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Reisearchiv: N wie Namibia

              Von Windhuk nach Marienthal

(Ausführlichere Texte – auf Englisch – hier:

https://myrtips.wordpress.com/2011/09/12/here-we-go-again-namibia/

Und ja, es hat einen Grund, dass die Fotos sich ähneln 😉  )

p2011_09_10_18h20_21Namibia ist ein tolles Land! Ganz großes Kino – mit kleinen Einschränkungen halt.

Wie in jedem Kino laufen auch hier nicht ununterbrochen die Megafilme, Blockbuster oder wie ihr das nennen wollt. Zwischen den unbeschreiblich schönen, atemberaubenden Naturerlebnissen liegt eine ganze Menge – Nichts. Weites, ebenes Land, Steppe, hier und da ein Strauch, ab und zu ein Busch. Die ersten 100 km denkst du euphorisch: „Diese Weite, diese Weite! So etwas gibt es in Europa gar nicht! Toll!“ Über die nächsten 100 km lässt die Euphorie langsam nach und die letzten 100 kannst du nur noch denken: „Wann sind wir endlich da?“ Zumal die Mehrzahl dieser Kilometer auf nicht gerade rückenfreundlichen dirt roads zurückgelegt wird.p2011_09_24_10h27_30

Unsere Reiseagentur hatte uns einen Parcours vorgeschlagen, der die Mitte und den Süden Namibias abdeckte. Wir kennen den Grand Canyon, da verlockte der „zweitgrößte Canyon der Welt“ uns nicht zu weiteren Hunderten Kilometer Steppe. Und den Caprivi-Streifen im Norden, der neben einer Vielfalt von Tieren eben auch Malaria bietet, haben wir uns für ein anderes Mal aufgehoben. So haben wir uns weise auf die „Mitte“ Namibias beschränkt, im Süden bis Mariental und Sossusvlei, im Norden bis nach Etosha, etwa 3600 km mit allen Abstechern.

Unser Ankunftstag p2011_09_08_09h59_58war Windhuk gewidmet, das eine sehr charmante Mischung aus Metropole und verschlafener deutscher Kleinstadt bietet. Alles ist sehr übersichtlich, sauber und ordentlich. Auf mich wirkte es wie eine kleine Stadt, die so gerne ganz groß sein möchte. Diese ganze Idylle, selbst der Slum hat ausgewiesene Parzellen mit festen Häusern, wird allerdings in Frage gestellt, durch die meterhohen Mauern, von Elektrozäunen gekrönt, die die Privathäuser umgeben. Auch unser Gasthaus lag hinter solch einem Schutzwall. Am vorletzten Tag sollten wir erfahren, dass ein Elektrozaun offensichtlich nicht genug Schutz bietet.p2011_09_09_09h43_04

Am nächsten Morgen ging es dann los, Richtung Mariental zur Kalahari Anib Lodge. Ja, genau die aus Hummeldumm! Über 300 km schnurgerader Teerstraße kamen wir gut vorwärts —- wenn da nicht immer die Stops gewesen wären. Am ersten Tag musste noch jedes Warzenschwein und jedes Erdmännchen fotografiert werden!

In der Lodge machten wir die Bekanntschaft einer in Namibia weit verbreiteten und äußerst gefährlichen Spezies: dem RRDR (rüstiger, reisender deutscher Rentner). Nehmt all Eure Vorurteile, die ihr mit reisenden deutschen Rentnern verbindet und steigert sie ins Absurde: Bingo! Wenn am Nachbartisch Gespräche mit: „Also, mein Großvater, der hätte das den Schwarzen nicht durchgehen lassen:“ anfingen oder noch schlimmer: „Der Schwarze an sich…“, dann waren wir immer versucht, uns laut p2011_09_10_17h12_12auf Französisch zu unterhalten. Auch schön die Argumente einer innerlich und äußerlich stahlgrauen Dame, die wir in zwei Tagen nie lächeln sahen, „Der Bob (Australier!), der kriegt kein Trinkgeld, der hat sich ja nicht mal die Mühe gemacht, Deutsch mit mir zu reden.“

Ich war heilfroh, dass wir unsere eigene Gruppe waren und nicht Stunden und Tage mit solcher Reisegesellschaft verbringen mussten.

