Chouette!

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Das zehnte Türchen ist eine Zeltklappe und sie öffnet sich verflixt früh zur Pre-Dawn-Wildlife-Jeep-Safari. Es ist beißend kalt, was mich mit einer gewissen Befriedigung erfüllt. Für La Reunion – im Indischen Ozean – hatte ich auf Ski-Unterwäsche verzichtet und mir morgens bei Nullgraden am Vulkan den Selbigen kalt und steif gefroren. Diesmal habe ich mich nicht von Indien und Hitze blenden lassen und mummele mich ein in drei Lagen Fleece, unter dem Windbreaker und den zwei Decken, die uns zur Verfügung gestellt werden. Der Jeep-Fahrer ist so in Decken gehüllt, dass wir nur darauf vertrauen können, dass ein Sehschlitz frei ist. Im offenen Jeep geht es im beißenden Wind Dünen rauf und runter, auf der Suche nach dem Wildlife. Wir sehen tatsächlich mehrere Antilopen, Nilgaus, ein paar Adler und zum Schluss zwei so niedliche Käuzchen, die ganz einfach deutlich machen, warum im Französischen das Wort für Kauz – chouette – und niedlich das Selbe ist.

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Unterbrochen wird die Safari durch einen Besuch in einem Bauernhof, wo die Matriarchin mit zwei Schwiegertöchtern und drei Enkelkindern lebt, während die Männer in weit entfernten Städten den Lebensunterhalt verdienen. Das ist alles sehr idyllisch und malerisch, täuscht natürlich nicht über die Lebenssituation hinweg und das etwas seltsame Gefühl, hier Menschen wie im Freiluftmuseum gezeigt zu bekommen. Genauso natürlich wird erwartet, dass die Touristen, wir, einen kleinen Obulus entrichten, war gestern beim Schmied genauso, wo ich ein kleines frisch geschmiedetes Glöckchen gekauft habe. Es sei die Verantwortung des Camps, sagt Banvar, für die umliegenden Dörfer zu sorgen, weshalb immer wechselnde Höfe angefahren werden.

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Zurück im Zelt setzen wir die Suche fort. Gestern hatte ich einen kleinen Silber-Elefanten als Anhänger gekauft, schließlich steht Weihnachten vor der Tür. Aber irgendwie, ich weiß nicht wie, habe ich es geschafft, diesen kleinen Anhänger zu verlieren, möglicherweise beim Check-in im Hotelteil des Wüstencamps. Ich wende mich beim Mittagessen an Banvar: „Ich habe einen Elefanten verloren!“ Banvar fällt die Kinnlade herunter und er dreht sich zu Monsieur: „Wie um alles in der Welt kann sie einen Elefanten verlieren?“ fragt er fassungslos.

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Das Missverständnis klärt sich auf, aber der Elefant bleibt verschwunden. Was natürlich dazu führt, dass nach zwei – recht kostenintensiven – Eskapaden Richtung alter Silberschmuck, das Versprechen, nun stark zu bleiben beim nächsten Shopping-Vorschlag, ins Wanken kommen wird.

Da wird meine Kreditkarte ganz tapfer sein müssen…

 

 

 

 

 

Eine völlig un-untouristische Erfahrung

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Monsieur kämpft, seit Tagen. Ich kann sehen, wie es ihn in den Fingerspitzen juckt, wie er die Hände in die Hosentasche steckt, aber irgendwann ist es stärker als er. Der kleine dicke Prinz auf dem kleinen dicken Pferd – Natur-Boteros sozusagen – hängt einfach zu schief an der Wand. Zig-mal sind wir auf unserem Weg zum und vom Zimmer an ihm vorbeigegangen, zig-mal ist es gut gegangen, jetzt muss es sein. Monsieur hängt ihn gerade. Und wo er schon dabei ist, die vier Maharadschas an den anderen Wänden auch.

Dann können wir beruhigt auschecken und uns auf den Weg machen zu unserem Wüstencamp, wo eine völlig un-untouristische Erfahrung auf uns wartet. Das Hotel scheint ganz gut besucht, aber wir sind die einzigen, die sich bei Nachttemperaturen um 12° ins Zelt trauen. Banvar, Manager und unser Führer für die nächsten Tage, strahlt uns an, wir seien Maharadscha und Maharani für zwei Tage, die gesamte Belegschaft nur für uns da, für unser Wohlergehen, für unsere Erholung. Und schlägt dann sofort ein völlig un-untouristische Programm vor, dass ganz knapp an Erholungsstress vorbeischrappt. „Fünf Uhr Kamel reiten mit Sonnenuntergang, 19 Uhr Kulturprogramm“, ist die Ansage, die uns gerade genug Zeit lässt, uns einmal kurz im Zelt auszustrecken.

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Pünktlich um 17 Uhr – „Das liebe ich an den Deutschen!“ – führt uns Banvar zu Carub und Rozun, die schon geduldig im Sand warten, neben ihren Führern. Der eine Führer ist so altehrwürdig, dass meine Angst, es könnte schneller als im Schritttempo gehen, sofort verfliegt. Aufsteigen ist wie beim Reiten, Fuß in den „Steigbügel“, eine Stoffschlaufe, und das andere Bein über den Sattel geschwungen. Damit ist dann aber auch Schluss mit den Ähnlichkeiten, denn das Kamel steht auf und schleudert mich erst nach hinten, dann nach vorne und zu guter Letzt noch einmal nach hinten. Gut, das habe ich überstanden, danach geht es ans Reiten. Es ist – im Schritttempo – ruhig und beschaulich, fast meditativ, wenn da nicht die Tatsache wäre, dass wir auf Wiederkäuer reiten. Monsieurs Rozun, vor mir, pupst fröhlich vor sich hin, während mein Carub genauso munter vor sich hinrülpst und mich in eine „Duftwolke“ hüllt, die an Silage erinnert. Beide trotten hinter ihren Führern her, bis wir den „Sun set point“ erreicht haben. Unsere Führer fragen, ob wir abstreigen wollen, was wir – Bloß nicht! Bloß nicht! – verneinen. Die Kamele scheinen an eine andere Routine gewohnt zu sein und gehen in die Knie mit dem gleichen Vorne-Hinten-Vorne-Schleuderkurs wie vorher.

