Dieser Moment, wenn

Monsieur keine Lust hat, mit mir Yoga zu machen:

„Das ist bestimmt keine artgerechte Haltung für meinen inneren Schweinehund.“

Das muss gesund sein!

Berlin ist an- und aufregend, aber auch ein bisschen anstrengend. Ich laufe in den paar Tagen gelegentlich mehr als auf so mancher Tagesetappe in den Bergen. Zugegeben, für die Höhenmeter gibt es meist Rolltreppen, aber die Kilometer läppern sich zusammen. Zum Beispiel in der elegant-kühlen neuen U-Bahn-Station der Museumsinsel oder in dem weniger eleganten, dafür aber deutlich verwirrenderen Gordischen Knoten „Stadtmitte“.

Monsieur, der endlich dabei sein darf nach getaner Arbeit, will Stadt und Kunst und Kultur erleben. Ich will Bären suchen in Berlin. Also gibt es East Side Gallery und Humboldt-Forum (light, nur mal schnell durchgehen), große Boulevards und kleine Seitengassen, Nikolai-Viertel oberirdisch, etliche Kilometer unterirdisch. Aperol-Spritz und Berliner Weiße am Schiffbauerdamm, Berliner Schnauze dazu: „Sie erklären watt uff meene Brötchen is? Datt seh’nse doch: also, Käse is Käse.“

Auf dem Weg zum Flughafen zum Abschluss noch Kult: eine Berliner Currywurst mit Pommes.

Monsieur kommt mit zwei Papptellern vom Stand zurück: die Currywurst unter der Ketchup-Schicht, daneben ein Berg Pommes, begraben unter einem Riesenklacks Mayo.

Ich schaue wohl etwas skeptisch drein.

Da sagt Monsieur: „Aber an der Bude stand, dass die Wurst und die Pommes „bio“ sind. Das muss doch gesund sein!“

4-7-144

Nein, das sind natürlich nicht meine Maße, das ist mein Mantra heute morgen.

Das sind nämlich meine Verbindungen, um die Liebermann-Villa am Wannsee zu besuchen. Merke ich mir, damit ich nicht ständig nachschauen muss. Das erweist sich als äußerst geschickter Schachzug, denn mein Handy verbringt diesen Tag im Hotel.

In Wannsee (4 und 7 abgearbeitet) steht der Bus 144 direkt vorm Bahnhof. „Fahren Sie Richtung Liebermann-Villa?“, will ich vom Busfahrer wissen. „Aber nicht von hier aus, ach watt, steigense ein, ick nehmse mit“, erspart er mir ein paar hundert Meter Fußweg. Auf der Höhe vom Yachthafen merke ich endlich, dass ich kein Handy dabei habe und somit auch den hübsch bewimpelten Mastenwald nicht fotografieren kann.

Das ist natürlich etwas ärgerlich, aber in der Villa selber hilft Herr Liebermann mir freundlicherweise mit ein paar Bildern aus. Mit einer Tasse Kaffee genieße ich den Blick in den Garten.

Zwei kleine Anmerkungen muss ich allerdings machen: der Birkenwald ist heute goldgrünes Flimmern im sanften Sommerwind und auf dem See ist fast noch mehr los. Boote von „Badewanne mit Segeln“ bis „ja, doch, sehr nett“ ziehen vorüber, aber den größeren Unterhaltungswert bieten die Ruderer. Nicht der sportliche Achter, der genau getaktet übers Wasser schießt, nein, eher der Vierer. Da pflegt jeder Ruderer seinen eigenen individuellen Rhythmus und es ist auch nicht so ganz klar, ob die Person im Heck steuert oder sich verzweifelt am Ruder festklammert.

Zurück heißt es natürlich 144-7-4, mit kleinen Zwischenstopps an den Hacke’schen Märkten und am Alexanderplatz. Wieder in der Tram 4 stört ein Italiener in der ersten Reihe, der sehr temperamentvoll und vor allem sehr laut telefoniert. Plötzlich knackt die Lautsprecheranlage und über alle vier Waggons schallt ein: „Datt geht ja woll auch leiser hier vorne, wa?“

Da fällt mir ein, dass die BVG angeblich versucht, die Berliner Schnauze ihres Personals als UNESCO Weltkulturerbe eintragen zu lassen. Dazu muss es sich um ein „einzigartiges oder zumindest außergewöhnliches Zeugnis von einer kulturellen Tradition“ handeln.

Das Kriterium „außergewöhnlich“ erfüllen sie mit Sicherheit.

Streichelzoo

Der Tag beginnt mit einer kleinen 9-Euro-Euphorie und endet mit therapeutischen Löwen-Streicheln.

Mein erster Versuch mit dem Ticket soll Spandau sein, das finde ich einen angemessenen Kompromiss zwischen meiner „Alles-ist-machbar“-Euphorie und der „Was, drei Stunden nur für die Hinfahrt?“ – Ernüchterung. Tut mir leid, Wismar, wäre bestimmt schön gewesen.

Ab Alexanderplatz gibt es mit der S9 erstmal „Heileits off Börlin – leit wörschn“. An meinem Fenster zieht so ziemlich alles vorbei, was man in Berlin gesehen haben sollte. Bundestag und Regierungsviertel, Tiergarten, Siegessäule, alles kann ich bequem aus der Ferne abnicken, sogar ein Eckchen Olympia-Station schaut rüber. Sozusagen all-inclusive für 9 Euro.

