellig (13,2), dafür nur Höhenmeter 300 und die auch nur kumulativ, das ganze im Jura. Also eigentlich mehr ein Spaziergang im Kurpark. Und wie bei jedem besseren Kurpark gab es auch ein Kurkonzert.

Vor das Wandern haben die Götter das Auto fahren gestellt, also erst den Col de la Faucille hoch, hinter Fahrradfahrern, Tieflader und dem Schrecken aller Bergstrecken: das belgische Wohnwagen-Gespann.

Dann wieder runter nach Mijoux und auf der „Route Royale“ wieder hoch Richtung Lamoura und La Pesse.

jura2Kurz hinter dem Parkplatz bietet ein Bauernhof Pferdecamp und Esel-Wandern an. In Erinnerung an wunderschöne Eselwanderungen mit den Kindern, frage ich Monsieur, ob wir nicht so einen süßen niedlichen kleinen Esel fürs Rucksacktragen mieten sollen. Monsieur brummt: „Du hast doch schon einen Esel, der dir….“

Also nix mit süß und niedlich…

jura5Der erste Teil führt durch eine „Combe“, ein Hochtal, vorbei an Goyas, Tränken für die Kühe. Eingestürzte Dolinen, von Menschenhand mit Lehm abgedichtet, vom Regen gefüllt, am Rand zertreten und voller Fußspuren der Gäste, die zum Trinken kommen. Wir laufen das Hochtal entlang, bis ein breiter Weg kreuzt. Unser Etappenziel, eine Ferme-Auberge, liegt im nächsten Tal. Also müssen wir den Bergrücken hoch – das war schon etwas weniger Kurpark – und auf der anderen Seite wieder runter. Und da wartet dann unser Kurorchester auf uns. Mitten auf dem Weg – wo auch sonst – steht ein Trupp von 20, 30 Jungkühen, eine jede mit einer anders klingenden Glocke. Und sie spielen eine lustige Melodie, während wir uns nähep2015_08_06_11h26_44rn. Irgendwann stellt sich dann die Frage, wer geht wem aus dem Weg. Weichen wir auf die Wiesen aus oder geben die Kühe uns den Weg frei. Letzen Endes haben die Kühe nachgegeben, was nun nicht gerade schmeichelhafte Überlegungen zu unserer Intelligenz nach sich zieht…

Der Waldweg mündet auf einen breiten Schotterweg und man kann zwei Jurabuckel weiter die Ferme Auberge sehen. Unsere „Angst“, dass wir zu früh zum Mittagessen sein könnten, war dank der Kühe und der Fotostopps besänftigt. Schlag zwölf lassen wir uns mit einem wohligem Plopp in die Stühle auf der Terrasse fallen.

Es gibt erst einen Apéro du Chef (ganz ehrlich? Meine Marquisette schmeckt besser) und dann wird man zum Essen in die Ferme gebeten. Wir fragen, ob wir nicht draußen essen können und Madame schreit nach hinten, wo der Chef gerade auftaucht: jura3„Dis, je peux les mettre dehors?“ Und das in einem Tonfall, der uns Zweifeln lässt. Mettre dehors heißt schließlich auch „rausschmeißen“.

Aber wir werden nicht rausgeschmissen, sondern mit den Vorspeisen bekannt gemacht und wählen die Croûte forestière, eine Scheibe geröstetes Brot mit Pilz-Soße. Dann gibt es eine kleine eheliche Auseinandersetzung, Monsieur möchte einen „demi“ des Hausweins bestellen, ich nur einen „quart“. Da Monsieur aber aus Erfahrung weiß, dass ich seinen „quart“ schwer schädigen werde, bestellt er den demi. Der Wein kommt. Monsieur probiert, verzieht das Gesicht und meint. „Du hattest Recht, von dem Wein wäre ein „quart“ mehr als genug gewesen.“ Hah!jura4

Bei der Croûte forestière nimmt er einen Bissen, schaut auf und sagt: „Du, heute Abend kochen wir was richtig Leckeres, ja?“ Ich fange an zu überlegen, ob ein Picknick auf der Wiese nicht die bessere Wahl gewesen wäre, da trägt der Chef den Hauptgang rein: jambon au foin, ein ganzer Schinken, der über Nacht im Heu gegart wurde.

Als wir zum ersten Mal hier waren, vor Jahrzehnten, mit den Kindern zum Langlaufen, hatte der Chef noch ein Loch in der Erde mit Holzkohle gefüllt und auf der glimmenden Glut den Schinken im Heu gegart, mit Erde abgedeckt. Heute gibt es ein kleines Nebengebäude, wo dieser Prozess auf einem Kaminpodest unter einer schweren Eisenhaube abläuft.

Der Schinken ist einfach toll: zart im Inneren, knuspriges Äußeres. Dazu gibt es Kartoffelgratin und gebratene Zucchini. Und wir haben noch den Rückweg vor uns.

