Knapp

über 2,20m…

 

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Ein Schlüsselerlebnis

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Bei Da Maria zu essen, ist keine Sterne-Erfahrung, nichts für Ästheten, denen das Bild auf dem Teller (fast) wichtiger ist als das wohlige Gefühl im Magen. Da Maria ist ein Gesamtkunstwerk der rustikaleren Art. Unsere erste Begegnung war allerdings ausgesprochen seltsam. Ja, sagte man uns im Castello Razzano, da kann man gut essen, aber das sind zwei Verrückte. Wir standen trotzdem um halb acht – brav deutsch – vor der Tür: alles dunkel, verschlossen. Auf unser Klopfen, schließlich hatten wir reserviert, wird geöffnet und bedauert, sie seien noch nicht fertig, ob wir in einer halben Stunde wiederkommen wollten. Eigentlich nicht, also wird das Licht im Barbereich angemacht, uns zwei Gläser eines lokalen Aperitifs hingestellt und ein Brett mit Wurstscheiben dazu gereicht.

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Um acht Uhr werden wir in den Speisesaal geführt, es ist eiskalt, ein gedeckter Tisch wird neben eine der Heizungen gerückt und diese – mir zuliebe – hochgedreht. Dann beginnt unsere Maria-Erfahrung.

Zwei Brüder führen das Restaurant, der eine, der sehr Introvertierte, kocht, der andere, der etwas weniger Introvertierte, serviert. Der eine spricht ein bisschen Französisch, der andere etwas Englisch. Natürlich ist die Speisekarte Italienisch. Während wir mit der Hilfe des zweiten Bruders die Speisekarte entschlüsseln, beobachtet der erste Bruder unsere Qual der Wahl und ruft seinem Bruder ein paar Worte zu. Und schon haben wir die Lösung. Wenn wir uns nicht für eine der Antipasti entscheiden können, kommt halt ein Teller mit einer kleinen Kostprobe von jeder Alternative. Das bleibt dann so für das primo, drei Nudelalternativen hübsch neben einander angerichtet. Beim secundo sind wir aber stark genug, eine Entscheidung zu treffen. Zwischendurch setzen sich beide Brüder zu uns – wir sind immer noch die einzigen Gäste – und erzählen. Von der Tante (oder Großtante, so genau verstehen wir es nicht) Maria, die in den 50ern das Restaurant eröffnete, vom Kochen und dass sie mittwochs, wenn Ruhetag ist, zusammen sitzen und Agnolotti basteln, die Spezialität des Hauses. Irgendwann trudeln noch ein paar Einheimische ein und sie wenden sich den anderen Gästen zu.

Am Ende möchten sie knapp 20 Euro von uns haben, Wein, Espresso, Aperitif, alles inbegriffen.

Seitdem ist Maria ein fester Bestandteil unserer Piemontausflüge.

Es hat sich in den letzten Jahren allerdings einiges geändert. Der Saal ist in hellen Farben dekoriert und das Geschirr ist deutlich schicker. Auch die Preise sind gestiegen, aber eigentlich noch immer unschlagbar. Denn sie haben aus dem Unvermögen sich zu entscheiden eine Masche gemacht. Kaum hat man sich für das Menü entschieden, kommt die erste von sechs Platten mit Antipasti. Man nickt und erhält ein Löffelchen Tatar oder Vitello tonnato, gefüllte gegrillte Paprika, kleine Frischkäse mit Kräuteröl…– Man hätte natürlich die Möglichkeit abzuwinken, was aber unwahrscheinlicher ist als die Bitte nach einem Nachschlag. Die Agnolotti sind immer noch unglaublich gut und kommen mit der Ansage, bitte erst mindestens drei zu probieren, statt – reflexartig – zum Parmesan zu greifen. „Sie schmecken pur einfach zu gut“, wird uns zugeflüstert. Das secundo ist gut, aber verwirrend: „Eigentlich heißt das Schweinebäckchen, aber eigentlich sind es keine…“ und zum Schluss gibt es Erdbeeren für mich und Eiscreme mit Barbera-Mostrich für Monsieur. Klingt seltsam, schmeckt aber hervorragend.

