Nackte Weiber mit abben Armen

 

a0Gestern Abend: Wir fahren zwei Stunden früher los, um vor dem Theater dem Gendarmenmarkt die Chance zu geben, uns von Weihnachtsmärkten zu überzeugen. Das kam nämlich als Reaktion auf meinen „Schrottwichteln“-Beitrag: Warum wir ausgerechnet diesen Markt besucht hätten, wo doch jeder (außer uns eben) wüsste, dass der Gendarmenmarkt viel schöner sei. Also stehen wir eine Viertelstunde an, um unseren Euro Eintritt loszuwerden und „tauchen“ dann ein in die Magie. „Mit dem Strom schwimmen“ ist nicht der richtige Ausdruck, es ist eher ein Ankämpfen gegen zähen Sirup.

a5Aber trotzdem schön, mit einem Hauch Festival: Engel auf Stelzen, ein Mann mit einer um seinen Bauch laufenden Winter-Eisenbahnlandschaft. Sie wollen nichts verkaufen, sind einfach nur da, um den Menschen eine Freude zu machen und haben selber ganz offensichtlich auch eine Menge Spaß daran. Das ausgestellte Kunsthandwerk legt ganz deutlich Wert auf die erste Silbe, wenn auch manches ziemlich seltsam ist. Ein lebensechter Pferdekopf aus rappenschwarzem Leder, mit Glasaugen, als Handtasche – sicherlich das IT-Accessoire für die Goth-Prinzessin, aber jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit? Hmmm…

Irgendwann bekundet Monsieur „un petit creux“ und wir klemmen uns mit einem Brötchen in der Hand auf eine gut gefüllte Bank. Vier weitere Gäste klemmen sich dann noch neben uns, wir kommen ins Reden und stellen eine Menge Gemeinsamkeiten fest. Sind nicht aus Berlin – Bingo! Fahren aber gerne immer mal wieder nach Berlin – Bingo. Gehen gleich in die Oper – Bingo (Theater zählt wie Oper!). Und dann sagt die eine zwischen zwei Bissen Schweinehaxe mit Grünkohl, dass sie auch an die Fishermen’s friends gedacht haben, „für vor der Oper“. Mich trifft das wie ein Schlag, die Erkenntnis, dass wir übelste Kunstbanausen sind. Kultur ohne Pfefferminz – geht gar nicht!

Dieses unser Versagen treibt mich die halbe Nacht um. (Vielleicht auch ein bisschen Herrn Kleist unglückliches Unvermögen, das eigene Streben nach Vollkommenheit mit der Unvollkommenheit unserer Welt zu versöhnen.) Im Morgengrauen sehe ich für uns zwei Möglichkeiten:

Die eine: wir kaufen Pfefferminz-Bonbons.

Die andere: wir leben ungestört unser Kunstbanausentum aus.

Wie jeder weiß, sind Bonbons schlecht für die Gesundheit.

Die BVB werden zu unseren Komplizen. Wir haben uns nämlich zur 3-Tages-Karte die Museumsinseloption aufschwatzen lassen. Und das wird es dann heute werden: Museum-Hopping.

a1

Mit einer daraus resultierenden frivolen Leichtfertigkeit betreten wir das Alte Museum. Ich gebe dem Mann an der Rezeption drei Minuten für seinen Sales Pitch: warum dieses Museum und nicht eines der anderen. Er macht seinen Job gut, aber dann setzte ich zum Todesstoß an: „Und das Museumscafé?“ Da wird er blass und stammelt, gegen das vom Bode-Museum könnten sie nicht ankommen.

Gut, so viel Ehrlichkeit muss belohnt werden und wir geben unsere Mäntel an der Garderobe ab. „Wo kommen Sie denn her?“, fragt die Dame und auf unsere Antwort Frankreich: „Ui, watt jibtett denn bei Ihnen Heilig Abend so zu essen?“ Ich fange an mit Salade chèvre chaude, gefolgt von Lachsfilet auf schwarzen Linsen, Ziegenkäsenocken auf gegrillter Rote Bete mit karamelisierten Walnüssen und schließe mit Mohnmousse mit Pflaumen im Glühweinsud. Ihre Augen werden immer runder, bis sie schließlich mit einem Seufzer über die Lippen leckt und uns die Marke gibt.

