Aus dem Archiv der ungereisten Reisen

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Irgendwo muss sie doch sein. Ich weiß ganz genau, dass ich sie hier irgendwo eingeordnet  habe. Obwohl: Ordnung und Paonia, das ist ja sozusagen ein Oximoron. Hah, hier ist sie, lag unter A wie Abbaye royale und nicht unter H wie Hautecombe im Archiv der ungereisten Reisen. Beim letzten Mal hatten wir uns ja selber ausgetrickst: die Besichtigung der Abtei eingeplant und uns dann im Restaurant so vertrödelt, dass die Abtei geschlossen war.

Heute machen wir das ganz anders: heute planen wir direkt ein, dass wir zu spät sein werden nach dem Essen. Unser Restaurant liegt in einem Vorort von Le Bourget du Lac, der auf Französisch fast wie „Großes Kätzchen“ klingt. Da wir aber ein bisschen zu früh dran sind, schauen wir uns in Le Bourget um. Die Prieuré sieht von der Straßenseite her ziemlich schlimm verbaut aus, zeigt aber „coté jardin“ eine heitere Fassade mit einem bunten Durcheinander an Fenster- und Türformaten.

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Und die Kirche finde ich sehr anrührend, wie sie ihre Baugeschichte erzählt. Auf breite romanische Bögen folgen hohe gotische Fenster, alles passt irgendwie nicht ganz zusammen. Die romanischen Bögen wirken zu breit für die schmalen gotischen Fenster, die romanischen Kapitelle zu massiv für die gotischen Gewölbe, alles wirkt etwas unbeholfen, aber dadurch auch so berührend. Nur draußen, beim Gang um die Kirche, da muss ich dann fast laut lachen. An das romanische Schiff haben sie einen rein gotischen Chor angebaut: hoch und elegant und filigran und himmelstrebend, wie sich das so gehört. Und dann haben sie wohl Angst vor ihrer eigenen Gotikerei bekommen und haben sehr unelegant massive und erdverbundene Stützpfeiler dagegen gelehnt.

Hinter dem Komplex liegen die Gärten der Prieuré, ursprünglich wohl Gemüse-, ab dem 19. Jahrhundert dann Ziergärten und inzwischen aufgenommen in die Liste der „Jardins remarquables de la France“, der bemerkenswerten Gärten Frankreichs. Das wird dann auch gleich genutzt als Verkaufsargument, um ahnungslosen Besuchern wie uns eine „balade remarquable“ aufzuschwatzen, zum zweiten Höhepunkt des Ortes, dem „château Thomas II“. Finde ich faszinierend. Ich komme aus einer Gegend, wo Burgen so klangvolle Namen tragen wie Pfalzgrafenstein, Stolzenfels oder Stahleck. Eine Burg namens Thomas Zwei, das ist doch mal etwas Neues. Also folgen wir dem bemerkenswerten Spaziergang durch Gärten, Sportplätze, Wohnsiedlungen, unter und über verschiedene Hindernisse wie Bachläufe und Ausfallstraßen bis zum Ziel, das sich als kleine Mogelpackung entpuppt. Das Bemerkenswerteste am zweiten Thomas ist das riesige Gittertor, das den Zugang zur Anlage versperrt, dicht gefolgt von der ebenfalls beeindruckend großen Tafel, die in harscher Sprache harte Strafen denen androht, die – am Tor vorbei – über die kaum noch vorhandenen Mauerreste auf das Gelände einzudringen wagen. Wirklich bemerkenswert!

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Wir fahren durch Kleines Kätzchen zum Großen Kätzchen. Das Restaurant ist ein umgebautes Bauernhaus mit großer Fensterfront zum See. Es hat nur zehn Tische, alle besetzt, und das Essen, das kommt, erklärt sehr schön, warum. Zum Kir gibt es ein halbes Dutzend Köstlichkeiten zum Knabbern und Knuspern, ein kleiner Gruß aus der Küche stimmt auf die nachfolgenden Gänge ein.

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Der Käsewagen bietet Sorten, die wir noch nicht kennen. Nach dem Dessert kommt noch einmal eine Auswahl süßer Kleinigkeiten und zum Kaffee hausgemachte Pralinen aus fast schwarzer Schokolade. Es geht uns richtig gut und wir sind rundum zufrieden, als wir kurz vor drei in der Herbstsonne vor dem Auto stehen und überlegen, was wir nun anstellen. Ich hatte zuhause einen formidablen „itinéraire de dégustation“ erarbeitet, einen Vorschlag, der uns von Winzer zu Winzer, Weingut zu Weingut bis fast nach Chambéry bringen kann. Aber hier und jetzt erscheint das, was wir sonst so gerne tun – durch die kleinen Weindörfer fahren, die Weingüter suchen, mit den Winzern plaudern, die Weine probieren – irgendwie fast wie Arbeit. Und die ganzen Entscheidungen, die man dann dauernd treffen muss – viel zu anstrengend. So ganz langsam schiebt sich da die Abbaye wieder nach vorne. Wir haben zwar keine Ahnung, wie die Öffnungszeiten im Oktober sein werden, aber die Abtei liegt am anderen Ende des Sees, lass uns doch einfach mal nachschauen. Das mit dem einfach ist dann doch nicht so einfach, denn statt am Seeufer entlang geht es erst einmal in engen Serpentinen den Berg hoch. Am ersten Aussichtspunkt sehen wir weshalb, die Felswand stürzt fast senkrecht in den See, da wäre gar kein Platz für eine Seeuferstraße. Beim Belvedere de Notre Dame gibt es eine Diskussion, ob der Anblick des eher unattraktiv sich ausbreitenden Aix-les-Bains wirklich ein „Belvedere“ sei, eine Frage, die sich beim nächsten dank einer sich gnädig davor schiebenden Felsnase erübrigt. Beim vierten gibt es dann endlich zu sehen, was wir bei den ersten drei erhofft haben: ein Blick aus der Vogelperspektive auf die Anlage der Abtei.

