Wundertüte 2.0

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Offensichtlich funktioniert das mit dem Bildungsauftrag auch anders herum und so werde ich auf dem Weg nach Murten mit Wissenshäppchen gefüttert. Murten ist der Ort der gleichnamigen Schlacht von Anno 1476: eins zu null für die Schweiz gegen die damalige Supermacht Burgund. Dann verkündet meine Planerin, dass wir heute just am Jahrestag dieser Schlacht in Murten sein werden und mir ist klar, dass wir eigentlich gleich kehrt machen können. Die Stadt wird völlig überlaufen sein, es wird kein Durchkommen geben in den Sträßchen und Gassen und Parken wird unmöglich sein. Meine Planerin beruhigt mich, das große Jubiläum wäre letztes Jahr gewesen, in „normalen“ Jahren feuerten sie nur ein paar Kanonenschüsse ab. Das sollte überschaubar sein. Es stellt sich heraus, dass wir beide recht haben. Die Stadt ist festlich geschmückt und der Fahnenschmuck verstärkt den Eindruck, eine reiche selbstbewusste Mittelalter-Stadt zu betreten. Aber die Bürgerwehren und Spielmannszüge machen gerade Mittagspausen und auch die Zuschauer haben sich für ihre Siesta zurückgezogen. Ab und zu sieht man Gruppen von Jungen oder Mädchen in Uniformen durch die Gassen rennen, aber der überwiegende Eindruck ist „Mittagspause“.

p2017_06_22_13h37_50cMurten ist deutlich größer als Gruyère, es hat dann auch drei Straßen. Wir schlendern vom Berner Tor über die Hauptstraße, mit einem Zwischenstopp in der Konditorei Aebersold, um den berühmten Nidelkuchen zu probieren. Die Hauptstraße führt schnurstracks zur Burg. Vorbei an drei Brunnen, die in einem wahren Rausch namensgeberischer Fantasie Unterer, Mittlerer und Oberer Brunnen getauft wurden. So etwas schafft zumindest klare Verhältnisse. Warum die Rathausstraße Elefantengasse heißt, ist dann etwas verwirrender. Anscheinend war um 1860 ein Zirkus in der Stadt, der einen Elefanten zeigte. Dieses Tier riss sich los, tötete seinen Wärter und lief in den Gassen der Stadt Amok. Irgendwann schaffte die Bürgerwehr es, das Tier in die Enge zu treiben und hatte damit ein weiteres Problem: wie bringt man so einen Riesen um? Schließlich ließ man aus dem 20 Kilometer entfernten Fribourg eine Kanone anschleifen und erschoss das arme Tier mit einer Kanonenkugel.

Da dem Rat der Stadt dadurch nicht unerhebliche Kosten entstanden waren, wurde pragmatisch beschlossen, das Fleisch des Elefanten an die Bürger zu verkaufen und das Skelett anschließend gegen Eintritt bestaunen zu lassen. Ist schon seltsam, welche Blüten Geschäftssinn so treibt.

p2017_06_22_14h11_33aIn der jetzigen Rathaus- und/oder Elefantengasse ist von der gruseligen Geschichte nichts mehr zu sehen und wir machen uns auf zur letzten Attraktion: der begehbaren Stadtmauer. Stadtmauer ja, begehbar heute leider nein. Schade! Als wir gegen Ende unserer Murtentour zur Deutschen Kirche kommen, tut sich was. Es sind wieder deutlich mehr Menschen auf der Straße, das Durchkommen wird schwieriger, zumal die anderen alle in die entgegen gesetzte Richtung wollen. Nun wäre das ja eigentlich ein guter Grund, mal mit zu gehen und nachzuschauen. Aber wo Blaskapellen und Fanfarenzüge ins Spiel kommen, sinkt meine Neugier.

p2017_06_22_14h13_46Wir kämpfen uns gegen den Strom durchs Stadttor und werden draußen von einer großen Vielfalt an jugendlichen Spielmannszügen und ganzen Horden weiß gekleideter Kinder empfangen, alle mit mehr oder weniger selbst gebastelt aussehenden weißgoldenen Krönchen auf dem Kopf. Wir kämpfen uns durch zum Parkplatz und steigen gerade ins Auto, da fällt hinter uns einen Kanonenschuss.