Sossusvlei

p2011_09_11_19h04_35Von Mariental ging es über die Tsarisberge zur Desert Homestead, eine Lodge, die völlig isoliert in einem Hochtal liegt. Namibia hat seit Anfang des Jahres mehr Regen gehabt als Deutschland, deshalb war die Steppe überzogen mit silbern glänzendem kniehohem Gras, das sich im ständigen Wind bewegte. Da das eine Reiterlodge war, gab es keine RRDR. Da es eine Öko-Lodge war, allerdings auch keine Steckdosen im Bungalow. D.h. jeden Abend, wenn man von seinen Exkursionen zurückkam, ging der Run auf die 5 Steckdosen im Hauptgebäude los. Da lagen dann in friedlicher Koexistenz I-Phones neben Rasierapparaten, Kameras und Laptops zum Aufladen an der Leine.

p2011_09_12_08h25_52Eine der Exkursionen ging zu den roten Dünen von Sossusvlei, einem Naturpark. Einlass ist bei Sonnenaufgang, der gnädigerweise erst um 6:45 war. Man fährt eine knappe Stunde durch die Landschaft an den Dünen vorbei. Die frühe Morgensonne sorgt für kräftige Schatten und Farbkontraste. Am Ende der Straße ist dann auch Schluss für normale PKWs. Nur Geländewagenfahrer dürfen auf eigene Faust auf p2011_09_12_11h40_52den Sandpisten weiterfahren. (Und wir haben mindestens zwei gesehen, die sich sicher gewünscht haben, sie hätten es nicht getan. Der Park ist bekannt für seinen effizienten und überteuerten Abschleppdienst.) Wir ließen uns also im offenen Wagen von Park-Rangern bis zum Deadvlei fahren. Natürlich reichte es nicht aus, im Vlei stehend die gespenstischen Baumruinen zu bewundern, nein, wir mussten natürlich auf die Big Daddy Düne hoch, ein mühsames und anstrengendes, aber sehr lohnendes Unterfangen. (Bei der Big-Mama am Sossusvlei habe ich dann wandern lassen)

Zurück an der „Bushaltestellep2011_09_12_13h35_04“ haben wir für unser Picknick-Frühstück die wenigen Sitzplätze im Schatten eines großen Baumes mit RRDR geteilt, die uns dann erklärten, sie würden sich nicht die Mühe machen, die Strecke zu laufen, viel zu anstrengend und die Bilder hätten sie schließlich im Reiseführer. Auf der Rückfahrt sahen wir eine gigantische Fata Morgana: die roten Dünen schwebten sch      immernd über dem weiten Grasland. Es wirkte fast realistisch, bis auf die Tatsache, dass die riesigen Dünen keinen Bodenkontakt hatten.

Naukluft und Olive-Trail

p2011_09_13_14h01_33Am nächsten Tag wollten wir es wissen und sind zu einer Wanderung aufgebrochen ins Naukluft-Gebirge. Der „Olive-Trail“ war zwar als schwierig beschrieben worden, aber wir dachten, mit unserer Alpen-Erfahrung klappt das schon. So liefen wir zwei Stunden durch karges Gebirge auf ein Plateau hoch, um dann weitere 2 Stunden in einen rot leuchtenden p2011_09_13_13h53_25Canyon einzusteigen. Köcherbäume standen wie bizarre Skulpturen gegen den Himmel, wir sahen die ersten Klippschliefer, kletterten über Felsen und waren eigentlich sehr zufrieden mit uns. Bis dann die Schlucht mit den Ketten kam. Es war nicht wie in den Alpen, es ging nur fünf Meter senkrecht runter und nicht Hunderte und im stinkenden Wasser unten waren bestimmt auch keine Krokodile, aber es war einfach doof. Die Jungens gingen rechts in die Wand, die Große links und meinte dann, ich sollte ihr folgen, da die Seite einfacher sei. Was sie da noch nicht gesehen hatte, waren die folgenden zwei Seillängen. Sie ließ mich also vorbei, um mich von hinten zu dirigieren. Und da stand ich dann: für den nächsten Schritt keinen Rand, auf dem man den Fuß abstellen konnte, nur die Kette. Mein Sohn sagt: „Knie anziehen, in die Kette legen und abdrücken“ Das hatte ich auch mal gelernt, vor 30 Jahren. Und seit damals nie wieder gemacht. Naja, ihr könnt Euch denken, wie es ausging: Knie angezogen, in die Kette gelegt —— und mit einem sehr hässlichen Geräusch rutschten meine Füße weg, ich knallte gegen die Wand und hing da zwischen Himmel und Erde. Fünf Leute redetp2011_09_13_14h21_34en gleichzeitig auf mich ein, schließlich schafften meine Jungs es, von einem Sims heraufzureichen und meine Füße auf eine Kante zu stellen. Und danach war das mit dem Zurücklegen und an der Kette entlanglaufen wirklich kein Problem mehr, echt wahr!