Spandau HBF selber begrüßt mich mit einer verwirrenden Vielzahl von Über- und sonstigen Gänge, wo liegt denn nun die Altstadt? „Guckst du Turm? Gehst du mit die Füße, ganz schnell“, erklärt mir der Befragte und verabschiedet sich mit „Ciao, bella!“ Hach.

Nun, die nächsten, die ich ganz konkret nach der Touristeninformation befrage, lehnen an einem dieser blau-silbernen Autos und trage identische blaue Klamotten. „Dett is nu nicht unsere Kernkompetenz“, klärt mich der eine Polizist auf. Ist mir schon klar, aber ich dachte, mir zu helfen wäre mal eine nette Abwechslung zu z.B. dem Umgang mit gewaltbereiten Hooligans. „Und außerdem sinnwa nicht von hier,“ unterstreicht der Kollege den kollektiven Unwillen.

Auch die beiden Freundinnen, die tratschend am Markt stehen, erweisen sich als nicht wirklich hilfreich. „Touristeninformation? Hammwa hier nich,“ meint die eine. Doch, im Gotischen Haus, das zumindest weiß ich. „Gotisches Haus, ach ja, da können Sie hier rechts und dann links oder erst geradeaus und dann rechts gehen.“ Was denn der schönere Weg sei, will ich wissen. „Der schönere Weg? Hier in Spandau?“ fragt die eine und beide brechen in schallendes Gelächter aus. Hmmmmm…

Schön ist er schon, der Marktplatz mit seinen bunten Ständen. Ob ich die Blumenpracht fotografieren dürfe, die würden gute Laune machen, frage ich. „Wennse die mir alle abkoofen, hab ick auch gute Laune“, schlägt der Befragte mit einem Grinsen vor.

Im Gotischen Haus geben sie sich dann viel Mühe, meinen ersten Eindruck zu revidieren. Mit viel Begeisterung werde ich in die noch zu besichtigenden Höhepunkte eingeführt. Dass Spandau diese Begeisterung dann nicht tragen kann, dafür können die beiden freundlichen Damen ja nichts.

Die Nikolai-Kirche ist geschlossen – na gut. Im Kolk sind die Fachwerkhäuschen eingerüstet und das Dixie-Klo so penetrant, dass es sich bei jedem Fotografier-Versuch in den Vordergrund drängt.

Meditatives Kontemplieren der Schleuse wird etwas beeinträchtigt durch die Straßenarbeiter, die dort gerade Steine schneiden für Renovierungsarbeiten.

Bleibt ja immer noch die vielgerühmte Spandauer Zitadelle. Vier bis fünf Stunden sollte ich dafür einplanen, meinten die begeisterten Damen. Dafür bin ich eigentlich zu müde, was ich denn unbedingt sehen sollte, will ich von dem Mann an der Kasse wissen. „Jetze? Nüscht,“ kommt zurück. „Wir machen erst inner Stunde auf.“

Tja, Spandau, das war’s dann. Ich hab‘ es ja versucht, mit viel gutem Willen, aber so recht ist der Funke nicht übergesprungen. Doch, halt, eine Sache hat mir wirklich sehr gut gefallen: die Spielplätze mit ihren urigen Geräten, wie aus Treibholz gebaut. Die haben eine ganz tolle Ausstrahlung. Fast kann ich sie sehen, Kinder, die Väter und Mütter und der Schleusenwächter, wie sie die angeschwemmten Baumstämme aus dem Fluss ziehen, sägen, hämmern, schrauben, buddeln, bis alles steht. Ein bisschen krumm, ein bisschen schief, aber mit viel Liebe zusammengebaut. So jedenfalls sieht es aus.

Wieder im Zug falle ich in so ein kleines dunkles Loch, da saust draußen ein Plakat vorbei: Sonderausstellung zu Heinrich Schliemann. Und ich weiß ganz genau, wo da das dazu gehörige Museums-Café ist. In der James Simon-Galerie kann Katherina Thalmann trotz sehr glaubwürdigem Schnurrbart und Zylinder nicht ihr strahlend-spitzbübisches Lächeln verstecken und schaut unter der Schliemann-Figur schelmisch-charmant hervor. Weniger charmant ist der Museumswächter, den ich nach dem Weg zum zweiten Teil der Ausstellung (über den Hof ins Neue Museum, sehr verwirrend) frage: „Dett weeß ick doch nicht!“ Ok, aber wer denn dann?

Im Museumscafé kommentiert der Kellner meine Kuchenbestellung mit einem kryptischem „Kirsche is Pflaume heute!“, aber dieses Rätsel ist wenigstens schnell gelöst.

Dann ist auch mein Zeitfenster gekommen für das Pergamon-Museum. Leicht angemüdet leiste ich mir den Aufzug in den 3. Stock, will unbedingt im Schatten der Mschatta-Fassade ein bisschen sitzen und ruhen. „Och, da können Se nüscht ran,“ sagt der Herr, der mich hochfährt, „die wird gerade abgebaut, die zieht um.“ Och menno, aber wenigstens „meine“ Löwen sind ja immer noch da. „Achja, die Löwen, unser Streichelzoo,“ nickt er mir zu.

