Kein Weihnachtsmarkt ist auch schön

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Irgendwie hat das nicht geklappt mit uns und den Mailänder Weihnachtsmärkten. Ist aber überhaupt nicht schlimm, wir hatten bei der Suche, der vergeblichen Suche viel Spaß. Das einzige was mir wirklich Leid tut, ist die Tatsache, dass wir den musikalischen Adventskalender am Rathaus nicht erleben konnten. Ich hatte gelesen, dass sich am Abend ein Fenster öffnet und ein Musiker ein kleines Konzert gibt. Jeden Abend kommt ein weiterer Musiker dazu, so dass am Heiligen Abend ein kleines Orchester spielt. Wir sind pünktlich am Rathausplatz, wo sich auch schon eine recht festlich gekleidete Menge einfindet. Aber um 18:00 öffnet sich kein Fenster, kein Musiker erscheint. Was sich öffnet, ist eine kleine Tür in einem Kupfer verkleideten Rund auf dem Vorplatz, aus dem ein sehr abstrakter Weihnachtsbaum wächst. Die Menge applaudiert, eine Dame verschwindet hinter der Tür und kurz darauf erleuchtet der seltsame Baum in seltsamsten Farben, vom Applaus der Menge umtost. Tja, und so haben wir – ohne es zu wollen – der offiziellen Eröffnung des Bulgari-Weihnachtsbaumes beigewohnt.

Heute Morgen wird der offizielle Weihnachtsmarkt der Stadt eröffnet, vor dem Castello. Weihnachtsmarkt am frühen Morgen ist ja nicht so richtig stimmungsvoll, aber die einzige Alternative, da unser Zug um halb eins fährt. Wir fahren wieder mit den charmanten alten Wagen der Linie 1, wo der Fahrer nach jedem Bremsen das Schwungrad noch mal kurz nachziehen muss. Für drei Haltestellen scheint das ein vertretbares Risiko zu sein.

Heute ist Feiertag in Mailand und halb Mailand auf dem Weg, so dass meine Bedenken, dass wir ganz allein zwischen verwaisten Ständen wären, schon mal hinfällig sind. Der Markt ist dann zur Hälfte Fressmarkt, zur Hälfte Flohmarkt mit ein paar weihnachtlich dekorierten Ständen. Besser hätte es ja gar nicht sein können. Und als ich schließlich an einem Stand ein lang gesuchtes Geschenk für einen Freund finde – sogar mit richtigem Monogramm – wird dieser Weihnachtsmarkt zum vollen Erfolg.

Dann müssen wir am Hauptbahnhof nur noch im Hinterkopf behalten, dass „Genova“ nicht der italienische Namen für Genève ist. Das hat uns schon einmal auf einer italienischen Autobahn etliche Kilometer Umweg gekostet. Dass unser Schnellzug dann streckenweise zum Stehzug wird, ist nicht halb so störend wie die dauernde Telefonierei einiger Mitpassagiere. Wenn ich für jedes „actually, I’m on the train“ fünf Franken bekommen hätte, könnte ich Euch alle zum Kaffee einladen – zu SBB-Preisen.

Drei Tage strahlender Wintersonnenschein in Mailand werden durch Regen in Genf abgelöst, besser als umgekehrt. Im Briefkasten liegt dann auch das Päckchen mit dem Reiseführer für Mailand, das es nicht mehr rechtzeitig vor unserer Abfahrt zu uns geschafft hat.

Das alles lässt nur einen Schluss zu: wir werden noch einmal nach Mailand reisen.

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Adopt a gargoyle!

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Nein, ich möchte das nicht! Habe ich auch laut und deutlich gesagt. Trotzdem steuert Monsieur erstmal auf den Nordturm mit dem Treppenaufgang zum Dach des Domes zu. Angeblich weil es da die Tickets gibt. Bevor er aber irgendetwas sagen kann, hält uns ein Soldat auf und bedauert, dass der Zugang zum Domdach noch gesperrt sei, Raureif, Glatteis, jedenfalls zu gefährlich. Hah! Und Karten gäbe es hier auch nicht, sondern nur auf der anderen Seite des Domes, Doppel-Hah! Da, wo im Südturm auch der Lift hoch zum Dach fährt. Dreifach – ach, lassen wir das.

Wir spielen das Wartespiel. Der Platz vor der Domtreppe ist weitläufig abgesperrt, Gitter leiten – nicht existende – Schlangen zur Treppe. Kein Mensch ist zu sehen, aber Morgen ist ein wichtiger Mailänder Feiertag und da erwarten sie wohl den Ansturm der Massen. Jedenfalls muss man weit vorne durch eine erste Kontrolle, nachdem man das andere Wartespiel im Ticketcenter des Domes durchgespielt hat. Ich schicke Monsieur los ins Ticketcenter – reicht ja, wenn einer sich in der Schlange langweilt – und genieße den Sonnenschein vor den Absperrgittern. Bewundere die Controlletti, die gleichbleibend höflich in drei Sprachen immer wieder wiederholen: nein, ohne Ticket kommt man hier nicht rein, nein das Ticket gäbe es nicht hier, ja, dahinten das Haus mit den blauen Fahnen… Und wieder jemand, der das Wartespiel mitspielt.

