Joyce oder Beckett oder O’Casey?

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Immer diese Entscheidungen! Obwohl Joyce nie wirklich in Frage kam, viel zu weit weg. Aber Beckett und O’Casey liegen direkt nebeneinander. Und O’Casey mag ich viel lieber als Beckett. Also entscheide ich mich für die Sean O’Casey Brücke. Das ist jedenfalls der Plan. An der Pearse Street/Ecke Shaw Street aussteigen – heute ist wirklich der Tag der irischen Literatur -, dann hinunter zur Liffey und auf die andere Seite. Ich bin unterwegs auf den Spuren des „Great Famine“, der Großen Hungersnot von 1845. Oder wie man es wohl besser nennen sollte: des Großen Verhungern Lassen.

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Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es Zynismus oder aber Didaktik ist, die drei Monumente – das Customshouse, das Zoll- und Steueramt, das Famine-Memorial und das Auswanderer-Schiff Jeanie Johnston – so dicht neben einander anzuordnen.

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Normalerweise liegt die Jeanie auf dem Nordufer, nur wenige Schritte von den ergreifenden Skulpturen entfernt. Aber heute und bis zum 17. März ist ihr Ankerplatz ein gutes Stück die Liffey hinunter auf dem südlichen Sir John Rogerson’s Quay. Was mich dann zu der Frage führt, welche Brücke ich über die Liffey nehme. Letzen Endes beide, denn am anderen Ende der Samuel Beckett Brücke ragt der seltsame Mechanismus heraus, mit dem man den Royal Canal öffnen und schließen kann.

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Die Sean O’Casey Brücke muss ich dann doch auch noch gehen, was mich natürlich ans falsche Ufer führt und mich letzten Endes zur Butt-Brücke führt. Keine Ahnung, weshalb die so heißt, „butt“ kenne ich nur in einem anderen Zusammenhang. Aber vielleicht gibt es ja einen Herrn Butt oder eine Lady Butt, die in Irland jedem Kind geläufig sind. Und damit bin ich dann schon wieder in „rebel county“, denn um die Ecke herum ist das Abbey Theatre, eng verbunden mit Sean O’Casey und dem „Up rising“. Das Theater selber ist nun eine große Enttäuschung für mich, ein hässlicher Klotz aus Beton mit etwas Glas. Aber wie so oft geht es ja um die inneren Werte. Ich hätte hier gerne mal eines von O’Caseys Stücken gesehen, aber das geht in den wenigen Tagen nun leider nicht. Was geht – wenn auch nur als kleiner Trost -, ist immerhin eine Teepause im Theater-Café. Wirklich schön ist auch das nicht, mit großen Regalen voller Gemüse und Gewürzen rechts von der Theke. Ich weiß nicht, ob mir dieser Brecht’sche Ansatz zur Restauration wirklich gefällt. Auf jeden Fall ist es amüsant, der Crew beim gemeinsamen Abschmecken der Tagessuppe zuzusehen. Probieren hätte ich – glaube ich – nicht wollen.

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Durch die Abbey Street dann zur O’Connell-Street, wo ich mich mit Monsieur treffen will. Und dann smst Monsieur, dass es etwas später wird und ich falle auf meine eigenen Vorurteile herein. Aber mal ganz ehrlich: eine große Buchhandlung, über 100 Jahre alt, mit „Ulysses“ -Plakete vorm Eingang – und dann im 2. Stock ein Café mit dem schönen Name „The Muse“. Da kann ich doch gar nicht anders als mir hohe, holzgetäfelte Räume vorzustellen. In Nischen dann Stühle und Sessel – ich bestehe ja gar nicht auf der Ledercouch – um Tische, an denen die Besucher bei einer Tasse Tee die gerade erstandenen Buchschätze durchblättern oder sich in gedämpften Tönen unterhalten. Und dann haut mir das Leben die Realität um die Ohren: eine Schnell-Imbiss-Abfertigerei der schlimmeren Sorte mit dem Charme eines Bahnhofrestaurants. Und jedes Gespräch geht unter im Lärm der auf die Theke geknallten Teller. Manchmal hat das Leben wirklich keine Ahnung davon, was ich von ihm erwarte.

