Oldenburg

 

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Ich war inzwischen fünf oder sechs Mal in Oldenburg, aber immer im Rahmen einer Familienfeier mit ziemlich ausgefülltem Programm. Diesmal war es keine Familienfeier, aber die Zeit war auch wieder knapp. Irgendwie habe ich nicht das Gefühl, von Oldenburg wirklich viel gesehen zu haben. Tschuldigung, Oldenburg, aber ich lege dich noch mal zurück ins Archiv der ungereisten Reisen.

Allerdings muss ich auch sagen, dass Oldenburg nicht gerade eine Charmeoffensive gestartet hat. In der halben Stunde, die wir durch die Innenstadt laufen, wechselt das Wetter von Sturm zu Regen zu Hagel. Unsere Tochter, die wir in OL besuchen, meint, das müsste so sein, das wäre halt so in Oldenburg. Dabei hatte das mit dem Wetter schon am Abend zuvor in Hamburg angefangen. In Genf hatten wir zwar auch Bise, den eiskalten Nordwind, aber blauen Himmel und strahlenden Sonnenschein. In Hamburg war davon nur noch der eiskalte Nordwind übrig geblieben. Unser Plan war rasch den Mietwagen abzuholen und dann auf dem schnellsten Weg nach Oldenburg zu düsen. Aber wie das so ist mit den Plänen… Zuerst steht das so ein Designer-Klamotten-Paar vor uns am Mietwagenschalter. Die Dame trägt ein Brillengestell, das ich in einem anderen Kontext für die Lehne eines barocken Stuhles gehalten hätte. Über den Schultern ein totes Flokati-Tier in Grauschwarz, zu ihren Füßen Nobelgepäckstücke. Und dann feilschen sie eine Viertelstunde lang hartnäckig um den billigsten Tarif für zwei Tage Automiete. Als wir endlich an der Reihe sind, fragt die Dame am Schalter: „Do you speak German?“, ich antworte automatisch mit „Yes“, woraufhin sie unseren Mietvertrag in Französisch ausdruckt. Das alles hat sie so verwirrt, dass sie uns die falsche Parkbox aufschreibt, so dass wir unser Auto erstmal vergeblich suchen. Bis wir auf die Idee mit dem Schlüssel und der Fernbedienung kommen und irgendwann irgendwo ein Auto aufblinken sehen.

Um Hamburg herum kommen wir gut voran, aber dann sperren sie fünf Autos vor uns die Elbtunnel-Einfahrt. Komplett, alle vier Spuren. Das ist zwar ärgerlich und zeitraubend, aber auch schon faszinierend anzusehen. Ein paar Kilometer vorher hatten sie angefangen, die Geschwindigkeit zu begrenzen. Polizeiwagen fädelten sich durch die Autoschlangen. Sie fahren irgendwann auf vier Spuren nebeneinander und bremsen noch weiter ab. Dann leuchtet plötzlich auf den Anzeigetafeln über allen vier Spuren das Wort STOPP auf. Gleichzeitig schalten die Polizeiwagen ihre Blaulichter ein und bringen den gesamten Verkehr zum Stillstand. Gut, ein paar Schlauberger versuchen noch schnell, auf der Notfallspur vorbei zu breschen, aber als sie das Blaulichtfeuerwerk sehen, drängeln sie sich kleinlaut wieder in die Schlange.

Und dann liegt im Dunkeln die Autobahn vor uns, vierspurig, beleuchtet, menschenleer. Und wir warten.

Irgendwann kommt von hinten ein Krankenwagen, der sich mühsam an den schräg auf der Notfallspur parkenden Schlaubergern vorbeiarbeitet. Aber er bleibt auf dieser Spur und biegt nach einigen hundert Metern in eine Ausfahrt vor dem Tunnel ab. Also kein Unfall im Tunnel, das ist gut. Nach etwa 20 Minuten verschwindet plötzlich das Wort STOPP, die Anzeigetafeln blinken nur noch in orange. Die Polizeiwagen fahren an und hinter ihnen setzt sich langsam die ganze mächtige Kavalkade in Bewegung.

Anderthalb Stunden später sitzen wir bei Rotwein und Käse bei meinem Bruder.

 

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Samstagmorgen ist der Familie gewidmet, dann zeigt unsere Tochter uns die Ausstellungshalle, in der sie und einige Kommilitoninnen letzte Hand anlegen vor der Ausstellungseröffnung heute Abend. Wir haben Hunger und lernen dann sehr schnell, dass eine Historikerin mit anderen Maßstäben an solche Fragen herangeht. Unsere Tochter führt uns in ein Restaurant, dass sich dadurch auszeichnet, eines der ältesten Gasthäuser Oldenburgs zu sein. Auch ihr Shopping-Tipp wenig später – sie muss zurück in die Halle – ist speziell. Wir sollten unbedingt in den Schuhladen am Ende der Fußgängerzone gehen – und uns die Decke im letzten Raum ansehen. So lassen wir Birkenstöcke der verschiedensten Farben und Größen links liegen und steigen die wenigen Stufen zum letzten Raum hoch. Und dort wartet wirklich eine Überraschung. Ein Deckenmaler um 1650 hat hier sein gesamtes Wissen zu den – ihm damals bekannten – vier Kontinenten ausgebreitet. Anscheinend sind die exotischeren Kontinente klimatisch begünstigt, denn sie werden offensichtlich von barbusigen Damen bevölkert. Wir erfahren verblüfft, dass die Indianerin in Amerika auf einem Gürteltier durch die Prairie brescht, während die schwarze Bewohnerin Afrikas auf einem Krokodil reitet. Asien ist dargestellt durch eine unverschleierte Dame auf einem Kamel. Nur die Europäerin ist zu Fuß – und bis zum Hals bedeckt – unterwegs. Dafür gibt es hier Einhörner.

