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Reisearchiv: I wie Israel – Masada

Jetzt sei aber wirklich Schluss, sagte sie ganz streng. Dreimal sei auch mehr als genug. Ob ich mich nicht schäme, so egoistisch zu sein. Was, wenn die anderen Leute…

Und ich stand da, schämte mich nicht, wollte egoistisch sein und drückte das Buch ganz fest an mich, wollte es nicht mehr hergeben. Yigael Yadins prächtiger Bildband über seine Ausgrabungen in Masada war zu teuer für mein Taschengeld. Und mehr als dreimal durfte ich die Ausleihe in unserer kleinen Stadtbücherei in Z. nicht verlängern. Das machte die Bibliothekarin mehr als klar.

Er war mein Held, Yigael Yadin, und ich wollte nun auch Archäologe werden, genau wie er. Eleazar Ben Ya’ir sah ich etwas skeptischer. Natürlich war auch er ein Held und sein Freiheitskampf bescherte mir einige durchheulte Nächte, aber irgendwo tief drinnen sagte mir etwas, dass man vielleicht doch einen anderen Ausweg hätte wählen sollen.

Und dann saßen wir einige dreißig Jahre später beim Essen in Eilat und der Gedanke steht plötzlich in der Luft: „Lasst uns nach Masada fahren.“

p2008_11_11_12h47_03Die Begeisterung wird ein ganz kleines bisschen gedämpft durch zwei Fakten. Zum einen haben unsere Freunde für unsere Fahrten nach und in Eilat den kleinstmöglichen Wagen gemietet – und wir sind alle nicht von kleinstmöglicher Statur. Zum anderen durften wir zwischen Tel Aviv und Eilat erleben, was ein entschlossener Fahrer aus einem Kleinstwagen herauskitzeln kann – unter völliger  Missachtung der örtlichen Gesetzgebung und sträflicher Vernachlässigung der aktuellen Straßenverhältnisse. Wir waren da zugegebenermaßen nicht ganz unschuldig dran. Unser Flieger war mit einer Stunde Verspätung in Zürich zwischengelandet, wo wir immerhin noch gute 45 Minuten zum Boarding fürp2008_11_10_17h20_40 den Flieger nach Tel Aviv gehabt hätten – wenn, ja wenn die israelischen Sicherheitschecks nicht gut 60 Minuten dauern würden. So flog dieser Flieger ohne uns und der nächste ging erst am Nachmittag. Wie der Zufall es so wollte, hatte unser Freund sich ein neues Handy gekauft, dessen Nummer er uns noch nicht mitgeteilt hatte und der israelische Kollege, der uns am Flughafen begrüßen sollte, war auch nicht zu erreichen. So warteten wir in Zürich auf den Flieger und unsere Freunde in Tel Aviv auf uns. Als wir uns dann endlich trafen, war es schon fast dunkel und 350 km Landstraße lagen vor uns. Ich gebe zu, mit mir am Steuer wären wir deutlich später im Hotel angekommen, aber ganz geheuer war mir das alles nicht. Dem israelischen Militär wohl auch nicht. Wir sind in mehrere Straßenkontrollen geraten. Zum Glück ging es mehr um das allgemeine Terrorpotential, nicht um den Terror auf der Straße. Meist genügte den Soldaten einp2008_11_10_15h53_05 Blick ins Wageninnere, wo vier große, dunkelblonde Europäer wie die Hühner auf der Stange zusammengedrängt saßen, um zu entscheiden, dass die einzigen Leben, die wir gefährdeten, unsere eigenen wären.

Das Dan-Eilat-Hotel sah das dann wiederum ganz anders. Bevor der Wagen in die Hotel-Garage durfte, mussten wir die Koffer ausräumen und durch ein Gerät laufen lassen, der Kofferraum wurde kontrolliert und dann mit einem Spiegel unter den Wagen geschaut.

