Doppelspitze

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Am Ende der Stauferwanderung hatten wir drei klare Lieblingsburgen. Fleckenstein: für die schiere Verwegenheit, auf und in so einem schmalen Felsband eine Burg überhaupt nur anzudenken. Wasigenstein: für die herzzereißende Geschichte der zwei fliehenden Königskinder. Als Doppelspitze aber stand weit vorne Alt- und Neu-Windstein, einfach fürs Alt- und Neu-Windstein-Sein.

Alt- und Neu-Windstein sind dann auch mein Ziel. Natürlich ist auch hier vieles ganz anders als in meiner Erinnerung. Die kleine Pension auf dem Sattel zwischen den zwei Burgen ist inzwischen ein Ferienhaus und unnötig viele und unschöne Zettel weisen darauf hin, dass hier keine Gasstätte, sondern ein Privathaus sei. Dass man nicht stören und schon gar nicht die ehemalige Terrasse betreten soll. Und vor allen Dingen, dass man auf gar keinem Fall hier, sondern weiter unten im Dorf auf dem Wanderparkplatz parken soll.

Kein Problem, ein paar Minuten später stehe ich wieder vor der kleinen gemütlichen Ex-Pension und frage mich, wie entspannend wohl Ferien hinter all diesen Zetteln sein mögen.

Neu-Windstein ist mein erstes Ziel, einfach, weil der Weg dort hin länger ist, ganze zwanzig Minuten. Ich schaffe es in fünfzehn. Das, obwohl ich den Holzabfuhrweg (Château de Nouveau-Windstein: nouvelle variante) ignoriere und dem schmalen Pfad folge, der sich den Berg hochzickzackt. So komme ich immerhin an Mittelwindstein vorbei, das so ein ganz kleines bisschen „Maya-Ruinen-im-Urwald-Entdecker-Glück“ aufkommen lässt. Viel ist nicht zu sehen, das gebe ich gerne zu, aber ein paar Schritte weiter lugt ja schon Neu-Windstein durch die Blätter. Als Alt-Windstein unbewohnbar wurde – sozusagen ein Berufsrisiko bei Raubritterns -, entstand mit Neu-Windstein eine Burg mit allem Komfort. Beweis: die hochmodernen sanitären Anlagen.

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Neu-Windstein verfügt über mehr aufrecht ragende Mauern als die meisten Burgen zusammen und damit kommen wir zu dem, was den besonderen Charme dieser Burg ausmacht. In diesen Mauern ist ein ganz bezauberndes Sammelsurium unterschiedlichster Fenster vereint. Schießscharten, einfache Bogenfenster, verspielte Doppelbögen mit und ohne Fenstersitz. Ich habe das Gefühl, je höher die Burg wuchs, desto mehr geriet der Verteidigungsgedanke ins Hintertreffen und „Schöner Wohnen“ wurde wichtiger. Es gibt irgendwo ein Foto von Paonia als Burgfräulein in luftiger Höhe, keine Ahnung, wie (und wieso) ich mich damals da hoch getraut habe. Deutlich einfacher ist der Zugang zu den Resten des Wehrturms, da gibt es heute Treppen und schmale Metallstege – mit Geländer! Wir standen 1977 noch am Fuße der Mauern und mussten angesichts des Einganges in vier Meter Höhe kapitulieren.

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Irgendwie schaffe ich es doch tatsächlich, den breiten Variantenweg nicht zu finden und bin auf dem schmalen Pfad zurück, als Alt-Windstein durch die Blätter leuchtet. Diese Burgen haben etwas von hochbordigen Hanse-Koggen, der Fels der schmale Kiel, auf dem dann die Aufbauten fußen. Auf diesem hohen, schmalen Kiel segeln sie still und eindrucksvoll auf dem grünen Meer der Wälder.