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Trotzdem zieht es sich noch einige kurvenreiche Kilometer, bis wir auf dem Gelände der Abtei ankommen. Auf dem großen Busparkplatz steht ein einsames Wohnmobil, dafür steht auf dem PKW-Parkplatz ein Bus quer über fünf Parkplätze. Wir nehmen das jetzt mal als ein gutes Zeichen dafür, dass die Anlage noch oder wieder jedenfalls geöffnet ist. Ein weiteres sicheres Zeichen ist die junge Frau, die vor dem Portal eine Gruppe Menschen um sich scharrt und ihnen Tickets abnimmt.

Wir erfahren, dass man nur im Rahmen einer Führung besichtigen darf, die Führung automatisch und mit Audioguides erfolgt und eine halbe Stunde dauert. Monsieur kommt mit blauen Tickets, die meisten vor uns haben gelbe. Ich frage die junge Frau, was denn der Unterschied sei. Sie zuckt mit den Schultern – keiner – und grinst mich an: Aber die blaue Führung sei natürlich die Beste! Um sich dann Auge in Auge mit dem Paar hinter uns zu finden, das ihr wortlos seine gelben Tickets hinhält.

Sie sammelt die Gruppe im Vorraum, verteilt Audioguides in verschiedenen Sprachen und erklärt uns, wie die Führung läuft: auf einem abgesteckten Weg folgen wir den angeleuchteten Denkmälern, Fresken, Bildern und erhalten dann per Audioguide die Erklärungen dazu. Sie entlässt uns in die Kirche und in eine halbe Stunde voller Perfektion und Verdruss. Perfektion in Form des Gebäudes: Die Kirche im Flamboyant Stil ist gotische Spitzenklöppelei in Vollendung, die Figuren der königlichen Grabmäler exquisit. Der Text gibt fachkundig Informationen weiter, untermalt mit gregorianischer Musik, alles sehr gut und stimmungsvoll. Der Verdruss kommt aus der Art der Führung: man kann nicht im eigenen Rhythmus besichtigen, wird hier und dorthin geschickt. Ich sehe uns fast wie Marionetten eines Puppenspielers, der an einer Schnur zieht und alle drehen sich nach rechts, nach links oder schauen zusammen nach oben. Die zweite Quelle des Verdrusses liegt – und das soll auf dieser Welt ja gelegentlich vorkommen – in unseren lieben Mitmenschen. Die Italiener der Gruppe haben ihre Geräte auf Italienisch laut gestellt und halten sie – quasi aus Notwehr – 40 cm von ihren Ohren entfernt, so dass alle Nachbarn notgedrungen das Geplärre mitkriegen. Und eine ältere Dame, die irgendwie immer wieder neben mir auftaucht, scheint so taub, dass sie ihr Gerät auch auf volle Lautstärke stellt. Von dieser italienisch-französischen Lärmwolke umgeben ist es gelegentlich schwierig, sich auf den deutschen Text zu konzentrieren.

So gesehen ist das mit der halben Stunde dann gar nicht so schlecht. Am Ende wird man dann aufgefordert, die Geräte abzugeben, doch mal über eine großzügige Spende nachzudenken und dem Shop einen Besuch abzustatten. Dort gibt es eine Menge erbaulicher Literatur der „Sei glücklich“-Variante und auch Handfestes wie den klostereigenen Sekt und Honig. Wir kommen aber ohne finanzielle Verluste durch den Shop.

Nach Hause geht es über Seyssel, wo die Rhône einiges aushalten muss. Nicht nur, dass sie für ein hydroelektrisches Kraftwerk eingedämmt wird, der Damm trägt auch noch den Spruch: Le Rhône – au service de la nation. Arme Rhône!

Über Frangy fahren wir nach Chaumont, die Strecke ist nicht wesentlich länger als die Autobahnroute, aber ungleich schöner zu fahren. Und in Chaumont zwinkert uns der Tag noch einmal zu. Chaumont ist der Ausgangspunkt unserer „Frühlingsblumen-schauen-Wanderung“ auf den Vuache. In Chaumont gibt es ein Restaurant, in das wir gerne gehen und in Chaumont gibt es einen Winzer, dessen Wein wir gerne trinken. Aber wie verflixt war noch jedes Mal, wenn wir zum Wandern oder Essen nach Chaumont kamen, das Weingut geschlossen. Nur heute, da steht die Tür offen und davor drei Männer. Wir parken, zwei der Männer steigen in einen zerbeulten Kastenwagen und fahren los, der Dritte schaut uns erwartungsvoll an. Es folgt ein kurzes freundliches Geplänkel, ob es seine Schuld sei, dass er nie in Chaumont sei, wenn wir hier wären oder aber unsere, dass wir nie hier wären, wenn er da sei. Dann wenden wir uns den wichtigeren Themen zu. Sein Wein ist ein kleiner, aber ehrlicher Rousette de Savoie, sein Rosé der ideale Begleiter für einen Abend auf der Terrasse. Er zeigt uns die Preisliste. Ab 6 Flaschen gibt es Rabatt, ab 12 noch mehr. Wir wissen, dass unsere Freunde diesen Wein auch mögen und kaufen einfach einen Karton für sie mit. Unser Freund ist Schwabe. Das Argument mit dem Sparen wird ihm sicher gefallen.

 

So jetzt muss ich noch ein bisschen umräumen. Den Wein aus dem Wagen in den Keller und die Abbaye royale de Hautecombe ins Archiv der gereisten Reisen.

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Kistchen fahren? Da hab ich Angst so gerne

 

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… sagte unsere damals dreijährige Jüngste beim Seilbahn fahren immer.

