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That’s the Cypriot way

 

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Busfahrer sind ja oft eine Seele von Mensch mit Nerven wie Stahlseile. Meiner heute Morgen blafft schon nach den ersten fünf Minuten den Autofahrer an, der ihm bei Grün die Kreuzung zustellt. Dabei ist der ein Einheimischer, er hat nämlich kein weithin sichtbares Warnschild am Auto. Auf Zypern, beiden Teilen, ist es nämlich so, dass die lokale Bevölkerung gewarnt wird. Mietwagen haben ein rotes Nummernschild, was so viel heißt wie „Achtung, potentiell gefährlicher Fahrer, der in Krisensituationen zu falschen Reaktionen neigt“. Wie z.B. auf den einspurigen Straßen nach rechts zu ziehen, wenn Gegenverkehr auftaucht. Das einzige Mal, dass das uns passiert ist, trug das andere Auto auch ein rotes Nummernschild und der Fahrer reagierte genauso falsch wie Monsieur. Trotzdem war die Straße so schmal, dass wir nicht an einander vorbeikamen. Es bedurfte dann einiger Kurbeleien und Rücksetzmanöver, bis wir – jeder betont auf der richtigen Seite – das Ausweichmanöver geschafft haben.

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Vielleicht hat der Busfahrer einfach nur einen schlechten Tag erwischt, am Parkplatz in Paphos schnauzt er: „Last stop, get off!“ Das tun alle auch etwas hektisch, nur um dann vor dem Fahrstuhl, der den tief unten liegenden Parkplatz mit den Sträßchen oben verbindet, festzustellen, dass wohl auch Paphos einen schlechten Tag hat. So weit zu laufen ist es aber auch nicht nach oben, obwohl der Weg doch etwas schwierig ist. Vor mir Britinnen, die mir deutlich mehr zeigen, als ich je sehen möchte, neben ihren Partnern, die in kurzer Hose und im Wind flatterndem offenen Hemd ihrem Bierbauch zeigen, was Freiheit und Sonne ist. Und leider nirgendwo ein bisschen Meeresblick, der mich ablenken könnte. Zum Glück lassen sich diese Mitmenschen beim ersten Café in die Korbsessel fallen und ich kann meinen Blick wieder von meinen Füßen heben.

Paphos kann mich leider nicht bezaubern. Die versprochenen schönen Altstadtgässchen sind vollgestellt mit Ständen. Es ist ein seltsames Gefühl, bei 27° an Weihnachtsdeko vorbei zu schlendern.

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In der alten Karawanserei hätte ich mir eventuell eine Kaffeepause gegönnt. Die gibt es aber nur mit Blick auf die „Kunscht“, die achtbeinige. Da mir schon kleinere Exemplare dieser Art den Tag verderben, bin ich doch eher abgeneigt hier zu entspannen. Ein paar Schritte weiter ist die Moschee/Kirche verrammelt, genauso wie der alte Hamam. Das Gefühl mit dem „schlechten Tag“ verstärkt sich, bis ich dann diese geniale Geschäftsidee sehe und zum ersten Mal richtig lächeln muss heute Morgen. Natürlich brauche ich so ein Day Care Center nicht, ich habe Monsieur heute Morgen bei der Konferenz abgegeben, da hat er den ganzen Tag Spiel und Spaß mit seinen Freunden und Kollegen. Aber nett ist die Idee schon.

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Spiel und Spaß mit Freunden und Kollegen heißt dann ab 14 Uhr Konferenzausflug. Ein bisschen langweilig für uns, denn das Programm ist ähnlich wie beim letzten Mal. Gut, damals war es Kouklia und dann Kloster, heute ist es Kloster und dann Kouklia. Es ist kurz nach halb sechs und stockfinster, als wir beim Aphrodite-Heiligtum ankommen. Ich mit der geheimen Hoffnung, dass das Heiligtum bei Dämmerung schließt. Aber nein, es ist offen und wir bekommen die gleichen Geschichten wie letztes Mal erzählt. Achja, noch etwas ist anders: letztes Mal gab es eine Weinprobe im Burghof der Kreuzritterburg, die findet heute nicht statt. Dafür werden wir auf einem anderen Weg wieder herausgeführt, weil das Haupttor inzwischen geschlossen ist. Unter Sätzen wie: „Hier könnten Sie sehen, wenn Sie etwas sehen könnten…“ Zwei italienische Studenten hinter mir machen sich einen Spaß, imaginäre Kunstkostbarkeiten zu bewundern. Unter dem Gekichere verstehe ich nur Happen wie „pavimento a mosaico“ oder „affresco“ und „primo secolo“ und noch mehr Gekicher.

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Zu Fuß geht es ein paar Gassen weiter bis zum Dorfplatz von Kouklia, wo Efraims Taberna für uns mit Tischen und Stühlen auf die Straße herausquillt. Nachdem alle ihren Platz gefunden haben, erscheinen Platten und Teller und Schüsseln mit einer Köstlichkeit nach der anderen. Gegrillter Halloumi, Auberginen in Eierteig, Lammspießchen, Fisch-, Fleisch-, und Reisbällchen, Ravioli mit Halloumi gefüllt, Bulghur-„Risotto“, geschmortes Rindfleisch, gebratene Pilze und und und die Hälfte habe ich sicher vergessen. Immer wieder kommt einer der Veranstalter an die Tische und fordert auf, mehr zu essen, mehr zu trinken, that’s the Cypriot way!

Am Mittwoch, nach dem schrecklichen Fish-Dinner, hatten wir uns mit dem russischen Tischnachbarn auf ein resigniertes „At least, it’s an experience“ geeinigt. Heute können wir das auch sagen: eine Erfahrung, ja, aber was für eine Erfahrung überbordender Gastfreundschaft und Lebensfreude.

Und das schon, bevor das Tanzen losgeht…

 

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A propos: los gehen…

Morgen ist es wieder so weit.

Check out ist um zwölf Uhr, Mietwagenabgabe um 14 Uhr, Flug um 15:50…

Das müssen wir schaffen, Mietwagen zurück ist keine Option.

Obwohl, nur mal angedacht: eine Woche Bootscharter durchs Mittelmeer, dann die Rhone hoch. Bis kurz vor Seyssel kämen wir immerhin. Da ist diese hässliche „centrale hydroélectrique“ im Weg mit dem pompösen Spruch: „Le Rhône au service du peuple français“. Aber ich bin sicher, ab Seyssel könnten wir den einen oder anderen unserer Freunde zum Abholen überreden…

Ich hoffe nur, Monsieur kommt nicht wieder mit so einem Spruch wie letztes Mal: Was soll da schon schief gehen?

