Zugvögel

Bis Sonntagmorgen war das Hotel noch fest in der Hand griechischer Familien, aber schon gestern Abend setzte eine seltsame Migration ein. Die ersten Vorboten des Schwarms wurden gesichtet, wie sie Pool und Terrasse umkreisten, um sich dann irgendwo mit ihrer blauen Konferenztasche hinzusetzen.

Heute morgen sieht es aus wie in einem BBC-Naturfilm: der Schwarm hat sich niedergelassen – die Lobby der Brutfelsen – und auf jeder Felszacke, pardon, jedem Stuhl, Sessel, Sitzpolster brütet ein Physiker – die Männchen der Spezies sind eindeutig in der Überzahl – über seinem aufgeklappten Laptop. Und auf ein geheimnisvolles, wohl nur für sie wahrnehmbares Signal steigt der Schwarm auf, sammelt sich und strebt dem Konferenzraum zu.

Ein faszinierendes Naturschauspiel!

Zugvögel

Bis Sonntagmorgen war das Hotel noch fest in der Hand griechischer Familien, aber schon gestern Abend setzte eine seltsame Migration ein. Die ersten Vorboten des Schwarms wurden gesichtet, wie sie Pool und Terrasse umkreisten, um sich dann irgendwo mit ihrer blauen Konferenztasche hinzusetzen.

Heute morgen sieht es aus wie in einem BBC-Naturfilm: der Schwarm hat sich niedergelassen, die Lobby der Brutfelsen, und auf jeder Felszacke, pardon, jedem Stuhl, Sessel, Sitzpolster brütet ein Physiker – die Männchen der Spezies sind eindeutig in der Überzahl – über seinem aufgeklappten Laptop. Und auf ein geheimnisvolles, wohl nur für sie wahrnehmbares Signal steigt der Schwarm auf, sammelt sich und strebt dem Konferenzraum zu.

Ein faszinierendes Naturschauspiel!

Taxitouristen mit Leitmotiv

 

b2

Irgendwie war mir noch nie aufgefallen, was für eine ausgesprochen dumme Idee das gewesen sein muss, in voller Ritterrüstung hier im Süden auf Kreuzzug zu gehen. Dreißig Grad Außentemperatur und unter dem Metallhelm wird das Hirn bei Niedrigtemperatur langsam gegart. Einen ganz kleinen Vorgeschmack bekommen wir heute morgen. Thessalonikis Zitadelle liegt – wie das Festungen so an sich haben – auf dem Berg, unser Hotel am Meer. Zum Glück akzeptiert Monsieur ohne Widerspruch die touristische Variante eine Stadt zu erobern: Taxi. Unser Taxi kommt, ich zeige auf dem Stadtplan auf die Burg und der Fahrer nickt. Einige zehn Minuten und viele Straßenecken weiter hält er vor einem beeindruckenden Tor in einer dito Mauer und deutet uns an auszusteigen. Was wir Taxitouristen dann auch brav tun, um ein paar Schritte weiter festzustellen, dass wir zwar an den Mauern der alten Stadtbefestigung stehen, die Burg selber aber noch zehn sehr steile und sehr heiße Minuten bergauf liegt, was uns dann zu den oben gemachten Überlegungen führt. Wahrscheinlich waren die Griechischkenntnisse meines Zeigefingers nicht ausreichend. Irgendwann stehen wir dann verschwitzt vor dem Tor der Burg und dem Leitmotiv des heutigen Tages: „Unesco-Weltkulturerbe, aber geschlossen“. Die kryptische Mitteilung dazu lautet, dass die Burg für Renovierungsarbeiten Samstag und Sonntag geschlossen sei. Wir überlegen einen Augenblick, wie anders die Geschicke der Stadt sich wohl gestaltet hätten, hätte der osmanische Sultan bei seiner Ankunft genau so ein Heute-geschlossen-Schild vorgefunden. Wahrscheinlich hätte er mit den Achseln gezuckt und seinem Heer gesagt: „Da kann man halt nix machen, Jungs, kommt, wir gehen nach Hause.“

b1

Immerhin können wir die Burg umrunden, die wirkliche schöne Aussicht bewundern (die den Sultan damals sicher auch beeindruckt hat). Und stehen staunend vor dem androgynen Löwen im venezianischen Wappen über dem venezianisch-türkischen Eingangstor.