Gleich im ersten Raum verliebe ich mich, hoffnungslos, wie es aussieht. Das kleine Bronzepferd, fast 3000 Jahre alt, ist Perfektion. Zu ärgerlich, dass es nachher im Museumsshop nur Kopien der etruskischen Pferde gibt. Auch schön, kein Zweifel, aber nicht sooo schön. Wir streifen durch die Räume, beäugen mit einem kleinen Grinsen die Gruppe japanischer Damen, die mit der gleichen Faszination wie wir in Kyoto die schwarzen Buddha-Statuen bewunderten, vor einem griechischen Jüngling stehen. Als ob meine Gedanken ihn heraufbeschworen hätten, steht da plötzlich ein schlanker schwarzer Buddha zwischen all der weißen Marmorherrlichkeit. Dahlem, im Umzug ins Humboldtforum begriffen, hat einige seiner Schätze in andere Museen ausgelagert, wo sie als ironisches Augenzwinkern, als kleiner optischer Stolperstein die Aufmerksamkeit fokussieren.

a2

Die nackten Marmordamen streifen wir nur mit kurzem Blick. Vor Jahren haben wir uns da einen Rüffel eingehandelt. Wir Eltern hatten damals stinkautoritär unsere vier Kinder zu einem Bildungsaufenthalt in Rom verdammt. Die üblichen Museen, das Forum und eine Menge „gelato“, Pizza und Pasta. Den Großen hat es – glaube ich – ganz gut gefallen, dem Jüngsten eher nicht so. Mit dem ganzen Charme des tiefpubertären Knaben raunzte er uns an: „Nackte Weiber mit abben Armen angaffen, wie krank ist das denn!“ Also keine (oder kaum) nackte Damen für uns, dafür ein bisschen Frieren auf dem Weg von den Römern über die Rotunde und die Freitreppe zu den Etruskern. Es stellt sich heraus, dass das neben der Rotunde liegende Café wirklich nicht sehr einladend ist.

Im Neuen Museum verlaufen wir uns erst einmal und landen – aber das ist wirklich Zufall – beim Café. Kleine Pause bei einem Kaffee, während ich mit Faszination beobachte, wie die zwei Herren am Nachbartisch erst zwei Apfelkuchen, dann zwei Tomatensuppen, danach zwei weitere Apfelkuchen und anschließend noch zwei Tomatensuppen bestellen und verzehren. Wir sind nach der 2. Runde Tomatensuppe gegangen, so dass ich nicht weiß, wie viel da noch „ging“.

a3

Das Neue Museum bietet für mich dann eine große Überraschung. Nicht Nofretete oder Schliemanns Schatzkopien, die haben wir schon häufiger besucht. Zu meiner großen Freude haben sie im Museumsshop „mein“ Pferd, ein bisschen kleiner zwar, aber genauso schön. Und da Ehemänner immer auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken sind, muss ich das jetzt ganz schnell wieder vergessen.

Pergamonmuseum ist wie alte Freunde besuchen. Jedes Mal, wenn ich in Berlin bin, muss ich „meine“ Löwen „streicheln“ gehen. Den Pergamonaltar, den könntest du mir schenken, den würde ich mir nicht in Wohnzimmer stellen wollen, all das Geschwurbel und die ganze Gewalt! Das Ishtar-Tor, das ist etwas ganz anderes. Allein schon dieses Blau ist so etwas wie Entspannungstherapie. Aber der Höhepunkt sind die hethitischen Löwen. Nicht die des Tores, die kleineren genau gegenüber. Die so herrlich vergeblich versuchen, groß, stark und grimmig auszusehen und durch ihr freches Grinsen all das versemmeln.