Inzwischen kostet das Menü 35 Euro, noch immer Wein, Wasser, Espresso, Grappa, alles inbegriffen.

 

Heute Morgen haben wir nach dem köstlichen Essen gestern bei Maria nicht so recht Appetit aufs Frühstück, also gibt es nur Obst und ein bisschen Joghurt. Dann kommt zum letzten Mal die Schlüsselzeremonie. Die alten Türen im Castello haben alte, schwere Schlösser und die wiederum sehr große, sehr unhandliche  Schlüssel. Deshalb erhält man beim Check-in einen Briefkastenschlüssel. Der öffnet den kleinen Kasten neben der Zimmertür. Darin hängt dann der Zimmerschlüssel. Ein Schlüsselerlebnis der besonderen Art…

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Der von uns verkostete und bestellte Wein steht bereit und wird auf einen kleinen Elektrocaddy verladen. Das ist auch eine Besonderheit: der Parkplatz liegt so weit vom Haus entfernt, dass Gepäck und Wein mit dem Wägelchen abgeholt werden. Dafür stört kein nächtliches Türzuschlagen den Schlaf der Gäste.

Unser Kofferraum ist voll, unsere Schulden bezahlt, bleibt nur noch die Frage, wovor wir uns mehr fürchten: vor dem ganze Papierkram, um den Wein „Transit“ durch die Schweiz zu fahren oder vor dem Zorn der französischen Zöllner, dass wir tatsächlich italienischen Wein nach Frankreich einführen.

Wir gehen beidem aus dem Weg mit einem kleinen Umweg um die Schweiz herum und kurven am  Vuache vorbei nachhause – ohne die EU zu verlassen.

 

 

 

 

 

Mit einem blauen Auge

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Monsieur ist sehr besorgt. Und zurückhaltend. Die Sorge gilt mir, die ich sehenden Auges in eine Glastür gerannt bin, was zum ersten blauen Auge meines Lebens führt. Die Zurückhaltung gilt der nur allzu offensichtlichen Bemerkung, dass ich, wenn man den Zustand meiner Fenster zu Hause bedenkt, nicht mit spiegelblanken, blitzsauberen und daher unsichtbaren Fenstertüren habe rechnen können.

Der Nieselregen heute Morgen lässt ein Verstecken hinter Sonnenbrille noch absurder erscheinen als das blaue Auge selber. Da muss ich nun mal durch.

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Casale Monferrato, da waren wir noch nicht, das ist doch ein guter Grund, Asti und Alba rechts liegen zu lassen. Schöne Plätze, ein paar Kirchen, ein Castello mit Enothek und die angeblich schönste Synagoge Italiens. Letztere – ist uns schon klar – wird nicht zu besichtigen sein am Sabbath. Aber auch die meisten Kirchen scheinen dem Heiligen San Chiuso gewidmet zu sein, was darin liegt, das wir uns haben ablenken lassen.

Monsieur trödelt von Amici zu Amici, da erscheint rechts eines jener braunen Hinweisschilder: Santuario di Crea. Und schwupps biegen wir ab. Monsieur deutet auf eine barocke Silhouette auf dem nächsten Hügel, aber das lehne ich strikt ab. Santuario, sage ich, das ist sicher ein romanisches Kirchlein auf römischem Tempel auf keltischem Heiligtum. Monsieur versucht noch, mir taktvoll zu erklären, dass das Leben sich nicht unbedingt an meine Wünsche und Vorstellungen hält, da bereitet das Leben einen Kompromiss vor.

Das Sanctuario ist spätmittelalterlich, mit wunderschönen Renaissance-Fresken rechts und links in den Seitenkapellen des Chors und einem ziemlich kitschigen Gemälde über dem barocken Hauptaltar. Wirklich umwerfend ist aber der romanische T Rex auf der ersten Säule. Ein Drache, der Männchen macht, neben einem Heiligen, der eher wie ein stolzer Dompteur wirkt.

