Amsterdam by night

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Sagen wir mal in Anlehnung an Karl Valentin: Reisen ist schön, macht aber viel Arbeit.

Und ist gelegentlich ziemlich anstrengend.

Aufstehen um Viertel vor fünf, schnelles Frühstücken und noch schnelleres kurzes Aufräumen, schließlich wollen wir ja nicht, dass Marie Helène, die „maid“, uns in allzu schlechter Erinnerung behält.

Anderthalb Stunden über gnädig leere Straßen bis zum Flughafen. Unsere Mietwagenfirma schläft noch, der Kollege der Konkurrenz nimmt achselzuckend den Schlüssel entgegen, die kämen immer erst später.

Einschecken geht auch noch problemlos über die Bühne, aber das ist dann auch das letzte, was klappt an diesem Tag. Gut, der Flieger straft die eigene Online-Check-in-Seite Lügen, die uns vorgegaukelt hat, es wären nur noch ein paar Sitze – und die nicht zusammen – frei. Der ganze hintere Teil des Mittelfeldes ist leer. Fensterplätze, Viererreihen – alles noch zu haben. Wir flanieren unauffällig in diese Richtung, der Steward grinst, hebt die Hand, lauscht. „Boarding complete“ kommt von vorne, er nickt und es erinnert an den berühmten Konzertsaal-Sketch von Loriot. Von überall strömen die Platzwechsler heran und sichern sich bessere Sitze. Die sie dann erst einmal ausführlich auf dem Flugfeld genießen können. Beim Tanken habe es einen kleinen Unfall gegeben, Treibstoff sei ausgetreten, die Feuerwehr kümmere sich darum. Wir warten eine halbe Stunde, begleitet von Hinweisen, dass Rauchen und offenes Feuer ja sowieso an Bord verboten, im Augenblick aber noch viel „verbotenerer“ seien. Irgendwann fährt die Feuerwehr und der Bordingenieur kommt, weil jetzt etwas mit der Bordelektronik nicht stimmt. Letztendlich werden wir nach einer Stunde gebeten, doch bitte auszusteigen und ins Terminal zurückzukehren. Im allgemeinen Gebrummel und Geschimpfe höre ich hinter mir ein lapidares: „Besser sie merken das jetzt als über dem Ozean!“ Auch wieder wahr…

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Mit zwei Stunden Verspätung heben wir dann endlich ab. Wir machen uns noch nicht all zu viele Gedanken, der Flieger wird sicher eine Stunde wieder aufholen, da bleiben 40 Minuten zum Umsteigen, das sollte klappen.

Tatsächlich erhalten wir – und viele andere –  auf unsere Fragen die beruhigende Antwort, dass das Bodenpersonal informiert sei und sich um eine Lösung für die Passagiere mit Anschlussflügen kümmere.

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Wir kommen um 20:00 an, stehen in den Startlöchern, vierzig Minuten, das kennen wir, das können wir. In Wien, aus Armenien kommend, war es noch enger. Im Gang stand da jemand von Austrian Airlines mit einem Schild „Geneva“ und der Liste aller Passagiere nach Genf und schleuste uns über Priority lanes durch Pass- und Sicherheitskontrollen. Das einzig Beunruhigende war auf unsere Klappt-das-noch-Frage die Antwort: „Das geht sich aus!“ Keine Ahnung, ob das nun positiv oder negativ gemeint war, jedenfalls haben wir den Flieger bekommen.

In Amsterdam betreten wir die Gangway und das Chaos bricht los. Eine – eine einzige! – Air Mauritius-Mitarbeiterin steht dort und sagt ganz leise, dass alle Anschlussflüge umgebucht, alle Passagiere in Hotels gebucht seien und morgen früh weiterfliegen können. Wir sind perplex, zeigen unser Ticket, versichern, dass wir das schaffen. sie zuckt mit den Schultern, meint, selbst wenn wir es versuchen, unsere Plätze seien storniert, unsere Tickets für den 20:55-Flug ungültig. Langsam steigt der Geräuschpegel. Sie murmelt, dass die Passagiere mit Ziel Amsterdam doch bitte weitergehen sollten, nur die Transit-Passagiere sollten bleiben. Unser Großer, mit seinen 2,05 m so etwas wie der Fels in der Brandung, gibt das dann etwas lauter weiter.