Dabei war weit und breit kein Elefant zu sehen…

 

Die Wundertüte

 

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Mein Navi darf es wissen, ich nicht. Der Ausflug, geplant von meiner Jüngsten, soll ein paar Überraschungen für mich enthalten. Ausflug als Wundertüte. Und ich schließe beide Augen und stecke meine Hände in die Wundertüte Das ist jetzt natürlich bildlich gesprochen, denn in der Realität ist es zielführender, dass ich die Augen offen und die Hände am Lenkrad habe.

p2017_06_22_08h46_12Mit der Abfahrt Bulle wird es dann einfach, ein Ziel zu identifizieren. Zwischen Bulle und Gruyère – ich weigere mich standhaft, den deutschen Namen zu benutzen, klingt wie ein Baby mit Magenkolik – ist die Schweiz Märklin-Eisenbahn-niedlich. Saftig grüne Wiesen, ein paar Dörfer hineingestreut und auf den Almen unterhalb der Bergriesen hingetupfte Kühe. Landschaft als ihr eigenes Klischee. Und mittendrin auf einem Bergrücken Gruyère. Die kleine Straße biegt um eine letzte Kurve, man sieht das Stadttor und da ist dann Schluss – jedenfalls für Besucher-PKWs. Wir sind so früh, dass der Ort noch verschlafen wirkt. Wer allerdings nicht schläft, sind die Zulieferer und so ist der kleine Marktplatz zugestellt mit kleineren und größeren Transportern, die anliefern, was Gruyère für den zu erwartenden Touristenstrom so braucht.

Die Stadt ist sehr besucherfreundlich: es gibt eigentlich nur eine Straße und die führt schnurstracks vom Stadttor zur Burg. Die Burg schläft auch noch, aber man kann sie am Fuße der Mauer umrunden und schon mal antesten, ob gleich für das zweite Frühstück das Panorama links oder rechts schöner ist. Auf dem Rückweg sind wir sehr erleichtert, dass auch das Giger-Museum noch geschlossen hat. Die vor der Tür stehende Alien-Frau mit ihren Kampf-Nippeln reicht mir.p2017_06_22_09h08_35

Auf dem Hauptplatz haben wir dann ein Problem: links ein Café avec terrasse panoramique, rechts ein Café avec terrasse panoramique und wir können uns nicht entscheiden. Da gibt uns das Leben einen kleinen freundlichen Schubs, denn aus der einen Tür tritt eine Frau und hängt ein Schild auf: heute erst ab 10:30 geöffnet. 10:30? Da sind wir längst woanders! Während wir Kaffee und Hörnchen genießen, stürmt die erst von vielen Schulklassen die Bollwerke der Stadt. Es scheint, dass wir uns den Gesamt-Schweizer-National-Wandertag ausgesucht haben. Wo auch immer die Wundertüte uns hinführt, sind die Schulklassen schon da – in Massen. Bis auf …

Wohin die Wundertüte uns als nächstes führt, finde ich sehr passend: der „gare des sorcières“, der Hexenbahnhof, der Moleson-Bergbahnen. Eine Pendelbahn fährt sehr steil – und dank gleich zweier mitfahrender Klassen auch sehr laut – auf eine Zwischenstation auf 1500m Höhe. Dort gibt es ein Bergrestaurant und schon mal jede Menge Aussicht.

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Die Klassen stürzen sich in die Räume der Via Ferrata und ich bewundere das Nervenkostüm der begleitenden Lehrer. Mit einer Horde Zwölfjähriger über einen Klettersteig – châpeau! Wir schauen uns ein bisschen in Plan-Francey um und gehen dann zur Seilbahn-Kabine für den zweiten Abschnitt der „Bergsteigerei“: die Fahrt zur Spitze des Moleson auf 2002 m. Just in dem Moment kommt die Bahn von unten und spuckt zwei weitere Klassen aus. Auch hier muss ich eine Lehrerin bewundern – für ihren modischen Geschmack. Während die Kinder alle Wanderschuhen tragen, kommt sie in schwarzen Flipflops daher, mit Strass besetzt. Das Rätsel löst sich, als die Seilbahntüren auf dem Gipfel aufgehen und Kinder und Lehrerin als erstes die vom Restaurants bereit gestellten Liegestühle stürmen. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass die obligatorischen „Mein Wandertag“-Aufsätze morgen sehr spannend zu lesen sein werden.

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Wir jedenfalls gehen einfach ein paar Hundert Meter (Distanz, nicht Höhe!) weiter, wo einige Holzbänke in einer Blumenwiese Bergglück pur versprechen: grandiose Aussicht, wohin man blickt. Aussicht mit Überraschungseffekt, denn es ist so diesig, dass man manche Bergkette erst beim zweiten oder dritten Blick entdeckt. Blumenteppich und Insektengesumm, ansonsten himmlische Stille. Irgendwann reißen wir uns los, kehren zurück zur Bergstation und erklimmen die Aussichtsplattform, was uns sicher auf 2012m, wenn nicht sogar 2015m Höhe bringt.

