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Kleine Texte: Kinder, Chaos und der Rest des Universums

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Mit einem Physiker verheiratet zu sein ist eine tolle Sache. Ich kann es nur wärmstens empfehlen. Physiker haben diesen speziellen Blick auf das Leben, Kinder, Chaos und den Rest des Universums. Das lehrt Ruhe und Gelassenheit. Was sehr gelegen kommt, wenn man mit diesem besonderen Physiker vier Kinder großzieht.
Physiker denken in Wahrscheinlichkeiten. Das Konzept z.B. der Aufenthaltswahrscheinlichkeit wird jeder Mutter sofort intuitiv zugänglich sein und von Kinder begeistert aufgegriffen. Im Laufe langer Experimentierreihen, sprich „Familienleben“, lernt auch der Physiker, dass die Wahrscheinlichkeit den Gegenstand A (Zahnspange), abgelegt an Punkt B (Badezimmeretagere), tatsächlich dort wiederzufinden, relativ gering ist. Dieses Wissen lässt ihn beglückt reagieren, wenn Gegenstand A (die Zahnspange) seine Aufenthaltswahrscheinlichkeit schließlich hinter Punkt C (Müslidose) maximiert. Die Tendenz des Physikers abzuwarten, dass Gegenstand A sich von selbst wieder an Punkt B manifestiert, kann für Nicht-Physiker gelegentlich irritierend sein. Auch habe ich festgestellt, dass Physiker auf die Aufenthaltswahrscheinlichkeit von Duplo-Steinen unter nächtlich-nackten Füßen mit sehr unwissenschaftlichen Äußerungen reagieren.
Noch faszinierender ist der Einfluss des Beobachters auf das zu beobachtende Geschehen. Um die Kinder nicht mit dem zweifelhaften Schicksal von Schrödingers Katze zu belasten, wählte der Physiker im Vater das Beispiel des unaufgeräumten Zimmers. So lange man vor der geschlossenen Tür steht, ist es gleich wahrscheinlich, dass dies Zimmer total chaotisch oder tiptop aufgeräumt ist (In manchen Dingen ist die Physik halt hoffnungslos naiv!). Das Zimmer ist sozusagen beides gleichzeitig. Erst durch das Hineinschauen offenbart sich das Chaos. Für unsere Kinder war es sofort klar, dass nur Herr Schrödinger am Durcheinander in ihrem Zimmer schuld war.
Aus Rücksicht auf unsere Nicht-Physiker-Freunde haben wir darauf verzichtet, die Geburt unseres vierten Kindes mit dem dritten Lehrsatz der Thermodynamik kundzutun, der da lautet: „Die Entropie, sprich: das Chaos, nimmt stetig zu.“ Es ist eine unter Physikern und Müttern akzeptierte Erkenntnis, dass das Universum zum Chaos tendiert. Warum es dies in unserem Wohnzimmer tut, konnte mir noch niemand erklären. Tatsache ist, dass unter den unendlich vielen Daseinsformen es genau einen Zustand gibt, den wir als „Ordnung“ bezeichnen. Daraus folgt, dass es (Unendlich minus eins) Zustände gibt, die wir als Unordnung definieren. Es ist nun wiederum eine einfache Frage der Wahrscheinlichkeit, in welchem dieser Zustände sich das Universum manifestiert. Gelegentlich träume ich davon, dass sich dieser eine unter den unendlich vielen Zuständen, dieser Zustand „Ordnung“, bei uns einstellt, spontan, wie die Physiker das nennen. An den anderen Tagen tröste ich mich damit, dass ich einen edlen, aber aussichtslosen Kampf führe. Gegen vier Kinder und das Universum kann man nicht gewinnen.
Natürlich gibt es auch kleinere Krisen. Der Physiker im Vater erzählt den Kindern, dass die Sonne in einem feurigen Ball sterben wird und die Kinder fürchten sich, denn Milliarden Jahre sind für sie genauso überschaubar wie zwei Tage oder drei Monate. Dann schildert der Vater im Physiker die Explosionen in so schaurig schönen Farben, den wilden Regen der Teilchen, das Aufbäumen und Verglühen, dass die Kinder ganz aufgeregt werden und es sich unbedingt ansehen wollen. Nächste Woche vielleicht, oder in Milliarden von Jahren.
Inzwischen sind unsere Kinder groß und das Universum hat sich ein anderes Wohnzimmer gesucht zum Entropieren. Gelegentlich finde ich noch an den unwahrscheinlichsten Stellen kleine Andenken, die es mir hinterlassen hat. Dann stehe ich da, betrachte den Gegenstand und überlege, wie lange wir ihn damals gesucht haben. Und höre meinen Physiker sagen: „Der wird schon irgendwann auftauchen.“ Recht hatte er.
Wie gesagt, ich kann es nur wärmstens empfehlen.


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