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Während wir den Sonnenuntergang über der Thar-Wüste betrachten, kauern die Männer neben ihren Tieren. Die Wüste hier ist keine Sandwüste, sie ist mehr savannenartig, durchwachsen mit Neembäumen und anderen, niedrigeren Sträuchern und Gräsern. Irgendwann hat die Sonne ihre Arbeit getan und wir müssen uns zwischen Schleudern oder Zufußgehen entscheiden. Monsieur dreht ein kleines Video, dass meine Bemühungen – mit dem entsprechenden Soundtrack – festhalten. Bergrunter vom Aussichtspunkt ist auch nicht ganz ohne, zumal meine Steigbügel viel zu kurz sind. Dafür kommen wir mit den ruhigen Tieren recht nahe an Nilgaus und Antilopen heran.

Zurück im Camp wird das Kulturprogramm für uns vorbereitet. Als wir eine halbe Stunde später zu unseren Sitzkissen zwischen zwei Feuerschalen geleitet werden, sitzen zehn Musiker auf einer Art Bühne, rechts und links flankiert von „unseren“ dekorativ arrangierten Kamelen. Die Musik beginnt mit einem Willkommenslied – erklärt Banvar uns. Tatsächlich war uns nicht ganz klar, ob die schmerzlichen Töne nicht auf Liebeskummer oder Schlimmeres hinweisen sollten. Mehr Lieder und Instrumentalstücke schließen sich an. Während mein Kamel aufmerksam wiederkäuend zuhört, beginnt Monsieurs Rozun herzhaft zu gähnen und legt dann seinen Kopf, mit gestrecktem Hals in den Sand. Damit ist er doppelt so lang wie vorher. Zwei Frauen tanzen mit schönen Gesten für uns und da schläft auch Carub ein. Doch als die eine Tänzerin Monsieur auf die Bühne holt, sind beide Kamele plötzlich wieder hellwach.

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Während des Musikprogramms kommt immer mal wieder ein junger Mann mit einem Tablett vorbei: Häppchen aus Hühnchenfleisch, Linsenplätzchen, gegrillter Käse, schließlich eine Tasse Suppe.

Als wir schon fast überzeugt sind, dass dies das Abendessen ist, taucht Banvar am Ende des Programms auf und verbeugt sich mit: „Time for dinner!“

Das Dinner – verschiedene Gerichte zu Reis und Naan – wird in einem offenen Zelt mit Blick auf die mit Laternen und Feuerschalen beleuchtete Umgebung serviert. Alles sehr schön, aber doch langsam auch etwas kühl. Wie kalt es in der Nacht denn werden würde, will ich wissen. Banvar strahlt mich an: „Don’t worry, madame, wir haben schon eine Wärmeflasche in Ihr Bett gelegt.“

 

 

Gandhi für den Sadu

 

n0Das achte Türchen öffnet sich auf einen überraschenden Anblick – und auf ein bisschen Touristen-Bashing. Das Goldene Fort von Jaisalmer sei ein lebendiges Fort, sagt unser Führer Vishal, der selber dort lebt. Seit Generationen hätten seine Vorfahren dort gewohnt, im selben Haus. Beweisen könnten sie nicht, dass das Haus ihnen gehöre, Papiere gäbe es nämlich keine. Aber da sein Familienname an dieser Stelle seit Jahrhunderten in den Annalen und Steuerlisten des Königs auftauche, gehe man mal davon aus, dass das so sei. Leben im Fort sei nicht ganz einfach, Wasser gäbe es pro Tag nur für eine Stunde, also füllt jeder seine Tanks, so gut es geht. Und hier fängt das Problem an – und das Bashing. Obwohl die Häuser mangels Urkunden eigentlich nicht verkäuflich sind, hätten doch einige unter der Hand den Besitzer gewechselt und wären anschließend zu Hotels umgebaut worden. Diese wären sehr preiswert und zögen die recht unbeliebten Backpacker an, die, laut Vishal, kaum Geld ausgeben, aber zweimal am Tag duschen wollen, von anderen wasserintensiven Bedürfnissen mal ganz zu schweigen. Dabei ist nicht der Wasserkonsum das Problem, viel schwerwiegender sei die äußerst mangelhafte Infrastruktur der Entsorgung. Was zur Folge hat, dass ein Großteil des Abwassers außen die Fortmauern entlang läuft oder innerhalb im porösen Boden versickere und den dadurch langsam aber sicher instabil mache. Wer also das Fort liebe, solle ihm zuliebe außerhalb übernachten.