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Meine romantische Stimmung erhält aber bald einen Dämpfer. Alt-Windstein war für uns die Burg der „road not taken“. Gänge im Fels, mit Stufen, die nach ein paar Schritten verschüttet waren. Stufen, so abgelaufen, dass sie an Stellen nur noch Löcher sind. Eingemeißelte Mulden, Handgriffe, senkrecht die Wand hoch, die auf einem Felsband und dann vor der nackten Wand endeten. Treppen, so ausgetreten und sandstein-rutschig, dass ich – heute -wirklich nicht viel Phantasie brauche. Wahrscheinlich hatte ich diese Phantasie vor vierzig Jahren noch nicht, oder es lag an etwas ganz anderem, dass wir da eher unbekümmert durch die Ruinen geklettert sind.

Klettern ist dann auch mein Stichwort, denn Alt-Windstein ist heute eialsace6ner der beliebtesten Kletterfelsen der Region und so sieht er dann diesem Morgen aus wie der Brutfelsen einer besonders farbenprächtigen Spezies. Auf jedem Vorsprung, in jeder Nische, an jedem Felsband hockt, klammert oder klettert ein Mitglied der Spezies. Bei den Könnern, beobachtet von einem lässig ins Sicherungsseil gelehnten Bergsteiger. Bei  den Anfängern ist es dann eher ein überaus nervös das Seil führender und dabei aus dem Kletterführer Anweisungen vorlesender Mitkletterer.

alsace8Das alles ist zwar interessant und bei einigen auch sportlich schön anzuschauen, verbaut mir aber ein bisschen meine Wiedersehensfreude. Ich lasse die Kletterer die Abkürzungen über den Felsen suchen und nehme den Rundweg am Fuße der Burg, gerade richtig für Fußgänger wie mich. Eine ein klein bisschen unheimliche Treppe führt in Gemächer, deren Fenster auf den Kletterfelsen gehen. Was mich dann Auge in Auge mit einem – erschreckt zusammenzuckenden – Kletterer bringt. Da der aber gerade nur meditativ im Seil gesessen und seine weiteren Handgriffe überlegt hatte, entsteht kein bleibender Schaden.

Auf dem Rückweg zum Parkplatz kommen mir zwei Kleinbusladungen Kletterer entgegen.

 

Das wird eng auf dem Brutfelsen.

 

 

 

Nostalgische Erinnerungen

Nostalgische Erinnerungen sind etwas Feines und verhindern hier und jetzt hoffentlich, dass meine Hotelpläne für dieses Wochenende als zu versnobt erscheinen.

Erinnerung Nummer eins: Campingsommer am Haspelschiedter Weiher, eine 12jährige Paonia, ihr kleiner Bruder, jede Menge Spaß im Wasser und noch größere Mengen Blaubeeren im Wald. Wenn meine Mutter keine Lust hatte zu kochen, ging es in diesen kleinen Landgasthof, den mein Vater ein paar Dörfer weiter aufgetan hatte. Das Essen war sicher gut, ist mir aber nicht mehr so präsent. Wovon die ganze Familie aber heute noch schwärmt, waren die Hors d’oeuvres. Große Platten voller kleiner Köstlichkeiten, die vor dem Essen einfach so auf den Tisch gestellt wurden. Es war so schwer, nicht alles wegzuprobieren und sich noch etwas Appetit für das Menü aufzuheben. Ach, komm nur noch das eine, kleine, da hinten…

Erinnerung Nummer zwei: ein heißer Tag auf der Staufer-Wanderung 1977, die Mittagshitze drückt, wir haben noch gute acht Kilometer bis zum Ziel, da lockt am Ortsausgang dieses behäbig in seinem Garten sitzende Restaurant. Elsässer Fachwerk-Romantik und ein paar Tische draußen unter Sonnenschirmen. Das ist zu verlockend, da brauchen wir nämlich nicht mit den sperrigen Rucksäcken und den klobigen Wanderschuhen durch die Gaststube, von den verschwitzen, salzverkrusteten T-Shirts mal ganz zu schweigen. Wenig später trauen wir uns an unsere ersten Artischocken – unter den wohlwollend-amüsierten Blicken der Großmutter, die den Service dirigiert. Die Pause wird dann deutlich länger als geplant und wir machen uns mit einem Hauch Wehmut auf den weiteren Weg. Die kleine Pension zwischen zwei Burgen, unser Etappenziel für heute, ist niedlich und preiswert. Dieses schöne Hotel-Restaurant hätten wir uns eh nicht leisten können.

