Na, wie wars’s?

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Die Frage haben wir in den letzten Tagen natürlich häufiger gehört.

Eine rechte Antwort will mir darauf nicht einfallen, am besten trifft es noch der Vergleich mit dem Wetter: wechselhaft.

Natürlich war es schön und aufregend und anstrengend und befriedigend.

Aber auch gelegentlich langweilig und schwierig und frustrierend.

Was nicht immer an den aktuellen Gegebenheiten lag, sondern mehr an meinen Erwartungen.

Die Ansage war steil. Auf der offiziellen Seite des Lieserpfades behauptet ein Herr Manuel Andrack Folgendes:

„Der Lieserpfad ist der schönste Wanderweg der Eifel. Die Eifel ist das schönste Mittelgebirge Deutschlands. Deutschland ist das beste
Wanderland der Welt. Also ist der Lieserpfad der schönste Wanderweg der Welt.“

Um ein „quod erat demonstrandum“ hinzuzufügen.

Das können wir nicht ganz nachvollziehen. Bis auf die Aussage zur Lieblings-Eifel, das versteht sich von selbst.

Würde ich also den Lieserpfad anderen empfehlen? Die Etappen Daun-Manderscheid und Manderscheid-Wittlich sofort, vorbehaltslos, die anderen Etappen eher nicht.

Ein kleines Fazit:

Die Landschaft, da kann ich bei meiner Lieblings-Eifel nicht unparteiisch sein, ist einfach großartig. Im oberen Teil des Tales weit geschwungene Felder und Wiesen, die schon Ende Juli diese schwere, schwüle „Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß“ – Ruhe ausstrahlen, die unausweichlich auch dich ergreift und dich ruhig und gelassen werden lässt.

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Die Laubwälder des zweiten und dritten Tages, ob im Nieselregen oder mit flirrenden Lichtreflexen in der Sonne, geben mir das Gefühl, dass sie Heimat und „Gehöchtnis“ sind. Traurig dagegen der Anblick der toten Nadelbäume, die mit den trockenen Sommern der letzten Jahre nicht zurechtkamen. Richtig gehend alarmierend ist der Teppich aus grünen, vertrockneten Nadeln auf manchen Teilstücken.

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Die Wege der ersten zwei Tage boten neben ihren landschaftlichen Schönheiten auch so etwas wie eine „Mineralwasser-Probe unterwegs“. Ich fand es sehr schön, direkt aus diesen Quellen Wasser zu schöpfen, die Unterschiede der Quellen herauszuschmecken, einfach zu genießen, in der Natur freien Zugang zu frischem, klarem Wasser zu haben.

Das alles zählt zu den sehr positiven Erlebnissen und Erfahrungen dieser Wanderung.

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Die Wege selber sind gut ausgezeichnet, wie schon erzählt, fast ein bisschen viel „Schilderwald“ am Wanderwegpfahl. Wir hatten nicht den Eindruck, dass für diesen s.o. vollmundig beworbenen Pfad neue Wege, wie etwa am Bach entlang, geschaffen wurden, vielmehr wurde ein Netz vorhandener Wirtschafts- und Holzabfuhrwege mit einigen Wanderpfaden verknüpft. Das führt bei uns zu Irritationen wegen der Wegführung. Wenn mir erzählt wird, dass ich einem Flüsschen von der Quelle zur Mündung folgen soll, erwarte ich, dass ich nicht über Eifelhöhen weitab davon geführt werde. Wir haben sehr wenig von der Lieser selbst gesehen. Das Handtuch, das wir im Rucksack für „Füße-Kühlen“ mit uns trugen, kehrt unbenutzt nach Hause zurück. Allerdings wirkte ab Daun der Fluss, so wir denn nahe genug drankamen, nicht wirklich sauber und einladend.

Außerdem gefiel uns gar nicht, dass am ersten Tag ein kleiner Teil und am letzten Tag weit über die Hälfte der Strecke über asphaltierte Straßen führt, das spricht für mich nicht für die Planung.

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Daun, Manderscheid und Wittlich sind in ihren Kernen ganz bezaubernde kleine Städtchen, leider ist das Durchwandern ihrer Außenbezirke nicht so attraktiv.

Hinzukommt, dass bei einer ersten Anfrage bei „der Agentur“ uns sowohl in Daun als auch Manderscheid Hotels angeboten wurden, die vier bis fünf Kilometer abseits des Pfades lagen, beide mit langen steilen Anstiegen. Mit dem Auto überhaupt kein Problem, aber am Ende einer Tageswanderung?

Das führte zu etwas gemischte Gefühle bezüglich der Wanderung.

Was uns wirklich glücklich gemacht hat, waren neben der Landschaft, durch die wir laufen durften, die Begegnungen.

