Kleines Update

… nach vier Tagen Regen

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London ist ein Mädchen

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Autokorrekt ist ja der Fluch unserer Zeit. Allerdings braucht es nicht immer einen Computer „to mess things up“. In diesem Fall sehe ich ihn direkt vor mir, den Vertreter der 50er Jahre, wie er die Bestellung des Bürgermeisters entgegen nimmt und sehr sorgfältig, Zungenspitze im Mundwinkel, mitbuchstabiert: rue – de – la – London. Und so kommt es, dass London in unserer Ecke Frankreichs ein Mädchen ist.

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Die Rue de la London führt zur source de l’Allondon, der Quelle der Allondon, unserem Lieblingsabenteuerspielplatz. Zu allen Jahreszeiten, wenn auch nicht zu jedem Wetter. Im Sommer mit Badesachen, im Winter eher nicht. Im Frühling dann die ersten Jahren mit mehren Sätzen Wechselwäsche, weil es meist keine Viertelstunde dauerte, bis das erste Kind zumindest vollgelaufene Gummistiefel hatte.

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In den ersten Jahren konnte man nach Regenfällen nie sicher sein, dass und wie man in das Tal einsteigen konnte, der Bach liebte es, Wegstücke und Brücken mitzunehmen auf seinem Trip zum Genfer See. Wobei „Brücke“ hier die falschen Bilder erweckt. Anfangs waren es zwei Betonstrommasten, nebeneinander über das Flüsschen gelegt, später folgten Holzstege. Die waren optisch sicherlich schöner, fielen aber regelmäßig dem natürlichen Verwitterungsprozess zum Opfer.

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Die Allondon bietet das volle Abenteuerprogramm: spielen am Bachufer, inklusive des Momentes, wo ein Kind dann etwas über Schwerkraft und Schwerpunkt bzw. die plötzliche Verlagerung des selben lernt, Staudamm bauen, planschen im Wasser. Wald zum Holzsuchen, Feuerstellen zum Grillen und alte Mühlenruinen zum Klettern und forschen. Sogar meine Archäologenseele findet ihr Glück, als wir einen Nachmittag lang im Ufersand Scherben einer großen Schüssel ausgraben. Weiter oben gibt es dann die Quelle, im Sommer ein kleines Loch in einem Bergkessel. Die Müller des 19. Jahrhunderts haben das Rund mit einer Mauer abgesperrt, so dass ein großer Mühlenteich entstand, von dem der Mühlenkanal abgeht. Die Zeit und die ungeheure Macht der Spätwinter-Allondon haben die Mauer stellenweise zerschlagen, so dass sich das Wasser in der Mitte der Mauer einen schäumenden Weg in das darunter liegende Flussbett sucht. Idealer Badeplatz für abenteuerlustige Kinder.

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Besonders spektakulär ist die Allondon nach heftigen Regenfällen oder wenn oberhalb auf dem Jura der Schnee schmilzt. Beides Bedingungen, die zum Jahreswechsel 17/18 gegeben sind.

So beschließen wir, unsern Kater spazieren zu führen und das Neue Jahr feuchtfröhlich zu begrüßen.

Und bringen Euch ein paar Bilder mit.

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Frieden auf Erden

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den Menschen, die guten Willens sind.

Diesen Nachsatz finde ich so unheimlich tröstlich. Guten Willens bin ich nämlich meistens, auch wenn mir gelegentlich der Verdacht kommt, dass mein guter Wille vielleicht nicht gut genug oder schlichtweg nicht genug genug ist. Meist, wenn mein Lästerwille sich heimlich aus dem Hinterhalt anschleicht. Andrerseits ist das mit dem Lästern – bei allem guten Willen – oft einfach nur Notwehr.

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Ich fahre von den Weihnachtseinkäufen nach Hause, die Hauptverkehrswege sind verstopft, also geht es über die Dörfer am Jurarand. Dort werde ich plötzlich geblendet, verwirrt, abgelenkt durch ein Lichterspektakel.