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Monsieur kommt mit den Tickets und wir dürfen zum nächsten Level des Wartespiels aufsteigen, die Treppen hoch und vor dem Portal abwarten, bis alle vor uns durch die Sicherheitskontrolle sind. So Auge in Auge mit der Domfassade fällt mir auf, dass da für einen grundkatholischen Dom doch erstaunlich viel nacktes Fleisch zu sehen ist. Putten halten ihre nackten Popöchen und andere Körperteilchen in den eisigen Wind, heldenhafte Damen und Herren in Gewändern, die eher an griechische Tempelfriese erinnern, feiern die reine Körperlichkeit. Alles von großer heiterer Schönheit, bis man zum Portal selbst kommt. Die Monsterputten, die da auf mich herabschauen, könnten nahe Verwandte von Chucky, der Mörderpuppe sein. Gruselig! Der Typ vor mir hält die Kontrolle auf, weil er es nicht schafft, eine so einfache Ansage wie die, alle metallischen Gegenstände aus den Taschen zu nehmen, zu befolgen. Ich schüttele den Kopf über so viel Schusseligkeit, bis ich dann mit roten Ohren das Eurostück aus der Jackentasche fischen muss, das wohl vom letzten Einkaufswagen noch darin wohnt. Und dann dürfen wir endlich den Dom betreten. Direkt vor mir eine Spendenbox für den Erhalt des Daches. Manche Leute spenden ja für herrenlose Tiere, ich spende für die Wasserspeier. Das sind meine absoluten Lieblingstiere. Pflegeleicht, anspruchslos, haaren nicht, dingsen nicht in anderer Leute Gärten, wie gesagt, ideale Haustiere. Ich kann nur bewundern mit welch selbstloser Sturheit sie ihren Job erledigen, jahraus, jahrein und das bei jedem Wetter! Jeder sollte so einen herrenlosen Wasserspeier adoptieren. Monsieur sieht mir dabei zu, wie ich mein Geld versenke und schaut sich um: „Wo kann man spenden, um die schrecklichen Bilder abhängen zu lassen?“

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Der ganze Raumeindruck der Kathedrale geht flöten durch die riesigen Schinken, die zwischen den Säulen zu den Seitenschiffen hängen. Aber ich fürchte, da hat Monsieur keine Chancen. Also lassen wir Sichtachse Sichtachse sein und gehen weiter zum Chor. Die Glasfenster sind dann eine Herausforderung. Ich verliebe mich sofort in das unglaubliche Blau. Die Vielfalt der Szenen aus dem Neuen Testament sind überwältigend, muten bei aller kunstvollen Gestaltung aber fast wie ein Bibel-Comic an. Im Chor steht dann eine Kopie der Marienstatue, die die oberste Spitze des Domes schmückt. Ich bin heute etwas respektlos-lästerlich unterwegs und würde in einem anderen Kontext die Sternen bekränzte Damen ja für die Schutzheilige der EU halten, aber hier kommt kein Zweifel an ihrer Identität auf.

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Monsieur brummelt immer noch über sein fehlendes Raumerlebnis, höchste Zeit, dass ich ihn ablenke. Also geht es in den Untergrund, wo die Fundamente so vieler Kirchen sich überlagern, zerschneiden, kreuzen, dass wir jegliche Orientierung verlieren. Als wir wieder auftauchen aus dem Labyrinth, geht es uns besser, aber wir sind immer noch ein bisschen grummelig-lästerlich. Es fehlt das Aaaah-Erlebnis. Da trifft es sich, dass das Dach inzwischen freigegeben ist. Der Südturm ist immer noch gesperrt, aber im Nordturm gibt es neben der Treppe auch einen Aufzug, was Monsieur natürlich wusste. Also fahren wir hoch zu den Terrassen und da ist dann Schluss mit Grummeln und Lästern. Da sind dann nur noch reines Staunen und Freuen. Und Wasserspeier. Der eine zieht die Leffzen zu einem schiefen Begrüßungsgrinsen hoch, der andere wackelt kurz mit dem Ohr.

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Hier tobt sich die schiere überbordende Gestaltungsfreude aus. Die formvollendeten gotischen Spitzen und Bögen sind das eine, aber die Freude am Detail ist, was mich berührt. Wer kommt denn auf die Idee, hier oben in eine Ecke zwischen Spannbogen und Türmchen einen steinernen Rebstock zu pflanzen? Doch nur jemand, der Freude an seiner Arbeit und ihren Herausforderungen hat. Ich bin begeistert.

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Monsieur grinst nur. Er weiß, was mich ein gutes Hundert Treppenstufen weiter oben erwartet. Von der im Schatten liegenden Nordterrasse in den glänzenden Sonnenschein des Daches hochzusteigen, bringt dann diesen Ahhh-Effekt, dieses Gefühl, dass etwas tief in dir weit und licht wird. Dieser Ahhh-Effekt kann auch nicht gestört werden durch die Selfie-Spezialisten und Duckface-Grimassierer, die den Dom nur als schmückendes Beiwerk zur Selbstdarstellung nutzen. Das Einzige was wirklich nervtötend ist, ist der Sänger, der sich vorm Rinascente seiner Tätigkeit hingibt. Bewaffnet mit einer Verstärkeranlage, die selbst das Dach des Domes noch umtost mit seinen Darbietungen. Er foltert John Lennons Imagine, er foltert Leonard Cohens Halleluja, er quält sich und uns mit Elvis Presley- und Sinatra-Songs.

