Was Baedeker nicht wusste

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Unsere Familientage neigen zu einer gewissen Opulenz, unterbringungs- und ernährungstechnisch. Letzteres kann man mit etwas Bewegung ansatzweise ausgleichen. In Bad Ems bietet sich der Bäderlei-Weg an, der von Herrn Baedeker schon Mitte 1800 als einzigartig schön gepriesen wurde und folgerichtig in Baedeker-Weg umbenannt wurde. Was Herr B. nicht wusste, nicht wissen konnte, ist die Tatsache, dass der viel gepriesene Weg die ersten 20 seiner 190 Höhenmeter im Treppenhaus des neuen Parkhauses der Kurstadt erklimmt. Somit zum Schummeln Aufgelegten die Möglichkeit gibt, vier Stockwerke per Lift zu bewältigen.

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Wir tun das natürlich nicht, wir stellen uns der doppelten Herausforderung, die Treppen und Parkhausarchitektur darstellen und dürfen kurz darauf den schmalen Felspfad betreten, der zu den Heinzelmann-Höhlen führt. Die sind nicht zu Hause und so kämpfen wir uns Schleife um Schleife, Aussichtspunkt um Aussichtspunkt – immer dasselbe Bad Ems, aber immer ein neuer Blickwinkel – hoch zum Concordiaturm, der mit der Aussicht auf eine wohl und vielfältig gefüllte Kuchentheke lockt. Cappuccino-, Eierlikör-, Kirschkäse- und andere Torten machen dann wieder weitere Bewegung notwendig, im Thermalbad, um sich ein bisschen Appetit für das opulente Abendessen zu erarbeiten.

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Ich fürchte, ab morgen muss ich mit einer Diät anfangen.

Aber natürlich erst nach dem ausgedehnten Frühstück hier.

Ich habe das Bernsteinzimmer gefunden!

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Das ist zumindest mein erster Gedanke, als wir durch Flur um Flur des Grandhotels tigern, auf der Suche nach unserer Zimmernummer. Der Boden in Royalblau, die Wände holzgetäfelt und in Bernsteinkasetten ausgelegt. Ganze Marmorhügel müssen abgetragen worden sein, ganze Wälder abgeholzt für die äußerst opulente Ausstattung des Grand Hotels in Bad Ems. Abgetragen und abgeholzt, um Kaiser Wilhelm, Zar Alexander und Bismarck den geeigneten Hintergrund für ihre Treffen zu geben. Kein Wunder, dass mir das alles ein bisschen zu „zu“ ist.

Aber es ist so wie mit barocken Kirchen. Das alles ist so zu viel, dass es schon wieder etwas hat. Und während mein Sarkasmus mir „Industrialisierung“ und „Kriegstreiberei“ zuflüstert, merke ich – nicht ohne eine gewisse Sorge -, dass ich gerader sitze und aufrechter wandle in diesen edlen Hallen. Zum Glück nur bis Sonntag. Das sollte keine bleibenden Schäden hinterlassen.

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Auch gut

Gesucht haben wir romanische Gewölbe.

Gefunden haben wir das hier.

 

Und danach war es zu spät für Romanik.

Auch gut…

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

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Paonia ist’s – mannomann!

Das reimt sich jetzt zwar nicht so richtig, dafür geht unsere Geschichte wenigstens besser aus als bei Herrn Goethe.

Geplant war das natürlich ganz anders – und das aufgrund gründlicher Vorausinformationen und mit minutiösen Details. Die kleine Schiffbrücke kurz hinter Mali Losinj wird um sechs Uhr geöffnet, morgens. Da schlafen wir noch, das ist für uns nicht relevant. Dass die in Osor sich um neun Uhr wegdreht, um Schiffe durchzulassen, dagegen schon. Da sollten wir besser vorher durch Osor fahren, um die 10:30 Fähre in Porozina zu erreichen. So stehen wir um sieben Uhr ein letztes Mal am Frühstücksbuffet, selbst um diese Uhrzeit umgeben von Menschen, deren Klamotten – wie Monsieur bemerkt – schneller wirken als sie selbst.