Ich glaube, dann haue ich ihn!

 

 

Beach spotting

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Zu voll

 

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Zu steil

 

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Zu viele Motorboote

 

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Aaaaaah! Ja!

 

Auf dem Weg an der Akamas-Südküste entlang kommen wir am Einstieg zur Avakas-Schlucht vorbei. Oben drüber thront eine Taberna mit dem etwas pompösen Namen Viklari the Last Castle. Die Straße dorthin besteht im Prinzip nur aus Schlaglöchern und ich denke eher ans letzte Stündchen für die Stoßdämpfer als an venezianische Ritterburgen. Aber das ist dieGeschichte, die sie uns erzählt haben, vor zwei Jahren, als wir müde, verschwitzt und hungrig auf dem Weg aus der Schlucht dort auftauchten. Dass der Urgroßvater die letzten Reste einer Burg aufgekauft und darauf die Taberna gebaut habe. Heute fahren wir am Parkplatz vorbei und handeln uns ein paar sehr kritische Blicke von Wanderschuh-bewehrten Mitmenschen ein, da wir weder aussteigen noch loswandern, sondern direkt weiterfahren zum Restaurant.

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Wir sind nämlich auf einer post-traumatischen Therapie-Tour. Gestern Abend gab es die „Fish night out“, von den Konferenzveranstaltern für 45 € angeboten, Bustransfer zum und „fish dinner“ in einem der besten Fischlokale eingeschlossen. Vor unseren Augen stand da sofort die Erinnerung an das Konferenzdinner in Losinj, in einer Taberna in Veli, wo Platten um Platten der köstlichsten Meeresfrüchte aufgetragen wurden.

Gestern wurde uns bewiesen, dass das auch anders, ganz anders geht. Wir sind nur eine kleine Gruppe, etwa 15 Personen, plus die zwei Organisatoren. Als erstes werden wir in der Dunkelheit zu einer alten Kirche gefahren, wo man uns erklärt, dass dies die einzige fünfkuppige Kirche in ganz Zypern, sie aber jetzt geschlossen sei, wir aber gerne in den umliegenden Süßwarenläden eine der lokalen Spezialitäten kaufen könnten. Ob die Göttin trotz oder wegen dieser Süßigkeiten diese Figur hat?

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Wie auch immer, das ist nicht so unbedingt das, was ich mit Fish dinner assoziiere, aber vielleicht fühlen sich die Organisatoren ja von einem Bildungsauftrag erfüllt. Eine halbe Stunde Herumgestehe später – wie viel Zeit braucht es eine geschlossene Kirche zu besichtigen? – geht es zurück fast bis zum Hotel, wo wir an einer Taberna am Strand abgesetzt werden. Gedeckt ist für uns allerdings im Innenraum. Der hat die Größe und den Charme einer Bahnhofshalle. Inmitten Dutzender leerer Tische steht ein einziger gedeckter – unserer. Wir schauen uns leicht irritiert um, werden aber dahin geleitet. Und dann kommt Schlag auf Schlag ein schrecklicher Gang nach dem anderen. Alle nach dem gleichen Rezept: Tiefkühler auf, Tüte heraus und ab in die Fritteuse. Alles, bis auf ein paar Miesmuscheln und ein paar Crevetten, ist frittiert: Acht- und Zehnarmiges, kleine Fische, ganz kleine Fische und mittlere Fische. Dazu gibt es Möhren- und Zucchini-Klumpen, in Salzwasser gekocht, einen matschigen Reis mit Dosen-Erbsen versetzt, ein paar Platten Fritten und einen zugegebenermaßen gut aussehenden Salat. Wir stochern vorsichtig in dem Angebot, die asiatischen Kollegen essen tapfer, der russische Kollege beschließt, einen Salattag einzulegen, nur der Kollege von der University of Cyprus wird mit jedem Gang zorniger. Er beherrscht sich aber mühsam, um denen die essen, nicht ganz den Spaß zu verderben.

Einzig die Doraden, die zum Schluss kommen, sind genießbar. Kein Wunder, eine Dorade kaputt zu kochen ist auch schwierig. Der Italiener neben mir und ich vertreiben uns die Zeit damit, die armen Fische in Gedanken ein bisschen aufzumotzen: hier ein wenig Knoblauch und Petersilie drüber, da klein gehackte Chilischoten in Öl dazu, die ganz kleinen Fischlein marinieren wir.

Alle Gerichte strahlen so etwas wie eine LmaA-Haltung aus, eine völlige Gleichgültigkeit gegenüber dem Gast, dem Kunden (das könnte ich in Maßen noch akzeptieren) und – viel schlimmer – dem Ausgangsprodukt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie oder dass ein Koch mit auch nur einem Funken Selbstwertgefühl so ein Essen aus der Küche schickt. Was mich aber mindestens genauso stört, sind die Unmengen an Essen, die kaum angetastet, zurück gehen und damit verschwendet, vergeudet sind.

Irgendwann kommen die Organisatoren und fragen, ob wir noch einen Kaffee …? oder lieber gleich zum Bus, woraufhin alles Stühle ruckartig nach hinten geschoben werden und eine wahre Flucht einsetzt.

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Das also ist das traumatische Essen, dass wir vergessen möchten. Unser Therapieansatz ist einfach, aber wirksam. Viklari bietet nur ein Menü an – aber das beherrschen sie. Wir haben die Wahl zwischen Huhn oder Schwein – am Spieß gebraten über offenem Feuer. Dazu gibt es Salat aus dem Garten hinter dem Haus, mächtige, handgeschnitzte Kartoffelspalten aus dem Ofen und Brot. Die beste Zutat ist der wunderbare Blick über Lara-Beach und das Meer, wo 15 Segelschüler mit kleinen Booten unterwegs sind. Da können wir den gestrigen Abend loslassen und uns ganz auf die einfachen, herzhaften Genüsse vor uns konzentrieren.

Wirkt. Zu Risiken und Nebenwirkungen …

 

 

 

Das Unterhaltungsprogramm des Hotels

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Das schlimmste Zimmer war ein Homestay in Armenien. Es sah aus, als hätte die Mutter ihre zwei Kinder für die Nacht ausquartiert und uns einquartiert. Überall im Zimmer lag noch Spielzeug, rasch zur Seite geräumt und auch der Kleiderschrank war bis obenhin vollgerammelt mit schnell Verstecktem. Das Bad war so unhygienisch, dass ich den Lichtschalter nur mit dem Ellbogen bedient habe. Aber dann erzählt uns Soren, unser Fahrer/Führer, dass unsere Gastgeberin erst seit ein paar Wochen verwitwet sei, mit zwei kleinen Kindern, kaum weiß, wie sie ihr Leben in den Griff bekommt und jeden Dram braucht.