a4

Es ist längst Zeit für eine Mittagspause und eigentlich wollen wir jetzt endlich das Café des Bode-Museums austesten. Aber kaum treten wir aus der Tür des Neuen Museums, stehen wir vor dem Baustellen-bedingt schäbigen Eingang des Pergamonmuseums. Es bleibt uns quasi nichts anderes übrig als hineinzugehen. Es geht die schmutzige Bautreppe hoch und – bäng, sorry, aber mir fällt nichts Besseres ein – steht man Knall auf Fall direkt in der Prozessionsstraße. Das wohltuende Blau tut seine Wirkung, kann aber trotzdem nicht gegen den Hunger ankämpfen.  „Nööö, wir nicht, noch nicht! Aber das Bode-Museum…“, beantwortet der Aufpasser meine Frage und führt damit zum kürzesten Pergamon-Besuch aller Zeiten. Nur noch schnell die Löwen streicheln und dann…

Das Café im Bode-Museum ist wirklich sehr schön, das Essen eher mittelmäßig.

 

Ich glaube, wenn ich groß bin, schreibe ich ein Buch. Einen Reiseführer: Die schönsten Museumscafés der Welt.

44 Prozent

Keine Fotos, sorry, striktes Fotografierverbot

Eigentlich steht auf der Tafel an der Rezeption: Regenwahrscheinlichkeit 56%. Aber das klingt so negativ. Da hört sich 44 % Nicht- Regenwahrscheinlichkeit doch viel freundlicher an. Vom Hotel zur U-Bahn-Station sind es nur ein paar Schritte, vom Potsdamer Platz zum Gropius-Bau ein paar Minuten Fußweg. Das sollten wir mit 44%er Wahrscheinlichkeit trockenen Fußes schaffen. Die U2 fährt Richtung: „NICHT AUSSTEIGEN! Zug fährt zurück zum nächsten Bahnhof.“ Keinen der anderen Fahrgäste scheint das zu stören, sie steigen unbekümmert ein und aus. „Dett is Balin,“ kommt als Erklärung.

Wir kommen in der Tat problemlos zum Gropius-Bau, aber dann gibt es erst einmal Hektik. Monsieur schafft es tatsächlich auf dem kurzen Stück zwischen Kasse, Garderobe und Einlass seine Eintrittskarte zu verlieren. Das Problem bekommen wir aber in den Griff und dann dürfen wir hinein in die Ausstellung. Erst einmal den Gropius-Bau selber bewundern mit seinen Säulen und Friesen. In der Mitte der großen Halle ist die römische Stadtmauer von Köln angedeutet, davor die mächtigen Holzbohlen der Hafenmauer aufgebaut und wiederum davor haben sie all den Müll gekippt, den die Bewohner des römischen Kölns in den Rhein geworfen haben. Scherben aus Ton und Glas, Knochen, Austernschalen, kunterbunt gemischt. Drei große Haufen Verlockung, Verheißung, Versprechen. Ich möchte sofort mit beiden Händen zufassen, wühlen, suchen, die Scherben durch die Finger driften lassen auf der Suche nach dem einem kostbaren Fund. Wie zufällig hingeworfen sieht es aus, wie vom Bagger gerade aus dem Rheinschlick geholt, einmal mit dem Schlauch abgespritzt und ans Ufer gekippt. Wenn da nicht – selbst an der kleinsten und unscheinbarsten Scherbe – fein säuberlich und akkurat die Inventarnummer aufgetragen wäre.

„Bewegte Zeiten“ will zeigen, dass Deutschland schon immer ein Land war, durch das sich Menschen bewegt haben, Einwanderer, Zuwanderer, Durchwanderer. Aber nicht nur Menschengruppen haben sich bewegt, Güter, Waren wurde bewegt, Ideen genauso. Der nächste Raum ist der Infrastruktur gewidmet. Über die ganze Länge zieht sich eine Straße. Erst nur ein Karrenweg mit Spuren, dann eine Römerstraße, mittelalterliches Pflaster bis hin zu unseren modernen Straßen. Aber nicht die Technik ist, was ausgestellt wird. Mit einem Augenzwinkern zeigt die Ausstellung, dass Menschen auf ihren Reisen schon immer Dinge verloren, vergessen oder weggeworfen haben. Seien es Münzen, Hufeisen oder Kleidungsstücke. Letzteres ist eher seltsam. Die Legionärssandale sei deshalb so besonders, erläutert der Begleittext, weil da noch die Fußknochen drinstecken. Wie makaber! Das kann mir doch keiner erzählen, dass den ein Legionär am Wegesrand vergessen hat.

