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Im Frühtau zu Berge

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… war noch nie unsere Art. Außerdem hat das Hotel uns – wie in vor-Corona-Zeiten – einfach freigestellt, wann wir frühstücken möchten und das war dann eher ein bisschen später.

So kommen wir los, ganz wohlgemut, ist es doch die letzte Etappe. Außerdem wissen wir, dass wir heute Abend in Koblenz unsere Familien treffen werden und dass dies die letzten 18 Kilometer sind, die vor uns liegen. Wir sind so gut gelaunt, dass uns erst nach ein paar hundert Schritten auffällt, dass die Lieser sich sehr seltsam verhält. Man könnte fast sagen, dass sie in die falsche Richtung läuft. Hm, die Lieser? Oder etwa, hmm? Sehr nonchalant drehen wir um und sind nach ein paar Minuten wieder am Ausgangspunkt, um – diesmal auf der richtigen Straßenseite – die letzte Etappe zu starten.

Im Zentrum von Wittlich ist diese richtig verträumt. Wir laufen durch ein Schrebergarten-Viertel, wo alte Menschen sich ein bisschen mühsam aufrichten, um dem freundlich-neugierigen Guten Morgen noch ein „Schönen Tag auch“ oder „Gute Wanderung!“ anzuhängen. Wir kreuzen die Lieser und kommen zu einer Reihe so alter Häuser, dass sie wie unters heutige Straßenniveau versunken scheinen. Unsere Wanderstiefel laufen auf Höhe der Wohnzimmerfenster.

Dann ist aber auch für einige Zeit Schluss mit hübsch und verträumt. Ein breiter Fahrradweg führt uns im Windschatten eines riesigen Industriegebietes schnurstracks auf die Bögen der Autobahnbrücke zu. Rechts davon liegen die restaurierten Reste einer wohl einst sehr beeindruckenden römischen Villa, deren Erbauer sicher nicht damit gerechnet hat, dass er in 2000 Jahren mal direkt unter der Autobahn wohnen wird. Eine Fußbrücke quert die Lieser, hüben und drüben die Männer in Blau vom THW. Sie haben Tripods aufgebaut, Seilzüge und Winden verspannt und ziehen einen Verletzten in einer metallischen Tragebahre über den Fluss. Beim Näherkommen merken wir, dass der „Verletzte“ Getränkekisten und Picknickgrundlagen sind. Weiter oben im Hang bauen sie schon die Klapptische auf für den Abschluss der Übung.

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Wir steigen quasi in der Böschung und umtost vom Lärm der Autobahn einen schmalen Pfad steil bergan, der oben auf dem Plateau in einen breiten Holzweg mündet, keine Lieser weit und breit zu sehen. Monsieur meint, dass man den Lieserpfad eher Lieserweg nennen sollte, da er doch weitaus mehr Kilometer auf diesen läuft und – Achtung, Kalaueralarm – die meiste Zeit ohnehin die Lieser weg sei.

Kurze Zeit später treffen wir auf eine Straße und das wird – mit zwei sehr schönen Ausnahmen – das Leitmotiv des Tages. Wir laufen auf Straßen durch Felder, wir laufen auf Straßen unter Eisenbahnlinien, wir kreuzen auf Straßenbrücken vierspurige Straßen. Die Landschaft (vom Industriegebiet Wittlich natürlich abgesehen) ist weit und schön, hier und da ist ein sehr elaboriertes Wegkreuz hineingetupft. Alle in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden, die Inschriften erzählen uns jedoch nicht, was damals passiert ist, dass die Menschen sich so fürchteten oder so dankbar waren.

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Aber auch diese Kreuze stehen am Rand von Straßen. Der Steinbachgraben bei Platten rettet unsere Laune. Da läuft der Weg wieder als Pfad durch ein verwunschenes Bachtal. Wir sind inzwischen geologisch von Basalt zu Buntsandstein gewechselt, was dem Bächlein das Graben verwunschener Täler sicher einfacher macht. Es geht am Bach entlang, mit wackeligen Stegen auch mal über den Bach, bis wir mal wieder die Abkürzung über den Berg nehmen und im nächsten Tal – Überraschung! – die Lieser sehen. Wir lassen uns ganz kurz von einem Winzerhof und Café ablenken, wo man zwischen üppigen Torten und Herzhaftem wie dem Weinhändler-Frühstück (auch üppig, aber auf andere Art) wählen kann.

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Danach teilt sich der Pfad eine Straße mit dem Radwanderweg. Das steht in regelmäßigen Abständen auf den Schildern am Straßenrand. Trotzdem werden wir das Gefühl nicht los, von den Radwanderern als lästige Hindernisse betrachtet zu werden. Dabei laufen wir schon – viel angenehmer – auf dem gemähten Randstreifen. Irgendwann nimmt der Lieserpfad die Abkürzung über den Berg und wir laufen auf der anderen Seite wieder hoch über der Lieser. Nicht sehr zügig, zugegebenermaßen, wir hangeln uns von einer Hand Brombeeren zur nächsten.

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In Noviand bietet ein kleiner Brunnen – nebst Bank – am Straßenrand uns Abkühlung, bevor wir durch den Ort hoch zum Plateau steigen, wo Maring uns überrascht mit einem Wegweiser zur Maringer Schweiz, ein ganz schlechtes Zeichen, heißt das doch meist „steil und bergig“. Wenig später stehen wir an einem weiteren Kreuz und schauen hinab in ds tiefe Tal, das die Lieser sich gegraben hat. Ein Blick auf die gegenüberliegenden Weinberge zeigt, dass unser Ziel, die Mosel, nicht mehr weit ist. Wir steigen auf sehr schmalen Pfaden hinab, vorbei an in den Felsen gehauenen Aussagen wie: von der Maringer Jugend gestaltet, 1930. Man erkennt sofort das Potential: auf diesen steilen und verborgenen Pfaden konnte der örtliche Pfarrer das Tun und Lassen seiner jugendlichen Schäfchen nicht überwachen.

Diese schönen Pfade bringen uns – als Abschiedsgeschenk sozusagen – tatsächlich direkt an der Lieser entlang fast bis zur Mündung. Wir sehen auf der anderen Seite schöne große Mühlen und Weingüter – aber auch die Kläranlage. Kurz vor der Mosel müssen wir uns noch mal an einer vielbefahrenen Straße entlangschlängeln und stehen, unter der Brückenauffahrtsrampe hindurch, nach 74,3 Kilometern (minus den weggeschummelten  bei Daun und Wittlich) an der Mündung, unserem Ziel.

Geschafft!

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Na, endlich!

 

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Corona-bedingt bieten die Hotels Zeitfenster zum Frühstücken an. In der kleinen Pension in Manderscheid bleibt für uns nur das um 7:30 übrig. Ist uns nicht ganz unrecht, denken wir doch, in morgendlicher Kühle angenehmer wandern zu können.

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Als aber die morgendliche Kühle während des Frühstücks gegen die Fenster prasselt, disponieren wir kurzfristig um. Trier wird nur sehr peripher angedacht, dann verworfen. Ich stürze rasch durch den Regen in die Apotheke, meine Achillessehne motzt ein bisschen herum. Was sie mir da für die Wanderung nach Wittlich empfehlen könne, frage ich die Apothekerin. Ein Taxi?, steht nur zu deutlich in ihrem Gesicht geschrieben, bevor sie mir zwei Packungen zuschiebt mit: „Viel hilft viel!“  Zurück im Zimmer sehe ich, wie Monsieur gebannt auf ruckelnd und flimmernd über den Bildschirm zuckende Animationen starrt, bevor er verkündet, dass dieser Regenausläufer um 9:15 durchgezogen sein werde und wir somit jetzt, im sanften Nieselregen, starten könnten. Der Regen hat zwar nicht die gleiche Vorhersage gesehen, ist aber so leicht, dass er kaum durchs Blätterdach durchdringt. „Wandern mit Wasserkühlung“, nennt Monsieur das, auf jeden Fall angenehmer als die Gluthitze gestern.

