Ein- und auspacken

„Gut Ding will Weile haben“, sagt man. Ich weiß nicht, ob zweieinhalb Jahre noch als „Weile“ zählen, aber so lange ist der runde Geburtstag her, zu dem meine Freundin mir ein gemeinsames Essen schenkte, asiatisch, in Andernach. Zum Glück hatte sie kein Verfallsdatum auf den Gutschein geschrieben, denn es passiert, was so oft mit solchen Gutscheinen passiert: wir finden einfach keinen gemeinsamen Termin. Mal ist sie nicht in Koblenz, wenn wir hier sind, mal habe ich einfach keinen Abend frei. Mal ist das Restaurant ausgebucht oder hat Ruhetag. Das ist alles nicht schlimm und wir können bei jedem fehlgeschlagenen Versuch lachend spekulieren, woran es wohl beim nächsten Mal liegen mag, dass es nicht klappen wird.

Dann geschieht das Unerwartete und so sitzen wir an einen Zweiertisch im Yoso und ich kann mein Geschenk auspacken, sozusagen. Wir erhalten erst gekühlte Tücher für die Hände und dann eine Speisekarte von bestechender Einfachheit und Klarheit. Links einige wenige Vorschläge, inspiriert von Sarah Henkes Korea-Reise, rechts einige wenige Vorschläge, inspiriert vom Themenkreis der Vier Elemente. Wir lassen uns gerne inspirieren und es folgt ein graziles Ballett von Tellerchen und Schälchen, um uns auf die Aromen des Abends einzustimmen. Rosenblättrige Ingwerscheiben etwa oder knusprig gefüllte Wan-tans oder ein Mango-Kokos-Süppchen, das so scharf ist, dass sie ein Mango-Parfait dazu reichen, das den europäischen Gaumen wieder auf Betriebstemperatur herunterkühlen soll. Wir erhalten einen kleinen Gruß aus der Küche – geflämmter Saibling mit winzigen Gemüsewürfelchen – und am Nachbartisch bahnt sich ein Eclat an. Die vier Herrschaften hatten die Karte erst mit Erstaunen gelesen und dann mit verhaltenem, aber fühlbarem Unmut diskutiert. Dieser wird nun deutlich lauter dem Kellner gegenüber geäußert. Stühle werden demonstrativ nach hinten geschoben und die Vier stapfen in der Wolke ihres Unmutes aus der Tür. Ohne zu ahnen, dass sie gerade vier andere Menschen sehr glücklich gemacht haben. Denn eine andere Kellnerin ist schon am Telefon, wohl um potentiellen Gästen mitzuteilen, dass überraschend doch noch ein Vierertisch frei ist.

Unsere Teller erscheinen – wunderschön angerichtet – und gehen – leer – zurück und wir sind so rundum zufrieden, dass wir auf einen Nachtisch verzichten. Es kommt ein letzter süßer Abschiedsgruß aus der Küche – ein Mini-Lhassi, ein niedlich-kleines süßes Sushi und ein würfelzuckergroßes Stück Möhrenkuchen – und für mich die Erkenntnis, dass meine Freundin wohl nicht dichtgehalten hat. Sarah Henke bringt einen winzigen Napfkuchen mit – sehr taktvoll! – einer einzigen Kerze und gratuliert mir zum Geburtstag. Wir müssen sie lachend aufklären, welche Verquickung widriger Umstände dazu geführt hat, dass wir gerade einen Geburtstag feiern, der nun schon zweieinhalb Jahre zurückliegt. Das hindert sie natürlich nicht darin, mir ihr neues Korea-Kochbuch zu signieren, sozusagen als Geschenk zum Geschenk.

Wir leeren unsere Gläser – kühles deutsches Mineralwasser, damit nichts vom Geschmack der Speisen ablenkt – und es wird Zeit für mich, mein Geburtstageschenk liebevoll und sorgsam wieder einzupacken und im Gedächtnis zu verstauen: die Aromen und Texturen, die Gespräche und Erlebnisse, der Zauber dieses Abends.

Danke!