In jedem kleinen Dorf, durch das wir kamen, wurden wir freundlich neugierig begrüßt. Menschen strahlten uns an. Ein alter Mann wendete sogar seinen Rollstuhl und fuhr neben uns bis zur nächsten Straßenkreuzung, um uns (die weithin sichtbare) Fortführung der Route anzudeuten.

In einer Mühle werden am Nebentisch die Erbstreitigkeiten der letzten Generationen durchgehechelt. „Und dann hat mein Bruder gesagt: Wieso bekommst du die Scheune? Ich wollte die Scheune haben. Und dann habe ich gesagt: Dann nimmse dir doch, die Scheune, ich will die eh nicht! Und dann hat mein Mann gesagt: Nein, jetzt extra nicht, jetzt kriegt er sie extra nicht! Und dann habe ich gesagt… Und dann hat er gesagt…“ Es entsteht so eine Art weißes Rauschen, eine Wolke, die uns umhüllt. Wir sitzen in meditativer Stille mitten darinnen, senken ab und zu unsere Gabel in unseren Kuchen und schweben auf dieser Wolke in sorglos-glücklicher Heiterkeit.

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Oder die etwas exotischeren Begegnungen, die für Stutzen und Schmunzeln sorgen, wie die Herde Highlands, die am liebsten mit uns weitergezogen wären oder die Gruppe Wasserbüffel (mit Erklärtafel), die sich wohlig im Uferschlamm der Lieser suhlen.

Und dann kommt als Bonus noch der Schwarzstorch. Auf einer der wenigen Wiesenwege direkt am Lieserufer befragt Monsieur seine Lebensgefährtin zum nächsten Wegpunkt, als hinter ihm sich etwas Großes, Schwarzes mit schwerem Flügelschlag in die Höhe schwingt. Monsieur ist so enttäuscht, dass er den Vogel nicht gesehen hat, dass der Schwarzstorch ein Einsehen hat, eine Kehrtwende macht und noch einmal gelassen über uns hinwegfliegt.

Im Frühtau zu Berge

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… war noch nie unsere Art. Außerdem hat das Hotel uns – wie in vor-Corona-Zeiten – einfach freigestellt, wann wir frühstücken möchten und das war dann eher ein bisschen später.

So kommen wir los, ganz wohlgemut, ist es doch die letzte Etappe. Außerdem wissen wir, dass wir heute Abend in Koblenz unsere Familien treffen werden und dass dies die letzten 18 Kilometer sind, die vor uns liegen. Wir sind so gut gelaunt, dass uns erst nach ein paar hundert Schritten auffällt, dass die Lieser sich sehr seltsam verhält. Man könnte fast sagen, dass sie in die falsche Richtung läuft. Hm, die Lieser? Oder etwa, hmm? Sehr nonchalant drehen wir um und sind nach ein paar Minuten wieder am Ausgangspunkt, um – diesmal auf der richtigen Straßenseite – die letzte Etappe zu starten.

Im Zentrum von Wittlich ist diese richtig verträumt. Wir laufen durch ein Schrebergarten-Viertel, wo alte Menschen sich ein bisschen mühsam aufrichten, um dem freundlich-neugierigen Guten Morgen noch ein „Schönen Tag auch“ oder „Gute Wanderung!“ anzuhängen. Wir kreuzen die Lieser und kommen zu einer Reihe so alter Häuser, dass sie wie unters heutige Straßenniveau versunken scheinen. Unsere Wanderstiefel laufen auf Höhe der Wohnzimmerfenster.

Dann ist aber auch für einige Zeit Schluss mit hübsch und verträumt. Ein breiter Fahrradweg führt uns im Windschatten eines riesigen Industriegebietes schnurstracks auf die Bögen der Autobahnbrücke zu. Rechts davon liegen die restaurierten Reste einer wohl einst sehr beeindruckenden römischen Villa, deren Erbauer sicher nicht damit gerechnet hat, dass er in 2000 Jahren mal direkt unter der Autobahn wohnen wird. Eine Fußbrücke quert die Lieser, hüben und drüben die Männer in Blau vom THW. Sie haben Tripods aufgebaut, Seilzüge und Winden verspannt und ziehen einen Verletzten in einer metallischen Tragebahre über den Fluss. Beim Näherkommen merken wir, dass der „Verletzte“ Getränkekisten und Picknickgrundlagen sind. Weiter oben im Hang bauen sie schon die Klapptische auf für den Abschluss der Übung.

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Wir steigen quasi in der Böschung und umtost vom Lärm der Autobahn einen schmalen Pfad steil bergan, der oben auf dem Plateau in einen breiten Holzweg mündet, keine Lieser weit und breit zu sehen. Monsieur meint, dass man den Lieserpfad eher Lieserweg nennen sollte, da er doch weitaus mehr Kilometer auf diesen läuft und – Achtung, Kalaueralarm – die meiste Zeit ohnehin die Lieser weg sei.