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Eine unscheinbare Türe führt zu einem Seitengang mit Bildern, die mich unerwartet und tief berühren. Hier hängen Votiv-Tafeln von Menschen, denen Maria geholfen hat. Gut, etwa Dreiviertel der Tafeln drehen sich um Autounfälle, wo ein bisschen gesunder Menschenverstand vorher die Hilfe Mariens nachher überflüssig gemacht hätte. Aber der andere Teil der Bilder, von großer Naivität und ebenso großem Vertrauen, berührt mich sehr tief.

Nichts, was wir später in Casale und noch später in Moncalvi sehen, berührt mich gleichermaßen und so ist für mich dieser Seitengang das, was bleibt von heute.

 

Amici

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Turin macht es uns leicht. Das Wetter ist zu scheußlich, als ich unsere Sachen zusammenpacke und mir ein letztes Mal auf Google die Strecke nach Alfiano Natta anschaue. Das ist auch ganz gut so, denn kaum haben wir den Schock der Parkgebühren überwunden (mehr als das Dreifache dessen, was ich in dieser Woche für Museumseintritte ausgegeben habe), streiken sowohl Navi als auch Monsieurs Lebensgefährtin beim Wegweisen. Beide behaupten steif und fest, unser Ziel nicht erreichen zu können. Mit den erinnerten Resten (ein Platz mit einem Obelisken, dann über den Fluss) kommen wir im Einbahngewirr Turins nur sehr langsam voran. Schließlich versucht Monsieur es mit Geduld, gibt den nächst größeren Vorort Turins an. Kaum sind wir aus Turin heraus, besinnen sich beide Geräte auf ihre Pflicht und erinnern sich ganz plötzlich doch noch an die Strecke in die Hügel des Piemont.

amici Wir fahren gerade in San Maurizio an der via degli Amici vorbei, als wir den ersten einer Vielzahl orangeroter „Amici“ sehen, klein und knubbelig, das Zyklopenauge auf uns gerichtet. Er und seine Freunde stehen in jeder Ortschaft, immer schön paarweise, rechts und links. Ganz brav halte ich mich an die vorgeschriebenen 50 km/h, auch als Fiats und kleinere Lastwagen mich überholen, innerorts, bei durchgezogenem weißem Strich und Überholverbotsschildern. Das ist nicht Einsicht, das ist nackte Angst. Ich bin vor ein paar Monaten in der Schweiz geblitzt worden, gleich zweimal, mit ein bisschen mehr als ein bisschen mehr als erlaubt war. Das wird in der Schweiz dann sehr schnell sehr teuer. Monsieur hat dann ein Machtwort gesprochen und mir ein Budget vorgegeben für Strafzettel. Wird das überschritten, wird der BMW verkauft, um die Strafen zu bezahlen. Vom Rest bekomme ich einen Kleinstwagen. Was de facto auf Hausarrest hinausläuft, weil ich zb. bei einem VW-Up meine Beine nicht hinters Steuer bekommen würde. So fahre ich brav von Schlagloch zu Schlagloch, von Delle zu Delle, von Bodenwelle zu Bodenwelle und überlege, dass der italienische Staat statt in „Amici“ mal lieber Geld in einen neuen Bodenbelag investieren sollte.

Kleine und kleinste Sträßchen führen über Villadeatti zu „Da Maria“, wo wir morgen Abend schon reserviert haben und schließlich nach Alfiano, wo es zum Castello abgeht.

Castello Razzano, das ist eher Besuch bei Freunden als Hotel. Wahre Amici, nicht die orangeroten! Wir hatten für den Durchreise-Stopp eines ihrer Standardzimmer gebucht. Sie geben uns die Suite, die wir bei unserem allerersten Besuch hier hatten. Und eine Flasche Luna d’Oro steht auch schon kalt.

Ich ziehe mich zu einer kleinen Siesta zurück und Monsieur setzt sich mit seinem Glas Spumante in den Park. Kommt zurück und erzählt begeistert, dass der Osterhase oder vielleicht doch eher das Osterkaninchen ihm Gesellschaft geleistet habe, ganz zutraulich.