Am anderen Ende dieser Skala steht das Victoria XiengThong in Luang Prabang. Nach zwei völlig durchgefrorenen Nächten in Phonsavans ungeheiztesten Hotel (Silvester 2013) stehen wir in der Hotelhalle und ich sage zu Monsieur: Es ist mir völlig egal, was das an Aufpreis kostet, ich brauche jetzt die Villa mit eigenem Whirlpool. Da kommt der Manager auf uns zu und verkündet, da wir als sechsköpfige Familie für 3 Nächte gebucht hätten, bekämen wir ein kostenloses Upgrade: die Villas mit Whirlpool.

Eigentlich haben wir oft Glück. In Santorini hatte uns kurz vorm Einchecken ein Dauergast das von uns reservierte Zimmer mit Balkon und Meerblick weggeschnappt, bedauert die Rezeptionistin, um dann zu grinsend hinzuzufügen, jetzt wäre nur noch das Luxusappartement, direkt am Kraterrand mit eigenem Pool frei, zum gleichen Preis natürlich, ob das ginge?

Hier ist es dann mal anders. Bei der letzten Konferenz hier, vor zwei Jahren, waren wir im Schwesterhotel nebenan. Das sieht sich als Golfhotel. Nun kennen wir einige ausgesprochen nette Golfer, aber das ist im Allgemeinen nicht so unser Biotop. Also haben wir uns für das andere, das „coole“ Schwesterhotel entschieden. Das geht dann irgendwie gründlich schief. Zuerst müssen wir ein bisschen rumnörgeln, kämpfen. Das erste Zimmer hatte eine berauschende Aussicht: auf die Laderampe der Küche und der Waschküche, freie Sicht auf die schmutzige Wäsche anderer Gäste inklusive. Da half auch der Mini-Balkon nichts, der uns als kleiner Bonus angepriesen wurde. Das zweite Zimmer, immer noch auf der Straßenseite, blickte wenigstens auf den hoteleigenen Garten, Wolken von Bougainvillas unterschiedlichster Farben, die aber den Lärm der Uferstraße nicht abhalten können. Auch sind alle Nachbarzimmer von Familien mit kleinen Kindern belegt, die am Morgen sehr früh, dafür sehr laut und deutlich klar machen, dass so ein bisschen Zeitumstellung an einem kleinen Kind völlig unbemerkt vorbeigeht.

Zum Glück kommt am nächsten Morgen dann von der Rezeption die Nachricht, dass ein Terrassenzimmer mit Meerblick frei geworden ist, allerdings natürlich nicht zu dem Preis, den die Konferenzorganisation für die oben beschriebenen Zimmer ausgehandelt hat. Monsieur ist ein weiser Mann (Ich sage nur: „Happy wife, happy life!“), hinterlegt die Kreditkarte und wir ziehen um.

Bei all dem können wir nicht umhin festzustellen, dass dieses Hotel sich als Familienhotel sieht und dass offensichtlich ganz England gerade Ferien hat. Vielleicht wollen die armen Briten auch nur noch einmal die Chance zu reisen nutzen, bevor BoJo die Insel sozusagen abschließt und den Schlüssel ins Meer wirft. Frühstücksbüffet mit bunten Plastiktellern und -bechern ist das eine. Kleine Wesen, die mit heiligem Ernst und vor Konzentration gerunzelter Stirn einen Becher Saft zum Tisch balancieren das andere. Das gleiche mit aufkeimender Panik und Tränen in den Augen, als der kleine Junge eben seinen Tisch nicht sofort wiederfinden kann. Köstliche kleine Dialoge: „Schatz, welchen Saft, willst du denn?“ Drei werden abgelehnt, dann auf einen gezeigt. „Diesen Saft, Schatz, nennt man Wasser!“ Oder der Kleine, der sich bedächtig mitzählend vier Würstchen auf den Teller legt, stutzt, nachzählt, nochmal alle Finger einer Hand zu Hilfe nimmt und mit einem Strahlen reinster Freude ein weiteres Würstchen nimmt.

Auch das Unterhaltungsprogramm durch die Eltern ist nicht zu verachten. Monsieurs Konferenz fängt früh an, sodass wir um acht Uhr frühstücken. Der Frühstücksraum ist noch leer, der Pool und die Liegen ebenso. Das ändert sich – zumindest bei den Liegen – aber bald. Da kommt ein Vater und belegt vier Liegen mit Handtüchern, das kennt man ja. Er aber gibt sich besondere Mühe, das eigentlich verpönte Handtuch-Reservieren möglichst realistisch zu gestalten. Fast möchte ich sagen, er inszeniert das: legt hier ein Buch nebst Sonnenbrille auf eine Liege, deponiert auf der anderen Schnorchelbrille und Taucherflossen, arrangiert auf der dritten ein zweites Handtuch so kunstvoll zerknautscht, dass es gebraucht aussieht. Nur die vierte Liege, das finde ich schon fast enttäuschend, da stellt er einfach die Badetasche drauf. Überblickt noch einmal das Ensemble und verschwindet.

Eigentlich wollte ich heute mal den Bus nach Alt-Paphos nehmen, Markthalle, kleine Sträßchen. Aber ich glaube, ich bleibe hier, es gibt hier so viel mehr zu sehen…

 

… on the beach

Es gibt einen Drink „Sex on the beach“.

Wir waren kürzlich in der Oper „Einstein on the beach“.

Was sicher keiner sehen will, ist „Paonia on the beach“.

Deshalb heute nur ein Sonnenuntergangsfoto.

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Laaaaaaaangweilig

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Ich weiß, ich weiß, langsam wird es langweilig. Wir freuen uns aber fast über die ersten Gewitterregentropfen, als wir zur Rückfahrt nach Lefkosa starten.

Ein bisschen früher als erwartet, denn es gibt einen internationalen Kuddelmuddel zur Zeitumstellung. Gesunder Menschenverstand und eine von mir aufgerufene Internetseite sagen, es sei halb acht. Die sich normalerweise selbst umstellenden Uhren in Handy und Computer bestehen auf halb neun. Das führt zur Fehlersuche durch Monsieur und hektischem Packen durch mich, denn eigentlich wollten wir um neun Uhr los. Bis Monsieur herausfindet, dass Handy und Internet über ein türkisches Netz – ohne Zeitumstellung – laufen, habe ich fast fertig gepackt und wir haben viel Zeit für ein letztes üppiges Frühstück in der uralten Pilgerherberge mit ihren dicken Mauern und weit gespannten Bögen.

