Up, up and aaaawayhayhay

(Keine Angst, dieser Beitrag enthält keine Audio-Datei…)

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Der Anruf entpuppt sich dann als SMS. Zum Glück nicht mit dem letzten Satz: Diese SMS zerstört sich – und Ihr Handy – nach zwanzig Sekunden selber. Nein, der Inhalt ist sehr positiv: Wind- und Wetterverhältnisse seien geeignet für unsere erste Ballonfahrt. Treffpunkt ist ein Autobahnparkplatz zwischen Lausanne und Yverdon. Während der Fahrt dorthin beäugen wir das Wetter kritisch. Der angekündigte Sonnenschein ist zwar da – aber von „le grand bleu“ kann leider nicht die Rede sein. Dichter Dunst verbirgt die Alpen und hinterm Jurarand machen sich erste Wolken startklar.

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Auf dem Parkplatz stehen zwei Kleinbusse, einer mit Anhänger, auf dem die Gondel und eine große Holzkiste untergebracht sind. Die Mitfahrer sind auch schon da und wir brechen von dort auf zu einem der Startplätze. Unser Busfahrer lässt uns aussteigen und fährt dann schwungvoll mit dem Anhänger auf eine große Wiese. Zwei Mitarbeiter beginnen den Anhänger auszuladen, während ein dritter, Tristan,  uns zur Sicherheitseinweisung einsammelt. Erster und wichtigster Hinweis für einen sicheren, entspannten und angenehmen Flug sei das Folgende, erklärt er: Unser Pilot Marcel sei Katalane und wir dürften ihn nie, nie, niemals als Spanier bezeichnen, sonst sei das mit dem sicheren, entspannten und angenehmen Flug leider ganz schnell vorbei. Dann folgen einige Selbstverständlichkeiten: nicht rauchen, bitte nicht telefonieren etc. Und der Tipp, dass unser Pilot nun deutlich mehr Flugstunden und Erfahrung habe als wir und wir uns somit – ohne Diskussion – seinen Anweisungen zu beugen hätten. Die Schnüre und Seile, die vom Ballon in die Gondel hängen, seien tabu für uns und dürften auf keinen Fall zum Festhalten oder Ähnlichem benutzt werden. Dann kommen die Einweisungen für die Landung und da steigt dann doch so ein kleines seltsames Gefühl in meiner Magengrube auf. Aber Tristan beruhigt uns, alle Landungen seien sicher. Um dann nachzusetzen, es gäbe natürlich die normalen sicheren Landungen und die sportlichen sicheren Landungen. Landungen, bei denen ein unerwarteter letzter Windstoß beim Aufsetzen auch schon mal dazu führen kann, dass die Gondel umkippt und auf der Seite landet. Wie auf sein Stichwort kippt die Gondel vom Anhänger und landet auf der Breitseite. Da sich aber keiner vom Team aufregt, gehen wir mal davon aus, dass das so richtig war. Ganz wichtig, fährt Tristan fort, sei auch darauf zu achten, dass man nicht unbedingt auf oder beim Abschleppseil stehe, dass die Gondel am Anfang noch mit dem Bus verbinde. Gerade, wenn der Ballon schon fast aufgeblasen sei, könnte es – zwar selten, aber gelegentlich eben doch – vorkommen, dass ein heftiger Windstoß Ballon, Gondel  und – ja auch – das Fahrzeug anlupfe. Wer dann dumm stehe, lerne schneller fliegen, als ihm lieb sei. Dann kommt als letzter Hinweis, dass die Toiletten weder im vorderen noch im hinteren Bereich des Flugapparats zu finden seien, einem aber – eine Handbewegung weist auf die umgebenden Mais- und Sonnenblumenfelder.

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In der Zwischenzeit haben die Aufbauer mit einem kleinen Raupenfahrzeug die große Kiste vom Anhänger gehievt. Darin liegt ein schwarzer Sack und darin der Ballon, im Augenblick eher eine große Stoffwurst, die wir jetzt erst aus dem Sack ziehen und dann ausbreiten helfen. Vierzig Meter ist die Stoffwurst lang, fast viermal so lang wie unser Haus! Die Wurst wird mit Stahlseilen an die Gondel gehakt und dann schicken zwei Gebläse Luft in die Hülle, blähen den Ballon auf, der im Französischen den für mich sehr viel schöneren Namen „Montgolfière“ trägt. Schließlich wirft Marcel die Brenner an. Die heiße Luft lässt den Ballon sich erheben und als Erstes richtet er dabei die umgekippte Gondel auf. Das löst schon mal ein Problem, das ich für uns sah. Wir werden aufgefordert einzusteigen, die Sicherungsseile werden gelöst, Marcel feuert ein – und nichts passiert. Es kommt die Frage – die er wahrscheinlich jedes Mal stellt – : „Wer hat heute Mittag zwei Mal Nachschlag genommen?“ Alle lachen pflichtschuldigst, Marcel dreht ein bisschen weiter auf und da ist es: ganz sanft löst sich der Korb vom Boden und strebt nach oben. Wir steigen auf und der Wind nimmt uns mit auf eine Reise. Normalerweise könnte man von hier aus die französischen und die Waliser Alpen sehen. Heute sind sie zu schüchtern und verstecken sich. Aber den Genfer See kann man im Dunst erkennen und wir wissen ja, wie die Alpen dahinter aussehen, kein Problem! So erklimmen wir eine Höhe von 2200 Metern und sind dann richtig drin im nebligen Dunst. Höher darf er heute nicht, erklärt Marcel, sonst bekommt er Ärger mit dem Tower von Genf, da Höhenflüge über 2200 Meter mit der Flugsicherung abgeklärt werden müssen.