Was zu einem ganz kleinen bisschen schlechtem Gewissen bei mir führt, als ich dann zwei Stunden später als secundo coniglio con herba bestelle…

 

Nächstes Mal die Weinprobe

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Die Busse für die Konferenz-Exkursion warten auf der Piazza Veneto. Drei Ziele gab es zur Auswahl. Monsieur ließ mich aussuchen, wohlwissend, dass barocke Königsresidenzen gleich ausfallen. Wine-tasting war verlockend, aber das haben wir morgen im Castello Razzano und die Sacra di San Michele ist reinste Romanik. Muss ich noch mehr sagen?

Wir starten in Turin bei Nieselregen, auf dem Parkplatz der Sacra di San Michele gießt es in Strömen. Aber das ist noch nicht alles. Wir laufen im Regen die paar Hundert Meter hoch zum Einlass des Klosters. Der Wind macht sich einen Spaß den Regen ein bisschen waagerecht zu treiben, damit auch die mit den Schirmen nass werden. Vor dem Einlass stehen wir dann etwas tropfend herum, bis unsere Führerin uns – im strömenden Regen – eine kleine Kostprobe dessen gibt, was uns die nächste Stunde begleiten wird. Das Kloster sei ein Ort der Stille, deshalb sollten auch wir still werden und in uns hineinlauschen – in Stille. Ob leises Zähneklappern noch als Stille gilt? Schließlich dürfen wir ein paar Außentreppen erklimmen und kommen damit endlich, endlich! in das geschlossene Treppenhaus der wirklich beeindruckende Scalone dei morti. Außer der Erklärung, dass die Totentreppe Totentreppe heißt, weil rechts die Toten in Sarkophagen ruhen, erhalten wir wenig Informationen. Wohl aber das ganze Selbsthilfe-Seminar-Programm. Die Treppe sei ein Bild für unser Leben, jeder Schritt nach oben ein Erfolg, jeder Blick zurück eine Bestätigung des Geleisteten. Aber dieser Weg zum Licht – die Tür am Ende der Treppe – sei nur möglich in der Stille. Und weil es hier so eine Art besondere Energie gebe. Rechts und links von mir fangen Mundwinkel an zu zucken und ich höre aus den Bemerkungen, dass so ein bisschen Romanik Physiker nicht stört bei der Diskussion, wie man diese Energie für ihre Experimente einspannen könnte.

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Am Ende der Treppe erhalten wir noch einmal nachdrücklich die Aufforderung nun hinauszutreten aus der Treppe des körperlichen Strebens ins Licht des spirituellen Lebens. Wohin wir hinaustreten ist erst einmal strömender Regen, denn das Dach des romanischen Paradieses musste nach einem Erdbeben in den 1980er abgerissen werden. Nun, ich bin nie davon ausgegangen, dass das Streben nach spiritueller Erleuchtung einfach sein wird, nur dass es so nass ist, damit habe ich nicht gerechnet. Wir erhalten noch mehr Licht- und Stille-Metapher im Regen, ergänzt von Erklärungen zu den Holzschnitzereien an der Tür: rechts eine Schlange mit einem Schwert durch den Bauch und Ketten um den Hals, links eine Schlange mit einem Schwert durch den Bauch und Ketten um den Hals. Die eine grinst, die andere nicht. Die eine ist das Gute, die andere das Böse. Da muss man schon sehr genau hinschauen.

Als wir endlich in die Kirche eintreten dürfen, werden wir noch einmal auf die Stille hingewiesen, die schwarzen Figuren im Chor werden erklärt – und das war es dann mit der Führung hier oben. Kein Wort zu den wirklich wunderbaren Fresken an den Wänden. Nur ein Hinweis auf die bella terrazza und das Panorama hinter einer Seitentür.

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Die Kirche selber kann trotz all meiner Verärgerung über diese Art von Führung ihre Ausstrahlung wirken lassen. Außerdem verliebe ich mich sofort und hoffnungslos in die Tiere, die sich um Johannes den Täufer versammelt habe. Immer wieder muss ich zu diesem Fresko zurückkehren. Immer wieder zaubert es ein Lächeln auf mein Gesicht.