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Zum letzten Mal Gespräche mit Borat, Emiras 14jähriger Sohn, der für sein Alter sehr gut Englisch spricht und Physik als Lieblingsfach hat. Er hatte uns vor drei Tagen im Guesthouse seiner Eltern begrüßt und auf meine Frage, ob man das Wasser aus dem Hahn trinken kann, ziemlich erstaunt zurückgefragt: „Kann man das denn in Deutschland?“, um uns, immer noch kopfschüttelnd ob meiner positiven Antwort, zwei Mineralwasserflaschen in die Hand zu drücken.

Die beiden anderen Gäste sind noch nicht wach, was uns nicht ganz unrecht ist. Sie hatten beim Frühstück gestern Morgen sehr viel, sehr schlechte Laune verbreitet mit ihrer Feststellung: „We are vegans!“ Emira beeilt sich zu beteuern: „Yes, I know, no meat, no fish.“ Da werden sie richtig pampig und listen alles auf, was sie sonst noch nicht essen, an Milch und Eiern und deren Produkte und Emiras Gesicht wird immer länger, bis die zwei eingeschnappt ein „We told you so!“ draufsetzen. (Später sehen wir sie die wirklich sehr leckeren, luftig leichten Zimtschnecken genießen, die Emira heiß zum Frühstück servierte. Wenn die ohne Butter und Eier gebacken waren, stelle ich meine Ernährung auch um!)

Wir bezahlen unsere drei Nächte und die beiden sehr üppigen Abendessen und fahren in die ersten Regentropfen. Fein, denken wir noch, kostenlose Autowäsche nach all dem Staub der Schotterpisten.

Auch als sich erste Hagelkörner unter die Tropfen mischen, nehmen wir das gelassen. Erst als die Hagelkörner erst Kirsch- dann Wachtelei-Größe erreichen, wird es uns langsam mulmig zumute. An Gespräch ist nicht zu denken, wir fahren durch etwas, das sich wie Maschinengewehrsalven anhört. (Bzw so, wie ich mir Maschinengewehrsalven vorstelle.) Ganz allmählich bekommen wir bei dem Bombardement Angst um unsere Windschutzscheibe. Allerdings sind alle vereinzelt auftauchenden Bäume links und rechts der Straße schon „besetzt“ von anderen Schutzsuchenden. Es ist so nachtschwarz, dass in den Dörfern, die wir durchqueren, die Straßenbeleuchtung angeht.

Das Schlimmste ist schon fast vorbei, als eine Tankstelle auftaucht, deren weit auskragendes Dach schon einem guten Dutzend Autos Schutz bietet, aber noch ein Plätzchen für uns hat. Wir gesellen uns zu den anderen Gestrandeten, beobachten, wie sich die Hügel und Wiesen kurzfristig weiß färben, wie ein Sturzbach sich vor der Tankstelle zu einer kleinen Lache aufstaut, auf der sich die Hagelkörner wie Mini-Eisberge in trägen Strudeln drehen.

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Wir warten etwa eine gute halbe Stunde, kommunizieren nur durch Lachen oder Handgesten mit den anderen Fahrern, das Prasseln auf dem Blechdach ist zu ohrenbetäubend.

Der Rest des Tages, Mietwagenrückgabe, Taxi nach Larnaca, Laptop abholen und mit dem neuen Mietwagen nach Paphos, das verläuft alles wie geplant, reibungslos. Langweilig, wie gesagt.

 

Sanfte Straßenräuber

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Die Technik ist schon sehr erfolgsversprechend. Kommt ein Auto die Straße entlang, tritt ein Esel in die Straßenmitte. Kaum verlangsamt das Auto, kommen die Kollegen aus dem Gebüsch, überfallen dich von zwei Seiten und schauen dich aus riesigen dunklen Augen an, bis du dich ergibst, das Fenster herunterdrehst und deinen Wegzoll in Form von Möhren bezahlst. Die Möhren habe ich am Abend zuvor im kleinen Dorfladen gekauft, schließlich bin ich gut informiert über die Tricks der sanften Straßenräuber. So kommen wir nur langsam voran auf der Straße, obwohl sie asphaltiert ist und die Schlaglöcher sich so aneinanderreihen, dass sie mit viel Geschick umfahren kann. Das ändert sich dann hinter dem Kloster des Apostels Andreas, als eine große Sehenswürdigkeit angepriesen, aber eigentlich nur eine Touristenabzocke.

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Denn dann gehen wir aufs Ganze, gehen bis zum Ende. Nicht der Welt, wie wir sie kennen, nur der Insel. Der Weg ist nur noch Sand und Steine und tiefe Löcher. Da das allnächtliche Gewitter diese Löcher mit Wasser gefüllt hat, ist noch nicht mal abzusehen, wie tief sie sind. Beim Familienurlaub damals in Namibia haben wir meist eine/n Freiwillige/n ausgeguckt, der aussteigen und die Tiefe ausloten musste, bevor der Fahrer dann durchfuhr. Hier setzen wir aufs umfahren, zumal in der einen Pfütze eine sprichwörtlich dumme Schnepfe ihr Morgenbad nimmt und sich durch unser Auto dabei nicht stören lässt.

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Der Rest des Tages ist Faulenzen und Schwimmen am „Golden Beach“ gewidmet. Deshalb gibt es für mich wenig zu schreiben und für Euch wenig zu lesen.

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Morgen geht es – wenn das mit dem Mietwagenwechsel plus Taxitransfer klappt, vom Laptop-Abholen ganz zu schweigen – nach Paphos.