Also, das ist doch schon fast als Aufforderung zu verstehen, oder?

Wild entschlossen

So, jetzt haben wir es auch, das 9-Euro-Ticket und ich bin wild entschlossen, es zu nutzen.

Zumindest in den vier Tagen hier in Berlin.

Nicht heute, noch nicht. Da haben wir den vollen VIP-Service unserer Freunde.

Der schließt so einige Extra-Leistungen ein, die das 9 Euro Ticket nicht bieten kann. Abholen am Flughafen, ok, das ginge fast mit der Bahn. Aber kennt die auch dieses wirklich schnuckelige Lokal am See, dessen Terrasse ein alter Lastkahn ist? Siehste! Gut, im Zug hätte ich nicht diesen „Schwindelanfall“ bekommen, als die Wellen eines vorbeidüsenden Boots den alten Kahn zum Schwanken bringen und mich erst an meiner Wahrnehmung, dann an meinem Blutdruck zweifeln lassen. Dafür hätte es da sicher nicht Fisch in allen Darreichungsformen gegeben und als krönenden Abschluss ein luftig-leichtes Streuselkuchenstück in DIN-A4 Format, kaum zu bewältigen.

Auch das verwunschene Stück Seeufer ist nicht dem Ticket zu machen, nur mit den eigenen Füßen, wo umgestürzte Baumriesen ihren eigenen Skulpturenpark anlegen.

Zum Schluss allerdings versichern wir unseren Freunden, dass wir nicht vorm Hotel mitten in Berlin abgesetzt werden wollen, das ist ein Freundschaftsdienst, den wir ihnen in aller Freundschaft und gerade deswegen nicht aufbürden wollen.

Wir werden an einem S-Bahnhof ausgesetzt. Es dauert etwas, bis Monsieur den Automaten überredet hat, gleich zwei 9-Euro-Tickets auszuspucken, aber er schafft gerade noch den Sprint in den Zug, weil ich meinen ganzen Charme gegen den spröden Berliner Charme einsetze, um den Lokführer am Wegfahren zu hindern: „Ick hab nen Fahrplan, Frollein. Und dett zählt jetzt runter, und dann fahr‘ ick, ob mit Sie oder ohne, dett is mir ejal.“  

Als stolze Besitzerin dieses Tickets eröffnet ein Blick auf die Fahrpläne mir dann eine Welt von Möglichkeiten. Frankfurt, Oder, das wäre drin, aber will ich das wirklich? In die andere Richtung Magdeburg. Aber dieser Zug hält in Wusterwitz und da schrecken wir immer noch zusammen bei der bloßen Erwähnung des Namens.

Vielleicht sollte ich meine 9-Euro-Kreise erstmal etwas enger ziehen, so zum Üben, zum Anfangen.

Mal sehen, was ich morgen aussuchen werde.

Kein Aufzug, keine Rampe – nur zwei Treppen

Das Frühstück hat genauso wenig Hainbuche wie das ganze Hotel. Da wir für heute nur vierzig Kilometer Strecke vorgesehen haben, war ein Punkt „schön lang frühstücken“ gewesen. Den streichen wir nun drastisch zusammen. Kommen wir halt früher weg, das nimmt ein bisschen den Druck aus der Planung. Wir müssen unbedingt um zwei vor vier in Macon auf dem Bahnhof stehen, da da der einzige Zug fährt, den wir nehmen können. Der einzige mit einer TER-Verbindung nach Lyon und dann nach Genf. Natürlich gibt es andere Verbindungen, aber die sehen die Benutzung des TGVs vor. Die ist aber nur für Klappfahrräder in ihrer Koffertasche erlaubt. Die Ardenner haben nur kopfschüttelnd aufgewiehert. Ähnlich ist es mit der Verbindung über Bourg-en-Bresse und dann mit dem Fernreisebus. Auch etwas, das mit Ardennern nur mäßig praktisch ist. Also streben wir diese Zugverbindung an, mit etwas Bauchweh. Ganze zwei Minuten hält der Zug in Macon und in diesen zwei Minuten müssen wir vier Fahrräder und acht Taschen ins Abteil stemmen, von den vier Reisenden ganz zu schweigen.

Doch das ist noch weit weg an diesem frisch geputzten Morgen. Die bedrückenden 33° von gestern sind angenehmer Kühle gewichen, die Saône leuchtet zwischen ihren grünen Ufern. Nur die Reiher sind nicht ganz so begeistert, dass wir sie beim Frühstücken stören und „rauschen ab“, im wahrsten Sinne des Wortes mit lautem Flügelschlag.

Auch laut, aber nicht halb so majestätisch schön, ist der TGV, der uns ein kurzes Stück begleitet, um eine Seenplatte herum, deren Umgehung uns landeinwärts führt. Und dort – nach fast 80 Kilometern Strecke auf der Voie Bleue – treffen wir unseren ersten wirklichen Wegweiser.  Kurz vor Macon – also, das lohnt sich doch fast nicht mehr.