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Und dann kommt das „Na, endlich!“-Erlebnis. Endlich wird der Weg so, wie wir uns das erhofft und erwünscht haben. Ein schmaler Felssteig klammert sich an die Wand, steil unter uns die Lieser durch die Vegetation erahnbar. „Alpine Gefühle“ kämen hier auf, stand in der Wegbeschreibung. Tatsächlich kommen dann auch Seilpassagen. Aus den Alpen wissen wir, dass Seile nur an gefährlichen, exponierten Stellen verspannt werden, also zeigen wir uns entsprechend beeindruckt und fürchten uns auch demgemäß. Nur an der einen Stelle, wo es rechts das Seil und links das Geländer gibt, da können wir uns nicht so recht ängstigen, da müssen wir eher lachen.

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Die ersten fünf Kilometer sind also richtig schönes Wandern und dann versauen sie es für mich. Natürlich hatte ich in der Planungsphase gesehen, dass wir hier über 600 Höhenmeter zu bewältigen haben, aber ich dachte mir: 600 Meter auf 23 Kilometer – das guckt sich weg. Tut es nicht, denn sie legen die Höhenmeter in die nächsten fünf Kilometer und das verärgert mich massiv. Statt dem lieblichen Bächlein in munteren Windungen durchs Tal zu folgen, jagen sie uns bei jeder einzelnen Lieser-Schleife steil den Berg hoch und auf der anderen Seite wieder runter, sozusagen die Abkürzung über den Berg statt um den Berg herum. Gut, es sind immer nur hundert bis hundertzwanzig Höhenmeter am Stück, aber nach dem vierten Mal wird auch das anstrengend. Da es sehr viele Lieserschleifen gibt, platzt mir nach der fünften der Kragen und ich lege einen kleinen gepflegten Trotzanfall hin, beschwere mich über die Streckenführung, Berge im Allgemeinen, Wandern überhaupt und einen Lieserpfad, bei dem man nie an der Lieser läuft, im Besonderen. Monsieur dreht gelassen den Rücken in meinen verbalen Sturm, wartet, bis er vorbeigezogen ist und hält mir dann etwas zu essen hin. Meint, ich sollte vielleicht heute Abend erst mal nichts schreiben.

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Ich bin natürlich prinzipiell mehr mit mir im Unreinen als mit der Lieser. Wandern ist für mich eher Genuss als sportliches Sich-etwas-beweisen-müssen. Ich will Freude am Laufen und Schauen haben, an den kleinen Erlebnissen zwischendurch und am Abend das schöne Gefühl, etwas Rechtes geschafft zu haben. Wenn ich aber nun das Gefühl haben muss, dass nicht ich die Wanderung, dass vielmehr die Wanderung mich schafft, geht dieser Genussfaktor verloren und übrigbleibt nur noch die reine Sturheit, mit der ich die Wanderung zu Ende bringe. Und wo ist der Spaß dabei?

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So grummele ich mich durch die nächsten Kilometer, bis wir an der Schladter Brücke auf eine Straße stoßen. Monsieur fragt vorsichtig, ob ich nicht vielleicht doch etwa…?, bevor er feststellt, dass er gar kein Netz hat, um ein Taxi herbeizurufen. Meine Sturheit hat da aber schon längst beschlossen, dass sie mich durchaus die restlichen Kilometer bis zur Pleiner Mühle laufen machen wird. Dort sei, sagt „die Agentur“, der Punkt, an dem sich viele Wanderer abholen ließen, da das kurze letzte Stück durch die Außenbezirke Wittlichs nicht wirklich schön sei.

In der Mühle teilen wir uns erst zwei Stück Kuchen und dann die Aufgaben. Ich übernehme den Rucksack und die Verantwortung für das Abholen des Autos, Monsieur übernimmt die Verantwortung für die letzten Kilometer der Tagesetappe. Fast zeitgleich kommen wir vor unserem Hotel an, das, wenn vielleicht auch nicht das beste, so doch sicher das bunteste Hotel am Platze ist.

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Folge der Schraube

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Heute machen wir das ganz anders. Gestern haben wir nämlich einen schweren strategischen Fehler begangen. Aufgrund mehrerer Fakten – ich sage nur Autobahnbrücke, Picknickverweigerung – hatten wir ja erst kurz vor Daun unsere äußerst üppigen Lunchpakete verzehrt.

Dadurch hatten wir leider in Daun selbst absolut keine Lust mehr auf den dort eingeplanten Kaffee-und-Kuchen-Stopp im Stadtcafé. Um diesen Kuchenstopp hatten sich einige sehnsuchtsvolle Gespräche gedreht, auf den etwas monotoneren Abschnitten des Weges. Und dann, als wir diese Sehnsucht hätten umsetzen können – keinen Hunger, keinen Appetit, keine Lust. Fast schon tragisch, das.

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Heute wie gesagt soll uns das nicht passieren. Deshalb bestellen wir erst mal nur ein Lunchpaket für uns zwei, das reicht uns und lässt Platz für Tortenträume. Es geht los in frischer Morgenkühle, für heute Nachmittag sind 31° im Schatten vorhergesagt, da wollen wir schon in Manderscheid sein.

Es ist nicht ganz einfach, am Gemündener Maar das Lieserpfad-Symbol aus der Vielzahl der Zeichen herauszufinden. Fast habe ich den Eindruck, die Pfosten sind nicht groß genug für die Anzahl der Schilder, die sie tragen sollen. Was es da nicht alles gibt: MaarMaarWeg, FelsWasserWeg, Eifelsteig, Drei-Dörfer-Weg, Geosteig, Urpferdchen-Weg, fehlt nur noch der Wege-Weg. Selbst eine Pferde-Umleitung ist ausgewiesen, mit einer kleinen gemeinen Reiterbremse auf der Brücke.

Alles ist so gut ausgezeichnet und beschildert, dass es wirklich schwierig ist, sich zu verlaufen. Monsieur schafft es trotzdem – fast. Wir kommen auf eine große Wegkreuzung. Links gehen zwei Wege parallel rechts und links eines Bächleins steil den Berg hoch, rechts geht es den Berg hinunter. „Wir müssen links,“ sagt Monsieur und zeigt auf den Pfosten links der Kreuzung nebst Lieserpfadsymbol und Pfeil nach links-oben. „Wir müssen rechts,“ sage ich und zeige auf den Pfosten rechts der Kreuzung nebst Lieserpfadsymbol und Pfeil nach rechts-unten. „Wir müssen links,“ beharrt Monsieur noch einmal und zeigt auf den Pfeil. Ich meinerseits bestehe auf rechts. Schließlich nimmt Monsieur die Brille ab und beäugt kritisch das Lieserpfadsymbol nebst Pfeil nach links-oben. „Du hast recht,“ gibt er zu, „das ist gar keine Pfeilspitze, was nach links zeigt. Das ist die Schraube, mit der sie das Schild festgeschraubt haben.“ War mir von Anfang an klar. Hätte er sich doch gleich denken können, dass ich – bevor ich der Schraube folge – lieber zweimal kritisch hinschaue, bevor ich einmal den Berg hinauflaufe.

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Kurz hinter der Kreuzung schwingt sich der Weg als Pfad den Berg hoch, wunderschön und verwunschen, aber wieder nur sehr kurz. Das muss ich leider klarstellen, dass sowohl das „Lieser“ als auch das Pfad im Lieserpfad eine Art Mogelpackung sind. Von der Lieser sehen wir recht wenig, meist läuft sie einige 50, 60 Höhenmeter unter uns im Tal, durch Bäume verdeckt. Und Pfad, naja, das trifft – bis jetzt – auf höchstens ein Zehntel der Strecke zu. Der Rest sind breite Wirtschaftswege. Die Pfade sind zum Teil wirklich idyllisch und romantisch, über Stock und Stein, genau das, was einem beim Wandern das Herz aufgehen lässt. Die Wirtschaftswege, nun ja, da muss man sich dann mit gleichmäßigen Schritten in so eine Art Trance hineinwandern, ein bisschen Rilke: Reiten, reiten reiten. Das müsste bei uns dann halt laufen, laufen, laufen heißen. Ohne den müde gewordenen Mut natürlich… Meditatives Laufen. So kann man schön müde Füße, Schwitzen und wehe Knie sinnstiftend unterlegen und mystisch überhöhen. Der Weg als Ziel und so. Jeder Schritt zählt auf dem Weg zum Ziel und so. Naja, man kann auch einfach nur Laufen ohne Transzendenz, geht auch ganz gut.