Um zehn Uhr sehen wir – fast in Pole Position – die Fähre einlaufen, die uns wenig später in Brestova absetzt. „Ankunft um 13:30“ informiert uns unser Navi und Monsieur stöhnt auf. Sechs Stunden Langeweile in Airport Lounges. Deshalb halten wir kurzerhand an, als rechts der Kirchturm von Gračišće auftaucht. Ein halbe Stunde schlendern, fotografieren, Kaffee- und Harmoniepause. Dass im Café eine Sammel-Box steht für ein krankes Kind der Gemeinde, hilft uns unsere letzten Kunar loszuwerden. Zurück im Auto überrascht das Navi mit „Ankunft um 15:30“ und wir verwerfen unseren „Wir haben so viel Zeit. Dann lass uns doch in Piran noch mal schön Fisch essen“-Plan. „Lieber drei Stunden zu früh, als drei Minuten zu spät,“ meint Monsieur. Was man halt so sagt in seiner kindlichen Naivität.

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Das war dann auch das letzte Mal, dass etwas unbeschwert geklappt hat. Wir stehen eine Stunde vor der slowenischen Grenzstation, wir stehen quasi durch ganz Slowenien, wir stehen insgesamt fünf Stunden im Stau. Ich glaube nicht, dass es irgendwo anders in Europa noch Mobilhomes gibt heute, die stehen alle vor, neben und hinter uns.

Hinter Trieste spielt das Navi mit unseren Nerven, gibt Zeitangaben von „Gerade noch machbar“ bis „Vergesst es!“ von sich, bis der Stau vor Venedig uns die letzten Illusionen nimmt.

In Venedig fahren wir in dem Moment auf den Parkplatz der Autovermietung, als der Flieger die Türen schließt und auf die Startbahn rollt, fast genau elf Stunden, nachdem wir für einen 350-Kilometer-Trip aufgebrochen sind.

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„One way? Geneva-Airport? Einen Tag? Zwei Fahrer?“, fragt die Dame von Avis und sagt dann 1100 Euro. Die von Sixt will „nur“ 900 Euro und auch der Herr von Hertz schreibt zuerst etwas Vierstelliges auf. Dann schaut er hoch: „Würden Sie auch einen Wagen auf der französischen Seite zurückgeben können?“ und streicht die 900 Euro Rückführungsgebühr mit den Worten. „Es ist aber ein etwas größeres Auto.“ Kurz darauf stehen wir vor einem Schlachtschiff von Neunsitzer, Typ Mannschaftstransporter. Wir schlucken erst, dann müssen wir lachen. Sollte der Mont Blanc-Tunnel unvorhergesehenerweise kurzfristig gesperrt werden, sollten wir in den Alpen einschneien, hätten wir wenigstens genug Platz zum Übernachten. Zwar mit nur einem Heinzi für zwei, aber – passt schon.

Wir reiten durch Nacht und Wind, es beginnt zu regnen, als wir hinter Venedig auf die Autobahn gehen. Mailand schickt uns mit einer Vollsperrung der Autobahn auf vierzig Minuten Rundfahrt durch die nächtliche Stadt. Am Tunneleingang sehen wir, dass bei stürmisch-regnerischen 6° Außentemperatur der Scherz mit dem Einschneien nur ganz knapp ein Scherz war und dann stehen vor Genf um drei Uhr morgens an der Schweizer Grenze vier fröhliche Zöllner und wollen uns nicht über ihre schöne Autobahn lassen, nur weil wir am Schlachtschiff keine Vignette haben. Vierzig Franken für fünf Minuten Autobahn scheint uns übertrieben. Wir hissen die Piratenflagge, gurken kurz durch die französische Pampa und fahren auf der nächsten Auffahrt wieder auf, ohne Vignette und ohne schlechtes Gewissen für die kurze Strecke. Um diese Uhrzeit betrachte ich das als reine Notwehr.

Wir erreichen den Hof mit Müh‘ und Not, völlig gerädert, so gut wie halbtot.

Es ist 04:06, als wir den Haustürschlüssel ins Schloss stecken.

Gestern, als ich Monsieur gegenüber so etwas wie Nervosität bezüglich der Planungsfaktoren zugegeben habe, lachte er das weg mit: „Wir fliegen doch nicht von Kabul, wir fliegen von Venedig. Was soll da schon schief gehen? Zur Not mieten wir ein Auto und fahren nach Hause.“

Tja, was soll ich da jetzt sagen…

 

 

Die spinnen, die Römer

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Und das ist der Grund, weshalb man in Osor gegen 9 und gegen 17 Uhr mit Staus rechnen muss. Denn dann wird die Drehbrücke weggeklappt, damit Segelschiffe und Motorjachten durch den Kanal zur anderen Seite der Insel fahren können, ohne einen langen Umweg um die Inselspitze nehmen zu müssen.