Aber was soll’s, da müssen wir jetzt durch. Genauso wie durch die Käseplatte und den Nachtisch, Vacherin glacé für mich, Pfirsich im Weißweinsud für Monsieur. Nach dem Kaffee und der Rechnung setzen wir uns nach zwei Stunden Essen in Bewegung, widerstrebend, langsam, aber immerhin…

jura6Der Rückweg läuft durch eine weitere Combe, vorbei an alten Bauernhäusern mit ihren „greniers forts“. Ein gutes Dutzend Schritte abseits vom Haupthaus – und immer entgegen der vorherschenden Windrichtung – wurden kleine „Wehrspeicher“ angelegt, in denen das Saatgut, wichtige Papiere, die Finanzen und die Sonntagskleider untergebracht wurden. Brannte das Haupthaus ab, bildete der grenier fort sozusagen das Startkapital für den Neuanfang.

Ziel unserer Wanderung war die „Borne au Lion“, ein Grenzstein von 1613, als sich die damaligen Weltmächte Frankreich, Savoyen und Burgund auf die Grenzen einigten.

Ich muss sagen, ich haben selten etwas gesehen, was mich weniger beeindruckt hat, als dieser Grenzstein!

jura8Viel beeindruckender fand ich ein anderes historisches Denkmal auf der Wiese vor einer Ferme.

Wir finden unser Auto wieder und trödeln langsam nach Hause. Mit einem Halt in Lamoura, wo wir im Maison des fromages du Haut-Jura zuschlagen: Morbier und Comté, Tomme de Jura, Ziegenkäse und einen unaussprechlichen Weichkäse.

Wer weiß, wann wir wieder zum Wandern in den Jura kommen!

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Langlaufen in Lappland (fast)

 

ski5Weite, schneeglitzernde Ebenen, dunkle Nadelwälder am Horizont, Loipen, die an zugefrorenen Seen entlanglaufen, hier und da ein Birkenwäldchen hineingetupft. Man könnte sich wirklich in Lappland glauben. Nur die wie dicke aufgeplusterte Glucken im Schnee sitzenden jurassischen Bauernhöfe passen nicht so recht in Bild. Trotzdem haben die Franzosen dieses Langlaufgebiet im Jura „Klein-Lappland“ getauft.

 

ski3Wir sind geflohen. Aus dem wochenlangen, deprimierend grauen, deprimierend dichten Nebel, der über dem Genfer Becken hängt. Über 1200 Meter ist man aus dem „mer de brouillard“ hinaus und strahlender Sonnenschein empfängt einen. Instant-Gute-Laune.

 

Dabei können wir gar nicht Ski fahren. Wir tun nur so. Vor langer Zeit haben wir zwar einen Langlauf-Kurs gemacht, uns aber leider eher lernresistent gezeigt. Und so ziehen wir vergnügt auf den Anfänger-Loipen unsere Runde, erfreuen uns an der Natur und dem, was sie zu bieten hat. Wie etwa eine Klasse Fünfjähriger, zum ersten Mal auf Langlaufskiern. Sie purzeln durcheinander wie junge Welpen und amüsieren sich königlich dabei. Oder die Dame mit schneeweißem Haar und der Vorkriegsausrüstung, die zügig an uns vorbeizieht, auf dem Rücken einen bunten Plastikrucksack mit der Aufschrift „Speed racer“.ski2

Auch ich trage zur Unterhaltung bei, als es mir keine hundert Meter von der Station entfernt, noch vor Beginn der Pisten, die Skier rückwärts wegzieht und mich unsanft nach hinten hinschlägt. Im Stehen umzufallen ist ja schon schlimm genug, wildfremde Menschen besorgt angeschossen kommen zu sehen, um dir beim Aufstehe zu helfen, peinlich, peinlich, peinlich.

Gut, damit hatte ich das Fallen dann für den Morgen erledigt.

beizlAuf dem Rückweg kamen wir an einem hübschen Bergbeizl vorbei, Essenszeit war auch gerade, passt! Aber dann greift Monsieur in seine Hosentasche und holt das Wechselgeld heraus, das ihm nach dem Kauf der Skipässe geblieben ist. Wir betrachten die Handvoll Münzen. Das reicht nie und nimmer für ein Essen. Aber für zwei Kir allemal! Und so beschließen wir unseren ersten Langlaufmorgen mit einem Kir und einem fantastischen Blick über das „mer de brouillard“ zur Alpenkski4ette.

 

 

Am nächsten Morgen geht es über den Jura Richtung Les Rousses. Auf einer Liste der 100 hässlichsten Dörfer Frankreichs käme Les Rousses locker ins obere Viertel. Deshalb wird es nur zügig durchquert, um zum See zu kommen. Die Loipe ist Teil der Transjurassienne und so laufen wir dieses kleine Stück der Rennstrecke, knapp 10 statt 56 km. Mehr schlecht als recht, denn die ski1Spuren am Hang sind vereist. Erst im zweiten Teil, am See, geht das knirschend, krachende Geklirr wieder in sanftes Gleiten über.

Auf der Heimfahrt kommen wir wieder am Bergbeizl vorbei. Diesmal habe wir zwar Geld dabei, aber leider keine Zeit.

Irgendwie müssen wir noch an der Organisation arbeiten.