Auf der anderen Seite ein mir bis dahin völlig unbekanntes Stück Infrastruktur: der Karlsgraben, den Karl der Große zwischen zwei Nebenflüssen von Rhein und Donau hat graben lassen, um einen Handelsweg zwischen Nordsee und Mittelmeer zu schaffen. Zwar nur zwei Kilometer lang und manchmal nur 70 Zentimeter tief, dafür aber um 790 gebaut. Faszinierend.

Die Ausstellung hat einen gewissen Sinn für Humor. So wird ein mit allen Ehren bestattetes Mittel der Bewegung, zwei Zugochsen im Gespann, gezeigt neben einem Fürstengrab mit den aus der Ferne zum Fürsten bewegten Luxusgütern seiner Zeit.

Nach zwei Stunden tun uns die Füße weh und wir sind erst bei der Hälfte angelangt. Eine Pause ist notwendig. Hier enttäuscht das Museum etwas. Das Museumscafé ist nicht ohne Charme, aber die Bedienung mürrisch und unfreundlich. Dafür gibt es Rhabarber-Schorle, hatten wir auch noch nicht.

Nach der Pause schleichen wir uns – gegen den Rundgang – schnell in den Raum mit der Himmelsscheibe. Im Hauptraum knubbeln sich inzwischen die Gruppen, deshalb wollen wir versuchen, die Scheibe vor dem großen Andrang zu sehen. Gelingt uns fast. Die Kindergruppe sitzt um die Vitrine herum, sodass wir freie Sicht haben. Sie hören den Erklärungen eher gelangweilt zu, erst als die Führerin erzählt, wie die Polizei mit allerlei Listen die Grabräuber jagte und stellte, erwacht ihr Interesse. Im gleichen Raum stehen auch die Goldhüte, alte Mond- und Sonnenkalender, Wand an Wand mit der Venus von Hohlefels. Drei der größten archäologischen Funde aus Deutschland auf kleinstem Raum. Erspart uns die Fahrt nach Halle oder Stuttgart. Und mindert etwas das schlechte Oeko-Gewissen, „nur“ für eine Ausstellung nach Berlin geflogen zu sein. Die Venus steht zusammen mit anderen Ritzungen, die Frauen auf „das Wesentliche“ beschränken und den Fragmenten eines Kultbaus aus dem Bodensee. Als Pfahlbau vor Jahrtausenden errichtet, dann abgebrannt und im Bodenseeschlick versunken, wurde er vor kurzem geborgen und restauriert. Der ganze Bau war innen mit einer Tonschicht überzogen, aus der „fast lebensgroße“ Brüste herausragen, Hunderte. Ich muss erst lachen über diese Aussage. Brüste kommen in so vielfältigen Formen und Größen daher, dass der Autor des Textes wohl nicht viel Fantasie (oder Erfahrung) hat. Dann stelle ich mir einen Raum vor, in dem mich von den Wänden Hunderte von Brüsten anstarren. Finde ich unheimlich.

Natürlich wird nicht verschwiegen, dass Bewegung zu Begegnungen führt und diese nicht immer friedlich verlaufen. Totenschädel mit Flintpfeilspitzen sind zu sehen neben geschmolzenen Bronzekanonen. Auch dem Thema, dass Ideen sich bewegen und die neuen Ideen die Menschen bewegen, ist ein Bereich gewidmet. Im Positiven als Kulturtransfer, im Negativen als Bildersturm, Pogrom, „Entartete Kunst“.

Nach vier Stunden sind wir erfüllt, aber rechtschaffen müde und treten hinaus in die sanft tröpfelnden 56%. Zum Glück ist der Potsdamer Platz nicht weit und da gibt es nach so viel Kultur dann Kult: Currywurst mit Pommes.