 

 

 

Aperol Spritz im Liegestuhl

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Der letzte Rückflug aus Berlin war mal wieder – eben typisch Berlin. Erst stehen wir über eine halbe Stunde an beim Check-out im Hotel, dann fährt uns am Spittelmarkt die U-Bahn vor der Nase weg und die nächste reicht nicht aus, die Regionalbahn nach Schönefeld noch zu bekommen. Das Taxi, das wir unerwartet schnell finden, steckt kurz darauf im Chaos rund um den Berliner Karneval der Kulturen fest und die letzte Alternative – auf der Autobahn recht weitläufig um die Stadt herum – ist zeitaufwändig. Der Taxifahrer versichert mehrmals, dass er uns den Umweg nicht berechnen wird, es sei seine Schuld, dass er nicht gleich an das Festival-Chaos gedacht und eine andere Route gewählt habe. Wir versichern ihm, dass die Taxikosten unsere geringste Sorge seien und alles bezahlt würde, solange er uns rechtzeitig zum Boarding in Schönefeld absetzt. Was klappt, wenn auch nur knapp.

Diesen Stress wollen wir uns in Aveiro nicht antun und planen großzügige Zeitreserven für die Fahrt zum Flughafen Porto ein. Das Taxi holt uns kurz vor 5:30 in der Dunkelheit ab und bringt uns mit viel Reserve zum Bahnhof und zum 5:54 Regio nach Porto Campanha. Dass der Fahrkartenschalter erst um 5:45 aufmacht, ist nur eine minimale Irritation. Ich bin die Erste in der sich rasch bildenden Schlange und kann mit den Karten auf Gleis 1 auftauchen, bevor Monsieur, der dort mit dem Koffer wartet, sich ernsthaft Sorgen zu machen beginnt. Selbst eine längere, eine zu lange Schlange wäre kein Problem gewesen, alles eingeplant. Der nächste Zug, der Alfa Pendular, kommt um 6:13. Da hätte ich allerdings meine Fahrkarten umtauschen müssen, weil der deutlich teurer ist. So viel haben wir inzwischen gelernt über Zugfahren in Portugal.

Um 7:23 spielt die Metro in Porto arktischer Winter und bläst allen eiskalten Wind ins Gesicht, woraufhin im Waggon allgemeines Geschniefe und Geschnüffel einsetzt.

Eine halbe Stunde später entlässt sie uns am Ziel, wo wir dann dank unserer großzügigen Planung zweieinhalb Stunden Zeit haben, die Schönheiten von Portos Airport zu genießen. In diesem Fall in Form von Milchkaffee und pasteis de nata. Schließlich haben wir um fünf Uhr nicht mehr gefrühstückt im Hotel. Und mit Butterhörnchen, die sie zwar Croissants nennen, die aber nichts, gar nichts mit einem Croissant gemein haben – außer einer vagen Ähnlichkeit in der Form.

Ungefähr genauso lange, zweieinhalb Stunden, braucht der Flieger bis zum Temperaturschock in Genf. Von knapp 16° um zehn Uhr in Porto auf über 30° am Nachmittag in Genf.

Unsere Katze ist nicht so wirklich überschwänglich glücklich uns wiederzusehen, dafür begrüßen uns die Passionsblumen mit einer ersten Blüte. Und ich hole nach dem Auspacken nach, wovon wir gestern am Ende der Wanderung geträumt haben: Aperol Spritz im Liegestuhl.

 

Ein bisschen lästerlich unterwegs

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Ein bisschen lästerlich ist mir schon zumute, als ich zum ersten Mal die Website des „Paiva-Walkway“ aufrufe. Sie sprechen von „unberührter“ Natur, ihre Anführungszeichen, nicht meine.

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Das wirft natürlich sofort eine Menge lästerlicher Fragen auf. Von den großen philosophischen: Existiert unberührte Natur überhaupt und an sich, wenn der Mensch nicht da ist sie zu sehen, sie zu ent-unberühren? Monsieur murmelt dann auch gleich etwas von Heisenbergscher Unschärferelation und dass wir allein durch unser Hinschauen schon Einfluss nehmen auf die unberührte Natur.  Über die pragmatischen Fragen: Ist es nicht tatsächlich besser, eine umkehrbare Holzkonstruktion in die unberührte Natur zu dübeln als einen Weg in den Felsen zu schlagen? Eine etwas sehr ökologisch bewegte Bekannte würde hier mit dramatischer Geste von der Vergewaltigung des Leibes der Mutter Erde sprechen, nun ja.

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Bis zu der letzten, der praktischen Frage: Wie komme ich da am besten hin?

Dass ich da hin will, das steht außerfrage.