 

Gut vierzig Jahre später stehe ich vor der Entscheidung, wohin ich der Nostalgie folgen soll: nach Bärenthal oder nach Niedersteinbach.

Aber L’Arnsburg hat Sommerpause und Le Cheval blanc ist ausgebucht.

 

Und so wird es etwas ganz anderes, ein sehr einfaches Hotel, das billigste Zimmer hat doch glatt eine Null weniger im Preis als das teuerste in Arnsburg und so werde ich übermütig. In einem Anfall von hemmungslosem Luxus leiste ich mir eines der wenigen Zimmer, die über ein eigenes Bad  verfügen. Die Zimmer sind, wie nicht anders zu erwarten, sehr einfach, aber die Gastleute ausgesprochen freundlich.

Auf der Speisekarte, am Abend, dominieren die Elsässer Flammekuchen, im Speisesaal die Wochenend-Väter. Am Tisch neben mir einer mit einer äußerst schlecht gelaunten Neunjährigen. Sie müssen in einem Schlumpf-Park oder -Outlet gewesen sein, die Kleine schiebt ein Schlumpfhaus lustlos von einer Hand in die andere. Sie bestellt sich Tomatensaft, der Vater fährt stöhnend mit der Hand übers Gesicht. „Du trinkst den doch eh nicht und ich muss ihn dann austrinken! Kannst du nicht wenigstens etwas bestellen, was ich mag?“ Eisiges Schweigen, gefolgt von einer Tomatensaftbestellung. Der Vater breitet einen Schlumpf-Prospekt vor ihr aus und versucht es mit Kommunikation. „Schau, eine Figur kostet zehn Euro. Wenn du die kaufst, bekommst du einen Bonuspunkt. Wie viel Euro musst du für fünf Punkte ausgeben?“ Ich bin fasziniert von diesem Ansatz. Will er mit der Kleinen Dreisatz üben oder sie zu ungebremstem Konsumrausch erziehen? Wie dem auch sei, die steinerne, missmutige Stille zeigt, dass Mathematik nicht der Weg zu ihrem Herzen ist.

Der Nachbartisch ist deutlich lauter. Offensichtlich hatte der Vater vergessen, dass sein Abend mit den Kumpels just auf das Wochenende fällt, an dem er seine Tochter hat. Die Männer diskutieren, die Siebenjährige langweilt sich. Als sie zum vierten Mal: „Mir ist langweilig!“, nörgelt, hebt der Vater die Hand. „Wir waren im Vergnügunspark,“  ein Finger hoch, „dann haben wir eine Bootstour gemacht,“ ein zweiter Finger geht doch, “ dann…,“ es folgen Finger drei bis sechs. Mir ist schon ganz wuschig bei diesem strammen Programm, da piepst die Kleine dazwischen: „Da war noch die Farm, die mit den Tieren!“ Der Vater wird sich plötzlich seines Erziehungsauftrages bewusst und holt mit der Bildungskeule aus: „Das,“ kommt ziemlich rechthaberisch und von oben herab, „das waren keine Tiere, ma petite, das waren Insekten.“

Ah ja…

Gut, dass wir das mal geklärt haben.

 

Es beginnt eine erhitzte Diskussion, aber da kommt mein Flammekuchen und ich konzentriere mich auf Wichtigeres.

Non, vous n’aurez pas

 

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Hohenburg, Sommer ’77

Die zehnjährige Nachbarstochter kommt aus der französischen Grundschule, stellt sich vor unsere Siebenjährige und erklärt ihr, dass sie nicht mehr mit ihr spielen werde. Heute nicht, morgen nicht, nie wieder. Auf die Frage, weshalb, schmettert sie, was sie am Morgen im Unterricht gelernt hatte: „Non, vous n’aurez pas l’Alsace et la Lorraine…“

Unsere Große hört sich das an, zuckt – völlig unbeleckt von preußisch-französischen Konflikten – mit den Schultern und meint: „Will ich auch gar nicht haben!“ Jetzt ist die kleine Französin perplex: „Ach ja?“ – „Ja!“

Und damit ist die deutschfranzösische Freundschaft gerettet, zumindest für diesen Tag.