Schrottwichteln

20181212_175512

Unsere Freunde sind keine VIPs, sie sind etwas Besseres: VFP, very friendly people. So bekommen wir das volle VFP-Paket. Abholen am Flughafen, Stadtrundfahrt und Valet-Parking vorm Restaurant. Ein Glas Wein zur Speisekarte und dann gehen unsere Pläne baden. Wir sitzen und genießen und reden und reden und genießen …

Irgendwann ist es später Nachmittag. Wir sagen uns, die Sonnenscheibe und die Goldhüte sind so lange ohne uns ausgekommen, da werden sie wohl noch einen Tag warten können. Nicht nur unsere Freunde sind derselben Meinung, auch der Kellner bringt noch einen Gruß des Hauses und wir lassen Pläne Pläne sein.

Sehr viel später und „unmuseumt“ checken wir im Hotel ein und stellen fest, dass es in Berlin schon am frühen Abend stockfinster ist. Ideale Voraussetzung für einen Weihnachtsmarktbesuch. Durch das Nikolai-Viertel stromern wir zum Roten Rathaus. Von da ist es ganz einfach. Gut, das bunt beleuchtete Riesenrad ist nicht zu übersehen, aber auch Musik und Menschenmenge geben untrügliche Hinweise. Der Eingang ist mit Betonblöcken verstellt, zwar mit Lichtergirlanden optisch etwas entschärft, aber schon sehr eindrücklich. Doch dahinter bricht dann die geballte Weihnachtsmarktlichkeit über uns herein. Glühwein, klar, das haben wir erwartet, aber Stände mit Grünkohl? Und nicht nur Grünkohl allein, es gibt die Kombi „Grünkohl, Pilze, 2 Knacker, 7,50“. Etwas weiter gibt es Grünkohl und Hühnerlebern, nebendran werden Pfannkuchen in der Fritteuse ausgebacken und dann hochkant in IKEA Tellerhalter zum Abtropfen gestellt. Welch eine faszinierende fremdartige Welt. Mit ihrer eigenen Sprache. „Du, Papa, solln wa noch ne Wurst?“ klingt es neben mir. Ich warte noch auf das Verb, da kommt ein „Ja, machn wa!“

20181212_174259.jpg

 

Erzgebirge-Schmuck neben Plauener Spitze, peruanische Mützen neben live vor Ort geschmiedetem Schmuck aus Hufnägeln, Dresdner Stollen und ein ganzer Stand mit verschiedenen Ausführungen von „Kaltem Hund“. Und dazwischen ein Stand, der ist schier unglaublich. So etwas wie elektrifizierte Schneekugeln, die sich auch noch drehen beim Leuchten. In meinem kühnsten Träumen hätte ich mir so etwas nicht vorstellen können. Selbst fürs Schrottwichteln nicht. Diese Objekte sind das eine, der Preis das andere. 29,90 und dann ein Y. Ich habe keine Ahnung, wie der Yuan im Augenblick steht, gehe aber davon aus, dass hier und jetzt ein Verhältnis von 1:1 gilt und der Yuan-Preis auch der Euro-Preis ist. Zwei junge Frauen neben mir diskutieren gleichermaßen gebannt die Objekte und ihre Preise. 29,90 für solch einen Kitsch, das ist schon ungeheuerlich. Da nickt die eine triumphierend: „Hach, und ich habe die für 9,80 im Supermarkt gekauft!“

Wie gesagt, eine faszinierende fremdartige Welt.

Pssssst….

p2010_01_28_10h34_49

Könnt Ihr ein Geheimnis für Euch bewahren? Es soll nämlich eine Überraschung sein. Für Berlin. Obwohl diese Geheimniskrämerei im Falle Berlins eher so etwas wie Notwehr ist. Berlin und wir – da ist ja immer etwas. Deshalb wollen wir Berlin morgen überraschen, damit es keine Zeit hat, sich seinerseits „Überraschungen“ für uns auszudenken.