Diese letzte Frage ist einfach zu beantworten: mit dem Taxi. Deutlich teurer als mit dem Zug, aber der einzig mögliche Weg und da wir zu viert sind, finanziell machbar. Zu den Fahrtkosten kommt noch der Eintritt, obwohl der mehr als Registrierungsgebühr verstanden wird, 2 € pro Person, auch siehe oben. Das dient der Statistik der Gemeinde, bei 2500 Anmeldungen pro Tag schließen sie den weiteren Zugang.

 

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Unser Taxifahrer versteht sich als Entertainer und unterhält uns mit Geschichten und Geschichtchen, so dass die anderthalb Stunden Fahrt schnell vorbeigehen.

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Dann stehen wir am Fuß der Walkways, vor der ersten Herausforderung. An die schiere, senkrechte Felswand haben sie einen Treppenturm gedübelt. 541 Stufen und einige Treppenabsätze, im Felsen verankert. Auf geht es! Oben angekommen habe ich zwar nur 539 gezählt, bin aber nicht bereit noch einmal von vorne anzufangen, um nachzuprüfen, wer sich da denn nun verzählt hat. Im Zweifelsfall sicherlich ich.

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Am oberen Ende wird es wieder lästerlich. Von der letzten Plattform geht der Blick tatsächlich über unberührte Natur, nach rechts. Links ist so ziemlich das Gegenteil zu sehen. In die ehemals unberührte Natur haben sie zwei riesige Betonbögen gesetzt, rechts und links der Paiva, zwischen die in naher Zukunft die längste Hängebrücke gespannt werden soll. Wie hoch ihr Anspruch ist – Portugals, Europas, der Welt? – steht auch da, habe ich aber schon wieder vergessen. Drumherum, zumindest auf unserer Seite, die Wunden, die solch ein Projekt der Natur schlägt. Geschotterte Anfahrtswege, Containerhäuschen, abgeladene Materialien. Dazu riesige Plakate, wie teuer das Gebilde wird (1,7 Millionen Euro) und mit wessen Unterstützung es finanziert wird. Die Bauzäune, die verhindern, das dumme Touristen aus Versehen die Schotterrampen statt des Holzsteges erwandern, tragen auch nicht gerade zur Schönheit der Natur bei.

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An einem dieser Häuschen steht dann – ganz in blau gekleidet – der Kontroletti, dem wir unsere Tickets hinhalten. Das finde ich auch wieder mit hohem Lästerpotential behaftet. Erst machen sie einen die 500plus Stufen hochklettern, um dann hier zu fragen: Darfst du überhaupt weitergehen? Was denn wäre, frage ich, wenn ich nun gerade jetzt feststelle, dass ich die Tickets im Hotel vergessen hätte (Bei Paonias nicht sooooo abwegig, wie das klingt). Er schaut auf sein Display und meint, dass das heute, bei 300 Anmeldungen, kein Problem sei, da würde er mir – für den doppelten Preis – Tickets verkaufen. Morgen, Samstag, bei erwarteten über 2000 Besuchern könnte das knapp werden. Wäre ich die 2501. Besucherin, hätte ich Pech gehabt und müsste unverrichteter Dinge wieder zurückgehen – alle 541 Stufen.

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Er scannt die Tickets und erklärt, dass sie am Ausgang wieder gescannt werden. Sollten am Abend weniger Menschen die Walkways verlassen als sie oben betreten haben, müsste der Kollege von oben den ganzen Weg abgehen und die verloren gegangenen Touristen finden. Was natürlich sofort Monsieurs Physiker-Kollegen zu der Frage provoziert, was sie denn täten, wenn unten zehn Menschen mehr … Aber den Witz scheint der Kontroletti zu kennen, er grinst nur und wünscht uns eine schöne Wanderung.

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Paonia unterwegs

Und die haben wir – ganz ohne lästerliche Gedanken. Nach weiteren 400 Treppenstufen bergab geht es entspannt über leicht schwingende Holzstege Richtung Ziel. Meist im Schatten der Bäume, die die ganze Wanderung leicht nach Hustenbonbon riechen lassen. Oft in der Sonne, was am Ende etwas anstrengend wird. Deshalb liegt unser Picknickplatz im Schatten eines Wasserfalls. Auf das Badevergnügen am Praia Fluvial do Vau verzichten wir. Es sind zwar recht wenige Menschen mit uns unterwegs – die 2500 auf der selben Strecke mögen wir uns erst gar nicht vorstellen -, aber hier knubbelt es sich ein bisschen. Gegen Ende des Weges kommen uns ein paar lästerliche Verbesserungsvorschläge, die sich hauptsächlich um Bänke und/oder Liegestühle, vorzugsweise in Kombination mit einem Aperol-Spritz, drehen, aber insgesamt ist es eine sehr schöne Wanderung .