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Flugbahn, von Monsieurs Lebensgefährtin mitgeschrieben

 

Er lässt uns wieder sinken und wir gleiten über ein Stück hübscher aber eher unspektakulärer Schweiz: Wiesen, Wälder, abgeerntete Felder. Das ein oder andere Dorf, dazwischen auch schon mal ein Zementwerk und ein Bahnlinie, über die Züge der SBB bummeln. Irgendwann kommt sogar der TGV Lyria vorbei, aber selbst der erweckt den Eindruck zu bummeln. Die Welt als Märklin-Eisenbahn. Und das ist für mich das Besondere dieser Ballonfahrt. Ich schwebe, abgelöst, über der Welt und das ist nicht nur ein rein physikalisches Abgelöstsein. Irgendwie habe ich das Gefühl, wirklich von der Welt losgelöst zu sein, ein meditatives Schweben. Es hat nichts zu tun mit dem schnellen und zielgerichteten Fliegen eines Flugzeugs, mehr so ein sich Anvertrauen an den Wind. Die Sonne kommt gelegentlich durch die Wolken, dann gleiten wir über unserem Schattenbild am Boden, sehr schön.

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Aber bevor das Ganze zu ernst und  kontemplativ wird, testet Marcel die Landebedingungen an und das wird lustig. Wir fliegen so tief, dass wir Baumwipfel streicheln können. Hundespazierer winken uns zu, Autofahrer halten an und zücken Handys, Mütter machen Kleinkinder auf uns aufmerksam. Die Reaktionen sind deutlich freundlicher als beim ersten bemannten Montgolfière-Flug, als aufgebrachte Bauern die beiden Ballonfahrer nach ihrer Landung erschlagen wollten, weil sie sie für Teufelsspuk hielten. Irgendwann haben wir – bis auf Marcel natürlich – das Gefühl: jetzt, jetzt, tut es gleich einen Schlag und wir setzen auf. Aber Marcel öffnet den Brenner und wir steigen ganz  langsam wieder auf. Betonung auf langsam: 9000 m³ heiße Luft, die natürlich nicht „nichts“ wiegt, tragen eine 300kg schwere Hülle mit dem 400 kg schweren Korb und müssen – ohne indiskret zu werden – mehrere Hundert Kilogramm Passagiere bewegen.

Ebenso langsam geht unsere Ballonfahrt zu Ende und Marcel nähert sich der Wiese, auf der wir landen sollen. Wie aus dem Nichts tauchen die Begleitfahrzeuge auf. Marcels Ziel ist ein Feldweg, auf dem er aufsetzen will, der Bus mit Anhänger fährt vor. Marcel – oder der Wind – verschätzt sich etwas, der Korb knallt ins Feld vor dem Weg, hüpft, kippt und richtet sich wieder auf. Marcel zeigt auf zwei Mit-Fahrer: „Du und du, raus!“ Gehorsam klettern die zwei aus der Gondel, Marcel wartet, bis die Gondel sich stabilisiert hat, dann sind die nächsten zwei dran. Dadurch  ist die Gondel so leicht, dass sie wieder schwebt und jetzt beginnt „Rückwärts einparken mit einem Ballon“. Die Ausgestiegenen und das Team ziehen und schieben die schwebende Gondel bis hinter den Anhänger, dann lässt Marcel uns alle aussteigen und gibt einen letzten Brennerstoß in die Hülle. Der Ballon hebt die Gondel ein paar Handbreit hoch, alle packen an und hieven und manövrieren die Gondel punktgenau auf den Anhängern. Marcel schaltet die Brenner aus.

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Danach dauert es noch eine gute halbe Stunde, bis die Luft aus der Hülle entwichen ist und wir den stolzen prachtvollen Ballon wieder zu der seltsamen Stoffwurst reduziert haben. Eine halbe Stunde, die mal wieder zeigt, wie viel harte Arbeit hinter scheinbar Mühelosem wie dem Schweben und Gleiten steckt.

Aber irgendwann ist der Ballonhülle verstaut und die Kiste mit dem kleinen Raupenfahrzeug auf den Anhänger gefahren und es geht über zum Abschluss: Sektgläser erscheinen und eine Champagnerflasche.

Schön war es, auch ohne spektakuläre Ausblicke auf die Alpen, ein ganz besonderes Erlebnis, das ich gerne noch einmal wiederholen möchte. Bei Sonnenschein und klarer Sicht.