Auf dem Weg vom Burgberg, an der byzantinischen Mauer entlang, zurück in die Stadt habe ich mehrere Kirchen eingeplant, die aber alle dem oben schon erwähnten Leitmotiv folgen. Selbst die byzantinischen Bäder, die noch nicht mal Kirchen sind, halten sich daran. Aber dann kommt eine Kirche, die tatsächlich offen ist und mein Unesco-aber-geschlossen-Unmut verfliegt. Vielleicht ist es wirklich gut, sich solche Schönheit nur in kleinen Dosen zu Gemüte zu führen.

Diese Kirche des Vlatadon Klosters sprudelt über von Leben. Gleich zwei Taufen haben wohl kurz vorher stattgefunden. Die Menschen stehen noch redend, lachend vor zwei Ständen, ein jeder geschmückt mit dem Namen des Täuflings, Babywäsche und Süßigkeiten in Pastellfarben. Meine Bedenken, dass der Besuch byzantinischer Kirchen einem strengen Kleidungskodex unterworfen sei, werden sehr gründlich zerstreut. Die glückliche Mutter des einen Kindes trägt einen bauchfreien und trägerlosen Zweiteiler aus weißen Federn.

b3

Wir betreten die Kirche durch einen Nebeneingang, der direkt zu der Nische führt, in der angeblich 51 n. Ch. Paulus gepredigt haben soll. Monsieur versucht im Halbdunkel ein einigermaßen gutes Bild hinzubekommen und wird von hinten angerüffelt: No photo! Tatsächlich sehen wir dann im Hauptschiff eine große Tafel. Aber das konnten wir da ja noch nicht wissen.  Wobei der Begriff Hauptschiff ein bisschen zu hoch gegriffen ist. Es ist eine kleine gemauerte Zelle mit bienenkorbartigen Decken. An die gemauerte „Keimzelle“ wurde in späterer Zeit eine Holzkonstruktion angelehnt, die die Kirche an drei Seiten erweitert. Die Kirche ist bis oben hin ausgemalt mit Fresken. Die wohl einem religiösen Bilderverbot zum Opfer gefallen sind. Mit Hammer und Meißel – immer zuerst die Augen ausstechen – wurde versucht, die Schönheit der Darstellungen zu zerstören. Pockennarbig wie sie sind, erzählen sie jedoch immer noch ihre Heiligenlegenden, lassen sich nicht mundtot machen.

Die dichte Atmosphäre dieser kleinen Kirche ist unbeschreiblich. Selbst das profane Geschehen im Nachspiel der Taufen, das Wasser im Taufbecken wird gurgelnd in Eimer abgelassen und mit viel Hin und Her aus der Kirche getragen, kann diese Stimmung nicht stören. Die Klostergebäude wiederum, im Laufe ihrer Geschichte Opfer von Eroberung, Feuer und Erdbeben geworden und immer wieder im Stil der neuen Zeit aufgebaut, sind architektonisch wenig ansprechend.

 

Dass diese Kirche überraschenderweise noch offen war, haben wir mit Dankbarkeit wahrgenommen und uns dann mehr auf weltliche Ziele verlegt. Kleine Altstadtstraßen, steile Treppen, winzige Gässchen hinunter – und an manchen Stellen auch wieder hinauf, weil Monsieurs Lebensgefährtin sich vertan hat – führen uns immer tiefer in das Gewimmel der Altstadt. Gässchen, die ich zwar sehr romantisch und schön finde, durch die ich aber auch nicht täglich meine Lebensmittel hoch schleppen möchte. Von den Weinflaschen mal ganz zu schweigen…