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Allein dieser immense Zuwachs an Wissen wäre schon unsere Reise nach Oldenburg wert gewesen. Aber wir haben da noch einen Forschungsauftrag. Unsere Tochter – immerhin erst knappe zwei Jahre in Oldenburg – war noch nie in der Lamberti-Kirche und so schickt sie uns los mit dem Auftrag zu forschen und zu berichten. Für uns heißt das erstmal: hinaus aus der exotischen-heißen Welt der Gürteltier-reitenden  Wilden in die regnerisch-stürmische Realität Oldenburgs. Zum Glück sind es nur ein paar Schritte bis zur Lamberti-Kirche. Da liegt sie dann vor uns. Prachtvolle Backsteingotik: lang gestrecktes Kirchenschiff, vorne Portal, hinten Chor, jede Menge Türme, wie sich das halt so gehört bei einer gotischen Kirche.

Doch sie entpuppt sich als eine architektonische Wundertüte. Das Erste, was mir spontan einfällt, ist: Wie kommt das Runde in das Eckige? Denn, betritt man den gotischen (neugotisch, wie wir später lesen werden) Bau, steht man in einer kreisrunden Kuppelkirche. Anmutigster Klassizismus, gehalten in skandinavisch lichten Weiß- und Grautönen. Ich stehe und staune und irgendwann beschleicht mich die Frage: Und was haben sie mit der anderen Hälfte der Kirche gemacht? Nie und nimmer kann diese Kuppel die gesamte Länge des Kirchenschiffs ausfüllen. Wir wollen mit einer Umrundung den sicher vorhandenen Zugang zur anderen Kirchenhälfte herausfinden, aber ein heftiger Hagelschauer setzt unserem Entdeckerdrang ein Ende. Später sehen wir einen Grundriss – und ja, das Runde füllt das Eckige fast zur Gänze aus, nur ein paar Chorkapellen bleiben außen vor.

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Zurück zur Ausstellungshalle, mit einem Umweg über den Markt, wo ich ein Blech Streusel- und Mandelkuchen erstehe. Eigentlich hätte ich Käsewürfel für die Vernissage mitbringen sollen. Aber mein sonst so zuverlässiger Käsehändler, für seine schön angerichteten Apéro-Platten bekannt, lässt mich im Stich. Als wir kurz vorm Flug dort vorbeifahren, stellt sich heraus, dass er meinen Auftrag zwar aufgeschrieben, ihn dann aber völlig vergessen hat. Deshalb also jetzt Kuchen. Am Abend höre ich einen älteren Herren loben: „Der Kuchen ist so gut, den hat sicher eine Studentin, nein, den hat sicher die Mutter einer Studentin selbst gebacken.“ Und wer bin ich, älteren Herren ihre Illusionen zu nehmen? Die Halle ist – am späten Nachmittag – immer noch eisigkalt und ich frage mich, wie sie die bis zum Abend geheizt bekommen wollen. Die Antwort ist schlichtweg: gar nicht. Die Bauwerkhalle – von der Stadt Oldenburg für Veranstaltungen zur Verfügung gestellt – verfügt überhaupt nicht über eine Heizung. Das ist eine sehr wichtige Information für mich mit direkten Auswirkungen auf den Dresscode. Ich entschließe an Ort und Stelle, dass meine für heute Abend vorgesehenen Klamotten (und Schuhe) im Koffer bleiben werden, und dafür mein Rollkragenpullover und meine irische Strickjacke auf die Vernissage dürfen. Richtige Entscheidung, denn am Abend sehe ich zwar einige wenige im „Kleinen Schwarzen“, die meisten aber in Wintermänteln, Parkas oder Regenjacke. Alles sicher gut informierte Oldenburger. Achja, ein Hippster ist auch da mit burgundroter Fliege zu weißem Abendhemd.

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Am Abend selbst ist die Halle kurz nach der Ausstellungseröffnung schnell mit über 200 Menschen gefüllt. Ein großer Tisch in der hinteren Halle ist kein Exponat sondern das Mischpult eines DJ.  Ein Glas in der Hand schlendern die Besucher durch die Halle, spielen mit den interaktiven Exponaten, freuen sich an den Lichtobjekten, lesen – sehr viele wie ich mit der Brille auf der Stirn und der Nase nahe am Text – die Beschreibungen und Kommentare, reden, diskutieren, lachen, staunen. Die Veranstalterinnen, am Nachmittag noch unter Druck mit letzten Kleinigkeiten beschäftigt, strahlen einfach nur.

Die Halle vibriert vor Leben und die fehlende Heizung ist da gar kein Problem mehr.

 

Harmoniepause

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Unser chinesischer Führer lud uns zu einer Harmoniepause ein, der Laote schickte uns „den Tiger jagen“ und unsere Kinder glaubten jahrelang, dass große „P“ an den Autobahnparkplätze stünde nicht für Parken, sondern – genau dafür. Allen gemeinsam ist das Wissen, dass man lange Strecken gelegentlich unterbrechen soll, muss, kann, will.

Für die Rückfahrt von Cortona ins Piemont schwebt mir da Genua vor. Kenne ich nicht, soll schön sein. Für unsere geplante Harmoniepause greife ich voll ins Kitsch&Klischee-Kästchen, sehe uns wohl gelaunt von der Autobahn auf kleine gepflasterte Straßen abbiegen. Leider nicht im Cabrio, schade. Wir finden ohne Probleme den alten Hafen und dort natürlich sofort einen Parkplatz, gleich in der Nähe des hübschesten Cafés mit dem schönsten Meerblick. Nach der Espresso- und Harmoniepause schlendern wir noch kurz durch ein paar Gässchen und dann heißt es „Arrivederci Genua“. Aber je länger ich in den Internetseiten zu Genua herumstöbere, desto peinlicher wird mir das. Genua hat so viel zu bieten, zu sehen, zu erleben: Straßen, Plätze, Paläste, da reicht wahrscheinlich eine Woche nicht aus. Ich bin richtig kleinlaut, als ich das Monsieur kurz hinter Cortona gestehe. Gemeinsam legen wir Genua liebevoll im Archiv der ungereisten Reisen ab, schnell greifbar für ein verlängertes Wochenende oder so.