Wir  bekommen die Gelegenheit, mit unseren Mitpassagieren richtig nette Beziehungen aufzubauen. Erst in der Gangway, wo uns klar wird, dass, ob Hamburg, Berlin, Genf, Lyon oder Marseille, wir jetzt alle nicht dahin fliegen werden, wo wir hin wollen. Danach am Gepäckband, wo wir unser eigentlich durchgechecktes Gepäck auf Trolleys hieven. (Unser Jüngster nimmt seinen Rucksack vom Gepäckband, verzichtet auf Genf und versucht seine  norddeutsche Uni-Stadt per Zug zu erreichen. Um sechs Uhr morgens kommt per Threema: Ich und Handy bei 1%, aber zuhause!) Dann an der Haltestelle des Hoteltransfers, wo Steigenberger für ein paar Hundert gestrandeter Passagiere einen 30-Sitzer schickt. Im Halbstundentakt. Für Mensch und Gepäck. Wir rechnen uns anhand der Hundertschaft vor uns aus, dass wir wohl noch anderthalb Stunden hier herumstehen müssten und entscheiden uns – bei völlig überlaufenem Taxistand – für den ÖPNV. Der fast leere Bus fährt durch die nächtlichen Außenbezirke Amsterdams und bringt uns zum Knotenpunkt Oost, genau gegenüber vom Hotel. So kommen wir zu ein bisschen Amsterdam by night, wenn auch sicherlich nicht das, was Touristen sonst so erwarten. Im Hotel treffen wir dann die „motley crew“ von Gangway und Busstand wieder. Es vergeht einige Zeit, bis die Dame an der Rezeption den Franzosen vor uns klar gemacht hat, dass „early breakfast from 4:00 on“ nicht heißt, dass sie für ihr 6:00-Shuttle um 4 Uhr frühstücken müssen. Irgendwann haben wir unsere Schlüsselkarte und den Gutschein zum „Stranded Dinner Buffet“. Das ist keine weitere Folge von „Lost“, sondern ein letzter Versuch von Air Mauritius, die gestrandeten Passagiere bei Laune zu halten.

Im Speisesaal treffen wir uns wieder. Die Familie mit den zwei kleinen Söhnen, die stolz erzählen, dass sie im Flugzeug und im Bus „gespuckt“ hätten. Der Mann, der auf den Versuch seiner Frau: „Schau mal, Schatz, dann können wir in Amsterdam übernachten!“ mit Verzweiflung antwortet: „Aber ich will hier gar nicht sein!“ Die Schwangere, die wir an der Air-Mauritus-Frau vorbeijoggen sahen und die uns nun erzählt, dass sie – zwei Minuten vor Abflug – durch die Flugzeugtür hechtete, nur um wieder auszusteigen, weil ihr Mann das ganz offensichtlich nicht geschafft hat.

We few, we happy few, we band of brothers…

And sisters, of course!

Cap pas si malheureux

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Letzte Tage haben bei uns zwei Tendenzen: entweder faul am Strand/Pool liegen oder noch mal so viel wie möglich zu sehen.

Zum Glück sind wir ja viele, da können wir uns das aufteilen.

„Die Top-Strände im Norden“ machen wir noch zusammen. Cap malheureux: Bilderbuch-Mauritius in Türkisblau. Cap malheureux, deshalb, weil ein Zyklon vor langer Zeit alle Häuser des kleinen Ortes in Meer hinaus riss. Erzählt der Händler mir. Monsieur dagegen erhält die (Reiseführer-) Version der gegen die Engländer verlorenen Schlacht. Wie auch immer, der Händler schafft es mir zwei Ketten zu verkaufen – Reine Handarbeit! Alles Naturmaterialien! Aber ja doch! – , ich schaffe es, ihm um 30 % von seinem „pour vous, madame, moitie prix!“ herunter zu handeln. Am Ende sind wir beide – „pas si malheureux“ – zufrieden mit dem Ergebnis.

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Ein paar Strände weiter bekundet die Mehrheit der Familie die Tendenz zur Faulheit und wird zum eigenen Haus und Strand zurück gebracht.