 

Haben wollen wir es natürlich auch nicht, das Elsass, nur ein bisschen erwandern im Sommer 1977. (Ihr erinnert Euch: Ritter und Dinosaurier?). Eine Wanderung entlang der Staufer-Burgen im Grenzgebiet Südpfalz-Nordvogesen. Auf der Wanderkarte sieht die Strecke aus, als hätte ein gigantischer Hänsel statt Brotkrumen Burgen gestreut auf seinem Weg gen Westen.

Wir hangeln uns von Burg zu Burg, Lindelbrunn ist eine Ausnahme, die meisten enden auf -burg (Wegeln-, Hohen-, Löwen-, Froens-) oder –stein (Flecken- Wasigen-, Falken-, Wind-). Berwartstein lassen wir aber außen vor. Was sich ein Großindustrieller und Kurdirektor Ende 1800 unter „Burg“ vorstellte, dafür laufen wir nicht den Berg hoch.

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Alt-Windstein, Sommer ’77

Denn natürlich ist diese Wanderung reich an wortwörtlichen Höhepunkten, liegt doch jede Burg auf dem höchsten Punkt ihrer Umgebung.

Aber was soll’s, wir waren jung, wir brauchten die Bewegung.

Am Wochenende bin ich zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, bei einer Schulfreundin, in der Südpfalz. Und auf dem Weg dahin werde ich mal bei ihnen vorbei schauen. Bei diesen Burgen, die wie Felsen aussehen, die wie Burgen aussehen, die wie Felsen aussehen.

 

 

Sex erst am Nachmittag

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oder: Wenn Männer ein neues Spielzeug haben

Das war jetzt schamlosestes click baiting, das gebe ich gerne und unumwunden mit genauso schamlosen Grinsen zu.

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Wir müssen uns entscheiden zwischen Sex Rouge am Morgen oder En-Sex am Nachmittag. Aber schon in Aigle ist abzusehen, dass der Sex Rouge und mit ihm die Glacier 3000-Station tief in den Wolken steckt. Also wird umdisponiert: statt mit der Seilbahn auf 3000 Meter mit Muskelkraft auf knapp 2000 Meter.

Natürlich haben wir wie der Rest Europas bis gestern unter der Hitzewelle gestöhnt, aber die 18°, die es heute Morgen am Col de la Croix hat, sind uns nicht so ganz recht. Wolkenfetzen treiben über den Pass und verhüllen das gegenüberliegende Diablerêts-Massiv. Die Wolfsskulptur sorgt auch nicht für heitere Stimmung. Wir ziehen etwas fröstelnd die Jacken über und Monsieur kramt seine Sonnenbrille und den Hut aus dem Rucksack. Wirft sie in den Kofferraum, brummelt etwas von „sowieso nicht brauchen“ und ich gratuliere mir heimlich. Das ist der Garant dafür, dass binnen kürzester Zeit die Sonne scheinen wird.

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Die ersten Kilometer geht es über einen Waldweg hoch, der eher einen Wurzelsteige ist. Sieht aus wie ein von einem verrückten Öko-Designer entworfenes Kinderwaldspielplatz-Gerät. Dann schlägt die Schweiz zu: überall die netten gelben Wegweiser. Auf manchen stehen Ziele und Zeitangaben, auf manchen nur die Ziele. Dann gibt es noch die recht ominösen gelben Romben, auf denen nur „Tourisme pedestre“ steht und das hat schon etwas von Zen und Meditation. „Wir haben keine Ahnung, wer du bist und wohin du willst. Aber sei versichert, dies ist dein Weg. Vielleicht nicht der richtige, aber definitiv dein Weg!“

col6Und um die Schweizer Berge noch Touristen-sicherer zu machen, werden dann noch alle Bäume entschärft. Nicht, dass sich ein Wanderer an den bekanntermaßen extrem scharfkantigen Ästen verletzt.