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Ganz hinten rechts: die Brücke, eher unterwältigend

Die Probleme der Jachtbesitzer waren den Römern natürlich gleichgültig. Sie ärgerte eher die Tatsache, dass da, wo Cres und Losinj aneinanderstoßen, nur so ein sumpfiger Morast war. Zu viel Wasser, um trockenen Fußes von A nach B, d.h. von C nach L zu laufen, zu wenig Wasser für den Schiffshandel. Also haben die Römer Nägel mit Köpfen gemacht und einen 11 Meter breiten Kanal durch die Landenge gestochen. Das förderte den Handel und das wiederum das Wachstum der Stadt, einige Rückschläge in Form marodierender Sarazenen oder Genuesen mit eingerechnet.

Viel später wurde der Graben vergessen und noch viel später wieder reaktiviert und mit einer Drehbrücke versehen. Was wiederum der Grund ist, dass wir morgen Früh vor 9 Uhr durch Osor fahren sollten.

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Vor der Fahrt hatte ich einen Reiseführer geschenkt bekommen für die Inseln, von 1997. Wenige Jahre nach Ende des Jugoslawien-Konfliktes werden Dörfer und Orte vorgestellt, fast alle sehr klein, fast alle wie aus der Zeit gefallen. Gerade Osor sieht auf den Bildern mit der alten Stadtmauer aus wie vor 100 Jahren. Nun bin ich manchmal zynisch und kann nicht umhin, mir vorzustellen, dass dieses idyllische Städtchen inzwischen von Bettenburgen umzingelt ist, die wahrscheinlich größere Schäden anrichten als alle marodierenden Sarazenen oder Genuesen zusammen. Aber nein, das Städtchen liegt genauso verschlafen-verträumt da wie auf den alten Fotos. Gut, die Jachten im Hafen sind vielleicht etwas üppiger und auf der anderen Seite der Brücke liegt ein großer Campingplatz – gut getarnt – im Wald versteckt.

Wir laufen durch die Gässchen, suchen und finden die verschiedenen Klosterruinen, aber nicht den in der Erklärtafel erwähnten kostbaren Bauschmuck. Des Rätsels Lösung kommt zwei Nebensätze weiter: „ … der in vielen Wohnhäusern in Osor verbaut wurde“. Ahja, Recycling!

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Von Osor und dem Meer geht es steil hoch in die Berge. Das Asphaltband, das nach Lubenice führt, Sträßchen zu nennen, ist sehr geschmeichelt, sorgt aber für ein abenteuerliches Fahren mit hohem Diskussionspotential bei Gegenverkehr. Ganz besonders dann, wenn die Einheimischen die wenigen Ausweichbuchten als Parkplatz für ihre Wochenendbeschäftigung besetzen.

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Lubenice ist noch ein bisschen verschlafen-verträumter als Osor und bei Wanderern sehr beliebt. Wenn man auf der Terrasse der Konoba Calamari genießt, kommen alle naslang stramme Wadenpaare vorbeimarschiert. Neben der Konoba betreibt eine Puppenmacherin aus Zagreb ein sehr engagiertes kleines Museum zur Wollmanufaktur. Sie erzählt gerne von den Problemen: ungewaschene Wolle ist fast wertlos, Wasser zum Waschen in den trockenen Inseln zu wertvoll, so dass der Hauptanteil der Wolle einfach entsorgt wird, vergammelt, nicht geschätzt wird und damit auch alte Handarbeitstechniken, die dadurch vom Aussterben bedroht sind. Die Lösung sind NGO-Projekte zur Valorisierung der Rohwolle – als Dämmmaterial z.B. – und die Weitergabe der Techniken durch alte Mitbürger, die dadurch auch noch ein bisschen Kontakt und Taschengeld bekommen. Sie verkauft Produkte aus Filz – von wirklich wunderschön bis zu ziemlich kitschig. Drei Filzblumen gehören jetzt mir. NGO-Wolle von NGO-Schafen – wie hätte ich da widerstehen können?