Vorbei an geschlossenen Kirchen, Bädern, der Unesco-aber-geschlossen-Unmut wächst wieder ein bisschen, bis wir – eigentlich ohne es direkt gesucht zu haben – vor Agios Nikolaos Orfanos stehen. Hatte ich heute morgen kurz mit eingeplant, aber unter dem Einfluss des Leitmotivs „aber geschlossen“ wieder aus der Planung genommen. Erstaunlicherweise ist das kleine Kirchlein offen. Im Schatten vor dem Gebäude sitzt eine junge Frau, die sich erhebt, uns die Tür aufschließt und uns in einen wundervollen Raum eintreten lässt. Hier waren die Fresken vor Jahrhunderten übertüncht worden und haben so größtenteils die Zeit überdauert, bis man sie in den 1960ern bei einer Restaurierung entdeckte. Die junge Frau hat die Aufgabe, auf das Kirchlein aufzupassen, sie darf uns nicht alleinlassen und wo sie nun schon mal da ist, erklärt sie uns die Fresken mit ihrer für uns gelegentlich fremden Bildsprache. Der Tod Mariens, das ist klar zu erkennen, aber darüber Jesus in der Mandorla mit einem Wickelkind im Arm? Das sei die Seele Mariens, erklärt sie uns, und dass diese Darstellung der Himmelfahrt Mariens sehr selten sei, auch in der byzantinischen Kunst.

b5

 

Nach dem Griechenland nun so viel für unsere kulturelle Erbauung getan hat, wollen wir ein kleines bisschen etwas für die griechische Wirtschaft tun. Taxi-Tourismus und dann ein Glas Rosé und so… Aber wo in diesen engen, gepflasterten Gassen ein Taxi finden? Monsieur betrachtet die Karte. „Lass uns mal zum Zentralfriedhof gehen, da finden wir sicher ein Taxi.“ Ich bin etwas perplex, bis er den Daumen auf die Karte hält. Der Friedhof liegt direkt neben dem Zentralkrankenhaus. Was ich ein bisschen zynisch finde, Monsieurs blauäugig dahin gemurmeltes „Wieso? Kurze Wege!“ auch. Aber wo er Recht hat! Jedenfalls können wir kurz darauf bequem den Galerius-Palast vom Taxi aus „besichtigen“.

Die zwei Taxifahrten darf ich natürlich nicht mitzählen bei meinen Berechnungen, wie weit wir heute gelaufen sind. Genau 1311 kcal.

Nicht schlecht, oder?

 

 

Männer in sehr kurzen Röckchen

 

a2a

Selbst die rosenfingrige Eos schläft noch, als wir heute morgen aufbrechen. Ein turbangeschmückter Sikh fährt uns in einem japanischen Auto zu einem Schweizer Flughafen, von wo uns die Tochter einer deutschen Fluggesellschaft nach Griechenland bringen soll. Schöne bunte Welt. Genauso bunt wie der Lutscher, den der Kleine neben mir in der Hand hält. Seine Eltern sind mit seiner brüllenden Babyschwester beschäftigt, also beschließt er, den Gate-Bereich auf eigene Faust zu erkunden. Dazu legt er den bunten Lolly auf den Sitz neben mir und stromert los. Drei Schritte weit kommt er, da trifft ihn ein furchtbarer Verdacht und er fährt herum. Blickt auf den Lutscher, blickt auf mich, blickt auf den Lutscher und man sieht die Angst in seinen Augen. Ein paar Sekunden lang kämpft er mit sich und kommt dann offensichtlich zu dem Entschluss, dass ich nicht der Typ Mensch bin, der kleinen Kindern den Lutscher klaut. Wenig später fährt uns ein Genfer Flughafenbus, auf dem irritierenderweise Airport Zürich steht, sehr langsam und sehr lange über das Gelände. Das einzige Flugzeug, das an diesem Ende noch steht, trägt das DHL-Logo, das könnte schwierig und ungemütlich werden. Zumal keiner von uns den entsprechenden Barcode des Zielflughafens auf der Stirn trägt. Aber dann biegt der Bus noch mal um eine Ecke und da steht eine Swiss-Maschine. Und wenig später rollen wir in der Dämmerung auf die Startbahn und sehen hinter dem Verwaltungsgebäude die Sonne aufgehen. Ist das romantisch!

a1

Die Alpen zeigen sich dann mehr felsig grau als majestätisch weiß. Selbst Gletscher tendieren Ende August dazu, eher grau als weiß zu sein. Sie wirken auf mich immer, als ob man sie einmal gründlich kärchern sollte – oder aber eine neue gleißende Schneeschicht auflegen. Dafür kommt die Tobleronespitze des Matterhorns gut zur Geltung. Die Adria ist mit verschiedensten Blau-, der Appenin mit Braun- und Grüntönen vertreten. Über Albanien werden die Bergplateaus seltsam sandfarben und dann bestimmt bald das Mittelmeer das Bild. Im Anflug auf Thessaloniki bestätigt sich wieder Douglas Adams Spruch, dass es schon seine Gründe habe, warum es in keiner Sprache der Welt die Wendung „schön wie ein Flughafen“ gibt. Zwar liegt dieser hier am Meer, ist aber vollgerümpelt mit alten Militärhangars und umgeben von Industriegebieten.