Monsieur dagegen lässt sich von seiner Tochter beschwatzen. Unter dem Vorwand: „Du liebst doch Blumen“, überredet sie ihn zur Fahrt nach Pamplemousse, dem berühmten botanischen Garten und zum Château d’Irgendwas aus dem 19. Jahrhundert.  Da weder Kolonialherrlichkeit noch 19. Jahrhundert so ganz mein Ding sind, klinke ich mich aus, versäume dadurch auch den Garten mit der anzüglichen Pflanze. Den lateinischen Namen finde ich sehr anschaulich, die Franzosen wissen wohl auch, an was sie das erinnert. Nur die Engländer denken sofort an – Erbsen. Na gut!

Nach dem Fledermausbaum sind Monsieur und Tochter dann ganz zerknirscht. Als ich die riesigen Fledermäuse eines Abends  an unserer Terrasse vorbeitaumeln sehe – fliegen ist nicht so ganz der passende Ausdruck -, erklärt meine Familie mich für ein bisschen blind. Das seien doch keine Fledermäuse, das seien Tauben oder andere Vögel, jedenfalls irgendetwas mit Federn. Ich bleibe bei Fledermaus, Flügelform, Flugmodus und so, trotz der ungläubigen Lästerer. Hach, schön, wenn man recht behält. Als kleine Genugtuung erhalte ich zumindest eine Art Entschuldigung, als die beiden zurück kommen.

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Verschärftes Kofferpacken ist angesagt, damit wir den Rest unseres letzten Tages unbeschwert genießen können.

Denn es geht zum Sundowner am Montchoisy Beach und danach zum Abschiedsessen an unserem letzten Tag in Mauritius.

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Fast KwT

Ich habe keine Lust, noch einmal ein paar Stunden auf der Straße zu verbringen und entscheide mich für Pool, Strand und Liegestuhl.

Deshalb Monsieurs Fotos ohne Kommentar,  (fast) kein weiterer Text.

Auf dem Weg nach Le Morne

 

Die Salinen in (in, nicht im!) Yemen

 

Im Black River Nationalpark

 

Viel Spaß!

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Im Süden

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Immer wieder sehen wir kleine Altäre am Straßenrand. Autofahren ist ein Alptraum. Wir sind in Namibia und Zypern mit Linksverkehr klar gekommen, daran liegt es nicht. Die Jungens haben sich eine Kite-Surf-Schule ausgesucht, die nun leider am sprichwörtlichen anderen Ende der Insel liegt, weil dort optimale Wind-, Wellen- und was weiß ich Bedingungen zusammentreffen. Google sagt, dass es 50 km bis dahin sind und schlägt vor, anderthalb Stunden dafür zu veranschlagen. Finden wir ein bisschen übertrieben, halten uns aber dran. Wir werden 2 1/4 Stunden brauchen. Das liegt nicht an unserem vorsichtigen Fahrstil, sondern – unter anderem – daran, dass in Port Louis morgens der Verkehr nicht per Ampel, sondern der Polizist geregelt wird. Für uns, beim Einfahren in die Inselhauptstadt prima, da halten sie im Kreisel alles von rechts Kommende auf, damit der zur Arbeit fahrende Verkehr Vorfahrt hat. Als wir aber eine Viertelstunde später im Süden aus der Stadt heraus wollen, stehen wir – gemessene! – elf Minuten an einer Kreuzung, weil drei Polizisten, sich unterhaltend, immer nur den anderen Fahrspuren frei geben. Nach sieben, acht Minuten geht das Hupkonzert los, einer der Polizisten blickt auf, hebt gelangweilt eine Hand und die knappe Hundertschaft Scooter, Mofas und Motorräder, die sich inzwischen durch die Autoschlange nach vorne gedrängelt hat, braust los. Bevor das erste Auto auf unserer Spur überhaupt reagieren kann, sehen wir schon wieder die Handfläche des Polizisten. Irgendwann – wie gesagt, nach elf Minuten – können wir endlich aus Port Louis heraus fahren, aber das heißt natürlich nicht, dass es wirklich zügig weiter geht. Eine Unmenge LKWs, Busse und andere langsame und überladene Fahrzeuge dienen als Straßensperre auf den kleinen und kleinsten Landstraßen auf dem Weg zur „Le Morne“-Landspitze. Sehen wir das mal positiv: es bleibt für die Mitfahrer viel Zeit, die beeindruckende Vulkanlandschaft zu bewundern und ab und zu einen Blick auf das türkisblaue Meer zu erhaschen.