Zu den Calamari gab es Mangold und Monsieur braucht nun einen Nachtisch. Das soll ein Eis in Valun, am Meer, sein. Aber man darf nicht nach Valun selber hinunterfahren, muss oben auf dem Berg parken und zu Fuß gehen. Da steht dann auch direkt ein Herr, der nicht Parkscheine, aber seinen Honig und sein Öl verkaufen will. Er ist auf alles vorbereitet: Flugzeug, schwierig, die Schweinerei, wenn etwas kaputt geht. Da hält er mir triumphierend eine Rolle Tesa entgegen: „Habe ich Klebeband, kann ich alles einpacken.“

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Ein paar Meter weiter stehe ich ziemlich geschockt vor einem Straßenschild. 18% Steigung heißt es da. Bergrunter, zugebenermaßen. Jetzt. Aber nachher? Auf dem Rückweg?

Das wird ein hart erkämpftes Eis werden!

Säbelzahnschafe

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Um Viertel vor zehn stehen Monsieurs Kollegen vor dem Shuttle-Bus, der sie zum Flughafen in Triest bringen soll. Um Viertel nach zehn stehen Monsieur und ich in Wanderschuhen in Veli Losinj und kaufen ein bisschen Brot und Obst für die Wanderung. Und Wasser, viel Wasser, denn heute ist die Sonne wieder da. Dann geht es los, auf dem breiten Betonband bis zur übernächsten Bucht, wo uns ein Marmorsockel darüber informiert, dass ein Kurkommissar um 1911 dafür verantwortlich war, diese Unmenge Beton in die Landschaft zu gießen. Und anscheinend auch noch stolz darauf war. Aber zum Glück gingen ihm in der Kriška-Bucht Geld, Zement oder Lust aus und die Pfade werden einfach nur verwunschen schön. Monsieur traut sich sehr vorsichtig – Seeigel! – ins Wasser. In der nächsten Bucht ist unser Picknick angeplant. Es ist die letzte Bucht, bevor der Weg steil bergauf quer über einen Bergrücken schneidet. Wobei Berg und steil entspannt zu sehen sind, oben laufen wir auf der 100er Höhenlinie.

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Die Picknickbucht ist leider die größte Enttäuschung der Wanderung und macht uns ziemlich wütend. Offensichtlich wird sie von skrupellosen Skippern missbraucht, um die Bordabfälle kostenlos zu entsorgen. Anders können wir uns nicht erklären, dass der gesamte Strand und das dahinter liegende Wäldchen mit zerrissenen Mülltüten und deren Inhalt verschandelt ist. Wir haben ein bisschen Mühe uns so zu setzen, dass diese Unsäglichkeiten nicht ins Blickfeld kommen, werden dann für unsere Anstrengungen mit dem Besuch eines Eisvogels belohnt, der sich einen Fisch aus dem Wasser stibitzt.

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Von dieser Bucht steigt nun der Weg hoch auf den Bergrücken, um diese Landzunge zu überqueren und zur nächsten Bucht abzusteigen. Begleitet werden wir von den allgegenwärtigen Trockenmauern. Ich liebe diese Mauern, die von unendlicher Arbeit und Einsatzbereitschaft erzählen. Hier allerdings bringen sie mich ins Grübeln, ja sie verunsichern mich etwas. Die Mauern sollen die Schafe einpferchen, verhindern, dass sie über zu weite Gebiete stromern, sich auf das Land anderer Bauern verirren. So weit, so gut. Aber diese Mauern sind massiv, gut anderthalb Meter dick und an manchen Stellen über drei Meter hoch. Ich habe schon keltische Befestigungsanlagen gesehen, die weniger imposant wirkten. Das wirft doch einige beunruhigende Fragen zur Größe der hier gehüteten Schafe auf. Waren das Säbelzahnschafe? Und lauern die vielleicht heute noch hinter diesen Mauern, bereit, vertrauensvolle, unachtsame Wanderer zu reißen? Die Säbelzahnschafe sind das Eine, die Mauern selber das andere. Offensichtlich reicht es nicht, eine Mauer zu haben, nein gelegentlich türmen sie sich rechts und links des Weges auf, wie gesagt, bis weit über meinem Kopf. Ob diese Mauern 2000 oder 200 Jahre alt sind, weiß keiner so genau. An manchen Stellen sieht man aber, dass sie dem Alter und der Erdanziehung nachgegeben haben. Dann liegt die Mauer quer über den Weg bis über die Kollegin auf der anderen Seite.