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Das ist dann auch der Grund, weshalb wir vom Domplatz fliehen, nachdem wir dann doch zu Fuß die fast 300 Stufen nach unten genommen haben. Der eigentliche Plan, auf der Dachterrasse des Rinascente, Auge in Auge mit den Wasserspeiern, einen Apéro zu nehmen, verliert jegliche Anziehungskraft durch diese Folter.

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Stattdessen gönnen wir uns eine kurze Siesta, um dann mit einem Ausflug zu den Navigli auch Monsieur etwas Neues zu bieten in Mailand. Angeblich soll es da einen Weihnachtsmarkt geben. Gibt es nicht, dafür aber schön geschmückte Kanäle mit jeder Menge Lokalen. Die alle etwas der „tourist trap“ gleichen, in wir gestern Abend getrappst sind. Wäre abzusehen und vermeidbar gewesen, wird unter Lebenserfahrung und „passiert uns nicht noch mal!“ verbucht. Dafür gibt es heute Abend lokale Spezialitäten im Casa Lodi, einer Empfehlung unserer Führerin Lorella. Das Essen ist köstlich, die Bedienung freundlich, die Chefin ein wenig, aber nett verpeilt (sie verrechnet sich zwei mal zu unseren Gunsten und wischt unseren Einwand jedes Mal weg). Zum Schluss beugt sich ein Herr im feinen Zwirn vom Nebentisch, bietet uns von seinem Wein an und fragt, wie wir denn von diesem Lokal erfahren hätten, das wäre doch selbst unter Milanesen ein Geheimtipp.

Also, merkt es Euch: Casa Lodi, Via Cappellari.

Aber sagt es bloß keinem weiter, ja?

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Wie romantisch!

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Als Monsieur das letzte Mal nach Mailand musste, wollte ich nicht mitfahren und argumentierte, Mailand sei mir nicht weit genug weg. Das war natürlich eine ziemlich dumme Ausrede und ganz schön frech. Ganz schön frech lässt Monsieur mir – meist – durchgehen, dumme Ausreden nicht und so bekomme ich drei Tage Milano geschenkt. Ein Geschenk, dass ich heute Morgen auspacken darf, allerdings so gegen halb sieben. Dafür gibt es Vollmond über den Schienen am Genfer See – wie romantisch! Hinter Sion gönnen wir uns ein zweites Frühstück im Zug: einen Latte macchiato, einen Espresso und ein Glas Wasser. Das ganze für lockere 15,90 CHF. Das ist das Schöne an der Schweiz: wohin auch immer man aus der Schweiz hinfährt, es wird billiger. Domodossola begrüßt uns mit Palmen im Schnee und einem beachtlichen Aufgebot an Zoll und Polizei, die sich sozusagen die Zugtürklinken in die Hand geben. Danach wird die Gegend langweilig, auch wenn man gelegentlich einen Blick auf die Alpenkette erhaschen kann, immer mit diesem kleinen Aha-Effekt, dass die Berge wie spiegelverkehrt erscheinen.

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Das Weltausstellungsgelände am Rande von Mailand verströmt gepflegte Tristesse und dann stehen wir in der monumentalen, Marmor gewordenen Schaumschlägerei von Milano Centrale. Ein Stein gewordener Stilmischmasch, was bei den Planern und Bauherren nicht wirklich verwundert. Weder Viktor Emanuel III noch Mussolini sind für ihren guten Geschmack bekannt, weshalb zeitgenössische Spötter das historisierend pompöse Gedöns als “ assyrisch-mailändischen Stil“ verhöhnten. Wir wollen da schnell weg, nur rasch eine 3-Tageskarte kaufen und dann die Tram zum Hotel nehmen. Teil eins schaffen wir mit der Erfahrung aus Frankreich, dass man im Zweifelsfall alles im Tabakladen bekommt – bingo, klappt. Nur die Tram, die gibt es da nicht. Nachdem wir zweimal durch die große Halle – und bei Monumentalbauten tendieren Große Hallen dazu, sehr groß zu sein – und einmal um den Vorplatz getigert sind, erfolglos, entscheiden wir uns kurzerhand für die Metro. Das führt zu einer ersten sonnigen Begegnung mit dem Dom und einer weniger sonnigen Begegnung mit dem Mailänder Straßenverkehr. Der Lieferwagen, der rückwärts einparkend Monsieurs Füße nur knapp verpasst, fährt vor Schreck dann unseren Koffer an. Gefährliches Pflaster, Mailand, das hatten wir schon gelesen, aber da ging es mehr um Taschendiebe, Bettler und Trickbetrüger. Die trauen sich aber im Augenblick vielleicht nicht auf die Straße, weil an jeder Ecke mit Maschinenpistolen bewaffnete Soldaten stehen. Ich fürchte mich ja immer eher vor diesen real-existierenden Beschützern als vor einer abstrakten Gefährdung. Wer weiß schon, ob der Mann in Uniform mit der Waffe im Arm nicht einen nervenaufreibenden Ehekrieg oder ein genauso anstrengendes Neugeborenes zu Hause hat und seine Nerven blank liegen?