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Auf der anderen Seite, grinst Vishal, kämen die Backpacker für eine Woche, blieben aber nur für 2 Nächte, weil da die Hotels ihnen schon längst „4 days real un-touristic dessert experience“ bei einem Freund verkaufen hätten. So würden sie sich einen Turban aufziehen, aufs Kamel steigen und sich für die Könige der Wüste halten. Bis sie nach 4 Tagen mit schmerzverzerrtem Gesicht, steifbeinig und sonnenverbrannt zurückkämen, worauf das Hotel den Massagedienst eines weiteren Freundes vermittele. So hilft ein Gewerbe dem anderen, grinst er und warnt uns dann, im Fort nichts von den Händlern zu kaufen, kein Patchwork, keinen Schmuck, alles billige Massenproduktion. Das sage er uns aber nur hier, am See, weit weg vom Fort, denn dort wird er sich hüten, das zu tun, ein jeder Händler ist sein Nachbar und er möchte weiterhin in Frieden mit ihnen leben.

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Der See, überraschender Anblick mitten in der Wüste, strahlt eine große Ruhe aus im Morgennebel. Ein weitsichtiger Fürst hat ihn um 1300 herum anlegen lassen und bis ins letzte Jahrhundert war er die einzige Wasserquelle weit und breit. Um ihn herum gruppieren sich Gebäude, die in Stufen ans Wasser führen und das wunderschöne Tor, das eine „freischaffende Dame“ sich mit ihren Diensten erarbeitet und erbauen lassen hat. Als aber der Bevölkerung klar wurde, dass sie auf ihrem morgendlichen Gang zum Wasser von nun an unter dem Balkon, auf dem die Dame saß, durchgehen mussten, schlug die Stimmung um. Die empörten Bürger forderten vom Maharawal, dass er das Tor abreißen solle. Die Dame aber war schneller und pfiffiger als die Wutbürger: in einer Nacht- und Nebelaktion ließ sie flugs einen heiligen Hindutempel auf ihrer Dachterrasse aufbauen und damit war keine Rede mehr vom Einreißen.

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Vishal ist hauptberuflich Radiomoderator und nebenberuflich Führer, zwei Berufe, in denen er viel reden kann und muss. Wir haben gelegentlich etwas Schwierigkeiten, mit einer Frage in seinem Redefluss zu grätschen, genießen aber die Geschichten und Anekdoten, die er erzählt. Zum Beispiel vor einem der vielen Ganesh-Bilder, die so etwas wie Hochzeitsanzeigen sind. Freunde und Nachbarn können sehen, wann die Hochzeit ist und jenachdem, ob der Name der Braut oder des Bräutigams zuerst genannt wird, auch wo, in wessen Elternhaus die Feier sein wird. Es sei immer noch üblich, dass die Eltern den Kindern die Partner aussuchen, dem jungen Mann zehn Fotos vorlegen und erwarten, dass er so seine Braut aussucht. Da aber er, Vishal, und seine jetzige Frau sich schon in der Grundschule sicher waren, habe er ein Foto seiner Freundin gemacht und seinen Eltern gesagt, sie sollten sich nicht die Mühe machen, neun weitere aufzutreiben.

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Das erzählt er uns auf der Dachterrasse eines der Restaurants im Turm der Befestigungsmauer bei einer wohl verdienten Pause sowohl für die Beine als auch für die Augen. Unser erstes Ziel nach dem beschaulichen See ist einer von sieben Jain-Tempeln im Fort. Dafür müssen wir uns erst durch die vier Tore hochkämpfen, rechts und links begleitet von Tuktuks, die etwas faulere Touristen den Berg hochbringen. Wir können die mächtigen Tore bewundern, im Zickzack angeordnet und vor jedem Tor nur ein kurzes Stück gerader Straße, damit der torbrechende feindliche Elefant nicht Anlauf nehmen kann, während von oben die Verteidiger ihr Bestes tun, ihn genau daran zu hindern. Wir kommen aber ungehindert auf den großen Platz, hinter uns der Palast des Königs, vor uns der Palast der Königin und über die Straße rechts der Palast der Kinder. Muss kompliziert gewesen sein, Familienleben zu organisieren.

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Die Fassaden der Häuser sind überwältigend schön, aber verblassen gegen das, was uns in den Jain-Tempeln erwartet. Feinste Spitzenklöppelei in den Bögen zwischen den Säulen, geschmückt mit himmlischen Tänzerinnen und Gottheiten. Die Tänzerinnen haben alle diese unfair perfekten Figuren mit prallen Halbkugeln und schmalsten Taillen, wunderbar zu sehen, da sie kaum bis gar nicht bekleidet sind. Die männlichen Gottheiten sind zwar meist bekleidet, die unbekleideten aber deutlich – wie sage ich das jetzt – männlicher ausgestattet als etwa griechische Götterstatuen. Vishal schmunzelt: „It’s not the Kamasutra, but it is educational.“

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Nach so viel „educational“ wird es dann etwas „recreational“ beim Bummel durch die Gassen der Festung. Fast jeder Händler begrüßt Vishal mit Handschlag, fast jeder weist mit einer Handbewegung auf seine Waren. Einer gibt sich besonders viel Mühe, einzeln aufzulisten, was er an Schals, Quilts, Decken und Patchwork hat. Dafür grinst mich der nächste an mit: „Copy paste!“ Guter Ansatz!