Und ich, gestern, beim Wandern, oh Mann, da hatte  ich Angst so gerne. Und wie!

 

Geplant war das natürlich ganz anders. Geplant war eine Herbstwanderung mit unseren Töchtern, nicht zu weit, nicht zu steil, mit schöner Aussicht, zweimal, einmal auf die Berge und einmal auf einen Genussfaktor am Schluss.

Ausgesucht hatte ich eine Wanderung von der Station de Jaman der MOB, der Montreux-Berner Oberland-Bahn, bis hoch auf die Rochers de Naye.

Weil wir nicht von Montreux aus fahren wollen, geht es per Auto nach Caux. Das beschert uns eine äußerst hübsche, aber sehr kurvenreiche Fahrt durch Montreux, vorbei an Glion, vor dessen weltberühmter Hotelfachschule junge Menschen in schicken Schuluniformen eine Pause im Sonnenschein genießen. Kurz vor Caux bremst uns ein Traktor aus, in Caux eine Baustelle: rechts steht ein Bogen eines Eisenbahnviadukts, links steht ein Bogen eines Eisenbahnviadukts, dazwischen viel Nichts. Erste Zweifel keimen auf. Vor dem Bahnhof wechseln wir in die Bergschuhe und lösen unser Ticket. Der Automat im Bahnhof hat nichts von der Werbeaktion unserer Hausbank gehört und verlangt den vollen Preis.

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Dann haben wir viel Zeit darüber zu sinnieren, dass die Schweizer Pünktlichkeit auch nicht mehr das ist, was sie mal war. Die angeschriebene Ankunftszeit ist um eine Viertelstunde überschritten und wir machen uns langsam mit dem Gedanken vertraut, dass aufgrund des fehlenden Viadukts vielleicht gar kein Zug fährt, da trudelt von oben ein Triebwagen ein, hält, öffnet die Türen. Ich will einsteigen, da steigt der Zugführer aus, sagt „Attendez, madame!“, schließt den Zug ab und verschwindet „für kleine Zugführer“ oder so. Nun für manche Sachen muss man einfach Verständnis haben. Dass er dann allerdings in aller Muße mit seinem Kollegen plaudert, den Zug noch dreimal ein, zwei Meter hin- und herrangiert, bevor wir einsteigen dürfen, finde ich schon seltsam. Wir sind – bis auf einen weiteren Gast – völlig allein im Wagen und freuen uns auf eine ruhige Fahrt. Das ändert sich in dem Moment, in dem zwei Ersatzbusse der MOB auf den Bahnhofsplatz fahren und ihre Ladung berggestählter Schweizer Rentner ausspucken. Da ist es dann aus mit der Ruhe. Andrerseits fühlen wir uns plötzlich ungeheuer jung.

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An der Station de Jaman steigen wir aus, vor uns ein Hang im Sonnenschein, den es erst hinunter und dann auf der anderen Seite, im Schatten, wieder hochgeht. Der Raureif ist zwar bildhübsch anzusehen, besonders die Kristalle, die der Wind über den Felsgrat bläst, aber unten bei uns im Tal ist das Ganze doch ein bisschen ungemütlich. Der Col de Bonaudon (1755 m) ist schnell erreicht und da wartet dann eine Überraschung auf uns.

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Sehr deutlich zu erkennen sind die Leiterpassagen, mit deren Hilfe man die gegenüberliegende Felswand erklimmen soll. Nun sind Leitern an sich ja irgendwie positiv. Jemand hat sich Gedanken gemacht, dass eine Passage für den normalen Sonntagswanderer zu schwierig sein könnte und Abhilfe geschaffen. Gut, irgendwann kommt bei mir immer der Moment, in dem mir nur allzu klar wird, dass da nur sehr wenig Metall zwischen mir und sehr viel Nichts ist. Da hilft meist ganz langsam atmen, nur auf die Hände schauen und sehr konzentriert die Schritte zählen. Seilpassagen finde ich da viel schlimmer. Die gibt es in der Wand auch, sie sind aber – zum Glück – aus unserer Entfernung nicht zu erkennen. Sonst wäre das der Punkt gewesen, an dem ich zur Station umgekehrt wäre und den Rest mit dem Zug gemacht hätte. So sprechen wir uns gegenseitig Mut zu und klettern über das Geröllfeld zum Fuß der Wand. Ich glaube, es hat nicht länger als eine halbe Stunde gedauert, bis wir über die Leiter- und Seilpassagen auf dem Berggrat ankommen – aber was habe ich in dieser Zeit abwechselnd geflucht, gezittert und geschimpft. Die Mädels sind natürlich vor mir oben und berichten ganz begeistert von der traumhaften Aussicht. Von mir kommt nur ein gestresstes: „Die Aussicht ist mir so was von egal, wie sieht der Weg aus?“

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Gut sieht er aus, der Weg: er verläuft auf dem Hochplateau durch Almwiesen und die Aussicht ist wirklich phantastisch. Eiger, Jungfrau und Mönch grüßen links, les Diablerets rechts, die Berge eine Sinfonie in Blau- und Weißtönen.

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Über die Wiesen geht es dann ganz entspannt hoch zum Bahnhof und Restaurant auf den Rochers de Naye. Das „Plein Roc“ ist wirklich völlig in den Felsen gebaut, die Fassade ein riesiges Panoramafenster auf den Genfer See. Allerdings macht es doch schon einen sehr in die Jahre gekommenen Eindruck und die Bedienung ist ausgesprochen unfreundlich. Wir lassen uns aber nicht von der Aussicht auf den See und unser wohlverdientes Roesti ablenken.