Dann stehen wir mittags in Macon auf der ziemlich unschönen Mitterand-Brücke, was uns aber den Blick auf die viel schönere mittelalterliche Sankt-Laurent-Brücke erlaubt.

Der Plan ist, Taschen und Räder am Bahnhof einzuschließen und die restlichen Stunden in Macon zu verbummeln. Aber wir und Pläne – nunja.

Also, erstens hat es seine Gründe, dass wir auf -zig Burgundfahrten immer erst hinter Macon von der Autobahn abgefahren sind. Nur zur Verdeutlichung: von den 10 Top Sehenswürdigkeiten in Macon war lange Zeit erstens: Fahrt ins Beaujolais, gefolgt von zweitens: Fahrt nach Lyon.

Außerdem macht uns die SNCF ein Angebot: wir könnten auch um zwei vor eins nach Genf fahren. Das klingt sehr verlockend, heißt es doch drei Stunden früher in Genf, drei Stunden früher in der Tram und dann noch bei Tageslicht bergauf nach Hause radeln. Das klingt so gut, dass wir Frauen den Männern die Zügel in die Hand drücken und uns im Bahnhof um die Karten kümmern.

Die Dame am Schalter fragt uns tatsächlich, ob wir schon über sechzig seien, was wir als Kompliment nehmen. Allerdings gibt es bei Bestätigung immerhin 25% Rabatt auf den Fahrpreis und das schlägt die Eitelkeit.

Wir unterhalten uns sehr nett mit ihr, bis sie damit herausrückt, dass wir aufs andere Gleis müssten – und Macon zwei Treppen zu bieten hätte, nur zwei Treppen, kein Aufzug, keine Rampe, nicht mal eine Schiene. Wir sind perplex. Was ist mit Kinderwagen, was mit Rollstuhlfahrern, dem gesetzlich zugesicherten Zugang zum öffentlichen Leben? Ja, für Rollstuhlfahrer würde jemand kommen, aber das sei „une prestation“, eine Dienstleistung, kostenpflichtig und nur mit Ausweis anzumelden. Alle anderen, also auch wir mit den Rädern, müssten eben sehen, wie wir zurechtkommen.

Wir Frauen stehen noch am Kopf der ersten Treppe, da kommt von hinten: „Soll ich Ihnen helfen, Madame?“ und ein junger Mann schnappt sich mein Rad, setzt es auf dem ersten Absatz ab und dreht sich um: „Jetzt muss ich erst noch Ihrer Freundin helfen, Madame!“ Dann sind aber auch schon unsere Männer wieder da und gemeinsam schaffen wir es die vier Räder auf der anderen Seite hochzutragen.

Der Zug trifft pünktlich ein und das Einsteigen ist genauso hektisch, stresserfüllt und knochenbrechend harte Arbeit wie befürchtet. Mit nur ganz leichter Verspätung fährt der Zug ab, alle Fahrräder, Taschen und Radler im Zug, wenn auch nicht unbedingt da, wo sie hinwollten. Eines unserer Räder hängt tatsächlich am dafür vorgesehenen Haken an der Decke, der zweite Haken ist ausgerissen. Also schieben wir die restlichen Räder ins nächste Abteil, erste Klasse, wie wir zu spät merken. Das ist uns aber in dem Moment völlig egal. Wir lassen uns auf die Polster fallen. Im Zweifelsfall fallen auch unsere Fronsössischkenntnisse – auf rudimentäres „Nix-verstehen“-Niveau.

Wir fahren also recht nobel – und unkontrolliert – von Macon nach Lyon, wo das Umsteigen zwar körperlich nicht ganz so anstrengend ist – es gibt einen Aufzug, der Zug wird hier eingesetzt -, aber immer noch vier  enge, steile Stufen in den Zug beinhaltet.

In Genf kommen wir mitten im Berufsverkehr an, die Tram ist recht voll, die ersten Stationen ein ständiges Sich Entschuldigen bei den Mitreisenden. Letztlich sind wir froh, die Räder aus der Tram schieben zu können und die letzten Kilometer in Angriff zu nehmen.

Zuhause gibt es erst ein alkoholfreies Weizenbier für den Mineralhaushalt und dann Spaghetti alio-olio als „Sportlernahrung“.

Wir lassen die Tage ausklingen, ziehen eine gemischte Bilanz zum „Geht das?“ (mit Schweizer Zügen sicher besser) und kommen frei nach Karl Valentin zu der Erkenntnis:

Umweltfreundliches Reisen ist schön – macht aber viel Arbeit.

Achja, die nächste Reise wäre dann ein Stück  Eurovelo 6, aber mit der SBB ab Basel…

Radweg-Lehrling

Im Frühstückssaal des Hotels hängt ein Spruch:

Nos menus sont comme la vie: ce qu’arrive n’est pas forcement ce que tu attends.

Unsere Menüs sind wie das Leben:  was kommt/passiert, ist nicht unbedingt das, was du erwartest.

Das könnte unser Leitmotiv für heute werden.

In Frankreich gibt es diese lustigen gelben Straßenschilder mit der Information: „Trous en formation“, Löcher in der Ausbildung, also Löcher-Azubis oder Löcher-Lehrlinge. Wir haben in 35 Jahren Frankreich nicht herausgefunden, was das Ziel dieser Ausbildung ist, nur dass sowohl die Löcher-Azubis als auch die Schilder sich rasend schnell vermehren.