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Zu Fuß geht es vom Fort in die Altstadt zu den prachtvollen Havelis der reichen Händler. Die Seidenstraße hat sie reich gemacht. Bis die Briten kamen und der Schiffsverkehr die alten Handelsrouten ablöste. Wir machen „den Touristenkram“ und dann kommen die Seitengasse. In einem der Häuser dürfen wir bis oben hochsteigen, dank Vishal ohne etwas kaufen zu müssen. Der erste Händler, der mit seinen Waren, alles recht kitschig und wirklich nicht unser Ding, auf uns zukommt, bekommt von seinem Nachbarn ein Ellbogenstoß: „Lass es sein, die sind hier mit einem local guy!“

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Dafür tue ich mich wirklich schwer im Hof der Karawanserei, in der alte Sari-Reste zu Patchwork-Decken verarbeitet werden. Schwer ist auch das Schlüsselwort, der Quilt ist viel zu schwer, um in unseren Koffer zu passen.

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Weiter geht es durch das Viertel, mit ganz gewöhnlichen Wohnhäusern von außergewöhnlicher Schönheit. Natürlich nicht zu vergleichen mit den Prachtresidenzen, dafür ist jeder Balkon, jedes Haus anders gestaltet. Plötzlich gibt es etwas Aufregung, als ein liebestoller Bulle eine wohl unwillig fliehende Kuh durch die Gassen jagt. Vishal schiebt uns in einen Hauseingang und beäugt das Treiben, bis der Bulle von der Kuh ablässt und beide genauso plötzlich ruhig und stoisch nebeneinander stehen. Im Fort kenne er jede Kuh, persönlich und mit Vornamen und wisse, wie sie reagieren, aber hier, in der Altstadt… Nun, das größte Problem scheint nur noch zu sein, unbeschadet um die „Glückscookies“ zu kommen, die beide Tiere auf ihrem Weg hinterlassen haben.

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Vor der nächsten Attraktion sitzt ein „Sadu“, ein heiliger Mann. Anführungszeichen deshalb, weil sie laut Vishal hier, in Jaisalmer, nicht hingehören und nicht echt sind. Es sind sozusagen Statisten für Touristen, die ihr Leben damit verdienen sich fotografieren zu lassen. Deshalb fragt Monsieur nicht wie sonst erst höflich, ob er das darf. Hier ist es eine knallharte Businesstransaktion: hier Gandhi, da Sadu.

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Ein paar Gassen weiter kommen wir wieder zum Fort, wo Dillip auf uns wartet.

Morgen geht es für zwei Tage in die Wüste, ich fürchte mich jetzt schon vor den kalten Nächten.

Falls es morgen kein Türchen zu öffnen gibt, könnte es daran liegen, dass entweder das Internet oder ich festgefroren sind.

 

Ach ja: Indisch kochen ist offensichtlich ganz einfach – ein bisschen Magie – fertig!

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Dangerous cow

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Gestern werden wir durch einen lauten Krach wach. Wir denken in Richtung „Müllabfuhr“ und „ist halt so“ und drehen uns noch einmal um. Heute gibt es den gleichen Krach zur gleichen Zeit und das sieht doch schon sehr nach „hat System“ aus, also stehen wir auf und schauen nach. Auf der anderen Seite der Straße stehen Hunderte Grundschulschüler in Uniform in Reih und Glied. Ein größerer Schüler schlägt eine riesige Trommel und vor den ersten Reihen turnen sechs Lehrer vor. Zum Rhythmus der Trommel wird in die Grätsche gesprungen, Arme nach oben, nach unten geführt – und Hunderte von Grundschulschülern turnen nach. Wir schauen eine Weile zu, dann gehen wir zum Frühstück, wo ich mir, geschwächt von so viel sportlicher Aktivität, erst einmal etwas Besonderes gönne: Pfannkuchen mit Sirup und Schlagsahne, schließlich ist heute ein besonderer Tag.

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Freundliche Geste unseres Hotels und des Reiseveranstalters

Etwas später sitzt Monsieur beim Checkout. Auf dem Evaluierungsbogen des Hotels kreuzt er überall „excellent“ an, nur bei der Sparte Zimmertemperatur gibt er ein „gut“. Der Manager ist bestürzt: „Sir, was können wir tun, um auch da exzellent zu sein?“ Nun ist Monsieur verwirrt, so hat er noch nie über Temperatur nachgedacht.

Heute Morgen war die Dusche nur lauwarm, aber das werde ich ihnen jetzt nicht erzählen, ich habe Angst, dass der Manager darob völlig untröstlich in Tränen ausbricht.

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Unser Ziel für heute ist Jaisalmer, die goldene Stadt in der Thar-Wüste, 330 Kilometer auf dem National Highway 11. Mangeez warnt uns gestern, wir sollten bitte nicht Dillip fragen, ob er rechts in dieses Dorf oder zu jenem Tempel fahren könne. Links wäre kein Problem, nur rechts wäre alles bis zur pakistanischen Grenze militärisches Sperrgebiet. Da dürfte als Nicht-Anwohner nur herein, wer viele Papiere mit noch mehr Stempeln vorlegen würde. Wie etwa die Mitglieder der NGO, die er letztens dorthin begleitet hätte, um im Auftrag eines großen blaugelben Möbelhauses die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Stickerinnen zu dokumentieren, die für eben dieses Haus Kissen besticken.

Wir sollten aber bitte auf Abstecher verzichten, das Gebiet werde ständig von Polizei, Armee – darunter das Elite-Kamel-Korps – und Geheimdienst in Zivil kontrolliert. Wahrscheinlich wären die Konsequenzen für uns eher gering, aber unser Fahrer würde sich viel Ärger einhandeln.