Kurze Zeit später treffen wir auf eine Straße und das wird – mit zwei sehr schönen Ausnahmen – das Leitmotiv des Tages. Wir laufen auf Straßen durch Felder, wir laufen auf Straßen unter Eisenbahnlinien, wir kreuzen auf Straßenbrücken vierspurige Straßen. Die Landschaft (vom Industriegebiet Wittlich natürlich abgesehen) ist weit und schön, hier und da ist ein sehr elaboriertes Wegkreuz hineingetupft. Alle in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden, die Inschriften erzählen uns jedoch nicht, was damals passiert ist, dass die Menschen sich so fürchteten oder so dankbar waren.

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Aber auch diese Kreuze stehen am Rand von Straßen. Der Steinbachgraben bei Platten rettet unsere Laune. Da läuft der Weg wieder als Pfad durch ein verwunschenes Bachtal. Wir sind inzwischen geologisch von Basalt zu Buntsandstein gewechselt, was dem Bächlein das Graben verwunschener Täler sicher einfacher macht. Es geht am Bach entlang, mit wackeligen Stegen auch mal über den Bach, bis wir mal wieder die Abkürzung über den Berg nehmen und im nächsten Tal – Überraschung! – die Lieser sehen. Wir lassen uns ganz kurz von einem Winzerhof und Café ablenken, wo man zwischen üppigen Torten und Herzhaftem wie dem Weinhändler-Frühstück (auch üppig, aber auf andere Art) wählen kann.

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Danach teilt sich der Pfad eine Straße mit dem Radwanderweg. Das steht in regelmäßigen Abständen auf den Schildern am Straßenrand. Trotzdem werden wir das Gefühl nicht los, von den Radwanderern als lästige Hindernisse betrachtet zu werden. Dabei laufen wir schon – viel angenehmer – auf dem gemähten Randstreifen. Irgendwann nimmt der Lieserpfad die Abkürzung über den Berg und wir laufen auf der anderen Seite wieder hoch über der Lieser. Nicht sehr zügig, zugegebenermaßen, wir hangeln uns von einer Hand Brombeeren zur nächsten.

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In Noviand bietet ein kleiner Brunnen – nebst Bank – am Straßenrand uns Abkühlung, bevor wir durch den Ort hoch zum Plateau steigen, wo Maring uns überrascht mit einem Wegweiser zur Maringer Schweiz, ein ganz schlechtes Zeichen, heißt das doch meist „steil und bergig“. Wenig später stehen wir an einem weiteren Kreuz und schauen hinab in ds tiefe Tal, das die Lieser sich gegraben hat. Ein Blick auf die gegenüberliegenden Weinberge zeigt, dass unser Ziel, die Mosel, nicht mehr weit ist. Wir steigen auf sehr schmalen Pfaden hinab, vorbei an in den Felsen gehauenen Aussagen wie: von der Maringer Jugend gestaltet, 1930. Man erkennt sofort das Potential: auf diesen steilen und verborgenen Pfaden konnte der örtliche Pfarrer das Tun und Lassen seiner jugendlichen Schäfchen nicht überwachen.

Diese schönen Pfade bringen uns – als Abschiedsgeschenk sozusagen – tatsächlich direkt an der Lieser entlang fast bis zur Mündung. Wir sehen auf der anderen Seite schöne große Mühlen und Weingüter – aber auch die Kläranlage. Kurz vor der Mosel müssen wir uns noch mal an einer vielbefahrenen Straße entlangschlängeln und stehen, unter der Brückenauffahrtsrampe hindurch, nach 74,3 Kilometern (minus den weggeschummelten  bei Daun und Wittlich) an der Mündung, unserem Ziel.

Geschafft!

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Na, endlich!

 

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Corona-bedingt bieten die Hotels Zeitfenster zum Frühstücken an. In der kleinen Pension in Manderscheid bleibt für uns nur das um 7:30 übrig. Ist uns nicht ganz unrecht, denken wir doch, in morgendlicher Kühle angenehmer wandern zu können.

