Steile Lernkurve

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Ja, manchmal geht das ganz schnell. Von Null – ich weiß praktisch nichts über Neuenburg – auf hundert – ich bin mir 100% sicher, dass ich da nicht noch einmal hin möchte – in einem Vormittag.

Eigentliches Ziel ist das Latenium. Und auch das – muss ich sagen – ist etwas enttäuschend. Gut, dass ein archäologischer Park, idyllisch an einem Seeufer gelegen, bei 13° und Dauerregen nicht seinen ganzen Charme entfalten kann, ist uns schon bei der Anreise klar. Dabei habe ich den – laut Wetterbericht – einzigen trocknen Tag der Woche ausgewählt. Trocken ab elf Uhr. Deshalb beunruhigt mich der Regen beim Abfahren nicht richtig. Aber dann befragt Monsieur seine Lebensgefährtin und die verkündet mit unverhohlener Schadenfreude den Durchzug einer Regenfront inklusiver der gerade über oder vor uns zu erwartenden Wassermassen. Richtig fies finde ich, dass Monsieur es sich nicht nehmen lässt, dann auch noch Informationen wie „Lyon, strahlend blauer Himmel“ weiter zu geben. Wen interessiert so was?

Am Museum kommen wir fast nicht nass an, links die Cafeteria, rechts die Kasse. First things first. Und so stehe ich neben der Kuchentheke, als ein kleiner Junge auf diese zustürzt, die Arme ausbreitet, auf die Glasscheibe legt und voller Entzücken ausruft: „Und all das darf ich essen?“ – „Nein, nur ein Stück davon!“ sagt sein großer Bruder. Rumms! Ende Entzücken.

n6Das Museum empfinde ich als hochwertige Mogelpackung. Warum nennt man es Latenium und verkauft einem dann einen Trip 5000 Jahre rückwärts? Wenn ich in ein Latenium gehe, brauche ich keine romanischen Kapitelle, Burganlagenmodelle und schon gar nicht römische Grabmäler.  Der Teil der Ausstellung, der sich mit der Latene-Kultur befasst, ist dann entsprechend klein. Darunter ein wirklich faszinierender Menhir mit menschlichen Zügen.

Aber bevor man wieder zum Ausgang darf, muss man sich noch einen Plastikhöhlenbären und seine Handvoll Zähne anschauen.

Als Museum zur Besiedlungsgeschichte des Neuenburger Sees ist die Ausstellung sicher interessant in ihrer Vielfältigkeit, auch für Kinder im Museum (s.o: Sommerferien bei 13° und Dauerregen) gibt es viele Angebote. Nur ich, ich bin enttäuscht und etwas verärgert. Am meisten aber mit mir selbst, dass ich auf einen berühmten Namen hereingefallen bin und mich vorher nicht ausreichend informiert habe.

 

Naja, und mit so einer Laune geht es dann nach Neuenburg selber. Im leichten Nieselregen durch die Stadt. Die Straßen sind leer und unbelebt, natürlich niemand in den Straßencafés. Wir laufen hoch zur Burg, ja, ganz nette Aussicht.

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Vor der Kollegiale auf dem Burgplatz stehen zwei Bänke, auf die angeblich Herr Balzac schon seinen Literatenpopo gesetzt hat. Aber die sind jetzt klatschnass und ich habe meinem Popo nicht das literarischen Vergnügen gegönnt, mit Herrn Balzacs Bank Bekanntschaft zu machen.

Natürlich gibt es hübsche Straßen und Ecken in der Stadt, und tolle Schokoladenläden. Trotzdem springt da irgendwie so gar kein Funke über, als wir durch die Stadt laufen.

 

Da seufzt Monsieur und schaut seine Frau an: „Jetzt müssen wir sicher noch nach Romainmôtier?“

Und wisst Ihr was: und in Romainmôtier scheint die Sonne.

 

 

 

 

 

Das üben wir noch mal, ja?

 

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Okay, es kann nicht immer alles klappen, aber das mit dem Daumen drücken für gutes Wetter, das hat nun sehr spektakulär nicht geklappt. Das üben wir noch mal, ja?