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Ein Hauch von James Bond

 

Unsere Nachbarin und Freundin ist so etwas wie eine professionelle Reisende. Früher im Auftrag von UNO, WHO oder Unicef, reist sie nun nach ihrer Pensionierung für verschiedene NGOs durch die Welt. Meist in Länder, die auf den touristischen Besuchslisten nicht so weit vorne liegen. Dazwischen findet sie immer noch Zeit, in Aberdeen Vorlesungen zu geben, von wo sie uns gelegentlich Single Malts mit schwer auszusprechenden Namen mitbringt. Wir passen ein bisschen auf ihr Haus auf in ihrer Abwesenheit. Drehen nach Gewittern die Sicherungen wieder ein, gewähren Handwerkern Zugang zu Strom und Wasser und führen ihr Auto Gassi, damit die Batterie sich nicht entlädt. Dafür gießt sie, wenn wir wegfahren – vorausgesetzt, dass sie zufällig zuhause ist -, unsere Katze und streichelt den Garten. Sie ist übrigens sie Einzige, die unsere Katze mit ihrem vollen Namen – Tabathea Tatzentier – anspricht. Tabby nimmt das mit großer Gelassenheit wahr.

Letztes Jahr war sie für sechs Monate in Myanmar, eine NGO hat sie dorthin geschickt, um bei irgendetwas mit der Neuorganisation des Gesundheitsministeriums zu helfen. Während der für Europäer zu heißen Sommermonate durfte sie nach Hause, mit der Aussicht auf einen weiteren Aufenthalt im Herbst. Und dann steht sie Mitte August vor meiner Tür, erzählt, dass sie sehr plötzlich Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung bekommen habe, ob für drei, vier oder sechs Monate sei noch unklar, und dass die NGO ihr ein Flugticket geschickt habe. Kurzum, ob ich sie morgen früh zum Flughafen fahren könnte. Der Abflug war dann doch etwas hektisch und die ersten E-Mails sprachen von Visa- und Wohnungsproblemen. Und von Heimweh.

Dann kam lange Zeit nichts und dann plötzlich ein Brief. Mit einem Gutschein für ein Geburtstagsgeschenk für mich. Ein Geschenk, das so großzügig war, dass ich es zuerst nicht annehmen wollte. Wieder gehen E-Mails hin und her, bis sie mich überzeugt hat. Und weil sie eine sehr kluge Frau ist, macht sie mir das Geschenk zu früh, im goldenen Herbst. Mein Geburtstag fällt nämlich in eine Zeit, in der es hier oft feuchtkalt und nebligtrüb ist. Sie kennt mich schon ziemlich gut, weiß, dass das so gar nicht mein Ding wäre bei feuchtkalt und nebligtrüb.

Und nun werde ich den Geschenkgutschein einlösen. Monsieur darf natürlich mit. Erstens macht es zu zweit mehr Spaß und zweitens brauche ich ja jemanden für die Fotos.

Das Ganze hat schon so einen Hauch von James Bond: ein Anruf heute Mittag wird uns zu einem Ort bestellen, von wo aus dann unsere geheime Mission, ähm unser kleines Abenteuer starten wird.

Der Untergang abendländischer Esskultur

 

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Die beiden Konferenzen lagen ja so dicht zusammen, dass wir kurz angedacht hatten, von Thessaloniki nach München zu fliegen, von wo uns Monsieurs Kollegen ins Kloster gebracht hätten. Zwei Dinge sprachen dagegen und für mein Auto: Thessaloniki hatte Temperaturen von 37°, für Seeon waren 16° angekündigt. Das in einem Koffer unterzubringen, ist etwas schwierig. Der zweite Grund ist schwerwiegender: dass Monsieur in ein Konferenzkloster geht, heißt ja noch lange nicht, dass auch ich fünf Tage lang hinter Klostermauern eingesperrt sein will. Obwohl nun gerade die Dicke dieser Klostermauern mit beiträgt dazu, dass dieser Ort so etwas Besonderes ist. Seeon ist seit über 200 Jahren kein Kloster mehr und trotzdem, trotzdem…

Ich habe mich in diesem Kloster sehr wohl gefühlt, obwohl oder besser weil es sehr karg eingerichtet ist, ohne Schnickschnack. Über die äußerst barocke Nikolauskapelle im dritten Stock schweigen wir jetzt mal. Sie war schließlich zugesperrt und kein Mensch hat mich gezwungen, die Stiege hochzuklettern und durch ein Fensterchen hinunter zu blinzeln.

Was allerdings alles andere als karg ist, ist das Essen. Das Frühstückbüffet lasse ich ab dem zweiten Tag außen vor – mal abgesehen von dem einen Joghurt -, denn ich weiß, was kommt. Angekündigt auf einer hübschen Karte mit Auszügen aus den Klosterregeln des Hl. Benedikt werden jeden Mittag Suppe, Salat, eine Fleisch-, Fisch- und Veggie-Alternative angeboten, dazu so bayrisch-nahrhafte Beilagen wie Kartoffelknödel, Spätzle oder Spinatklöße. Gelegentlich gibt es Erklärungsbedarf bei den außereuropäischen Gästen, aber die meisten sind da sehr offen. Dann gibt es meist zwei Nachtisch-Alternativen. Und abends sieht das auch nicht kleinlicher aus. Vielleicht nur ein Gemüse statt drei und nur zwei Beilagen. Dafür kann man Wein oder Bier dazu bestellen. Wie sagt Oscar Wilde so schön: Ich kann allem widerstehen. Außer der Versuchung. Naja, mit meiner Waage rede ich erst wieder, wenn sie sich entschuldigt hat für den Blödsinn, den sie mir nach meiner Rückkehr erzählt.

