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Reisearchiv: C wie China – Wandern auf der Mauer, die zweite

 

Leute, die sich ehrenamtlich engagieren, finde ich bewundernswert. Wirklich. Nur sinkt meine Bewunderung etwas, wenn sie dieses Engagement lautstark um halb fünf demonstrieren müssen.

Wir waren nach einem Tag auf der Gp2009_09_23_08h02_06roßen Mauer angenehm müde im Youth Hostel angekommen. Die Zimmer übertrafen unsere Erwartungen. Wir konnten zu zweit in einem Vierer-Zimmer schlafen. Jedes Zimmer hatte ein eigenes kleines Bad, unerwarteter Luxus.

Vor den Schlafräumen lag ein kleiner Hof mit Tischchen und Sonnenschirmen, was braucht man mehr, um das Leben in vollen Zügen zu genießen?

 

John und Jack verließen uns am frühen Abend, nicht ohne ein Abendessen für uns zu bestellen. John wollte zu seiner kleinen Familie und würde erst zum Frühstück wieder bei uns sein. Und Jack, der wollte mal die „Mädel-Lage“ im Nachbardorf austesten. Und machte keine präzisen Aussagen dazu, wann er zurück sein würde.

Mit dem Abendessen erschien eine Gruppe amerikanischer Gäste, „volunteers“ auf einem „fund raising march“. Afrikanischen Kindern zu helfen, indem man frühmorgens auf die Mauer klettert, okay, das finde ich gut. Nur eines habe ich nicht verstanden: diese Gruppe war nach China gefahren, um etliche Sponsoring-Kilometer auf der Mauer zu wandern. Ihre T-Shirts mit dem Logo behaupteten das jedenfalls. Das war also keine spontane, unüberlegte Good will-Aktion. Aber warum lässt man sich dann nicht auf das Gastgeber-Land ein? Während sich auf unserem Tisch ein gutes Dutzend Platten mit chinesischen Köstlichkeiten ansammelten, erhielt diese Gruppe ein Büffet. Von den vielen chinesischen Gerichten wurde nichts angerührt, aber die Hamburger & Fritten –Kopie auf Chinesisch war sofort weg und wurde lauthals nachgefordert.

Wir bedienten uns mit Stäbchen aus unseren Platten. Gut, ich gebe zu, die Tofu-Gerichte waren nicht so der Renner, aber probiert haben wir sie.

Irgendwann haben unsere müden Muskeln uns unmissverständlich zum Schlafen aufgefordert, während die andere Gruppe noch lange im Hof saß und sich eher laut und ungeniert über ihre Abenteuer, also die zu erwartenden Mauer-Abenteuer, unterhielt. Das alles ließ sich mit ein bisschen gutem Willen und Ohropax durchaus tolerieren und ignorieren.

Wo mir der Kragen platzte, war dann morgens um halb fünf. Jedes einzelne Mitglied der Gruppe wurde zum „roll call“ aufgerufen, mit militärischer Stentorstimme. Bei dem gefühlten fünfzigsten Aufruf im Kasernenton habe ich meine Tür geöffnet und ihnen klargemacht, dass Nächstenliebe das Wort „Nähe“ beinhaltet. Und sie bitte etwas Rücksicht auf ihre Nächsten in Simatai nehmen sollten, nicht nur auf die armen Kinder in Afrika.

Ich gebe zu, dass ich das vielleicht etwas anders auf Englisch formuliert habe, aber es hat geholfen. Irgendwann waren sie weg, um ihren Sonnenaufgang auf den Höhen von Simatai zu erleben.

Gott schenke ihnen viele finanziell erfolgreiche Kilometer – und ein ganz kleines bisschen Einsicht darin, dass sie nicht allein sind auf dieser Welt.

 

Wir haben uns dann zwei Stunden später etwas gerädert aus unseren Decken geschält für ein chinesisches Frühstück. John war da, Jack kam etwas später – grinsend, schweigend, no comment, der perfekte Gentleman.

Im Bus ging es einige Kilometp2009_09_23_09h15_04er durch ein sehr rurales China, bis wir in einem kleinen Dorf um mehrere Ecken in ein winziges Gässchen bogen. Endstation, hier begann der Aufstieg zu unserem Stück „wilde“ Mauer. Jedenfalls behauptet John das, denn die ersten Kilometer ging es durch Felder und kleine Dörfer, bis wir auf einen äußerst unbeeindruckenden Lehmwall stießen. Das war alles, was hier von „unserem“ Mauerabschnitt erhalten geblieben war. Das Laufen auf diesem halb verwitterten Teil der Mauer war viel angenehmer als auf den Treppenstufen der Jinshanling-Simatai-Etappe. Aber trotzdem ganz schön anstrengend, denn die Mauer folgtp2009_09_23_09h05_32e auch hier natürlich ganz genau dem Bergkamm, bergauf, bergab. Auch heute sah man in der Ferne Hügelketten mit Mauerschmuck. Eine neuere Theorie zur Mauer geht davon aus, dass die Mauer nicht nur ein Verteidigungswall gegen Eindringlinge von außen war. Vielmehr sollte sie auch den neu eroberten, „eingemauerten“ Gebieten unmissverständlich klarmachen: Ihr kommt hier nicht mehr raus.