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Vor dem Castello werden die bewaffneten Soldaten noch durch Panzerwagen unterstützt. Das Castello ist eigentlich eher groß als schön, die Ecktürme sehen aus wie Wassertürme mit Ambitionen und der Wassergraben ist mit Gras, Kanonenkugelhaufen und streunenden Katzen gefüllt. Da eröffnen sich neue Bedeutungswelten für das Wort „Cat“-apult…

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Vor dem Sforza-Castello steht der Herr Garibaldi hoch zu Ross. Zu seinen Füßen laufen die Schienen der Tram. Der Tram von 1920, die uns in alten, zugigen Wagen, dafür aber mit sehr viel Stil auf dekorativen Holzbänken und mit Messinglampen zur Haltestelle Teatro della Scala transportiert. Hier gönnen wir uns keinen Kunstgenuss, sondern ein paar Straßenecken weiter im Hotel den Füßen eine kleine Pause.

Im Brera-Viertel hinter dem Hotel suchen wir ein Lokal, finden aber als erstes die Piazzetta Giordano dell’Amore. Mein Herz macht schon „Hach!“, da liest mein Kopf, dass es sich hier keineswegs um einen Garten der Liebe sondern um den schnöden Namen eines Bankers handelt. So kann man sich täuschen. Nix mit romantisch!

Der Abend ist dann der Schönheit der Kunst gewidmet bei einer Privatführung zu da Vincis Abendmahl. Wir haben hin und her überlegt, da die Führung sehr teuer ist, aber es ist die einzige Möglichkeit, in unseren drei Tagen Eintrittskarten zu bekommen. Wie unsere Führerin Lorella erklärt, versuchen täglich über 3000 Menschen Karten für die 1200 Eintritte zu bestellen, die sie zulassen. Das Ganze hat schon etwas von Hochsicherheitstrakt. Die 30 Menschen, denen erlaubt wird, während einer Viertelstunde mit ihrem Atem und anderen Ausdünstungen das Gemälde zu belasten, werden zwischen zwei Glastüren gesperrt. Erst wenn die hintere schließt, öffnet sich die vordere. Und diese Schleuserei läuft dreimal ab. Dann dürfen wir schauen und staunen und Lorellas Erläuterungen lauschen, bis nach 15 Minuten ein halbes Dutzend sehr durchsetzungsfähig aussehender Aufpasser alle wieder aus dem Raum jagen, während hinter der Schleusentür schon die nächsten warten.

Lorella führt uns noch ein bisschen in der Kirche herum, deren Gemisch aus gotischem Schiff und Renaissance-Rotunde zum Unesco-Gütesiegel führte – mit unfreiwilliger Hilfe der amerikanischen Luftwaffe. Die hatte gegen Kriegsende die Kirche getroffen. Während die Klostergebäude fast vollständig zerstört wurden – nur die Wand mit da Vincis Abendmahl blieb wie durch ein Wunder stehen -, war der Schaden an der Kirche eher aufklärerisch. Die Bomben zerstörten die an das gotische Schiff angebauten barocken Kapellen und erschütterten die Bausubstanz des Schiffes derart, dass der ganze barocke Stuck abfiel und die gotischen Fresken darunter wieder zum Vorschein kam.

c8Nach diesem Wunderwerk der Gotik und Renaissance tauchen wir dann ein in die Galeria, den Konsumtempel gleich neben dem Dom. Lorella erklärt uns, warum die Lokale dort so teuer seien. Man gehe dort nicht hin, um ein schönes Essen zu genießen, sondern um dabei gesehen zu werden, wie man viel Geld ausgibt. Richtig glücklich oder auch nur fröhlich sieht keiner der Gäste aus.

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Wir schlendern durch die riesigen Bögen der Galerie. Wenn ihr noch ein Weihnachtsgeschenk sucht, das Täschchen kostet nur knapp 3000 €. Und da läuft man wirklich nicht Gefahr, dass die Schwiegermutter das gleiche hat.

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Bis repetita non placent

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Ja, da staunt ihr! Ich habe nämlich das kleine Asterix-Latinum. Damit kann man hervorragend eine profunde klassische Bildung vortäuschen.

Bis repetita non placent, sagt Caesar zu Tullius Firlefanzus – und Recht hat er. Ich will Euch auch nicht mit Wiederholungen langweilen und deshalb gibt es – ich greife jetzt in die englische Kiste – „Same same, but different“. Monsieur war von meiner Wassertaxi-Schilderung so angetan, dass er seinen/unseren letzten freien Morgen in Kopenhagen genauso verbringen will – nur anders. Erstens natürlich zu zweit, ist ja eh schöner. Zweitens weigere ich mich, die Strecke zum Telglholmen noch einmal zu traben und bestehe auf einem Taxi, was sich im zeitlichen Ablauf als sehr wichtig erweist. Drittens ist heute Sonntag und die Stadt Kopenhagen hat das Sonntagsboot herausgeholt, das große, schöne, neue. Extra für uns, naja, fast.