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Das alles führt zu so etwas wie „betreutes Wandern“. Rechts und links eine Mauer oder links das Meer und rechts die Mauer, keinerlei Möglichkeit dich zu verlaufen. Aber um ganz sicher zu gehen, schmücken sie alle paar Hundert Meter einen Stein oder einen Felsen mit dem Wanderzeichen. Ich fühle mich wirklich optimal betreut und gut aufgehoben.

Wir klettern und wandern und freuen uns an den schönen Dingen. Die Wanderung ist gerade richtig: anstrengend genug, dass man sich an der eigenen Leistung erfreuen kann, aber nicht so anstrengend, dass es in Quälerei ausartet. Diese letzte Option dräut immer noch in meinem Hinterkopf. Was, wenn das Plakat drei Jahre alt ist und die Bootsfirma nicht mehr existiert? Was, wenn sie den Taxi-Service just letztes Wochenende für diese Saison eingestellt haben? „Dann wird es anstrengend“, nickt Monsieur, „für meine Knie. Und für meine Frau.“

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Die letzten Kilometer gehen wieder direkt am Meer entlang und bald mehren sich die Zeichen, dass wir uns der Badebucht nähern: mehr oder – meist – weniger bekleidete Menschen auf Felsen ausgestreckt, Sonnenschirme, der fröhliche Lärm planschender Kinder.

Just als wir am Strand ankommen, legt ein Bootstaxi an. Ich frage den Skipper, ob er uns nach Veli bringen kann. Er nicht, meint er, aber die Konkurrenz. Sprichts, telefoniert und nickt uns zu: „Boot kommt in zehn Minuten!“

Nicht nur Monsieurs Knie seufzen erleichtert auf.

Wenig später kommt von Ilovik aus ein großes Schlauchboot angebraust, unsere Skipperin fährt an die Mole, hält mir eine Hand hin und winkt mit der anderen: „Spring! Spring!“ Dann irritiert sie uns etwas, als sie über den Pullover und die Strickweste noch einen Steppanorak an- und eine Wollmütze aufzieht. Das Boot braust los und wir verstehen langsam, warum. Der Wind reißt und zerrt an unserer Kleidung, die laut knattert. Wir knöpfen zu, was zuzuknöpfen ist und dann sind wir auch schon aus der kleinen Bucht heraus. Sie deutet mir an, von den Wülsten aufzustehen und mich da hinten hin zu setzen, beide Hände festhalten, bitte. Dann zieht sie den Hebel nach vorne und wir erfahren wortwörtlich die Bedeutung des Wortes „brettern“. Knallhart, wie ein Brett, schlägt das Boot nach jeder Welle auf das Wasser auf. Mit 20 Knoten brettern wir um kleine Inselchen herum auf den Hafen von Veli zu. Das hebt natürlich ganz nett unseren Stundendurchschnitt für die Wanderung, schlägt dafür aber mit jeder Welle, über die wir brettern, ins Kreuz und Steißbein. „Bora!“, entschuldigt sie sich schulterzuckend für ein paar sehr heftige Schläge und schneidet die nächsten Wellen etwas schräger an.

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In Veli legen wir wieder sehr provisorisch an, das Springspiel wird gespielt, genau vor den Tischen einer kleinen Bar.

Wenn das kein Zeichen ist!

2019_09_20

 

 

Logistische Forschung

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Heute Morgen haben selbst die Möwen keine Lust ins Wasser zu gehen. Die Bora lässt sie auf dem Trockenen zusammenrücken. Ich bleibe auch auf dem Trockenen und übe mich im Spazierenwandern. Tempo entspricht mehr Wandern, allerdings ist der Weg ein gut anderthalb Meter breites Betonband, das sich von Veli Losinj aus an der Küste entlang zieht und hauptsächlich von Eltern mit Kinderwagen und knubbeligen älteren Damen mit noch knubbeligeren Hunden frequentiert wird. Rovenska ist eine Variation von Veli, same same, but different: ein bisschen kleiner, ein bisschen „authentischer“, liebenswürdig und charmant.