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Genauso ein bisschen auf den Arm genommen fühle ich mich dann in der Christchurch. Große Teile der Kirche, die typische Silhouette mit dem Bogengang, die „mittelalterlichen“ Gebäude daneben – alles viktorianisch. Was allerdings echt alt ist, ist die berühmte Dubliner Wand, die linke Wand des Hauptschiffes. So schief, dass man sie nicht zu lange anschauen darf, sonst wird einem etwas schummerig. Aber diese – noch stehende – linke Wand macht dann auch sehr glaubwürdig, dass die gesamte rechte Wand nebst Seitenschiff einfach einstürzte, was dann letzten Endes die viktorianische Nachbauerei notwendig machte. Prominentestes Opfer dieser Katastrophe war ein Herr Strongbow, seines Zeichens normannischer Raubritter, dessen Grabmal von den stürzenden Trümmern zerschlagen wurde. Da aber dieses Grabmal der Ort war, an dem die Dubliner Geschäftswelt ihre Verträge abschloss und ihre Eide schwur, musste schnellsten ein neuer toter Raubritter, also in Form eines Grabmals, her. Und so kommt es, dass man jetzt anderthalb tote normannische Ritter bewundern kann.

St. Patricks Kathedrale gefällt mir dann deutlich besser als Christchurch, wenn auch für meinen Geschmack zu viele Regimentsfahnen und Weltkriegsausstellung im Kirchenschiff zu sehen sind.

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Monsieur, der ja noch nicht viel von Dublin gesehen hatte, will dann noch zum Castle. Seine Frau kann ihm eigentlich nur davon abraten, aber der Mann will ja nicht hören. Also trappsen wir hoch zur Burg und können noch gerade einen Blick auf den Innenhof erhaschen, bevor die Tore geschlossen werden. Naja, und vom Castle sind es nur noch wenige Schritte bis zum Tempel Bar Bezirk.

Und da sind wir uns wieder beide einig, was der einzig wahre Abschluss unserer Dublin-Tage sein soll.

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Typisch Irland: keine Sonnen- sondern Regenschirme (off Eustace Street)

Dublin und noch Meer

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Postämter haben ja im Allgemeinen nicht so den Ruf, Hochburgen des Widerstands und der Revolte zu sein. Bis auf das GPO, das General Post Office, in Dublin natürlich. Heute Morgen bin ich den Spuren des Osteraufstandes nachgegangen. Mit sehr gemischten Gefühlen, muss ich ganz ehrlich gestehen. Das GPO selber – 1916 gerade eröffnet, von den Briten ein paar Tage später niedergebombt, danach wieder aufgebaut – ist ein prachtvolles Gebäude.

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Man kommt durch den Haupteingang in eine Halle mit Mahagoni-Schaltern, mit Schreibpulten in der Mitte, Bronzeleuchtern. Ich kann nur bewundern, wie schön die Briefmarken hier wohnen. Natürlich stelle ich mich an einem Schalter an, um die Marken für die Postkarten an Familie und Freunde zu kaufen. Ja, da bin ich ganz altmodisch, ich schreibe (- und erhalte!) gerne Postkarten. Rechterhand geht es dann zum Dokumentationszentrum – und da wird es ein bisschen schwierig. Natürlich stehe ich auf der Seite Irlands, auf dem Recht der Iren „a nation once again“ zu sein. Es gab Zeiten, da konnte ich die rebel songs – zwar unmusikalisch aber mit Überzeugung – mitsingen. Nur in diesem Center tue ich mich etwas schwer. Das liegt zum Teil daran, dass ich den Pathos und Patriotismus eher distanziert sehe. Während einige der älteren – der noch älteren! – Besucher doch sehr ergriffen den Film zu den Tagen um Ostern 1916 betrachten, sträuben sich mir bei vielen der verwendeten Phrasen doch etwas die Haare. Sicherlich gehören die Parolen und Aufrufe  in die Zeit, aber inzwischen klingen sie so unsäglich hohl und leer. Und dann passiert es mehrmals, dass der britische Kommandant mich doch etwas aus der Fassung bringt. Jedesmal, wenn die Irish Volunteers eine gut geplante Aktion erfolgreich durchführen, erklärt der Kommandant dies damit, dass das deutsche Agenten gewesen sein müssen, die die Organisation übernommen hätten. Denn nur die Deutschen und ihr Organisationstalent… Wie gesagt, irgendwann habe ich mich in diesem Center nicht mehr richtig wohl gefühlt. Das liegt dann zum anderen Teil daran, dass der gesamte obere Bereich des Dokumentationszentrum erstmal nur Souvenirshop ist. Naja, ich bin dann wieder hinaus auf die O’Connell-Street, um dem Vorschlag zu folgen, über die Moore Street den verzweifelten Fluchtversuch der Rebellen aus dem zerbombten GPO nachzuerleben und ein weiteres herzzerreißendes Zeugnis des Osteraufstandes zu sehen. Hätte ich mal besser nicht gemacht. Das Zeugnis ist wirklich herzzerreißend.