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Die Mauer und die Turmreste waren zum Teil so stark zerfallen, dass man immer mal wieder von der Mauer herunterklettern und ein paar Meter am Fuß entlanglaufen musste, bevor man wieder eine Möglichkeit zum hochsteigen fand. Und an genau so einer Stelle entdeckten wir Chinas Antwort auf die Planwirtschaft. Die Mauer wurde unter Mao als nationales Erbe Eigentum des Kollektivs. Das bedeutete, dass mit dieser Entscheidung die Bauern, auf deren Land ein Teilstück verlief, enteignp2009_09_23_10h06_00et wurden. Zum größeren Ruhm des Volkes natürlich. Was man aber damals vergessen hatte, war, einen kleinen Streifen Land rechts und links der Mauer zuzuschlagen, für Instandhaltungsarbeiten und so. Mit der beginnenden Liberalisierung und dem Tourismus hatten zwei alte Damen ihren ganz persönlichen Weg in die freie Marktwirtschaft entdeckt. Sie saßen nämlich just an der Stelle, wo man einen gefährlich zerfallenen Turm umgehen musste. Wir sprangen von den Resten, sie traten aus dem Schatten und verlangten Eintritt. Natürlich nicht zur Mauer, wie in Jinshaling, sondern zu eben jenem kleinen Stückchen Land an der Mauer entlang, das wir auf unserem Weg überqueren mussten. Die Summe war sehr bescheiden, etwa drei Cent pro Person, wir fanden es eher amüsant, aber John kochte vor Wut über diese „Abzocke“.

Beim Abstieg von dp2009_09_23_10h16_07er Mauer stieß ich mit der Schuhspitze gegen eine Scherbe. Ich grub sie aus, den Teil einer Schale, weißes Porzellan, feines blaues Muster, ganz bestimmt frühes Ming, ganz sicher uralt. John meinte, es sei natürlich verboten irgendetwas mitzunehmen, und wenn ich mit der Scherbe erwischt würde, käme ich in den Genuss eines sehr authentischen China-Erlebnisses. Mit meinem Heimflug würde das dann wohl erstmal nix. Da ich noch nicht mal beim deutschen Zoll schwindeln kann – ich werde sofort rot vor Aufregung – habe ich auf die Scherbe und mein authentisches China-Erlebnis verzichtet.

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Gegen Mittag kamen wir dann zu dem Punkt, weshalb man hier auf diesem Mauerabschnitt einen Führer braucht. An einem recht gut erhaltenen Turm hing ein großes Schild in Chinesisch, daneben ein kleineres mit der englischen Übersetzung. Ich weiß nicht, welches Bild die chinesische Armee von Mauer-Touristen hat – Jeder ein kleiner James Bond, hmm? – jedenfalls war es strengstens verboten, diesen Turm und den dahinter liegenden Mauerabschnitt zu betreten. Der Grund dafür lag im Tal: eine Militärbasis. Natürlich war auch Fotografieren genauso strengstens verboten und John hatte  eine lehrreiche Geschichte parat. Sie handelte von einem uneinsichtigen Touristen, der sich nicht um das Schild kümmerte und auf den Turm kletterte. Als ob das nicht genug sei, posierte er auf dem Turm in albernen Verrenkungen, fotografierte ausgiebig sich und die Militärbasis. Da von dort – weit weg – keinerlei Reaktion kam, setzte er zum letzten – ziemlich geschmacklosen – Schlag an: er pinkelte im hohen Bogen von der Mauer in Richtung Militär. Der Lernprozess setzte dann sehr abrupt einp2009_09_23_09h17_40. Er musste lernen, dass Militärs sich erstaunlich schnell und oft nicht direkt erkennbar im Gelände bewegen können. Und dass sie überhaupt keinen Sinn für Humor hp2009_09_23_09h28_14aben. John sprach von langen Gefängnisstrafen und bat uns inständig, weder ihn noch uns solch einer Situation auszusetzen. So haben wir den Turm nur genutzt, um ein Picknick mit atemberaubender Aussicht zu genießen und eine kleine Siesta auf den Mauerreste zu halten.

 

Dann führte uns John auf schmalen Ziegenpfaden an der gesperrten Stelle entlang, durch Felder, an Bauernhöfen vorbei, die in einer anderen Zeit gefangen zu sein schienen. In einem dieser Höfe wurden wir von Johns Frau und seiner Mutter begrüßt. Wir durften die Gästezimmer bewundern und wurden zu einer Tasse Tee eingeladen.

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Wenig später holte der Bus uns in einem weiteren Dorf ab und wiederum nur ein paar Stunden später kamen wir auf dem Rückweg direkt am Olympia-Stadion vorbei.

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