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Bis man die Spitze umrundet und den Strand sieht, der mit seinen halb vergammelten Plastikliegestühlen vor den verschlossenen Bargebäuden mehr an Stephen King als an Badefreuden denken lässt. Noch eine Bucht weiter wird es den Damen und ihren Hunden dann zu anstrengend, die Eltern bleiben auch zurück und ich bin allein mit den Nordic Walkern. Bis zur Javorna-Bucht halte ich mit, dann muss ich umkehren, weil um Viertel vor Zwölf der zweite Vortrag lockt. Gestern ging es darum, was die Physiker – außer Physik – mit ihren riesigen Synchrotronen alles so anstellen können. Zum Beispiel einer 500 Jahre alten Geige unter den Lack zu schauen. Dort, zwischen Holz und Lack liegt eine Grundierungsschicht, deren Zusammensetzung jeder Geigenbauer geheim hielt und die als Ursache für den individuellen Klang einer jeden Geige gilt. Deren Geheimnis also heute mit Hilfe der Physik gelöst werden kann, ebenso etwa wie der Aufbau eines Bildes, um zu entscheiden, welche Schicht noch „Kunst“ und welche schon „Patina“, sprich Jahrhunderte alter Schmutz ist, dessen Zusammensetzung vielleicht an der Farbe frisst und das Bild zerstört. Und das alles, ohne ein Loch in die Geige oder das Bild schneiden zu müssen, denn „Museums don’t like this“, wie der vortragende Professor trocken erklärt.

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Beim heutigen Vortrag geht es nicht um so Kleinigkeiten wie Geigen oder Bilder. Er erklärt, wie sie mit Hilfe ihrer Detektoren und kosmischer Myonen eine bis dato unbekannte Galerie in der Khufu/Cheopspyramide entdecken konnten. Sie kennen ihre Größe, ihre Lage, ihre Ausrichtung. Alle weiteren Kleinigkeiten, wie etwa den Zugang zu finden, das überlassen sie den Archäologen. Mit der Messung der Dicke der Goldschicht auf einer gefälschten Münze helfen sie zum Verständnis der wirtschaftlichen Verhältnisse der Epoche und der Stadt Brescia mit der Vermessung ihres Rathauses zu der Gewissheit, dass ihre Loggia sich zwar bewegt, aber noch nicht instabil wird.

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Nach so viel Wissenserwerb geht es noch mal in die Natur. Monsieur hat ab morgen Vormittag „fertig“ und will nun auch etwas mehr von Losinj haben. Die von mir ausgesuchte Wanderung (Beginn die „Kurpromenade“) führt bis zur äußersten Südspitze, bis auf eine kleine Überquerung eines Bergrückens (fast genau 100 Höhenmeter) immer der Küstenlinie folgend bis zur Mrtvaska-Bucht, genau gegenüber von Ilovik. Da hätten wir dann ein Problem: entweder die gut dreieinhalb Stunden wieder zurücklaufen, langwierig und langweilig oder aber eine sehr steile schnöde Asphaltstraße auf den Höhenrücken hochsteigen und bis Veli zurücklaufen.

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Bevor ich mich zu einer Entscheidung durchringen mag, brauche ich Informationen, also fahre ich mit dem Auto die kleine Straße ab und finde heraus, dass sie wirklich langweilig und vor allen Dingen ohne Schatten mitten über den Bergrücken läuft. Zwar gibt es schöne Fotostopps, aber ich bezweifle doch sehr, dass die mich morgen, nach 5 Stunden Wanderung, noch sonderlich begeistern können. Heute wundere ich mich über den „Spielplatz“ für Mountain-Biker, den ich zuerst für einen Aussichtsturm für Wanderer gehalten habe und sinniere über die Ruinen eines alten Hauses.

Bleibt nur noch eines herauszufinden: lohnt sich das Ziel der Wanderung. Die Serpentinen, die ich in der Hitze vorsichtig nach unten fahre, ziehen sich und ziehen sich – und das auf dem Weg nach unten. Gar nicht auszumalen, wie sie sich zu Fuß bergauf anfühlen.

Dafür ist die Bucht genauso traumhaft schön, wie erhofft und bietet mir die Lösung unserer logistischen Probleme.

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Sehr zufrieden mit dem Ergebnis, starte ich mein Auto für den Rückweg, da kommen rechts zwei müde Wanderer aus dem Wanderweg und setzen die ersten Schritte auf die steile Straße. Ich kurbele mein Fenster herunter und frage, ob ich sie ein Stück mitnehmen soll. „Nein, danke!“ antwortet er. „Oh ja, bitte!“ seufzt sie.

Ich setze sie in der Nähe ihres Wanderparkplatzes ab, weit, weit hinter dem steilen Aufstieg. „Das erzählen Sie aber bitte keinem weiter, dass wir mit Ihnen gefahren sind, ja?“ bittet der Mann.

Klar, selbstverständlich. Schreiben ist schließlich nicht erzählen…