Vielleicht hätten sie zu Beginn der Voie Bleue auch so ein Schild aufstellen sollen: Velo-route en formation. Für uns ist die Teilstrecke Lyon-Macon nämlich ein Radweg in der Ausbildung, ein Radweg-Lehrling sozusagen.

Dementsprechend sind unsere Erlebnisse heute eine sehr durchwachsene Mischung aus reiner Radel-Freude, „das hat schon viel Schönes“ und „da geht aber noch was, oder?“.

Der Start in Lyon hat schon leicht groteske Züge. Das, was die Stadt Lyon als Radweg nach „Confluences“, dem Dreieck zwischen den zwei Flüssen ausweist, ist ein schmaler Streifen auf einer vierspurigen Ausfallstraße, nur durch eine gelbe Linie getrennt. Nachdem die dritte Großbaustelle uns mit massiven Betonblock-Absperrungen in den fließenden Verkehr zwingt, haben wir genug und biegen kurz entschlossen in die nächste Straße rechts ab, queren das Dreieck an der Basis, vorbei am „Orange Cube“, zum Saône-Ufer. Da ist es dann wunderschön ruhig, in dem alten Industriehafen-Gebiet, das nun durch moderne Neubauten zum Kulturviertel wird. Natürlich radeln wir erstmal an die Spitze, vorbei am Cube Vert. Es ist nicht so ganz klar, welcher Cube von welchem Cube abgekupfert hat, dass sie „von einander inspiriert“ sind, lässt sich nicht leugnen.

An der Spitze radeln wir erst noch ein paar Minuten Rhone-aufwärts, zum einem um sagen zu können: an der Rhone bis zur Saône-Mündung gefahren, zum anderen, weil wir uns die eindrucksvolle Architektur des Confluences-Museums ein bisschen näher ansehen wollen – nur von außen heute.

Dann kommt das Startfoto auf unserem Radweg-Lehrling. Im Internet hat die Voie Bleue Lyon-Luxemburg einen tollen Auftritt mit Fotos der Wegweiser mit ihrem hübschen Logo und den Kilometerangaben für die nächsten Etappen. Hier in Lyon ist davon weit und breit nichts zu sehen. Das ist nicht weiter schlimm, der Fluss ist Wegweiser genug, also folgen wir ihm aus Lyon hinaus. Es geht flott voran auf breiten gekiesten Parkwegen, die ihre ganz eigenen Gefahren bergen. Aber wir lernen schnell, die Boule spielenden alten Männer weiträumig zu umfahren und auf keinen Fall dem „Cochon“, der kleinen roten Kugel, zu nahe zu kommen. Das alles unter freundlichen „Bonjour“ und „Bonne route!“ Rufen, schließlich sind wir nicht in Paris.

Ein paar Kilometer hinter Lyon lockt Paul Bocuses Nobel-Restaurant uns nicht wirklich. Noch viel zu früh, außerdem haben wir gar keine Zeit für vielgängige Menüs und überhaupt freuen wir uns schon auf die Mittagspause in einer der vielen „Ginguettes“ am Saône-Ufer. Das sind kleine Restaurants, die ihre Tische direkt ins Gras am Ufer stellen, les pieds dans l’eau, im Schatten mächtiger Maulbeerbäume und die bei den Öffnungszeiten den schönen Nachsatz haben: wenn es nicht regnet.

Idyllisches Radeln unter uralten Platanen auf geteerten Treidelpfaden wechselt ab mit Rückenfolter auf schlaglöchrigen Feldwegen. Weite Flussauen mit uralten Scheunen gehen über in Industriegebiete und in Jassans-Riottier verbockt es der Radweg-Lehrling fast. Immer noch schild- und hinweislos zeigt der GPS-Track den Weg mitten im Fluss an. Auf der Karte sehen wir, dass er irgendwo durch das Industriegebiet gehen muss, nur wo? Wir sind etwas ratlos, da fährt der neben uns geparkte LKW los und wir sehen eine schmale Öffnung zwischen zwei hohen Mauern – bingo. Kurz darauf weitet sich der Weg wieder und es geht durch frisch gemähte Wiesen, über die Dutzende von Störchen staksen, weiter.

Vor Trevoux lockt ein Restaurant am Ufer. Eine große Gruppe schmaust fröhlich am langen Tisch, wir wollen – müde, verschwitzt, durstig – nur etwas trinken. Die Kellnerin bürstet uns brüsk ab: Küche wäre schon zu, Bar, also nur Getränke, machen sie nicht und überhaupt hätten sie schon geschlossen.

Wir müssen so maßlos enttäuscht ausgesehen haben, dass der Chef kommt und uns zum Nachbartisch führt. Solange die anderen noch feiern würden, könnten sie eh nicht schließen und was wir denn bitte schön gerne trinken würden. Es kommt das woher? und wohin? und als wir von der Voie bleue erzählen, ist er etwas erstaunt: die wäre doch noch gar nicht in Betrieb, der Abschnitt Macon – Lyon würde doch erst im Herbst offiziell eröffnet. Was nun einiges erklärt.