Ihr könntet Euch natürlich auf den Standpunkt stellen: Gesamtkunstwerk, Prelude, Einstimmen. Bei der Götterdämmerung oder dem Fliegenden Holländer würde ich auch sofort zustimmen! Aber doch nicht bei Carmen, ich bitte Euch.

Unser Prä-Oper-Dinner verläuft sehr schön. Es wird zwar zu jedem der vier Gänge eine andere Weinbegleitung vorgeschlagen, aber das haben wir dann doch weise auf ein einziges Glas Weißwein beschränkt, schließlich wäre es zu peinlich später beim Mitsingen erwischt zu werden. Die Kellnerin kann das auch viel leichter akzeptieren, als den Wunsch der Gästin schräg neben uns: Johannisbeersaft-Schorle.

Zum Nachtisch gibt es schon die ersten Sturmböen, aber wir gelangen – und mit uns fast 300 weitere festlich-fröhlich gestimmte Passagiere – noch trocken auf das Schiff, lustigerweise „unsere“ München vom Morgenausflug. Kaum hat das Schiff abgelegt, bricht ein derartiger Regensturm über uns hernieder, dass der Kapitän – nein „ich bin Ihr Schiffsführer“, wie er sich in einer beruhigenden Ansprache kurz darauf an uns wendet – sich entschließt nicht im Lindauer Hafenbecken zu drehen. Zu groß ist wohl die Gefahr, dass das Schiff breitseits von einer Böe erwischt und gegen die Hafenmauern gedrückt wird. Das Schiff kämpft sich also rückwärts aus der Einfahrt und da erfasst der Sturm es dann und schiebt es quer zur Fahrtrichtung mit einer solchen Geschwindigkeit Richtung Bregenz ab, dass plötzlich die Wasserpolizei neben uns auftaucht.

Regen stürzt über die Treppen aufs Deck, bis Personal kommt und – endlich – die Türen verschließt. Das hilft natürlich gegen den Regen. Fast überall. Denn plötzlich kommt der Regen an einer Stelle durch die Decke. Just an der Stelle, unter der eine Gruppe Mädels mit zwei Kartons Pizza ihr Prä-Oper-Dinner zelebrieren. Pizza Bodensee? Ich glaube nicht, dass sich das durchsetzt. Irgendwann scheint die Wasserpolizei überzeugt, dass unser Schiffsführer die Lage im Griff hat und dreht ab. Also nichts mit „Ausflugsdampfer treibt ziellos auf dem Bodensee – Passagiere organisieren Laien-Aufführung von Carmen“ als Schlagzeile des morgigen Lindauer Tagesblättchens. Mit gehöriger Verspätung erreichen wir den Anleger von Bad Schachen, wo weitere Opernfreunde warten, ziemlich durchnässt. Schließlich dreht das Schiff und nun geht es mit Volldampf Richtung Bregenz. Als wir zum dritten Mal für heute Abend an Lindau vorbei kommen, reißt der Himmel auf, der Regen stoppt und ein Regenbogen erscheint. Schon mal sehr positiv!

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In Bregenz legt unser Schiff – um 20:50! – direkt an der Seebühne an. Die Eintrittskarten werden kontrolliert und jeder Gast erhält eine Handvoll Papierhandtücher, um seinen Sitz trocken zu wischen. Im Gegensatz zu mir hat die Seebühne mit Regen gerechnet. Wir finden unsere Plätze und warten dann mit allen anderen noch kurz auf die Passagiere der „Graf Zeppelin“, die sich noch viel länger – Konstanz und Friedrichshafen – hat durch den Sturm kämpfen müssen. Dafür gab es da dann das Prä-Oper-Dinner an Bord, was ich mir bei dem Seegang auch nur mäßig lustig vorstelle.