Was waren wir stolz, als wir alle drüben waren! Kein Familientherapeut hätte sich eine bessere „Family-Bonding-Session“ ausdenken können. Die restliche Stunde zurück zum Wagen waren wir alle sehr aufgekratzt.

Für uns hieß es am nächsten Morgen Abschied nehmen vom weiten Grasland. Den Spreetshogte Pass, mit 23% der zweitsteilste Pass Namibias, hoch und den Gamsbergpass wieder runter fuhren wir durch endlos sich reihende Bergketten hinab nach Swakopmund. Das war unsere erste Woche in Namibia.

Die Wüste lebt!

p2011_09_15_17h03_44Swakopmund liegt am Meer und ist eine seltsame Mischung aus kolonialem Zuckerbäckerstil im alten Zentrum und markanter hochmoderner Architektur in den „besseren“ Vierteln an der Strandpromenade. Aber auch diese Stadt bietet wie Windhuk nicht mehr als einen halben Tag Sehenswertes. Und bei 18° Luft- und 12° Wassertemperatur ist das mit dem „faul am Strand liegen“ auch nicht so verlockend.

Und so ging es am nächsten Morgen in neblig kühler Frühe mit der „Little Desert Tour“ in die Namib-Wüste. Chris, der Tourguide, ist ein Elektroingenieur, der vor 20 Jahre seine Liebe zur Wüste entdeckte und sich seither unentwegt für den Erhalt dieses Lebensraumes einsetzt. Sein eingeschworener Feind sind die Horden von Quad-Fahrern, die im Pulk durch die Wüste brettern und mit ihren breiten Reifen einen faszinierenden Lebensraum zerstören. Seine Kampagne – mit Luftaufnahmen, die zeigen, dass die Quad-Spuren auch nach Jahren nicht verwehen – hat die namibische Regierung dazu gebracht, weite Teile der Wüste unter Naturschp2011_09_15_09h59_47utz zu stellen und für die Quads unzugänglich zu machen. Für Tourguides wie Chris heißt das, sie müssen eine Konzession kaufen und dürfen auf ihren Touren einmal festgelegte Pisten nicht verlassen.

Wir standen fröstelnd im Frühnebel, ein einzigartiges Phänomen in dieser Wüste und die einzige Feuchtigkeit, die die Tiere und Pflanzen dieses Lebensraumes normalerweise bekommen, und hörte Chris zu, der seine Begeisterung für die Wüste und ihre Bewohner überspringen ließ. Er erklärte uns, wer hier wen frisst und wie fantastisch Tiere und Pflanzen sich an die schwierigen Bedingungen angepasst haben. Das war die Theorie. Und dann ging’s los. Chris fand einen „Tropfen“ im Sand. Das war die Falltür einer Spinne, die sich ihren Tunnel mit Seidenfäden verstärkt und dort die Hitze übersteht. Er grub sie vorsichtig p2011_09_15_09h55_19aus, ein mittelgroßes Exemplar von ca. 6 cm Durchmesser. (Er erkennt das am Tunnel, kleinere will er nicht stressen, größere könnten Babys haben.)Die Spinne wohnt und jagt an der Spitze der Dünen. Bei Gefahr zieht sie die Beine ein und lässt sich blitzschnell den Abhang runterrollen, schneller als der Fressfeind. Unten springt sie auf und bewegt ihre Beine abwehrend, was ihr den Namen „Dancing white Lady“ einbrachte. Unsere Spinne war noch etwas verschlafen am frühen Morgen, ging aber sofort mit Kung-fu-Bewegungen auf unsere Füße los. Chris lieh sich unsere Kamera aus, um allen zu zeigen, wie man echt coole Nahaufnahmen von einer echt sauren Spinne macht. Kurz danach griff er in den Sand und grub eine kleine Blindschleiche aus. Das Tier war so seidig glatt, das die Sandkörner einfach abrieselten. Völlig ohne Anstrengung glitt es wieder in den Sand zurück. Wir fuhren ein Stück weiter, als Chris plötzlich bremste, aus dem noch rollenden Jeep hechtete, eine Düne hoch spurtete und seinen Hut warf. Dieses Manöver lenkte eine p2011_09_15_10h45_11kleine Eidechse so ab, dass sie direkt auf uns zukam. Chris nahm sie vorsichtig auf, zeigte die breite Grabschnauze und erklärte, dass sie sich bei Gefahr ruckzuck eingräbt. Und setzte sie ab, um das zu demonstrieren. Worauf die Eidechse sich auf ihre Beinchen stellte und einen Sprint die Düne hoch hinlegte, was Chris zwang, dasselbe zu tun. Beim zweiten Versuch hatte sie dann eingesehen, dass sie mit dieser Taktik nicht weiterkam und grub sich programmgemäß ein. Während wir die Eidechse bewunderten, kam Chris Kollege und flüsterte ihm einen lateinischen Namen zu. Chris wurde ganz aufgeregt. Offensichtlich war jemand beim Aussteigen auf eine Sandviper getreten, die gut getarnt im Sand lag. Die Viper hatte sich anhand des Gewichts ihre Chancen ausgerechnet und war abgehauen, wobei ihr der Jeepreifen den Weg verstellte. Chris zeigte uns die Fußspur, die typische Schlängelspur und kurz vor dem Reifen zwei größere „Sandkörner“, die Augen der eingegrabenen Schlange. Mit seinem Grabstock „ärgerte“ er sie aus respektvoller Distanz so lange, bis sie wütend zischend aus dem Sand schoss. Wie so ein kleiner Pinscher moserte sie alle Umstehenden an und verschwand mit Rüttelbewegungen wieder. Auf die offensichtliche Frage kam diese Antwort: „Nein, der Biss kann dich nicht töten, aber die ersten drei Tage wünschst du dir, du wärst tot.“ Da die Schlange auf der Fahrspur lag, wurde sie von Chris mit dem Stock so gestupst und geführt, bis sie – nun aber ernsthaft angepisst und zischend und spuckend – sich die Düne hochwandt und in Sicherheit war. Der nächste Stopp war am Fuß einer p2011_09_15_11h18_07Düne, wo Chris mit einem Löffel einen Gecko ausgrub. Dieser kleine Geselle sah aus, als hätte er ihn gerade aus dem Kaugummi-Automaten gezogen: riesig Augen und eine fast transparente Haut, die in allen Farben schillerte. Geckos sind nachtaktiv und dieser kleine Kerl fühlte sich selbst im Schatten nicht wohl. So versuchte er sofort sich wieder einzugraben, was ihm aber nicht so recht gelang, da der Sand an der Stelle immer nachrieselte. Schließlich nahm Chris seinen Löffel und grub ihm eine schlüsselfertige Wohnung, die er sofort begeistert bezog.