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Unsere Befürchtungen, dass im Rahmen von Corona und Urlaub in Deutschland der Lieserpfad völlig überlaufen sein werde, bewahrheiten sich heute. Im Gegensatz zu gestern begegnen uns sechs Wanderer. Radsportler sind es etwas mehr. Da ist erst so ein Summen in der Luft, das zum Sausen und dann zum Brausen anschwillt, bis ein gutes Dutzend Mountainbiker – in ihrer eigenen Staubwolke – an uns vorbeiziehen, ein jeder mit freundlichem „Guten Morgen! Guten Morgen! Guten Morgen! Guten Morgen!….“  Wir warten, bis der Staub sich gelegt hat und sind wieder allein unterwegs.

Die Umsetzung unseres Picknickplans scheitert fast wieder an meiner Sturheit. Die Blümchesau-Hütte steht zwar direkt an einer Lieser-Brücke, aber irgendein begnadeter Planer hat die Öffnung so gedreht, dass man nicht auf Fluss, Ufer, Wiesen sieht, sondern auf die verwitterten Fundamente der Brücke mit dem sie umgebenden Haldenerstbewuchs von Brennnesseln, Disteln und Springkraut. Monsieur seufzt und bietet mir eine Hütte etwa 800 Meter weiter an. Dass das bergauf ist, verschweigt er mir wohlweislich. Dafür speisen wir mit phantastischer Aussicht. Ein freundlicher Planer hat sogar daran gedacht das zentrale Holzgeländer durch Glas zu ersetzen, sodass die müde Wanderin noch nicht einmal aufstehen und sich über die Brüstung lehnen muss, um die Aussicht zu genießen. Sehr zuvorkommend.

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Die letzten – frisch gestärkten – Kilometer bis Manderscheid geht es auf schmalen Pfaden steil am Hang entlang. Sehr schönes Wandererlebnis, bei dem wir mal der Karte vertrauen, dass irgendwo da unten die Lieser fließt.

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Vor der großen Hitze kommen wir in unserer Pension an, nur um zu lesen, dass deren Rezeption erst in zwei Stunden öffnet. Ein bisschen ungeschickt, aber nicht wirklich schlimm, hatten wir da doch eh noch etwas eingeplant.

Johannisbeer- und Käsesahnetorte. Geht doch!

 

 

 

 

 

Ein bisschen geschummelt

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Die deutsche Sprache finde ich herrlich zum Herumspielen. Man kann lustige neue Wörter erfinden oder aus alten, bekannten neue zusammenbasteln, wie unterwältigend. Darauf werde ich später noch einmal zurückkommen. Unvergesslich auch die in den Familiensprachgebrauch übergegangene Neukreation unserer Kinder: undurchsichtbar. Das sagt doch alles, oder?
Mein Lieblingsneuwort heute ist „Magnesium-Calcium-Hydrogencarbonat-Säuerling“. Auch dazu später mehr.

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Und dann gibt es Wortschöpfungen, bei denen ich denke: Mensch, Deutsch, jetzt steh‘ mal auf und wehr‘ dich. Der Lieserpfad wird beworben von einer Tourismusagentur mit dem Namen „GesundLand Vulkaneifel“. GesundLand – ein Wort, mit einem Großbuchstaben in der Mitte.

Mich schüttelt es jedes Mal, wenn ich das lese, weshalb jetzt und hier nur noch von „der Agentur, deren Namen ich nicht nennen werde“ (ein bisschen wie bei Voldemort) die Rede sein soll. Jene Agentur also hat uns erste Übernachtungen in einem Sporthotel „in Daun“ organisiert. Es stellt sich aber heraus, dass die erste Lieser-Etappe in Daun endet, auf dem Schlossberg. Von da sind es knapp vier Kilometer – Straße und zum Schluss richtig bergauf – bis zum Hotel. Zusätzlich zu laufen zu den regulären 15 Kilometern der ersten Etappe.

Wollen wir nicht, brauchen wir nicht, machen wir nicht.

Wir schummeln, eine Taxifahrerin als Komplizin. Die bringt erst mich im Schlepptau im eigenen Auto zu einem Parkplatz etwas außerhalb von Daun, ungefähr da, wo der Lieserpfad auf die B 257 stößt und uns dann gemeinsam zum Startpunkt: Die Lieserquelle bei Boxberg. Hier kommt jetzt das unterwältigend ins Spiel. Unsere Ideen von munter plätscherndem Bächlein zwischen Wiesenufern erhalten einen ziemlichen Dämpfer. Das Freundlichste, was man über die Kuppel aus Vulkangestein, in der man durch eine Art im Boden eingelassenen „durchsichtbaren“ Gullideckel aus Gitterstäben das Wasser sehen kann, sagen kann, ist, dass sie 1940 von einer benachbarten Jagdstaffel erbaut wurde. Gut deshalb, weil die Jungens wenigstens solange keine Einsätze geflogen sind.

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Seltsamerweise stehen dort, am Punkt 00.00km der Wanderung zwei sehr einladende Liegestühle bereit für die unmüden Wanderer. Wir aber laufen den Schotterweg zurück zum Parkplatz und werden nach rechts geführt, von der Lieser weg. Vielmehr: weg von dem etwas dunkler grünen Band mit Blutweiderich und Mädesüß in den gemähten Wiesen, von dem wir annehmen, dass es den Verlauf der Lieser anzeigt. Gut, wir kennen uns ja gerade erst seit ein paar Minuten, vielleicht ist sie ja schüchtern und braucht ihre Zeit, um sich zu zeigen.

Es braucht genau fünf Kilometer, bis wir auf einer Brücke endlich etwas von ihr sehen werden.

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Dazwischen liegen idyllische Landschaften, jahrhunderte alte Eichen, wunderschöne Waldwege und lustige Begegnungen. Wie die mit der neugierig folgenden Highland-Kuh. Sie hat wahrscheinlich gleich in Monsieur den Seelenfreund entdeckt – gleiche Frisur und so. Monsieur trägt seit Corona sein Haar lang, offen und ähnlich gestylt wie sie. (Als wir vor kurzem eine private musikalische Veranstaltung besuchten, wurde er gefragt, ob er der Künstler sei.)

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Oder das Paar Wanderschuhe – Größe 49 schätze ich –, das aufgeschnürt vor einer Wanderbank steht. Kein Wanderer weit und breit in Sicht. Schon ein bisschen seltsam. Sehr freundlich dagegen, der „Eifel-Freude-Stein“, der bunt bemalt auf einer Bank liegt mit der Bitte ihn doch mitzunehmen und sich nur kurz unter einem Hashtag zu melden. Da mir dieses ganze Getwittere und ge#e ein Gräuel ist, habe ich ihn fein säuberlich zurückgelegt für den nächsten Finder. Der vielleicht ein bisschen auf sich warten lassen wird. Wir sind bis dahin einem halben Dutzend freundlich-neugieriger Einheimischen in diversen Dörfchen begegnet, ansonsten nur einem Mountainbiker.

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In Neichen treffen wir auf unseren ersten Sauerbrunnen. Allerdings läuft der Strahl nur als dünner Faden aus der Quelle, sodass es etwas dauert, bis die Flasche mit dem kühlen, „rostig“ schmeckenden Nass gefüllt ist. Ein paar Meter weiter, deutet Monsieur an, gibt es laut Schild eine Bitburger-Quelle, aber die fließt um dies Uhrzeit auch nicht.

Nach einigen unschönen Kilometern auf asphaltierten Wegen kommen wir zum Rastplatz unter der Autobahnbrücke. Ja, genau unten drunter. Bequeme Bänke, schöne Tische – aber wer will schon unter einer Autobahnbrücke picknicken? Ich jedenfalls nicht, was uns auf weiteren Asphaltkilometern nach Rengen führt. Der Asphalt ist zwar schwer für die Füße, Rengen allerdings entlockt uns ein Lächeln. Entweder ein sehr aktiver Naturschützer oder eine naturbegeisterte Grundschullehrerin, wer weiß? Jedenfalls hängen an den Straßenbäumen eine Vielfalt bunt gestalteter Vogelhäuschen, die gut Laune machen.

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Was dringend nötig ist. Monsieur hat meine Entscheidung gegen ein Autobahn-Picknick zwar widerstrebend akzeptiert, grummelt aber auf den letzten Kilometern, dass wir, wenn wir nicht bald einen schönen – Betonung auf schönen – Platz zum Picknicken finden, das notgedrungen auf der Terrasse unseres Hotelzimmers tun müssten, Daun sei nur noch fünf Kilometer entfernt. Da taucht rechter Hand der Rengener Drees auf, eben jener Magnesium-Calcium-Hydrogencarbonat-Säuerling, dessen Wasser laut Erklärtafel den Rengener Hausfrauen zu den fluffigsten Waffeln und Pfannekuchen verhalf.