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Bleibt die Frage nach der Harmoniepause. Hinter Florenz schlägt Monsieur Pisa vor und vor meinem Auge entstehen Bilder von Touristenmassen, die sich gegenseitig in ach so lustigen Posen beim vermeintlichen Stützen des Schiefen Turmes ablichten. Hmmm, andrerseits, erzählt Wikipedia, gibt es außer Turm und Kirche nicht so schrecklich viel zu sehen in Pisa. Also kein Genua-Syndrom. Plötzlich sagt Monsieur: „Lucca klingt auch nicht schlecht!“ und liest die im Beitrag aufgelisteten Sehenswürdigkeiten vor. Als da wären: eine vollständig erhaltene Stadtmauer und – schließen wir aus dem leerem Eintrag – keine Kirchen. Letzteres freut mich, denn ich habe in den letzten Tagen doch so etwas wie einen Kirchen Overload gehabt. Stadtmauer brauche ich jetzt auch nicht unbedingt, ich halte das da eher mit Städten wie Genf und Paris, die aus „Bollwerke“ „Boulevard“ machten. Aber dann kommt das beste Argument für Lucca: Piazza dell’Anfiteatro. Die Luccanesen haben ihren Stadt-Platz im Inneren des alten römischen Amphitheaters angelegt. Die Außenmauern stehen lassen, den Rest abgerissen – angesichts der Scheußlichkeiten, die in diesen Amphitheatern als Volksbelustigung gezeigt wurden, eine gute Lösung – und damit ihre Häuser im Kreisrund hochgezogen. Da will ich hin, da will ich einen Kaffee trinken.

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Nach einer Viertelstunde Gebrummel über die Parkplatzsituation, laufen wir über Grünanlagen auf die imposante Stadtmauer zu. Ich murmele still vor mich “ Via Augusto Passaglia, Via Augusto Passaglia, Via Augusto Passaglia…“, um mein Auto wieder zu finden. Die Stadtmauer folgt dem bekannten Strickmuster: unten ordentlich römisch geschichtete Steinbrocken, dann ein bisschen Mittelalter-Durcheinander und oben neuzeitliche Backsteinwälle. Mit über zehn Metern Länge ist der Durchgang durch die Mauer schon ziemlich beeindruckend. Wir kommen auf der anderen Seite wieder in die Sonne und stehen – vor einer Kirche! Von wegen keine Kirchen, da hat der Verfasser des Artikels wohl irgendetwas übersehen.

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Diese hier sitzt fünfschiffig behäbig wie eine brütende Glucke und – naja, wo sie schon mal da ist – natürlich sind wir neugierig. Zum Glück, den der Bau ist von großer Schlichtheit und Schönheit. Die Barockerei haben sie auf die Seitenkapellen beschränkt, finde ich sehr zuvorkommend. Von San Frediano sind es nur wenige Schritte bis zur Piazza dell’Anfiteatro. Und dort greift das Leben selbst in die Kitsch&Klischee-Kiste. Der Platz sieht aus wie aus einem italienischen Film der 60er Jahre. Fast erwarte ich Sophia Loren auf Sandaletten vorbeistolzieren zu sehen. Häuser, ein jedes in einem anderen warmen Ockerton, Dächer, von denen keines die gleiche Höhe wie sein Nachbar hat, Wäsche, die von Balkonen flattert, alles ist da. Eigentlich müsste man sich in die Mitte setzen und seinen Stuhl alle paar Minuten ein bisschen weiterdrehen.

Der Platz ist wirklich wunderschön, der Teller Pasta, den wir zu Mittag bestellen, eher touristisch-mittelmäßig, aber das macht nichts. Wir haben für heute Abend bei „Ca Maria“ gebucht, das wird alle kulinarischen Fehlleistungen wieder gut machen.

Monsieur will noch dies und das sehen und so schlendern wir weiter. Ein – von außen – wunderschöner Innenhof entpuppt sich beim Hineinschauen als Parkplatz und die größte Enttäuschung ist die Piazza Napoleone, groß, weit, unbelebt, hässlich. Wahrscheinlich als Racheakt so benannt. Trotzdem gut, dass wir ihn uns ansehen, denn sonst wäre ich nicht an den Stufen des Cafés gewesen. Just in dem Augenblick, als der alte Mann die oberste Stufe übersieht und – Stock wild um sich fuchtelnd – mir mit ausgebreiteten Armen entgegenfliegt.

Ich habe gerade noch Zeit, meine Arme zu öffnen und ihn aufzufangen. Es dauert ein bisschen, bis wir beide wieder stabil stehen, da dreht er sich einfach um und geht brummelnd davon.

Wahrscheinlich ist es ihm peinlich, von einem „Mädchen“ gerettet zu werden. Oder er ist genauso schüchtern wie ich.

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Noch mehr aus der Abteilung: Steinmetze just want to have fun: San Michele in Foro

Als wir schließlich wieder – Via Augusto Passaglia, Via Augusto Passaglia, Via Augusto Passaglia… – am Auto ankommen, sind drei Stunden vergangen. Den Plan, doch noch den Schiefen Turm abzustützen, lassen wir ohne größeres Bedauern fallen.

Und ein paar Stunden später stehen wir vor „unserem“ Castello Razzano. Aber das ist dann wieder eine ganz andere Geschichte.