p2011_09_15_12h09_28Chris hatte uns am Anfang der Tour die „Little Five“ versprochen. Wir waren begeistert, von den Tieren, seiner Kenntnis und auch seiner Fähigkeit, seine Begeisterung zu übertragen. Aber das Beste sollte noch kommen: das Sinnbild graziler Leichtfüßigkeit: das Wüstenchamäleon. Wüstenchamäleons haben fast keine natürlichen Feinde und so rollte dieses Chamäleon mit der Grazie und dem Selbstbewusstseins eines Panzers über den Wüstenboden. Auch die Tatsache, plötzlich hochgehoben zu werden, beeindruckte es nicht sonderlich. Es ließ seine Augen in verschiedene Richtungen rollen, machte aber keine Anstalten, von Chris Hand runter zu kommen. Chris erklärte uns, dass, anders als Baumchamäleons, Wüstenchamäleons ihre Farbe nicht ihrer Umgebung sondern ihrer Stimmung anpassten. Und dieser Freund hier war wohl ernsthaft sauer, dass er nicht gemütlich im Schatten dösen konnte, sondern sich wohl notgedrungen auf die Suche nach Nahrung machen musste. Er war schwarz. Chris griff mit der freien Hand in eine Schachtel in seiner Westentasche, fischte einen fetten Mehlwurm raus und hielt ihn in 30cm Entfernung vor das Chamäleon. Voller Begeisterung sprang es auf den Wurm zu – in die Leere! Chris hatte das wohl erwartet und fing es sanft auf. Dann besann sich das Tier und ließ seine Zunge rausschnellen und zack war der Wurm weg – und das Wüstenchamäleon glücklich. Es wurde dunkelrosa. Nun ist ein glückliches Wüstenchamäleon nie so glücklich, dass es nicht noch mehr Mehlwürmer fressen könnte. Außerdem hatten natürlich nicht alle rechtzeitig auf den Auslöser gedrückt, also kam ein zweiter und dritter Wurm zum Einsatz. Am Ende war das Tier altrosa mit dunklen Tupfen. Chris setzte es ab und es stampfte interessiert auf die auf es gerichteten Kameras zu, hoffnungsvoll den Kopf hin- und herdrehend. Alsp2011_09_15_12h54_04 es feststellen musste, dass die Kameras keine Mahlzeit produzierten, suchte es sich seinen Weg durch unsere Beine und stampfte schnurstracks in die Wüste. Nach kaum drei Meter konnte man es nur noch an der Bewegung vom Boden unterscheiden. Eine kurze Strecke weiter saß ein kleines Chamäleon in einem Busch. Es musste ein pubertierendes Jungtier in einer tiefschwarzen „No-Future“-Phase gewesen sein. Selbst 3 Mehlwürmer konnten seine Stimmung nicht aufhellen.