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Als wir mit einer guten Dreiviertelstunde Verspätung am Treffpunkt ankommen, beruhigt der Surflehrer: alles kein Problem, bis vor 30 Minuten hätten sie eh keinen Wind gehabt.

Wir geben die Jungens ab und machen uns auf den Weg, die anderen Höhepunkte dieser Ecke der Insel zu erkunden: Les sept terres colorées, Chamarel-Wasserfall und den Blackriver Gorge. Mauritius ist eine lustige Mischung aus Englisch und Französisch. Faustregel ist: du benutzt immer die falsche Sprache. Fange ich mit Englisch an, antwortet das Gegenüber zögerlich und mit starkem Akzent und wir einigen uns auf Französisch. Beim nächsten Gesprächspartner ist es dann natürlich genau umgekehrt.

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Wir schrauben uns auf einer kleinen Straße in die Höhe, bis plötzlich die drei Autos vor uns einfach bremsen und stehen bleiben. Es stellt sich heraus, rechts ist ein ausgebauter „view point“, aber nirgendwo ein Parkplatz – also parkt man auf der Straße. Bis wir das verstanden habe, hat Monsieur schon die Autos „überholt“, da taucht rechts der Hinweis zum Panoramic view Restaurant auf. Wir biegen auf den – großen – Parkplatz, steigen aus und sind begeistert. Restaurant, Speisekarte, Blick, Atmosphäre, einfach wunderschön. Leider, leider alles schon ausgebucht. Die vier Busse, die wir nachmittags auf dem Rückweg auf dem Parkplatz sehen, erklären das. Aber einen Kaffee, selbstverständlich, gerne, bitte in der Lounge Area. Dort haben wir einen wunderschönen Blick auf die Bucht, die Ile aux bénitier, unterm Palmblätterdach, was bei dem einsetzenden Nieselregen besonders freut.

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Irgendwann reißen wir uns los aus den bequemen Sesseln und fahren ein paar Kilometer zum Eingang der nächsten Sehenswürdigkeiten. Die Sieben-Erden und der Wasserfall sind Privatgelände, deshalb muss man Eintritt bezahlen. Das Wetter spielt mit uns, kleine heftige Regenschauer wechseln sich ab mit strahlendem Sonnenschein, einzige Konstante ist der Wind. Der Wasserfall ist beeindruckend mit seinen Lava- und Erdeschichtungen, die Sieben-Erde eher ein bisschen überbewertet. Das Gebiet ist relativ klein und mit einem Laufsteg umgrenzt. Wir haben Glück und sehen sie einmal dunkel, nass vom Regen, dann können wir beobachten, wie sie abtrocknen und die Farbe ändern.

Das nächste Ziel ist eigentlich das Mare aux Vacoas, ein See im Urwald mit großer Tiervielfalt. Aber je weiter wir uns in den Black River National Park hinwagen, desto deutlicher wird, dass unsere Zeitplanung einfach viel zu europäisch war. Irgendwann sehen wir ein, dass das Mare einfach nicht in unseren Zeitrahmen passt, da taucht rechterhand der Black River Gorge View Point auf und den nehmen wir dann gerne an. Der Weg zum View Point ist kurz, muss aber doppelt gemacht werden, weil ein plötzlicher, sehr heftiger Regenguss uns zurück zum Auto und den Regenjacken zwingt.

Dann stehen wir, umzingelt von Affen, und starren hinab in die Schlucht.

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Eine Stunde später treffen wir die Jungens am Strand und gönnen uns – „pied dans l’eau“ -Doradenfilet und gegrillte Gambas. Schließlich müssen wir uns stärken für die stundenlange Rückfahrt.

Das Essen ist gut, die „Show-Einlage“ besser!

Zuhause gibt es erst einmal eine kleine Siesta, dann machen die Kinder sich ans Werk.

Eine Stunde später sitzen wir nudelsatt und -glücklich um den riesigen, massiven Esstisch und schauen mit amüsierter Neugier einer winzigen Ameise zu, wie sie einen Parmesankrümel über die Tischplatte hievt.

 

Luxus? Was ist schon Luxus?