Kühles Bier im kleinen Café am Ausgang und pünktliche Abholung inklusive.

 

Pilgerfahrt

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Der geniale David Lodge vergleicht in „Small world“ Konferenzen mit den Pilgerfahrten des Mittelalters. Während zu Chaucers Zeiten, sagt er, Menschen auf Pilgerschaft gingen, um für ihre Sünden zu büßen, würden heute Wissenschaftler auf Konferenzen fahren. Wo sie dann als Strafe für ihre Sünden gezwungen wären, den Konferenzbeiträgen ihrer Kollegen zuzuhören. Dieser Satz, besonders der Teil mit dem „um für ihre Sünden zu büßen“, kommt mir spontan in den Sinn, als der Hauptgang des Konferenzdinners aufgetragen wird.

Ich weiß nicht, ob oder wenn ja womit wir das verdient gehabt hätten, aber wir nehmen diese Hauptgericht gewordene Strafe in Demut an. Fällt nicht so ganz schwer nach dem ausgezeichneten Vorspeisenbüffet mit allerlei Fisch- und Krabbengetier. Auch das Nachspeisenbüffet danach ist eher versöhnlich. Keine Ahnung, was sich die Küche beim Hauptgang gedacht hat.

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Unsere „Pilgerfahrt“ ist bis dahin eher vergnüglich verlaufen. Ein blau-gelbes Boot tuckert mit uns durch die Lagune, deren Ufer uns ins Grübeln bringen. Sind die riesigen Schiffe dort am Ende ihres Schiffslebens angekommen? Ist das hier so etwas wie ein Friedhof gestrandeter Trawler? Erwarten sie ein zweites Leben in einem Trockendock? Oder gibt es tatsächlich Wagemutige, die sich mit einigen dieser Veteranen noch aufs Meer trauen?

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Am Ende der Lagune liegt Costa Nova, ein hübscher Fischerort mit buntgestreiften Häuschen. Costa Nova, das klingt nach Aufbruch, Neuanfang, Zukunft, ist aber Zeugnis eines großen ökologischen und ökonomischen Dramas. Hauptakteur und Bösewicht: der Atlantik und seine Stürme. In einer Winternacht Mitte der 1500er fegt ein Sturm mit solcher Gewalt über die Küste, dass er riesige Sandbänke vor die Bucht von Aveiro schiebt und somit den Zugang zum Meer verschließt. Eine ungeheure Wirtschaftskatastrophe für eine Stadt, die von Fischerei und Handel lebte. Hinzu kommt, dass im nun stagnierenden Wasser der vom Meer abgetrennten Bucht sich Moskitos ansiedeln und Krankheiten übertragen.

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Innerhalb weniger Jahrzehnte sinkt die Bevölkerung auf ein Fünftel ihres alten Standes. Fast drei Jahrhunderte brauchen die Menschen, um die Ideen und die Mittel zu entwickeln, einen Kanal durch die vorgelagerten Dünen zu stechen und sich den Zugang zum Meer zurückzuerobern. Dann läuft es wie so oft: erst kommen die Fischer und bauen ihre bunten Hütten auf der Landzunge, dann die ersten Touristen und einfache Hotels und schließlich die Reichen mit ihren Sommerfrische-Villen.

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Wir werden am Kai abgesetzt, durch den Fischmarkt geschleust, dann in Richtung Meer gedreht und frei gelassen. Das Frage&Antwort-Spiel zum Treffpunkt (am Busparkplatz da drüben, 19 Uhr) wird gefühlt von jedem einzelnen Konferenzteilnehmer gespielt.

Kurz darauf kann ich sie am Strand herumtollen sehen. Ganz Mutige springen sogar in die Wellen und der Allermutigste, der mit kraftvollen Zügen schon weit herausgeschwommen ist, wird von zwei sehr aufgeregten Bademeistern zurückgepfiffen.

Um 19 Uhr sitzen die meisten mit mehr oder weniger nassen Hosenbeinen im Bus. Die Veranstalter zählen durch (bei einem der letzten dieser Konferenzausflüge haben sie in Assisi einen Physiker vergessen), tatsächlich: drei fehlen. Ich bin mit einem Freund zum Bus gelaufen und schaue mich suchend um. In der Tat, dahinten, am Ende der Straße, steht Monsieur und fotografiert versunken ein Streifenhäuschen nach dem anderen. Wildes Gewinke setzt ein. Als sich die Bustür hinter Monsieur schließt, ist er sich keiner Schuld bewusst. Nicht nur das, wenn es eine Schuldige gäbe, wäre eindeutig ich das: „Du willst doch immer, dass ich Fotos für dich mache.“

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Okay, mit dieser Schuldzuweisung kann ich leben. Aber die Verantwortung für den Hauptgang, die lehne ich ab. Kategorisch!