Der letzte Morgen kommt, Monsieur verschwindet zu seinen Abschlussveranstaltungen und ich stehe vor einer schwierigen Entscheidung: Moorsee oder Leberkäse.

Und seien wir mal ganz ehrlich: Moorseen, die gibt es in Frankreich auch, aber Leberkäse…

Und da, wo es Leberkäse gibt, gibt es meist auch Fleischwurst. Und Bratwurst. Und Wienerle. Und Mett-Enden. Alles Köstlichkeiten, von denen Frankreich bei allem Savoir-vivre noch nichts gehört hat. Gut, es gibt gelegentlich Spezialitäten-Wochen mit so exotischen Produkten wie „saucisse de viande d’Outre-Rhin“, aber das ist doch nicht das Wahre. Also mache ich mich auf, eine Wursttheke und – der Mensch lebt nicht von Wurst allein – eine Bäckerei zu plündern: Laugenbrezeln und verschiedensten Vollkornbrote. Aber 740 km Rückfahrt bei Sommertemperaturen ist schwierig für die Wurst, also kaufe ich in einem Supermarkt zwei TK-Pizzen als Kühlakku und eine Isoliertasche.

Wir wollen den zu erwartenden Stau um München umgehen und fahren Richtung Innsbruck.

Die Tiroler Alpenlandschaft ist beeindruckend und wir kommen gut voran, mal abgesehen davon, dass fast auf der gesamten Strecke durch Österreich Tempo 100 ist auf der Autobahn mit dem lapidaren Kürzel IG-L. Das steht – wie Monsieurs Lebensgefährtin weiß – für Immissionsschutzgesetz Luft und bedeutet: wenn du mit erhöhter Geschwindigkeit erwischt wirst, bist du nicht nur ein Tempo-, sondern auch noch ein Umweltsünder. Und dann wird es richtig teuer. Naja, wenn es denn wirklich sein muss, kann ich brav sein. Und so nähern wir uns zwar langsam, aber sicher einer EU-Außengrenze, auf der ich mit großem Staunen lese: Schweizerisches Zollamt im Fürstentum Liechtenstein. Daneben stehen die an Staatsgrenzen oft zu sehenden Hinweistafeln mit den Tempolimits für Ortschaften, Landstraßen und Autobahnen. Nur dass auf dem Liechtensteiner Schild nichts eingetragen ist bei Autobahnen. Zum Glück ist Liechtenstein nicht sehr groß und nach einer zwar gemütlich langsamen, aber landschaftlich wunderschönen Strecke erreichen wir dann recht bald eine Schweizer Autobahn.  Einige Hundert Kilometer und ein paar Staus später sind wir dann zuhause.

Unsere mitgebrachten Schätze bieten verschiedene „Soulfood“-Möglichkeiten: Rostbratwurst mit Rotkraut, Leberkäse mit Spiegelei, Wienerle mit Kartoffelsalat. Aber seien wir ehrlich, das, was wirklich gegessen werden müsste, ist die inzwischen aufgetaute TK-Pizza, die ihr Leben im Dienste der Kühlkette geopfert hat. Und so essen wir genau dieses: TK-Pizza aus dem Backofen, ein Essen, das es zwar selten gibt bei uns, aber doch oft genug, dass wir einen eigenen Begriff dafür haben. Wir zelebrieren dann den Untergang der abendländischen Esskultur.

Guten Appetit!

 

 

 

 

 

 

Bergwellness

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Ich habe ein kleines Wortfindungsproblem. Ja, wir waren auf einem Berg, 1669 Meter hoch, oben graue Zacken drauf, eindeutig ein Berg. Und ja, wir waren auf einem Wanderweg, obwohl der für meine Augen eher eine Wanderautobahn war, so breit und so stark befahren, ‚tschuldigung begangen war er. Trotzdem tue ich mich extrem schwer mit dem Begriff Bergwanderung. Was wohl daran liegt, dass meine Begleiterin und ich länger Auto und Seilbahn gefahren als gelaufen sind. Von der Bergstation auf 1447m bis zur Steinlingalm geht es ein bisschen auf und ab, aber eigentlich fast auf den Höhenlinien. Übermäßig lang ist der Weg auch nicht, in einer knappen halben Stunde sind wir da und genießen den Blick über den Chiemsee und in die Berge. Rechts von uns stürzen sich einige unerschrocken in das Abenteuer der Kampenwand, aber wir verzichten heute mal darauf.

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Dann geht es genauso bergauf und bergab zurück. Wir sind natürlich nicht die Einzigen auf diesem Weg. Unter die Tausende, die die Bergeinsamkeit suchen, mischt sich ein Trupp Jungkühe. Der dann zeigt, dass auch große Hunde kleine Feiglinge sein können. Hund (Golden Retriever) und Herrchen kommen um die Kurve und stehen – zumindest der Hund – Nase an Nase mit einem Jungbullen, der auch noch freundlich-neugierig schnüffelnd das mächtige Haupt senkt. Der Hund wird plötzlich ganz klein, kriecht auf dem Boden hinter sein Herrchen und achtet beim Vorbeischleichen an dem Rind ganz genau darauf, dass ja nur immer Herrchen zwischen ihm und dem Jungbullen ist.