Wir steigen auf über die Waldgrenze zu den grünen Almen und dort entwickelt sich unsere Wanderung zur biologischen Exkursion. Monsieur hat nämlich ein neues Spielzeug, eine App, die ihm verrät, wie ein Blümchen heißt. Das könnte seine Frau in 50% der Fälle auch, aber es sind die anderen 50%, die ihn interessieren. So kommt es, dass wir nur recht langsam den colb1Berg hochsteigen – was mir im Prinzip ja gar nicht so unlieb ist -, unterbrochen von so faszinierenden Entdeckungen wie dem Breitkörbchen, dem Alpen-Milchlattich oder dem Gemeinen Germer, der bestimmt nicht so gemein ist wie der gemeine Roger, der mich in der Grundschule immer verhauen wollte.

Der in der Wanderung gerühmte Panoramablick vom Col de L’encrène zeigt Wolkentreiben auf 360°. Aber zwischen Fetzen erhaschen wir einen Blick auf die Peak Walk-Hängebrücke beim Glacier 3000, die in luftiger Höhe zwei Dreitausender verbindet. Grau in Grau, und so wenig Aussicht, dass man sich wahrscheinlich noch nicht mal richtig vor dem darunter liegenden Abgrund hätte fürchten können.

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Der Col de L’encrène ist mit seinen 1936 Metern auch schon der höchste Punkt der Wanderung, die uns durch schöne Almwiesen, an Märklin-hübschen Höfen, verlassenen Ski-Liften und -stationen vorbei zum Col de Bretaye bringt. Die ganze Ski-Infrastruktur wirkt jecol7tzt im Sommer doch ziemlich störend, aber das ist der einzige Grund zum Meckern. Na gut, die Sprühsahne aus der Dose zur Heidelbeertarte war noch verstörender, aber ansonsten ist es Bilderbuch-Schweiz, Bimmelbähnchen inklusive. Während unsere Kaffeepause kommt dann – endlich! – die Sonne heraus und wir vergessen die Sprühsahne, während wir unsere Beine doch etwas länger ausruhen als ursprünglich geplant. Deshalb erreichen wir En-Sex erst am Nachmittag, misstrauisch beäugt von der amtierenden Wachziege. Dafür können wir aber auf dem Rückweg zum Col de la Croix die Diablerêts in ihrer beeindruckenden Schönheit bewundern, wobei nur die Mittelstation zu sehen ist, die Mario-Botta-Bergstation immer noch fest in der Hand der Wolken liegt.

 

Da müssen wir wohl das mit dem Sex Rouge und dem Sich-Fürchten auf der Hängebrücke auf ein anderes Mal verschieben.

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Jurassic Park

 

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Kinder zwischen sechs und zwölf sind ja fast unkaputtbar: voller Lebensfreude, Ausdauer, Energie. Die Wanderung zum Creux de l’Envers gehörte zum Jurrassic-Parc-Abenteuer, das wir im Sommer häufiger mit unserer Viererbande und befreundeten Eltern angingen.

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Eine Stunde auf breiten schattigen Waldwegen, dann ein heftiges, 30 Minuten langes „petit raidillon“, ein „Steilerchen“, über den Rand des Felsenkessels. Während die Eltern sich genüsslich auf den Almwiesen lagerten, begann für die Kinder die Suche nach Fossilien in den Geröllhalden der Hänge. Den von den Kindern erträumten Dinosaurierknochen haben wir zwar nie gefunden, dafür eine Menge Ammoniten, Muscheln und hin und wieder einen Pflanzenrest. Die Väter waren natürlich ganz glücklich über den nicht existenten Dino-Fund, schließlich mussten sie die Ausbeute von zwei Stunden aufgeregter Suche und Kletterei im Rucksack nach Hause, d.h. zum Auto tragen. Die Kinder liefen auf dem Hin- und Rückweg meist die doppelte Strecke mit Vorpreschen und Zurückkehren, zum „Sind wir bald da?“-Fragen.