 

Sterntaler

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass der Unterschied zwischen einen 3* und einem 4* Hotel darin liegt, dass letzteres einen Flachbildschirm und eine Minibar haben müsse. Keine Aussagen zu Größe und Ausstattung der Zimmer, zum Komfort oder zur Freundlichkeit des Personals. Unser Hotel schmückt sich mit vier Sternen. Flachbildschirm und eine Minibar haben wir, der Bildschirm kleiner als mein Computerbildschirm zuhause. In der Minibar lümmeln sich drei Flaschen Wasser und ein paar Plastikbecher herum, Inbegriff der 4*-Sterne-Gastlichkeit. Was soll es? Morgen Abend sind wir im Castello Razzano,   da weiß ich, dass echte Gastlichkeit gepflegt wird.

Hier in Cortona wird manches durch die Freundlichkeit des Personals wettgemacht. ( Bis auf den Chef, der tut sich sehr schwer damit.) Am ersten Tag brachte uns die Dame im Restaurant auf unserer Bitte nach einer Kleinigkeit zu knabbern ein großes Brett mit Schinken, Wurst, Bruscetta, gebratenem Gemüse. Zu unserem Erstaunen, das sei doch viel zu viel, meinte sie nur: „Esst, ihr seid doch nicht in der Toskana, um Diät zu machen.“

Der Nachtportier brachte mir auf meine bis dahin erfolglosen Versuche unsere Zimmernummer auf Italienisch anzugeben bei: „Sessanta – la gallina canta!“ Danach brauchte ich bei seinen Kollegen und Kolleginnen nur „la gallina“ zu sagen und ich bekam lachend den Schlüssel mit der Nummer 60.

Bevor wir dieses Hotel morgen verlassen, habe ich noch ein kleines Rätsel für Euch:

Das ist unser Zimmerschlüssel, sessanta, klar. Aber wozu um alles in der Welt dient dieser seltsame Metallstift?

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Ö P N V M R

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Alles klar, ja? Auch, welche Stadt ich meine?

Richtig! Perugia, die Stadt, in der der ÖPNV mit Rolltreppen stattfindet.

Cortona ist ja ganz hübsch, aber auch ziemlich klein. Und das Wetter nun nicht wirklich so, dass man einfach stundenlang in der Sonne auf der Piazza sitzen will. Also muss ein Alternativprogramm her, denn das Zimmer – ihr erinnert Euch – ist auch nicht so der Platz, wo man Stunden mit lesen und/oder schreiben verbringen möchte.

Freunde waren in Perugia und erzählen von „Mini-Metro“ und Rolltreppen als Transportmittel in der Stadt. Das klingt doch schon mal ganz lustig, denn Perugia huldigt dem schon in Assisi und Cortona erkannten Prinzip: Wenn schon steil, dann aber richtig.

Mein Auto wartet brav auf dem Parkplatz vor den Stadtmauern, aber das Navi schmollt. Kein Problem, meine Begleiterin hat eine Landkarte und ist Willens diese einzusetzen. Wir kommen dann auch ohne Probleme nach Perugia, wo uns natürlich die Toskanakarte im Stadtverkehr nicht weiter hilft. Wir sind so mit orientieren beschäftigt, dass wir den Hinweis zum Mini-Metro-Parkplatz erst sehen, als ich schon vorbei bin. Gut, keine Mini-Metro-Fahrt. Aber die Rolltreppen, die lassen wir uns nicht nehmen. Also schlagen wir Parkplatz-Schilder rechts und links aus, bis wir eines sehen mit dem Rolltreppen-Icon. Tatsächlich finden wir den Parkplatz und stehen kurz danach am Fuß einer ganzen Serie von Rolltreppen. Da unsere Hoffnung, hier irgendwo einen Stadtplan zu bekommen, sich nicht erfüllt, verlassen wir uns einfach mal auf die Infrastruktur. Irgendwo werden diese Rolltreppen uns ja schon hinbringen. Zuerst bringen sie uns zu einem kleinen Bahnhof, jetzt nicht so das touristische Highlight, aber zwei Schilder weisen auf „Fortsetzung folgt“. Das eine zeigt auf eine Rolltreppe direkt vor uns, das zweite auf eine keine Ahnung wo. Wir wandeln das „Spatz in der Hand“ -Prinzip zum „Rolltreppe unter den Füßen“- Ansatz um und vertrauen Perugia. Die Rolltreppe bringt uns zum Borgo Bello. Das klingt doch schon mal viel versprechend. Endlich gibt es auch einen Stadtplan an einer Hauswand, der uns zeigt, dass wir eigentlich gar nicht in Perugia sind. Macht nix, Perugia wird sicher die halbe Stunde warten können, die wir durch Borgo Bello schlendern.

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Orientierung ist einfach: geradeaus die Via Cavour entlang zur Spitze des Hügels, da ist dann sozusagen Ende Gelände. Die Spitze wird beherrscht von San Pietro, einst Kloster und jetzt Universität, der Kirchturm sieht eher aus wie ein Minarett und schaut überall heraus, das findet sich auch ohne Stadtplan. Die Kirche ist überwältigend barock, aber draußen an der Außenwand finde ich für mich das Bild des Tages: die wahre Geschichte von Georg und dem Drachen. Jungfrau und Drache haben beide den Blick halb gesenkt, aber auf einander gerichtet. Die Jungfrau hält ein Band in der Hand, das dem Drachen um den Hals gelegt ist. Und von hinten kommt der Ritter auf seinem Ross an. Die Situation ist so ganz anders als sonst. Drache und Jungfrau scheinen resigniert zu sein: Oh, nein, sagt ihr Blick, geht das schon wieder los. Da kommt schon wieder so ein blöder Ritter, der nichts Besseres zu tun hat als mit seiner Lanze rumzufuchteln. Könnte vielleicht mal einer fragen, ob ich überhaupt gerettet werden will? Vorher?