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Kurz darauf sind wir an der Bergstation, wo wir uns aber nicht in die Massenabfertigung der Sonnenalp anstellen, sondern hinabsteigen zur kleineren Möslaralm mit ihrem netten, lustigen Wirt und den Käse- und Wursttellern. Man bestellt drinnen im Schankraum bei eben diesem Wirt. Der, um den Überblick bei den Bestellungen zu behalten, die Tische durchnummeriert hat. Der Gast vor mir hat allerdings seine Tischnummer nicht im Kopf. Doch dann fällt ihm ein eindeutiges Merkmal ein, an dem der Wirt den Tisch sicher sofort erkennen kann: „Da steht ’ne braune Kuh davor!“

Ein alkoholfreies Weißbier – isotonisch und so, gut für Leistungssportler wie wir – Sonne, Blick auf die Berge, das ist Seele baumeln lassen in Vollendung.

Dann mit der Seilbahn nach unten trödeln, mit dem Auto nach Hause und einen Sprung in den Klostersee.

Jetzt hab‘ ich’s: ich werde das Ganze Bergwellness nennen.

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A bisserl spinnert

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war er ja schon, der Kinni.

Heute ist Exkursion, die vierte in sechs Wochen. Nein, die dreieinhalbte. In Kyoto bekam man den Nachmittag frei mit der Direktive: Es gibt genug zu sehen. Schaut Euch die Stadt selber an.

Also gibt es wieder eine gemeinsame Busfahrt, diesmal bis Gstadt, dann per Boot an der Fraueninsel vorbei zur Herreninsel. Irgendjemand fühlt sich bemüßigt, die TransGenderdebatte anzuschneiden, was denn mit den Menschen wären… Manche Leute haben wirklich Probleme!

Durch den Park geht es dann zum Schloss Herrenchiemsee, wo zwei englische und eine deutsche Führung gebucht sind. Wir erreichen die Gärten dieses Chiemsee-Versailles mit ihren Wasserspielen. Besonders beeindruckend das Regiment der Bayerischen Kampfschildkröten!

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Aber dann gehen die Wasserspiele aus und wir finden die Box nicht, wo man eventuell – wie früher bei den französischen Campingplatzduschen – die Münze einwerfen muss, damit das Wasser wieder fließt. Das wäre uns schon einen Euro wert gewesen. Vorbei an sich räkelnden, aufbäumenden, fallenden, immer sehr üppigen Allegorien geht es auf die Fassade des Schlosses zu. In diesem Fall auf den Mittelteil mit 100 Meter Länge. Es waren noch zwei gleichlange Flügelbauten geplant, aber da ging dem Kinni dann das Taschengeld aus. Dieses ganze Schloss ist sozusagen Ludwigs Äquivalent des Bravo-Starschnitts. Ludwig II. von Bayern verehrte über alle Maßen Ludwig XIV. von Frankreich, nomen est omen. Und statt sich ein Poster an die Wand zu pinnen, baute er eben dessen Schloss Versailles nach. Wobei er dann doch nicht ganz an sein Idol herankam, von den über 50 geplanten Räumen sind nur eine Handvoll fertig gestellt worden. Aber wie! Eine Orgie in Gold, Kristall und verschwurbelten Putten. An der Decke dicke Damen in fließenden Gewänder, der ein oder andere Kriegsgott ist auch dabei, an den Wänden echter und gefälschter Marmor (sehr gut gemalt, wirklich!) und dazwischen Kopien französischer Gemälde aus Versailles. Schwere Samtvorhänge an den Fenstern, noch schwerere Brokatvorhänge am Bett, an denen die Stickerinnen angeblich sieben Jahre lang gearbeitet hatten. Das Bett war nun aber nicht das des Königs, nein das Schlafzimmer gehörte zu einer Flucht von ebenfalls in Versailles abgekupferten Räumen Ludwig XIV., die der zweite Ludwig nicht selbst bewohnte. Er hatte sie mit ungeheurem Prunk einrichten lassen, um darin herumzuspazieren und sich daran zu erfreuen, dass er so seinem Lieblingsstar nahe sein konnte. Die Privatgemächer kamen daran anschließend, deutlich bescheidener, aber immer noch bombastisch. Ich habe bei diesem ganzen Gedöns mit Samtvorhängen und weißen Reiherfeder-Betthäupter immer Angst vorm nächsten Asthma-Anfall. Eine Sache hat mich doch etwas versöhnlich gestimmt. Im Schlafzimmer, vor dem pompösen Bett des Königs, stand auf einem hohen Fuß eine  hohle blaue Glaskugel. Darin mussten nachts immer drei Kerzen brennen, die ein beruhigendes blaues Licht verströmten, ohne das der kleine Ludwig wohl nicht schlafen konnte. Alle Eltern kennen das.