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Eine Handvoll Passagiere sammeln wir an den verschiedenen Haltestellen ein. Und viertens fahren wir heute die volle Strecke, fast bis zur Endstation. Monsieur will nämlich – doch davon später. Wir schippern also an Nyhavn vorbei, auf die andere Seite zum großartigen Opernhauskomplex. Der nächste Halt Holmen Nord ist Industriehafen, wirklich ein kontrastreiches Programm. Dann müssen wir einen riesigen Umweg fahren. Die dänisch Marine hat ihren eigenen Spielplatz abgesteckt und da dürfen andere Boote nicht mitspielen. So geht es an der weitläufigen Absperrung vorbei, in der etwas verloren ein Zerstörer (oder so etwas Ähnliches) dümpelt. Ein U-Boot ist an Land aufgebockt, ein paar kleinere Schiffe liegen am Kai. Ich bin mir nicht sicher, ob das nun wirklich Dänemarks Flotte oder ein Freiluftmuseum ist. Auf der anderen Seite angedockt – außerhalb des dänischen Spielplatzes – auch einer, der nicht mitspielen darf. Ein wahres Monstrum von einem Schiff, eine absolut hässliche Monstrosität, diesmal der holländischen Flotte.

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Der dänische Zerstörer wirkt gegenüber diesem Monster wie ein Bobby-Car gegenüber einem echten Auto. Weshalb ein holländischer Luftlandeträger in Kopenhagen ankert, weiß ich nicht, brauche ich aber auch nicht zu verstehen. Wahrscheinlich so ein Männer-Freundschaftsding, von Flottenadmiral zu Flottenadmiral. Wir kommen Euch mal besuchen, um zu schauen, der den größten, längsten, schönsten oder was auch immer Zerstörer hat, in aller Freundschaft natürlich. Dieses riesige Schiff ist jedenfalls so ungeheuer groß, dass es die Hälfte des Uferwegs zur Kleinen Seejungfrau in Schatten hüllt. Ja, Monsieur wollte unbedingt. Ich habe das ja drei Tage lang tunlichst vermieden, aber er will nun mal unbedingt da hin. Dabei wissen wir von unserem ersten Besuch vor 40 Jahren, dass es sich hier um eines der meist-überschätzten Städte-Wahrzeichen handelt. Gut, man kann bewundern, dass eine Frau mit BMI 112 (175 kg auf 125 cm Körpergröße) so eine Figur besitzt, aber ansonsten ist die Geschichte dahinter doch nur unendlich traurig. Sich selbst nicht akzeptieren können, sich verbiegen, sich verformen, um einem anderen zu gefallen, das kann doch nur beide unglücklich machen. Naja, lassen wir das, Hanns Christian Andersen ist nicht für seine Happy Ends berühmt. Heute morgen ist es eigentlich auch interessanter die Menschen zu betrachten als die Figur. Wie sie zu Dutzenden auf den rutschigen, glitschigen Steinen am Strand um die beste Position rangeln – und das gar nicht zimperlich! -, um die kleine Figur zu fotografieren. Monsieur bleibt auf dem Weg, fotografiert eher das Gerangel, kommt zu mir und meint: „Schon ziemlich unterwältigend!“

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Ich hätte ja nun: „Hätte ich dir gleich sagen können!“ gleich sagen können. Habe ich aber nicht. Ist schließlich Sonntag heute und so.

Ein anderes Boot bringt uns dann doch noch nach Nyhavn, Fahren nach Zahlen zum Hotel und ein Taxi zum Flughafen.

Ein paar Stunden später nähern wir uns Genf und damit dem Ende unseres A-bis-Z-Reisemarathons. Zumindest ich, Monsieur fliegt morgen schon wieder los, ohne mich diesmal. Und kleiner Forscher, der er ist, sieht er sofort das Potential: „Da können wir herausfinden, wem der Regen folgt, dir oder mir.“ Im Augenblick uns beiden und zwar nicht zu knapp. Das Flugzeug wird ziemlich durchgerüttelt. Die Wetterbedingungen über Genf sehen gar nicht gut aus. In der Tat bockt und springt der Flieger derartig, dass die Stewardessen durchgeben, dass sie aus Sicherheitsgründen (ihrer eigenen!) nicht durch die Kabine gehen können, um zu kontrollieren, dass alle Passagiere angeschnallt sind. Sie uns aber inständig bitten, aus Sicherheitsgründen, diesmal unserer, genau dies zu tun. Im Landeanflug wird das Flugzeug plötzlich von heftigen Orkanböen erfasst und hin- und hergeschleudert. Kinder schreien, Erwachsene füllen Spucktüten, der Pilot zieht den Vogel wieder hoch und eine Durchsage mit sehr gepresster Stimme informiert uns, dass dies anbetracht der Witterungsbedingungen ein „völlig normales Flugmanöver“ gewesen sei. Ah ja!

Und so kommt es, dass wir zwanzig Minuten später den Flughafen von Lyon kennen lernen.

 

Wo wir mit einer Reihe anderer Flieger aus – oder nun nach – Genf in einer Schlange stehen und darauf warten, dass der Orkan über Genf sich austobt.

Vier Stunden später wiederholt der Pilot seinen Anflug auf Genf, erfolgreich.

Bis repetita placent, und wie!

 

 

Taxiiii!