 

 

 

Queen of procrastination

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Ich bin so etwas wie die „Queen of procrastination“. Der Satz: „Was du heute kannst besorgen, hat sicher auch noch Zeit bis übermorgen“ könnte von mir sein.

Coimbra wäre mein Untergang gewesen – als Studentin. Diese Universität hat so eine wunderbare Ausstrahlung, so eine mächtig-gelassene Sicherheit in ihrer Leuchtkraft, dass ich sicher jede Semesterarbeit, jede Prüfung bis zum Geht-nicht-mehr aufgeschoben hätte, nur um noch ein bisschen länger Teil zu haben an dieser Atmosphäre. Zum Glück habe ich an einer eher nüchtern-modern-langweiligen Uni studiert – im Zeitrahmen! -, wo die Ablenkungen eher von Monsieur als von der Strahlkraft der Alma Mater ausgingen.

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Ich stehe auf dem Platz hoch über dem Mondego, schließlich war dies einst eine muslimische Festung, dann der Königliche Palast, bevor die Professoren einzogen. Heute tagen sie nicht mehr im Großen Saal, aber die Universität lebt noch immer in den anderen Gebäuden. An alle ausgeschilderten Touristenwegen stehen große Tafeln, die die Touristen um Ruhe bitten, da heute Prüfungen seien. Die Prüflinge, die in bodenlangen schwarzen Capes durch die Gänge huschen, wirken zwar mehr wie Statisten für einen Harry-Potter-Film, sehen aber eher freudig aufgeregt als ängstlich bedrückt aus. Wahrscheinlich sind sie alle hervorragend vorbereitet – und das nicht auf den letzten Drücker. Inzwischen finden die Prüfungen wohl auch nicht mehr im Raum des Privaten Examens statt. Dieser Saal diente nicht der Erfindung des Privatpatienten, hier trafen sich Professor und Student unter Ausschluss der Öffentlichkeit, um zu prüfen, ob bzw. dass der Professor den Studenten ausreichend gefördert und ausgebildet hat.

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Beim strikten Fotografierverbot in der Bibliothek blieb mir nichts anderes übrig als eine Postkarte abzulichten…

Der Höhepunkt des Besuches ist natürlich die Bibliothek. Um die Bücher zu schonen, erhalten nur kleinere Gruppen in genau bemessenen Zeitfenstern Zutritt. Mein Fenster kommt in vierzig Minuten an die Reihe, Zeit noch ein paar Umwege zu laufen, die mich natürlich – mehr oder weniger zufällig – zu einem kleinen Café auf der Rückseite der Gebäude führen. In zerbrochene gotische Spitzbögen haben sie einen Glaskasten gesetzt, wunderschön und ziemlich scheußlich gleichzeitig. Die Bögen haben ihre geheimnisvolle Schönheit behalten, der Glaskasten ist durch Dreck und Vogelkot erblindet. Da muss ich meinen Platz schon sehr sorgfältig aussuchen und sehr selektiv meine Umgebung wahrnehmen, um die Illusion aufrecht zu erhalten nur unter dem Schutz des Gewölbes und unter freiem Himmel zu sitzen.

Der Besuch der Bibliothek ist auch so eine Mischung aus reiner Freude und Verärgerung. Verärgerung über die Gängelung: fünf Minuten in diesem Stockwerk, dann wird eine weitere Tür zum nächsten Stockwerk geöffnet, das wiederholt sich zweimal, bevor wir die eigentlichen Räume betreten dürfen. Hier ist es dann umgekehrt. Hier müssen wir zehn Minuten ausharren, weil der Ausgang erst danach geöffnet wird, obwohl einige darum bitten, doch schon früher ins Freie entlassen zu werden. Zehn Minuten sind nicht zu viel für diese barocke Pracht, auch wenn die Bibliothek mit der in Dublin nicht mithalten kann. Dafür hat Dublin keine Fledermäuse. Seit Umberto Ecco sind die nämlich fast genauso bekannt wie die Bibliothek selber und die Aufpasser – zwei in jedem Abschnitt, um das strikte Fotografierverbot durchzusetzen – beantworten geduldig alle Fragen in Richtung: „Nein, jetzt schlafen sie! – Ja, jeden Morgen müssen wir erst mal etwas wegkehren. – Ja, sie sind hier im Raum, aber man kann sie nicht sehen.“ Es heißt, dass die Universität die Fledermäuse in der Bibliothek duldet, da diese Büchermotten und andere Insekten jagen. Es heißt aber auch, dass die Fledermäuse und die Bücher ihr ganz eigenes Abkommen ausgehandelt haben.