Und dann beginnt die Magie. Fotografieren ist natürlich streng verboten, wer Bilder möchte, kann ja einfach mal bei YouTube nachschauen. Es ist umwerfend, der See ein Teil nicht nur der Kulisse, fast des Ensembles. Carmen rettet sich vor ihrer Verhaftung durch einen beherzten Delphinsprung in den See. Jeder auf der Tribüne – der das Programm gelesen hat – weiß das und doch geht ein kollektiver Aufschrei durch das Publikum. Im zweiten Akt tanzt eine Balletttruppe  auf den unteren Spielkarten. Während des Balletts verschwinden die Karten langsam im Wasser, bis Tänzer und Tänzerinnen durch fast 20 cm tiefes Wasser tanzen. Erst schwingen die langen Röcke der Tänzerinnen dadurch nur langsamer mit, aber als sie sich immer schneller drehen, heben sich die Säume aus dem Wasser und verteilen einen funkelnden Regen von Wassertropfen. Wunderschön!

A propos Regen: der spielt dann doch wieder mit. Irgendwann setzt er wieder ein. Erst so ein kleines „Ach, das ignorieren wir einfach“-Geniesel und dann aber richtig. Die nächsten Takte höre ich hauptsächlich das Rascheln der hastig übergezogenen Regenponchos. Und dann sitze ich warm, trocken und geborgen in meinem kleinen Kokon und bewundere aus vielen Gründen die Sänger und Tänzer im Regen und Sturm auf der Bühne. Aber besonders die Sängerinnen und Tänzerinnen. Der Sturm ist zeitweilig so stark, dass die Darstellerinnen in ihren voluminösen Kleidern sich richtig in den Wind lehnen müssen, um nicht weggeweht zu werden. Micaela (in diesem Fall ihre Stunt-Frau) klettert in diesem Sturm über die höchsten Karten in die Schlucht, um ihren José zu finden. Die Schmuggler und auch der Torero kommen in Booten über den wild bewegten See in die Schlucht. Bei schönem Wetter sicher nur halb so spannend!

Die letzte Szene spielen Carmen und José nicht am, sondern brusttief im See. Und ja – Spoiler-Alarm – Carmen wird von José im See ertränkt und das sehr, sehr realistisch. Und nein – ich weiß nicht, wie sie das getrickst haben.

Aber bis Ende August könnt ihr das noch selber herausfinden. Falls ihr das dieses Jahr nicht mehr schafft: 2018 geht Carmen in die zweite Saison.

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Was wollen Sie denn, Sie sind hier in Bayern!

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Jeden Morgen beim Frühstück beobachten wir das Ballett der Ausflugsschiffe. Wie sie über den See angerauscht kommen und vor der Hafeneinfahrt ausdauernd nebelhornen, um Standup-Paddler, Kanuten und kleinere Boote aus dem Weg zu scheuchen. Von unserer Terrasse gesehen aus ist da nicht mehr viel Platz zwischen Schiff und Hafenmauer rechts und links. Dann schiebt sich der Bug ziemlich passgenau in die rechte Hafenecke und der Austausch der Passagiere findet statt. Wenige Minuten später durchquirlen die Schrauben das Hafenbecken und das Schiff schiebt sich rückwärts in die Mitte, um dann da auf der Stelle zu drehen. Faszinierend.

Heute morgen stehen wir am Steg, als die „München“ sich in die Hafenecke schiebt und wenig später oben an Deck, als sie ihre Drehung vollführt. Die Fahrt nach Wasserburg ist recht kurz und erfüllt vom Schwäbisch der Familie hinter uns. Höhepunkt der schwäbische Triple: „Korbinian-le, komm Windel-le wechs-le!“

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Wasserburg selbst empfängt uns mit fast kitschiger bayerischer Postkartenschönheit, sogar der weißblaue Himmel ist perfekt. Die Zwiebelturmkirche überrascht mit barocken Deckengemälden von 1919. Ich hatte 1920er geschätzt, gar nicht so schlecht. Besonders hübsch sind drei Tafeln zu Bodensee-Gfrörnen, die sich mit viel Humor steigern. Die Erste berichtet um 1500, dass man zu Fuß über den See hätte laufen können, bei der zweiten um 1700 waren es dann schon Pferde und Fußgänger und die dritte in den 1960ern kann dann noch zusätzlich Rad- und Autofahrer anbieten. Sogar Flugzeuge wären von der Eisfläche gestartet. Es ist schwierig sich vorzustellen, wie man das bei einer vierten See- Gfrörnen in der Zukunft noch überbieten will.