Wandern ohne die Harry-Potter-Brille

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In einer vergessenen Ruinenstadt freigesetzt zu werden, ist eine meiner Vorstellungen von Spaß haben. Deshalb habe ich vor der Wanderung eine Stunde „rumstöbern“ am Ausgangspunkt Aphendrika eingeplant. Die Stadt liegt völlig einsam. Der leichte Nieselregen hört bald auf und wir können nach Herzenslust stöbern – mit kleinen Einschränkungen. Das ganze Ruinenfeld ist von übermannshohen Disteln bewachsen, dazwischen schmale Trampelpfade. Also halten wir uns an die Pfade, klettern hier über eine Mauer, stehen da in den wenigen noch erhaltenen Gebäuden und treffen die einheimische Bevölkerung.

d01aSchließlich finden wir den Ausgangspunkt der Wanderung und das ist der Moment, in dem Monsieur feststellt, dass er beim Fotografieren im ständigen Hin und Her von Sonnenbrille aus – Brille an – Brille aus – Sonnenbrille an seine Brille verloren hat. Also gehen wir alle Pfade ein zweites, drittes und auch viertes Mal, um zu schauen, ob eine Distel sich die Brille aus der Brusttasche des Hemdes geangelt hat. Schauen an allen Punkten, an denen Monsieur fotografiert hat aufmerksam nach, ob er sie nicht einfach zerstreut auf einer Säule, einem Mauerrest in bequemer Höhe abgelegt hat. Dass Monsieurs fast unsichtbare Metallgestelle ohne Fassung bevorzugt, macht die Sache schon zuhause nicht leicht – „Du, ich habe meine Brille verlegt. Siehst du die?“ – hier ist die Suche erfolglos. Ist nicht ganz so tragisch, es ist eh nur die Urlaubs-, die Harry-Potter-Brille. Zwei Mal am Bügel geflickt, geklebt, beim zweiten Mal mit einer aus einem Kugelschreiber recycelten Metallhülse verstärkt. Die Metallhülse ist auch der Grund, weshalb man die Brille nun nicht mehr zusammenfalten kann, was zur Folge hat, dass man sie nicht ins Etui legen kann, was zur Folge hat, dass „man“ sie lose in der Brusttasche trägt, was zur Folge hat, dass…

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Zum Glück hat Monsieur in den Tiefen des Rucksacks seine reguläre Brille dabei und der Wanderung steht nun nichts mehr im Wege. Mein Fitness-Armband zeigt, dass wir die ersten drei Kilometer schon hinter uns haben, in den Ruinen von Aphendrika, auf der Suche nach der Brille.

Es geht gemächlich hoch, vom Meer weg in die Wälder auf dem Hügel, der hier den Inselrücken bildet. Irgendwann zeigen grüne Markierungen an hintereinander liegenden Bäumen, dass wir den Weg verlassen und dem Pfad in die Macchia folgen sollen. Da wird es schon ein bisschen abenteuerlicher, denn diese Macchia besteht zu 90% aus kniehohen Pflanzen, die mit drei, vier Zentimeter langen Dornen besetzt sind. Der Pfad wird immer enger, Eselspfade kreuzen und die Lage wird so unübersichtlich, dass Monsieurs Lebensgefährtin, d.h. die auf ihr befindliche GPS-Version der Wanderung es richten muss. Mit Karte und Wegbeschreibung allein wäre das nicht möglich gewesen. Irgendwann kämpfen wir uns aus der Vegetation und sehen vor uns die Pyramide 94, ein kleiner Betonkegel, der uns darüber informiert, dass wir immer noch auf dem Besparmak-Trail sind und welche der vier angezeigten Optionen wir nehmen sollten. Das alles unter den Augen einer sehr aufmerksamen Schafsherde mit Jungtieren, eine Schafmutter hat tatsächlich ein weißes und ein schwarzes Lamm. Wir folgen dem Pfad locker über ein beackertes Feld und stehen mitten in der nächsten archäologischen Sensation. Mit der Fußspitze können wir Amphorenhenkel aus der roten Lehmerde lösen, dickwülstige Krugränder oder Schalenböden. Monsieur findet ein größeres Steinbecken, Handmühle? Waschbecken? Das ganze Feld ist überstreut mit den Resten einer alten Ansiedlung. Ich würde so gerne zu Schaufel und Pinsel greifen. „Mach erst mal ein Luftbild oder eine Magnetfeldmessung“, schlägt Monsieur vor und zeigt, dass er viel unemotionaler an die großen Entdeckungen herangeht.

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Das Feld kreuzt ein breiter Weg, der zum Ziel der Wanderung, dem „Roten Felsen“ führt, laut Wanderführer angeblich Zyperns Antwort auf Ayers Rock. Nun ja.

Aber ein kleines Stück den Weg hinunter stehen „Schau mal, Wildesel!“, die uns „Schau mal, Touristen!“ genauso aufmerksam beobachten wie wir sie. Bis auf 30 Meter lassen sie uns herankommen, als ich nach der Kamera greife, galoppieren sie ins Unterholz. Dort hören wir sie schnauben und grasen, zu Gesicht bekommen wir sie nicht.

Kurz darauf wird die Wanderung unangenehm, so unangenehm, dass wir im Geiste immer schärfer formulierte Briefe an die Redaktion des Wanderführers ausdenken. Der Pfad, der uns in die Ebene zurückführen soll, ist fast nicht mehr existent. Ab und an entdecken wir ein völlig verblasstes grüngelbes Zeichen, aber es scheint, als ob hier in den letzten zehn Jahre kein Mensch durchgekommen sei. Die biestigen Büsche sind hier übermannshoch. Sie erhalten Unterstützung von daumendicken Brombeerranken. Besonders übel ist eine scheinbar harmlose dünne Ranke, die nicht nur fast unkaputtbar ist, sondern auch noch widerborstige Dornen trägt. Diese Ranke liegt gern in Knöchelhöhe als Fußangel über dem „Weg“. Wir kämpfen uns durch dieses Dickicht, holen uns Schrammen und Kratzer, aber am meisten ärgert mich, dass meine funkelnagelneue Vaude-Wanderhose Opfer der Ranken und Dornen wird, die Fäden und kleine Löcher reißen. Gelegentliche auf dem Weg liegende Eselskelette tragen auch nicht gerade zur Erheiterung bei, ebenso wie Monsieurs Ansage, dass es noch „Luftlinie 2000, 1000, 800… Meter“ sind, gefolgt von einem: Keine Ahnung, ob wir durchkommen oder ob wir alles wieder zurückgehen müssen.

Wir kommen durch und atmen erleichtert auf beim Anblick der Traktorspur vor uns. Dass auf der anderen Seite eine Eselfamilie mit Jungtieren steht, betrachten wir als kleinen Bonus.