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Zwei Nachbarn im Deko-Rausch, wahrscheinlich auch noch mit starkem Konkurrenzdenken, machen die Nacht zum Tage. Ich bin viel zu schnell vorbei und drehe am nächsten Kreisel eine Ehrenrunde, um mich zurückfahrend selbst zu überzeugen, dass ich da nicht einer weihnachtlichen Fata Morgana erlegen bin. Nein, es blinkt, es strahlt, es glitzert, eine wahre LED-Orgie. Wieder bin ich trotz Schritttempo viel zu schnell vorbei und dann bemerke ich etwas für Frankreich eigentlich Unvorstellbares: es kommt kein Kreisel. In einem Land, das den Kreisel zum Selbstzweck erhoben hat, fahre ich auf der engen Dorfstraße geradeaus ohne eine Möglichkeit zu wenden. Das Nachbardorf kommt und plötzlich ist da kein Gedanke mehr an umdrehen, denn rechts steht ein Haus im LED-Rausch.

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Ein paar Meter weiter hat jemand eine Rentier-Anflug-Pisten-Beleuchtung in seinen Garten gelegt. Der übernächste frönt dem Ansatz „Mehr ist mehr“. Ich taste mich von Deko zu Deko, bis ich am Ortsende vor der schwarzen Wand des Jurawaldes stehe und meine Augen sich erholen können.

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Auf dem Rückweg muss ich mir eingestehen, dass ich mich nicht getäuscht und mir alles nur eingebildet habe. Auch die exquisite Weihnachtsszene mit Nikolaus und Nikolöse (oder heißt das jetzt Nikolörin?) nicht, liebevoll gestaltet in einem Vorgarten der Nachbarschaft. Der bärtige Stalker im Hintergrund ist aber schon ein bisschen gruselig, oder?

Die Krippe, die macht mir richtig Angst, die hat schon viel von Stephen King.

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Zuhause angekommen, schildere ich das Gesehene. Da muss ich noch einmal losfahren, denn die Familie glaubt mir nicht und will das alles mit eigenen Augen sehen.

So geschehen vor ein paar Jahren. Und seither jedes Jahr wiederholt.

 

In diesem Sinne wünsche ich Euch ein frohes Weihnachtsfest und für 2018 Frieden auf Erden und ganz viel guten Willen.

Aber ein bisschen Lästern darf auch sein.

 

 

Ihr Vögelein kommet

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Vor Jahren, als unsere Kinder noch sehr klein waren, haben wir die Tradition des Tiere-Bescherens erdacht. Ein Elternteil packt am Heilig-Abend-Nachmittag vier Kinder winterlich warm ein, schnappt sich eine Tüte mit Äpfeln, Karotten, Nüssen und Sonnenblumenkernen und zieht los in den Wald. Auf der von unseren Kindern so getauften „Häschen-in-der-Grube-Wiese“ werden Karotten und Äpfel ausgelegt, auf der dito Frederiks-Wiese Nüsse und Kerne in der Bruchsteinmauer versteckt. Wenn es dunkelt, kommen vier vergnügte und gut gelüftete Kinder nach Hause, wo der andere Elternteil letzte Hand an die Weihnachtsvorbereitung oder schlichtweg mal die Beine hoch gelegt hat.

Inzwischen sind es meist unsere erwachsenen Kinder, die uns am Heilig-Abend-Nachmittag aus der gemütlich-warmen Stube in den Wald locken mit der Tradition des Tiere-Bescherens.

Das Bescheren der Vögel wird deshalb auf die Terrasse verlegt, viel gemütlicher, user friendly und so. Die Pergola wird mit Tannenzweigen und diese mit Christbaumkugeln, Meisenknödeln und Äpfeln geschmückt, dazwischen wird das Vogelhäuschen gehängt. Dann heißt es: Ihr Kinderlein Vögelein kommet.

Sie kommen, in Scharen:

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Der jurassische Kaltfußfink, der nach drei trippelnden Schritten im Schnee einen Fuß zum Wärmen hoch zieht ins Bauchgefieder.

Der Specht, der sich etwas schwer tut.

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Der Kleiber, der erstmal seinen üblichen Ansatz, Kopf nach unten, ausprobiert und dann ein bisschen herumturnen muss, bis er, Kopf nach oben, vor der Futteröffnung sitzt.