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Eigentlich Wassertaxiiii! Vom Teglholmen fährt das Wassertaxi bis in die Innenstadt, vorbei an der interessantesten modernen und alten Architektur. Nur muss man erstmal nach Teglholmen kommen. Google ist zögerlich, murmelt etwas von zwanzig Minuten Fußweg. Die Dame an der Rezeption meint eher optimistisch zehn Minuten und: ganz einfach, geradeaus, bis das Wasser kommt. Wasser gibt es in und um Kopenhagen ziemlich viel, das ist jetzt nicht eine wirklich hilfreiche Aussage. Aber ich mache mich trotzdem auf, der Rückenwind hilft ein wenig. Bis ich mit der Straße abbiegen muss. Wasser gibt es nun in diversen Richtungen, zum Glück auch einige Passanten, die dann noch mal präzisieren können, welches Wasser. Tatsächlich ist da auch die Haltestelle der Wassertaxis, allerdings mit einem ominösen gelben Zettel in Dänisch, von dem ich nur 11.11.17 verstehe. Bitte, bitte erzählt mir jetzt nicht, dass hier ab dem 11.11. keine Boote mehr fahren. Das kleine gelbe Knubbelboot, das gerade von links ankommt, sagt mir, dass meine Bitte, zumindest im Ansatz, erhört wurde. Bleibt nur noch herauszufinden, wohin dieses Boot fährt. „Ich möchte nach Nyhavn“, sage ich vorsichtig, worauf der Kapitän strahlt: „Das kriegen wir hin!“ Nette Leute, diese Dänen. Ich darf dann auch schon aus dem Wind ins Warme an Bord, während Kapitän und Schaffner aus dem Warmen in den Wind gehen, Zigarettenpause.

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Zum Preis einer Busfahrkarte schippert das Boot uns nun am Sydhavn vorbei, wo auf einer Hafen- und Industriebrache Wohnhäuser mit zum Teil sehr ausgefallener Architektur entstanden sind. Alle mit riesengroßen Fensterflächen zum Wasser, mit Balkonen, auf den Holzmöbel stehen. Das alles würde richtig südlich wirken, könnte ich ignorieren, dass die jungen Bäume vor den Gebäuden vom Sturm fast zu Boden gedrückt werden.

Die neuen Gebäude machen alter Backsteinarchitektur Platz und ich sehe einen so schockierenden Anblick, dass ich fassungslos hinstarren muss, während mir ein Schauer nach dem anderen über den Rücken jagt. Es ist um die null Grad, der eisige Wind peitscht Menschen und Bäume gleichermaßen und da steht jemand am Ufer, in Badesachen und springt kopfüber ins Wasser. Freiwillig! Zieht ein paar Bahnen in einem abgegrenzten Bezirk, bis ich ihn aus den Augen verliere, weil sich der schwarze Monolith der Königlichen Bibliothek ins Blickfeld schiebt.

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Der Kapitän hält Wort und setzt uns in Nyhavn ab, wo gerade Kopenhagens erster Weihnachtsmarkt eröffnet wird. Nun bin ich so gar nicht der Glühwein-Typ, aber heute morgen finde ich Glühwein richtig praktisch, also die Buden. Ich mache so etwas wie Wechselduschen: Fünf Schritte im Windschatten eines Glühweinbüdchens, hmmm warm. Fünf Schritte weiter: eiskalter Wind  fegt vom Wasser her. Fünf Schritte weiter: hmmmm warm. Eiskalt, warm, eiskalt.

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Und dann wird es auch langsam Zeit, denn mein letztes Ziel, die Ausstellung in der Zisterne, spielt mit dem Licht. Entsprechend sind ihre Öffnungszeiten: im November von 11 bis 15 Uhr. Ich sehe vor Amalienborg gerade noch einen Bus wegfahren und suche auf meinem Stadtplan die beste Möglichkeit zum Söndermarkenpark zu kommen. Von hier aus am besten zur Carlsberg-Station und  dann über den Gamle Carlsbergvej zum Park. Ganz einfach. Aber es reicht, dass ich eine heftige Carlsberg-Allergie entwickle. Zum einen fährt im Bus eine Gruppe mittel-alter Engländer mit, die sich offensichtlich schon tatkräftig auf die Brauereibesichtigung eingestimmt haben.  Ich steige mit ihnen aus und werde mit ihnen von einem alten, angetrunkenen Mann angehauen, der irgendetwas über Carlsberg erzählen will. Zum Glück bleiben die Engländer stehen und ich komme unangequatscht los, ich habe eh nicht mehr viel Zeit, bis die Ausstellung schließt. Also geht es im Joggingschritt die Banevolden hoch in den Gamle Carlsbergvej. Die Brauereikutsche, die mir entgegenkommt, finde ich ja noch hübsch, dass ein paar Meter weiter der kostenlose Shuttle-Bus seine Ladung über meinen Weg kippt eher störend. Ich arbeite mich durch die aufgeregten Besucher zum Ende der Straße und traue meinen Augen nicht. Der Park liegt keine 50 Meter vor mir, auf der anderen Seite einer großen Straße, aber direkt vor mir ist alles abgesperrt und aufgerissen. Carlsberg baut dort einen Parkplatz aus. Ich versuche, rechts dran vorbeizukommen und stehe vor einer gigantischen Baugrube. Carlsberg investiert hier in „the beer expierence of the future“.  Bevor ich vor lauter Zorn einen Carlsberg-förmigen Aussschlag bekomme, mache ich kehrt, laufe den ganzen Weg zurück, durch eine weitere Busladung und durch die Parallel-Straße. Finde tatsächlich den Zugang zum Park und zwei Helfer. Ich weiß nicht wieso, aber die beiden älteren Herren, die ich nach dem Weg frage, wollen mich fast nicht gehen lassen, geben mir falsche und irreführende Informationen, kurzum sind eher hinderlich als hilfreich. Dass es keine japanische, sondern eine chinesische Ausstellung sei, ist noch harmlos. Darauf falle ich nicht herein. Mich aber in die falsche Richtung zu schicken, ist dumm und zeitraubend. Mir gar vorzuschlagen, doch lieber das Schloss zu besichtigen auch nicht gerade zielführend. Wenigstens lässt er zum Schluss fallen, vor dem Schloss gäbe es noch so eine unterirdische Ausstellung. Halleluja.