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Es ist der Brief eines Volunteers an seine Frau, der angeschossen und sterbend, in einem Torbogen darauf wartet, dass die Briten ihn finden. Allerdings ist die Bronzetafel mit der Kopie des Briefes in die Rückwand eines Industriekomplexes eingelassen, direkt neben den Abluftschächten der Anlage. Das bedeutet, dass man dort stehend und lesend, die Industrieabgase ins Gesicht geblasen kommt. Das hat mein „rebel heart“ nicht wirklich berühren können.

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Der Fairness halber habe ich mir dann nach dem GPO die Machtzentrale der anderen Seite angeschaut, Dublin Castle. Nicht ohne vorher am Parnell Heritage Grill Room vorbeizukommen. Armer Parnell! Wenn er wüsste, was da als sein Erbe verkauft wird.

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Dublin Castle ist eine seltsame Mischung aus Mittelalter und Regency. Ein paar mächtige mittelalterliche Türme, daneben elegante Regency-Architektur. In dem dicken Wehrturm saßen übrigens 4 Clan-Chefs in Gefangenschaft. Ihnen gelang die Flucht durch den Schacht der Plumpsklo. Sicher waren sie sehr froh darüber, aber genauso sicher haben sie wohl nicht gerne darüber geredet. Und wenn man ums Castle herumgeht, wird es richtig bunt. Ich habe noch nie eine so bunte Burg gesehen!

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Ungefähr um die Zeit zeigt Dublin mir, dass Sonnenschein und Regen keine Gegensätze sein müssen und es wird etwas ungemütlich. Höchste Zeit für ein nettes kleines Museum mit einem netten kleinen Museums-Café. Heute morgen beim Stöbern auf dem Stadtplan hatte ich ein Leprechaun-Museum gesehen, das hört sich doch ganz nett an. Aber wie das so ist mit den Leprechauns, wenn man sie sucht, bleiben sie unsichtbar. Nun, zur Not geht ja auch Café ohne Museum, da bin ich flexibel und plane kurz darauf bei einem Pot Tee und einem Sandwich meinen Nachmittag. Allerdings weiß ich nicht, wo die Straße zu finden sei. Der Kellner weiß es auch nicht und stellt die Frage im acht-Tische-Café in den Raum. Sekunden später steht ein distinguierter Anzugträger neben mir und zeigt mir auf meinem Stadtplan den Weg. Der schließt eine Überquerung der Liffey ein und die Nutzung von Dublins neuester „pride and joy“, der Luas,  dem light rail tram system mit ganzen zwei Strecken.