Ein Taxi bringt uns schnell in die Stadt, wo das Hotel sich unser erbarmt und uns schon um elf Uhr einchecken lässt. Und dann durchlaufen wir in knapp drei Stunden ein paar Tausend Jahre Geschichte.

a0

Wobei einer der berühmtesten Vertreter eben derselben direkt an der Strandpromenade im kurzen Röckchen sein Pferd aufbäumen lässt. Das Pferd sieht nicht so richtig glücklich aus. Wahrscheinlich wurde es nicht gefragt, ob es nach Indien wollte. Im Fries hinter dem Denkmal sind noch mehr Männer mit strammen Waden und knappen Kleidungsstücken zu sehen. Alexanders Lehrer sitzt ein paar hundert Meter weiter auf dem Aristoteles-Platz. Dazwischen gibt es einen großen Zeitsprung mit dem Weißen Turm, einem Teil der venezianischen Verteidigungsmauer. Byzanz hatte im Mittelalter doch tatsächlich die Stadt Thessaloniki an Venedig verkauft, damit es sich nicht selbst um deren Verteidigung gegen die Osmanen kümmern musste. Hat aber nicht wirklich lange geholfen und Thessaloniki war dann 500 Jahre lang osmanisch.

a3

Vom Platz aus streifen wir durch ein paar Seitenstraßen zur Markthalle, die nachmittags natürlich eher traurig wirkt. Dann ist auf dem Stadtplan ein Kloster eingezeichnet und wir betreten dieses in Erwartung jahrhunderte alter Mauern, kerzenruß-geschwärzter Ikonen, das volle Programm eben. Das zu besichtigende Kloster ist sozusagen funkelnagelneu, die paar alten Grundmauern unter Glasabdeckungen versteckt. Pech, das war jetzt nicht das, was wir erwartet haben. Diese Strähne hält an bei der Agia Sophia, die nun wirklich sehr alt, aber auch sehr geschlossen und nur zu sehr seltsamen Zeiten zu besichtigen ist. Offensichtlich ist heute nicht der Tag für byzantinische Kirchen.

a7

Langsam werden wir müde und beschließen den Rückweg anzutreten. Nur noch den Galerius-Palast, der liegt ja sozusagen auf dem Weg. Aber der Palast selber ist eher unbeeindruckend, zur Hälfte eh begraben unter den modernen Straßenzügen. Aber da gibt es doch noch – ja genau, nur ein paar Hundert Meter weiter steht ein bzw. eher anderthalb Bögen, d.h.ein großer und ein kleiner, eines Triumphtors. Auch hier wieder eine Menge Männer in sehr kurzen Röckchen, die tun, was Männer in sehr kurzen Röckchen halt so einander antun.

a4

Und kurz dahinter dann die Rotonda und da wäre es ja echt schade, die nicht noch gerade…, wo man doch schon mal da ist…

Und die Rotonda fasst dann anderthalbtausend Jahre Geschichte der Stadt in einem bewegenden und beeindruckenden Bau zusammen. Gebaut um 300 als Heiligtum für eine Muttergottheit (manche sagen auch als Grabmal Konstantins, aber das passt mir jetzt nicht so gut in meine Story), wurde sie kurz darauf zur byzantinischen Kirche. Bis die Osmanen kamen und sie zur Moschee umbauten, ein seltsam unharmonisches Minarett inklusive. Nach der Rückeroberung 1912 wurde sie wieder zur Kirche, diesmal griechisch-orthodox, und heute ist sie ein Museum.  Ein Raum von – wie schon gesagt – bewegender und beeindruckender Schönheit, obwohl viele der Reliefs zerstört sind. Die Mosaike in der Kuppel – so noch vorhanden – sind goldgrundige Vollendung. Zwischen idealisierten Städten des Altertums stehen Männer von – laut Erklärtafel – „incredible beauty“.  Da trifft es dann besonders hart – oder aber einfach nur gut -, dass von der nächsten Reihe von 36 Männerfiguren (Heilige? Stifter? Konstantins Freundeskreis?) nur die weißbesandalten Füße erhalten geblieben sind. So viel schier unglaubliche Schönheit hätte wohl so manchen männlichen Besucher nur belastet.