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Die Meisenschar, die uns die Identifikation schwer macht. Ist das nun eine Punk-Meise, eine versumpfte Weidenmeise oder was?

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Die Distelfinken in Banden von zehn, zwölf Vögeln, die vor lauter Streiten und Zanken fast nicht zum Fressen kommen.

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Unten am Boden die eine oder andere schwerfällige Amsel, die in den Resten herumpickt.

Das ist schon ein faszinierendes Schauspiel, das sich vor unserer Terrassentür abspielt. Drinnen ist das Schauspiel auch nicht schlecht. Vor der Tür sitzt die Katze, im Jagdfieber, und maunzt mit den Vögeln, sie sollten doch mal näher kommen, noch ein bisschen näher kommen, nur ein kleines bisschen mehr.

Und dahinter, gleiches Jagdfieber, gleiche Bitte, Monsieur mit der Kamera.

Freitags gibt es immer Fisch

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Heute, Mittwoch, auch, allerdings nicht auf dem Teller, sondern im Aquatis in Lausanne. Genau genommen Lausanne Ausfahrt Vennes, rue de Berne. Das kennen wir, das ist einfach, das schaffen wir auch ohne Navi. Stimmt. Fast. Wir stehen in Lausanne an der Ampel, sehen direkt vor uns rechts den beeindruckenden Rundbau des Aquariums und biegen folgerichtig rechts ab. Merken diesen einen Augenblick zu spät, dass dies nicht die Aquatis-Zu- sondern die Autobahnauffahrt ist. Unser Navi zeigt Größe, meckert weder, dass es das schon hätte kommen sehen, noch gibt es wenig hilfreiche Ratschläge zum möglichen Wenden. Also fahren wir eine Extrarunde zur nächsten Ausfahrt und stehen zehn Minuten später wieder an obiger Ampel. Da wir in Maßen lernfähig sind, klappt das diesmal mit der richtigen Einfahrt.

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Wie war das noch mit der Evolution?

Der Eingangsbereich des Aquariums ist mit diesen Menschenmassenleitbarrieren zugestellt, die wir aber ignorieren und auf dem direktesten Weg zur Kasse frech umgehen. Dort merken wir, dass drei besetzte Kassen bei zwei potentiellen Besuchern vor uns in der Schweiz noch lange kein Garant sind, sofort seinen Eintritt bezahlen zu können. Der Betreuungsaufwand der Familie und des Paares vor uns ist sehr hoch und es dauert und dauert. Harmoniepausen mehrerer Familienmitglieder kommen und gehen, unsere Jacken und Taschen sind schon längst in Schließfächern verstaut, als Monsieur endlich unsere Tickets lösen kann, zum stolzen Preis von 29 CHF, pro Person, nicht pro Familie.

Dann – Achtung Kalauer – tauchen wir ein in die Welt des Aquatis. Sanftes Licht, riesige Becken und auf dem Boden, an den Wänden viele Spiegel mit sehr spannenden Effekten. Mir fällt zuerst der Genfer See-Dampfer an der Decke auf, wie er – kopfüber hängend – durch das Wasser pflügt. Erst dann sehe ich sein – nun korrektes – Spiegelbild zu meinen Füßen. Das ganze umspielt mit Unterwasserlauten und leider eher störenden „Erklärstationen“, die ihr Wissen für meinen Geschmack viel zu laut in den Raum plärren. Dramatische Gletscher-Zuwachs- und Schrumpfszenarien, die obligatorische Reise eines Wassertropfens, nichts wirklich Neues, bis ich zum Genfer See Tsunami komme. Um 560 blockiert ein Bergsturz die Rhonemündung am Ostende des Sees, das Wasser staut und staut sich auf, bis es zur Katastrophe kommt. Der natürliche Damm bricht und schiebt eine meterhohe Wasser- und Schlammlawine vor sich her, die alle Siedlungen am Ostufer überschwemmt. Selbst im fast 100 km entfernten Genf ist die Welle noch an die zehn Meter hoch, bricht über die Stadtmauer und tötet viele Menschen. Das klingt alles sehr dramatisch, kann ich aber als „Geschichte“ abtun, ist zum Glück ja schon sehr lange her. Bis dann im Schlusssatz die Warnung Schweizer Geologen kommt, dass sich so etwas jederzeit, jederzeit! wiederholen könne. Da bin ich dann doch froh, dass wir uns kein Seegrundstück haben leisten können und in die Berge gezogen sind.