Uns verhilft es zu einer wohltuend kühlen Pause, in der wir die Schätze aus unsere Lunchbox auspacken und das angenehm bitzelnde Quellwasser genießen.

Die nächsten Kilometer führen vorbei an gemähten Wiesen und abgeernteten Feldern, die schon fast so etwas wie herbstliche Wehmut ausstrahlen.

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Leider holt uns kurz vor Daun der Asphalt wieder ein, aber da wartet ja schon mein Auto auf uns. Manchmal lohnt sich das Schummeln.

 

Fazit:

Schöne Landschaften, schöne Waldwege, ausgezeichnet ausgezeichnet, aber leider auch sehr viel Asphalt und kaum etwas von der Lieser zu sehen.

Das kann ja nur eines bedeuten: morgen wird es besser werden.

 

Die – vielleicht – vier Belvedere

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Gut, es könnte sein. Die Möglichkeit besteht natürlich, auch wenn ich es für wenig wahrscheinlich halte. Vielleicht waren wir wirklich zu dumm, die vier Belvedere zu finden, die diese Wanderung anpreist. Von den restlichen vier der Cinq chalets mal ganz zu schweigen. Dreieinhalb Belvedere könnte ich anbieten, das ist doch auch schon ganz nett. Wobei wir bei dem einen Aussichtspunkt einen Abzug in der B-Note geben müssen, zwar ist die Aussicht schön, aber nicht da, wo sie laut Karte sein soll.

Die Wanderung ist mit dreizehn Kilometern etwas länger als unsere „normalen“ Bergwanderungen, dafür gehen die Höhenmeter es gelassener an, ganze 300 Meter sind es, die Hälfte davon auf den ersten zwei Kilometern. Der Rest der Wanderung geht dann mehr oder weniger eben um den großen Felskessel bei Giron herum. Das ist einer der Vorteile, wenn man in einer Gegend wandert, die vom Ski Nordique lebt, dem Skilanglauf und Schneeschuhwanderungen: steile Abfahrten sind selten. Als Bonus kommt das Fehlen der im Sommer eher hässlichen und störenden Seilbahn- und Sessellift-Infrastruktur hinzu.

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Also stapfen wir erstmal bergauf, den Schildern mit den Schneeschuhen folgend, bis zu einer Wiese, die den Namen „Cinq Chalets“ trägt. Von diesen fünf Chalets steht nur noch eines, und das in einem Zustand, den französische Immobilienmakler mit „beaucoup des possibilités“ – viele Gestaltungsmöglichkeiten – umschreiben würden. Die Wiese selber bietet nicht mehr viele Möglichkeiten, die Blumenvielfalt zu bewundern, alles fein säuberlich zu Heuballen zusammengepresst.

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Am Ende der Wiese geht es in den Wald und um eine scharfe Ecke. Da ist er dann, der erste Aussichtspunkt. Zumindest auf der Karte, in der Realität stehen wir vor 15 Meter hohen Tannen. Da scheint mir schon länger keiner mehr die Aussicht bepunktet zu haben. Macht nichts, ein paar hundert Meter weiter bietet eine Wiese einen schönen Ausblick auf Juraketten und Felsabbrüche. Der erste „richtige“ Ausblick kommt dann auf einer großen Wiese mit dem prosaischen Namen „L’Achat“. Ein weiter Felskessel schwingt sich im Halbkreis und bietet wirklich viel Schönes für Auge. Leider ist der Soundtrack etwas störend. Drei Gemeindearbeiter sind dabei die Wanderwege frei zu sensen. An und für sich löblich, da sie aber mit Motorsensen arbeiten, die wie ausgesprochen schlecht gelaunte Hornissen klingen, eher nicht so der stillen Meditation der Naturschönheiten zuträglich.

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Wir laufen weiter und biegen bald von den Wiesenwegen in den Wald ab. Bis hierhin waren die Wege breite Holztransport- oder Feldwege, gut fürs Tempo. Im Wald haben wir dann diese weichfedernden Pfade unter den Füßen, die einfach ein Genuss sind. Der Pfad führt uns zu einer „Ferme“ und von dort sind es nur ausgewiesene fünf Minuten zum nächsten Panorama. Das ist zwar da, wo es sein soll, aber verlangt schon ein sehr selektives Schauen auf die Berghöhen um uns herum. Die große Industrieanlage im Tal ist einfach nur hässlich. Monsieur hebt fragend eine Augenbraue und ich schüttele den Kopf. Das war der Platz, den wir – auf der Karte – fürs Mittagessen ausgesucht haben. Da laufen wir doch lieber zu der sehr französisch zusammenrestaurierten Ferme zurück mit ihrem Drachenzahn- (oder Panzersperren?)-Wall.

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Nach einer langen Picknickpause führt der Weg uns aus den Lichtungen wieder tief in den Wald. Wir sind dankbar für Sonnenschein und Blumen. Die Messlatte zur Schneehöhe macht uns doch etwas Angst. Anscheinend werden Schneemengen unter 1,30 Höhe nicht für des Messens wert befunden.

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Der Waldweg stößt auf eine kleine Landstraße, auf der, dramatisch hingeworfen, ein Mountainbike liegt, daneben sitzt ein kleiner Junge. Wir fragen ihn natürlich sofort, ob es ihm gut gehe – Ja!, ob er ganz allein sein – Nein!, ob er gestürzt sei. Da packt er seinen ganzen Stolz zusammen: „Madame, ich stürze doch nicht mehr!“ Kurz darauf kommen uns auf der Straße seine Eltern auf Rädern entgegen. Ob wir einen kleinen Jungen gesehen hätten, wollen sie im hektisch-besorgten Vorbeibrausen wissen und sind schon durch, bevor unser Ja! kommt.

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Das kurze Stück auf der Straße führt uns zum Aufstieg zu la Roche fauconniere, dem Falken-Felsen. Der Weg ist wieder wunderschön und endet tatsächlich an einem Aussichtspunkt. Und welch eine Aussicht! Zum Beispiel auf die „Achat-Wiese“ gegenüber vom Anfang der Wanderung. Dass es am Falkenfelsen keine Falken gibt, darüber will ich jetzt mal nichts sagen. Nicht dass ihr noch denkt, ich wäre eine kleinliche Nörglerin.

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Ein kurzes Stück Asphalt und zwei Kilometer Waldweg bringen uns zum Parkplatz. Ein paar Schritte vor dem Auto piepst mein Fitbit, dass wir nun 13 Kilometer und 4:30 Stunden unterwegs seien. Da dreht sich Monsieur um und grinst: „Das wundert sich sicher, wem du es heute Morgen ausgeliehen hast.“

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Preisleistungsverhältnis

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Das stand so in der Beschreibung der Wanderung: Bon rapport: montée-panorama.

Ich sehe da sofort vor mir den gewieften Gebrauchtbergehändler, der erst den Kopf schüttelt und sich dann die Hände reibt: „Nein, nein, bei den Höhenmetern, da kann ich Ihnen leider nicht entgegenkommen, da gibt es keinen Rabatt. Aber betrachten Sie doch mal das Preisleistungsverhältnis von Aufstieg zu Aussicht. Phantastisch, oder?“

Wir kaufen ihm das ab für den Crêt de Chalam. Die letzte Wanderung für den Kurzurlaub unseres Ältesten führt in den Jura. Wobei der Crêt de Chalam mit seinen 1545m deutlich mehr Höhenmeter in die Waagschale werfen kann als die Alpenwanderung mit ihren 1100 Metern Höhe.