Aus den Prunk- und den Privatgemächern kommt man schließlich in die „work in progress“ -Abteilung. Das unverputzte, aus Ziegelsteinen gemauerte Treppenhaus für des Kinnis privaten Gebrauch ist ein Raum von großer Schönheit und sehr harmonischen Proportionen. All das ging beim schon fertig gestellten Gegenstück, der Prunktreppe zu den Versailles-Zimmern, in der Überfülle von Marmordekorationen, echten und falschen, unter. Natürlich sollten diese Räumlichkeiten die Besucher beeindrucken, aber doch nicht, bitte schön, gleich erschlagen mit ihrer ungezügelten Protzsucht.

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Der Rückweg gestaltete sich etwas hektisch, da unser Boot um zehn nach fünf fahren sollten, wir aber die Führung durch despektierliche Fragen und Bemerkungen deutlich in die Länge gezogen hatten. Zum Schluss gab’s dann noch für alle ein Beispiel des berühmten bayrischen Charmes. Wir stehen locker verteilt auf dem Landesteg, ein blau Uniformierter ruft: „Aufschliaß’n, bitte, bitte schliaß’ns auf.“ Beim dritten mal war’s dann schon „Gangens weiter, kruizifix!“ Ich nehme Monsieurs ausländische Kollegen in Schutz und erkläre: „Die Herrschaften sprechen kein Deutsch.“ Worauf er zurück blafft: „Sollt’ns aber!“

Recht hat er! Soll’ns halt Deitsch learne, die Saupreiße, die ausländische!

Gut gegen Regen

 

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Rekonstruktion eines keltischen Bauernhofs

Das mit der Kunst ist ja eher schwierig. Mal mag man sie, mal nicht. Mal versteht man sie, mal nicht. Aber um all das überhaupt entscheiden zu können, muss man sie letztendlich erstmal betrachten.

Was sich manchmal etwas schwierig gestaltet. Etwa, wenn die Kunst in der freien Natur steht und diese Natur sich auf Regen kapriziert. Es tröpfelt schon, als ich mich mit einer Begleiterin auf den Weg mache. Die Gemeinde hat einen Skulpturenweg angelegt, den wollen wir abfahren und betrachten. Was soll man auch sonst machen heute, bei dem dummen Wetter, 16° und Regen. Ins Café zu den Kuchen fressenden Pelztieren wollen wir nicht, wandern kann man nicht. Wir beäugen den Plan nicht unkritisch. Der Künstler versteht sich als Aussagekünstler, was sofort meinen Widerspruchsgeist weckt. Andrerseits sieht er das ganze Leben als Wandlung, was ihn mir sympathisch macht. Wir werden sehen.

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Der Skulpturenweg läuft als Wanderweg zum Teil über Feldwege, wir suchen uns den Zugang über Straßen, biegen kurz vor Roitham ab nach Pavolding, fahren an einer kleinen Kirche vorbei – und da steht sie, die „Mutter Erde“. Eine überlebensgroße Gestalt mit birnenförmiger Figur hebt ein spindeliges Kleinkind hoch über den Kopf. Kraftvoll und rätselhaft. Die Platzierung ist leider alles andere als optimal. Direkt hinter der Skulptur verläuft eine Stromleitung, so dass es aussieht, als hänge Mutter Erde ihr Kind zum Trocknen auf die Leine. Das nächste Kunstwerk steht ein paar hundert Meter weiter und ist noch rätselhafter. Unter dem Titel „7. Schöpfungstag“ steht eine – männliche? – Gestalt neben einem Pferd. Hat Adam nach einem Tag schon genug von Eva und sie gegen ein Pferd eingetauscht? Will er mit dem Pferd fliehen? Hat Gott nach einem Tag schon genug von seinen Menschen und sich den Pferden zugewandt? Wir können die Skulptur nicht näher betrachten, denn die Wolken wählen just diesen Moment, um alles zu geben. Ich versuche aus dem Auto heraus Fotos zu machen, aber das wird nichts. Wir warten, so ein Wolkenbruch dauert ja meist nicht lange, doch unsere Wolken nehmen ihren Job sehr ernst.

Irgendwann wird es mir zu dumm und wir fahren Richtung Seebruck, wo es neben weiterer „Kunscht“ zur Not eben auch Cafés gibt. Meine Begleiterin versucht auf der Karte die nächsten Skulpturen zu verorten, an der ersten fahren wir vor lauter Orientierung – links das Museum, ja, stimmt, rechts das Rathaus, ja, richtig – vorbei und dann der Schrei: Ich hab ihn! Und mir wird klar, was wir eigentlich tun. Wir spielen Pokemon Go. Ein sehr spezielles Pokemon Go, aber definitiv das gleiche Prinzip.

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Der „Jesaias“ steht etwas unmotiviert an einer Straßenecke, er wohnt offensichtlich im Haus N° 19, und hebt die Hand zum Himmel. Wir winken ihm zu und machen uns auf die Suche nach dem nächsten Pokemon. Die „Mondfahrer“ sind kugelig-freundlich, wirken aber irgendwie etwas verstört, wie sie so vor dem Segelclub stehen. Sie sehen aus wie außerirdische Wesen von ungewöhnlicher Intelligenz, die nach einer Reise über Abermillionen von Lichtjahren – Pipi-Pause auf dem Mond eingeschlossen – hier auf unserer Erde gelandet sind. Und dabei aus Versehen ihr Raumschiff im Chiemsee versenkt haben, weshalb sie es jetzt nicht mehr wieder finden können. Vielleicht doch von nicht ganz so außergewöhnlicher Intelligenz, diese Wesen.