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Die Erklärerei konzentriert sich zum Glück auf die ersten Räume, danach wird es ruhiger, richtig kontemplativ. Vor den raumgroßen Glaswänden habe ich fast den Eindruck, selber meditativ mit zu schwimmen. Ab und an kommt so ein großer Schatten dann doch erschreckend schnell erschreckend nah, aber im Kopf weiß ich ja, dass ich nicht zum Beuteschema gehören würde. Bis zu dem Becken mit den Piranhas, an dem gleich mehrere Schilder davor warnen, die Hände von oben ins Becken zu tauchen.

Aquatis ist nicht nur Aquarium sondern auch Vivarium. Einige der Glasvitrinen haben dann schon etwas von „Findet Walter“. Neben dem Kasten hängen Bild und Namen der Bewohner, sei es nun Frosch, Salamander, Schlange oder Kröte. Und dann fängt das Suchen an. Knallbunte Frösche machen es einem einfach, aber einige der Tierchen sind schon verflixt gut getarnt. Dass eine der besser getarnten schwarzen Vipern sich fast unsichtbar in die Abdeckungsschlitze der Lüftung presst, ist schon ein bisschen unheimlich. Noch unheimlicher ist das große Krokodil, dessen Augen ich zuerst fast nicht wahrnehme und dessen beeindruckende Größe ich erst sehe beim Blick unter den Wasserspiegel. Die Mangusten, die im Wüstensand der Nachbarvitrine spielen, scheinen sich davon nicht einschüchtern zu lassen. Und das, obwohl es einen Gang zwischen beiden Vivarien gibt und das Krokodil die Mangusten jagen und fressen könnte, wie ein Vater seinen zwei kleinen Mädchen zeigt: „Wow! Cool!“, ist deren Reaktion. Und das finde ich dann richtig unheimlich.

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Der Höhepunkt unseres über zweistündigen Besuches ist aber eher unfreiwilliger Art. Im großen Gehege des Komodo-Warans sieht man – zwei Männer. Es ist nicht ganz klar, ob sie Tierpfleger oder Hausmeister sind. Jedenfalls sind sie dabei mit Akkuschrauber und Brecheisen die Deko zu demontieren. Kein Waran weit und breit. Es stellt sich heraus, dass der Waran es irgendwie geschafft hat, sich hinter die Holzverkleidung zu bugsieren und nun dort kopfüber festsitzt. Ab und an peitscht eine Schwanzspitze durch ein Fenster, ansonsten sieht man nur die zwei Männer, wie sie sich verbiegen und verkrümmen, um ziehend, schiebend, drückend 70 kg Waran aus dieser misslichen Lage zu befreien. Irgendwann kracht es und die Echse plumpst auf den Boden, bleibt benommen stehe und dreht dann den Kopf zu ihren Rettern. Die mit – sorry – affenartiger Geschwindigkeit hinter einer Schutzwand verschwinden. Von dort zielt der eine mit einem Schlauch auf das Tier, das erst den Guss genießt und sich dann schüttelnd in Bewegung setzt. Als die Pfleger zufrieden sind, dass er sich unverletzt fortbewegen kann, kommen sie aus ihrem Versteck und kümmern sich darum, dass der Waran nun wirklich nicht mehr hinter die Verkleidung klettern kann.

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Wie jedes Museum, jeder Zoo hat das Aquatis auch einen Shop, strategisch günstig vor dem Ausgang. Da bin ich dann wirklich froh, dass unsere Kinder inzwischen erwachsen sind. Sonst wären wir hier sicher nicht ohne einen rosa Plüschpiranha herausgekommen.