Man sieht,  Prinzessinnen haben es auch nicht leicht.

Wir treffen unseren eigenen Drachen in Gestalt eines Küsters, der uns um halb eins aus der Kirche drängt, denn der liebe Gott will jetzt Mittagsschlaf halten.

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Der Corso Cavour bringt uns mitten ins Herz von Perugia, wo wir auf eine weitere Rolltreppe verzichten und zu Fuß die mittelalterlichen Gassen hochsteigen. So viel Engagement verdient eine Belohnung. Wir finden ein kleines Café auf den Stadtmauern und genießen die Sonne bei Pannini und Cappuccino. Den Blick auf die Patchwork-Decke der gegenüberliegenden Dächer gibt es gratis dazu. Wir wissen, dass der liebe Gott bis drei Uhr schläft, aber vielleicht sind die weltlichen Attraktionen ja früher wach.

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Durch die Gewölbe der alten Markthallen geht es auf den Hauptplatz und dann trifft uns der Zorn irgendeiner fürs Wetter zuständigen Stelle. Eben saßen wir noch bei 20° in der Sonne. Plötzlich fällt die Temperatur um fast 10°, ein eisiger Wind fegt über den Platz und treibt Becher, Butterbrotpapiere und Servietten der auf den Domstufen Picknickenden – genauso überrascht wie wir – im Strudel vor sich her. Dunkle Wolken schießen im Zeitraffer-Tempo über den Himmel. Irgendwie ist mir das alles viel zu melodramatisch, fast wie in einem alten Stummfilm. Wir schließen was an Jacken zu schließen ist und flüchten uns in enge Gässchen, unter mittelalterliche Torbögen.

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Das Wetter wird immer ungemütlicher, zuhause würde ich jetzt mit einem Schneesturm rechnen, aber hier sind wir schließlich in der Toskana, da bleibt es bei ein paar Regentropfen. Mit Schlendern in der Sonne ist also nichts, aber Perugia hat da ja noch eine „Indoor-activity“ der besonderen Art zu bieten.

Rocca Paolina sind die weitläufigen Fundamente einer großen mittelalterlichen Verteidigungsanlage, fünf Stockwerke hoch, mit Gängen, Passagen, Bögen. Und mitten hindurch eine – na? Genau! – Rolltreppe. Was heißt hier eine? Fünf sind es letztendlich, die uns durch die dunkel-geheimnisvollen Gewölbe von der Piazza Italia zur Piazza Partigiani bringen. Und von dort braucht man nur unauffällig den Rollkoffer-Schiebern zu folgen, um wieder zum Bahnhof und unserer allerersten Rolltreppe zu kommen.

Also, wenn ihr Rolltreppen mögt, dann kann ich Euch Perugia nur wärmstens empfehlen. Wir hatten jedenfalls eine Menge Spaß!

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Do YOU know how to fresco?

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Cimabue wusste es eben nicht. Das bringt unsere Führerin in der Franziskusbasilika in Assisi den Tränen nahe. Sie zeigt uns die Maesta, Vollendung in sanft verblassten Farben, und ist ganz unglücklich mit Cimabue, denn: he didn’t know how to fresco. Als Trost bietet sie uns die Giottos der Oberkirche, deren Farben viel lebhafter und leuchtender seien, klar, Giotto did know how to fresco. Auch die Künstler, die die großartigen Fresken der Unterkirche geschaffen haben, müssen sich ihre Kritik gefallen lassen, denn – ihr wisst ja – they didn’t know how to fresco. Viel schlimmer als das finde ich aber, dass schon Zeitgenossen Franziskus‘ in die frisch bemalten Wände Breschen schlagen ließen, um ihre eigenen Grabkapellen – in größtmöglicher Nähe zum verehrten Heiligen – anzubauen. Religiös motivierter Vandalismus.

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Wir dürfen in die Grabkrypta hinabsteigen, ein Bau, der mit seiner reinen Schlichtheit sicher mehr Franziskus‘ Idee einer Kirche entspricht als die ihm zu Ehren gebauten Unter- und Oberkirche. Das spirituelle Erleben der Krypta wird etwas getrübt durch mehrere Einzelheiten. Es herrscht Schweige-Ge- und Fotografier-Verbot, das aber weder eingehalten noch durchgesetzt wird. Und natürlich sind wir nicht die einzigen Besucher. Der Konferenzausflug ist mit zwei Bussen in Assisi angekommen, wo wir dann erst mal auf einem großen, leeren Platz durch eine Sicherheitskontrolle mussten. Zwei Soldaten in Tarnuniform mit Maschinenpistole bzw. Piepsgerät bewaffnet durchsuchen jeden von uns. Auf dem großen leeren Platz stehen schon die Absperrungen für die Kar- und Osterwoche bereit, man kann sich leicht ausmalen, wie schwer es sein wird, an diesen Tagen überhaupt in die Nähe der Basilika zu kommen. Wir bekommen einen Knopf ins Ohr und einen Empfänger um den Hals und hören kurz darauf unsere Führerin zum ersten Mal beim Cimabue-Bashing zu. In der Unteren Kirche, in der Krypta sind weitere Busladungen, Schulklassen, Gruppen unterwegs und ich sehne mich zurück in die Stille der Kirchlein von gestern. Nachdem wir aus der Krypta kommen, führt uns die Führerin aus der romanischen Unter- in die gotische Oberkirche, von ihr dramatisch angekündigt als Übergang vom Dunkel zum Licht. Nun ja. Es wird noch ein bisschen auf Cimabue herumgehackt und ich habe so ein Gefühl, dass wir uns jetzt alle ganz schlecht und minderwertig fühlen, denn – ganz ehrlich – ich weiß auch nicht „how to fresco“.