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Für heute haben wir eine Dino- und Fossilien-freie Wanderung geplant, vom Parkplatz Pailly  über die Chalets von Quible und  Platiéres zum Creux. Das ist der angenehme Teil. Dann beginnt der Aufstieg zum Colomby de Gex (1688) über den Pas d’Echine. Monsieur kramt seine Französischkenntnisse zusammen, „pas“ ist die Verneinung, échine  das Nackenkotelett (an der Fleischtheke) und kommt zu der Schlussfolgerung, dass es dort keine Koteletts gibt. Das ist zwar logisch durchaus richtig, sprachlich aber inkorrekt. Der „Weg auf dem Grat“ wird seinem Namen durchaus gerecht. Jahrelang wurden wir mit den Kindern immer wieder gewarnt, nur ja nicht diesen gefährlichen Pfad zu nehmen, hinauf fast nicht machbar, hinab sozusagen Selbstmord.

Das geht nicht so ganz überein mit der Anzahl der Wanderer, die wir von unten in der Wand sehen. Dass es so viele suizidäre Outdoor-Fans geben soll, ist nur schwer vorstellbar.

Wir machen im Creux eine kleine Pause und beobachten die anderen, kommen zu dem Schluss, das sollte machbar sein. D.h. Monsieur und meine beiden Großen wollen da hoch, ich habe dann doch eher – nun ja – Bedenken. Also trennen wir uns, weil ich die anderen nicht ausbremsen will.

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Das hier ist nämlich sozusagen eine Abschiedswanderung. Meine Älteste zieht nächste Woche um, für fast zwei Jahre. Ihre Wohn- und Arbeitswelt wird auch auf luftiger Höhe liegen, 3000 Meter hoch, auf dem ewigen Eis des Südpols, in der Scott-Amundsen- Station.

Da gibt es tolle Bilder von Polarlicht und Sternenhimmel, aber Fauna und Flora, das fehlt schon sehr auffällig. Also geht es heute noch einmal in die Berge, Wald, Wiesen, Blumen, eben Flora und Fauna tanken. Der große Bruder, der zum Tschüss-Sagen für das Wochenende vorbeigekommen ist, macht natürlich mit.

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Die Drei steigen also nun steil in der Felswand hoch zum Rand des Felsenkessels und laufen an diesem entlang zum Colomby, während ich erst weiter unten den Kessel durchquere und dann über Almwiesen zum Gipfel hochsteige. Höhenmetermäßig gibt es sich nichts, auf welchem Weg auch immer, hoch ist hoch, mein Weg ist eben deutlich länger und deshalb nicht ganz so steil.

Natürlich sind die Drei vor mir da und haben ein Picknickplätzchen ausgesucht. Die Reste vom Grillfest gestern Abend sorgen für ein opulentes Mal mit grandioser Aussicht. Links auf den diesigen Genfer See, ohne Mont Blanc, der versteckt sich. Rechts liegen die sattgrünen Weiden und Wälder der Jurahügel mit ihren dazwischen getupften Bauernhöfen.

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Irgendwann fallen dann Worte wie: von jetzt geht es ja nur noch bergab, die sich als so etwas von falsch erweisen werden. Natürlich wählen wir nicht den breiten Weg zur Marechaude, sondern den schmalen Pfad des „Balcon du Leman“, der vom Colomby zwar tatsächlich erst bergab, aber dann natürlich wieder auf den nächsten Gipfel geht. Der Große, passionierter Mountainbiker, hebt ob meines Jammern nur eine Augenbraue: „Alles unter 4% Steigung zählt als bergab.“

Das Auf-und-Ab-Spiel spielen wir noch mehrmals. Im Abstieg zeigt sich wieder die alte Weisheit, dass bergauf für die Knie allemal angenehmer ist. Die letzten Höhenmeter vor der Bergstation sind dann doch recht unangenehm.

Aber dort nimmt uns die Seilbahn 600 Höhenmeter ab und die allerletzten Meter bis nach Hause das Auto.

Und da, auf der Terrasse, ein Weißbier vor mir, kommt der allerschönste Teil ein jeden Wanderung. Der Moment, in dem ich genüsslich und ein kleines bisschen stolz von dieser Wanderung als „geschafft“ denken kann.

13,8 km, 780 Höhenmeter auf, 760 ab

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De deux choses lune

l’autre c’est le soleil.