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Um Viertel nach fährt jede Stunde der Zug talabwärts – laut Fahrplan, theoretisch, so steht es zumindest auf einem DIN A 4 Zettel. Und dann steht da noch, dass man Platzkarten braucht, da aufgrund der Bauarbeiten das Platzangebot beschränkt sei. Allerdings ist nirgendwo auf dem Bergbahnhof ein Schalter, wo man diese Karten erhalten kann. Ein Fahrkarten-Automat, ja, aber sonst nichts. Wir fragen ein bisschen herum und erfahren, dass man diese Platzkarten in Montreux hätte ziehen müssen. Noch etwas, dass der Bahnhof in Caux offensichtlich nicht wusste.

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Während wir auf den Zug warten, passiert so etwas wie ein menschliches Lemming Phänomen: in dem Moment, in dem der Zug einfährt, stürzen sich von überallher Menschen auf den Quai und drängen in die zwei Triebwagen. Wir haben zwar nur Fahr- und keine Platzkarten, aber wir können hervorragend so gucken, als hätten wir welche. Im Zweifelsfall hätten wir die 20 Minuten einfach gestanden. So wie unsere Große und ein kleiner Junge es tun: in der Kabine direkt hinter dem Fahrer. Für den Kleinen sicher der Höhepunkt des Tages.

Letztendlich finden aber alle, die einen Sitzplatz wollen, auch einen und der Zug ruckelt mit sagenhaften 15 km/h ins Tal. In Caux strömen die Fahrgäste zu den bereitstehenden Ersatzbussen, während wir uns auf die Heimfahrt machen. Wir stürzen uns wieder in das Gewühl der Montreux-Gässchen. Just in dem Moment, in dem wir fast sicher sind, da nie wieder herauszufinden, taucht das Autobahnschild auf und danach ist es einfach.

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Ich finde es im Prinzip ja ganz gut, wenn man ab und an Dinge tut, die einem eigentlich Angst einjagen. Aber ganz so geballt hätte es dann doch nicht sein müssen. Und eines ist klar: ich werde mich nie wieder über bayrische Wanderweg-Autobahnen lustig machen!

 

Up, up and aaaawayhayhay

(Keine Angst, dieser Beitrag enthält keine Audio-Datei…)

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Der Anruf entpuppt sich dann als SMS. Zum Glück nicht mit dem letzten Satz: Diese SMS zerstört sich – und Ihr Handy – nach zwanzig Sekunden selber. Nein, der Inhalt ist sehr positiv: Wind- und Wetterverhältnisse seien geeignet für unsere erste Ballonfahrt. Treffpunkt ist ein Autobahnparkplatz zwischen Lausanne und Yverdon. Während der Fahrt dorthin beäugen wir das Wetter kritisch. Der angekündigte Sonnenschein ist zwar da – aber von „le grand bleu“ kann leider nicht die Rede sein. Dichter Dunst verbirgt die Alpen und hinterm Jurarand machen sich erste Wolken startklar.

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Auf dem Parkplatz stehen zwei Kleinbusse, einer mit Anhänger, auf dem die Gondel und eine große Holzkiste untergebracht sind. Die Mitfahrer sind auch schon da und wir brechen von dort auf zu einem der Startplätze. Unser Busfahrer lässt uns aussteigen und fährt dann schwungvoll mit dem Anhänger auf eine große Wiese. Zwei Mitarbeiter beginnen den Anhänger auszuladen, während ein dritter, Tristan,  uns zur Sicherheitseinweisung einsammelt. Erster und wichtigster Hinweis für einen sicheren, entspannten und angenehmen Flug sei das Folgende, erklärt er: Unser Pilot Marcel sei Katalane und wir dürften ihn nie, nie, niemals als Spanier bezeichnen, sonst sei das mit dem sicheren, entspannten und angenehmen Flug leider ganz schnell vorbei. Dann folgen einige Selbstverständlichkeiten: nicht rauchen, bitte nicht telefonieren etc. Und der Tipp, dass unser Pilot nun deutlich mehr Flugstunden und Erfahrung habe als wir und wir uns somit – ohne Diskussion – seinen Anweisungen zu beugen hätten. Die Schnüre und Seile, die vom Ballon in die Gondel hängen, seien tabu für uns und dürften auf keinen Fall zum Festhalten oder Ähnlichem benutzt werden. Dann kommen die Einweisungen für die Landung und da steigt dann doch so ein kleines seltsames Gefühl in meiner Magengrube auf. Aber Tristan beruhigt uns, alle Landungen seien sicher. Um dann nachzusetzen, es gäbe natürlich die normalen sicheren Landungen und die sportlichen sicheren Landungen. Landungen, bei denen ein unerwarteter letzter Windstoß beim Aufsetzen auch schon mal dazu führen kann, dass die Gondel umkippt und auf der Seite landet. Wie auf sein Stichwort kippt die Gondel vom Anhänger und landet auf der Breitseite. Da sich aber keiner vom Team aufregt, gehen wir mal davon aus, dass das so richtig war. Ganz wichtig, fährt Tristan fort, sei auch darauf zu achten, dass man nicht unbedingt auf oder beim Abschleppseil stehe, dass die Gondel am Anfang noch mit dem Bus verbinde. Gerade, wenn der Ballon schon fast aufgeblasen sei, könnte es – zwar selten, aber gelegentlich eben doch – vorkommen, dass ein heftiger Windstoß Ballon, Gondel  und – ja auch – das Fahrzeug anlupfe. Wer dann dumm stehe, lerne schneller fliegen, als ihm lieb sei. Dann kommt als letzter Hinweis, dass die Toiletten weder im vorderen noch im hinteren Bereich des Flugapparats zu finden seien, einem aber – eine Handbewegung weist auf die umgebenden Mais- und Sonnenblumenfelder.