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Wenige Schritte weiter hebt „Anrufung und Begegnung mit dem alles neu schaffenden Geist“ die Arme in den Himmel. Die Figur steht auf einem kleinen Deich direkt vor dem See. Schön hat sie es da.

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Das Einbahnstraßensystem, dass uns bei Jesaias an der Rückkehr gehindert hat, fädelt uns wieder ein und wir stehen erneut zwischen Museum und Rathaus, diesmal voll konzentriert. Trotzdem dauert es eine Weile, bis wir das Pokemon wirklich sehen. Und uns dann ein bisschen wundern, wie wir diese Ohren zweimal haben übersehen können. Dieser „Wächter im Garten Eden“ sieht so freundlich aus, der lässt sicher mit sich diskutieren, ob man nicht vielleicht doch noch mal hinein dürfte, nur ganz kurz… Was mich allerdings ein bisschen irritiert – neben den Ohren – ist die Präposition. Sollte er nicht besser „vorm“ statt „im“ Garten wächtern?

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Das Römische Museum ist zu unserer Erleichterung geschlossen, die kleine Kirche dahinter zum Glück nicht. Fast so schön wie die Innenausstattung ist der Friedhof mit seinen handgeschmiedeten Kreuzen und den Gräbern mit Aussicht. Alle haben einen wunderbaren Blick auf den Chiemsee.

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Der „Friedensbote“, etwas außerhalb, hat seinen eigenen Wanderparkplatz, denn hier treffen gleich drei Rundwege zusammen: der Skulpturenweg, der Naturweg und der Archäologische Rundweg, weshalb hier auch der Querschnitt durch eine Römerstraße aufgeschüttet ist. Zum Glück fängt es gerade wieder an zu regnen.

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Am nächsten Pokemon fahren wir zweimal vorbei. Zum einen, weil wir uns nicht vorstellen können, dass die zwei Häuser links tatsächlich der gesuchte Ort sein sollen. Zum anderen, weil mich die direkt dahinter liegende Rekonstruktion eines Keltenhofes ablenkt, Teil des oben erwähnten Rundweges. Keine Säulen, da muss ich hin!

Irgendwann müssen wir aber einsehen, dass wir das Pokemon verpasst haben und machen kehrt. Wir halten in dem Ort, steigen aus und schauen uns um. Fast gleichzeitig fangen wir mit „Irgendwo muss doch…“ an und müssen dann wirklich lachen. Wir stehen direkt vor der riesigen Figur der „Schlanken Gestalt“ und haben sie einfach nicht gesehen. Während wir die Skulptur gebührend bewundern, kommen vier Kinder auf Ponys vorbei und mehrere Erwachsene mit Kinderwagen oder Hunden. Nicht einer gönnt der Figur auch nur einen Blick. Es geht ihnen damit wahrscheinlich wie mir mit meinen Säulen.

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In Truchtlaching müssen wir am „Wanderer Abraham“ erst einmal vorbeifahren und eine Parkmöglichkeit suchen. Die gibt es direkt vor einer Apotheke, wobei uns einfällt, dass wir ja auch noch etwas gegen die Mückenplage am See brauchen. So werden  wir dann Zeugen dieses Dialogs zwischen der Apothekerin und einer sehr alten Dame (ich entschuldige mich schon mal für Transkriptionsfehler):

Die Dame: „Und dann hätt i noa gern die Kigeli.“

Die Apothekerin: „Welche Kügelchen hätten Sie denn gerne?“

„Die Kigeli, die wo d‘ Frau Eder so gut g’holfen ham.“

„Wie heißen die denn?“

„Kigeli hoaßt d‘ Frau Eder die.“

Langsam arbeitet die Apothekerin heraus, dass Frau Eder an Rheuma leidet und dann ist es einfach. Als es ans Bezahlen geht, wird die Dame plötzlich misstrauisch: „Dan die aa wirkli helfa?“ Die Apothekerin legt ihre Hand auf eine Großpackung Rheumamittel, die die Dame zuvor auf Rezept bezogen hat, und meint: „Zusammen mit denen schon.“ Eine sehr diplomatische Antwort.

Der Wanderer macht mir das mit der künstlerischen Aussage einfach. Aber erst, nachdem meine Mitfahrerin mich auf dieses entscheidende Detail hingewiesen hat: mit drei Füßen wandert es sich besser. Das „Lamm“ knabbert an einem Hibiskusbusch und „Moses“ steht etwas versteckt auf dem Parkplatz eines zugegebenermaßen sehr schönen Gasthofes hinter parkenden Autos.

Richtig leid tut mir dann „Prometheus“, der uns das Auffinden dafür sehr leicht macht. Er steht mitten auf einem Verkehrskreisel. Prometheus, der Schutzpatron aller jugendlichen Rebellen, aller pubertären Brandstifter, auf einen Kreisel verbannt! Und nicht nur das, zu seinen Füßen erstreckt sich ein Meer von Blumen in der typischen „Unser-Dorf-soll-schöner-werden“-Kombination. Ich sehe sie direkt vor mir im Verschönerungskomitee: „Wir lassen uns doch nicht unseren schönen Kreisel kaputt machen – von so a bisserl a Kunscht!“ Armer Prometheus.