Das kleine Kirchlein ist hübsch und schön kühl, aber doch recht klein. Zum Glück gibt es ja noch die Wasserburg selbst, die sich ganz unkriegerisch gibt und mit eine Terrasse direkt über dem Wasser lockt. Wir sitzen im Schatten unter einem großen Nussbaum und finden den Blick über den See viel interessanter als die Tafeln zur wechselhaften Geschichte, die sich hauptsächlich darum drehen, wer wem wann die Burg weggenommen hat. Endlich beschließen wir, hinüber zum Nonnenhorn zu schlendern und von dort – und nicht wie geplant von Wasserburg – die Rückfahrt per Bahn anzutreten. Das führt natürlich zu einem ungeheuren Zeitdruck, da das Bähnle dort ganze drei Minuten früher abfährt. Aber wir können mit Druck umgehen und unsere Zeitplanung ist so großzügig, dass sogar noch ein kurzes Bad im Bodensee drin ist – für die Messieurs, die daran gedacht hatten, Badesachen einzupacken. Wir Frauen können gönnen und bekommen als Belohnung ein besonders bizarr geformtes Stück Treibholz aus der „Brandungszone“ überreicht.

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Der Bahnhof von Nonnenhorn ist eindeutig schöner als der von Wusterlitz, aber ungefähr genauso belebt. Unsere Versuche, Fahrkarten zu ziehen, sind anfangs nicht von Erfolg gekrönt. Der Automat bestätigt uns, dass er zwar willens sei, aber erst mal aus seinem Schlafmodus (um 14 Uhr) hochfahren müsse. Als er nach einer Viertelstunde immer noch hochfährt und unser Zug sich langsam nähert, klopfen wir an der Tür des Bahnhofsvorstehers und schildern das Problem. Der meint nur: „Was wollen Sie denn, Sie sind hier in Bayern! Da läuft alles etwas langsamer!“, tritt aber an den Automaten. Und siehe da, als dieser die Stimme seines Herrn und Meisters hört, erwacht er tatsächlich zum Leben und wir können unsere Fahrkarten kaufen. Die zwei chinesischen Touristen, die unsere Aktion unauffällig aus dem Hintergrund beobachtet haben, dann auch.

Zurück bereiten wir uns auf eine Oper, die im heißen Sevilla spielt, im ebenfalls heißen Lindau mit einer echt spanischen Siesta vor. Der Rest ist wundervoll organisiert. Ab 18 Uhr gibt es im Hotel das Operndinner. Um 19:30 bringt uns das Opernschiff ohne Stau- und Parkplatzsorgen direkt an die Seebühne, kleiner Willkommensdrink inklusive. Und nach der Oper natürlich auch wieder zurück. Im Zimmer lagen bei unserer Ankunft schon Tragetaschen mit Sitzkissen bereit. Auch das mit dem Wetter scheint ganz gut zu klappen. Ganz kleines Gewitterrisiko bleibt bestehen. Ich glaube, ich werde die 3 Euro in einen Regenponcho investieren. Sicher ist sicher!

Oper ist…

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Die Seebühne, vom Pfänder aus gesehen

 

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen Andern erwählt;
Der Andre liebt eine Andre,
Und hat sich mit dieser vermählt.

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

 

Mit diesem Heine Gedicht kann man, glaube ich, ungefähr 75 Prozent aller Opernhandlungen zusammenfassen.  Manchmal noch mit dem Nachsatz: Und am Ende sind dann alle tot.