a5

Das war unser erster Tag in Thessaloniki. Viel Schönes, einiges Verwirrendes. Wir bestellen in der Saftbar Orange-Granatapfel und erfahren: Pomegrenade – no season. In der nächsten Saftbar stehen die Granatäpfel kistenweise in der Auslage. Nun ja. Und im Eiscafé wird uns wortreich erklärt, dass man für 2 € zwar zwei Bällchen, die aber nur in der selbe Geschmacksrichtung haben kann. Nun ja. Richtig gut finde ich dagegen die Wegweiser für die Fußgänger. Darauf stehen nicht nur das Ziel, die Entfernung und die Zeit, die man dafür einplanen muss. Dann kommen als letzte Angabe die Kalorien, die du damit verbrauchst.

a6

So, der Blick vom Fenster auf „Sonnenuntergang mit Containerschiff“ ist schon ziemlich gut. Wie schön wird das erst von der Terrasse des Hotels aus sein – gesehen durch ein Flasche Rosé.

Helden und anderes

 

Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums fand ich als Kind ganz toll. Jede Menge „action“ und Helden, die deutlich exotischere Namen hatten als Siegfried oder Dietrich. Siegfried und Dietrich? Ich bitte Euch! Da muss man doch quasi zum  Helden werden, allein schon, um den täglich feixenden Nachbarskindern eins auf die Nase zu geben.

Wie gesagt, ich habe sie geliebt, diese Mythen und Sagen, bis eben jenes Alter kam, in dem man alles in Frage stellt. Gut, Robert Ranke-Graves mag daran mit Schuld sein, jedenfalls fiel mir irgendwann auf, dass die Helden dieser griechischen Sagen eben genau dieses waren. Helden: wie in Held, Komma, der, Komma, maskulin. Und dass diese Helden nur zwei Verhaltensmuster kannten: alles, was ebenfalls männlich war, wurde tot geschlagen. Was weiblich war, wurde – um in der euphemistischen Sprache der Mythen zu bleiben – geraubt. Und das sind die Mythen und Geschichten, auf denen – unter anderem – unsere abendländische Kultur aufbaut. Die Bekanntschaft mit Christa Wolfs Kassandra kam wie ein Befreiungsschlag. Achill das Vieh als Achill das Vieh bezeichnet zu hören, war fast eine Erleichterung.

Ich tue mich also etwas schwer mit den griechischen Mythen. Mit den historischen Persönlichkeiten der Antike ist es aber auch nicht einfacher. Zugegebenermaßen nicht mit den Philosophen, ich denke jetzt eher an die Kriegsherren. Diese Verherrlichung der Schlachten und des Abschlachtens ist mir einfach nicht nachvollziehbar. Deshalb ist das mit unserem nächsten Ziel ein bisschen schwierig. Formulieren wir es so: es ist die Stadt eines Vaters, dessen Sohn dadurch berühmt wurde, dass er jemanden in der Sonne stand.

logo_barwione5_miniDas kam jetzt vielleicht nicht so direkt durch zwischen den Zeilen, aber ich freue mich wirklich darauf, diese Stadt kennen zu lernen. Allerdings wird Monsieur mal wieder beschäftigt sein, so dass ihr bei den Fotos mit meiner Knipserei vorlieb nehmen müsst.

 

 

Schnuppelsterne

stern

oder: Meistens kommt es anders …

 

Schnubbelsterne, so nannten die Kinder unserer Freunde Sternschnuppen. Ist zugegebenermaßen schon ein paar Jahre her. Aber wir fanden den Ausdruck so niedlich, dass wir ihn in das Familienvokabular übernommen haben.

Mitte August ist Schnuppelsterne-Zeit. Die Perseiden kommen zu Besuch. Also habe ich mir Donnerstagnacht einen Liegestuhl auf die Terrasse gestellt, Richtung Norden, um die Perseiden zu sehen. Leider wollten die Perseiden mich nicht sehen. Kein einziger Schnuppelstern kam vorbei, bevor ich mich etwas gefrustet ins Bett verzog.