Wir ziehen ein bisschen das Tempo an, denn vor uns liegt das Motivationsziel der Wanderung, der Abschnitt an der Küste, am Strand entlang. Das, was uns stur durch Brombeerranken und Dornen hat breschen lassen: „Und hinterher machen wir Pause am Strand und springen ins Meer.“

Als wir ankommen, bin ich fast den Tränen nah, nicht aus Erschöpfung, mehr aus Wut und Empörung. Monsieur tut sein Bestes und fotografiert sehr vorsichtig und selektiv die wunderbaren Felsformationen im azurblauen Wasser. Hätte er sich ein bisschen nach links gedreht, hätte er den ganzen unsäglichen Müll mit auf dem Bild gehabt. Es ist ekelerregend und empörend gleichzeitig und nimmt uns natürlich jegliche Lust, dort ins Meer zu springen. Die nächsten Buchten sind nicht besser, im Gegenteil. Nicht nur oberhalb der Brandungslinie liegt der angeschwemmte Müll, auch hinter Felsen und Büschen landeinwärts wurde Müll deponiert. An einer Stelle haben wir den Eindruck, dass eine Autowerkstatt ihre Geschäftsaufgabe hier abgewickelt hat: Dutzende schwarzer Müllsäcke, aus denen Schmierölflaschen und anderes herausquellen, der Bildschirm des Firmencomputer liegt daneben. Als wir denken, schlimmer geht nimmer, taucht der Weg von den Felsen hinab zum Sandstrand. Dort stehen – auf dem Weg und im Müll auf dem Weg – eine Herde Schafe, der Bock mit beeindruckenden Hörnern. Ihre Köpfe sind in den Müll gesenkt, ihre Lippen knabbern an geschredderten Plastikflaschen und anderem. Als er uns kommen sieht, drängt der Boss seine Damen landeinwärts auf die abgeernteten Felder. Vielleicht haben wir ihnen so die ein oder anderen Magenschmerzen erspart.

An der kleinen Bucht, die den Hafen Aphendrikas beherbergen soll – in der Theorie angeblich komplett mit beim Schnorcheln zu findenden Säulen und Amphoren im Sand, in der Praxis aber eher abschreckend – biegen wir landeinwärts, zurück zur Ruinenstadt und unserem Auto. Der Weg ist so schlecht, dass einem Geländewagen das „4×4“ in schwarzem Plastik abgefallen ist, was aber offensichtlich die wilden Mülldeponierer nicht von ihrem Tun abhält.

Unsere kleine optimistische Fantasie, dass ein lieber Mensch zufällig die Brille gefunden und auf dem Autodach deponiert hat, erweist sich als genau das – Fantasie. Unser Auto steht genau so einsam und verlassen wie am Morgen. Vielleicht war ja den ganzen Tag niemand außer uns hier.

Dann setzen wir um, worauf wir uns die letzten heißen Kilometer gefreut haben: ein Stopp in Ayos Philon. Natürlich können uns byzantinische Bögen immer begeistern, besonders, wenn sie fotogen und dekorativ unter Palmen stehen. Aber das Kirchlein hat noch einen großen Vorteil: direkt daneben liegt eine kleine Bar mit wunderbarem Blick übers Meer.

Und da gönnen wir uns einen sun downer und lassen die Sonne ihre Arbeit tun.

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Schatzsuche

 

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Bellapais, festlich erleuchtet einerseits fürs Konzert, andrerseits durch Blitze, ist ein wundervoller Anblick, der dazu gehörige Regen natürlich nicht.

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Wieder einmal kommt uns die Kreuzrittertaktik – so es denn eine ist – dazwischen und wirft unsere Pläne über den Haufen. Aber bevor wir die Burg Kantara angehen, begeben wir uns auf Schatzsuche in den Wäldern des Fünffinger-Gebirges. Antiphonitis klingt wie eine Krankheit, ist aber ein Schatzkästchen von einem Kirchlein, versteckt im Wald. An ein frühromanisches Säulenoktagon haben die fränkischen Kreuzritter noch etwas Gotisches drangehäkelt. In der Kuppel eine Jesus Pankreator-Darstellung, deren Augen einen verfolgen. Egal, wo ich stehe im kleinen Kirchlein, der „Antwortende Christ“ schaut mir direkt in die Augen. Wahrscheinlich haben die Vandalen, die vor ein paar Jahrzehnten ganze Quadratmeter der Fresken herausgehauen haben, ihren Blick gesenkt, um nicht von diesen Augen verfolgt zu werden. Dass unter den geklauten Fresken ältere zu Tage kommen, ist ein kleines ironisches Augenzwinkern der Geschichte.

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Zehn Lira für das Eski Eserler ve Müzeler Dairesi Müdürlügü, dem Amt für Antikes und Museen, und wir dürfen dieses Kirchlein besichtigen, weitere 10 Lira bringen uns eine Tasse türkischen Kaffee, liebevoll mit einem Keks dekoriert. Der alte Mann an der Kasse betreibt da offensichtlich ein kleines Nebengeschäft mit den wenigen Touristen, die den Weg zu ihm finden. Die Sonne scheint, der Blick über die Wälder zum Meer ist grandios und wir skizzieren kurz den Rest des Tages an.

Eine Stunde Fahrt bis Kantara, dort beginnt die Wanderung, die einige Kilometer später am Parkplatz und Kassenhäuschen der Burg endet. Aber schon während wir uns auf einspurigen Sträßchen durch den Wald zur Küste schlängeln, ziehen die Wolken auf, Donner folgt Blitzen, bis jetzt noch als Trockenübung.

Wir beschließen, die Wanderung – mal wieder – sein zu lassen und uns auf die Burg zu konzentrieren.

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Vielleicht sind wir nach Bufavento und Hilarion ein bisschen übersättigt und verwöhnt. Jedenfalls finden wir diese Burg eher „naja, ganz nett“. Der Blick ist natürlich umwerfend. Wir können genau sehen, und das auf beiden Seiten der Insel, wie die Regenschwaden über Meer und Land ziehen. Die Burg selber ist eher ein bisschen langweilig und die 316 Stufen (alles natürlich immer nur eine Richtung und ohne die diversen Stufen in die diversen Kemenaten und „Hufeisen-Türme“ – Kantara hat deren sechs – mitzuzählen) sind auch keine Herausforderung. Immerhin wartet Kantara bis wir wieder auf dem Abstieg sind, um die Kreuzrittertaktik einzusetzen.

Fast nicht nass sitzen wir im Auto und beschließen erstmal zu picknicken, etwas frugal mit einer Birne und einem Müsliriegel, während die Scheiben langsam beschlagen und blind werden. Hach, fast so wie vor langer Zeit im uralten VW von Monsieurs Großvater. Wobei das damals nicht am Picknicken lag, muss ich zugestehen.