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In der Zwischenzeit haben die Aufbauer mit einem kleinen Raupenfahrzeug die große Kiste vom Anhänger gehievt. Darin liegt ein schwarzer Sack und darin der Ballon, im Augenblick eher eine große Stoffwurst, die wir jetzt erst aus dem Sack ziehen und dann ausbreiten helfen. Vierzig Meter ist die Stoffwurst lang, fast viermal so lang wie unser Haus! Die Wurst wird mit Stahlseilen an die Gondel gehakt und dann schicken zwei Gebläse Luft in die Hülle, blähen den Ballon auf, der im Französischen den für mich sehr viel schöneren Namen „Montgolfière“ trägt. Schließlich wirft Marcel die Brenner an. Die heiße Luft lässt den Ballon sich erheben und als Erstes richtet er dabei die umgekippte Gondel auf. Das löst schon mal ein Problem, das ich für uns sah. Wir werden aufgefordert einzusteigen, die Sicherungsseile werden gelöst, Marcel feuert ein – und nichts passiert. Es kommt die Frage – die er wahrscheinlich jedes Mal stellt – : „Wer hat heute Mittag zwei Mal Nachschlag genommen?“ Alle lachen pflichtschuldigst, Marcel dreht ein bisschen weiter auf und da ist es: ganz sanft löst sich der Korb vom Boden und strebt nach oben. Wir steigen auf und der Wind nimmt uns mit auf eine Reise. Normalerweise könnte man von hier aus die französischen und die Waliser Alpen sehen. Heute sind sie zu schüchtern und verstecken sich. Aber den Genfer See kann man im Dunst erkennen und wir wissen ja, wie die Alpen dahinter aussehen, kein Problem! So erklimmen wir eine Höhe von 2200 Metern und sind dann richtig drin im nebligen Dunst. Höher darf er heute nicht, erklärt Marcel, sonst bekommt er Ärger mit dem Tower von Genf, da Höhenflüge über 2200 Meter mit der Flugsicherung abgeklärt werden müssen.

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Flugbahn, von Monsieurs Lebensgefährtin mitgeschrieben

 

Er lässt uns wieder sinken und wir gleiten über ein Stück hübscher aber eher unspektakulärer Schweiz: Wiesen, Wälder, abgeerntete Felder. Das ein oder andere Dorf, dazwischen auch schon mal ein Zementwerk und ein Bahnlinie, über die Züge der SBB bummeln. Irgendwann kommt sogar der TGV Lyria vorbei, aber selbst der erweckt den Eindruck zu bummeln. Die Welt als Märklin-Eisenbahn. Und das ist für mich das Besondere dieser Ballonfahrt. Ich schwebe, abgelöst, über der Welt und das ist nicht nur ein rein physikalisches Abgelöstsein. Irgendwie habe ich das Gefühl, wirklich von der Welt losgelöst zu sein, ein meditatives Schweben. Es hat nichts zu tun mit dem schnellen und zielgerichteten Fliegen eines Flugzeugs, mehr so ein sich Anvertrauen an den Wind. Die Sonne kommt gelegentlich durch die Wolken, dann gleiten wir über unserem Schattenbild am Boden, sehr schön.

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Aber bevor das Ganze zu ernst und  kontemplativ wird, testet Marcel die Landebedingungen an und das wird lustig. Wir fliegen so tief, dass wir Baumwipfel streicheln können. Hundespazierer winken uns zu, Autofahrer halten an und zücken Handys, Mütter machen Kleinkinder auf uns aufmerksam. Die Reaktionen sind deutlich freundlicher als beim ersten bemannten Montgolfière-Flug, als aufgebrachte Bauern die beiden Ballonfahrer nach ihrer Landung erschlagen wollten, weil sie sie für Teufelsspuk hielten. Irgendwann haben wir – bis auf Marcel natürlich – das Gefühl: jetzt, jetzt, tut es gleich einen Schlag und wir setzen auf. Aber Marcel öffnet den Brenner und wir steigen ganz  langsam wieder auf. Betonung auf langsam: 9000 m³ heiße Luft, die natürlich nicht „nichts“ wiegt, tragen eine 300kg schwere Hülle mit dem 400 kg schweren Korb und müssen – ohne indiskret zu werden – mehrere Hundert Kilogramm Passagiere bewegen.

Ebenso langsam geht unsere Ballonfahrt zu Ende und Marcel nähert sich der Wiese, auf der wir landen sollen. Wie aus dem Nichts tauchen die Begleitfahrzeuge auf. Marcels Ziel ist ein Feldweg, auf dem er aufsetzen will, der Bus mit Anhänger fährt vor. Marcel – oder der Wind – verschätzt sich etwas, der Korb knallt ins Feld vor dem Weg, hüpft, kippt und richtet sich wieder auf. Marcel zeigt auf zwei Mit-Fahrer: „Du und du, raus!“ Gehorsam klettern die zwei aus der Gondel, Marcel wartet, bis die Gondel sich stabilisiert hat, dann sind die nächsten zwei dran. Dadurch  ist die Gondel so leicht, dass sie wieder schwebt und jetzt beginnt „Rückwärts einparken mit einem Ballon“. Die Ausgestiegenen und das Team ziehen und schieben die schwebende Gondel bis hinter den Anhänger, dann lässt Marcel uns alle aussteigen und gibt einen letzten Brennerstoß in die Hülle. Der Ballon hebt die Gondel ein paar Handbreit hoch, alle packen an und hieven und manövrieren die Gondel punktgenau auf den Anhängern. Marcel schaltet die Brenner aus.

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Danach dauert es noch eine gute halbe Stunde, bis die Luft aus der Hülle entwichen ist und wir den stolzen prachtvollen Ballon wieder zu der seltsamen Stoffwurst reduziert haben. Eine halbe Stunde, die mal wieder zeigt, wie viel harte Arbeit hinter scheinbar Mühelosem wie dem Schweben und Gleiten steckt.

Aber irgendwann ist der Ballonhülle verstaut und die Kiste mit dem kleinen Raupenfahrzeug auf den Anhänger gefahren und es geht über zum Abschluss: Sektgläser erscheinen und eine Champagnerflasche.