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Irgendwann sitze ich wieder im Bus zum Hotel und plötzlich überkommt mich der Wunsch, nicht mehr, sondern Meer zu sehen. Da trifft es sich ganz gut, dass die 46A nach Dun Laoghaire fährt. Einfacher geht es ja wohl nicht, nur sitzen bleiben und dann kommt das Meer schon. Was zuerst kommt, ist eine „genuine Irish traffic jam experience“ auf der ewig langen und nicht sehr vertrauenerweckend benannten Kill Avenue. Aber dann ist sie da, die irische See und ich freue mich, sie zu sehen. Ich nehme mal an, die irische See hat sich auch gefreut mich zu sehen. Ansonsten fand ich den Hafen von Dun Laoghaire eher unspektakulär. Trotz viktorianischem Eisenpavillion im Park und einem sehr Harry-Potterish anmutenden Eisenbahnstatiönchen. Was mich wirklich beeindruckt, ist die coole Gelassenheit mit der Busfahrer den riesigen Doppeldecker durch die winzigen Hafengässchen steuert.

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So, jetzt geht es gleich los. Mal schauen, was Dublin außer Postämtern und Wehrtürmen noch so zu bieten hat.

Bog(ey) men, Anna Livia Plurabelle und ein IPA

 

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Erich Kästner hatte schon Recht mit den Weisen auf Reisen und den Kneipen. Was haben wir nicht alles gelernt im Norseman im Tempel Bar Bezirk bei einen IPA. Erst darüber, dass Gewerkschaften im Augenblick nicht „flavour of the month“ sind. Trotz gestiegener Lebenskosten bei nicht gestiegenen Löhnen. Das nächste war Verkehr in und um Dublin im Allgemeinen und die Probleme der Dubliner Busfahrer im Besonderer. Dann ging es darum, was passiert, wenn ein Staatsbetrieb auf effizient macht. War wirklich sehr unterhaltsam und lehrreich. Und nachdem der Publican uns all das erzählt hat, habe ich dann auch noch gelernt, dass ein IPA, ein Irish Pale Ale, sozusagen als Bieressenz auf den Weg nach Indien geschickt wurde, um dort auf normale Bierstärke verdünnt zu werden.

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Das ist dann der Abschluss unseres ersten Nachmittages in Dublin. Unser Taxifahrer hatte uns auf de Weg vom Airport zum Hotel schon mal „guided tour“ im Vorüberfahren am Oscar-Wilde- und James Joyce-Denkmal geboten. Achja, das Customshouse lag auch noch an der Strecke zum Hotel. Danach haben wir halt so gemacht, was man als Tourist eben so macht. Also zuerst mal im Café des Archäologie-Museums einen Pot Tee bestellt, um uns für die gruseligen bog men, die Moorleichen zu stärken.

Dann durchs Trinity College geschlendert, wo man sich unter all den vielen Studenten wieder richtig jung fühlt. Bis einem an der Kasse zur „Book of Kells“-Ausstellung der Rentner-Bonus angeboten wird und man sich wieder richtig alt fühlt. Die Ausstellung ist schon sehr schön, aber was mich wirklich „high“ macht, ist die lange Bibliothek im Obergeschoss. Der Anblick, der Geruch der alten Bücher, die ganze Atmosphäre, das ist wie ein Glas Champagner. Und dann sind da noch die drei jungen Spanier, die ausgiebigst vor den Bücherschätzen posieren, um sich gegenseitig in möglichst intellektuellen Denkerposen zu fotografieren.

Anna Livia Plurabelle wollen wir natürlich auch noch besuchen, aber so um 17 Uhr sind die Uferquais der Liffey fest in der Hand des Berufsverkehrs, das ist  dann doch nicht so schön.

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Und eines muss ich Herrn Kästner doch nachtragen. Er hätte vor der Gefährlichkeit der Museen warnen müssen. Kurz vorm Archäologie-Museum drängt sich eine energische Dame resolut an mir vorbei und stößt mich vom Bürgersteig auf die Straße. Nun denkt man beim Stürzen wahrscheinlich nicht viel nach, aber irgendetwas in mir muss zu dem Entschluss gekommen sein, dass zwischen zwei Doppeldeckerbussen auf der Kildare Street zu landen nicht der ideale Anfang eines Dublin-Ausfluges ist. Die anschließende unsanfte Landung gegen Hauswand und Bürgersteig ist unangenehm genug. Fünf Leute reden auf mich ein, die Dame ohne das geringste Schuldbewusstsein, bis ich mich hochrappele.