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Also, das mit dem Wandern zur Burg war wohl nichts, bleibt noch Plan B. Das hatte ich Monsieur – nach zwei fehlgeschlagenen Wanderungen – versprochen. Es ist die kürzeste und einfachste der geplanten Wanderungen, trotzdem bin ich stolz zu verkünden: wir haben es durchgezogen! Trotz Nieselregen auf den ersten Kilometern und einem kurzen Verlaufen, weil wir leichtfertig der grünen Markierung gefolgt sind, nicht der roten. Es geht durch eine grandios karge Landschaft: verdorrte Wiesen, Steinmauern, uralte Olivenbäume. Dann stehen wir vor den beiden Kouros, halbfertigen Steinkolossen. Die weibliche Figur war schon fast fertig, als sie vom Sockel brach. Da wird die Luft wohl blau gewesen sein von ausgesuchten Flüchen. Die zweite liegt noch auf der Seite hingestreckt, halb Fels, halb Figur und man braucht schon ein bisschen Fantasie, um den Körper zu erkennen. Fantasie habe ich und so finde ich in einigen der umliegenden Felsbrocken Spuren menschlichen Schaffens und Monsieur einigt sich mit mir darauf, dass ich mehrere „Kouros to be“ gefunden habe.

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Auf dem Rückweg steht in meiner (Papier-)Karte eine kleine Kapelle verzeichnet, in Monsieurs virtueller eine mittelalterliche Zisterne und zusammen finden wir beide, wenn auch in jämmerlichen Zustand.

Das Wanderüngchen war kurz, knappe sechs Kilometer, aber wir sind richtig stolz, dass wir uns gegen das Wetter durchgesetzt haben.

Für Morgen ist eine Wanderung zurück in der Zeit geplant. Mal schauen, was das Wetter dazu zu sagen hat.

Ein bisschen Rummosern

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Damit keine Zweifel aufkommen: Hilarion ist eine fantastische Anlage, drei Burgen auf drei verschiedenen Ebenen. Viel prachtvoller und elaborierter als Bufavento. Bufavento ist eine Soldatenburg, Hilarion die königliche Burg, die Burg, in der die königlichen Prachtgemächer sind, sowohl in der obersten als auch in der mittleren Ebene. Wie ein prachtvolles Schwalbennest klebt sie in den Spalten der zwei hochaufragenden Felsen, über 500 steile und ausgetretene Stufen, oft nur einen Fuß breit, verbinden die einzelnen Räume. Wie gesagt, von großer Schönheit, aber leider sehr überlaufen. Wir sind recht früh da, für Mittag ist eine Wetteränderung angesagt, trotzdem stehen schon acht Reise- und zahlreiche kleinere Busse auf dem Parkplatz. Dreiviertel davon sind deutsche Reisegruppen, der Rest russische. Andere Sprachen haben wir nicht gehört.

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Bei den deutschen Reisegruppen fällt auf, dass der Veranstalter sie gefährlich nachlässig auf die Burg vorbereitet haben. Es herrscht natürlich die deutsche Rentneruniform vor: Tennissocken in Sandalen, aber viele deutsche Frauen sind in völlig ungeeignetem Schuhwerk unterwegs. Den ersten Preis aber bekommen die Russinnen. Auf Platz drei die Dame in schicken, hochhackigen Wildlederpumps, gefolgt auf Platz zwei von der Frau in Flipflops. Aber die Goldmedaille geht an eine nicht mehr ganz junge Russin. Bekleidet mit einem gelben Glanzledermini der knappsten Sorte und einer transparenten weißen Spitzenbluse schwankt sie am Arm ihres Begleiters daher,  auf 12 Zentimeter hohen Plateausohlen. Auf 12 Zentimeter hohen Plateausohlen, die mit weißen Bändchen um ihre Knöchel fixiert sind, geschmückt mit einer roten Rose. Soviel verwegene Abenteuerlust macht mich ganz kleinlaut und demütig.
aa2Zumal mir schon ein deutsches Paar, so um die 75, eine Lektion erteilt hat. Ich bin in Wanderschuhen und mit Wanderstock unterwegs, sie kommen von oben die Treppen heruntergeschliddert. Sie meint: „So ein Stock, das ist wirklich nützlich hier!“, worauf er mich mit einem wegwerfenden: „Ach was, da sieht man gleich so alt aus!“ niederschmettert. Dafür wird Monsieur Zeuge eines Motivationsgesprächs, als einem jammernden Rentner entgegengehalten wird: „Du brauchst dich gar nicht erst zu beschweren, du hast schließlich zwei neue Hüften!“

Die vielen Menschen sind das eine: an den engen Passagen warten zu müssen, bis eine ganze Busladung an mir vorbeigetrappst ist, mindert etwas die Entdeckerfreude. Das andere ist die Tatsache, dass die ganze Anlage so zugemüllt ist. Die wenigen Mülleimer sind morgens um zehn Uhr schon am Überlaufen und so wird, was zu entsorgen ist, in die grandiose Landschaft geworfen.

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Unter den gotischen Spitzbögen: Plastikmüll und Getränkedosen, in der großen Zisterne desgleichen, entlang der steilen Treppensteigen und in jedem Gebüsch. Und das meist unter oder neben den Schildern, die zum Müll im Eimer -Entsorgen auffordern. Das verdirbt schon etwas die Freude an der großartigen Schönheit der Anlage. Ganz zum Schluss, als unrühmlicher Höhepunkt, nachdem man die 500+ Treppenstufen im Felsen bezwungen hat, erreichen wir den obersten Ausguck, eine kleine Felsplattform, in der sich inzwischen ein paar Bäume in die Spalten gekrallt haben. Ein jedes noch so kleine Ästchen, jeder Quadratzentimeter des umlaufenden Geländers ist mit Plastikmüll zugeknotet. Einiges ist schon verwittert, anderem siehst du nur zu genau an, dass es mal eine Plastiktüte, eine Schokoriegelverpackung oder der Papieraufkleber einer Wasserflasche war. Das Ganze wirkt abstoßend und unheimlich, gleichzeitig faszinierend. Was denken die Menschen sich dabei? „Wenn ich einst tot und vergangen bin, gibt es immerhin noch ein Stück Plastikmüll, mit dem ich die Landschaft verschandelt habe“? Wahrlich tröstlich, der Gedanke.

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Aber genug gemosert, wir können gegen den Strich schauen und so sehen wir neben der Schönheit der Architektur auch die Verwegenheit der Natur. Monsieur beginnt eine Bonsai-Sammlung anzulegen, fotografiert die kleinen grünen Helden, die sich in einer Felsspalte festklammern und den Elementen trotzen.

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Nach gut zwei Stunden sind wir wieder am Eingang und trauen uns unter den finsteren Drohgebärden des türkischen Militärs den Abhang hinunter. Teil des Berges ist militärisches Sperrgebiet, weshalb man auf der Straße nicht anhalten, nicht aussteigen und schon gar nicht fotografieren darf. Dafür darf man um stacheldrahtbewehrte Straßensperren Slalom fahren, die sie ohne Vorwarnung auf der Straße stehen haben. Wahrscheinlich aus dem simplen Grund, dass sie das dürfen.