Die Giotto-Fresken bekommen dann natürlich die volle Würdigung und wir ein paar Details erklärt, die ich zumindest übersehen oder nicht erkannt hätte.

Dann stehen wir vor der Fassade der Oberkirche. Die Audioguides werden wieder eingesammelt und wie beim Schulausflug bekommen wir zwei Stunden Freilauf. Mit der strikten Vorgabe, um halb sieben wieder am Bus zu sein.

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Assisi, wie die meisten der alten toskanischen Städte, liegt auf einem Hügel und dieser hier nimmt sein Hügel-Sein sehr ernst. Also geht es erst mal steil bergauf durch schöne Straßen mit wunderbaren Fassaden zum Hauptplatz. Zwei Stunden, da ist locker ein Aperol Spritz drin. Wir sitzen auf einer kleinen Veranda und schauen Monsieurs Kollegen zu, die in verschiedene Gässchen verschwinden. Nach kurzer Zeit kommen die ersten schon wieder zurück. Scheint nicht so toll gewesen zu sein, das Gässchen können wir uns schon mal sparen.

 

a3Schließlich nehmen wir unseren Rest Kraft und Zeit zusammen für den Aufstieg zum Rufino-Dom. Die Fassade dieses Gebäudes ist jede Anstrengung wert. Gotische Rosetten, meisterhafte Portale – aber was mir am besten gefällt ist der Fries mit Tierfiguren und Menschengesichtern. Zuerst versuche ich noch christliche oder mythologische Anspielungen zu sehen, aber das gebe ich schnell auf. Steinmetze just want to have fun, scheint mir ein sinnvollerer Ansatz zu sein. Während ich mit den Tieren herumgespielt habe, ist Monsieur ins Innere der Kathedrale gegangen und kommt mir jetzt entgegen. „Geh da bloß nicht ‚rein!“, warnt er mich. Und höre ich auf ihn? Natürlich nicht! Selber schuld!

Der Rufiono-Dom hat noch einen großen Vorteil: von hier geht es nur noch bergab zum Bus-Parkplatz, wenn wir auch nicht genau wissen wie. So schlendern wir durch enge und engste Gässchen nach unten. Das Auftauchen vereinzelter Physiker-Gruppen, die in die gleiche Richtung streben, ist ein sehr positives Zeichen. Und dann werden wir am Bus noch einmal „kontrolliert“: ein Audioguide fehle, sei nicht zurückgegeben worden. Wir sollten doch bitte alle mal nachschauen, ob wir nicht…, bevor alle in die Busse steigen

Der Audioguide taucht nicht auf – da wird wohl eine Strafe fällig -, die Busse schließen die Türen und wir fahren zurück nach Cortona.

Zwanzig Minuten später, die Busse sind gerade auf die Autobahn gefahren, kommt ein Anruf aus Assisi: Man hätte den fehlenden Audioguide gefunden – um den Hals eines etwas verloren in Assisi herumwandernden Physikers.

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Die Melone von Sodo

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Wir haben zuhause im Bücherregal etwa fünf laufende Meter Reiseführer stehen. In Florenz, Siena und Umgebung waren wir in jungen Jahren auch schon einmal gewesen, da müsste doch etwas zur Toskana zu finden sein. Gefunden habe ich ein Grieben-Reiseführerlein von 1965 (!) zu Florenz und Umgebung. Wenn man mit Rucksack reist, lässt man den Dumont zuhause. Der –  Die etruskische Toskana – steht daneben. Und dann mache ich einen Überraschungsfund: Unser Essdolmetscher Italien, ein sehr, sehr nützliches Büchlein, das ich ausgeliehen und nie zurückgegeben geglaubt hatte. Im Geiste entschuldige ich mich beim Ausleiher.

Das ist zwar eine nette Ausbeute, aber – bis auf den Essführer – nicht wirklich hilfreich. Der Grieben hört bei Arrezzo auf und Cortona ist zwar eine etruskische Gründung, aber das, was steht und zu sehen ist, kam Jahrhunderte später. Zum Glück gibt es da ja noch so ein Internet, habe ich gehört und auch, dass man dort die tollsten Sachen finden kann.

Was ich finde auf der Seite cortonaweb, sind einmal „Eremo Le celle“ und zum anderen Farneta. Und da muss ich hin, beschließe ich sofort. Bei Le celle sind es die Bilder mit ihrer Ausstrahlung von Ruhe und Frieden, bei Farneta die Geschichte dahinter.

Und dann sagt Laura: „Und zwischen beiden besichtigen wir noch die Melone del Sodo.“ Mein erster trotziger Gedanke ist: Ich will keine Melone besichtigen und schon gar keine Sodo-Melone. Mein zweiter genauso widerborstiger Gedanke: Wer um alles in der Welt ist dieser Sodo und wieso ist seine Melone so sehenswert? Beim dritten setzt der Verstand wieder ein und beruhigt meinen Trotzkopf: Laura ist Historikerin, hier aus Cortona, sie wird schon ihrer Gründe haben. Die Neugier kommt dem Verstand zu Hilfe und gemeinsam machen wir uns mit Laura auf den Weg, zuerst zu den Zellen.

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In einer Schlucht in den Berge oberhalb Cortonas versteckt – und der Zustand der Sträßchen dorthin wird auch weiterhin dafür sorgen, dass es von Reisebussen verschont bleibt – liegt ein Kloster, dessen erste Zelle angeblich von Franz von Assisi persönlich gebaut wurde. Wobei das „bauen“ nur zwei Wände und das Dach betrifft, die anderen sind massiver Fels. Franziskus‘ Freunde haben dann um diese Keimzelle herum immer wieder neue Gebäude erbaut, Garten-Terrassen angelegt, Olivenhaine gepflanzt. Der moderne Parkplatz ist auf der anderen Seite der Schlucht, so dass man sich, fast wie ein Pilger, auf den Weg macht, einen Pfad hinunter läuft, über die uralte Brücke geht und dann vor der Klosterpforte steht.