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Der freundliche junge Mann im Tourist-Center hatte mir einen kleinen Stadtrundgang zusammengestellt und dem folge ich. Finde die großen Largos mit ihren aufwändigen Pflasterstein-Mosaiken eher langweilig, habe aber viel Spaß im Gewirr der kleinen Gässchen der Altstadt. Die tragen nicht immer einen Straßennamen, aber meine Annahme, dass bergrunter, Richtung Fluss, nicht ganz falsch sein kann, erweist sich als korrekt. Stehe irgendwann wieder vor dem Bahnhof, kontrolliere schnell, dass Comboios de Portugal hier die gleichen Aussagen zur Rückfahrt macht wie im Internet und falle wieder auf meine eigenen Vorurteile herein.

Im Tourist-Center in Porto, in Aveiro und in Coimbra hing dieses Poster. Halbzerfallene romanische Kirche im Mondschein. Sah traumhaft schön aus, einsam und verlassen, wahrscheinlich irgendwo auf einer Hochebene, mit ÖPNV nicht zu erreichen. Da umkringelt der junge Mann etwas auf der anderen Seite des Mondego und spricht die magischen Worte „Santa Clara a velha“. Und ich muss natürlich da hin. Ist dann nicht ganz, was ich erwartet habe, was nicht nur am fehlenden Mondschein, mittags um zwei Uhr, liegt. Der Weg ist mühsam. Zwar finde ich nach drei befragten Busfahrern einen, der nickt und mich vor dem Kloster absetzt. Von dort zeigt ein Wegweiser in eine Straße, der ich folge. Und folge und folge… Bis ich nach sieben, acht Minuten stehenbleibe, um auf dem Stadtplan zu kontrollieren, ob das wirklich… Da kommt aus der Bar hinter mir ein kleiner alter Mann, fragt „Santa Clara a velha?“, wedelt geradeaus, geradeaus, dann links. So wie er wedelt, ist das noch viel „geradeaus“. Es stellt sich heraus, dass es noch drei Blöcke sind, bis ich links abbiegend endlich zum ummauerten und eingezäunten Klostergelände komme.

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Das Kloster ist schon schön, aber nicht ganz, was ich erwartet habe, so direkt neben der Schnellstraße. Irgendwie stört es mich doch etwas, wenn beim Fotografieren des halbzerfallenen Chors hinter den Bögen die LKWs durchfahren. Und das ist schon der Chor der höhergelegten Version. Über die Jahrhunderte haben sie gelernt, lernen müssen, dass der Standort direkt am Fluss nicht die klügste Wahl war. Erst haben sie den Altar im Chor immer mal wieder ein paar Stufen höher gesetzt, bis sie um das 18. Jahrhundert in fünf Meter Höhe eine Zwischendecke eingezogen haben, um ab da nur noch die „Oberkirche“ zu nutzen, weil die darunterliegende wohl inzwischen permanent unter Wasser stand. Es gibt auch moderne Fotos von Archäologen, die im Boot zwischen den Säulenresten paddeln, ich kann mich allerdings trockenen Fußes im Gelände bewegen.

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MeerZurück in Aveiro sind wir zu einem besonderen Abend eingeladen. Eine große Platte mit allerlei Meeresgetier wird zwischen uns Vier gestellt und die Schlemmerei beginnt. Der Wirt missversteht unsere Fragen – wir wollten eigentlich nur wissen, wie das Tier heißt, das wir gerade so genüsslich verspeisen – und bringt Nachschub an den Tisch. Der Nachbartisch bekommt etwas, das nicht so wirklich ansprechend aussieht, aber neugierig macht. Offensichtlich sind wir nicht diskret genug, denn wir erhalten vom Nachbartisch lachend einen kleinen Teller herübergereicht. Nachdem der Portugiese die weiße Masse großzügig mit Zucker und Zimt bestreut hat. Es sind Nudeln in süßer Milch gekocht. Das ist eigentlich etwas, das mich schon bei der Beschreibung erschaudern lässt, aber nun müssen wir natürlich alle probieren. Zum Glück hat unser Freund sehr positive Kindheitserinnerungen an Milchreis & Co und so kann er unsere Ehre aufrecht erhalten und den Teller leer geputzt zurück geben.