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Dass wir in Girne am Hafen keinen Parkplatz finden werden, ist uns klar, also streben wir einen in einer Seitenstraße eingezeichneten „Otopark“ an. Das Navi führt und führt, bis rechts das blaue P auftaucht und Monsieur auf meine Anweisung verfrüht abbiegt. Wir stehen auf der Wiese eines Opas, der Opa selbst unter einem schattenspendenden Olivenbaum und wir erhalten das „Angebot der Woche“: „Nimmst du zwei Stunden Parken, geb ich Euch noch eine Stunde gratis dazu.“ Was sich dann im Lauf der Dinge als sehr praktisch erweist, denn unser Fischlokal am Hafen trödelt doch etwas, als es Mezze um Mezze vor der Dorade auftischt. Auf den Nachtisch wollen wir eigentlich nicht mehr warten, da kommt: „Doch, doch, gleich fertig, Koch macht das gerade für Euch, Spezialität von Girne.“

Was kommt, ist ein unsäglicher Bananenquark, immerhin mit kandidierten Nüssen.

Also, ich hätte nicht den Mut gehabt, so etwas zuhause Gästen aufzutischen.

Dafür sitzt unser Opa inzwischen auch beim Essen, im Nachbarhaus, auf dem Balkon und winkt uns fröhlich nach, als wir Girne verlassen.

 

 

Unsere erste Kundin

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No way, sagt Agnes, die Dame vom Hotel, viel zu gefährlich! Hilarion ist zu exponiert, die Steinstufen bei Regen zu rutschig, die Sturzgefahr zu groß. Um ihre Botschaft zu unterstreichen, erzählt sie die Geschichte der zwei Radfahrer, die dort im Regen gestürzt seien und sie verzweifelt angerufen hätten. Nicht nur, dass sie sich nicht weitertrauten auf dem gefährlichen Gelände, sie müssten auch noch in vier Stunden in Larnaca am Flughafen sein. Agnes organisierte einen Pritschenwagen und brachte die beiden sicher vom Berg und – nach kurzem Dusch- und Packstopp im Hotel – rechtzeitig zum Flughafen. „Das waren auch Deutsche,“ meint sie mit gehobener Augenbraue, so als sei keine andere Nation solcher Dummheiten fähig. Gut, gut, wir haben es verstanden. Eine Kreuzritterburg in strömendem Gewitter zu erobern, umtost von Blitzen, ist nicht das, was wir uns vorgestellt haben.

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Wandern und Regen, das ist sowieso keine gute Kombination, Berge und Gewitter geradezu gefährlich. Nimmt man zu dieser Kombi noch einen Physiker dazu, der einem haarklein – und mit einem gewissen wohligen Schaudern – erklärt, was der Blitz alles mit und in deinem Körper anstellen kann, wenn er dich durchfährt, hast du eh keine Lust mehr. Wenn das eine Kreuzritter-Strategie ist, die friedliche Eroberung ihrer Burg zu verhindern, dann, muss ich sagen, liebe Kreuzritter, finde ich sie fies und gemein.

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Wir disponieren um: Bufavento ist, obwohl höher, nicht so gefährlich im Regen. Außerdem klärt es in die Richtung langsam auf, das macht Hoffnung. Agnes begleitet uns noch zum Auto, ganz untröstlich ob der heftigen Gewitter, die Vorhersage wäre schön gewesen. „Aber am Berg, da kann man nie wissen“, meint sie und wir können sie beruhigen. Der Regen hat nichts mit den Bergen zu tun, das liegt nur an uns und LSIP. Wir erklären ihr, dass wir den Regen geradezu magisch anziehen, leider. Dass es inzwischen so wäre, dass liebe Freunde betont beiläufig nach unseren nächsten Urlaubszielen fragen, um rechtzeitig umbuchen zu können. Da schlägt Agnes die Hände zusammen und ruft erfreut: „Prima, dann lade ich Sie für eine Woche ein, wenn wir die nächste Dürreperiode haben!“ Bingo, wir haben unsere erste Kundin.

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Bufavento – der Windtrotzer – ist dann alles, was ich mir von Burgenromantik erhoffe. Vom Wanderparkplatz geht es knappe zwei Kilometer und 220 Höhenmeter hoch auf den Berggipfel, 654 Stufen. Die ersten 411 auf einem gut angelegten Weg, ab dem unteren Burgtor die letzten 243 auf den Steinstufen, die die fränkischen Kreuzritter in den Fels geschlagen haben. Die erste halbe Stunde im Nieselregen, den Rest dann trocken, aber – getreu dem Namen – windumtost.

Was außerdem noch tost, sind die Gewehrsalven der Militäreinrichtung im Tal und deren martialischen Chorgesänge.

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Aber einmal auf dem Grat und in den Ruinen der meerzugewandten Seite sind wir allein mit der grandiosen Natur und den Anstrengungen des Menschen, sich hier oben ein Lebensumfeld zu gestalten. Ich mag mir gar nicht die Logistik hinter all der Mühsal vorstellen. Angeblich haben die Venezianer ein paar Hundert Jahre später nur ein Auge auf Bufavento geworfen, beschlossen, dass sich der Aufwand nicht lohnt und sehr pragmatisch ihre Burgen und Festungen unten am Meer gebaut.

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Wir sind mutterseelenallein in dieser großartigen Anlage, nur ein paar Vögel schwirren über uns, ein paar Ziegen klettern im Hang unter uns.

Zurück am Parkplatz kommt doch tatsächlich noch ein zweites Auto, ein sehr junges Paar steigt aus und schaut sich suchend auf dem Parkplatz um. Schließlich kommt sie zu mir: „Excuse me, where is the castle?“

Ihr Blick folgt meinem senkrecht nach oben gerichtetem Zeigefinger und sie muss erstmal schlucken.

 

Kleiner Nachtrag: Natürlich betrachten wir die paar Kilometer nicht als Wanderung. Die wirkliche Wanderung beginnt beim Restaurant Bufavento und steigt über knapp 8 Kilomater und 200 Höhenmeter auf schmalem Pfad an der Flanke des Berges hoch zum Parkplatz unterhalb der Burg.

Vier Kilometer im Nieselregen, das können wir, nicht gerne, aber im Not- bzw. Wetterfall machen wir das. Wir wandern, weil wir dabei Spaß haben wollen, nicht um uns und schon gar nicht um irgendjemand anderem etwas zu beweisen. Sechzehn Kilometer im Regen, das fällt dann eher unter Masochismus und Misere und ist gar nicht unser Ding.

 

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