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Kleine Texte: Frühlingsgefühle

p2006_04_29_09h18_00Frühling – das ist für mich die Zeit, die mir jedes Jahr zeigt, dass vier Kinder und ein schöner Garten nicht kompatibel sind. Unter einem schönen Garten verstehe ich nicht die „Sandkasten-und-Schaukel-mit-integrierter-Terrasse-Kombination“, die so viele deutsche Reihenhausgärten schmückt. Ein schöner Garten ist das, was man in den Garten-Reise-Prospekten sieht, oder auf den hinteren Seiten von „Schöner Wohnen“. Kurzum, ein schöner Garten ist das, was andere Leute haben.
Damit hier keine Missverständnisse entstehen: Ich liebe meine Kinder, alle vier die großartigsten Geschöpfe auf Gottes Erde und ein jedes einzigartig.
Da ist die Kämpferin für Frieden und Gerechtigkeit, die die armen, armen ausgerissenen Unkräuter wieder einpflanzt, gießt und hegt. (Gott schenke dir Kraft und Sturheit, mein Kind!) Da ist der kleine Forscher, der jeden Tag seine Samenkörner und Jungpflanzen wieder ausgräbt, um nachzuschauen wie weit sie schon gewachsen sind. (Gott erhalte dir deine Neugier, mein Kind!) Da ist die zukünftige Sozialreformerin, die die Regenwürmer mit zum Mittagstisch bringt. „Du hast gesagt. Regenwürmer sind unsere Gartenfreunde. Du hast auch gesagt, dass wir unsere Freunde zum Essen mitbringen dürfen.“ (Gott erhalte dir dein gutes Herz, mein Kind!) Und da ist dann noch der zukünftige Aktionskünstler, der Blumen die Köpfe abreißt und Zweige abbricht, im Gesicht das schiere Entzücken über die erschaffenen Klangerlebnisse. (Gott schenke dir Einsicht, mein Kind!)
Ja, ich kann sehen, dass sie zu Großem bestimmt sind, nur nicht zum Gärtnern. Seltsamerweise scheinen sie mir das auch nicht zugestehen zu wollen. Letztes Jahr hatte ich das gelbe, welke Narzissenlaub zu adretten Zöpfen zusammengeflochten. Das hatte ich irgendwo gelesen und mir gefiel die Idee. Als erstes kam der Große nach Hause. Mit dem ganzen Charme des pubertierenden Knaben stellte er fest: „Ey du, irgend so ein Idiot hat die Blumen zusammengepfriemelt. Sieht total bescheuert aus.“ Die Erstgeborene fuhr ihrer Rolle gemäß mehr auf der pädagogischen Schiene: „Mama, du musst mal mit den Kleinen reden, dass die nicht so viel Unsinn machen im Garten.“ Die Kleinen, durch immerhin acht bzw. neun Jahre Schuldzuweisungen gewitzt, stürzten wenig später in selbstgerechter Empörung herein. „Mama, wir waren das nicht, echt nicht. Aber da hat jemand …“
Der Todesstoß kam aus unerwarteter Richtung. Am Abend kam mein Mann durch die Tür, in den Augen den Blick des müden Wanderers, der schon viel zu viel erlebt hat. „Ich dachte, ich hätte inzwischen allen Unsinn gesehen, den Kinder anstellen können“, begann er, „aber was die da mit den armen Blumen gemacht haben, das geht wirklich zu weit.“
Dieses Jahr lasse ich sie einfach stehen, die Narzissenblätter, die gelben, die welken.


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