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In der Beschreibung standen auch wieder die Warnungen, dass der Aufstieg zwar eher gemütlich sein, die Route für den Abstieg aber „raide et rude“, steil und rüde sei. Was mich dazu bringt, den Crêt de Chalam von hinten auf zu rollen. Wir nehmen das steile Stück zum Aufstieg und gönnen den Knien den sanfteren Abstieg. Das ändert natürlich nichts an den Höhenmetern, siehe oben, rauf ist rauf. Dass der Weg nicht als Wanderweg markiert ist (balisage manquant, mais chemin logique) führt zu kurzem Zögern am Anfang. Rechts geht der breite, „offizielle“ Weg zum Crêt de Chalam, links steht „terrain privé“, allerdings mit einer Zaun-Schleuse für Wanderer. Wir nehmen das als Eintrittskarte und folgen dem „logischen“ Weg, der erstmal nur eine ausgefahrene Traktorspur ist, die dann in sumpfigen Wiesen zum Trampelpfad wird. Ist nicht so ganz klar, ob das wirklich ein Wanderweg ist, oder ob hier die Kühe gemütlich nach Hause schlendern. Schließlich überquert der Pfad ein Bächlein und wird dann so steil und felsig, dass keine vernünftige Kuh den nehmen würde, als doch Wanderweg.

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Wir steigen durch den Wald nach oben, wohl wissend, dass der Crêt de Chalam wie ein Zuckerhut aus dem Wald herausragt. D.h. das „richtig“ steile Stück kommt erst noch. Dafür arbeitet der Weg durchaus erfolgreich am Preisleistungsverhältnis. Immer mal wieder gibt es Lichtungen, die uns den Blick auf die Almen im Tal erlauben und die gegenüberliegende erste Jurakette. Links die Spitzen von Reculet und Colomby de Gex, rechts die schroffen Felsabbrüche des Cirque des Avalanches. Und über dem Gipfelgrat schwebt, wie ein Sahnehäubchen auf dem Eiskaffee, der Mont Blanc.

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Durchaus beeindruckend! Genauso schön, aber viel näher, ist die Pracht der Jurawiesen. Wir streifen durch hüfthohes Doldenmeer, von weiß bis dunkelrosa. Dazwischen die tiefvioletten Spitzen irgendeines Lattichs. Die dunklen Kugeln der Alpendisteln wissen wohl nicht, dass sie im falschen Bergmassiv sind. Wilde Rosen häkeln sich am Waldrand in die Bäume. Der gelbe Enzian protzt und dominiert wie ein prolliger Halbstarker, kann aber nicht von der filigranen Schönheit der Türkenbünde ablenken. Und dazwischen, eher unauffällig und unscheinbar-harmlos, genug gelber Eisenhut, um eine mittlere Kleinstadt zu vergiften.

Am Col d’Encoche kommen wir aus dem Wald und sehen den kurzen, steilen Auftieg vor uns. Raide et rude, ja, aber kein Problem. Es stellt sich heraus, dass das nur eine Mogelpackung ist, ein kleiner Appetitanreger. Als wir uns auf den vermeintlichen Gipfel hochgearbeitet haben, sehen wir, dass der eigentliche Aufstieg noch vor uns liegt. Der ist dann wirklich so, dass ich heilfroh bin, ihn „nur“ bergauf klettern und krabbeln zu müssen. Zum Glück wird es ein paar Höhenmeter vor dem Gipfel wieder etwas flacher, so dass ich aufrechten Ganges zu der Bank schreiten kann, die dort steht. Mit einem wohligen Seufzer lasse ich mich auf die Sitzfläche fallen. Im selben Augenblick landet eine kleine pelzige Biene auf meinem Arm. Wir haben sofort eine tiefe innere Beziehung, sie sieht nämlich genauso erschöpft aus wie ich. Meine kleine flauschige Freundin bleibt dann auch die ganze kurze Wasser-und-ein-Apfel-Pause über bei mir, lässt sich sogar noch ein paar hundert Meter bergab tragen, bevor sie sich fit genug fühlt, wieder ihren eigenen Weg zu gehen.

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Unser Weg geht über in Holz gefasste Stufen angenehm einfach den Berg hinunter. Knapp zwei Stunden nach Beginn stehen wir wieder auf dem Wanderparkplatz und packen die Brote aus. Die Croissants hatten wir schon am Auto vor der Wanderung gegessen, wieder etwas, das nicht den Berg hoch getragen werden muss.

Bis dahin war die Wanderung sehr schön, allerdings ziemlich kurz, was das PreisleistungsVerhältnis von Autofahrt zu Wanderung doch arg in Schieflage bringt. Zuhause hatte ich schon eine weitere Schleife ausgesucht, über den Crêt au Merle, sozusagen zwei Crêts zum Preis von einem. Der Weg, der hochführt, ist ein breiter geschotterter Holzabfuhrweg, von dem es aber kurz drauf links ab und steil bergauf geht. Die Wiesenpracht ist hier etwas eingedämmt durch die Jungrinder, die getreu dem Spruch: Eine Kuh macht vorne Muh und hinten Mist, die Blumenpracht in dunkelbraune Fladen verwandelt haben. Wir stapfen unter Vermeidung dieser Tretminen hoch zum Gipfel, wo wir nicht nur über das Panorama (Tolles Preisleistungsverhältnis!) staunen.

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In der Beschreibung stand nämlich, man solle eine Sichtline zur im Tal liegende Ferme de Malatrait herstellen und auf dieser Linie – ohne Weg – absteigen. Das klingt schon recht gewagt, wird aber geradezu abenteuerlich durch die Tatsache, dass wir nur eine schwarze Wand von Nadelwald sehen, kein Bauernhof, kein Tal, keinen Weg im Tal. Dafür läuft vom Gipfel aus eine Bruchsteinmauer den Grat entlang und daneben – kaum erkennbar – eine Fußspur durchs taunasse Gras.

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Monsieurs Lebensgefährtin meint zwar, die in Open Street Map genau da eingezeichnete Linie sei die Grenze zwischen den Departements Jura und Ain, aber wir sehen dort einen Pfad, um auf dem Höhenrücken ans Ende des Tals zu kommen, ohne das Risiko zu laufen, vor Felsabbrüchen zu stehen. Nicht dass ich Angst hätte da hinunter zu fallen, so schnell laufe ich nicht, dass ich nicht jederzeit abbremsen kann. Nein, ich fürchte mich mehr vor der inhärenten Schlussfolgerung: hier geht es nicht weiter bergab, wir müssen wieder zurück – bergauf.

Der Pfad wird immer verwunschener. Unser Ältester, 2,05m groß, geht als Pfadfinder voraus und meldet seine Erkundigungen. „Hüfthohes Brombeergestrüpp voraus!“ – „Das heißt für uns dann: brusthoch,“ murmelt seine Schwester trocken. Die Brombeeren entpuppen sich als harmlose Himbeeren, was vom ihm schulterzuckend mit „Halt eben so grüne Blätter mit Beeren dran“ kommentiert wird.

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Wir steigen mit dem Pfad über Trockensteinmauern und stehen vor einer Lichtung mit einem zerfallenen Bauernhaus. Ein Feldweg kreuzt, nach rechts, sagt Open Street Map, führt er recht schnell zu dem Holzabfuhrweg und dem Wanderparkplatz, links im weiten Bogen in das Tal, an dem die Ferme de Malatrait liegt.

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Wir entscheiden uns gegen Schotter- und für Waldwege und sehen wenig später den breiten Wanderweg, der an der Ferme vorbei zur Straße führt. Die Großen ziehen das Tempo ein bisschen an. Sie wollen mir das letzte Stück Straße zum Parkplatz ersparen. Sehr weit müssen sie mit dem Auto nicht fahren. Als wir vom Wanderweg auf die Straße kommen, steht mein Auto genau gegenüber – auf dem Parkplatz des „Refuge Le Berbois“. Da bekommt man nach einer langen Wanderung nicht nur Getränke, sondern auch Crêpes mit hausgemachter Rhabarbermarmelade.

Für 2,50 Euro. Tolles Preisleistungsverhältnis!

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Glaubensfrage

 

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Bis ans Ende der Welt… und zurück.

Haben wir schon zwei, drei Mal gemacht. Mit den Kindern, mit Freunden.

Der Weg vom Fer à Cheval bei Sixt bis zum Ende des Tales, dem „Bout du Monde“, dem Ende der Welt, ist ein sehr beliebtes Ausflugsziel.

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Grandiose Berglandschaft, so viele Wasserfälle, dass man aufhört sie zu zählen. Breite Wege, kaum Steigung, das macht natürlich leichtsinnig und übermütig. Oder – in unserem Falle – leichtgläubig. Wir glauben nämlich, dass wir den „Pas du Boret“ nehmen können, einen kleinen steilen Pfad in der Felswand, der zum Chalet du Boret führt auf der – Blickrichtung Bout du Monde – linken Schulter des Tales.