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Die Talfahrt ist dann sehr ruhig und entspannt in einer fast leeren Kabine und Bahn.

Und dann wird es spannend. Meine Planerin gibt die Koordinaten des nächsten Ziels ein, weigert sich aber es zu benennen, sagt mir außerdem freimütig, dass sie sich nicht sicher sei, ob wir das Gesuchte überhaupt finden. Ich finde das nur konsequent: wenn ich es nicht finde, weiß ich wenigstens nicht, was ich vermisst habe.

So weit kommt es dann doch nicht. Wir nähern uns auf kleinen Sträßchen der gestauten Saane und da steht dann ein Schild: Einsiedelei, XVII. Oh, Barock, wie schön, sage ich spöttisch. Meine Planerin schweigt dazu und konzentriert sich aufs Navigieren.

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Barock trifft es dann nicht so ganz. Was wir finden, nach einem kleinen Marsch über frisch gemähte Wiesen ist eine in die Sandsteinklippen gegrabene Felsenkirche. Von zwei Einsiedlern Ende 1600 eigenhändig aus dem Fels gehauen, war die über 120 Meter lange Anlage bis in 1970er eines der beliebtesten Wallfahrtsziele der Schweiz und angebliche eine der berühmtesten Attraktionen des Kantons Friburg.

Geriet dann irgendwie in Vergessenheit, fiel in einen Dornröschenschlaf, der bis heute anhält. Wir klettern jedenfalls ganz allein durch die Räume, vom großen Kirchenraum mit Altar – und meterweit durch den Fels nach oben gegrabenen Glocken“turm“ –  zum Saal mit Kamin und Brunnenschacht bis hin zu dem letzten, winzig kleinen Kämmerchen, das – etwas anachronistisch anmutend – eine Toilette enthält. Die Böden und Wände sind aus mehrfarbigem Sandstein, was das Graben wohl erleichtert hat, trotzdem ist die Weitläufigkeit der Anlage für zwei Bauherren fast nicht vorstellbar. Der Komfort war wohl auch mehr als rudimentär – was der Beruf des Einsiedlers halt so mit sich bringt. Dafür gehen die – nicht verglasten – Fensteröffnungen direkt auf das Tal der Saane, die heutzutage hier aufgestaut ist und eine türkisblaue Fläche bietet. Die Einsiedelei ist wirklich ein ganz besonders faszinierender Ort.  Und dann sind da die Wände. Es gibt einige Fresken und Skulpturen, die aber nicht wirklich ausdrucksstark sind. Dafür sind die ganzen Wände „geschmückt“ mit in den Fels geritzten Namen der Besucher. Der älteste, den wir finden, ist von 1709; ein Adliger des 19. Jahrhundert verewigte sich in 50 cm hohen, blutroten Buchstaben; ein anderer schaffte es irgendwie, seinen Namen in fünf Meter Höhe einzuritzen. Wir liefern uns einen kurzweiligen und dank der Kühle angenehm erfrischenden Wettbewerb, die ältestes, schönste, verrückteste Inschrift zu finden.

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Zurück am Parkplatz greift meine Planerin in die Wundertüte und zieht das nächste Ziel heraus: Murten. Dazwischen, gesteht sie, würde sie jedoch so gerne einen nicht eingeplanten Abstecher nach Avenches machen und ich sage: Avenches, das lohnt sich nicht wirklich. Aber weil es fast auf dem Weg liegt und so… In Avenches meint sie dann, in die Stadt müssten wir jetzt nicht unbedingt, nur das römische Amphitheater und ich sage: Das Amphitheater, das lohnt sich nicht wirklich. Aber wo wir jetzt gerade schon mal da sind und so… Ich halte vor dem Amphitheater, sie springt hinaus und ich suche einen Parkplatz. Das Auto steht noch nicht richtig, da kommt sie zurück. Und?, frage ich. Sie zuckt die Schultern: Lohnt sich nicht wirklich.

 

 

Sankt Georg und das Killer-Navi

 

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Krönender Abschluss unserer Burgundfahrt an den Bodensee soll der Besuch der Reichenau sein. Auf dem Weg dorthin versucht mein Navi zweimal mich umzubringen.

Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist eine Gerade, habe ich vom Mathe-Unterricht noch im Kopf. Zwischen den Punkten Meersburg und Konstanz ist diese Gerade ziemlich nass, weshalb sich die Nutzung der Autofähre anbietet. Wir werden in die Reihen eingewunken, mein Auto ist das letzte in seiner Reihe. Es kommen noch zwei dicke fette Wohnmobile von der Größe und dem Charme eines 17-Tonners in die Mitte, dann wird hinter mir die Rampe hochgestellt und die Fähre setzt sich in Bewegung. Just in diesem Moment quäkt das Navi: Jetzt bitte links abbiegen! Links ist jede Menge Bodensee und sonst nichts. (Rechts natürlich auch, aber das ist hier und jetzt irrelevant.) Das Navi wird zum Schweigen gebracht und wir steigen hoch aufs Aussichtsdeck, um uns zum letzten Mal die Bodenseeluft um die Nase wehen zu lassen. Die Fähre dockt an, die Rampe senkt sich, die Autos vor mir rollen an und – kaum zu glauben – mein Navi verlangt: „Wenn möglich bitte jetzt wenden!“ Und dann? Auf dem kürzesten Weg in den Bodensee? Bisher hatte ich eigentlich ein ganz gutes Verhältnis zu meinem Navi, aber da steigen doch die Zweifel hoch. Jedenfalls wird es ausgestöpselt und wir folgen den Straßenschildern zur Reichenau. Ohne weitere Zwischenfälle kommen wir zu St Georg.

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Diese karolingische Kirche ist ein gutes Beispiel für die Problematik des Weltkulturerbe-Titels. Nach dessen Verleihung setzte ein solcher Ansturm ein, dass die Bewunderer das Bewunderte zu zerstören drohten. Das ständige Öffnen und Schließen der Kirchentüren sorgte für einen Luftstrom, der Staub, Pollen, Schmutzpartikel in die Kirche trug. Diese setzten sich auf den Wänden und damit auf den über 1000jährigen Malereien fest, wo sie Schimmelsporen Nahrung boten. Außerdem trugen verschwitzte Radsportler oder regennasse Wanderer viel Feuchtigkeit ins Innere. Auf den Gemälden bildeten sich großflächiger Schimmelbelag. Nachdem ehrenamtliche Betreuer berichteten, dass die Kirche als regensicherer Picknickplatz oder Fahrrad-Garage benutzt wurde, dass Besucher ihre Hunde durch die Kirche stromern ließen – „Mein Hund ist katholisch und genau so ein Geschöpf Gottes wie Sie!“ – zogen die Denkmalschützer die Notbremse und verschlossen den Zugang.

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Wir, das heißt natürlich unsere Planer, haben eine Führung vorbestellt, heutzutage die einzige Möglichkeit die Kirche zu betreten. Die Bilder, Ende des 9. Jahrhunderts entstanden, stellen die Szenen aus dem Neuen Testament dar und sind beeindruckend. Was aber Künstlerkollegen des 12. Jahrhunderts nicht davon abhielt, sie zu „verbessern“. Unsere Führerin erklärt uns, dass die Schweine, die über die Brücke fliehen, karolingisch sind, ihre Schattenbilder aber gotisch. Nur scheint der gotische Künstler nicht so richtig genau hingeschaut zu haben: die Schattenschweine haben Ringelschwänze, die Brückenschweine nicht.

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Nach dem prachtvoll gestalteten Inneren der St. Georgs-Kirche wirkt das Hauptkloster dann durch Architektur und Schlichtheit. Im Seitenschiff hängt hier das barocke Gemälde, dass St. Pirmins Ankunft auf der Reichenau zeigt. Sein Schiff legt auf einer Seite an und auf der anderen Seite flieht alles Schlangen- und Nattergezücht panisch von der Insel. Der Bodensee im Bild brodelt förmlich vor schwimmenden Schlangen. Monsieur, der sich gestern als einziger in den See getraut hat, sieht es mit nachträglichem Schaudern.

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Die dritte Kirche ist eher klein und liegt sehr malerisch an der Inselspitze. Ihr einfaches karolingisches Schiff ist dann fast 1000 Jahre später mit allerlei barockem Tand „ge-updated“ worden. Aber ich habe heute schon so viel Schönes gesehen, dass ich Stuck-Arabesken und pausbäckige Putten mit großem Langmut sehe. Und das – sehr kleine – Museum im Nebengebäude ist wirklich einen – sehr kurzen – Besuch wert.

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Unser letzter Inselstopp gilt dann einer Bäckerei mit dem schönen Namen Laib und Seele, wo wir uns trotz anfänglicher Verständigungsschwierigkeiten – „Ich hätte gerne das Sandwich da.“ – „Meinet Sie des Weckle?“ – mit Reiseproviant für die Heimfahrt eindecken.

Ach ja, die verlief völlig unproblematisch – navi-technisch und so…

 

 

Darf es ein bisschen Meer sein?

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Test – Test – Test

 

Tests im Dreierpack – und alle drei bestanden.