Schön war es, auch ohne spektakuläre Ausblicke auf die Alpen, ein ganz besonderes Erlebnis, das ich gerne noch einmal wiederholen möchte. Bei Sonnenschein und klarer Sicht.

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Ein Hauch von James Bond

 

Unsere Nachbarin und Freundin ist so etwas wie eine professionelle Reisende. Früher im Auftrag von UNO, WHO oder Unicef, reist sie nun nach ihrer Pensionierung für verschiedene NGOs durch die Welt. Meist in Länder, die auf den touristischen Besuchslisten nicht so weit vorne liegen. Dazwischen findet sie immer noch Zeit, in Aberdeen Vorlesungen zu geben, von wo sie uns gelegentlich Single Malts mit schwer auszusprechenden Namen mitbringt. Wir passen ein bisschen auf ihr Haus auf in ihrer Abwesenheit. Drehen nach Gewittern die Sicherungen wieder ein, gewähren Handwerkern Zugang zu Strom und Wasser und führen ihr Auto Gassi, damit die Batterie sich nicht entlädt. Dafür gießt sie, wenn wir wegfahren – vorausgesetzt, dass sie zufällig zuhause ist -, unsere Katze und streichelt den Garten. Sie ist übrigens sie Einzige, die unsere Katze mit ihrem vollen Namen – Tabathea Tatzentier – anspricht. Tabby nimmt das mit großer Gelassenheit wahr.

Letztes Jahr war sie für sechs Monate in Myanmar, eine NGO hat sie dorthin geschickt, um bei irgendetwas mit der Neuorganisation des Gesundheitsministeriums zu helfen. Während der für Europäer zu heißen Sommermonate durfte sie nach Hause, mit der Aussicht auf einen weiteren Aufenthalt im Herbst. Und dann steht sie Mitte August vor meiner Tür, erzählt, dass sie sehr plötzlich Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung bekommen habe, ob für drei, vier oder sechs Monate sei noch unklar, und dass die NGO ihr ein Flugticket geschickt habe. Kurzum, ob ich sie morgen früh zum Flughafen fahren könnte. Der Abflug war dann doch etwas hektisch und die ersten E-Mails sprachen von Visa- und Wohnungsproblemen. Und von Heimweh.

Dann kam lange Zeit nichts und dann plötzlich ein Brief. Mit einem Gutschein für ein Geburtstagsgeschenk für mich. Ein Geschenk, das so großzügig war, dass ich es zuerst nicht annehmen wollte. Wieder gehen E-Mails hin und her, bis sie mich überzeugt hat. Und weil sie eine sehr kluge Frau ist, macht sie mir das Geschenk zu früh, im goldenen Herbst. Mein Geburtstag fällt nämlich in eine Zeit, in der es hier oft feuchtkalt und nebligtrüb ist. Sie kennt mich schon ziemlich gut, weiß, dass das so gar nicht mein Ding wäre bei feuchtkalt und nebligtrüb.

Und nun werde ich den Geschenkgutschein einlösen. Monsieur darf natürlich mit. Erstens macht es zu zweit mehr Spaß und zweitens brauche ich ja jemanden für die Fotos.

Das Ganze hat schon so einen Hauch von James Bond: ein Anruf heute Mittag wird uns zu einem Ort bestellen, von wo aus dann unsere geheime Mission, ähm unser kleines Abenteuer starten wird.

Der Untergang abendländischer Esskultur

 

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Die beiden Konferenzen lagen ja so dicht zusammen, dass wir kurz angedacht hatten, von Thessaloniki nach München zu fliegen, von wo uns Monsieurs Kollegen ins Kloster gebracht hätten. Zwei Dinge sprachen dagegen und für mein Auto: Thessaloniki hatte Temperaturen von 37°, für Seeon waren 16° angekündigt. Das in einem Koffer unterzubringen, ist etwas schwierig. Der zweite Grund ist schwerwiegender: dass Monsieur in ein Konferenzkloster geht, heißt ja noch lange nicht, dass auch ich fünf Tage lang hinter Klostermauern eingesperrt sein will. Obwohl nun gerade die Dicke dieser Klostermauern mit beiträgt dazu, dass dieser Ort so etwas Besonderes ist. Seeon ist seit über 200 Jahren kein Kloster mehr und trotzdem, trotzdem…

Ich habe mich in diesem Kloster sehr wohl gefühlt, obwohl oder besser weil es sehr karg eingerichtet ist, ohne Schnickschnack. Über die äußerst barocke Nikolauskapelle im dritten Stock schweigen wir jetzt mal. Sie war schließlich zugesperrt und kein Mensch hat mich gezwungen, die Stiege hochzuklettern und durch ein Fensterchen hinunter zu blinzeln.

Was allerdings alles andere als karg ist, ist das Essen. Das Frühstückbüffet lasse ich ab dem zweiten Tag außen vor – mal abgesehen von dem einen Joghurt -, denn ich weiß, was kommt. Angekündigt auf einer hübschen Karte mit Auszügen aus den Klosterregeln des Hl. Benedikt werden jeden Mittag Suppe, Salat, eine Fleisch-, Fisch- und Veggie-Alternative angeboten, dazu so bayrisch-nahrhafte Beilagen wie Kartoffelknödel, Spätzle oder Spinatklöße. Gelegentlich gibt es Erklärungsbedarf bei den außereuropäischen Gästen, aber die meisten sind da sehr offen. Dann gibt es meist zwei Nachtisch-Alternativen. Und abends sieht das auch nicht kleinlicher aus. Vielleicht nur ein Gemüse statt drei und nur zwei Beilagen. Dafür kann man Wein oder Bier dazu bestellen. Wie sagt Oscar Wilde so schön: Ich kann allem widerstehen. Außer der Versuchung. Naja, mit meiner Waage rede ich erst wieder, wenn sie sich entschuldigt hat für den Blödsinn, den sie mir nach meiner Rückkehr erzählt.