Masada, der Entschluss ist dann doch schnell gefasst, zumal wir diesmal ohne Gepäck auf dem Schoß reisen würden. Und die Strecke wäre mit 220 km auch recht kurz, wenn auch Tankstopps vorgesehen werden müssen. Tanken ist in Israel immer ein bisschen zeitaufwändig, da man sich erst mit Pass und Kreditkarte in der Tankstelle identifizieren muss, aber bei einem Kleinstwagen mit Primanerbläschen eben häufiger notwendig.

Wir kommen sehr früh los, da wir nicht in der Mittagshitze auf dem Berg sein wollen und haben daher ein ganz besonderes Lichp2008_11_11_10h12_25t, als wir die erste Kanäle von bzw. zum Toten Meer sehen. Sie sind leuchtend milchig-türkisblau, eine schwer zu beschreibende Farbe. Ohne zu kalauern: das Tote Meer ist ein sterbendes Meer. Auf israelischer und jordanischer Seite wird so viel Wasser entnommen, dass der Spiegel drastisch sinkt. Das hat dramatische Folgen: die Uferregionen sind ausgehöhlt und ohne stützendes Füllwasser sehr instabil, so dass es immer wieder zu Unfällen kommt. Die vielen Hotels, die medizinische Behandlungen anbieten, sehen die Uferlinie Jahr für Jahr zurückweichen. Es gibt einen Plan, aus dem Roten Meer über einen Kanal Wasser zuzuführen, doch die Wissenschaftler sind sehr zögerlich, weil niemand weiß, welchen Einfluss dieses fremde Wasser mit seinen Mikroorganismen auf das sehr spezielle Ökosystem des Toten Meeres haben kann. Das alles erzählte uns ein Meeresbiologe auf einer Abendveranstaltung für Konferenzteilnehmer, die mal was anderes als Physik hören möchten.

Dann erhebt sich in der Ebene vor uns der Koloss des Tafelberges, auf dem Masada steht.

p2008_11_11_10h20_07 König Herodes kommt ja nicht so richtig gut rüber in der Bibel. Da gibt es die Geschichte von Herodes, dem Weichei, das sich nicht gegen seine Frau durchsetzen kann und den Mord an Johannes dem Täufer duldend in Kauf nimmt. Oder die noch viel schlimmere Geschichte, von Herodes, dem Killer, der aus Machtpolitik Hunderte kleiner Kinder ermorden lässt. Nicht gerade der Sympathieträger im Neuen Testament. Was die Bibel verschweigt, ist die Geschichte von Herodes, dem Baumeister. Auf einem Felsplateau, dass steil zwischen hundert und vierhundert Meter aus der Ebene aufragt, baute er, was ein Immobilienmakler heute wohl eine „Komfort-Festung für den gehobenen Anspruch“ nennen würde.

p2008_11_11_11h05_56Um das ganze Plateau ließ er einen Wall ziehen, bestückt mit Türmen. Im Inneren gab es nicht nur alles, was der Soldat so braucht, also Kasernen, Lager, Ställe für die Tiere, sondern auch Herodes’ Palast und Wohnhäuser mit dem höchsten Komfort der damaligen Zeit. Beheizte Badehäuser, Swimmingpools, mit Fresken ausgemalte Gemeinschaftsräumen. Das alles auf diesem Plateau aufzubauen, ist schon eine beeindruckende Leistung. Die Krone der Ingenieurs- und Baukunst bilden aber die Wasserleitungen, die gut verdeckt Trinkwasser aus den nahe liegenden Bergen heranbringen, das dann in riesigen unterirdischen Zisternen im Felsen gespeichert wird. Herodes ließ in dieser Festung große Vorräte an Getreide und haltbaren Nahrungsmitteln einlagern. Diese Vorräte fielen dann erst seinem Nachfp2008_11_11_11h43_44olger und später den Römern zu, die diese Festung eroberten. Lange konnten die Römer die Festung nicht halten. Jüdische Aufständische eroberten sie und verschanzten sich dort. Damit begann die Geschichte, die von Josephus Flavius erzählt wird, zu der Archäologen aber ein eher kritisches Verhältnis haben. Knapp tausend Aufständische trotzten auf der gut befestigten und ausgerüsteten Burg dem römischen Heer. Dessen Befehlshaber ließ als erstes einen Belagerungsring um die Bergfestung bauen: eine Mauer, mit Lagern alle paar hundert Meter. Als klar wurde, dass die Belagerten lange aushalten können, begannen die Römer eine Rampe anzuschütten, auf der sie schweres Kriegsgerät zum Mauerbrechen bis an die Festung heranführen wollten. Anfangs beschossen die Belagerten die Bauarbeiter. Als die Römer gefangene Juden zur Arbeit zwingen, stellten die Belagerten den Beschuss ein, wohl wissend, dass die Bauarbeiten über kurz oder lang zur Einnahme der Festung führen würden.