Der erste Test betraf das Organisationstalent unseres Planungsteams. Vorgesehen war ein Tag ohne Auto, dafür – damit uns nicht langweilig wird – mit verschiedenen ÖPNVs.

Der zweite Test sollte die Zuverlässigkeit eben dieser ÖPNVs überprüfen.

Und der dritte – und schwierigste – unsere Bereitschaft uns den vorgegebenen Rahmenbedingungen zu unterwerfen.

Was soll ich sagen? Testurteil: sehr gut.

 

Der Schwabe im Allgemeinen hat ja den Ruf, zur Sparsamkeit zu neigen. Das Schwäbische Meer hingegen zeigte sich uns gegenüber sehr großzügig. Blaue Weiten mit sonnigen Lichtreflexen, leichten Wellen und guter Laune im Überschuss. Gut, das ist sein Job, sozusagen. Aber es ist doch immer schön anzusehen, wenn jemand seinen Job mit echter Freude und Begeisterung macht.

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Erster Teil der Testreihe: Fähre von Uhldingen zur Mainau, problemlos. Gut, die Ticketkontrolettis auf der Mainau sind noch nicht ganz wach und mit anderem beschäftigt, aber wir dürfen auf die Insel. Also, die Blumeninsel. Mit ihren wunderschönen Blumenbeeten, makellosen Rasenflächen, Jahrhunderte alten Baumriesen und dem berühmten Rosengarten. Alles tadellos gepflegt und gehegt. Gönne ich ihm, den Grafen, wirklich, neidlos. Nur ganz fair finde ich das nicht. Ich vergleiche dann halt direkt mit dem Zustand meines Gartens. Der Herr Graf hat einen Garten, der 20 mal größer ist als der unsere. Wie gesagt, gönne ich ihm, ohne Probleme. Für den 20fachen Garten hat er allerdings die 70fache Gärtnermenge – und da hakt es halt. Wenn ich das jetzt mal umrechne – und nach Möglichkeit, ohne einen armen Gärtner durchzuschneiden – käme ich auf drei bis vier Gärtner für unsere Gartengröße. Ja, da hätte ich auch eine reelle Chance gegen den Giersch. Bliebe immer noch das Problem, dass meine Vorfahren leider nicht die Weitsicht hatten, sich vor ein paar Jahrhunderten eine Insel anzueignen. Da besteht Diskussionsbedarf, gebe ich zu.

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Die aktuellere Diskussion dreht sich um die Tatsache, dass Kindheitserinnerungen trügerisch sind. Diesmal geht es nicht um Zitronentörtchen, sondern um Palmenhäuser und Blumentreppen. Beides uns als großartig erinnert und erzählt, beides in der Realität nicht auffindbar. Schließlich stehen wir vor zwei Treppenstufen, die zu einem Brunnenbecken führen und unser Freund ist wirklich zerknirscht: so klein und mickrig soll sein erinnertes Highlight sein? Monsieur lässt das keine Ruhe, er dreht und wendet den Plan, geht ein paar Ecken weiter – und da ist sie dann, die mit Blumen geschmückte Treppe, mit dem Wasserlauf in der Mitte. Kindheitserinnerung gerettet. Mit den Palmenhäusern klappt das nicht, die wurden abgebaut, da hilft alles Drehen und Wenden nichts.

Weiter geht es zum Schmetterlingshaus. Und das ist reines kindliches Entzücken und Staunen. Natürlich verlieren wir Monsieur, bei der Fülle der zu fotografierenden Gaukler kein Wunder.

 

Aber irgendwann sind wir alle wieder draußen, jeder mit einer Fülle an „Hast du den gesehen?“-Begeisterung.

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Und dann kommt der etwas beängstigende Teil der Mainau: die killer ducks. Aus blühenden Blumen gestaltete Quietsche-Entchen, die selbst Jeff Koons Alpträume bereiten würden. Wir sind jedenfalls heilfroh, als wir an diesen monströsen Horrorvideo-Darstellern vorbei sind. Ebenfalls unbeschadet gelangen wir durch den Streichelzoo und den riesigen – und wirklich sehr schönen – Spielplatz und damit unmittelbar zu Testphase zwei: Bus nach Konstanz.

Der kommt pünktlich, hat auch Platz für uns und trägt uns über die Rheinbrücke in die Altstadt, wo wir bei der Haltestelle Konzilstraße aussteigen. Hier, verkünden unsere Planer, geht es zum Mittagessen im Brauhaus Albrecht und wir freuen uns. Bevor der Nachsatz kommt: nachdem wir das Münster besichtigt haben. Zut alors! Aber da müssen wir nun durch. Das Münster hat dann für alle etwas zu bieten: romanische Basilika, mittelalterliche Holzschnitzereien, scheußlichste barocke Altäre in den Seitenschiffen, wunderbare gotische Spitzenklöppelei in der Mauritiusrotunde und die wirklich einzigartigen feuervergoldeten Kupferscheiben aus dem 11. Jahrhundert in der Krypta.