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Mir ist nicht ganz wohl beim späten Anflug auf Mauritius. Habe wir nun wirklich einen Mietwagen? Haben wir ein Ferienhaus? Klappt das mit dem Linksverkehr?

Mietwagen-Voucher-Übergabe klappt hervorragend, aber dann gibt es den ersten Sand im Getriebe. Der Mietwagen selbst ist nicht der reservierte VW-Bus, sondern ein Sechssitzer, Stil Familienkutsche. VW-Bus sei aus, gäbe es nicht. Nun gut, wir sind nur zu fünft, das sollte reichen, auch mit Gepäck. Der Van ist ziemlich verkratzt, aber, hey, sollten wir einen weiteren Kratzer hinzufügen, wird der sicherlich nicht auffallen.

Wir sprechen dem Vermieter des Ferienhauses eine Mitteilung auf die Mailbox, dass wir nun am Flughafen losfahren und stürzen uns in den Linksverkehr. Autobahn auf maurizisch heißt: alle paar Kilometer kommt ein Kreisel. Orientierung ist zunächst einfach: jedes Schild weist pauschal nach „The North“. Um Port Louis herum wird es etwas knubbelig mit dem Verkehr und auf den Straßen um unser Ziel herum richtig abenteuerlich. Aber irgendwann finden wir das Anwesen, der Pförtner öffnet das Tor, zeigt uns den Weg zum Haus, wir sind angekommen.

Aus dem Schatten an der Tür tritt der Vermieter und öffnet uns ein wirklich umwerfendes Haus: 360 Quadratmeter auf zwei Ebenen, riesiger Wohnraum, durch Stufen in Wohn- und Essbereich geteilt, Glasfront mit Blick auf Swimmingpool und Palmen, direkt dahinter die Mauer mit Tor zum Strand. Der „Master-Bedroom“ geht über die ganze Breite des Hauses, das anschließende Badezimmer fast so groß wie unser Schlafzimmer zuhause. Die anderen Zimmer sind deutlich kleiner, aber ein jedes mit eigenem Bad, manche mit freistehender Badewanne. Jedes hat ein eigenes Farbschema und genau die gleiche „Kunst“ an der Wand, nur halt einmal in gelb, in orange und in blau. Wir grinsen uns zu, ja, ganz nett!

Im Laufe der nächsten Tage sollen wir feststellen, dass Warmduschen auf Mauritius nicht zum Luxus gehört, Licht in der Toilette wohl auch nicht. Dafür gibt es andere, durchaus luxuriöse Annehmlichkeiten. Zu dem Haus gehören nämlich die Dienste einer „maid“, die täglich 3 Stunden zum Aufräumen kommt, und einer Köchin. Die „maid“ akzeptieren wir gerne, die Köchin brauchen wir nicht. Die Kinder, nach 11 Tagen Carry doch etwas übersättigt, haben beschlossen, selbst zu kochen und schlagen als Erstes Spaghetti Carbonara und Saltimbocca vor. Klingt für mich nach Luxus pur.

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Aber nicht mehr heute Abend, es ist neun Uhr, alle sind zu müde. Der Vermieter schlägt ein Restaurant vor, drei Autominuten vom Haus entfernt. Bloß nicht zu Fuß gehen, kein Bürgersteig, viel zu gefährlich im Dunkeln, beim Fahrstil der Mauritianer. Wir beugen uns seiner Expertise und fahren kurz darauf bei La Guinguette vor. Trotz der späten Stunden sind sie glücklich uns zu sehen, auch wenn wir nicht ganz dem erwarteten Gäste-Profil entsprechen. Es ist nämlich „Single’s night“.

Nur einmal noch, Freunde

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Nadine warnt uns, die letzte Wanderung wäre „une vraie randonnée“, so als ob die anderen eher ein Spaziergang im Park gewesen sind. Also heißt es noch einmal die großen Wanderschuhe anziehen und die Stöcke schnappen – einige von uns. Die Wanderung ist wirklich nicht lang, hat es aber in sich. Was die kitzligen Stellen angeht, ja, aber besonders, was die Aussicht angeht. Nadine und Pascal fragen immer wieder, ob wir auch „genug“ Fotos  machen würden. Wir treffen alte Bekannte: da oben, das ist doch der Parkplatz, an dem die erste Wanderung losging. Ein paar Häuser von La Nouvelle schauen hinter einer Felsnase hervor, der Ort, wo wir im Gîte übernachtet haben.