p2008_11_11_11h53_10Als dieser Tag nahte, wählten die Aufständische aus ihren Reihen zehn Männer, denen die grausame Aufgabe zufiel, ihre Familien und Freunde zu töten. Keiner sollte als Sklave in römische Gefangenschaft geraten, sie zogen den Tod vor.

Diese Geschichte, die mir schlaflose Nächte bereitete, begründete den „Mythos Masada“, vom unbeugsamen Freiheitswillen Israels. Auf Masada wurden lange Zeit die Rekruten der israelischen Armee vereidigt. Die Ausgrabungen konnten die tragische Geschichte Masadas allerdings nicht bestätigen. Zwar fand man Tonscherben, in die Namen eingeritzt waren, aber nicht die Überreste der zu erwartenden vielen Toten.

 

Als Yigael Yadin p2008_11_11_10h43_04anfing die Festung auszugraben, musste er einsehen, dass er nicht genug Ressourcen zur Verfügung hatte für dieses große Unterfangen. So schickte er einen Aufruf in die Welt mit der Bitte um Freiwillige. Binnen kurzen hatte er ein anderes Problem: es kamen so viele Tausende Helfer, dass sie sich gegenseitig behinderten und zu logistischen Problemen führten.

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Heute kann man mit einer Seilbahn auf das Plateau fahren, wenn auch Romantiker sich den Serpentinenweg hoch quälen. Das Plateau ist so groß, dass man an vielen Stellen allein in den Ruinen ist. Gut, an den berühmtesten Stellen gibt es Gedrängel, aber an anderen Ecken kann man alleine auf den Mauern stehen und den Blick schweifen lassen. Auf der einen Seite das Tote Meer, auf der anderen Seite karge unwirtliche Berge. Und wohin auch immer man blickt, die Reste der Römerlager. Sie vermitteln immer noch ein Gefühl der Beklemmung, der Unausweichlichkeit. Auch die Rampe mit ihrem Belagerungsgerät spricht von der Macht und militärischen Überlegenheit Roms. Natürlich sind die Rammböcke nicht römisch, sie sp2008_11_11_11h52_14ind Requisiten des Peter O’Toole-Films „Masada“.

Wir sind Stunden durch Masada gestreift, auf den Mauern, in den Zisternen, durch die riesigen Vorratsräume und die Reste der Paläste. Gelegentlich trafen wir auf orthodoxe Juden, die sich im Gebet wiegten. Anderswo wurden ganze Schulklassen durch die Ruinen geführt. Unter gespannten Planen arbeiteten an manchen Stellen noch immer Archäologen. Man konnte ihnen bei ihrer mühsamen, heißen und staubigep2008_11_11_12h33_35n Arbeit zusehen. Mein eigener Traum, Archäologin zu werden, hat sch nicht erfüllt, aber bei solchen Gelegenheiten wird er wieder sehr lebendig.

 

 


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