Chris hatte uns drei Stunden lang die Kleinen der Wüste gezeigt. In der letzten Stunde zeigte er die Größe der Wüste. Er ließ die Hälfte der Luft aus den Reifen, fuhr in diese grandiose Landschaft hinein und ließ uns uns satt sehen. Da die Jeeps auf den vorgegebenen Tracks fuhren, waren die Dünen rechts und links völlig unberührt und man konnte sich einbilden, der erste und einzige Mensch in dieser Wüste zu sein.

Die Spitzkoppe, das so genannte Matterhorn Namibias

p2011_09_16_10h48_50Wie alle Vergleiche hinkte natürlich auch dieser. Wo das „echte“ Matterhorn mit kantigen Toblerone-Zacken daherkommt, ist das namibische ganz sanfte Rundheit. Der ganze Berg sieht aus, als seien vor langer Zeit riesige runde Magma-Blasen an die Oberfläche gestiegen und vor dem Zerplatzen erkaltet. „Felsen“ in der Form gigantischer Ostereier kullern auf noch größeren Felsen, es wirkt alles sehr seltsam für jemand, der den karstigen Jura oder die schroffen Alpen gewohnt ist. Wir wollten auf ein Plateau mit dem schönen Namen Bushman’s Paradise klettern, weil es diesmal hieß, die Kletterei sei trotz Ketten recht einfach. An der Spitzkoppe angekommen, haben wir viel gelernt. Zum einen: Touristen können echte Ar…löcher sein. Es gibt dort tausende Jahre alte Felszeichnungen, die von Touristen z.T. mit Wasser oder Cola übersprüht worden sind, um fürs Fotografieren bessere Kontraste zu erhalten. Mit dem Ergebnis, dass sie nun fast ganz zerstört sind. Nachdem die San-Buschmänner sich bei der Regierung beschwert hatten, dass ihr kulturelles Erbe nicht respektiert würde, hat die Regierung gesagt: „Wisst ihr was, ihr dürft euch da jetzt selber drum kümmern.“ Nannte das dann Local Community Project und war fein raus. Die San haben das Gelände weit gehend in einen Campingplatz umgewandelt und du darfst da offiziell nur rein, wenn du da übernachtest. D.h. für Tagesbesucher, du zahlst die Übernachtungsgebühr als Eintritt. Dafür bekommst du einen Buschmann-Führer, der zu dir ins Auto steigt, dich durch das Gelände führt, dir erklärt, warum man(?), er (?) jedenfalls wir nicht auf Bushman’s Paradise klettern dürfen/wollen/können, der uns aber dann zum Little Bushman’s Paradise führte, einem überhängenden Felsen mit vielen p2011_09_16_12h20_27Zeichnungen. Diese Zeichnungen waren so was wie das schwarze Brett der San. Ursprünglich zogen sie in einem 8 bis 10-Jahres-Turnus durch Namibia und Botswana. Die einzelnen Gruppen kommunizierten mithilfe dieser „Anschlagtafeln“: Rhino nach rechts hieß: da gibt es Wasser, Löwen na, was wohl?

Unser Führer gab uns noch weitere Einblicke in seine Kultur, als er um die Hand unserer Ältesten anhielt und uns eine Ziege und sechs Schafe für sie bot. Als er unser Zögern bemerkte (schließlich hatten wir in Marrakesch schon 10000 Kamele für sie ausgeschlagen), meinte er, das wäre ok. Nächste Woche würde er seine Eltern mit einem besseren Angebot schicken. Und falls das nichts helfen sollte, käme in der Woche darauf der ganze Clan mit Geschenken. Wir mussten das junge Glück leider stören, denn wir wollten ja schließlich noch weiter.