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Nach der nun wohl verdienten Pause im Brauhaus lassen wir uns durch die Konstanzer Straßen und Gässchen zum Hafen mit dem Konzilsgebäude treiben. Das Gebäude kann leider nicht verleugnen, dass es sein Leben als Kauf- und Lagerhaus begonnen hat. Es ist beeindruckend als Ausdruck einer logistischen Meisterleistung des frühen 15. Jahrhunderts, aber mit der Eleganz der Konzilsgebäude von Trient nicht zu vergleichen.

 

Das Gebäude steht am Hafen, im Hafen steht die Statue der Imperia. Sie ist nicht das Denkmal für die 33 Kardinäle oder 346  Bischöfe des Konstanzer Konzils, von den 3000 Theologen und Äbten ganz zu schweigen. Nein, sie stellt eine der fast tausend frei schaffenden Damen dar, die für die work-life-balance der Kirchendiener sorgten. Die weltliche Seite war aber wohl um keinen Deut besser. Und so hält die stolz ihre Schönheit zeigende  Frauengestalt zwei kläglich in sich zusammengesunkene Figuren in ihren Händen: die eine mit Tiara, die andere mit Krone.

b1Wir haben etwas mehr Zeit als vorgesehen, die sich drehende Imperia zu bewundern. Zwar sind wir pünktlich am Steg, unser Schiff aber nicht ganz. Während wir noch ein bisschen durch die Hafenanlagen schlendern, sammeln sich hinter den Absperrseilen einige Hunderte, die auch übern See, übern See wollen. Das Schiff kommt und darauf auch wieder Hunderte, die in Konstanz aussteigen wollen, davon viele mit Fahrrädern oder Kinderwagen bewaffnet. Und das dauert nun.

Aber irgendwann sitzen wir oben unter einem Sonnensegel, eine freundliche junge Frau nimmt unsere Bestellungen auf und wir genießen noch einmal das sanfte Schaukeln und die Weite des Schwäbischen Meers, während unser Schiff von Konstanz nach Meersburg zur Mainau nach Uhldingen zickzackt.

Um halb acht bringt uns schließlich ein Taxi nach Meersburg zu einem Abend mit schwäbischen Spezialitäten und badischem Wein.

Was will man mehr?

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Da musst du jetzt halt durch…

 

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…sagt meine Freundin und schaut mich streng an. Irgendwie hat sie wohl herausgefunden, dass Barock nun nicht so ganz meine Lieblingsrichtung ist, keine Ahnung, wo sie das her haben kann. Als Alternative könnte ich ja im Auto warten, bis die anderen mit der barocken Wallfahrtskirche durch sind, schlägt sie vor. Ich komme mir kurz vor wie 13, habe allerdings schon längst die dritte Möglichkeit entdeckt: das Café neben der Kirche.

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Natürlich bin ich mitgegangen, erstens, zweitens, drittens und überhaupt. Erstens ist die Birnau gar nicht mehr so richtig Barock, mehr so Barokoko. Also jede Menge übergewichtiger Putten in niedlichsten Posen. Wie den berühmten Honigschlecker, den man aber wie das gesamte Innere nicht fotografieren darf. Zweitens sind wir ja nicht zusammen an den Bodensee gefahren, damit ich alleine im Auto sitze und drittens steht schon in der Bibel – ich interpretiere das jetzt mal sehr frei – , dass ich meine (barocken) Feind(bilder) lieben soll – und wenn es nur ist, damit ich dann besser über sie lästern kann. Und überhaupt bin ich nicht die Einzige, die die Pracht etwas distanziert betrachtet. Rechts vor uns lauscht eine Gruppe einer Führerin, die sehr detailliert auf theologische und architektonische Besonderheiten der Wallfahrtskirche eingeht. Dann will sie wissen, ob es denn noch Fragen dazu gebe. Ein Mann steht auf: er hätte hinten links auf dem Parkplatz geparkt, wie denn von da der kürzeste Weg nach … wäre. Ich habe noch selten jemanden so sprachlos gesehen wie diese Führerin!

Aber eines muss man den Klosterherren neidlos lassen: einen ganz besonderen Platz haben sie sich ausgesucht mit einem fantastischen Blick über den Bodensee. Ich war noch nie am Bodensee (von Bregenzer Autobahndurchquerungen mal abgesehen), da ist dieser Blick ein toller Einstieg.