Spoiler-Alarm ist nicht notwendig, weil die Geschichte ja altbekannt ist. Und trotzdem habe ich mich geärgert, als während der Führung auf der Seebühne eine Frau fragt, wie sie das denn anstellen, die Carmen zu ertränken. Das hätte ich dann lieber nicht im Voraus gewusst. Die Führung selber ist faszinierend. Ein bisschen Geschichte zur Seebühne, eine Menge Zahlen zum Bühnenbild, von unserem Führer, eine Studenten, hübsch in Relation gesetzt. Die Bühne ist 30 Meter lang, 25 Meter hoch. Eine einzige der Karten wiegt 2,5 Tonnen. Und dann kommt: „Und sie ist 30 Quadratmeter groß und das ist doppelt so groß wie meine Studentenbude.“  Von der Tribüne mit 7000 Sitzplätzen geht es auf, d.h. hinter die Bühne und man sieht die Technik und Logistik hinter der Aufführung. Das Orchester sind die Wiener Philharmoniker, die hier seit Jahren sozusagen ihre Sommerfreizeit verbringen. Inzwischen sitzt das Orchester im Trocknen an Land und eine komplizierte Tonanlage sorgt für das Musikerleben im Freien. Dies geschieht zum einem, um die kostbaren Instrumente vor der feuchten Seeluft zu schützen, zum anderen aber auch, weil immer mal wieder Enten während der Aufführung neben dem Orchester „mitgesungen“ hätten. Unser Führer erzählt noch einige Anekdoten von ins Wasser gefallenen Hauptdarstellerinnen und Tauchereinsätzen, die das Publikum fast spannender als die Aufführung fand, erklärt, wie sie Pyrotechnik vor Regen und Seewasser schützen und entlässt uns dann mit den besten Wünschen für eine trockene Aufführung.

Drückt uns mal die Daumen für morgen.

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Das fängt schon mal gut an

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Jedes Jahr im Frühling holen die Schweizer Autobahnmeistereien ihre Eimerchen und Schäufelchen und Baggerchen aus dem Winterquartier und reißen ihre Autobahnen auf. Das muss irgendwie genetisch programiert sein, wie die Rückkehr der Zugvögel. Wenn die Tage wieder eine bestimmte Länge haben, hält sie nichts mehr, dann werden die Baustellen eingerichtet. Und so hangelt man sich dann ab dem Frühsommer von einer Baustelle zur anderen durch die Schweiz. Besonders berüchtigt ist die Dauerbaustelle am Gubristtunnel. Natürlich wissen wir, dass es da immer zu Staus kommt, natürlich hoffen wir, dass gerade heute… Ist aber nicht und so fahren wir heute eben über den Gubrist statt darunter durch.

Hinter Sankt Gallen sehen wir zum ersten Mal den See zu unseren Füßen liegen – in seiner schneeweißen Pracht. Ich glaube, ein agiler und ausdauernder junger Hüpfer könnte heute trocknen Fußes den See überqueren – indem er einfach von einem Segelboot zum anderen springt. Von unserem Blickwinkel sieht man nur die weißen Segel, das Wasser dazwischen ist fast nicht zu erkennen. Hinter Bregenz haben wir dann lange Zeit diesen ersten Eindruck zu korrigieren, denn die Seeuferstraße nach Lindau ist vom Ausflugsverkehr völlig überlastet.

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Aber wir schaffen es dann doch zur AAZ (Angestrebten AnkunftsZeit) auf die Seeterrasse unseres Hotels. Unsere Gastgeber erwarten uns schon. Diese Bodensee-Tage sind ein Geburtstagsgeschenk an mich. Und mitten hinein gebettet wie ein funkelndes Juwel, die „Carmen“ auf der Bregenzer Seebühne.

Doch der Kulturgenuss ist für später vorgesehen, augenblicklich stehen prosaischere Genüsse im Vordergrund. Es ist später Nachmittag und unser Frühstück heute morgen ist ein einsamer Joghurt gewesen. Ein griechischer zwar, aber das ist nun auch schon viele Stunden her. Da kommt eine Kellnerin mit einem großen Tablett mit sicher einem Dutzend Torten und Kuchen vorbei und ich bin kurz davor „Für mich bitte das Gleiche“ zu bestellen. Als sie dann mit einem frisch aufgefüllten Tablett vor unserem Tisch hält, bin ich aber brav und wähle nur einen Teller aus.

Der Kaffee dazu kommt und ich versenke genüsslich meine Gabel in der Himbeersahnetorte.

Kaffee und Kuchen auf der Seeterrasse – fängt schon mal gut an!

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All you can see

 

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Ich hasse es zu spät zu kommen, das ist mir wirklich unangenehm.

Diesmal ist es besonders peinlich, weil ein ganzes Schiff auf uns wartet.