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Das wollen wir natürlich nicht, zumal die savannenartige Wüste auf der einen Seite genauso langweilig aussieht wie auf der anderen Seite. Ein bisschen In Drive Entertainment bietet die Tierwelt neben, aber meist auf der Fahrbahn: Kühe, Zebus, Esel, Kamele tummeln sich am Straßenrand und bummeln, wenn ihnen gerade nichts Spannenderes einfällt, auch mal gerne quer hinüber auf die andere Seite oder legen ein meditatives Nickerchen auf dem Mittelstreifen ein.

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Unterbrochen wird die monotone Straßenführung von Mautstellen. Vor diesen stehen riesengroße Tafeln in Hindi und Englisch mit der Auflistung der Personen, die von der Maut befreit sind. Nummer 1: der Präsident von Indien. Ganz weit unten kommen auch die Feuerwehr und Leichenwagen. Zumindest bei der Feuerwehr finde ich es beruhigend zu wissen, dass sie im Einsatz an jeder Mautstelle nicht zuerst nach Kleingeld fischen müssen.

Dillip, d.h. das Auto, hat eine „Fast track“ -Plakette, die laut großer Plakate an den Mautstellen ab 1. Dezember für Mautstraßen verpflichtend ist. Nur sind die Mautstellen noch nicht darauf eingestellt. In mehr als der Hälfte der Fälle fährt Dillip vor, wartet einen Moment, kurbelt das Fenster herunter und ruft laut: „Fast track! Fast track!“, woraufhin jemand kommt und von Hand die Schranke hebt.

Mitten in der Wüste erzählt Dillip uns von der Nilgau-Antilope. „Not holy cow! Dangerous cow!“ Das wiederholt er so oft, mit haarsträubenden Erzählungen von 300 Kilogramm schweren Tieren, die mit meterhohen Sprüngen plötzlich vor den Autos auftauchen, dass wir heimlich vermuten, dass er einmal eine unglückliche Begegnung mit so einer „dangerous cow“ hatte. Plötzlich bremst er, setzt zurück und deutet aufgeregt nach hinten in die Büsche: „Dangerous cow!“ So bekommen wir, dank unseres aufmerksamen Fahrers, eine Nilgau-Antilope zu sehen.

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Zusätzlich zu den Dingen, die nur sieht, wer mit Monsieur reist: „Hast du die Überlandleitungen gesehen? Nicht ein Mast ordentlich verspannt! Nicht ein einziger!“

 

 

Wolkenzimmer im Wüstenstaat

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Das sechste Türchen sollte nur aufmachen, wer keine Angst vor kleinen Nagern hat.

Normalerweise halte ich mich an die Regeln, die da besagen, Schuhe und Strümpfe aus, bevor man den Tempel, die Moschee, den Schrein betritt. Heute leiste ich es mir, für 30 Ruppien (40 Cents) ein paar Stoffschlappen zu leihen. Mit nackten Füßen auf warmem Sandstein in der großen Moschee oder über eiskalten Marmor im Sikh-Tempel zu gehen, das ist einfach. Mit nackten Füßen durch Ratten, das ist etwas ganz anderes. Denen ist nämlich der Karni-Mata-Tempel in Deshnok geweiht. Sie sind die Reinkarnation der Verwandten der Schutzheiligen und sind überall. Aus Marmor oder Silber auf dem Fries um das wunderschön gestaltete Tempeltor, in Natur zu meinen Füßen. Zum Glück gehören sie einer kleinen zierlichen Art an und wirken eher possierlich, wie sie überall herumturnen. Von den ihnen ehrfürchtig gereichten Gaben sind sie so satt und verwöhnt, dass sie an manchen Reisbällchen nur schnuppern und dann den Kopf abwenden.

Wir stellen uns in die Schlange, die sich langsam zum Bild der Schutzheiligen vorarbeitet. Durch ein kleines Fenster, um dessen Rahmen wiederum Ratten herumwuseln, wird sie sichtbar, auch das zu ihren Ehren entzündete heilige Feuer. Das wird nun in einer Schale am langen Griff durch die Gläubigen getragen, die mit Handbewegungen Flammen und Rauch wie waschend über das Haupt wedeln. Wallende Sari-Schleier und offene Flammen – mir wird da etwas mulmig zumute, aber alle wissen offenbar, was sie tun.

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Wir kommen aus dem Gang hinter dem Heiligtum und stehen vor einem zweistöckigen Schuppen: unten flache Schalen mit Milch, umringt von den Nagern, oben drüber einige Feuerstellen mit riesigen Eisenbottichen für das Essen der Pilger. Zweimal im Jahr gibt es einen großen Feiertag im Rattentempel, da brechen die Pilger nachts in Bikaner auf, immerhin 35 Kilometer entfernt. Die Landstraße, auf der wir gekommen sind, wird für den Verkehr gesperrt und Zigtausende pilgern zum Tempel, wo es am Morgen dann ein Fest für alle gibt.