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Da hinten, „Les trois Salazes“, die Felsformation, die gestern während der ganzen Wanderung auf uns herabgeschaut hat. Nach der Wanderung gab es noch ein Essen und eine Führung mit Mikhael, sozusagen das Kulturprogramm. Der Hüne von Mann führt uns zu seinen Linsenfeldern und zeigt uns, wie viel Arbeit ein so einfaches Gemüse wie Linsen bereitet. Wobei nicht die Aufzucht das Schwierige ist, das liegt vielmehr darin, auf der luftigen Höhe von 1200 Metern die immer hungrigen Vögel davon abzuhalten, erst die Linsensamen, dann die Keimlinge und ein paar Wochen später die reifen Früchte zu fressen.  Das Endergebnis, dürfen  wir – typisch kreolische Küche – als Linsen mit geräucherten Würstchen bei ihm probieren. Irgendwie kommt mir das bekannt vor…

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Die kleine Abschlusswanderung ist tatsächlich nicht ohne, dabei gehen wir die wirklich unangenehmen Stellen bergauf an. Es gibt so ein, zwei Momente der Fast-Panik, die Pascal schulterzuckend abtut: „Panik? Das hilft dir jetzt auch nicht weiter!“ Schließlich stehen wir oben auf dem Grat des Dos d’Ane, dem Eselsrücken, und haben freie Sicht nach zwei Seiten. Zum einen auf die Berge, die wir beim Aufstieg bewundern konnten, zum anderen auf die „Kornkammer“ und die Küste. Wie nicht anders zu erwarten, ist die Kornkammer mit ihren Gemüsefeldern unter Plastikfolie nicht sonderlich attraktiv. Da halten wir uns lieber an die Berge und den Rivière des Galets, tief unten im Tal.

Der Weg geht fast eben, aber manchmal nur 80 cm breit über den Rücken, dann beginnt der Abstieg. Viel sanfter und „langweiliger“ als der abenteuerliche Aufstieg, bringt er die uns entgegen kommenden Wanderer auch ganz schön ins Jappsen und Keuchen. Völlig fertig ist die ältere Inderin im durchgeschwitzten blauen Sportdress. Sie lässt sich schwer auf eine Bank fallen und stößt zu unserer aller Erheiterung ein von Herzen kommendes „Je ferais plutôt l’amour que la randonnée – Ich würde viel lieber Liebe als diese Wanderung machen!“ aus.

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Zurück im Hotel werden die Wanderschuhe gegen Strandschlappen getauscht.

Es zeigt sich, dass man auf La Réunion vieles, aber nicht alles haben kann.

Indischer Ozean – ja! Ohne Haie? Nein!

Tolle Brandung – ja! Ohne Riptide? Nein!

Badestrände – ja! Mit Brandung? Nein!

Unser Hotel liegt an einer Lagune. Das heißt vor langer Zeit haben freundliche – und inzwischen leider, leider abgestorbene – Korallen ein Riff gebaut. Die Brandung bricht sicht weit draußen an diesem Hindernis, das Wasser in der Lagune ist recht flach und ruhig. Dafür hält das Riff natürlich die Haie außen vor. An der einzigen Stelle, wo eine Bresche im Riff ist, sind große Hainetze gespannt. Richtig sportlich schwimmen ist ein bisschen schwierig, weil immer wieder große Korallentuffs bis kurz unter die Wasseroberfläche reichen, aber das ist ja auch nicht mein Ziel. Ein bisschen waten, schwimmen, im warmen Wasser dümplen und die bunten Fische um mich herum beobachten, das reicht mir vollkommen.

Unseren letzten Abend auf La Réunion verbringen wir in La Bobine, direkt am Strand. Vom Hotel aus sind es keine 20 Minuten am Meer entlang, meint Nadine, aber da wäre der „Ravine“, den es zu überqueren gälte. Ravines haben wir in den Bergen gesehen, die breiten, mit Felsen überstreuten Flussbette, die das Regenwasser der Zyklone zur Küste leiten. Dieser „Ravine“ ist ganze 40 cm breit und man müsste sich schon sehr anstrengen, nicht trockenen Fußes hinüber zu kommen.