Als ich zum ersten Mal eine Woche Berlin zum Geburtstag geschenkt bekommen habe, war es das Wetter. Minus fünfzehn Grad, heulender Ostwind und Schneetreiben. Das, was einen Städtetrip besonders amüsant macht – einen schönen Platz und da ein nettes Café zu finden, um bei einem Kaffee der Stadt beim Stadt-Sein zuzuschauen -, fiel schon mal aus. Dafür lehnte ich mich in den Wind und folgte Monsieur in der vagen Hoffnung, dass die schattenhafte Gestalt, neben der ich durchs Schneegestöber stapfte, tatsächlich immer noch die selbe war, an deren Seite ich das Hotel verlassen hatte. Hinzu kam, dass ich ganz schnell lernen musste, dass ein Mann, der eine Wochenkarte der Berliner Verkehrsbetriebe erwirbt, diese deshalb keineswegs einsetzen wird. „Das sind nur zehn Minuten zu Fuß, da lohnt es sich nicht auf den Bus zu warten, das sind wir schneller gelaufen“, wurde zum Leitmotiv. Bei wie gesagt – 15°, heulendem Ostwind und Schneetreiben! Das eine Mal, dass ich müde, trotzig und verbockt auf dem Bus bestand, standen wir eine halbe Stunde in der Eiseskälte, weil just da ein Unfall den gesamten Verkehr lahm gelegt hatte.

Ja, Berlin und wir – nie ein Augenblick der Langeweile!

 

Diesmal holen uns liebe Freunde direkt am Flughafen ab, um mit einem gemeinsamen Essen in der Innenstadt unsere Berlin-Tage einzuleiten. Ich sehe das Abholen  als einen Ausdruck ihrer Freundschaft und nicht etwa den der Sorge, dass wir es – mit unserer langen Geschichte von fast und tatsächlich verpassten Flügen, Zügen und S-Bahnen – nicht selber nach Berlin schaffen.

Dann folgen vier Tage Kunst, Kultur und Konsum. „Bewegte Zeiten“ im Gropius-Bau ist ein Muss, das Barberini schon angedacht. Ein bisschen Konsumrausch im KadeWe und Bummeln durch die Straßen. Vielleicht im Pergamonmuseum vorbeischauen, wie es mit dem Umbau steht und im Nikolai-Viertel nett essen gehen. Das alles mit dem einen oder anderen Blick über die Schulter, um schnell abzuschätzen, ob Berlin etwas in petto hat für uns.

Die ersten Theaterkarten für übermorgen, die Monsieur uns als kleine zusätzliche Überraschung organisiert hatte, – vor Wochen bestellt, vor ein paar Tagen kontrolliert – sind ein Indiz. Der Tag stimmte, der Monat – November – nicht. Aber da war es natürlich schon zu spät…

Das kann nur eines heißen: Berlin ahnt etwas!

 

Betreten auf eigene Gefahr

Noel1

 

Jedes Jahr warten wir gespannt auf die Weihnachtsdeko eines Gartencenters bei Nyon.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Das ist weder unser Stil, noch mein Geschmack, trotzdem muss ich es gesehen haben. Wenn ich dann peinlicherweise eine Bekannte treffe in dieser überbordenden Ode an die Weihnachtsdekoration, geben wir jeder genau diese Töne von uns: gar nicht mein Stil, viel zu viel, eigentlich völlig „over the top“. Dann schaue ich mich noch rasch um, ob – vielmehr: dass – besagte Bekannte um die Ecke verschwunden ist, bevor ich nach dem kleinen Dingens da greife, eigentlich ganz niedlich, überhaupt nicht mein Stil, aber so putzig.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Dieses Jahr kann ich nicht nach dem „Ooch, schau mal, überhaupt nicht mein Stil, aber…“ greifen, weil ich den Fotoapparat in der Hand halte. „Zirkus“ ist das Motto, „Hereinspaziert, hereinspaziert!“ die Aufforderung, der ich gerne folge.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Betreten allerdings auf eigene Gefahr.

Es droht der Deko-Kollaps, der Weihnachtskoller, der Blinkinfarkt…

Und nein, ich will jetzt und hier nicht diskutieren, was das alles eigentlich noch mit dem tieferen Sinn von Weihnachten zu tun hat. Ich will auch nicht abwägen, welche Belastungen der Umwelt Produktion, Transport und Entsorgung dieser Konsumgüter mit sich bringen.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Ich will mich nur daran freuen, was ich alles nicht brauche.