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Mittagessen für uns gibt es in einem Rooftop-Restaurant mit dem schönen Namen Palace View. Oben ist allerdings kein Palace zu viewen und Mangeez, unser Führer, muss eingestehen, ja, das war bevor die Bäume auf dem Nachbargrundstück so groß wurden. Dafür fährt uns Dillip am Lallgarh Palace, heute ein Hotel,  vorbei, wo sie gerade auf dem Grundstück vor dem Hotel die Reste einer Hochzeit aufräumen, vielleicht die Erklärung für das Feuerwerk, das wir gestern von unserem Balkon aus sehen konnten, und auf dem hinteren Gartenteil die Zelte und Garküchen einer weiteren Hochzeit aufbauen. Wir fahren langsam an Meter um Meter von Küchen vorbei. Auf unsere Frage schätzt Mangeez: „Mindestens 1500 Gäste…“

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Im Fort treffen wir auf zwei Brautpaare, das eine eher westlich gekleidet, das andere in voller indischer Pracht, der Bräutigam mit juwelengeschmücktem Turban und Paradedegen, die Braut farbenprächtig und tief verschleiert. Ob das heutzutage noch so sei, dass der Bräutigam die Braut erst beim Heben des Schleiers sieht, frage ich Mangeez. Es gäbe wohl noch sehr traditionelle Familien, die das so arrangieren wollten, meint er und deutet dann grinsend auf sein Handy, aber in Zeiten von Whatsapp & Co…

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Das Fort hat eine Baugeschichte wie der Kölner Dom: im späten Mittelalter angefangen, im 20. Jahrhundert fertiggestellt. Wir gehen rückwärts in der Geschichte, beginnend mit den jüngsten Höfen, um irgendwann im 16. Jahrhundert zu landen. Räume von kalter Pracht wechseln sich ab mit exquisit gestalteten Hallen und Audienzsälen voll überbordendem Prunk. Ich sage nur: 70 bis 80 Kilogramm Gold, nur für die Vergoldung der Ornamente. Der netteste Raum, was mich betrifft, ist das Wolkenzimmer. Mangeez erklärt, dass klassische indische Musik komponiert sei, um bei Monsun gespielt zu werden. Was macht man da, wenn man Musikliebhaber, aber Maharadscha eines Wüstenstaates ist? Genau, man lässt ein ganzes Musikzimmer mit Wolken, Blitzen und Regentropfen ausmalen und installiert eine geniale Hydraulik, die Wasser über eine schmale Metalllippe laufen lässt und somit für den richtigen Soundtrack zum Wolkenzimmer sorgt.

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Richtig leid tut mir der Herr Maharadscha dann im königlichen Schlafzimmer: ein schmales Feldbett, auf niedrigen Füßen, damit sich kein Attentäter drunter verstecken kann, das ist alles doch sehr karg und hochgradig unromantisch. Dann winkt uns ein Saalwächter zu und öffnet mit verschwörerischem Augenzwinkern eine kleine Tür: dahinter bunte Glasfenster und köstliche Zeichnungen an der Wand und ein Gang, der zu den Damen führte. Vielleicht doch nicht so arm, der arme Maharadscha.

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Wieder vor dem Fort steigen wir um auf Tuktuk, denn selbst Dillips „creative driving“ kann uns nicht weiterbringen im Gewirr der Altstadt von Bikaner. Auch das Tuktuk bleibt nach ein paar Hundert Metern stecken und Mangeez winkt uns auszusteigen. Um uns ein Meer von – gefühlt – Tausenden knatternder und hupender Tuktuks und Motorräder, durch das wir uns nach vorne drängen, hin zur geschlossenen Bahnschranke. Dieses Chaos gäbe es zehnmal am Tag – auf unserem Rückweg dürfen wir es, einen Übergang weiter, wieder mit erleben -, die Stadtverwaltung hätte auch eine Brücke vorgeschlagen, aber die Händler hätten es abgelehnt, weil die Fußgänger nicht mehr an ihren Geschäften vorbeikämen, erzählt Mangeez. Vor uns eine rangierende Diesellok, um uns die Kakophonie von Motoren und Hupen und just in dem Moment ruft unsere Reiseveranstalterin aus Deutschland an und möchte wissen, ob es uns gut geht. Wir können nur lachend bestätigen, dass wir so mitten drin sind in unserem Reiseerlebnis, dass wir sie kaum verstehen können.

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Die Schranke hebt sich und das Gedränge und Geschiebe geht los, auf beiden Seiten. Mangeez lässt uns wieder ins Tuktuk steigen, das uns inzwischen eingeholt hat. Einige Hupkonzerte und Kuh-Slaloms weiter sind wir in den engen Bazar-Gassen, die die Kaufmannspaläste beherbergen. Schmückten sich die Havelis in Mandawa mit glücksbringenden Elefanten, ist es hier Spitzenklöppelei in rotem Sandstein. Ihr Schicksal ist das gleiche. Die Kaufleute sind abgewandert nach Bombay und die riesigen Häuser stehen leer.

 

 

Auf dem National Highway 11

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Das fünfte Türchen schließen wir schweren Herzens heute hinter uns.

Leider sind wir nur eine Nacht ins Vivaana gebucht.

Gestern fragt uns Iskender, ob wir im Mandawa Castle übernachten und wir nennen ihm den Namen unseres Hotels. Da grinst er und meint, dass wir damit im Abschluss seiner Mandawa-Führung einen perfekt restaurierten Haveli erleben dürfen.

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Was wir außerdem erleben, ist großartige Gastlichkeit. Vom blumenreichen Empfang über das Dinner im Innenhof zwischen Kohlebecken zum Frühstück heute Morgen. Gut, die Nacht war etwas kühl, denn die äußerst behutsame Renovierung hat viele traditionelle Eigenheiten bewahrt, wie etwa die Tatsache, dass vor den Fenstern massive Holzschlagläden sind, aber im Fenster kein Glas.

Heute Morgen streifen wir noch einmal durch die Räume und Höfe, streicheln dem Bronzeesel die blankpolierten Ohren, das bringt Glück, und bewundern die optimistische Aussage des Labyrinthbrunnens, dessen Wasser immer irgendwie einen Ausweg findet.