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Vielleicht könnt Ihr Euch vorstellen in welch einer genervten und abgehetzten Verfassung ich kurz danach vor der Zisterne stehen, um einzutauchen in eine der außergewöhnlichsten Ausstellungen Kopenhagens. Nur so ein Tipp: es war nicht 100% Zen…

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Aber dann: Hiroshi Sambuichi hat in der unterirdischen Anlage von 1859 mit Spiegeln, Netzen, Wassernebeln ein Reich geschaffen, das der Illusion lebt. Die kalküberzogenen Säulen und Spannbögen der alten, aufgegebenen Anlage stellen den Rahmen, den Sambuichi mit japanischer Gartenarchitektur füllt. Durch die künstliche Wieder-Flutung des Bodens wird ein großer Wasserspiegel erschaffen, echte Spiegel, geschickt platziert, werfen Sonnenlicht in das Dunkel. Unter dem Notausgang, der Treppe, die nach oben führt, profitieren Moose vom Lichteinfall. Künstliche Wassernebel-Vorhänge vor einigen der Spiegel erschaffen Regenbögen. Überall tropft und tröpfelt es, ein magischer Ort mit kleinen Abzügen in der B-Note. Das Holz der Stege knarrt geräuschvoll bei jedem Schritt und Stöckelschuhe (nicht meine, ganz bestimmt nicht!) hallen unangemessen laut in den Räumen.

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Trotzdem geht es mir richtig gut, als ich wieder an das Tageslicht komme. Vergessen mein erschöpfter „Dann nehme ich mir eben ein Taxi“-Trotz mit dem ich auf dem hektisch-anstrengenden Hinweg die Rückfahrt zum Hotel geplant hatte. Die Zisterne liegt neben dem Zoo und der ist gut angebunden. Nicht nur das: diese Haltestelle hat endlich mal einen Streckenplan und ich sehe, dass ich gar nicht zum Hauptbahnhof und der S-Bahn zurück muss. Drei Haltestellen auf dieser Linie weiter kreuzt die Linie 3A, und mit der sind es nur noch sechs Haltestellen bis zum Hotel.

Fahren nach Zahlen, das kenne ich, das kann ich!

Warum nicht

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In Dänemark gibt es eine kleine deutsche Minderheit und so spricht der Fahrkarten-Automat am S-Bahnhof freundlicherweise auch Deutsch. Wo ich denn hinwolle, fragt er mich. Bietet mir mehrere Ziele an. Unten rechts in der Ecke steht Malmö auf dem Display. Malmö, das klingt nach Südschweden. Und Südschweden, das klingt gleich nach Sonne und schönem Wetter. Kurzum, Malmö, das klingt nach „Warum nicht?“ Der kleine pfiffige Automat spürt meine Zögern und schiebt sofort die Frage nach: „Wann möchten Sie fahren? Jetzt?“ Da hat er mich, der Schlingel, ich drücke die Ja-Taste. Das muss das Angebot des Tages sein. Gestern habe ich bis Kopenhagen Hbf. 24 Kronen bezahlt und das waren ganze zwei Stationen. Für 89 Kronen gibt es eine Menge Stationen mehr, die Öresund-Brücke, einen Grenzübertritt und ein neues Land. Hier wird mir wirklich etwas geboten für meine Kronen.

Im Hauptbahnhof finde ich Malmö nicht auf den Anzeigetafeln und frage eine Dame in Staatsbahn-Rot. Sie zeigt nach rechts: Gleis 6, in zwei Minuten. Ich stolpere auf das Gleis, als die Schaffnerin die Tür zuwirft. Aber dann erbarmt sie sich meiner und Sekunden später setzt sich der Zug in Bewegung. Planung ist gut, Glück besser!

Seltsamerweise beginnt die Fahrt über die Ostsee unter der Ostsee, in einem Tunnel zu einer Insel im Öresund. Erst dann geht es über dem Wasser weiter. Unter mir schwimmen große Schiffe mit LKWs beladen, in der Spur über den Gleisen rollt der Autoverkehr, wirklich eine stark genutzte Verkehrsader, der Öresund. In den Ferne drehen sich die Windräder eines riesigen Windparks, gelegentlich für Sekunden synchron, bis sie sich wieder auffächern.