Im La Bobine gibt Sundowner und kein Carry, dafür hervorragend gegrillten Fisch.

Auf dem Heimweg ist es natürlich stockdunkel, aber das macht nichts. Verlaufen können wir uns nicht: rechts das Meer, links der Sandstrand, laufen wir auf dem nassen Brandungsstreifen.

Und diesmal hat Pascal Unrecht: es ist flach!

 

Ein Katzensprung

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In Cilaos sind es sonnige 16° als Pascal mit uns „La route de la mort“ fährt zum Ausgangspunkt der heutigen Wanderung. Die Straße ist wirklich ein kleines bisschen beängstigend mit ihren engen Kurven, immer direkt am Steilhang. Die meisten fahren entspannt, nur einer muss sich unbedingt an uns vorbeidrängeln, ohne auf eine Ausweichoption zu warten. Wir hören ein bisschen, wie Pascal die Luft einzieht und „Bulbe mou!“ murmelt, die bisher heftigste Reaktion seinerseits auf dumme Fahrer. Das Erstaunlichste an dieser Straße ist aber nicht die Führung sondern die Tatsache, dass alle paar Kilometer eine Bushaltestelle auftaucht, die Strecke also von den knietschrosaroten Linienbussen der Insel befahren wird. Die Fahrer müssen Nerven wie Stahlseile haben.

Pascal lässt uns an so einer Haltestelle aussteigen, zeigt auf ein Auto, ein paar Hundert Meter oberhalb auf der anderen Seite des Tales. Da würde er uns wieder abholen. Für einen Vogel einen Katzensprung, wenn ich das mal so mischen darf. Für uns hinab ins Tal, über den kleinen Fluss und auf der anderen Seite wieder hoch, zwei Stunden, den Foto- und besonders den Paonia-Faktor eingerechnet. Dass es dann deutlich länger dauert, liegt nicht an meiner Langsamkeit sondern an der zauberhaften Schönheit des Tales. Der Abstieg ist steil aber kurz. Am Flüsschen angekommen ziehen Nadine und ich die Schuhe aus, andere versuchen es mit Schuhen und der Rest klettert mit Pascal etwas weiter oberhalb über die Felsen. Ich vertraue meinen Pass Nadine an, für den Fall, dass ich doch ausrutsche, aber alles klappt.

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Wir sitzen oberhalb des Wasserfalls in der Sonne. Ein ganz Mutiger traut sich von den Felsen ins eiskalte Wasser zu springen. Die Fotografen krabbeln durch die Felsen, um noch bessere Blickwinkel zu finden. Die Berge im Rücken, die Schlucht vor uns, genießen wir die wilde Schönheit. Irgendwie will man hier gar nicht weg, so großartig ist es.

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Der weitere Weg zum Bus bietet dann, je höher wir steigen, neue und andere Ausblicke auf das kleine Tal, aber die Atmosphäre ist natürlich eine andere.

Auf dem Rückweg gibt es noch ein kleines Schauspiel. Pascal hält in einer Kurve: am gegenüber liegenden Felsen macht sich eine Gruppe Waghalsiger fertig, einen 50 m hohen Wasserfall hinab zu gleiten, am Seil natürlich, aber selbst für uns aus der Ferne ein ziemlich abenteuerliches Unterfangen.

Danach heißt es für Pascal die Straße der 420 Kurven bis hinab an die Küste zu bewältigen, wo wir für die letzten Nächte in einem Strandhotel einquartiert sind. Auf der Strecke liegt an der Steilküste der „Souffleur“, ein Felsloch, durch das die Brandung geysirartig hochgedrückt wird. Unser Jüngster, der nicht richtig hingehört hat – oder vielleicht hungrig ist -, ist etwas enttäuscht, dass das „Souffle“ sich als nicht essbar erweist.

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Obwohl Pascal die Arbeit geleistet hat, sind wir auch ziemlich müde, als wir kurz vor Sonnenuntergang ankommen. Damit ist das weitere Programm klar: im Sand sitzen, der Sonne beim Untergehen zuschauen. Es gibt sogar noch einen Bonus: rechts taucht ein Walrücken und kurz darauf eine Fontäne auf.