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Damit endet leider unser Aufenthalt, der Manager drückt uns noch eine Tüte mit Kuchen und Obst in die Hand für unsere Weiterreise und dann müssen wir uns losreißen.

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Der nächste Stopp führt uns nach Fatehpur, auf Dillips Empfehlung. Das ist so wie immer im Leben, ein Geben und Nehmen. Er erklärt uns am ersten Tag, wir wären seine Gäste, seine Chefs (Ursprünglich sagte er „You are my gods“, aber das haben wir ihm schnell ausgeredet und uns auf „boss“ geeinigt), er würde halten, wo immer wir wollten. Allerdings ist es dann eher so, dass er uns halten machen will, dieses Kamel fotografieren, jene Frauen, diesen kleinen Tempel, der wie Disney-Land aussieht und jenen Brunnen. Wenn wir dann viermal nein gesagt haben, geben wir beim fünften Mal nach, um unserem Fahrer eine Freude zu machen. Klingt seltsam, ist aber so.

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Die Brunnen sind aber auch toll. Alle nach dem gleichen Schnittmuster vom Maharadscha gebaut, bieten sie den eigentlichen Brunnen zwischen den vier Säulen. Über die Querstreben wurde das Seil gelegt, um die Wassereimer hochzuhieven. Das Häuschen vorne war die Frauenumkleide, darunter das Frauenbad. Das Badewasser wurde danach abgelassen in die Waschtröge im Vordergrund, deren Steinplattenumrandung dafür sorgte, dass die Frauen beim Waschen nicht im Matsch stehen mussten. Auf der Rückseite, unten und weit weg, war die Tränke, wobei Treppen dafür sorgten, dass die Tiere nicht in die Nähe des Trinkwassers für die Menschen kamen. In fast jedem Dorf haben wir solche Brunnen, mal größer, mal kleiner, mal mehr, mal weniger gut erhalten gesehen.

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Fatehpur  bietet Haveli und Großbaustelle, die Durchfahrt ist gesperrt. Dillip setzt uns ab, wir machen eine Zeit aus und stromern los. Sehen einen gewaltigen Zebu-Bullen, der sich genüsslich an der Baustelle den Bausand übers Haupt wirft. Bevor er die Beine einknicken und sich wohlig im Sandbad wälzen kann, kommen die Bauarbeiter gerannt und verscheuchen ihn. Dann kommt der Haveli mit dem köstlichen Bild eines Künstlers, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der schon mal von einem Automobil gehört hat.

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Unser eigenes Automobil steht vor der auf der ganzen Breite gesperrten Straße. Rechts haben sie einen kleinen Erdwall aufgeschüttet, den Motorräder und Rikschas schon stellenweise durchbrochen haben. Links ist auf Fahrbahnbreite und 50 Meter Länge nur aufgewühlte Erde, Schlamm, Matsch. Der LKW vor uns mag das nicht so recht ernst nehmen. Anscheinend ist das hier wie in Frankreich: eine Straßensperrung heißt ja nur, dass man da nicht durchfahren darf, nicht, dass man da nicht durchfahren kann. Als der LKW allerdings knöcheltief im Schlamm versinkt, überlegt Dillip es sich doch, hupt so lange und ausdauernd, bis die Bauarbeiter die Sperre vor der Gasse links wegräumen und die Schubkarre davor aus dem Weg schieben. Den kurzen Moment, den es braucht, die Sperre auf Autobreite zu öffnen, nutzen drei Rikschas, um sich noch schnell an uns vorbei in die Gasse zu quetschen.  Einige haarsträubend enge 90°-Kurven später biegen wir wieder auf die Hauptstraße, die hinter Fatehpur  zum „National Highway 11“ wird. Wobei das ein Euphemismus ist und mit dem Bild einer Autobahn, das der Begriff Highway erweckt, nichts zu tun hat. Es gibt vierspurige Teilstücke, aber da wird die linke Spur gerne auch mal von entgegenkommenden Pferde- oder Kamelkarren genutzt. Wir fragen Dillip, wie weit es noch bis Bikaner sei. „Four hours – careful driver, two hours – dangerous driver“, meint er, careful deshalb, weil man selbst auf dem Highway nicht weiß, ob in der nächsten Senke ein Bulle steht oder hinter der nächsten Kurve einem ein Fuhrwerk auf der eigenen Spur entgegenkommt.

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Wir entscheiden uns für gefährlich sorgsam und schaffen es in etwas unter drei Stunden zum Palast des letzten Maharadschas von Bikaner. Dort erwartet uns unser Führer für Bikaner und nach einer kleinen Auffrischpause „Sightseeing light“ mit den königlichen Gräbern und den Elite-Kamelen. Die Gräber zeigen uns, dass maharadschen manchmal ganz schön kompliziert sein kann. Der letzte Maharadscha hinterließ bei seinem Tod „nur“ zwei inzwischen schon sehr erwachsene Töchter, keinen Sohn. Sollte eine der beiden älteren Damen – was beliebig unwahrscheinlich ist, aber nehmen wir das mal an – einen Sohn gebären, müsste ihre eigene Mutter dieses Kind als Sohn und Erben adoptieren, um die Blutlinie zu erhalten. Damit würde die leibliche Mutter zur Schwester des eigenen Kindes. Kompliziert, kompliziert.

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Dafür sind die Gräber sehr schön ausgearbeitet, besonders die älteren, für die unser Führer den Aufsehern die Schlüssel abschwatzt. Hinter den Mauern, die diese Gräber umschließen, sieht man hinten, in der Steppe, weitere Kuppeln. Das sind die Gräber von – und das ist im mehrfachen Sinne – entfernten Verwandten der königlichen Familie.