Wie soll ich das jetzt sagen: gebrochen ist nichts, aber das schmerzhafte Ergebnis ist inzwischen sehr farbenfroh. Und wird dafür sorgen, dass ich morgen wohl eine Menge herumlaufen werde in Dublin. Denn mit gemütlich hinsetzen ist erst mal nichts.

Bergin oder Prophetin

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Das war meine erste Reaktion, als ich las, dass die Maya nach Speyer  kommen. Dieser Spruch vom Propheten und dem Berg. Fand ich unheimlich nett von den Maya zu uns zu kommen, da wir in absehbarer Zeit – wahrscheinlich – nicht sp4nach Südamerika kommen werden. Hinterher habe ich mich etwas geärgert, nicht über die Maya, über den Spruch. Denn, wie man es dreht und wendet, die Vergleiche sind wenig schmeichelhaft. Wer will schon als so überheblich und arrogant gelten, sich selbst als den Propheten zu sehen? Ich jedenfalls nicht. Wüsste gar nicht, was ich als Prophetin denn überhaupt so zu prophezeien hätte. Außerdem wäre es mir sicherlich unheimlich peinlich, wenn die eine oder andere Prophezeiung dann doch nicht einträfe. Und letztlich weiß man ja auch, dass der Job des Propheten oder der Prophetin nicht ganz ohne ist. Ich sage nur Kassandra oder Jonas.

Nööö, Prophetin bestimmt nicht. Aber dann der Berg sein? Das ist doch in diesem Fall auch nicht wirklich positiv. Groß und stark, ok, das geht ja noch – auch wenn das jetzt wenig nett an die noch verbliebenen, unheimlich anhänglichen Weihnachtskilo erinnert. Aber unbeweglich und erstarrt – das sind eigentlich Eigenschaften, mit denen ich mich nicht identifizieren (lassen) möchte.

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Gut, die Maya sind auch ohne Sprüche nach Speyer gekommen und wir dann auch. Am ersten schönen Tag des Monats, bei sagenhaften 15° und Sonnenschein, eigentlich gar kein Wetter für Museumsbesuche. Drinnen in der Maya- Ausstellung empfängt einen eine Mehrgenerationen-Schau. In jedem Raum gibt es zu den fantastischen Exponaten mehrere Angebote für Kinder, mal mehr spielerisch in Richtung Indiana Jones: Entdecke die verborgenen…, mal mehr mit pädagogischem Anspruch, wenn man Hieroglyphen zu Sätzen oder Scherben zu Bechern zusammensetzen soll. An diesem Wochen- und Schultag sehe ich keine Kinder im Museum, wohl aber vereinzelt ältere Herren, wie sie versonnen Scherben und Hieroglyphen-Steine hin- und herschieben. Einer steht lange vor dem Passbild-Automaten, die nachgebildete Jaguarkrone des Mayakönigs abwägend in der Hand. Dann liest er sich die Anleitung nochmals durch und stolpert über die Anrede: Liebe Kinder… Ich spüre richtig, wie schwer es ihm fällt, die Krone wieder zurück zu legen. Am liebsten hätte ich ihn aufgefordert, auf sein inneres Kind zu hören.

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Die Ausstellung ist sehr schön und unterhaltsam, vom Jaguar-Menschen im ersten Raum, über interaktive Spielereien im Modell einer Maya-Stadt, die die Universität Bonn gerade ausgräbt, zu den Grabstelen großer Könige. Allerdings steht an vielen Exponaten: Fundort unbekannt. Und da ist dann eine der beeindruckendsten Keramiken, Leihgabe des Ethnologischen Museums Berlin: ein Becher, auf dem Szenen die Gefangennahme gegnerischer Adliger zeigen. Den Herrschaften ist deutlich anzusehen, dass sie die Maya-Tradition der Menschenopfer kennen. Und dieser Becher heißt nun Berliner Kriegsvase, weil er ja ganz offensichtlich aus Berlin stammt. Oder man erfährt, dass von einer Hieroglyphen-Tafel nur der untere Teil zur Ausstellung kommt, da der obere Teil noch während der Ausgrabung geraubt wurde. Und langsam beschleicht mich der Verdacht, dass wir bei einer eventuellen Reise dorthin zwar die Ruinen der Städte zu sehen bekämen, die schönsten Exponate aber in europäischen oder nordamerikanischen Museen sind.