Am Freitagabend verabschieden wir nach einem kleinen Fest unter Freunden unsere Gäste und ich schaue nach oben. Im Abstand von wenigen Sekunden schießen zwei äußerst prachtvolle Sternschnuppen über den Himmel. Also ab auf die dunkle Terrasse! Monsieur zieht seinen Liegestuhl neben meinen und wir sehen ein halbes Dutzend Schnuppelsterne, große und kleinere, bevor der Rosé mich ins Reich der Träume schickt. Merke: entweder Rosé oder Schnuppelsterne – beides zusammen wird schwierig.

Und Samstagabend dauert es dann doch einen Moment, bis Monsieur die Lichtphänomene am nächtlichen Himmel richtig interpretiert: nicht die Perseiden, sondern „Fête de Genève“. Da das Feuerwerk im Gegensatz zu Schnuppelsternen lange zu sehen ist, hat er sogar noch Zeit, ein paar Fotos zu machen.

stern2

 

 

Warum nach Osaka schweifen?

i1

Unser Flieger geht recht früh, von Kyoto braucht man fast zwei Stunden bis zum Flughafen, gute Gründe, ein Hotel zu suchen, dessen Verhältnis von Preis zu Flughafennähe im vernünftigen Rahmen ist. Damit stellt sich natürlich die Frage, wo wir unseren letzten Tag verbringen. Monsieur kennt Osaka und erzählt von einer Brauerei aus schwarzem Marmor und einer Burg, die in den 1930ern komplett aus Beton neu erbaut wurde. Ich schaue mir im Internet Seiten mit „Osaka walks“ an und finde nichts, was mich wirklich fasziniert. Also sagen wir uns: „Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.“ In unserem Fall direkt hinter dem Bauzaun. Fast jeden zweiten Abend sind wir zu Fuß durch Gion nach Hause gelaufen. Vorbei am Schweinetempel, durch den Park des Kennin-ji Tempels und dann am Zaun einer „Keine Ahnung, was das mal wird, auf jeden Fall etwas Großes“-Baustelle entlang durch das Gewusel der Gassen zu unserem Ryokan. Zeit, das mal bei Tageslicht aus der Nähe zu betrachten. Der Schweinetempel wirkte im Dunkeln immer ein bisschen unheimlich mit seiner Doppelreihe zahnbewehrter Eber. Ganz besonders an dem Shabu-Shabu-Abend, an dem ich mir nur zu bewusst war, gerade nahe Verwandte der heiligen Tiere verspeist zu haben. Bei Tageslicht verliert sich das. Der Tempel ist einer indischen Göttin geweiht, die auf einem Eber reitet. Wenn man bedenkt, wie weit Japan von Indien entfernt ist und dass das Chinesische Meer dazwischen liegt, eine tolle Leistung. Die Eber sind auch im Hellen beeindruckend, die Votivschweine dann aber doch sehr japanisch-Hello-Kitty-niedlich.

Daneben liegt der Ebisu Schrein. Während Monsieur noch ein bisschen herumfotografiert, setze ich mich auf eine Bank unter das Torii und bewundere den pragmatischen Ansatz zu Religion. Es stehen mehrere Götterstatuen um mich herum. Mein spontaner Liebling ist ein dicker lachender Gott mit Angelrute und einem fetten Karpfen unter dem Arm. Vor jeder der Statuen steht ein Pfahl mit einem Vogelhäuschen. Nur, dass hier das Einflugloch ein schmaler Schlitz zum Geld Einwerfen ist. Hoch oben in der Mitte des Torii ist ein lachendes Göttergesicht mit weit vorspringender Unterlippe. Auf der Lippe liegen viele Münzen. Anscheinend bringt es Glück, die Lippe zu treffen. Weil das aber auch sehr schwierig ist, hat man – ihr erinnert Euch? Glück und optimale Rahmenbedingungen? – ein basketballähnliches Netz unter der Lippe angebracht, mit feinen Maschen. Gut, die kleinen 1-Yen-Münzen fallen sicher durch die Maschen, aber die 500er bestimmt nicht. Während ich so da sitze, fährt ein Taxi vor. Eine junge Frau steigt aus, geht an der Reihe der Statuen entlang, klatscht vor jeder zwei Mal in die Hände, verneigt sich und wirft eine Münze ein. Dann stellt sie sich vor das Torii, trifft mit bewundernswerter Genauigkeit, dreht sich zum Ausgang und steigt in ihr Taxi.