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Da muss man nur am Glockenstrang ziehen und einer der fünf noch im Kloster lebenden Brüder gewährt Einlass und seelischen Beistand. Da wir ja keine echten Pilger sind, haben wir nicht geläutet und uns nur im öffentlich zugänglichen Bereich umgeschaut. Und das war der Moment, an dem ich gerne alleine, ohne Führerin gewesen wäre. Unter Schildern wie: „Schweige – und höre Gottes Stimme“  oder „In der Stille erfährst du Gott“ erklärt uns Laura mit italienischem Schwung und vor allem italienischer Lautstärke Geschichte und architektonische Details. Alles sehr gut und wichtig, aber dem Zauber des Ortes eher abträglich.

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Dafür bringt sie uns zu der Stelle, wo der alte Pilgerweg von unten aus der Ebene ankommt. Ein großes Schild verbietet Fußgängern, Rad- und Motorradfahrern sowie Reitern den Zugang. Aber wir können ja kein Italienisch und Laura scheint das Schild nicht wahrgenommen zu haben. Nach einem kleinen Spaziergang stehen wir auf der mittelalterlichen Brücke, ein bisschen außer Atem – dafür in himmlischer Stille.

Auch der Rückweg vom Kloster zum Auto, ziemlich steil, geschieht in Stille. Die Schönheit des Ortes ist bezaubernd. Für mich aus der Entfernung, also von der anderen Seite, noch stärker zu erleben. Denn die Zelle Franziskus‘, die winzige Kapelle davor und auch die kleine Kirche des Klosters sind natürlich immer wieder dem Zeitgeschmack entsprechend umgestaltet und geschmückt worden. Das lenkt doch sehr von der einfachen, starken Ausstrahlung ab. Außerdem finde ich in der kleinen Kapelle die Kombination von spiritueller Ausstrahlung und kitschigstem Kommerz in Form von Votivbildchen, Rosenkränzen und anderem religiösen Tand nur schwer erträglich. Das alles sieht man ja zum Glück nicht, wenn man von der anderen Seite des Tals auf das wunderschöne, an die Hänge der Schlucht geschmiegte Kloster schaut.

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Und dann geht es auf zur Melone, die, wie Laura uns versichert, so very, very beautiful sei, wenn auch im Augenblick nicht zugänglich. Die Melone stellt sich als etruskischer Grabhügel heraus, mit rotem Absperrband umzäunt. Aber Laura fragt ihre Freundin am Eingang zum Gelände, ob wir nicht doch, nur ganz kurz, ganz schnell… Und die Freundin meint, auf der anderen Seite des Hügels seien „sie“ am arbeiten, wir sollten uns nicht erwischen lassen, da ginge das schon. Bei „sie“ denke ich natürlich an Archäologen, die es sicher nicht gut finden, wenn irgendwelche Schaulustigen durch ihre Ausgrabungen trappsen. Laura versichert, dass wir brav auf den frisch geschotterten Wegen bleiben würden und führt uns zu der Melone. Wir stehen vor dem Altar an der Frontseite. Die Grabkammern auf der Rückseite können wir leider nicht anschauen, weil da ja „sie“, siehe oben. Die ziemlich spektakulären Grabbeigabenfunde hatten wir uns morgens schon alleine im Museum angeschaut. Ein Museum, das Monsieur ganz wuschig gemacht hat, weil er so gar keine Ordnung und Struktur in der Ausstellung erkennen konnte, aber das ist eine ganz andere Geschichte…

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Der Altar ist geschmückt mit Palmetten und zwei Reliefs, die den Kampf eines Kriegers gegen eine Löwin zeigen. Laura meint, dass dies die Darstellung des ewigen Kampfes von Gut gegen Böse oder des Lebens gegen den Tod sei. Und dass wir viel von den Etruskern lernen könnten. Was das nun genau ist, erklärt sie nicht, denn just in diesem Moment kommen „sie“ und mein Bild des fleißig mit Pinsel und Kelle ausgrabenden Archäologen zerplatzt. Es kommt ein Herr auf einer Dampfwalze auf dem Schotter angewalzt und scheucht uns mit großen Gesten von den Wegen hinter das Absperrband. Laura versucht noch mit ihm zu diskutieren, aber schließlich geben wir – im Interesse unserer Zehen – nach und verlassen die Melone. Nur der Vollständigkeit halber: es gibt sogar zwei Melonen, Melone I und Melone II del Sodo, aber wir haben uns nur eine gegönnt und die fällt für mich eher unter „nun ja, ganz nett“.

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Farneta ist dann der Höhepunkt des Tages. Die Geschichte ist folgende: eine Abteikirche aus dem 9. Jahrhundert, immer mal wieder an-, um- und rückgebaut, teilweise abgerissen, auf einem Hügel, weithin sichtbar. Der Pfarrer, der die Gemeinde um 1940 übernahm, schaut sich seine Kirche von außen genauer an und merkt, dass das Gemäuer der Apsis ganz feucht ist. Diese Feuchtigkeit bedroht die Substanz der Kirche, da muss man etwas tun. Man legt also diese Mauern frei und merkt plötzlich, hoppla, da ist ja noch eine Krypta unter der Kirche. Im Laufe der vielen Umbauten war diese Krypta wohl völlig in Vergessenheit geraten.

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Für alle, die vorher nicht im Internet nachgeschaut und/oder keinen Reiseführer haben. Von Neugier mal ganz zu schweigen.