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Von da geht es auf der Höhe zum Ende der Welt, wo wir wieder hinabsteigen in das Tal und den breiten Wanderwegen, wahlweise rechts oder links des Giffre zurück zum Parkplatz folgen können. In der Beschreibung steht zwar etwas von passages délicates, aber wir glauben fest daran, mit delikaten Situationen umgehen zu können. Auch der Warnhinweis, dass der Felssteig nur für „experimentierte“ Wanderer, wie Monsieur übersetzt, sei, beeindruckt uns nur wenig, zumal Monsieur meint, dass man ja schließlich auch aus fehlgeschlagenen Experimenten viel lernen könnte. alp8

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Das können wir nur bestätigen, denn nach dem zweiten Wasserfall, vor der zweiten Seilpassage, beschließen wir, das Experiment abzubrechen. Dafür erfinden wir die neue Trendsportart „Wandern lassen“, denn unsere beiden Großen wollen den Weg fortsetzen. So trennen wir uns und lassen sie  in die Höhe steigen, von wo sie wundervolle Fotos mitbringen. Nur zur Orientierung: Fotos von oben in das Tal stammen von ihnen, Fotos von unten in die Höhe sind dann von Monsieur.

 

Wir sitzen aber vorerst eine Weile auf einem knappen Felsvorsprung und überlegen, was uns mehr Angst macht, dem unbekannten Weg nach oben zu folgen oder den bekannten Pfad hinabzusteigen. Glauben dann – eigene Grenzen erkennen und akzeptieren und so – doch eher mit dem bekannten Angstpotential fertig zu werden und rutschen und klettern hinab zu dem Pfad, der uns an die Ufer des Giffre führt.

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Ab da sind dann die einzigen Herausforderungen die sehr wackeligen Hängebrücken über die Stromschnellen, jede mit ihrem eigenen Unterhaltungspotential. Wir gönnen uns eine kleine Pause und staunen über die Vielfalt der Ansätze zum Überqueren der Brücken. Von Augen-zu-und-durch bis zum Stehschaukler. Natürlich gibt es auch das Pärchen, bei dem er sie mit genauen Regieanweisungen dreimal zurück zur Mitte staksen lässt – rückwärts -, bis wohl der optimale, völlig spontane und natürliche Schnappschuss gelungen ist.

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Irgendwann stellen wir fest, dass wir an unserer neuen Trendsportart noch etwas schrauben müssen. Es ist nämlich so, dass unsere beiden Ältesten die Rucksäcke mit dem Proviant haben und wir den Hunger. Dazwischen liegen knapp 400 Höhen- und etliche Kilometer. Bisschen ungeschickt, ja, aber das sind halt die Kinderkrankheiten bei solch neumodischen Dingen.

alp3Die einfachste Lösung für unser Problem ist das Chalet de Prazon. Das erreichen wir, vorbei an meterhohen Schneewänden, in die sich Wasserfälle ergießen, nach kurzer Zeit. Kulinarisch ist es eher so mittelmäßig, aber es bietet Getränke im Schatten und eine „tarte aux myrtilles“ zum Abschluss.

Der Rückweg zum Parkplatz ist dann eher Sonntagsmittagsspaziergang. Bis auf die paar Hundert Meter, wo der Nebenbach beschlossen hat, dass es doch viel lustiger sei auf dem Wanderweg statt in seinem Flussbett zu laufen. Haben wir ihm gegönnt, den Spaß und die Wasserkühlung unter den Füßen genossen.

 

Natürlich muss man bei solchen kleinen Abenteuern auch gelegentlich bereit sein, ein Opfer zu bringen. Heute sind es meine alten Wanderschuhe. Eigentlich längst aussortiert, aber manchmal doch noch im Einsatz. Sie trennen sich von der Sohle und ich mich von ihnen. Mit einem kleinen Hauch Nostalgie versenke ich sie in der Mülltonne, bevor Monsieur auf die Idee kommt: Das kann man doch noch mal kleben.

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Nein, kann man nicht und ich glaube, das ist auch gut so.

 

 

 

 

Jour J moins deux

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Wir erleben den „jour J-2“ der ersten Phase des Deconfinent. Was nach einem militärischen Einsatzplan klingt, heißt einfach, dass übermorgen unsere 100-Kilometer Hundeleine abgeleint wird und die große Freiheit beginnt.

Nun kann ja zu viel Freiheit gelegentlich etwas beängstigend sein, deshalb nähern wir uns ihr in kleinen Schritten. Zwar noch innerhalb des von der Hundeleine vorgegebenen Radius, aber – und wir fühlen uns sehr abenteuerfreudig dabei – in einem anderen Departement. Für unsere Pfingstwanderung überschreiten wir die Rhône und begeben uns ins Departement Haute-Savoie.

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Nun hat das 74er-Departement die Alpen zu bieten, Chamonix und den Mont Blanc, aber so hoch hinaus wollen wir gar nicht, im mehrfachen Sinn. Wir begnügen uns mit Dreistelligem, sowohl beim Ziel als auch bei den Höhenmetern. Dafür wird es adlig. Auf den Monts des Princes ist unser Ziel deren Belvedere, nach dem Picknick bei der Ferme du Comte. Wir fangen bei knapp 500 Metern an und erreichen bei 935 Metern den Höhepunkt der Wanderung. Da unsere Große halb so alt, aber doppelt so fit (mindestens) ist wie ich, trifft es sich gut, dass sie Monsieurs Begeisterung für Orchideen geerbt hat.

Das gibt mir halbwegs die Chance, nicht allzu weit abgeschlagen zu folgen, denn Orchideen gibt es genug. Die, die wir schon oft gesehen haben: Knabenkräuter. Dann die mit einem gewissen Sinn für Tarnung. Wie soll man das sonst erklären, dass eine Orchidee wie das Kohlröschen nach gleich zwei anderen Pflanzen heißt. Da ist die Zweiblättrige Waldhyazinthe geradezu phantasielos dagegen. Meine besondere Freundin ist eine unscheinbar braune Orchidee, die eher wie ein hässlich vertrocknetes Unkraut daherkommt. Pestwurz, will Monsieur mir wahrmachen. Nun weiß ich auch nicht, wie diese Orchidee heißt, aber bei Pestwurz sehe ich große behaarte Blätter vor mir und eine fast einen Meter hohe Blütenrispe – in rosa. Monsieur sieht ein, dass da etwas nicht stimmt und ruft seine Pflanzen-App auf.

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Bis die Große und er herausgefunden habe, dass sie sozusagen dem eigenen, mentalen Autokorrekt zum Opfer gefallen sind – es ist eine Nestwurz – habe ich mir drei Serpentinen Vorsprung erarbeitet. Der natürlich nicht lange vorhält. Irgendwie kommt es mir vor wie verkehrte Welt. Denn anders als bei Urlaubsreisen vor langer Zeit, bin ich diejenige, die quengelt: „Ist es noch weit, sind wir bald da? Wie hoch sind wir schon?“ Die Große verblüfft mich mit einem grinsenden „725 Meter, das habe ich genau im Gespür!“ Als ich dann um die nächste Kurve komme und vorm „Chalet de l’ecureuil, altitude 725m“ stehe, verstehe ich auch wieso.

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Auf der Ferme merken wir, dass der Pfingstsonntag mehr als eine Familie zum Ausflug animiert hat. Sie lagern um uns herum. Der 16jährige, ganz in schwarz, mit demonstrativem Abstand zu Eltern und kleinen Schwestern, einfach zu peinlich, wenn ihn ein Klassenkamerad hier sehen würden. Die unkaputtbaren 5- oder 6jährigen, die um ihre vom Aufstieg erschöpften Eltern herumtoben. Die Familienfreundesgruppe mit einem guten Dutzend Kindern, die mitten auf dem Weg ihr Picknick und sich selbst ausbreiten, so dass alle anderen um sie herumsteigen müssen, ohne dass sie das im Geringsten stört.

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Alle natürlich mit dem vorgeschriebenen Abstand zueinander, auch wenn die begleitenden Hunde sich nicht an die Corona-Regeln halten und engeren Kontakt suchen.

Wir navigieren um die Großgruppe herum, auf der Blumenwiese ist ja genug Platz. Eng wird der Pfad dann im Wald. Eng und verwunschen schön, ganz besonders, als die Lapidaz mit ihren Felsspalten zu überqueren sind. Türkenbund in Knospen löst die Orchideen ab.