Unser Hotel für die Nacht hat den Begriff „Charme“ im Namen, entpuppt sich aber als eine äußerst charmebefreite Ansammlung von kleinen Bungalows. Auch die Dame am Empfang ist uncharmant bis ruppig. Die Zimmer sind so „groß“, dass man bei geöffneter Badezimmertür nicht zum Bett kommt. Wir kommen zu der Überzeugung, dass sich das „charme“ ausschließlich auf die Hainbuchen (le charme) im Park der Anlage bezieht.

Als wir vom Essen zurückkommen, verschließt ein mannshohes Tor den Zugang zum Hotel. Ganz offensichtlich hatte die Dame am Empfang „vergessen“ uns den Code für das Tor mitzuteilen. Wir sind kurz davor, es mit drüberklettern zu versuchen, da wird endlich auf unser Sturmklingeln reagiert. Die Dame öffnet uns, ohne Gruß, ohne Entschuldigung, nur mit dem Vorwurf, wir hätten sie aus den hinteren Bereichen der Anlage hierhin gejagt.

Wahrscheinlich kommt sie aus Paris.

Ohne Orks und Drachen

Wir packen die letzten Dinge in die Fahrradtaschen und ich habe ständig ein Bild vor Augen:

Bilbo Beutlin, der aufgeregt winkend durchs Auenland läuft und seinen Nachbarn zuruft: „I’m going on an adventure!“ Ein kleines bisschen fühle ich mich wie er, was natürlich sehr vermessen von mir ist.

Erstens gehen wir nicht auf eine unerwartete Reise, sie ist durchaus geplant. Zweitens hängt nicht die Zukunft einer ganzen Zwergennation von dieser Radtour ab und drittens werden wir wohl kaum gegen Orks und/oder Drachen zu kämpfen haben. Hoffe ich jedenfalls. Nein, bin ich mir eigentlich sicher. Ziemlich sicher…

Also eher ein Mini-Abenteuer für uns.

Nunja, mit Mini-Drachen, zum Beispiel in Gestalt des TER-Zuges nach Lyon, vier hohe Stufen vom Bahnsteig ins Abteil, sehr enge Tür – und davor wir mit vier Fahrrädern. Bis wir uns überlegt haben, wo und wie wir die Räder hochhieven, haben andere erfahrenere Radfahrer ihre Räder auf die zwei (2!) Haken pro Waggon gehängt, so dass für uns nur das Parken im Gang in Frage kommt. Der Schaffner will meckern, aber da die Räder nun just genau unter dem Fahrradsymbol am Fenster stehen, gibt er nach und flirtet lieber mit den fröhlichen Mädels zwei Sitzreihen weiter. Deshalb liebe er seinen Beruf, erklärt er, die meisten Reisenden wären gut gelaunt, wären höflich mit Bonjour und Merci und S‘il vous plaît. Also hier in der Provinz, setzt er nach. In Paris, ja, in Paris, also da wäre das ja ganz anders, in Paris. Sprichts und sprintet an uns vorbei zur Abteiltür, reißt ein Telefon vom Hörer und verkündet schwungvoll die Einfahrt in den Provinzbahnhof von Ich-weiß-nicht-wo. Stürzt aus dem Zug, läuft am Waggon vorbei, springt ins Gras hinter dem Bahnsteig (es ist ein sehr ländlicher Provinzbahnhof), kontrolliert nochmal seinen Waggon, bläst voller Begeisterung in seine Trillerpfeife und sprintet zurück in unser Abteil. Kurzum, er wirkt wie jemand, der mit fünf Jahren beschlossen hat, dass Schaffner sein Traumberuf ist und sich nun jeden Tag daran erfreut. Definitiv kein Ork!

Lyon-Hauptbahnhof begrüßt uns mit Umbauchaos, aber wir finden die Radwege zum Place Bellecour. Dies sei der größte und schönste Platz Lyons, den können wir auf dem Weg ins Hotel schon abhaken. Ja, groß ist er der Platz, sehr groß, aber kein „und“, nicht für mich. Als wir kurz die Helme abnehmen, taucht ein Kamerateam auf und möchte uns vor laufender Kamera zu brennenden Fragen interviewen. Unser Argument, dass wir als Deutsche vielleicht nicht die richtigen Ansprechpartner seien, wird als irrelevant weggewischt, mein Argument, dass ich nicht verschwitzt und mit vom Helm zerzausten Haaren im Fernsehen gezeigt werden will, widerspruchslos akzeptiert.

Kurz danach wird uns im Hotel eine kleine Seitentür geöffnet, die direkt in einen Viktor-Hugo-Roman führt. Durch schmale Gänge, vorbei an alten ausgetretenen Treppen schieben wir die Räder in einen winzigen Hof, das 19. Jahrhundert schaut aus den Nachbarhäusern auf uns herab. „Und hier ist Ihr Backstage-Pass,“ sagt die Rezeptionistin und zeigt uns die Abkürzung durch Küche und Keller zur Rezeption.