(Jaques Prévert)

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Über Geschmack

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Monsieur le Comte erzählt gerne. Er gießt den Kaffee ein und erzählt vom Missgefallen an seinem neuen Pächter. Der zuviel spritzt, während er selber doch eher bio ist. Er bringt den Tee und erzählt, wo und vor allen wo wir nicht Wein oder Cremant kaufen sollten. Er stellt ein Brioche auf den Tisch und erzählt die Erfolgsgeschichte des Bäckers. Der sei vor ein paar Jahren in die Nachbarschaft gezogen und hätte angefangen im alten Holzofen seines Bauernhofes Brot und Brioches zu backen. Inzwischen habe er mehrere Öfen und würde nicht nur Biobrot anbieten, sondern auch Brioches, gebacken nach den Prinzipien Rudolf Steiners. Sein Erfolg sei inzwischen so groß, dass er einen eigenen Laden und Marktstand habe und nicht mehr mit seinem uralten Mercedes-Kombi die Runden zu seinen Kunden machen müsste. Monsieur le Comte ist das durchaus recht, denn immer, wenn der Bio-Bäcker vom Hof fuhr, stank dieser wie eine alte Frittenbude. Darauf angesprochen erzählte der Bäcker stolz, dass sein Mercedes tatsächlich mit altem Frittierfett fahre, dass er auf seinen Touren bei den lokalen Restaurants abstaube. Wie weit sich das mit Herrn Steiners Ideen vereinbaren lässt, dazu möchte Monsieur le Comte sich nicht äußern.

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Unser erstes Ziel an diesem Tag ist Brancion, dessen Magie auch auf unseren Freund wirkt. Danach ist uns nicht ganz klar, wer was bewirkt. Wir fahren nach Lancharre: eingerüstet und mit Planen bedeckt. Wir fahren nach Malay: eingerüstet und mit Planen bedeckt. So etwas ist uns in all den Jahren noch nicht passiert, sollte das an der Präsenz unseres Freundes liegen? Wir starten ein Experiment und fahren nach St Hippolyte. Und siehe da, die Ruine steht da in ihrer ganzen grandiosen Hässlichkeit, weit und breit kein Gerüst, keine Plane. Uff!

Bevor wir diese Reise verschenkt haben, haben wir beim zu Beschenkenden abgeklärt, wie hoch die Toleranzgrenze für romanische Kirchen ist. Langsam scheint sie erreicht, zumal die von ihm erwartete Kombi Kirche + Dorfplatz + Bistro einfach nicht zu finden ist.

Zeit also für einen Orts- und Themenwechsel. Cormatin ist so groß, da sollten wir sicherlich ein Plätzchen finden können, wo man in der Sonne sitzend eine Pause machen kann. Schaffen wir auch: Chez l’oncle Jules, der an Bistrotischen Salate, „tartines“ und zwei mal „tarte salée“ anbietet, einmal die de l‘ oncle Jules mit Speck und Käse und einmal die de la tante Marie mit Spinat und Fenchel. Im ersten Stock gibt es auch noch Brocante, aber auf dem Weg dahin geht es ab zur Gartenterrasse und da wird es surreal. Ein halbhoher Holzzaun trennt den Restaurantteil vom privaten und an diesem Zaun entlang überschlägt sich ein Westie schier vor Freude mich zu sehen. Er springt und hüpft und hopst in einem wahren Tanz der Begeisterung und bellt dabei ein lautes sonores Wuffwuff, das so überhaupt nicht zu dem bisschen Hund passt. Je weiter ich in die Gartenterrasse hineingehe, desto lauter wird es, zum Schluss untermischt mit einem tiefen drohenden Knurren. Das Bizarre ist, dass der kleine Westie seine Schnauze nicht aufmacht dabei. Da ich nicht an bauchrednerische Westies glauben mag, schaue ich mal genauer hin und tatsächlich: hinten rechts im Privatgarten liegt im Schatten eines großen Busches halb versteckt ein riesiger schwarzer Hund. Ich spreche ihn freundlich an. Er hebt den Kopf und knurrt weiter, ist aber offensichtlich zu faul, der Drohung Taten folgen zu lassen. Da kommt von links ein keifendes „Ta gueule! – Halt die Fresse!“  Ich schaue mich um, ob diese Unfreundlichkeit an mich oder den Hund gerichtet ist: kein Mensch zu sehen. Langsam wird mir das Ganze doch zu seltsam und ich gehe zum Ausgang. „Ta gueule!“ kreischt es hinter mir. Ich fahre herum und stehe Auge in Auge mit einem weißen Kakadu.