 

 

 

Kein Weihnachtsmarkt ist auch schön

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Irgendwie hat das nicht geklappt mit uns und den Mailänder Weihnachtsmärkten. Ist aber überhaupt nicht schlimm, wir hatten bei der Suche, der vergeblichen Suche viel Spaß. Das einzige was mir wirklich Leid tut, ist die Tatsache, dass wir den musikalischen Adventskalender am Rathaus nicht erleben konnten. Ich hatte gelesen, dass sich am Abend ein Fenster öffnet und ein Musiker ein kleines Konzert gibt. Jeden Abend kommt ein weiterer Musiker dazu, so dass am Heiligen Abend ein kleines Orchester spielt. Wir sind pünktlich am Rathausplatz, wo sich auch schon eine recht festlich gekleidete Menge einfindet. Aber um 18:00 öffnet sich kein Fenster, kein Musiker erscheint. Was sich öffnet, ist eine kleine Tür in einem Kupfer verkleideten Rund auf dem Vorplatz, aus dem ein sehr abstrakter Weihnachtsbaum wächst. Die Menge applaudiert, eine Dame verschwindet hinter der Tür und kurz darauf erleuchtet der seltsame Baum in seltsamsten Farben, vom Applaus der Menge umtost. Tja, und so haben wir – ohne es zu wollen – der offiziellen Eröffnung des Bulgari-Weihnachtsbaumes beigewohnt.

Heute Morgen wird der offizielle Weihnachtsmarkt der Stadt eröffnet, vor dem Castello. Weihnachtsmarkt am frühen Morgen ist ja nicht so richtig stimmungsvoll, aber die einzige Alternative, da unser Zug um halb eins fährt. Wir fahren wieder mit den charmanten alten Wagen der Linie 1, wo der Fahrer nach jedem Bremsen das Schwungrad noch mal kurz nachziehen muss. Für drei Haltestellen scheint das ein vertretbares Risiko zu sein.

Heute ist Feiertag in Mailand und halb Mailand auf dem Weg, so dass meine Bedenken, dass wir ganz allein zwischen verwaisten Ständen wären, schon mal hinfällig sind. Der Markt ist dann zur Hälfte Fressmarkt, zur Hälfte Flohmarkt mit ein paar weihnachtlich dekorierten Ständen. Besser hätte es ja gar nicht sein können. Und als ich schließlich an einem Stand ein lang gesuchtes Geschenk für einen Freund finde – sogar mit richtigem Monogramm – wird dieser Weihnachtsmarkt zum vollen Erfolg.

Dann müssen wir am Hauptbahnhof nur noch im Hinterkopf behalten, dass „Genova“ nicht der italienische Namen für Genève ist. Das hat uns schon einmal auf einer italienischen Autobahn etliche Kilometer Umweg gekostet. Dass unser Schnellzug dann streckenweise zum Stehzug wird, ist nicht halb so störend wie die dauernde Telefonierei einiger Mitpassagiere. Wenn ich für jedes „actually, I’m on the train“ fünf Franken bekommen hätte, könnte ich Euch alle zum Kaffee einladen – zu SBB-Preisen.

Drei Tage strahlender Wintersonnenschein in Mailand werden durch Regen in Genf abgelöst, besser als umgekehrt. Im Briefkasten liegt dann auch das Päckchen mit dem Reiseführer für Mailand, das es nicht mehr rechtzeitig vor unserer Abfahrt zu uns geschafft hat.

Das alles lässt nur einen Schluss zu: wir werden noch einmal nach Mailand reisen.

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Adopt a gargoyle!

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Nein, ich möchte das nicht! Habe ich auch laut und deutlich gesagt. Trotzdem steuert Monsieur erstmal auf den Nordturm mit dem Treppenaufgang zum Dach des Domes zu. Angeblich weil es da die Tickets gibt. Bevor er aber irgendetwas sagen kann, hält uns ein Soldat auf und bedauert, dass der Zugang zum Domdach noch gesperrt sei, Raureif, Glatteis, jedenfalls zu gefährlich. Hah! Und Karten gäbe es hier auch nicht, sondern nur auf der anderen Seite des Domes, Doppel-Hah! Da, wo im Südturm auch der Lift hoch zum Dach fährt. Dreifach – ach, lassen wir das.