Lyon macht uns ein Angebot, das wir nicht ablehnen können. Für 1,90€ so lange und so weit fahren, wie wir in einer Stunde wollen, mit welchen Verkehrsmittel auch immer. Das mit lang und weit nutzen wir nicht aus, zwei Stationen Metro bis Bellecour, eine bis Vieux Lyon, aber dann wechseln wir in die Funiculaires de Fourviere, die Zahnradbahn hoch zum Aussichtsplateau über Lyon. Die tolle Aussicht über das Dächergewirr der Altstadt ist das eine, aber dann gibt es da ja noch die Kathedrale. Meine Freundin versucht mich zu warnen, ja, selbst die Kathedrale versucht mich zu warnen (Plakette, dass sie 1870 gestiftet wurde, zum Dank, dass Lyon vom preußischen Heer verschont blieb), aber ich schlage beide Warnungen in den Wind.

Augenblicke später muss ich einen Lachanfall unterdrücken, so unfreiwillig komisch ist das pompöse Geschwurbel im Inneren der Kirche. Der Kitsch ist so überwältigend, dass sogar Monsieurs Handy sich erstmal weigert, das auf ein Bild zu bannen. Irgendwann gelingt es Monsieur, wenigstens einen schwachen Abklatsch der goldlastigen Bombastigkeit aufzunehmen, dann sind wir ganz schnell, immer noch mit dem Lachen kämpfend, wieder draußen. Ganze drei Schritte hatte ich ins Mittelschiff getan, mehr habe ich nicht geschafft.

Dafür bezaubern uns die Gassen und Gässchen der Altstadt mit ihrem „Les Miserables“-Flair. Wir gönnen uns eine Pause, Monsieur bestellt ein Bier. „Pinte ou demi?“ fragt die Bedienung, „demi“ bestellt Monsieur und will kurz darauf etwas perplex wissen, weshalb in einem „demi“ nur ein Viertelliter Bier sei. Die Bedienung wirft die Hände hoch: „C’est la France, monsieur!“ Als unsere Freundin dann vom badischen „halben Viertele“ erzählt, wird uns die kulinarische Bruchrechnung doch zu kompliziert und wir begnügen uns damit, den „traboulés“ zu folgen. Wie der geneigte Asterix-Leser sich erinnert, haben diese versteckten Gänge zwischen den Häuser- und Straßenreihen schon die römischen Legionen in die Verzweiflung getrieben.

Wir hingegen folgen ihnen vergnügt im Zick und Zack von einer Straße zur anderen, bevor wir vor der gotischen Kathedrale landen. Die ist nun eher unser Geschmack, überrascht aber mit Zettelwirtschaft. An jeder der zahlreichen Säulen hängt ein fotokopierter Zettel: „Harmonie! Silence absolue, svp!“ Nun ist mir schon verständlich, dass zum Beispiel in einer Beziehung absolute Stille der Harmonie gelegentlich durchaus zuträglich ist, aber hier? Des Rätsels Lösung liegt in den seltsam fragenden, klagenden Tönen aus dem Mittelschiff. Die Kathedrale hat zwei Orgeln und deren Organisten stimmen sie im Wechselspiel fragend angespielter Noten und knappem „Stopp“ auf einander ab.

Und hier begegnen wir unserem Mini-Ork: Eine resolute Dame marschiert lautstark telefonierend durch die Kirche, völlig unberührt von den Zisch- und Psst-Lauten ihrer Mitmenschen. Sie ist so in ihrem selbstsüchtigen Verhalten versunken, dass sie mich anrempelt. Ich fahre sie an, sie solle mit dem Telefonieren aufhören, das sei schließlich eine Kirche. Sie faucht zurück, das sei kein Grund für mich, nicht erstmal mit „Bonjour“ zu grüßen. Da hat sie natürlich recht, schließlich sind wir in der Provinz, nicht in Paris.

Immerhin knallt sie frustriert ihr Handy in ihre Tasche und stürmt aus der Kirche. Ich drehe mich zu Monsieur um und sehe hinter ihm eine Gruppe Menschen mir freundlich zunicken und dann mit erhobenen Händen applaudieren. Lautlos, natürlich, in absoluter Stille. Wegen der Harmonie.

Einfach mal ausprobieren

Wir wollen das einfach mal ausprobieren. Ob das geht, wie das geht und wie es uns damit geht.

Könnten wir jetzt ökologisch verbrämen als umweltfreundliches Reisen, ist aber nicht unsere Hauptmotivation.

Das ist schlicht und einfach die Neugier.

Morgen geht es also los, drei Tage Kurzurlaub ohne Auto, mit Freunden. Mit dem Rad von zuhause zur Endstation der Tram 18, mit der Tram zum Bahnhof Cornavin in Genf und von da aus mit dem Zug nach Lyon, auf ins Beaujolais.

Den ersten Stopp in Lyon habe ich schon vorreserviert. Zwei DZ für vier Personen und Stellplätze für vier Räder. Die Reservierung wird prompt bestätigt, zwei DZ, allerdings nur für zwei Personen. Ich rufe im Hotel an, um klarzustellen, dass wir zu viert eintreffen. Ich kann das Lächeln am anderen Ende der Telefonleitung förmlich hören: „Madame, das habe ich mir bei vier Fahrrädern schon fast gedacht.“

El islote

Unsere letzte Wanderung soll etwas Kleines, Kurzes sein.