Noel3

Komisch, an der Kasse sind in meinem Korb irgendwie das eine oder andere zu finden.

Also, das muss jemand anderes da hineingelegt haben…

 

Ein kleiner Adventskalender

titel-paonia


Einfach mal draufklicken, bitte

Anonyme Kampfbastler (AKB)

 

 

Gute Tag, meine Name ist Paonia, ich bin Kampfbastlerin.

Vielmehr war…

Jederzeit, aber ganz besonders zu dieser Jahreszeit. Jedes Jahr im Advent habe ich mit den Kindern – wenn schon nicht wunderschöne, dann doch – sehr originelle Adventskalender gebastelt. Nein, das fing eigentlich schon viel früher an, wenn ich ehrlich zu mir selber bin. Den Ersten habe ich für Monsieur gebastelt, in den ersten Jahren unserer jungen Liebe, ein winziger Eisenbahnzug aus Streichholzschachteln, gefüllt mit kleinen liebevollen „Ich denk an dich“s in Zettelform. Das war die Zeit, in der mein zukünftiger Schwiegervater mir augenzwinkernd zugrinste, wann immer ich Monsieur besuchte. Und Monsieur mir beschämt gestehen musste, dass sein Vater doch tatsächlich alle Schachteln vor ihm geöffnet und gelesen hatte. Danach habe ich Adventskalender gebastelt, deren Türchen man nicht unbemerkt öffnen konnte.

Mit den Kindern lief ich zu großer Form auf: 24 Pinguine (aus Klopapierrollen, ein bei einer sechsköpfigen Familie erschreckend schnell nachwachsendes Rohmaterial) auf einer Styropor-Eisscholle, gefüllt mit irgendetwas pädagogisch Wertvollem. War ein einmaliges Erlebnis in mehr als einem Sinne, die Schweinerei mit den Styroporrieselresten im Wohnzimmer war unvorstellbar. Dann das kleine Dorf aus 24 Papphäusern mit Transparentpapier-Fenstern und Teelichtern dahinter. Da hatte ich zumindest soviel Weitsicht, das auf eine kleine Kommode zu stellen, aus der Reichweite der Hände der Jüngeren. Ein Klassiker der folgenden Jahre war dann der selbst genähte Wandteppich. Ein langer Weg mit 24 Schrittsteinen durch applizierte Wälder und Wiesen, Ziel natürlich der Stall. Jeden Tag gingen Filz-Maria und Filz-Josef einen Schritt weiter auf die Krippe zu.

Ich fand das schön und war der Meinung, meinen Kindern gefiel das auch. Sie waren schon erwachsen, als sie den Mut fanden, mir etwas zu gestehen. Natürlich fanden sie das schön, aber einmal, nur einmal hätten sie gerne so einen billigen Adventskalender aus dem Supermarkt gehabt – mit Schokolade drin.

Das habe ich dann vor Jahren gemacht, bin über meinen Schatten gesprungen und habe in vier Uni-Städte vier Kalender geschickt. Nicht die billigen aus dem Supermarkt, nein, die schönen mit den Schweizer Schoggi-Kugeln.

Und?

Es sei Stress gewesen, meinte der eine, der am Wochenende viel unterwegs war. Am Montag drei Fenster zu öffnen, wäre dann doch ein bisschen zu viel des Guten gewesen. Der andere musste seine Türchen und deren Inhalt gegen die Freundin verteidigen bzw mit ihr teilen, je nachdem, welchen Standpunkt man einnimmt.

Und dann kam die Erinnerung, wie schön doch der Adventsweg gewesen sei. Ha!

Also gibt es dieses Jahr keine Schoggi-Kalender, weder Schweizer noch deutscher Art, ist ja auch viel gesünder (und preiswerter).

Gebastelt habe ich trotzdem, kleiner Rückfall, sorry. Weil das mit der „Weißen Weihnacht“ ja nicht immer und überall klappt, habe ich einen Adventskalender mit Winterbildern zusammengestellt, ein bisschen quer durch die Welt. Und aus meinem Garten.

Ab morgen!

Und dass mir keiner jetzt schon alle Türchen aufmacht!