Ferien auf dem Immenhof

p2011_09_16_14h56_13Ja, auch wir haben zuerst gelacht, als unser Reiseveranstalter diese Lodge vorschlug. Aber keine Angst, es gab weder niedliche Ponys noch resolute Filmomas. (Nur halb verwilderte Pferde, die man für den Morgenritt erstmal hätte einfangen müssen, worauf wir dann verzichteten) Das Zeitgefühl „Deutschland Ende der 50er“ traf die Lodge dafür ganz gut. Schwere, altdeutsche Möbel in Eiche dunkel rustikal und alle freien Wände gefüllt mit toten Tieren. Mit beeindruckend großen toten Tieren. Unsere erste Reaktion war: raus hier! Und dann haben wir die überwältigende Gastfreundschaft der Gastfamilie kennen gelernt. Am dritten Morgen haben wir uns wirklich schweren Herzens getrennt vom Immenhof.

p2011_09_16_18h49_18Auf der „kleinen Farm“, sie misst nur 50 km², gibt es inzwischen keine Kühe mehr, der Besitzer macht nun Wildmanagement. Kühe fressen sehr selektiv: bestimmte Pflanzen in einer bestimmten Höhe. Wild kommt von Dik-Dik(0,40m) bis Giraffe (6m) daher und nutzt so die Ressourcen viel besser. Natürlich ist eine Jagdfarm kein Streichelzoo und das Ende der Tiere ist vorhersehbar. Wie Jagdpächter in Deutschland wählt der Farmer die Tiere, die er für Trophäenjäger freigibt, sorgfältig aus. Oft ältere Tiere, die den Winter nicht überstehen würden. Und einige Tiere werden nur so gehalten, damit die Nichtjäger auch auf ihre Kosten gekommen. Das erste Giraffenpaar z.B. hat sich der Besitzer zum p2011_09_17_17h50_1450. Geburtstag „gegönnt“. Das alles wurde uns so kompetent und überzeugend erklärt und gezeigt, dass selbst unsere Vegetarier-Tochter irgendwann ihre bohrenden Fragen einstellte und zugeben musste, dass, wenn man schon Fleisch essen will, das hier eine überlegenswerte Alternative sei. Denn im Gegensatz zu den Fleischproduktionsbetrieben in Deutschland hatten diese Tiere ein artgerechtes Leben. Dass immer mehr (unter Naturschutz stehende) Geparden und Leoparden einwandern, gehört auch dazu. Und das bedeutet für den Farmer oft herbe Verluste: auf Immenhof haben die Raubkatzen eine ganze Springbockherde und alle Strauße ausgerottet.

Neben den Tieren, unter anderem unsere ersten Giraffen – mit 7 Monate altem Baby -, gibt es zwei Attraktionen: weitere Felszeichnungen und die singenden Steine, riesige Granitkugeln, die, mit einem kleineren Stein angeschlagen, wie große Glocken klingen. Auspolierte Mulden zeigen, dass dieser Platz früher ein wichtiger Versammlungsplatz war, wo es dann wohl richtig „rockte“.

Die Felszeichnungen wurden von den ersten deutschen Siedlern als Hinweise auf eine urspp2011_09_17_09h04_30rünglich phönizische Besiedlung Namibias gedeutet. Die Herren Kolonialisten konnten sich nicht vorstellen, dass die „Eingeborenen“ zu solch künstlerischen Leistungen fähig waren! Typisch!

Nach dem Essen am ersten Abend fragten wir nach typisch namibischen Gerichten. Die Antwort war ein begeistertes: „Ihr wollt typisch namibisch essen? Toll, wir machen morgen ein Braii.“ Und so gab es riesige Elant-Steaks und selbst gemachte Kudu-Bratwurst vom Grill, aber auch Schweinebauch-Streifen aus der nächsten Stadt. Kleine Mini-Kürbisse wurden im Ganzen gegart und ausgelöffelt, dazu gab es Süßkartoffel-Püree und gegrillten Mais. Die Salatlage war etwas kritisch, da in der Nacht zuvor ein Kudu-Bulle über Mauer des Gemüsegartens gesprungen war und die Hälfte der Salate gefressen hatte, bevor er verjagt werden konnte. Es war alles sehr lecker, aber ich bin mir auch bewusst, dass die namibische Bevölkerung so nicht isst.

Etosha

p2011_09_18_18h21_22Der Naturpark sollte der Höhepunkt unserer Reise werden, vier ganze Tage hatten wir dafür eingeplant, jeweils zwei am West- und Osttor.