Wir nehmen die ruta littoral als Ausgangspunkt, die einzige Wanderung, die man im Nationalpark ohne Führung, ob Bus oder zu Fuß, laufen darf. Für den Punkt „kurz“ machen wir ein paar Änderungen an der Streckenführung, starten am Ortsende von El Golfo, folgen der Küste bis zum Strand von El Paso und wenden uns dann landeinwärts.

Das bringt uns ganz nah an „neue“ Lavatunnel des 1730er Ausbruchs, an eingestürzte Tunnel, an die scharfkantige junge Lava.

Die fließt ab El Paso um die Islote Moron, ein Inselchen alter Lava, das aus dem Inferno von vor 200 Jahren herausgeragt hat.

Der Unterschied ist verblüffend: hier schwarz, scharfkantig, lebensfeindlich, auf der anderen Seite braun verwitterte Erde, darauf runde Euphorbien, schöne gleichmäßige Habkugeln. Monsieur betrachtet sie mit einer Mischung aus Neid und Respekt. Diese Formen laufen in Frankreich unter dem Begriff „moutonnement de buissons“, „Schäfchenherde-Büsche“. Das ist das, was Monsieurs Frau gerne in ihrem Garten sieht und was Monsieur mit der Heckenschere umzusetzen versucht. Hier hat Mutter Natur das ganze in natürlicher Eleganz übernommen, ohne dass auch nur eine menschliche Hand eingegriffen hat.

Am Horizont steht ein einsamer Park-Ranger und sucht mit dem Fernglas den Himmel ab. Nach Piraten? Adlern? Touristen? Wer weiß das schon. Wir hingegen wollen von ihm wissen, wie lange der alte Ausbruch her ist und er sagt 80 Millionen Jahre, genug Zeit selbst für Lava zu Staub und Erde zu verkrümeln. Wenig später hält sein Geländewagen neben uns, er kurbelt das Fenster herunter und meint „Zu viele Nullen, nicht 80 Millionen, achtzigtausend Jahre.“ Wir hätten den Unterschied eh nicht bemerkt.

Aber wo er gerade schon mal anhält, fragen wir ihn nach der seltsamen Drahtkonstruktion ein paar Meter zurück. Das wäre der Kaninchen-sichere Käfig zur Anzucht neuer Pflanzen.  Der Park versucht Pflanzen anzusiedeln, die zwar in die Gegend gehören, aber Kaninchen nicht schmecken. Um das herauszufinden, müssen die Pflanzen aber erstmal eine Chance haben, heranzuwachsen. Rundum geschützt mit Drahtgitter, auch nach unten. Mal sehen, was die Kaninchen sich dann einfallen lassen, wenn Karnickel-Junior mosert: „Ich mag das aber nicht!“

Drink am Meer gibt es im Las Salinas, gefolgt von köstlichen Tapas. Wir müssen uns stärken für eine letzte Schatzsuche.

Irgendwie hatte ich in meinem kindlichen Gemüt angenommen, den einzigen Olivin-Strand gefunden zu haben, aber ein kurzer Blick ins Internet zeigt, dass der schwarze Strand vor den Salinen DER Fundort für diese Steine ist. In der Tat, liegen dort zuhauf die goldgrünen Steine herum. Dummerweise eingeschlossen in Felsbrocken von beachtlicher Größe – und Schwere. Das wird selbst die toleranteste Airline nicht als Handgepäck durchgehen lassen. Die kleineren Steine sind natürlich auch schön, nur haben Wind und Wellen sie schon rund- und die kristallinen Strukturen abgeschliffen. Ein Kompromiss ist wohl nötig. So schlendern wir über den steinigen Strand, heben auf, begutachten, verwerfen, stecken in die Hosentaschen, bis die Hose zu rutschen beginnt. „Genug jetzt“, spricht Monsieur schließlich mit einem Anflug von Strenge, „und im Hotel muss jeder drei Steine wieder aussortieren.“ Es vergeht ein Augenblick, dann sagen wir beide, fast gleichzeitig: „Gut, dann nehme ich einfach noch drei mit!“

Im Hotel packen wir alle Steine – auch die drei zum Aussortieren – in die Wanderschuhe und stopfen ein paar alte Socken zum Abschluss drauf. Das Ganze kommt mit den Travelcubes in den Koffer und dann bleibt uns noch Zeit für einen letzten Drink an der Bar. „Auf’s Haus“, sagt Jason, „ist ja Ihr letzter Abend.“

Am nächsten Morgen zähle ich zweimal nach im Airport: auf der Anzeigetafel der heute startenden Flüge zeigt sich ein eindeutiger Trend. Von den 38 Flügen gehen 24 auf die britischen Inseln, je einer nach Paris, Amsterdam und Frankfurt, der Rest innerspanisch. Kein Wunder, dass wir mehr Englisch als Spanisch hören um uns herum.

In Madrid werden wir erst zu Gate J56 geschickt, bis fünf Minuten vor Boarding eine fast unverständliche Ansage uns zu Gate H4 schickt, am entgegengesetzten Ende des Terminals, wahrscheinlich das Fitnessprogramm der Airline.

Stunden später stehen wir im Wohnzimmer und schauen hinaus in den Garten: Felsenbirne, Forsythie, Zierkirsche, alles blüht.

Und biegt sich unter der Wucht des heftigen Schneesturms.

Wir sind wieder zuhause.