Am Ende dieses sehr schönen Abends lade ich Monsieur ein, in mein Taxi zum Hotel.

 

Den Blogbeitrag zu Coimbra, den schreibe ich aber jetzt nicht mehr. Das mache ich später. Morgen, vielleicht…

Oder …

 

 

 

Weiche Eier

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Ja, weiche Eier. Ich kann nichts dafür, dass das Aveiros Spezialität ist. Ovos molos – weiche Eier. Neben den Booten, die man nicht Gondeln nennen und den Kanälen, bei denen man nicht „Venedig Portugals“ denken soll.

Letzteres ist nicht wirklich schwierig, drei Kanäle machen noch lange kein Venedig. Erstere sind unterwegs auf dem Kanal, der vor unserem Hotel so etwas wie eine Wendebucht hat. Die war natürlich nicht für unser Hotel angelegt worden, sondern für die dahinter liegende (ehemalige) Keramikfabrik, heute Kulturzentrum und ein Punkt auf der „Jugendstil-Route“ durch Aveiro. An dem Kanal entlang gehen wir ins Ortszentrum, wo wir auf Freunde und Kollegen treffen.

 

d02Und auf einen Flohmarkt. Monsieur zuckt zwar zusammen, aber dann fällt ihm ein, dass wir nur einen Koffer dabeihaben, dessen Zuladungsreserve er schon durch seinen Tawny Port ausgeschöpft hat und er entspannt sich wieder. Die Gefahr, dass seiner Frau Schränke oder Stühle zulaufen, ist minimal. Was mir zuläuft, ist Weihnachtsschmuck. Unser Baum wird geschmückt mit Bausteinchen alter Kristallleuchter. Hier ein großer Kristall, da ein paar kleine Steine, dazwischen ab und an ein Glasstab aus einem Jugendstilleuchter. Meistens schaffe ich es, mir von meinen Reisen ein kleines Souvenir in dieser Form mitzubringen. Hier nun liegen ganze Stränge in Wühlkisten und ich ziehe und ziehe ganz vorsichtig, bis ich so einen Doppelstrang herausgelöst habe. Wiege das Ding in der Hand ab, schätze und überlege und setze mir ein Preislimit. Bin bereit knallhart zu handeln. Und dann nennt der Händler einen Preis, der um ein Drittel unter meinem Einstiegsgebot liegt. Ich bin so überrascht, dass ich ohne zu handeln zuschlage, was nun wiederum den Händler so überrascht, dass er mir noch dieses oder jenes dazu geben will. Aber nein, rosa Glasblätter möchte ich nicht und überhaupt bin ich sehr zufrieden mit meinem Fang. Da kommt von hinten seine Frau mit einer kleinen, feinen Papiertüte und bettet meine Kette hinein. Sieht jetzt noch viel wertvoller aus. Monsieur wirft einen Blick auf den aufgedruckten Schriftzug: „Oh, die Tüte der Pandora! Muss ich mir jetzt Sorgen machen?“

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Wir streifen weiter durch Aveiro und kommen nach einer halben Stunde zu dem Schluss, dass wir eigentlich das Wichtigste gesehen haben. Was natürlich für mich, für die nächsten Tage, ganz andere Fragen aufwirft. Coimbra ist schon angedacht und jenseits der Lagune gibt es ein erwanderbares Strand- und Dünennaturreservat.

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Es ist Abend geworden. Monsieur macht sich auf zu einem ersten Treffen mit Kollegen, ich freue mich auf einen ruhigen Abend allein. Da fällt mein Blick auf den Park jenseits des Kanales, genauer gesagt auf das Monumento ao Ovo Mole. Auf die Weicheier. Zuckermasse und Eigelb, klingt schon nicht so ganz nach meinem Geschmack. Das ganze in eine geschmacklose Oblate gehüllt und dann in Ei- oder auch Muschel- oder Fischform gepresst. Wäre ja alles nicht so schlimm, könnte ich mal probieren. Wenn da nicht der Blick aus dem Hotelfenster wäre. Der mir zeigt, dass dieser Park bei Hundebesitzern sehr beliebt ist. Hunderte Hunde aller Größen und Farben stromern über die Wiese. Und immer wieder läuft einer zu dem Denkmal-Weichei, hebt sein Bein und….