Aber irgendwann treibt unsere Führerin ihre Gruppe wieder zusammen, nachdem wir alle ein eher zynisches Lachen zum Thema Terrasse und schöne Aussicht hatten und führt uns in die Ruinen der Klostergebäude, zum Turm der Bella Alda, die hier lieber in den Tod sprang als sich von zwei Maraudeuren vergewaltigen zu lassen. Allerdings fingen zwei Engel ihren Fall auf und ließen sie sanft landen. Natürlich glaubte ihr zuhause keiner die Geschichte, weshalb sie es am nächsten Tag beweisen wollte – und spektakulär scheiterte. Vor mir diskutieren zwei Physiker, dass dies zwar ein durchaus wissenschaftlicher Denkansatz – Wiederholbarkeit des Experiments – sei, sie aber die erste Prämisse nicht akzeptieren können.

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Unsere Führerin bastelt aus Aldas Schicksal eine Lehre zu Bescheidenheit und Demut und das alles, während wir schutzlos im Regen vor den Ruinen stehen. So ist es kein Wunder, dass, als sie mit einer weiteren Botschaft des Lichts und der Stille schließt, niemand mehr Fragen stellen mag.

Wir trotten im Regen den Weg durch die Ruinen zum Eingang zurück und Monsieur murmelt endlich, was er – wie ich schon lange gespürt und erwartet habe – wohl bei jedem regennassen Schritt gedacht hat: „Nächstes Mal nehmen wir die Weinprobe!“

Flügel aus Bleikristall

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Wenn ich das gerade einmal umrechne – eine Minute hoch, eine Minute runter, das Ganze für acht Euro -, komme ich auf 240€/Stunde. Dafür hätte ich gestern mehr als 30 Minuten Ferrari bekommen und die Strecke wäre nicht so eingeschränkt gewesen. Aber ich will nicht meckern. Der Mole Antonelliana ist von innen deutlich hübscher als von außen, was zugegebenermaßen nicht schwer ist. Die Fahrt in die Spitze des Mole ist durchaus die acht Euro wert. Ein gläserner Aufzug schwebt in der Mitte des riesigen Kuppelbaus in die Höhe, verschwindet dann durch die Öffnung und setzt mich in der Turmspitze ab. Einmal da angekommen, stehe ich mit ein paar anderen Tapferen im Nieselregen und bewundere, wie der Nebel die Stadt verzaubert.

c02Alles sehr schön, aber eben auch nichts, was man nun lange ausdehnen möchte. Zumal das von mir erwartete Café hier oben nicht existiert. Also bin ich eine Viertelstunde später wieder in der Halle und kämpfe mich durch gleich mehrere völlig aufgedrehte Grundschulklassen, da dies auch der Eingang zum Kino-Museum ist. Bis ich mich mit Monsieur treffen will, habe ich noch eine Stunde Zeit, zu wenig für die Königliche Residenz, zu viel, sie im Café zu vertrödeln. Die Alternative mit „im Park im Sonnenschein“ geht leider nicht wegen LSIP sowie mangelnder Kooperation eben dieser Sonne.

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In den Arkaden der Via Po hingen große Plakate der Fondazione Accorsi-Ometto zu Reisebildern zum Italien der frühen 1800, gemalt von einem Herren Giovanni Migliara. Ich mag solche Bilder, frühindustrielle Stätten, Ruinen, bevor sie wieder rekonstruiert wurden, alles sehr romantisch, ja gelegentlich auch idyllisch-kitschig. Tut doch ganz gut, sich ab und an in dieser Welt zu verlieren. Und dankbar zu sein, dass ich nicht in dieser „guten alten Zeit“ lebe, in der ein schmerzender Zahn und dessen Ziehung zum öffentlichen Spektakel auf dem Marktplatz wird.