Der letzte Morgen kommt, Monsieur verschwindet zu seinen Abschlussveranstaltungen und ich stehe vor einer schwierigen Entscheidung: Moorsee oder Leberkäse.

Und seien wir mal ganz ehrlich: Moorseen, die gibt es in Frankreich auch, aber Leberkäse…

Und da, wo es Leberkäse gibt, gibt es meist auch Fleischwurst. Und Bratwurst. Und Wienerle. Und Mett-Enden. Alles Köstlichkeiten, von denen Frankreich bei allem Savoir-vivre noch nichts gehört hat. Gut, es gibt gelegentlich Spezialitäten-Wochen mit so exotischen Produkten wie „saucisse de viande d’Outre-Rhin“, aber das ist doch nicht das Wahre. Also mache ich mich auf, eine Wursttheke und – der Mensch lebt nicht von Wurst allein – eine Bäckerei zu plündern: Laugenbrezeln und verschiedensten Vollkornbrote. Aber 740 km Rückfahrt bei Sommertemperaturen ist schwierig für die Wurst, also kaufe ich in einem Supermarkt zwei TK-Pizzen als Kühlakku und eine Isoliertasche.

Wir wollen den zu erwartenden Stau um München umgehen und fahren Richtung Innsbruck.

Die Tiroler Alpenlandschaft ist beeindruckend und wir kommen gut voran, mal abgesehen davon, dass fast auf der gesamten Strecke durch Österreich Tempo 100 ist auf der Autobahn mit dem lapidaren Kürzel IG-L. Das steht – wie Monsieurs Lebensgefährtin weiß – für Immissionsschutzgesetz Luft und bedeutet: wenn du mit erhöhter Geschwindigkeit erwischt wirst, bist du nicht nur ein Tempo-, sondern auch noch ein Umweltsünder. Und dann wird es richtig teuer. Naja, wenn es denn wirklich sein muss, kann ich brav sein. Und so nähern wir uns zwar langsam, aber sicher einer EU-Außengrenze, auf der ich mit großem Staunen lese: Schweizerisches Zollamt im Fürstentum Liechtenstein. Daneben stehen die an Staatsgrenzen oft zu sehenden Hinweistafeln mit den Tempolimits für Ortschaften, Landstraßen und Autobahnen. Nur dass auf dem Liechtensteiner Schild nichts eingetragen ist bei Autobahnen. Zum Glück ist Liechtenstein nicht sehr groß und nach einer zwar gemütlich langsamen, aber landschaftlich wunderschönen Strecke erreichen wir dann recht bald eine Schweizer Autobahn.  Einige Hundert Kilometer und ein paar Staus später sind wir dann zuhause.

Unsere mitgebrachten Schätze bieten verschiedene „Soulfood“-Möglichkeiten: Rostbratwurst mit Rotkraut, Leberkäse mit Spiegelei, Wienerle mit Kartoffelsalat. Aber seien wir ehrlich, das, was wirklich gegessen werden müsste, ist die inzwischen aufgetaute TK-Pizza, die ihr Leben im Dienste der Kühlkette geopfert hat. Und so essen wir genau dieses: TK-Pizza aus dem Backofen, ein Essen, das es zwar selten gibt bei uns, aber doch oft genug, dass wir einen eigenen Begriff dafür haben. Wir zelebrieren dann den Untergang der abendländischen Esskultur.

Guten Appetit!

 

 

 

 

 

 

Bergwellness

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Ich habe ein kleines Wortfindungsproblem. Ja, wir waren auf einem Berg, 1669 Meter hoch, oben graue Zacken drauf, eindeutig ein Berg. Und ja, wir waren auf einem Wanderweg, obwohl der für meine Augen eher eine Wanderautobahn war, so breit und so stark befahren, ‚tschuldigung begangen war er. Trotzdem tue ich mich extrem schwer mit dem Begriff Bergwanderung. Was wohl daran liegt, dass meine Begleiterin und ich länger Auto und Seilbahn gefahren als gelaufen sind. Von der Bergstation auf 1447m bis zur Steinlingalm geht es ein bisschen auf und ab, aber eigentlich fast auf den Höhenlinien. Übermäßig lang ist der Weg auch nicht, in einer knappen halben Stunde sind wir da und genießen den Blick über den Chiemsee und in die Berge. Rechts von uns stürzen sich einige unerschrocken in das Abenteuer der Kampenwand, aber wir verzichten heute mal darauf.

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Dann geht es genauso bergauf und bergab zurück. Wir sind natürlich nicht die Einzigen auf diesem Weg. Unter die Tausende, die die Bergeinsamkeit suchen, mischt sich ein Trupp Jungkühe. Der dann zeigt, dass auch große Hunde kleine Feiglinge sein können. Hund (Golden Retriever) und Herrchen kommen um die Kurve und stehen – zumindest der Hund – Nase an Nase mit einem Jungbullen, der auch noch freundlich-neugierig schnüffelnd das mächtige Haupt senkt. Der Hund wird plötzlich ganz klein, kriecht auf dem Boden hinter sein Herrchen und achtet beim Vorbeischleichen an dem Rind ganz genau darauf, dass ja nur immer Herrchen zwischen ihm und dem Jungbullen ist.

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Kurz darauf sind wir an der Bergstation, wo wir uns aber nicht in die Massenabfertigung der Sonnenalp anstellen, sondern hinabsteigen zur kleineren Möslaralm mit ihrem netten, lustigen Wirt und den Käse- und Wursttellern. Man bestellt drinnen im Schankraum bei eben diesem Wirt. Der, um den Überblick bei den Bestellungen zu behalten, die Tische durchnummeriert hat. Der Gast vor mir hat allerdings seine Tischnummer nicht im Kopf. Doch dann fällt ihm ein eindeutiges Merkmal ein, an dem der Wirt den Tisch sicher sofort erkennen kann: „Da steht ’ne braune Kuh davor!“

Ein alkoholfreies Weißbier – isotonisch und so, gut für Leistungssportler wie wir – Sonne, Blick auf die Berge, das ist Seele baumeln lassen in Vollendung.