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Wasser hatten wir schon etwas mehr gesehen an diesem Morgen, denn unser erster Kaffee- und Harmoniestopp war in Stein am Rhein. Es ist mir zwar nicht so ganz klar, wo hier See aufhört und Fluss anfängt, aber solange der Rhein das weiß, soll es mir recht sein.

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Die Stadt selber ist sehr schön, mit dieser Mischung aus Reichtum, Selbstbewusstsein und Bürgerstolz. Und fest in der Hand von E-bikenden Seniorengruppen. Es ist mir nicht ganz geheuer, wie sie in 20er, 30er-Horden über den Rathausplatz brettern.

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Mehr See oder Seen gibt es dann beim Picknick am Wasserturm. In meiner grenzenlosen Naivität bin ich davon ausgegangen, dass ein Wasserturm eben am Wasser, sprich am See steht und bin somit mehr als überrascht, als das Leitauto bergaufwärts abbiegt. Ich fürchte, ich habe da Wasser- und Leuchtturm durcheinander bekommen. Dieser hier ist eine Jugendstil-Extravaganza von so ausgeprägter „Schönheit“, dass man schon aus reiner Notwehr auf die Dachterrasse steigen muss – der einzige Ort, wo man dieses Ding nicht sieht. Dafür aber diverse Seen oder Teilseen und in der Ferne die Silhouette von Konstanz.

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Ganz viel See gibt es dann im Pfahlbau-Dorf in Uhldingen. Der Besuch beginnt mit einer ziemlich genialen Multimedia-Schau. Im ersten von drei Räumen erleben wir erst einen Tauchgang zweier Archäologen zu den im Schlamm versunkenen Resten mit, dann bricht im zweiten Raum unter Knistern und Knacken die Eisdecke auf und die Siedler rammen erste Pfähle in den Boden und im letzten Bereich bekommen wir einen Eindruck vom Leben im Pfahldorf. Beim Rundgang durch die rekonstruierten Häuser brauche ich wirklich nicht viel Phantasie: mit viel Liebe sind aus den Fundstücken Szenarien nachgestellt worden. Aber so gemütlich die mit Bärenfell bedeckten Bänke aussehen, egal wie elaboriert Töpfer- und Metallwaren wirken und wie traumhaft schön die Häuser im Abendsonnenschein im See stehen: tauschen möchte ich nicht.

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Und Aperol Spritz hatten sie auch noch nicht, die Pfahlbautensiedler von Uhldingen. Wir Hotelsiedler wenig später schon.

 

 

Sozusagen

Ausflug ist ein viel zu kleines Wort. Unser traditionelles Burgundwochenende ist mehr. Diesmal wird es zum emanzipatorischen Akt. Sozusagen. Es hat sich befreit aus den engen geografischen Grenzen Burgunds, beschreitet neue Wege, ist Aufbruch aus der selbstgewählten … naja, fast, sozusagen sozusagen.

Ganz konkret geht es nicht nach Burgund sondern ins Land der Pfahlbauten, der Barockkirchen und der Zwiebelrostbraten.

Und damit wir das alles unbeschwert genießen können, passt jemand zuhause auf Garten und Katze aus.

Und auf unseren Rosé. Sozusagen.

Die Kehrseite der Loire-Schifffahrt

 

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Unser Geschenk waren „Vier Tage Schlösser der Loire“. Da ist es schon ein bisschen ungeschickt, dass wir die letzten Tage hauptsächlich an Cher und Indre unterwegs waren.

Die Loire muss her – und zwar schnell, damit sich unser Geschenk nicht zur Mogelpackung entwickelt.

So organisiere ich für unseren letzten Tag Loire intensiv: eine Sonnenuntergangsfahrt auf einem der alten Lastkähne, Picknick nicht eingeschlossen, aber gern gesehen an Bord. Monsieur hat für diesen Abend schönes Wetter organisiert und – wie er später behauptet – sogar Vollmond bestellt. Dass die Bestellung noch einen Bonus enthält, merken wir gegen halb elf.

Die Tour startet im Hafen von Chaumont-sur-Loire. Unsere Gäste wollen dies nutzen, vorher das Schloss zu besichtigen, wir wollen das eher nicht und kümmern uns um das Picknick. Ich frage im Hotel, wo ich denn dafür einkaufen könnte. Die Dame an der Rezeption schlägt hilfreich die hoteleigenen Pasteten und Rillettes im Glase vor, Wein könnte sie uns natürlich auch verkaufen, Baguette bekämen wir so dazu. Das finde ich nun einerseits sehr nett, andrerseits wollte ich aber auch noch Gebäck, Käse, Trauben und Tomaten haben. Und Pappteller und Plastikbecher brauche ich auch noch. Da hebt sie eine Augenbraue und meint, Pappteller könnte sie mir leider nicht anbieten, aber wenn ich den Hotel-Picknickkorb haben möchte… In dem wird mit je einem Hauswein in Rot und Weiß schon einmal ein Grundstock gelegt, die Zwischenräume in Amboise mit Leckereien aufgefüllt.