In wenigen Schritten bin ich auf der Via Po und beim Museum. Damit beginnt eines meiner skurrilsten Museumserlebnisse. Die Dame gibt mir mein Ticket und informiert mich, dass das Museum nur mit Führer zu besichtigen sei. Mein Einwand – kein Italienisch – wird weggewischt und ich erhalte einen Ordner in Englisch in die Hand gedrückt. Ich soll also mit der italienischen Führung mittrotten, mir aber die Informationen im Hefter zusammensuchen. Okay, ist machbar. Sie schickt mich, rasch, rasch, über den Hof, rasch, rasch, die Treppe hoch, wo ein Herr mir, rasch, rasch, eine prunkvoll gequastete Kordel aushängt und mich, rasch, rasch, einer Großfamilie aufdrängt. Die Führerin, weit jenseits des Pensionsalters, schließt aus der Mappe und meiner Größe richtig „Tedesca?“ und strahlt. Ich habe endlich Zeit mich umzuschauen und kann ein Erschaudern gerade noch unterdrücken: Glasvitrinen voller Wegguckerchen der exquisitesten Art. Ein Miniatur-Bechstein-Flügel aus Bleikristall mit vergoldeten Füßen etwa. Und immer, wenn etwas entfernt mit Deutschland zu tun hat – und da schließt sie großzügig Österreich-Ungarn mit ein -, zeigt die Führerin strahlend lächelnd auf mich und verneigt graziös ihr Haupt. Ich lächle zurück, obwohl mir eher mulmig zu mute ist. Eine knappe Stunde habe ich, zwanzig Minuten sind inzwischen vergangen und wir sind erst im zweiten Raum, umgeben von – kleine Verbeugung in meine Richtung – Meißner Porzellan der Sorte „Upps, ach das tut mir jetzt aber leid!“ Der nächste Raum wird noch schlimmer: vergoldete Tabakdosen, Läusekämme aus Elfenbein und ich frage mich, wann wir endlich zu den Reisebildern kommen und wieviel Zeit – wenn überhaupt – ich haben werden, diese zu genießen.

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Ich bin von Erziehung her eher höflich und von Natur aus eher schüchtern, das ist ein schweres Handicap in solchen Situationen. Außerdem redet die Dame ohne Punkt und Komma, nur unterbrochen durch die gelegentlichen strahlenden Referenzen in meine Richtung. Es fallen „degli Habsburgii“ und mit besonderem Strahlen in meine Richtung „Sissi“. Ja, Ginebra, ich weiß, war ja sozusagen vor meiner Haustür, wo sie ermordet wurde. Als aber nun die Familie mit der Führerin eine Diskussion anfängt, die sich für meine nicht existenten Italienischkenntnisse wie eine Abwägung der Rolle des Elfenbeinkorsetts in der Ermordung der Kaiserin anhört, nehme ich meinen ganzen Mut zusammen und stammle etwas von „Mostra temporana“ und deute auf meine Uhr. Ach herje, ist das plötzlich ein Geflatter von Händen und Armen. Sie ist völlig untröstlich ob des Missverständnisses, bringt mich zurück zum Eingang – weit waren wir ja eh nicht gekommen – und übergibt mich dem Herrn. Es stellt sich heraus, dass die Zeitausstellung genau in diesem Raum beginnt. Hätte der Herr mich nicht so resolut hinter die Purpurkordel befördert, könnte ich jetzt schon fertig sein mit meinem Kunsterlebnis. Allerdings hätte ich dann nie erfahren, dass es Mini-Flügel aus Bleikristall gibt. Mit vergoldeten Füßen.

Ein Ferrari sagt mehr als 1000 Worte

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Noch selten habe ich so viele Menschen lächeln gesehen.

Überall stehen Männer und Frauen in kleinen Grüppchen zusammen, diskutieren, bewundern, streicheln mit den Augen. Alle mit diesem Ausdruck kindlicher Freude und Begeisterung im Gesicht.

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Achja, das Essen, nachdem wir uns losreißen können, ist auch sehr gut.

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PS: Falls Ihr noch ein Geburtstagsgeschenk für einen autobegeisterten Freund sucht, hätte ich eine Idee…

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