Als man also von außen die Krypta gefunden hat, sucht man innen nach einem Zugang. Schließlich entdeckt man ihn und findet einen Raum voller Skelette, die Krypta hatte wohl als Gruft gedient. Was man außerdem findet, sind Hunderte und Aberhunderte von Schlangen – die im Gegensatz zum Menschen sehr wohl von der Existenz der Krypta wussten – und eine Quelle. Die Säulen, die die romanischen Kapitelle und Gewölbe tragen, stammen aus der römischen Zeit. Eine Granitsäule kann sogar Assuan zugeordnet werden, Recycling der besonderen Art.

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Und diese ägyptische Säule aus dem römischen Tempel trägt ein romanisches Kapitell mit dem Abbild einer etruskischen Gottheit. Nun liegt man ja in Italien meist nicht falsch, wenn man annimmt, dass da, wo heute eine christliche Kirche steht, auch schon früher ein Tempel, ein Heiligtum stand. Hier geht man davon aus, dass auf einem etruskischen Quellheiligtum ein römischer Tempel und anschließend eine christliche Kirche gebaut wurde. Und dass die Mönche, die um 800/900 die Kapitelle gestalteten, davon noch wussten.

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Wir stehen lange in dieser ganz besonderen Krypta. Bevor unsere Bewunderung in Ergriffenheit umschlagen kann, geht plötzlich das Licht aus, was dann bei mir – die Schlangengeschichte noch sehr präsent – zu einem Sprint nach oben führt, um den Lichtschalter zu betätigen.

Schließlich verabschieden wir uns vor der Kirche von Laura, die uns zwei Nachmittage ihr Wissen geschenkt hat. Und da traue ich mich dann die Frage zu stellen: die Katzen von Piacenza, ist die Geschichte wirklich wahr?

Laura ist erst schockiert. Katzen essen, nein auf keinen Fall. Dann denkt sie nach und meint: Nunja, in Notzeiten, nach dem Krieg, nunja, vielleicht. Schränkt aber sofort ein: Aber nicht in Cortona, niemals. Kurzes Zögern und dann: Aber denen im Norden, denen in Piacenza, denen würde sie das durchaus zutrauen.

Von Drachen, übergewichtigen Nonnen und Florentinern

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Heute habe ich mir mal ein bisschen Luxus gegönnt. Nicht in Form irgendwelcher Statussymbole oder Wellnessanwendungen, sondern in Form von Dottoressa Laura C. Ich habe mir eine Historikerin geleistet, die uns eine private Führung durch Cortona gibt und uns die Stadt zeigt. Dazu fahren wir mit dem Taxi hoch zum höchsten Punkt, zum fast höchsten Punkt, dem Margarethen-Sanktuarium. Höher liegt nur die Medici-Burg, aber uns ist nicht so nach Militär-Architektur. Nach Margarethen-Sanktuarium- Architektur ist mir eigentlich auch nicht, denn die Kirche von 1850 ist vor allem eines: schön gelegen. Aber da muss ich jetzt erst mal durch, denn Laura erklärt mit viel Begeisterung – und einem lustigen Akzent – wie schön erst das frühchristliche Heiligtum und dann die gotische Kirche gewesen seien, die man abgerissen habe, um die neue Kirche zu bauen. Wir können uns dann nicht so ganz für diese erwärmen, wohl aber für den Blick auf Cortona und die weite Ebene mit dem trasmenischen See im Hintergrund. Laura beschwört Hannibals Elefanten und das tragische Schicksal römischer Legionen an diesem See, bevor wir über mittelalterliche Wege hinunterschlendern  ins Städtchen.

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Am oberen Stadttor zeigt sie uns die Reste etruskischer Mauern und römischer Aquädukte. Das kann aber nicht verhindern, dass wir auf Höhe des Nonnenklosters bei ihrem Hinweis auf die dortige „bigge ssssisssssstern“ sofort an übergewichtige Schwestern denken – und nicht an die große Zisterne unter dem Kloster. Weiter geht es mit vielen Geschichten – meist darüber wer wen wann wie besiegt hat, um Cortona zu gewinnen, zum Dom und zum „Haustier des Tages“. Unter einer ziemlich kitschigen Margarethen-Statue sitzt er: ein kleiner knubbeliger Drache. Der Drache gehört – wie wir inzwischen gelernt haben – zum Erzengel Michael, erster Schutzpatron Cortonas, und symbolisiert das Böse. Aber wenn man genau hinschaut, sieht man, dass er einen ganz niedlichen Ringelschwanz hat. Das Böse mit Ringelschwänzchen? Entweder ist das schlicht und einfach falsch – oder aber besonders böse und perfide…

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Der Ringelschwänzchen-Drache steht vorm Dom mit seiner zusammengepatchten Fassade. Ein bisschen Romanik, ein bisschen Gotik und ganz viel Renaissance. Noch mehr nach Patchwork sieht der Palazzo Casali aus, an dessen Fassade die Florentiner Herren, nachdem sie Arezzo geschlagen hatten, sich mit ihren Wappen verewigten. Fehlt irgendwie nur noch der Klingelknopf zu den Wohnräumen des jeweiligen Herrn Gouverneurs.

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Von da waren es nur noch ein paar Schritte bis zum Rathaus und der Erkenntnis, dass vier Stunden Geschichte zwar sehr amüsant und kurzweilig vergangen, trotzdem aber auch genug sind.

Außerdem sollte kaum eine halbe Stunde später eine Weinprobe im Konferenz-Konvent anfangen und auf die muss man sich ja schließlich auch vorbereiten, mental und so.

Aber morgen leisten wir uns noch mal ein bisschen Luxus mit Laura…

 

Kleiner Nachtrag zu gestern:

Es war dann doch das Ross. Besser gesagt, in einem Laden auf der „Rugapiana“, ein kleines etruskisches Bronzepferdchen. Was ja auch viel pflegeleichter ist als ein echtes…