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Allerdings ist das vielgepriesene Belvedere etwas enttäuschend. Der Ausblick ist eher „ja, ganz nett!“ Da hat Savoyen, selbst in dieser Höhenlage, durchaus Grandioseres zu bieten. Lustig allerdings die Picknicker um uns herum. Das Paar mit Vierjähriger, die sich – Astronauten gleich – Kompotts und ähnliches aus Plastiktütchen einsaugen. Etwas weiter das ältere Paar, wohl vorbereitet mit Thermomatte unterm Po und Linsensuppe im Henkelmann. Der Duft wabert übers Felsplateau.

 

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Für den Abstieg gibt es zwei Alternativen, gemächlich und steil. Wobei die steile Variante als Bonus noch St. André, eine alte romanische Kapelle, als Ruine, bietet. Zwei Worte, denen ich noch nie widerstehen konnte. Es ist nicht ganz angenehm für die Knie, aber das Eckchen mit der Ruine ist wirklich ein bezaubernder Fleck. Andrés Aussicht auf den Fier ist in meinen Augen viel schöner als die der Prinzen.

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Von dem Kirchlein sind es dann nur noch fünf Minuten bis zum unteren Wanderparkplatz, wo Monsieur sich anbietet, das Auto vom oberen Parkplatz zu holen. Mein Prinz!

 

Himmelblau

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Unsere erste Wanderung nach dem Aufheben des Hausarrests. Das confinement hörte am 11. Mai auf, dafür leben wir jetzt in einem „état d’urgence sanitaire“, dem „sanitären Notstand“. Das klingt für mich erstmal so, als ob man sich eher auf seinen Klempner verlassen sollte als auf seine Politiker. Es sind aber die Politiker, die entschieden haben, dass wir nun zwar rausdürfen, aber nur in einem Umkreis von 100 Kilometer und am besten nur im eigenen Departement. Dafür gibt es eine schicke Internetseite,  auf der du deinen Wohnort eingeben kannst und dann deinen „Spielraum“ gezeigt bekommst.

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In Deutschland – lesen wir – regen sich Menschen über Maskenpflicht und Maulkorbeffekt auf, wir hier haben halt wie ein Hofhund eine Leine, an die wir gelegt sind. Dass die Leine von einem auf hundert Kilometer verlängert wurde, ist erstmal ganz nett. Trotzdem bleibt Leine Leine.

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Das macht die Auswahl der ersten Wanderung abhängig von verschiedenen Faktoren. Den ganz eigenen, zu steil bergauf oder bergab will ich nicht, und den vom sanitären Notstand vorgegebenen.  Das Plateau de Retord erfüllt beide Bedingungen und das ist dann unser Ziel. Nicht die „Standardschleife“ von Cuvéry aus.

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Wir starten bei Plan d’Hotonnes (unter den 100 hässlichsten Skiorten – naja, ihr kennt den Spruch), in Bergonnes. Das spart uns von der vorgeschlagenen Wanderung ein paar Höhenmeter, vor allem aber das Wandern unter hässlichsten massiven Hochspannungsleitungen. Wir machen uns auf zum Crêt du Nu. Der ist eine Mogelpackung, was das „nu“ angeht, aber der Weg bietet alles, was man sich von einer Frühlingwanderung erhoffen mag.

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Himmelblaue Vergissmeinnicht-Teppiche unter knorrigen Hainbuchen. Da hinein gewoben rosa Geranien, gelbe Trollblumen und das quietschige Neongrün der Wolfsmilch. Dazwischen ein paar Tupfen dunkelblauen Salbeis oder die weißen Sternchen der Narzissen.

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Wir verlassen den vorgeschlagenen Weg für einen Schlenker zum Panorama-Punkt. Die Wegweiser werden zunehmend kryptischer, der Weg immer verwunschener, bis wir auf einer Wiese über einem Felsabbruch stehen. Gut, den Mont Blanc können wir von unserer Terrasse aus auch sehen, aber hier tut sich dann der Blick auf Richtung der Ketten des Bauges- und Chartreuse-Massivs. Als kleiner Bonus kreuzt eine Gämse unseren Weg.retord2

Auf dem Crêt du Nu stellen wir uns einem weiteren Aspekt des sanitären Notstandes: Restaurants, Cafés, Bistros – alle noch geschlossen bis Anfang Juni, mindestens. Da wird aus dem sanitären Notstand ganz schnell ein kulinarischer Notstand.

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Dem haben wir natürlich vorgebeugt – mit unserem eigenen Restaurant „Zur schönen Aussicht“ – und welch eine Aussicht! –  und unserem Drei-Gänge-Menü aus dem Rucksack. Zuerst gibt es vorweg einen kleinen Kuss aus der Küche, dann als Vorspeise: „Petite tartine faite maison“ (die erste Hälfte der Stulle) als Hauptgang „Roti de boeuf sur son lit de salade, accompagné de son pain complêt“ (die zweite Hälfte der Stulle mit den Resten vom Sonntagsbraten und ersten Salatblättern aus dem Garten), den krönenden Abschluss bildet als Nachspeise ein Müsliriegel. Nur an der Espresso-Krise lässt sich im Augenblick nichts machen.retord9a

 

Nach dem opulenten Mahl geht es nur noch bergab bis eben zu dem Punkt, wo sich der Weg noch einmal durch die Wiesen etwas bergauf windet. Weg ist ein bisschen übertrieben, wir sind uns nur dank der GPS-Version der Wanderung sicher, dass wir hier abbiegen müssen. Ansonsten hätte ich gedacht, das ist der Pfad, den die Kühe zum Abendgebet nach Hause nehmen.

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Ich war so auf „nur noch bergab“ eingestellt, dass ich ein bisschen herummaule und auf einer kleinen Pause bestehe, was Monsieur die Möglichkeit gibt, nach Herzenslust Orchideen zu fotografieren. Mir fällt gerade auf, es wäre geschickter gewesen, ich hätte das genau anders herum formuliert. Dass ich Monsieur die Möglichkeit… Klingt viel sportlicher. Ich bin aber nicht sportlich, jedenfalls nicht sportlich genug, den kleinen Abstecher, natürlich bergauf, zum „gouffre de le Bauche“ zu machen. Wenn schon in der Wanderbeschreibung steht, er sei „peu impressionnant et difficile à trouver“, können wir uns den beruhigt schenken.

 

Viereinhalb Stunden nach dem ersten Schritt kommen wir wieder am Auto an. Knie, Hüften und Füße sind mit uns einer Meinung, dass das für eine erste Wanderung eine schöne kleine Herausforderung war. Mal schauen, was wir fürs nächste Mal aussuchen – im Radius von 100 Kilometern natürlich.

 

 

Wandern ohne die Harry-Potter-Brille

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In einer vergessenen Ruinenstadt freigesetzt zu werden, ist eine meiner Vorstellungen von Spaß haben. Deshalb habe ich vor der Wanderung eine Stunde „rumstöbern“ am Ausgangspunkt Aphendrika eingeplant. Die Stadt liegt völlig einsam. Der leichte Nieselregen hört bald auf und wir können nach Herzenslust stöbern – mit kleinen Einschränkungen. Das ganze Ruinenfeld ist von übermannshohen Disteln bewachsen, dazwischen schmale Trampelpfade. Also halten wir uns an die Pfade, klettern hier über eine Mauer, stehen da in den wenigen noch erhaltenen Gebäuden und treffen die einheimische Bevölkerung.

d01aSchließlich finden wir den Ausgangspunkt der Wanderung und das ist der Moment, in dem Monsieur feststellt, dass er beim Fotografieren im ständigen Hin und Her von Sonnenbrille aus – Brille an – Brille aus – Sonnenbrille an seine Brille verloren hat. Also gehen wir alle Pfade ein zweites, drittes und auch viertes Mal, um zu schauen, ob eine Distel sich die Brille aus der Brusttasche des Hemdes geangelt hat. Schauen an allen Punkten, an denen Monsieur fotografiert hat aufmerksam nach, ob er sie nicht einfach zerstreut auf einer Säule, einem Mauerrest in bequemer Höhe abgelegt hat. Dass Monsieurs fast unsichtbare Metallgestelle ohne Fassung bevorzugt, macht die Sache schon zuhause nicht leicht – „Du, ich habe meine Brille verlegt. Siehst du die?“ – hier ist die Suche erfolglos. Ist nicht ganz so tragisch, es ist eh nur die Urlaubs-, die Harry-Potter-Brille. Zwei Mal am Bügel geflickt, geklebt, beim zweiten Mal mit einer aus einem Kugelschreiber recycelten Metallhülse verstärkt. Die Metallhülse ist auch der Grund, weshalb man die Brille nun nicht mehr zusammenfalten kann, was zur Folge hat, dass man sie nicht ins Etui legen kann, was zur Folge hat, dass „man“ sie lose in der Brusttasche trägt, was zur Folge hat, dass…

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Zum Glück hat Monsieur in den Tiefen des Rucksacks seine reguläre Brille dabei und der Wanderung steht nun nichts mehr im Wege. Mein Fitness-Armband zeigt, dass wir die ersten drei Kilometer schon hinter uns haben, in den Ruinen von Aphendrika, auf der Suche nach der Brille.