sp2Im letzten Raum wird versucht zu erkunden, was zum plötzlichen Verschwinden der Königsstädte der Maya führte und man kommt zu dem Schluss, dass es nicht Krankheiten oder Raubbau an der Natur waren, sondern exzessive Kriege untereinander.

Darin ist sicher eine nette Lehre für die Trumpeltiere in Washington oder anderswo versteckt. Allerdings bezweifle ich, dass diese Herren in solche Ausstellungen gehen. Oder meinen Blog lesen – was mir ehrlich gesagt auch gar nicht Recht wäre. Ja!

Jedes größere Museum verfügt auch über ein Museumscafé. (Es gibt Museen, bei denen ich mich noch im Detail an das Café, aber überhaupt nicht mehr an die Ausstellungen erinnere, wirklich peinlich!) In Speyer ist es der überdachte Innenhof, in dem man bei einer Tasse Kaffee den Faltplan hin- und herdrehen und die Ausgänge zu den anderen Sammlungen herausfinden kann. Römer, nööö, das ist jetzt nicht so dringend. Aber den keltischen Goldhut und die Bronzeräder in der Urgeschichte, die gönnen wir uns. Gegen den erheblichen Widerstand zweier in Felle gehüllter Neandertaler im Eingangsbereich, die jedes Mal, wenn Monsieur an ihnen vorbeigehen will, losblöken „Fass mich nicht an!“. Irgendwie gelingt es uns, sie weiträumig zu umgehen und da verlieren sie jedes Interesse an uns.

Urgeschichte ja, Römer nein und – weil Monsieur quengelt – dann auch noch das Weinmuseum. Ist nicht so überwältigend, aber das habe ich für mich behalten.

Und dann stehen wir im Sonnenschein vorm Dom. Vor Jahren haben wir unsere Kinder in die hervorragende Samurai-Ausstellung in Speyer gezwungen. Da mussten sie hinterher widerstrebend eingestehen, dass sie die auch toll fanden. Dass wir sie aber anschließend mit dem Mallory-Mount-Everest-Argument „Weil er eben da ist“ in den Dom genötigt haben, das nahmen sie uns dann doch übel.

So gönnen wir uns heute einmal Dom ohne Kinder – und eine authentische Mittelalter-Erfahrung. Der riesige Raum ist nämlich nicht geheizt. Und so mischt sich unter das „Oh, ist das schön!“ ein ganz prosaisches „Mensch, ist das kalt!“.sp3

Bad Kolbenz, die zweite

 

Ich muss da gerade mal etwas klar stellen: wir rennen natürlich nicht in jede romanische Kirche, die sich nicht schnell genug wegduckt. Manchmal sind es auch gotische. Barocke können von mir aus mit offenen Türen locken, da muss ich dann nicht hin.

Und genauso natürlich hat Koblenz mehr zu bieten als das Kloster im Nachbarort. Die Kirche zum Beispiel, in der die erste Teilung Deutschlands (die von 843) ausgehandelt wurde: Sankt Kastor. Dass die nun auch wieder romanisch ist, da kann sie ja nix für.

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Koblenz war lange Zeit eine vom Militär geprägte Stadt. Ich meine jetzt nicht die dominante Festung Ehrenbreitstein, sondern die Tatsache, dass ein ganzer Ring Kasernen die Stadt umzog, zum Teil noch aus der preußischen Zeit, zum Teil nach dem Krieg aufgebaut.