i5

Wir ziehen zu Fuß weiter zum Kennin-ji. Schuhe aus, Geldbeutel raus. Im Gebäude hinter dem Eingang sieht man drei schwarz verkohlte Wächter-Statuen. Alle Bemalung ist weg gebrannt, nur das Weiße der Augen erhalten. Sie wirken dadurch grausam entstellt, aber auch auf eine seltsame Art und Weise nur noch entschlossener ihrer Wächter-Aufgabe nachzukommen. Kennin-ji wurde um 1200 herum auf kaiserlichen Wunsch von chinesischen Mönchen gegründet, was andere Tempel natürlich mit Argwohn sahen. Als kurz darauf ein Brand weite Teile Kyotos zerstörte, wurde das Gerücht laut, die weit wehenden chinesischen Gewänder hätten das Feuer entfacht. Der Abt, aufgeklärter als seine Zeitgenossen, soll nur lakonisch bemerkt haben: „Wenn ihr uns so viel Macht zutraut, solltet ihr uns respektvoller behandeln.“

i6

Im Wohntrakt geht es deutlich friedlicher zu. Die Wände sind geschmückt mit exquisiten Tuschezeichnungen. Man sieht die sieben Weisen, aber auch spielende Kinder. Berühmt ist der Tempel für seinen Wandschirm mit dem Donner- und dem Windgott. Der Donnergott wirkt, als sei er eben auf einen Blitz getreten und hätte sich die Füße verbrannt und der Windgott scheint gerade Paragliding zu erfinden. Meine Lieblinge aber sind die beiden Drachen im Empfangsraum. Über zwei Wände tollen sie vergnügt herum. Der eine scheint schon älter zu sein, es wachsen ihm storksige Haare aus der Nase, ein Phänomen, dass man ja auch bei älter werdenden Herren beobachten kann. Ihr Gesichtsausdruck ist so richtig verschmitzt. Und auch wenn mich die Frage beschäftigt, was passiert, wenn einer der beiden mal unerwartet niesen muss – Fackelt er dann die Bude ab? -, so ist der Gesamteindruck doch, dass wir hier nicht nur vor Glücksdrachen, sondern vor wahrhaft glücklichen Drachen stehen.

Weiter geht es durch den Garten, erst ein kurzes meditatives Hinsetzen auf den Terrassenplanken vor dem Steingarten. Angeblich brachten die Mönche auch die erste Teepflanze mit nach Japan und Teebüsche sind gut vertreten. Schließlich werden wir am Ende der Holzterrasse aufgefordert, unsere bestrumpften Füße für den weiteren Weg in Plastikschläppchen zu stecken. Die Schuhe sind für japanische Füße ausgelegt, was die nächsten zwanzig Minuten etwas unkomfortabel machen. Der Weg zu den „Drachenzwillingen“ ist aber auch sehr eigenwillig. Das berühmte Deckengemälde ist in der Haupthalle, einige hundert Meter vom Wohntrakt entfernt. Dazwischen läuft der öffentliche Weg durch den Tempelpark. Also führt ein rechts und links umzäunter Pfad bis zur Kreuzung mit dem Weg. Dort steht neben Eintrittverbotenschildern und einer Anweisung, wie man einen Torhüter herbeiruft, ein uniformierter Herr, der uns das Gartentörchen öffnet, es sofort hinter uns wieder schließt, mit uns die drei Schritte über den Steinplattenweg geht und auf der anderen Seite das gleiche Spielchen wiederholt. In der Haupthalle gibt es einen großen Buddha, aber alle Augen sind nach oben gerichtet. In luftiger Höhe tummeln sich die Drachenzwillinge, sehr schön, sehr dynamisch, aber keine Konkurrenz zu meinen Lieblingsdrachen. Das Gemälde ist recht neu, der Tempel hat es sich 2002 zum 800sten Geburtstag geleistet. Der Künstler hat zwei Jahre lang in einer Turnhalle an der Fertigstellung gearbeitet. Wahrscheinlich waren Schüler und Artist gleichermaßen froh, als es vollendet war.

i3

Auf dem Rückweg stehen wir wieder vor dem Gartentörchen, aber der Herr ist nicht zu sehen. Weil wir aber gut aufgepasst haben, können wir uns ganz alleine durch die zwei Tore schleusen.