Wir spielen das Wartespiel. Der Platz vor der Domtreppe ist weitläufig abgesperrt, Gitter leiten – nicht existende – Schlangen zur Treppe. Kein Mensch ist zu sehen, aber Morgen ist ein wichtiger Mailänder Feiertag und da erwarten sie wohl den Ansturm der Massen. Jedenfalls muss man weit vorne durch eine erste Kontrolle, nachdem man das andere Wartespiel im Ticketcenter des Domes durchgespielt hat. Ich schicke Monsieur los ins Ticketcenter – reicht ja, wenn einer sich in der Schlange langweilt – und genieße den Sonnenschein vor den Absperrgittern. Bewundere die Controlletti, die gleichbleibend höflich in drei Sprachen immer wieder wiederholen: nein, ohne Ticket kommt man hier nicht rein, nein das Ticket gäbe es nicht hier, ja, dahinten das Haus mit den blauen Fahnen… Und wieder jemand, der das Wartespiel mitspielt.

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Monsieur kommt mit den Tickets und wir dürfen zum nächsten Level des Wartespiels aufsteigen, die Treppen hoch und vor dem Portal abwarten, bis alle vor uns durch die Sicherheitskontrolle sind. So Auge in Auge mit der Domfassade fällt mir auf, dass da für einen grundkatholischen Dom doch erstaunlich viel nacktes Fleisch zu sehen ist. Putten halten ihre nackten Popöchen und andere Körperteilchen in den eisigen Wind, heldenhafte Damen und Herren in Gewändern, die eher an griechische Tempelfriese erinnern, feiern die reine Körperlichkeit. Alles von großer heiterer Schönheit, bis man zum Portal selbst kommt. Die Monsterputten, die da auf mich herabschauen, könnten nahe Verwandte von Chucky, der Mörderpuppe sein. Gruselig! Der Typ vor mir hält die Kontrolle auf, weil er es nicht schafft, eine so einfache Ansage wie die, alle metallischen Gegenstände aus den Taschen zu nehmen, zu befolgen. Ich schüttele den Kopf über so viel Schusseligkeit, bis ich dann mit roten Ohren das Eurostück aus der Jackentasche fischen muss, das wohl vom letzten Einkaufswagen noch darin wohnt. Und dann dürfen wir endlich den Dom betreten. Direkt vor mir eine Spendenbox für den Erhalt des Daches. Manche Leute spenden ja für herrenlose Tiere, ich spende für die Wasserspeier. Das sind meine absoluten Lieblingstiere. Pflegeleicht, anspruchslos, haaren nicht, dingsen nicht in anderer Leute Gärten, wie gesagt, ideale Haustiere. Ich kann nur bewundern mit welch selbstloser Sturheit sie ihren Job erledigen, jahraus, jahrein und das bei jedem Wetter! Jeder sollte so einen herrenlosen Wasserspeier adoptieren. Monsieur sieht mir dabei zu, wie ich mein Geld versenke und schaut sich um: „Wo kann man spenden, um die schrecklichen Bilder abhängen zu lassen?“

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Der ganze Raumeindruck der Kathedrale geht flöten durch die riesigen Schinken, die zwischen den Säulen zu den Seitenschiffen hängen. Aber ich fürchte, da hat Monsieur keine Chancen. Also lassen wir Sichtachse Sichtachse sein und gehen weiter zum Chor. Die Glasfenster sind dann eine Herausforderung. Ich verliebe mich sofort in das unglaubliche Blau. Die Vielfalt der Szenen aus dem Neuen Testament sind überwältigend, muten bei aller kunstvollen Gestaltung aber fast wie ein Bibel-Comic an. Im Chor steht dann eine Kopie der Marienstatue, die die oberste Spitze des Domes schmückt. Ich bin heute etwas respektlos-lästerlich unterwegs und würde in einem anderen Kontext die Sternen bekränzte Damen ja für die Schutzheilige der EU halten, aber hier kommt kein Zweifel an ihrer Identität auf.