Monsieur kennt Schiff (ein Genfer See Lastsegler von 1904) und Anlegestelle von früheren Ausflügen und so sind wir zehn Minuten vorm Auslaufen dort. Wir schon, aber das Schiff nicht. Wegen der Fêtes de Genève hat das Schiff seinen Ankerplatz verlegen müssen. Zum Glück sind wir nicht die einzigen Dummen und gemeinsam schaffen wir es, die Einladung nochmal aufzurufen, auf der auch eindeutig – mit Skizze! – die Anlegestelle im Port Noir eingezeichnet ist. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Was folgt, ist eine Viertelstunde joggen durch Jardin anglais, am Jet d’eau vorbei, das ganze bei knapp 30°. Die anderen versuchen ihr Glück mit dem Auto und schaffen es vor uns. Monsieur zeigt am Steg im Vorbeijoggen auf seine Frau, die den zwar nicht vom Protokoll, eher von meinen Lungenkapazitäten vorgeschriebenen Abstand einhält. Endlich erreiche ich mit hochrotem Kopf und ziemlich außer Atem das Schiff. So viel zum gepflegten Apéro in kühlem, weißem Leinen. Aber ich habe es geschafft und hinter mir wird die Landungsbrücke eingezogen.

Und dann gibt es „All you can see“ auf dem See.

 

 

 

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Der Nebel des Grauens äh Moléson

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Der Wetterbericht sagte: Wolken bis 8:00 und dann ab 17:00 wieder, dazwischen Sonnenschein. Fein! Vor 8:00 wollten wir eh nicht da sein und nach 17:00 längst schon wieder auf dem Heimweg.

Allerdings wird sich herausstellen, dass die Verlässlichkeit des Schweizer Wetterberichts auch nicht mehr das ist, was sie mal war. Vielleicht hat der Wetterbericht vergessen den Wolken Bescheid zu sagen, vielleicht wollten die Wolken dem Wetterbericht eins auswischen, jedenfalls sehen wir erst mal schwarz am Fuße des Moléson. Vielleicht nicht ganz schwarz, mehr so ein tiefes Nebelgrau.

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Aber Wandern ist ja, wenn man trotzdem lacht. Also werden Tickets gelöst und wir versichern uns immer wieder, bis wir da oben sind, hat die Sonne den Nebel und der Wind die Wolken vertrieben.

m4So richtig hoffnungsvoll steigen wir dann nicht mehr um aus der Eisenbahn in die Seilbahn. Direkt über uns verschwinden die Seile im grauen Nichts. Der Seilbahnführer kommt, legt irgendeinen Schalter um und die Seilbahn – tut gar nichts. Er betätigt ein paar mehr Schalter und wir warten jeden Moment auf die Ansage: Moléson heute nur zu Fuß, bitte alle aussteigen, da ruckelt es ein paar Mal und die Seilbahn zuckelt los. Ruckelnde Seilbahnfahrt ins neblige Nichts – da lässt sich doch bestimmt ein Katastrophenfilm zu drehen. Außer uns sind nur noch zwei weitere Wanderer, mit so einer kleinen Kampfratte, unterwegs. Wenn die Zombies aus dem Nebel des Grauens kommen, kriegen sie erst mal den Hund serviert und wir können in der Zeit irgendwie flüchten, im Nebel.

Aber bevor meine Fantasie so richtig in die Gänge kommt, ruckelt die Seilbahn zum Glück schon in die Bergstation ein und der Seilbahnführer verabschiedet uns mit einem betonten „Trozdem“ viel Spaß.

Spaß werden wir haben, Sicht allerdings keine. Wir machen uns auf den Weg, entlang des Höhenrückens. In weiser Voraussicht gibt es rechts und links des schmalen Grades Zäune. Wahrscheinlich um die Kühe von Dummheiten abzuhalten, aber auch in unserem Falle sehr hilfreich. In Ermangelung von Jungfrau und Eiger fotografiert Monsieur Blumenwiesen und alpine Blumenschätzchen. Wenn ich mir das so ansehe, hätten wir auch im Kurpark von Bad Dingenskirchen unsere Runden drehe können, Fotos wären ähnlich gewesen.