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Nach der Umstrukturierung der Bundeswehr in den letzten Jahrzehnten standen viele der Kasernen leer und Bund und Stadt suchten neue Möglichkeiten. Inzwischen sind sie zu Studentenwohnheimen für die Universität Koblenz umgebaut worden. Schwerter zu Lehrbüchern sozusagen, ein hübsche, eine hoffnungsvolle Entwicklung.

Eine ebenso außergewöhnliche Karriere machte der Truppenübungsplatz „Schmittenhöhe“ durch, ein riesiges Areal auf den rechten Rheinhöhen. Wochentags tobten hier die Panzer durch die Prärie, am Wochenende durfte die Zivilbevölkerung sich spazieren gehend darüber informieren, welche ein wandelnder Flurschaden so ein Panzer ist. Nach dem die Bundeswehr das Areal nicht mehr brauchte und nutzte, ergriff die Natur rasch ihre Chance und – um mal im Militärjargon zu bleiben – eroberte die zerwühlten, geschundenen, vernarbten Flächen zurück. Mit erstaunlicher Schnelligkeit entwickelte sich ein Gelände, auf dem Krieg und Tod geprobt wurden, zum Lebensraum für seltene Pflanzen und Tiere. Inzwischen ist die Schmittenhöhe ein NABU-Projekt. Statt Panzerspuren können  wir Tiere beobachten. Wobei ich zugeben muss, die Pferde bis jetzt auch nur im Prospekt gesehen zu haben.

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Bad Kolbenz an der Kolbe

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So tituliert mein Vater diese Stadt oft. Mit dem Argument, dass die ursprüngliche Kombination von „b“ und „l“ in Koblenz diesen Namen für Gebissträger schier unaussprechbar mache.

Nun liegt Bad Kolbenz aber mitnichten an der Kolbe, sondern am Rhein, dem Legenden-Umwobenen, dem Viel-Besungenen. Und an der Mosel, der Lieblichen. Und fast, fast auch noch an der Lahn. Große mächtige Flüsse haben starke Anziehungs- und Strahlkraft für mich Selbst so ein geschundenes Arbeitstier wie der Rhein. Begradigt, eingezwängt, verschmutzt, als Lasttier unters Joch gezwungen, bewahrt er Würde und Größe. Und manchmal, manchmal träumt er von der wilden Kraft seiner jungen Jahre und bäumt sich auf. Dann seufzen die Anwohner der ufernahen Stadtteile und greifen zu Schöpfeimer und Wasserpumpen. Was das Weihnachtshochwasser anschwemmt, sagt man in Koblenz, nimmt das Februarhochwasser wieder mit. Das Rheinwasser in den überfluteten Keller allerdings nicht. Dieses Jahr gibt es noch keine Anzeichen für das Februarhochwasser. Im Gegenteil, der Rhein hat einen außergewöhnlich niedrigen Pegelstand.

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Schinkels Idee einer Rheinburg: Schloss Stolzenfels

Wir schlendern den Rheinuferweg entlang. Ich weiß gar nicht, wie viele Kilometer ich schon auf diesem Weg gelaufen bin. Als Kind, beim sonntäglichen Spaziergang mit den Eltern, später als Jugendliche mit Freunden, um eben genau diesem Spaziergang zu entkommen, allein oder Hand in Hand mit Monsieur.  Wir laufen heute stromaufwärts Richtung Lahnmündung. Ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen, müssen wir doch unser vertrautes Koblenz verlassen, eine Stadtgrenze überqueren und uns auf das Stammesgebiet der Ubier wagen. Ein fremder, wilder Volksstamm, der seine Lager um die Lahnmündung herum aufgeschlagen hat. Schon die Römer wollten diese wilden Ubier im Auge behalten und stellten hier, an der nördlichsten Spitze der Lahnmündung einen Wachtturm hin. Ein paar Jahrhunderte später errichteten die inzwischen christiani- und zivilisierten Anwohner genau dort eine Kapelle und wiederum ein paar Jahrhunderte später begann man mit dem Bau der heutigen Johanneskirche.