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Das Wetter hat sich etwas stabilisiert und wir besuchen ein zweites Mal das Pferd. Sehr gute Idee, denn jetzt sehen wir, dass auf der Wiese dahinter noch andere Skulpturen stehen, dass im Bach ein Mühlrad dreht, dass eine kleine Brücke über das Wasser führt, einfach ein wunderschöner, stimmungsvoller Ort. Wenn es nicht gerade in Strömen regnet.

Das letzte Pokemon finden wir dann direkt an der Parkplatzeinfahrt zum Kloster. „Bild des Hoffens“ heißt die Gruppe. Ich hätte sie ja eher Morgengymnastik getauft.

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Und die künstlerische Aussage hinter all dem? Kunst bewegt? Stimmt! Uns hat sie in ein paar Stunden über knappe 20 km weit bewegt. Kunst öffnet neue Perspektiven? Genau! Erst als wir beim „Geist“ auf den Deich kletterten, konnten wir dahinter den Chiemsee mit den Alpen im Hintergrund in ihrer ganzen Schönheit sehen. Kunst bildet? Unbedingt! Allerdings bilde ich mir nicht ein, die Kunstwerke verstanden zu haben.

Und für mich, für hier und heute: Kunst ist gut gegen Regen.

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Alles ist Wandel, Wandel ist alles

 

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Dies ist eine abge-wandel-te Interpretation der Benediktiner-Regel, die im Flur vor unserer Tür hängt. Also habe ich mich daran gehalten und bin durchs Kloster ge-wandel-t. Zuerst die „Geschlamperte, Gewamperte“ – Zacher- Ausstellung mit ihrer köstlichen Karikaturen zur menschlichen Eitelkeit.

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Dann die Tafeln zu den mittelalterlichen Schreibwerkstätten. Ein hartes Los, wie diese hübsche Zeichnung zeigt. Der Überlebenskampf Mann gegen Maus, so hatte ich mir das Klosterleben selbst nach dem Namen der Rose nicht vorgestellt.

 

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Die Klosterkirche selbst ist ein wandel-ndes Lexikon der Baustile. Normalerweise finde ich das ja gar nicht gut, wenn sie aus einer noch gut in Schuss gehaltenen, nicht abgenutzten, kurzum noch richtig guten romanischen Kirche irgendetwas Barockes machen. Hier war es noch ein bisschen komplexer. Zuerst haben sie die romanische Kirche in eine gotische umgebaut, die romanischen Säulen einfach ummantelt, die Deckengewölbe vergotikt und einen wunderschönen gotischen Kreuzgang angelegt.

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Ein paar Hundert Jahre später haben sie die Kirche dann barock ausgemalt. Ist immer noch nicht ganz mein Stil, aber die Haltung dahinter, die kann ich gut verstehen: Warum eine neue barocke Kirche bauen, wenn  ich die Alte mit ein paar Eimern Farbe in etwas fast genauso Schönes ver-wandel-n kann.

Einem ähnlichen Wandel sind auch die Besitzverhältnisse des Klosters unterworfen. Die ersten 900 Jahre sind noch relativ überschaubar, wenn auch die weltlichen Obrigkeiten wechseln. Mit der Säkularisierung wird das Kloster erst an einen Bäcker verkauft, dann an „die Kaiserinwitwe von Brasilien“. Steht so auf einer der Schautafeln in den Klostergängen. Ich finde den Titel faszinierend. Fast so schön wie die kaiserlichen Oberpostsratswitwen oder Schmiedemeisterwitwen, deren Grabkreuze ich heute Nachmittag auf einem Friedhof mit Chiemseeblick bewundern darf.  Diese Kaiserinwitwe vererbt das Kloster an die Königinmutter Josephine von Schweden, die bringt Mitglieder der russischen Zarenfamilie ins Kloster, die die Anlage in ein Kurhotel umwandeln. Welch ein Durcheinander! Das erklärt aber den eigenen Seezugang mit Badesteg, den manche hier auch fleißig nutzen. Das erklärt die großzügigen Zimmer, die so gar nicht nach Mönchszellen aussehen. Das erklärt auch die russischen Grabkreuze auf dem Friedhof der kleinen Walburgis-Kirche, darunter auch das Grab der angeblichen Zarentochter Anastasia.

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Über den Mozart-Weg wandel-e ich am Ufer um den Klostersee herum. Eine Holzschreinerei bietet Goldschmuck an, eine neugierig machende Kombination. Goldschmuck habe ich keinen gekauft, aber ein erstes Weihnachtsgeschenk (keine vier Monate mehr!) und eine Handtasche für mich.

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Die kleine Marienkirche hatte uns gestern mit ihren wunderschönen Beschlägen gelockt. Heute ist sie offen, aber doch zu barock für meinen Geschmack.

Meine kleine Wandel- pardon -rung führt mich über einen wackeligen Holzsteg zurück ins Kloster.

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