Zum Abschluss hatten wir uns überlegt, im Dachrestaurant eines der Shoppingpaläste in der großen Einkaufsstraße essen zu gehen, ein letzter Blick auf Kyoto und so. Aus Essen zu gehen ist mit diversen Entscheidungen verbunden. Man kann zwischen verschiedenen Kategorien (MacDo und ähnliches jetzt mal außen vor) wählen. Die preiswerteste Variante sind die Nudelshops, wo du für unter zehn Euro eine Schale Nudeln in Brühe bekommst, belegt mit den Zutaten deiner Wahl. Sehr lecker, sehr sättigend, hoher Einsau-Faktor. Eine etwas teurere Alternative sind einfache Restaurants, die für 15 – 40 Euro ein Tablett mit einem Hauptgericht und vielen kleinen Schälchen mit Reis, Gemüse, Mixed Pickles und Miso-Suppe servieren. Auch sehr lecker, sehr sättigend und ästhetisch ein Genuss. Die „richtigen“ Restaurants fangen dann bei 70, 80 Euro für das Menü an. Gut, das zahlt man in Frankreich so auch, aber da wählt man dann selber aus, was man essen möchte. Hier kommt Teller nach Teller aus der Küche, bis der Gast abwinkt. Und dabei sind dann Gerichte wie geschmorte Seegurke, Stinke-Tofu oder jene vergorenen roten Bohnen, die beim Hochnehmen mit den Stäbchen schleimig-glänzende Fäden ziehen. Bei aller Offenheit für kulinarische Abenteuer, das sind gastronomische Grenzerfahrungen, die ich in dem Rahmen nicht brauche.

i9

Bei den einfacheren Lokalen gibt es immer im Fenster Plastikmodelle der Gerichte, also etwa Schalen voll Plastiknudeln, belegt mit Plastikfleischscheiben. Oder Bentoboxen gefüllt mit Reihe um Reihe bunter Plastiksushi. Wahrscheinlich ist Plastiksushi-Designer ein hoch geachteter Beruf in Japan. Unser Lokal hat ein ganzes Schaufenster mit solch farbenfrohen Plastik-Menüs. Wir wählen aus, indem wir mit dem Kellner vor die Tür gehen und zeigen, was wir möchten und erhalten erstmal einen Becher Soba-Tee. Der Tee ist angenehm kühl und schmeckt leicht nach Rauch. Beim Herausgehen sehen wir eine Vitrine mit diesem „Tee“. Es handelt sich dabei tatsächlich um zerbröselte, schwarz geröstete Soba-Nudeln. So gibt es am letzten Tag noch eine Premiere: Tee aus angebrannten Nudeln. Auf die Idee muss man auch erst mal kommen.

i2

Ein Taxi bringt uns und unser Gepäck schließlich zum Bahnhof, wo wir in der richtigen Schlange am richtigen Schalter Tickets zum Kansai-Airport verlangen. Gegen die Vorlage des Passes erhalten wir ein Ausländer-Tagesticket, etwa 30% günstiger als eine normale Fahrkarte. Der „Haruka limited express train“ fährt in 75 Minuten zum Flughafen. Das limited bezieht sich sicher auf die Geschwindigkeit, denn richtig schnell wird der Express nicht. Im Flughafenbahnhof wechseln wir nur auf die andere Seite des Bahnsteigs und fahren mit der U-Bahn gerade über den Damm zum Festland zurück und sind schon am Hotel. Viel unkomplizierter, als erst mit Zug nach Osaka und dann irgendwie per Bus und Bahn nach Rinku zu kommen. Das Hotel ist  eher zweckmäßig als schön, aber mit eigenem Bad im Zimmer und Meer und mehr vor dem Fenster. Am nächsten Morgen steht das Airport -Shuttle des Hotels pünktlich vor der Tür. Und dann heißt es Sayonara, Japan und 14 Stunden später Bonjour, Genève.

i9b

Im Vordergrund der Damm – unten Schienen, oben Straße, der den Airport – im Hintergrund – mit dem Festland verbindet

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.