Um es kurz zu machen: Etosha kann zu Konflikten führen. Zwischen Menschen, die ihren ersten einsamen Elefanten-Ar… minutenlang meditativ-andächtig anstarren können und denen, die sich sagen, da werden sicherlich noch mehr Elefanten kommen. Zwischen Menschen, die ein Motiv aus 5 verschiedenen Winkeln kontemplieren möchten und denen, denen das nach drei Stunden im Auto definitiv auf die Nerven geht. Kurzum: Zwischen Fotografen und Nicht-Fotografen. Das nur so als kleiner Planungshinweis…

Etosha ist wie ein Zoo, nur anders rum: Hier werden die Menschen (nachts) hinter hohen Zäunen gehalten. Und die Tiere dürfen frei laufen… Zu Tausenden… Gut, nach zwei Wochen Namibia hatten wir schon einiges an Viehzeug gesehen, dachten wir. Springböcke, Kudus, Gnus und Oryxe, sowohl beim als auch zum Abendessen, Zebras, Strauße und unsere ersten Giraffen. Und dann kommst du nach Etosha – und es haut dich einfach um. Im Park stromern 23000 Zebras rum. Die sind überall: auf der Straße, neben der Straße, vor dir, hinter dir, überall. Zebras sind übrigens die Ar…löcher Etoshas. Während die meisten anderen Tiere ihre Vorderfüße manierlich an den Rand des Wasserlochs setzen und anständig trinken, brettern die Zebras mit einer Hundertschaft mittenrein. p2011_09_19_08h29_27Ist uns doch egal, wie aufgewühlt das Wasser hinterher ist! Zusammen mit den Zebras kommen meist die Gnus. Das ist wie beim Supermarkt an der Wursttheke: Familie Zebra wird gerade bedient, da warten schon Familie Gnu und Springbock in der Schlange darauf, dass sie drankommen. Gehen die Zebras aus dem Wasser, rücken Springbock und Gnu auf. Die Gnus haben wohl die Ar..karte der Steppe gezogen. In die gleiche Familie gehörend wie die hübschen Springböcke, die grazilen Impalas oder die knuffigen Dik-Diks, wirken sie wie die Trampel vom Dienst. Hinzu kommt, dass sie ziemlich schlecht sehen. Also schließen sie sich den Zebras an, die da sehr fit sind. Sehen die Zebras ein Raubtier und setzen sich in Bewegung, fangen die Gnus mal prophylaktisch auch an zu paniken und schießen mit ungelenken Bewegungen den galoppierenden Zebras hinterher. Den Zebras ist das recht, denn sie wissen wohl, dass sie a) schneller sind und b) Gnufleisch den Löwen besser schmeckt. Ich sag’s ja: Ar…löcher .

p2011_09_18_18h48_01Etosha ist von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang geöffnet, dazwischen werden die Menschen in ihre Gehege gesperrt. Das klappt ganz gut. Ab und an wird ein Tourist gefressen, der meint, er müsse im Schlafsack am Wasserloch übernachten, um bei Sonnenaufgang „ganz nah dran“ zu sein. Es gibt drei große Lager, alle staatlich betrieben, im Park und eine Anzahl von privaten Lodges direkt außerhalb (Preise nach oben offen, manche verlangen über 500€ pro Person und Nacht!). In den Lagern hast du verschiedene Bungalow-Typen und meist auch Campingplätze und ein großes Restaurant für alle. Essen ist nicht der Grund nach Namibia zu fahren. Im Okaukuejo-Lager gab es z.B. zum Salatbüffet kalte Fischstäbchen. Also nicht kalt gewordene Fischstäbchen, die lagen am 2. Tag statt der Schinkenstreifen auf dem Blattsalat. Andere Länder, andere Sitten. Dafür wurde jeden Abend dein Kudu oder Gnu Steak vor deinen Augen gebraten, auch ein 2. oder 3., wenn du denn wolltest. (Über die Alternative Tütensoße oder Hot-Chili-Sauce aus der Flasche schweigen wir mal.)

Am ersten Abend schossen wir die Sonnenuntergangbilder direkt am Wasserloch. Giraffen, Nashörner, Schakale und Hunderte Perlhühner, das war schon ein „Wow“! Wie „Wow“ wird dann erst der Sonnenaufgang sein, dachten wip2011_09_19_16h06_25r uns und quälten uns um sechs aus den Betten. Tja, kein Schwein da! Und das ist wörtlich zu nehmen. Um halb acht gaben wir auf und gingen frühstücken. Bei unserer Rückkehr eine Dreiviertelstunde später standen die Zebras im Wasserloch und andere Tiere in der Warteschleife. Merke: auch Tiere bleiben mal gerne länger liegen.

Mit dem eigenen Wagen kannst du dann nach Herzenslust über die verschiedenen Routen zu den verschiedenen Wasserlöchern fahren. Nur aussteigen darfst du natürlich nicht. Im Prinzip gilt der alte sozialistische Grundsatz: Wo eine Schlange steht, anstellen. Manchmal startest du deine eigene Schlange, wenn du anhältst, weil vier Elefantenbullen schnurstrap2011_09_21_12h49_45cks auf dich zukommen, und vorsichtshalber mal schon den Rückwärtsgang einlegst, weil sie einen Meter vor dir stehen bleiben und ein Sandbad nehmen. Das mit dem Rückwärtsgang war reines magisches Denken, da inzwischen vier weitere Autos hinter uns standen. Und so aus der Nähe sind Elefanten schon seeeehr groß!