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Unser Picknickkorb wird dann von den Mitfahrern – mit Kühltasche – als sehr stilvoll gebührend bewundernd. Wir gehören zu den Jüngsten der 12er Gruppe und es stellt sich schnell heraus, dass die anderen, Franzosen, alle schon eine Rheinkreuzfahrt gemacht haben, und dass alle uns versichern wollen, wie wunderschön es am „le Rhin“ so sei.

Da wir über zehn Personen sind, wird ein zweites Boot klargemacht. Der Senior gibt eine Einführung in die Loire-Schifffahrt, erklärt das Boot, berichtet, dass vor einem Monat der Wasserspiegel drei Meter über unseren Köpfen war und erzählt von großen Hochwassern, die ganze Loire-Dörfer weggerissen und viele Menschenleben gekostet haben. Er ist der geborene Erzähler. Allerdings spickt er seine Geschichten mit Sprüchen wie „Die Loire, sagte mein Großvater immer, ist wie die Unterhosen meiner Großmutter. Ist man einmal dran, hat man alle Hände voll zu tun!“ Das macht es uns dann ganz einfach, uns für das Boot des deutlich schweigsameren Juniors, Thomas, zu entscheiden.

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Thomas tuckert mit uns gegen den Strom. Abends und morgens hätte es Flaute, deshalb kein Segel. Ab und an stellt er den Motor aus und stakt mit der Stange nahe ans Ufer. Die Geschichten, die er erzählt, sind auch nicht ohne: von der vor uns liegenden Loire-Insel, Brutgrund für Lachmöwen und Seeschwalben. Die deutschen Namen schaut er in einem Ordner nach. Das mit dem „sanglier“ verstehe ich, kann es aber kaum glauben. Wenn die Sauen kleine Frischlinge haben, führen sie die Kleinen gerne zum Essen aus. Vater, Mutter, Kinder schwimmen quer über die Loire zur Brutinsel. Und dann gibt es Omelett für alle, wie Thomas es ausdrückt. An unserem Abend kreuzt keine Wildschwein-Rotte unsere Route, wohl aber der ein oder andere Biberkopf. Vielleicht. Da man – laut Thomas – Biber, Nutria und Bisamratte nur am Schwanz unterscheiden kann, ist das nicht auszumachen. Auch das Tier, das wenig später am Ufer sitzt und sich äußerst possierlich putzt, entpuppt sich erst beim Wegschwimmen – dünner Schwanz mit Fell – als Nutria.

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Die Dämmerung fällt und wir steuern eine Loire-Insel an. Picknick für alle. Monsieur und ich,  wir haben ja diesen Picknickplatz-auf-Kuhfladen-absuch-Blick drauf. Braucht es hier aber nicht. Wir öffnen unseren oh so british-en Weidenkoffer, packen unter bewundernd-lästerlichen Kommentaren der Mitfahrer Gläser und Porzellanteller aus und verteilen unsere Köstlichkeiten. Aber schnell stellt sich heraus, dass wir nicht die einzigen Picknickgäste auf der Insel sind. Nach wenigen Minuten hat es sich bei den Stechmücken herumgesprochen: Abendessen ist da! Und so mischen sich Klatsch- und Sprüh-Geräusche unter die Gespräche.

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Die Sonne geht hinter dem gegenüberliegenden Uferwall unter, der Vollmond hinter den Pappeln auf und wir fahren in der Abendstille flussabwärts zurück nach Chaumont, ein Glas Rotwein in der Hand. Ab und an zeigt Thomas stumm auf eine Bugwelle quer zur Fließrichtung und wir erkennen den dazu gehörenden Kopf.

Kurz vor Chaumont kommt der Wetterbonus. Wir denken zuerst an ein Feuerwerk, dass den Himmel hinter der Wolkenwand erleuchtet, aber Thomas lacht nur und schüttelt den Kopf.  Und so legen wir unter Donner und dramatischem Wetterleuchten an.

Und die Kehrseite der Loire-Schifffahrt? Nun ja, drei Stunden Holzbank ist halt auch nicht einfach für meine Kehrseite.

Aber inzwischen geht es ihr wieder gut, der Kehrseite.

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