Nein, nein, mit diesem Bild im Hinterkopf werde ich keines dieser Ovos molos essen können.

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Vertrauensvolle Züge

 

In der Vorbereitung für Portugal war der Gedanke erstmal, dass Zugfahren vielleicht mehr Spaß machen würde als mit dem Mietwagen unterwegs zu sein. Natürlich wären wir auf der einen Seite etwas eingeschränkt, was spontane Stopps und kleine Abstecher angeht, dafür können beide Reisende die Fahrt genießen, ohne sich aufs Fahren konzentrieren zu müssen. Ein kleiner Punkt Selbstdisziplin war auch dabei, wir neigen dazu, uns in Mietwagen auszubreiten, was das Packen am letzten Tag mühsam macht. Eventuelle Minuspunkte, wie den Transport sperriger Koffer vom Bahnhof vor die Hoteltür, könnte ein lokales Taxi übernehmen, rein theoretisch, weil praktisch Monsieur eher der „Ach, du, das kann man (man!) doch genauso gut schnell zu Fuß…“-Typ ist.

So zuckeln wir also mit Bummelzügen der Konferenz entgegen. Nur gestern, da haben wir uns einen Alfa Pendular geleistet. Für die letzte halbe Stunde der Fahrt, genauer gesagt von Porto Campanha bis Aveiro. War spannend und sehr lehrreich. Zehn Minuten haben wir zum Umsteigen in Porto, die hat unser Zug in Viana schon an Verspätung. Wir steigen ein, fragen den Schaffner auf Englisch, der zuckt mit den Schultern und antwortet auf Portugiesisch etwas, das im Grundtenor beruhigend und zuversichtlich klingt. Da spricht uns jemand aus der Reihe hinter uns an, wir könnten ganz beruhigt sein, das würde klappen. Schon mal gut, aber dann erklärt sie, dass unser Zug ein Problem habe und in Nine ausgewechselt würde. Gar nicht gut. Doch, doch, der Ersatzzug stünde am gleichen Bahnsteig am Gleis gegenüber bereit. Und der Alfa Pendular? Wir sollten uns keine Sorgen machen, in Portugal würde so oft etwas schiefgehen beim Zugfahren, dass sie richtig gut darin wären, das wieder auszubügeln. Wir sollten Vertrauen haben, auch wenn das uns – an deutsche Effizienz gewöhnt – nicht leichtfallen würde. Wir versichern ihr, dass die Deutsche Bundesbahn den „mess-it-up“-Teil inzwischen auch schon ganz gut draufhätte, beim „fixing it“-Teil aber noch viel Luft nach oben wäre. Sie meint, auch in Portugal wüsste niemand so ganz genau, wie sie es immer wieder schaffen würden, dass alles klappt, aber Tatsache wäre, dass es genau das tut. Wahrscheinlich, meint sie, weil sie miteinander kommunizieren. Die Zugführer reden miteinander und jeder weiß, was und wo und wieso da ein Problem sei. Deshalb wüsste jetzt der Alfa Pendular-Führer, dass knapp zwei Dutzend Passagiere aus Viana den Anschluss in Porto noch bekommen möchten.

In Nine hält unser Bummelzug und alles strömt auf die andere Seite, auch wenn es einigen nicht leichtfällt. Zwischen Bahnsteig und letzter Zugstufe klafft oft ein so großer Spalt, dass ein Kleinkind mühelos durchrutschen könnte. Beängstigend. Auch für zierliche portugiesische Omas mit übergroßen Koffern oder Tüten, die es kaum schaffen, den Spalt mit einem Schritt zu überbrücken, geschweigen denn ihr Gepäck hinüber zu hieven. Aber irgendwie klappt es.

Das gleiche Bild in Porto. Der Alfa Pendular nach Lissabon steht gelassen auf dem gegenüberliegenden Gleis und wartet geduldig auf den kleinen Bummelzug aus der Provinz. Wartet, bis alle eingestiegen sind und braust dann los, holt mit über 220km/h die Verspätung ein und kommt pünktlich auf die Minute in Aveiro an.

Und alle sind zufrieden. Naja, bis auf das Paar, das es sich schon mal auf unseren Plätzen gemütlich gemacht hatte und mit einem entschuldigenden, lächelnden Schulterzucken in den Gang ausweicht.