Dann mit der Seilbahn nach unten trödeln, mit dem Auto nach Hause und einen Sprung in den Klostersee.

Jetzt hab‘ ich’s: ich werde das Ganze Bergwellness nennen.

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A bisserl spinnert

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war er ja schon, der Kinni.

Heute ist Exkursion, die vierte in sechs Wochen. Nein, die dreieinhalbte. In Kyoto bekam man den Nachmittag frei mit der Direktive: Es gibt genug zu sehen. Schaut Euch die Stadt selber an.

Also gibt es wieder eine gemeinsame Busfahrt, diesmal bis Gstadt, dann per Boot an der Fraueninsel vorbei zur Herreninsel. Irgendjemand fühlt sich bemüßigt, die TransGenderdebatte anzuschneiden, was denn mit den Menschen wären… Manche Leute haben wirklich Probleme!

Durch den Park geht es dann zum Schloss Herrenchiemsee, wo zwei englische und eine deutsche Führung gebucht sind. Wir erreichen die Gärten dieses Chiemsee-Versailles mit ihren Wasserspielen. Besonders beeindruckend das Regiment der Bayerischen Kampfschildkröten!

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Aber dann gehen die Wasserspiele aus und wir finden die Box nicht, wo man eventuell – wie früher bei den französischen Campingplatzduschen – die Münze einwerfen muss, damit das Wasser wieder fließt. Das wäre uns schon einen Euro wert gewesen. Vorbei an sich räkelnden, aufbäumenden, fallenden, immer sehr üppigen Allegorien geht es auf die Fassade des Schlosses zu. In diesem Fall auf den Mittelteil mit 100 Meter Länge. Es waren noch zwei gleichlange Flügelbauten geplant, aber da ging dem Kinni dann das Taschengeld aus. Dieses ganze Schloss ist sozusagen Ludwigs Äquivalent des Bravo-Starschnitts. Ludwig II. von Bayern verehrte über alle Maßen Ludwig XIV. von Frankreich, nomen est omen. Und statt sich ein Poster an die Wand zu pinnen, baute er eben dessen Schloss Versailles nach. Wobei er dann doch nicht ganz an sein Idol herankam, von den über 50 geplanten Räumen sind nur eine Handvoll fertig gestellt worden. Aber wie! Eine Orgie in Gold, Kristall und verschwurbelten Putten. An der Decke dicke Damen in fließenden Gewänder, der ein oder andere Kriegsgott ist auch dabei, an den Wänden echter und gefälschter Marmor (sehr gut gemalt, wirklich!) und dazwischen Kopien französischer Gemälde aus Versailles. Schwere Samtvorhänge an den Fenstern, noch schwerere Brokatvorhänge am Bett, an denen die Stickerinnen angeblich sieben Jahre lang gearbeitet hatten. Das Bett war nun aber nicht das des Königs, nein das Schlafzimmer gehörte zu einer Flucht von ebenfalls in Versailles abgekupferten Räumen Ludwig XIV., die der zweite Ludwig nicht selbst bewohnte. Er hatte sie mit ungeheurem Prunk einrichten lassen, um darin herumzuspazieren und sich daran zu erfreuen, dass er so seinem Lieblingsstar nahe sein konnte. Die Privatgemächer kamen daran anschließend, deutlich bescheidener, aber immer noch bombastisch. Ich habe bei diesem ganzen Gedöns mit Samtvorhängen und weißen Reiherfeder-Betthäupter immer Angst vorm nächsten Asthma-Anfall. Eine Sache hat mich doch etwas versöhnlich gestimmt. Im Schlafzimmer, vor dem pompösen Bett des Königs, stand auf einem hohen Fuß eine  hohle blaue Glaskugel. Darin mussten nachts immer drei Kerzen brennen, die ein beruhigendes blaues Licht verströmten, ohne das der kleine Ludwig wohl nicht schlafen konnte. Alle Eltern kennen das.

Aus den Prunk- und den Privatgemächern kommt man schließlich in die „work in progress“ -Abteilung. Das unverputzte, aus Ziegelsteinen gemauerte Treppenhaus für des Kinnis privaten Gebrauch ist ein Raum von großer Schönheit und sehr harmonischen Proportionen. All das ging beim schon fertig gestellten Gegenstück, der Prunktreppe zu den Versailles-Zimmern, in der Überfülle von Marmordekorationen, echten und falschen, unter. Natürlich sollten diese Räumlichkeiten die Besucher beeindrucken, aber doch nicht, bitte schön, gleich erschlagen mit ihrer ungezügelten Protzsucht.

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Der Rückweg gestaltete sich etwas hektisch, da unser Boot um zehn nach fünf fahren sollten, wir aber die Führung durch despektierliche Fragen und Bemerkungen deutlich in die Länge gezogen hatten. Zum Schluss gab’s dann noch für alle ein Beispiel des berühmten bayrischen Charmes. Wir stehen locker verteilt auf dem Landesteg, ein blau Uniformierter ruft: „Aufschliaß’n, bitte, bitte schliaß’ns auf.“ Beim dritten mal war’s dann schon „Gangens weiter, kruizifix!“ Ich nehme Monsieurs ausländische Kollegen in Schutz und erkläre: „Die Herrschaften sprechen kein Deutsch.“ Worauf er zurück blafft: „Sollt’ns aber!“

Recht hat er! Soll’ns halt Deitsch learne, die Saupreiße, die ausländische!