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Monsieur brummelt immer noch über sein fehlendes Raumerlebnis, höchste Zeit, dass ich ihn ablenke. Also geht es in den Untergrund, wo die Fundamente so vieler Kirchen sich überlagern, zerschneiden, kreuzen, dass wir jegliche Orientierung verlieren. Als wir wieder auftauchen aus dem Labyrinth, geht es uns besser, aber wir sind immer noch ein bisschen grummelig-lästerlich. Es fehlt das Aaaah-Erlebnis. Da trifft es sich, dass das Dach inzwischen freigegeben ist. Der Südturm ist immer noch gesperrt, aber im Nordturm gibt es neben der Treppe auch einen Aufzug, was Monsieur natürlich wusste. Also fahren wir hoch zu den Terrassen und da ist dann Schluss mit Grummeln und Lästern. Da sind dann nur noch reines Staunen und Freuen. Und Wasserspeier. Der eine zieht die Leffzen zu einem schiefen Begrüßungsgrinsen hoch, der andere wackelt kurz mit dem Ohr.

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Hier tobt sich die schiere überbordende Gestaltungsfreude aus. Die formvollendeten gotischen Spitzen und Bögen sind das eine, aber die Freude am Detail ist, was mich berührt. Wer kommt denn auf die Idee, hier oben in eine Ecke zwischen Spannbogen und Türmchen einen steinernen Rebstock zu pflanzen? Doch nur jemand, der Freude an seiner Arbeit und ihren Herausforderungen hat. Ich bin begeistert.

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Monsieur grinst nur. Er weiß, was mich ein gutes Hundert Treppenstufen weiter oben erwartet. Von der im Schatten liegenden Nordterrasse in den glänzenden Sonnenschein des Daches hochzusteigen, bringt dann diesen Ahhh-Effekt, dieses Gefühl, dass etwas tief in dir weit und licht wird. Dieser Ahhh-Effekt kann auch nicht gestört werden durch die Selfie-Spezialisten und Duckface-Grimassierer, die den Dom nur als schmückendes Beiwerk zur Selbstdarstellung nutzen. Das Einzige was wirklich nervtötend ist, ist der Sänger, der sich vorm Rinascente seiner Tätigkeit hingibt. Bewaffnet mit einer Verstärkeranlage, die selbst das Dach des Domes noch umtost mit seinen Darbietungen. Er foltert John Lennons Imagine, er foltert Leonard Cohens Halleluja, er quält sich und uns mit Elvis Presley- und Sinatra-Songs.

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Das ist dann auch der Grund, weshalb wir vom Domplatz fliehen, nachdem wir dann doch zu Fuß die fast 300 Stufen nach unten genommen haben. Der eigentliche Plan, auf der Dachterrasse des Rinascente, Auge in Auge mit den Wasserspeiern, einen Apéro zu nehmen, verliert jegliche Anziehungskraft durch diese Folter.

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Stattdessen gönnen wir uns eine kurze Siesta, um dann mit einem Ausflug zu den Navigli auch Monsieur etwas Neues zu bieten in Mailand. Angeblich soll es da einen Weihnachtsmarkt geben. Gibt es nicht, dafür aber schön geschmückte Kanäle mit jeder Menge Lokalen. Die alle etwas der „tourist trap“ gleichen, in wir gestern Abend getrappst sind. Wäre abzusehen und vermeidbar gewesen, wird unter Lebenserfahrung und „passiert uns nicht noch mal!“ verbucht. Dafür gibt es heute Abend lokale Spezialitäten im Casa Lodi, einer Empfehlung unserer Führerin Lorella. Das Essen ist köstlich, die Bedienung freundlich, die Chefin ein wenig, aber nett verpeilt (sie verrechnet sich zwei mal zu unseren Gunsten und wischt unseren Einwand jedes Mal weg). Zum Schluss beugt sich ein Herr im feinen Zwirn vom Nebentisch, bietet uns von seinem Wein an und fragt, wie wir denn von diesem Lokal erfahren hätten, das wäre doch selbst unter Milanesen ein Geheimtipp.

Also, merkt es Euch: Casa Lodi, Via Cappellari.

Aber sagt es bloß keinem weiter, ja?

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