Es geht gemächlich hoch, vom Meer weg in die Wälder auf dem Hügel, der hier den Inselrücken bildet. Irgendwann zeigen grüne Markierungen an hintereinander liegenden Bäumen, dass wir den Weg verlassen und dem Pfad in die Macchia folgen sollen. Da wird es schon ein bisschen abenteuerlicher, denn diese Macchia besteht zu 90% aus kniehohen Pflanzen, die mit drei, vier Zentimeter langen Dornen besetzt sind. Der Pfad wird immer enger, Eselspfade kreuzen und die Lage wird so unübersichtlich, dass Monsieurs Lebensgefährtin, d.h. die auf ihr befindliche GPS-Version der Wanderung es richten muss. Mit Karte und Wegbeschreibung allein wäre das nicht möglich gewesen. Irgendwann kämpfen wir uns aus der Vegetation und sehen vor uns die Pyramide 94, ein kleiner Betonkegel, der uns darüber informiert, dass wir immer noch auf dem Besparmak-Trail sind und welche der vier angezeigten Optionen wir nehmen sollten. Das alles unter den Augen einer sehr aufmerksamen Schafsherde mit Jungtieren, eine Schafmutter hat tatsächlich ein weißes und ein schwarzes Lamm. Wir folgen dem Pfad locker über ein beackertes Feld und stehen mitten in der nächsten archäologischen Sensation. Mit der Fußspitze können wir Amphorenhenkel aus der roten Lehmerde lösen, dickwülstige Krugränder oder Schalenböden. Monsieur findet ein größeres Steinbecken, Handmühle? Waschbecken? Das ganze Feld ist überstreut mit den Resten einer alten Ansiedlung. Ich würde so gerne zu Schaufel und Pinsel greifen. „Mach erst mal ein Luftbild oder eine Magnetfeldmessung“, schlägt Monsieur vor und zeigt, dass er viel unemotionaler an die großen Entdeckungen herangeht.

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Das Feld kreuzt ein breiter Weg, der zum Ziel der Wanderung, dem „Roten Felsen“ führt, laut Wanderführer angeblich Zyperns Antwort auf Ayers Rock. Nun ja.

Aber ein kleines Stück den Weg hinunter stehen „Schau mal, Wildesel!“, die uns „Schau mal, Touristen!“ genauso aufmerksam beobachten wie wir sie. Bis auf 30 Meter lassen sie uns herankommen, als ich nach der Kamera greife, galoppieren sie ins Unterholz. Dort hören wir sie schnauben und grasen, zu Gesicht bekommen wir sie nicht.

Kurz darauf wird die Wanderung unangenehm, so unangenehm, dass wir im Geiste immer schärfer formulierte Briefe an die Redaktion des Wanderführers ausdenken. Der Pfad, der uns in die Ebene zurückführen soll, ist fast nicht mehr existent. Ab und an entdecken wir ein völlig verblasstes grüngelbes Zeichen, aber es scheint, als ob hier in den letzten zehn Jahre kein Mensch durchgekommen sei. Die biestigen Büsche sind hier übermannshoch. Sie erhalten Unterstützung von daumendicken Brombeerranken. Besonders übel ist eine scheinbar harmlose dünne Ranke, die nicht nur fast unkaputtbar ist, sondern auch noch widerborstige Dornen trägt. Diese Ranke liegt gern in Knöchelhöhe als Fußangel über dem „Weg“. Wir kämpfen uns durch dieses Dickicht, holen uns Schrammen und Kratzer, aber am meisten ärgert mich, dass meine funkelnagelneue Vaude-Wanderhose Opfer der Ranken und Dornen wird, die Fäden und kleine Löcher reißen. Gelegentliche auf dem Weg liegende Eselskelette tragen auch nicht gerade zur Erheiterung bei, ebenso wie Monsieurs Ansage, dass es noch „Luftlinie 2000, 1000, 800… Meter“ sind, gefolgt von einem: Keine Ahnung, ob wir durchkommen oder ob wir alles wieder zurückgehen müssen.

Wir kommen durch und atmen erleichtert auf beim Anblick der Traktorspur vor uns. Dass auf der anderen Seite eine Eselfamilie mit Jungtieren steht, betrachten wir als kleinen Bonus.

Wir ziehen ein bisschen das Tempo an, denn vor uns liegt das Motivationsziel der Wanderung, der Abschnitt an der Küste, am Strand entlang. Das, was uns stur durch Brombeerranken und Dornen hat breschen lassen: „Und hinterher machen wir Pause am Strand und springen ins Meer.“

Als wir ankommen, bin ich fast den Tränen nah, nicht aus Erschöpfung, mehr aus Wut und Empörung. Monsieur tut sein Bestes und fotografiert sehr vorsichtig und selektiv die wunderbaren Felsformationen im azurblauen Wasser. Hätte er sich ein bisschen nach links gedreht, hätte er den ganzen unsäglichen Müll mit auf dem Bild gehabt. Es ist ekelerregend und empörend gleichzeitig und nimmt uns natürlich jegliche Lust, dort ins Meer zu springen. Die nächsten Buchten sind nicht besser, im Gegenteil. Nicht nur oberhalb der Brandungslinie liegt der angeschwemmte Müll, auch hinter Felsen und Büschen landeinwärts wurde Müll deponiert. An einer Stelle haben wir den Eindruck, dass eine Autowerkstatt ihre Geschäftsaufgabe hier abgewickelt hat: Dutzende schwarzer Müllsäcke, aus denen Schmierölflaschen und anderes herausquellen, der Bildschirm des Firmencomputer liegt daneben. Als wir denken, schlimmer geht nimmer, taucht der Weg von den Felsen hinab zum Sandstrand. Dort stehen – auf dem Weg und im Müll auf dem Weg – eine Herde Schafe, der Bock mit beeindruckenden Hörnern. Ihre Köpfe sind in den Müll gesenkt, ihre Lippen knabbern an geschredderten Plastikflaschen und anderem. Als er uns kommen sieht, drängt der Boss seine Damen landeinwärts auf die abgeernteten Felder. Vielleicht haben wir ihnen so die ein oder anderen Magenschmerzen erspart.

An der kleinen Bucht, die den Hafen Aphendrikas beherbergen soll – in der Theorie angeblich komplett mit beim Schnorcheln zu findenden Säulen und Amphoren im Sand, in der Praxis aber eher abschreckend – biegen wir landeinwärts, zurück zur Ruinenstadt und unserem Auto. Der Weg ist so schlecht, dass einem Geländewagen das „4×4“ in schwarzem Plastik abgefallen ist, was aber offensichtlich die wilden Mülldeponierer nicht von ihrem Tun abhält.

Unsere kleine optimistische Fantasie, dass ein lieber Mensch zufällig die Brille gefunden und auf dem Autodach deponiert hat, erweist sich als genau das – Fantasie. Unser Auto steht genau so einsam und verlassen wie am Morgen. Vielleicht war ja den ganzen Tag niemand außer uns hier.

Dann setzen wir um, worauf wir uns die letzten heißen Kilometer gefreut haben: ein Stopp in Ayos Philon. Natürlich können uns byzantinische Bögen immer begeistern, besonders, wenn sie fotogen und dekorativ unter Palmen stehen. Aber das Kirchlein hat noch einen großen Vorteil: direkt daneben liegt eine kleine Bar mit wunderbarem Blick übers Meer.

Und da gönnen wir uns einen sun downer und lassen die Sonne ihre Arbeit tun.

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