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Für unsere erste gemeinsame Bergwanderung hatte ich „etwas Leichtes“ ausgesucht, eigentlich sollte es nur bergab gehen. Mit einer kleinen Ausnahme, die Strecke entlang der Crête de Moléson dippt mal kurz auf 1600 m, um dann wieder mit der Teysachaux auf 1800 m zu steigen, bevor von dort ein relativ breiter Weg zur Talstation auf 1500 m führt. Was ich nicht so recht erkannt hatte beim Planen, was in natura aber all zu deutlich wird: dieser Aufstieg führt über einen steilen Felsgrat hoch und wieder hinunter. Und da wird mir doch sehr mulmig. Bevor ich aber so richtig in Panik fallen kann, hüllt eine dicke dunkle Wolke alles in dichten Nebel: Berg, Felsgrat, Weg und meine Angst. Nur den gelben Wegweiser etwas weiter unten im Tal, den sehen wir. Den Wegweiser mit der Alternativroute unten um die Teysachaux herum. Und wir beschließen, dass bei diesem Nebel der Berggrat viel zu gefährlich sei. Uff, noch mal Glück gehabt. Es wird irgendwie doch anstrengend genug. Zumal Monsieur dann irgendwann auf meine Frage nach den Kniebandagen gesteht, dass er alles Mögliche eingepackt habe, die aber nicht. Mit einem kleinen Rest Klebeband tape ich dann nur ein Knie, was das andere natürlich eifersüchtig macht.

Aber da müssen sie nun durch, meine Knie. Und sie tragen mich dann treu und brav, wenn auch unter Protest zur Gros-Plané-Alm und ihrer „Buvette“. Monsieur hat ein paar Schritte Vorsprung und als ich mich alleine die letzten Meter hochkämpfe, spannt ein Junge ein Seil quer über den Zugang zur Hütte. Noch liegt es nur 20 cm über dem Boden und ich rechne mir gute Chancen aus, meine Füße noch so hoch heben zu können, da zieht er es an und das Seil ist plötzlich auf Hüfthöhe. Ich schaue ihn an, er schaut mich an und strahlt: „Für Sie, Madame, mache ich natürlich noch einmal auf!“ Wahrscheinlich hat er die nackte Verzweiflung auf meinem Gesicht und die Schlagzeilen in der morgigen Zeitung gesehen: „Wanderin verhungert vor Almhütte, weil sie den Kuhzaun nicht (mehr) übersteigen konnte“. Und dann kommt sie,  die Pause mit wirklich herrlichem Bergquellwasser und Käsespezialitäten. Die Hütte ist fast ausgebucht mit Menschen, die Käsefondue (es sind nur 14° hier oben), Ofenschinken und Schweizer Fendant genießen, was uns doch wundert, angesichts der Wanderung. Wenig später sehen wir den gut gefüllten Parkplatz und wundern uns nicht mehr.

Von Gros-Plané ist es dann nur noch eine gemütliche halbe Stunde bis zur Zugstation.

Der Angestellte dort antwortet auf meine Frage, wann denn der nächste Zug gehe mit: In 20 Minuten. Bis ich dann ausgearbeitet habe, dass diese Information, gekoppelt mit dem Wissen, dass die Züge alle 20 Minuten fahren, eigentlich nur heißen kann, das gerade jetzt…, ist es fast zu spät. Wir stürzen durch die Türen, die Bahn jodelt „Liiiiii-oooo-baaa“ – jawohl, das ist das „Bitte zurückbleiben“-Signal – , die Türen schließen sich und wir tuckern mit einem genussvollen Seufzer nach unten. Wir sind sogar schon wieder so fit, dass wir Witze über die steile Talfahrt und unsere Knie machen können, bis mir dann die paar Treppenstufen am Ausgang des Bahnhofs zeigen, dass ich über meine Knie besser keine Witze machen sollte.

Monsieur findet die Wanderung so schön, dass er sie bei – wirklich! – gutem Wetter gerne noch einmal gehen möchte. Ich muss das jetzt erst einmal mit meinen Knien durchdiskutieren.

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