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Das mit den Kamelen, die eigentlich Dromedare sind, hier aber trotzdem Kamele genannt werden, ist dann ein einfacher und gemütlicher Abschluss des Tages. Die werden hier in einem nationalen Forschungszentrum gezüchtet. Monsieur kennt ja so einige nationale Forschungszentren, allerdings keines, das sich mit Kamelen beschäftigt, noch dazu für die Armee. Für ein Elite-Kamel-Korps, das die Wüste zu Pakistan patrouilliert. Unsere Aufgabe besteht dann nur darin, zwischen den Gehegen durchzugehen, die Hinterteile der um den Futtertrog gescharten Tiere – irgendwie schlechtes Timing – zu bewundern und die entsprechenden Ausrufe von uns zu geben. Bei den langwimprigen Jungtieren fällt das sehr leicht. Solche Wimpern hätte ich auch gerne!

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Ähem

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Ich teile ja gerne! Aber Monsieur?

Gleich drei Männer machen mir heute Komplimente, was ich doch für einen gutaussehenden Mann hätte. Mit solch einem stattlichen Bart.

Da die drei Herren tatsächlich so wirken, als seien sie eher an Monsieurs als an Madames interessiert, mache ich meine Besitzansprüche eindeutig klar. Das wird durchaus mit einem Seufzen akzeptiert, wenn auch der eine sich sichtlich schwer tut, bei dem stattlichen Bart.

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Angefangen hat der Tag mit anderthalb Stunden Stop&Go, bis wir den Großraum Delhi hinter uns lassen konnten. Dann spielen wir Klischee-Bingo: die überladenen Motor-Rikschas, zwölf Personen auf sieben Sitzplätzen und noch drei draußen an den Türen – Bingo! Dito für Busse, hier aber mit einem Dutzend Passagiere auf dem Dach – Bingo! Kühe, stoisch wiederkäuend auf vierspurigen Straßen, die zum Slalom zwingen – Bingo! Vierspurige Straßen, auf denen sich sieben Autos nebeneinander tummeln, die Mopeds dazwischen nicht mitgezählt – Bingo! Als kleinen Bonus gibt es Rikschas, bis knapp an die Grenze ihre Tragfähigkeit dekoriert mit bunten Bändern und künstlichen Blumen oder Lastkarren, gezogen von hochnäsig auf uns herabschauenden Dromedaren. Oder den Blick in ein winziges Ladenlokal, in dem ein alter Mann einem anderen alten Mann das Kinn einseift und den Bart schert.

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Die Straße nach Mandawa ist gut bis schlecht bis nicht existent und das im steten Wechsel. Nicht existent da, wo sie – im Neubau der neuen Straße begriffen – die alte provisorisch verlegt haben und den Wasserrohrbruch nicht in den Griff bekommen. Oder wo der provisorische Unterbau so schlecht war, dass der Teerbelag rechts und links immer weiter wegbrach und nur ein schmaler Streifen in der Mitte stehen blieb. Ausweichen wird als Schwäche gesehen und gewonnen hat, wer als letzter die Nerven behält.

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So kommen wir etwas durchgerüttelt, nervlich und rückenmäßig, in Mandawa an, wo Iskender, zierlich und schmal, auf uns wartet. Der mir als Erstes ein Kompliment macht. Zu meinem Mann! Dann führt er uns durch die verwinkelten Gässchen Mandawas zu den verwunschenen Havelis, reich geschmückte Kaufmannshäuser aus dem vorletzten Jahrhundert. Hunderter solcher Kleinode beherbergt die Stadt, die überwiegende Mehrzahl dem Verfall preisgegeben, weil die Besitzer weggezogen sind oder als Erbengemeinschaft sich nicht auf erhaltende Maßnahmen einigen können. Einige wenige sind Hotels, ein Haveli wird von einer Französin restauriert in Zusammenarbeit mit einer Kunstschule. Mit ein paar Centimes Eintrittsgeld können wir uns anschauen, wieviel Arbeit noch vor der Idealistin liegt.

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Wieder draußen nimmt Iskender Monsieur beiseite und zeigt auf die Darstellung eines Zuges auf der Außenwand, er solle sich mal die letzten drei Waggons anschauen. Tatsächlich sind da Damen und Herren  in sehr eindeutige Aktivitäten vertieft, bei offenem Fenster.

Iskender führt uns zum Brunnen der Stadt, der am höchsten Punkt liegt und deshalb 180 Meter tief gegraben werden musste. Was die Logik dahinter war, ist nicht erkennbar. Jedenfalls nutzt Iskender die Situation, um mich noch einmal zu Monsieur zu beglückwünschen und uns dann in die kleine Kunstgalerie seines Freundes abzuschleppen. Der als erstes in Begeisterung ausbricht über Monsieurs Bart. Also wirklich!

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Unser Hotel liegt etwas außerhalb von Mandawa in einem restaurierten Haveli. Ein Sitharspieler begrüßt uns vor dem Tor, aus einem Fenster über uns rieseln Blütenblätter auf uns herab, als wir in den Innenhof treten. Ein Märchentraum empfängt uns!

Der Hotelmanager verbeugt sich, nimmt unsere Pässe entgegen und dreht sich zu Monsieur: So gutaussehende Männer wie er bekämen heute zehn Prozent auf alle Spa-Anwendungen.

Irgendetwas muss hier im Wasser sein…