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Cormatin ist dann das absolute Kontrastprogramm zur Klarheit romanischer Architektur. Nicht das Äußere, das sehr ansprechend ist mit dem warmen Goldton der Steine. Die Zahnlücke des Südflügels tut schon ein bisschen weh, erteilt aber eine wertvolle Lektion, wie gefährlich Geiz und Gier gepaart mit Dummheit sein können. Der neue Besitzer nach der Französischen Revolution hatte sich wohl etwas mit den Kosten verschätzt und verkaufte deshalb den Südflügel an einen Industriellen, der darin eine Weberei installieren wollte. Um aber gewinnoptimierend möglichst viele Maschinen unterbringen zu können, ließ der Industrielle alle Zwischenwände entfernen, einschließlich der, die das prunkvolle Treppenhaus umschlossen.

Dummerweise waren das die tragenden Wände, weshalb kurz darauf die Welt einen Industriellen und Cormatin einen Flügel weniger hatte. Dumm gelaufen, auch für den Restbesitzer, denn der Industrielle hatte da noch nichts bezahlt gehabt.

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Nun, es bleibt noch genug übrig zum Besichtigen und das tun wir, wenn auch mit leichtem Gruseln. Es bestätigt sich die alte Binsenweisheit über den Geschmack und dies ganz besonders, wenn der Streitgrund der Geschmack eines Opernintendanten des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist. Wenn ich jeden Abend zu so einem Wohnzimmer zurückkehren müsste, würde ich mir sehr schnell eine Zweitwohnung zulegen. Der Herr Intendant und seine Entourage bewohnten die Appartements im ersten Stock und es ist dann eine gewisse Erleichterung, in die Gemächer des Erdgeschosses abzusteigen. Das, was dort um 1600 geschaffen wurde, ist „Schöner Wohnen“ in Lapislazuli und Gold, viel Gold. Die Gemächer von Madame (mit 13 1/2 an den 36jährigen Marquis de Blé verheiratet) sind fertig gestellt worden, die von Monsieur nur teilweise. In all dem Gold und Blau, den gemalten Marmorstatuen und diversen Allegorien bleiben mir zwei Dingen im Gedächtnis. Erstens die Allegorie der Enthaltsamkeit, die immerhin die Genugtuung hat, eine Tugend zu sein, aber doch eher betrübt in ihr Wasserglas schaut. Zweitens eine sehr hohe Dichte von französischen Monarchen hoch zu Ross und das im jeweiligen Schlafzimmer der beiden Protagonisten. Man stelle sich vor: Merkel über jedem Ehebett. Die Deutschen würden aussterben, ganz bestimmt!

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Dass mir die Prunkzimmer und damit der Geschmack der beiden von Blés besser gefallen als der des Intendanten, hält bis in die Kuriositätenkabinetts. Das arme Gürteltier!

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Der Schlosspark mit seinen Liegestühlen im Schatten riesiger Bäume ist wunderbar geeignet, sich von dieser visuellen Überforderung zu erholen. So kommen wir dann in bester Verfassung zur Weinverköstigung. Wir folgen den Tipps von Monsieur le Comte, sicherheitshalber, weil ich drei Kreisel vorher einer Fata Morgana erlegen bin. Ich hatte „Cave de Bourgogne“ gelesen statt „Garage de Bourgogne“.

Kurz darauf werden blanc de blanc und blanc de noir und was weiß ich verkostet, während ich fast neidfrei mit meinem Autoschlüssel spiele und den wirklich wunderbar ausgebauten „Château de la pompe 2018“ in meinem Wasserglas schwenke.