Wir haben großes Glück gehabt und außer Geparden und Leoparden sehr viel gesehen. Eine Löwenfamilie (Lisa schaut in die andere Richtung am Wasserloch und ruft aufgeregt: „Da hinten ist ein Löwe.“ Kommt aus dem Nachbarauto: „Ein Löwe? Das sind mindesten sieben!“), ein Nashorn, das ungemütliche fünf Minuten direkt neben dem Auto stand, bevor es sich entschloss, übp2011_09_21_10h49_37er die Straße zu gehen, badende Elefanten und jede Menge schräge Vögel. Am meisten beeindruckt hat mich das Miteinander der Pflanzenfresser. Elefant, Giraffe und Nashorn gemeinsam am Wasser und unter ihren Beinen wuseln die kleineren Gazellen, das fand ich sehr anrührend.

Waterbergplateau

p2011_09_22_17h54_50Unser vorletzter Stopp war das Waterbergplateau, ein riesiger Tafelberg, der in roten Farben leuchtet und dank großer Wasservorkommen üppig grün ist. Die Chalets lagen vom Hauptlager 10km entfernt ganz isoliert direkt an der Kante des Plateaus, mit Blick über kilometerweite Leere, jedes mit eigenem kleinen Dipp-Pool, wirklich traumhaft. Dafür war das Essen absolut katastrophal! (Paniertes, frittiertes Kudu-Schnitzel, am Morgen in der Hauptlodge gekocht und am Abend für uns aufgewärmt, brr) Da aber die nächste Stadt mindestens 50 km – und das wieder über Dirt roadp2011_09_22_18h15_58s – weit weg ist, hat man nicht viele Alternativen. Dafür waren die Wanderungen auf dem Plateau und das Farbenspiel der Sonnenuntergänge wunderschön.

Ondekaremba Guestfarm

Unsere letzte Station war eine Gastfarm 40km von Windhuk, aber nur wenige Kilometer vom Flughafen entfernt, da wir um 6:00 früh einchecken mussten. Nach all den tollen Erlebnissen war es dort fast ein bisschen langweilig, zumal sie offensichtlich bei RRDR sehr beliebt war, die dort in Massen auftraten. „Man“ hatte dort seinen eigenen Landrover unterstehen, da „man“ mehrmals im Jahr nach Namibia kam und „man“ sich natürlich nicht einer Gruppe anschließt, weil „man“ mindestens für 8 Wochen im Land unterwegs ist. Als dann noch erzählt wurde, dass „man“ sein Auto vorzugsweise in Unnp2011_09_24_17h28_54a anmeldet, um „UN“ auf dem Kennzeichen stehen zu haben, oder einen WWF-Aufkleber benutzt, um sich als „offizieller Vertreter“ kostenlos in die Wildparks einzuschmarotzen, konnten wir uns ein paar Sätze nicht verkneifen. Und dann durften wir nicht mehr mitspielen…

In der Nacht fiel ein Schuss. Da der Besitzer uns von seinen Probleme mit Stachelschweinen erzählt hatte, dachten wir uns nichts dabei. Erst am nächsten Morgen haben wir die ganze Geschichte erfahren: eine Gruppe Krimineller hatte den Elektrozaun durchgeschnitten und war in das letzte Chalet eingebrochen. Der dort übernachtende RRDR hatte dem einen Einbrecher seinen Gehstock über den Kopf gezogen, woraufhin dessen Kollege ihm eins mit dem Brecheisen auf den Schädel gab. Laut um Hilfe rufend ist der alte Mann nach draußen gelaufen, die Angreifer hinterher. Unsere Jungens haben das wohl gehört (im Gegensatz zu ihren Eltern und Schwestern und allen anderen Gästen) und sind zur Hilfe gekommen. Beim Anblick der beiden großen und kräftigen jungen Männer haben die Angreifer einmal geschossen und sind abgehauen.

Mir ist jetzt noch schlecht, wenn ich daran denke, was da hätte passieren können. Am nächsten Morgen waren unsere Großen natürlich die Helden des Tages.

Das war unser letzter Tag in Namibia. Für die Familie des Rentners war es der erste gewesen. Sie sind, wie wir, am nächsten Morgen wieder nach Deutschland geflogen.


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