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Malmös Bahnhof ist Gründerzeit in Backsteinrot, aber ein paar Straßen weiter beginnt die Altstadt. Auf der Stortoget gibt es wieder einen dicken König, diesmal auf dickem Pferd. Drachen habe ich keine gefunden. Dafür jede Menge Läden mit wunderschönen Dingen. Und eine Apotheke, die so schön ist, dass ich zum Hypochonder werden würde, würde ich in Malmö wohnen. Lilla Torget lockt mit dem Design-Center und Fachwerkhäusern und ich verbringe doch sehr viel mehr Zeit damit, schön gestaltete Objekte zu bewundern, als ich ursprünglich geplant hatte. Dass ich beim Fotografieren irgendetwas verstellt habe und nun Fotos mit 50er-Jahre-Farbgebung mache, bemerke ich natürlich erst wieder im Hotel.

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Ich bin auf dem Rückweg zum Bahnhof durch den Kungspark, da wird Malmö plötzlich gruselig. So richtig unverhofft und aus dem Hinterhalt springt mich dieser Diana-Brunnen an. Ich finden den unheimlich mit seinen ertrinkenden, versinkenden Bambis. Zwei junge Männer stehen davor, diskutierend in die Betrachtung versunken. Kunststudenten? Doch als ich sie nach der Geschichte hinter der Kunst frage, zucken sie nur die Schultern: „Keine Ahnung, wir haben hier nur gerade ein Pokemon gefunden.“ Na denn!

Römpömpömpöm…

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Smörrebröd ist so ziemlich das Erste, was wir in Kopenhagen haben oder machen wollen. Nach dem üblichen, wie den Weg vom Flughafen zum Hotel und vom Hotel in die Stadt zu finden. Wir steigen am Norreport aus und stehen kurz danach vor dem Runden Turm. Tycho Brahe als Physiker und Astronom, das liegt bei uns sozusagen in der Familie, dass wir den kennen. Was nicht heißt, dass ich alles gut finden muss. Die Tür zum eigenen Arbeitszimmer schmal zumauern zu lassen, nur damit die übergewichtige Frau einen nicht stören kann, finde ich dann schon etwas grenzwertig. Da hätte es doch sicher andere Ansätze gegeben. „Liebling, wir müssen mal reden.“ Wie auch immer, wir steigen den Runden Turm (noch) nicht hoch, denn wir sind ja auf der Suche nach „… römpömpömpöm…“. Aber wie das so ist, wir finden nur chinesisch, italienisch, Fast Food oder Cafés auf der großen Fußgängerzone. Bis wir in eine Seitenstraße abbiegen, etwas zögerlich, denn sie ist zur Hälfte abgesperrt und schwere Bagger und Bulldozer bewegen sich hinter den Gittern. So sehen wir den Eingang zur „Lille Apotek“ fast nicht, der zum einen weit unter dem heutigen Straßenniveau liegt und zum anderen so niedrig ist, dass wir uns fast zusammenfalten müssen. Drinnen ist es urgemütlich mit alten Stichen und ledergebundenen Schmökern in Wandregalen. Das Einzige, was irritiert, ist die Tatsache – wir haben einen Fensterplatz -, dass gelegentlich auf Augenhöhe ein Bulldozer oder eine Baggerschaufel vorbeikommt.

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Von der Kleinen Apotheke sind es nur noch wenige Schritte zum skandinavischen Design-Himmel Illum. Ein paar Meter weiter glaube ich endlich auf einem Springbrunnen Monsieurs Pinguine gefunden zu haben, aber der Name Storkespringvandet macht mich dann doch misstrauisch.

Durch ein paar zugige Straßen und über noch zugigere Brücken geht es Richtung Christiansborg. Warum vor einer Christiansborg ein Frederiks-Denkmal steht, gehört wohl zu Kopenhagens kleinen Geheimnissen. Der Herr König wirkt etwas zu übergewichtig für sein schlankes Reittier, dafür ist das Pferd wunderschön. Also, Pferde können sie, die Dänen.

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Das deutlich mitschwingenden Aber gilt den Drachen. Gleich ein Bündel gibt es auf dem Dach der Börse. Drachen mit Ohren! Mit Segelohren! Wer sich hat denn so etwas ausgedacht? Und dann sind die Segelohren-Drachen mit den Schwänzen zusammengedröselt. Das ist bestimmt keine artgerechte Haltung. Auch der nächste Drache wirkt nicht so richtig glücklich. Irgendwie hat er sich mit seiner Mahlzeit übernommen, jedenfalls ist der Stier auf dem Rathausplatzbrunnen tatkräftig dabei, den Drachen zu zerlegen. Vor den Augen der entsetzten Drachenbrut am Wasserbeckenrand. Wobei die Drachensprößlinge allesamt so aussehen, als hätte es Mama Drache mit der ehelichen Treue nicht so genau genommen und sich auf ein sicher interessantes genetisches Experiment eingelassen.

Auf der anderen Straßenseite lockt der Tivoli, aber das ist uns jetzt zu zu (spät, kalt, dunkel, anstrengend, sucht euch etwas aus). Deshalb nehmen wir die S-Bahn, die uns bis kurz vor unser Hotel bringt. Wir sind nur noch knapp dreißig Schritte vom Hotel entfernt, als der Regen anfängt. Zu spät! Ätsch!

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