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Das muss dann auch die Zeit gewesen sein, als ihnen klar wurde, dass es wohl doch nicht so schlau gewesen war, eine Kirche mitten hinein ins Überschwemmungsgebiet gleich zweier Flüsse zu bauen. Jedenfalls ist Sankt Johannes die einzige Kirche, die ich kenne, die einen hochwassersicheren Zweitaltar hat. Der Chor ist über die gesamte Breite und bis zur halben Höhe gefüllt mit mächtigen Basaltstufen, zwölf an der Zahl, die hinauf führen zu einer hochwassersicheren Plattform, etwa zwei, vielleicht drei Meter über dem Boden des Kirchenschiffes. Da ich nun leider mit einer überbordenden Fantasie ausgestattet bin, sehe ich sie sofort vor mir, die Mönche, die sich in ihrem kleinen Nachen aufmachen, um in der überfluteten Kirche die Mitternachtsmesse zu singen. (Sollen wir sagen, es ist die Weihnachtsmette? Oder ist das vielleicht doch zu kitschig?) Die tosenden Wasser des mächtigen Rheins haben die Kirche schon seit Stunden umspült, dabei die ebenfalls hoch angeschwollene Lahn zurückgestaut. Nun suchen, bahnen, finden die Wassermassen gemeinsam einen neuen Weg, entdecken eine Seitenpforte, die nicht richtig gesichert war und erstürzen sich ins Kirchenschiff. Wenig später steht die Kirche wie eine Insel in einem wilden Meer von Hochwasserstrudeln. Die Mönche in dem kleinen Boot rudern verzweifelt gegen die Strömung an, der Schein der Laterne im Bug hilft kaum gegen die Dunkelheit. (Eigentlich wollte ich jetzt noch ein Gewitter und einen Sturm einführen, aber das lasse ich dann mal. Die Mönche haben es eh schon schwer genug.) An der Pforte angekommen, gelingt es ihnen mit großer Mühe, das Boot aus der Strömung zu drehen und dann müssen sie sich sehr schnell sehr tief ducken. Es ist kaum eine Handbreit Luft zwischen Kahn und Türsturz. Im Inneren herrscht plötzlich so etwas wie Stille, das wilde Tosen der Flüsse wird zum dumpfen Summen, einziges Geräusch das Klatschen der Paddel, mit denen die Mönchen ihren Nachen vorwärts treiben. Der Nachen gleitet durchs Mittelschiff, gleitet über die Stelle, an der üblicherweise der Altar steht, stößt an die Basaltstufen. Die Mönche in Bug und Heck strecken die Hände aus und sichern den Kahn, die anderen stehen unsicher auf und raffen ihre Kutten über die Knie (und wehe, einer kichert jetzt). Ein Sprung und wenig später ertönen die ersten Harmonien eines gregorianischen Gesanges.

Ja, genauso könnte das gewesen sein. Oder so ähnlich. Oder ganz anders…

Meinem kleinen Bruder und mir wäre es natürlich nie in den Sinn gekommen, eine Kirchenbesichtigung als vollwertiges Ziel eines Sonntagnachmittagsspazierganges zu akzeptieren. Nein, da mussten unsere Eltern schon ganz andere Attraktionen bieten, um uns zu überreden. Einen Eisbecher in der „Rheinkrone“ etwa oder eine Runde Minigolf auf dem Platz, nur wenige Schritte vom Johanneskloster rheinabwärts. Meist war der Minigolfplatz unser erwähltes Ziel. Nach der Runde Minigolf konnte man manchmal doch noch ein Eis erquengeln. Umgekehrt klappte das fast nie.

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Nun weiß ich schon, dass – Achtung Klischee – in der Erinnerung alles größer, schöner, besser ist. Aber diese Erkenntnis schützt mich nicht vor der großen Enttäuschung, als ich jetzt am Minigolfplatz vorbeikomme. Wie trostlos und heruntergekommen wirkt das, was für uns einmal der Inbegriff sonntäglichen Freizeitvergnügens war. Aber bevor Nostalgie und Tristesse bedrückend zugreifen können, wirkt der große Fluss seine Magie und bringt mich zum Lachen, wenn auch nicht direkt in…

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Falsche Löwen und lachende Pferde