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Als aber die morgendliche Kühle während des Frühstücks gegen die Fenster prasselt, disponieren wir kurzfristig um. Trier wird nur sehr peripher angedacht, dann verworfen. Ich stürze rasch durch den Regen in die Apotheke, meine Achillessehne motzt ein bisschen herum. Was sie mir da für die Wanderung nach Wittlich empfehlen könne, frage ich die Apothekerin. Ein Taxi?, steht nur zu deutlich in ihrem Gesicht geschrieben, bevor sie mir zwei Packungen zuschiebt mit: „Viel hilft viel!“  Zurück im Zimmer sehe ich, wie Monsieur gebannt auf ruckelnd und flimmernd über den Bildschirm zuckende Animationen starrt, bevor er verkündet, dass dieser Regenausläufer um 9:15 durchgezogen sein werde und wir somit jetzt, im sanften Nieselregen, starten könnten. Der Regen hat zwar nicht die gleiche Vorhersage gesehen, ist aber so leicht, dass er kaum durchs Blätterdach durchdringt. „Wandern mit Wasserkühlung“, nennt Monsieur das, auf jeden Fall angenehmer als die Gluthitze gestern.

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Und dann kommt das „Na, endlich!“-Erlebnis. Endlich wird der Weg so, wie wir uns das erhofft und erwünscht haben. Ein schmaler Felssteig klammert sich an die Wand, steil unter uns die Lieser durch die Vegetation erahnbar. „Alpine Gefühle“ kämen hier auf, stand in der Wegbeschreibung. Tatsächlich kommen dann auch Seilpassagen. Aus den Alpen wissen wir, dass Seile nur an gefährlichen, exponierten Stellen verspannt werden, also zeigen wir uns entsprechend beeindruckt und fürchten uns auch demgemäß. Nur an der einen Stelle, wo es rechts das Seil und links das Geländer gibt, da können wir uns nicht so recht ängstigen, da müssen wir eher lachen.

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Die ersten fünf Kilometer sind also richtig schönes Wandern und dann versauen sie es für mich. Natürlich hatte ich in der Planungsphase gesehen, dass wir hier über 600 Höhenmeter zu bewältigen haben, aber ich dachte mir: 600 Meter auf 23 Kilometer – das guckt sich weg. Tut es nicht, denn sie legen die Höhenmeter in die nächsten fünf Kilometer und das verärgert mich massiv. Statt dem lieblichen Bächlein in munteren Windungen durchs Tal zu folgen, jagen sie uns bei jeder einzelnen Lieser-Schleife steil den Berg hoch und auf der anderen Seite wieder runter, sozusagen die Abkürzung über den Berg statt um den Berg herum. Gut, es sind immer nur hundert bis hundertzwanzig Höhenmeter am Stück, aber nach dem vierten Mal wird auch das anstrengend. Da es sehr viele Lieserschleifen gibt, platzt mir nach der fünften der Kragen und ich lege einen kleinen gepflegten Trotzanfall hin, beschwere mich über die Streckenführung, Berge im Allgemeinen, Wandern überhaupt und einen Lieserpfad, bei dem man nie an der Lieser läuft, im Besonderen. Monsieur dreht gelassen den Rücken in meinen verbalen Sturm, wartet, bis er vorbeigezogen ist und hält mir dann etwas zu essen hin. Meint, ich sollte vielleicht heute Abend erst mal nichts schreiben.

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Ich bin natürlich prinzipiell mehr mit mir im Unreinen als mit der Lieser. Wandern ist für mich eher Genuss als sportliches Sich-etwas-beweisen-müssen. Ich will Freude am Laufen und Schauen haben, an den kleinen Erlebnissen zwischendurch und am Abend das schöne Gefühl, etwas Rechtes geschafft zu haben. Wenn ich aber nun das Gefühl haben muss, dass nicht ich die Wanderung, dass vielmehr die Wanderung mich schafft, geht dieser Genussfaktor verloren und übrigbleibt nur noch die reine Sturheit, mit der ich die Wanderung zu Ende bringe. Und wo ist der Spaß dabei?

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So grummele ich mich durch die nächsten Kilometer, bis wir an der Schladter Brücke auf eine Straße stoßen. Monsieur fragt vorsichtig, ob ich nicht vielleicht doch etwa…?, bevor er feststellt, dass er gar kein Netz hat, um ein Taxi herbeizurufen. Meine Sturheit hat da aber schon längst beschlossen, dass sie mich durchaus die restlichen Kilometer bis zur Pleiner Mühle laufen machen wird. Dort sei, sagt „die Agentur“, der Punkt, an dem sich viele Wanderer abholen ließen, da das kurze letzte Stück durch die Außenbezirke Wittlichs nicht wirklich schön sei.

In der Mühle teilen wir uns erst zwei Stück Kuchen und dann die Aufgaben. Ich übernehme den Rucksack und die Verantwortung für das Abholen des Autos, Monsieur übernimmt die Verantwortung für die letzten Kilometer der Tagesetappe. Fast zeitgleich kommen wir vor unserem Hotel an, das, wenn vielleicht auch nicht das beste, so doch sicher das bunteste Hotel am Platze ist.

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Heute Abend

schreibst du besser erst mal nichts,“ meint Monsieur, als ich ihm bei Kilometer 9 einen lupenreinen Trotzanfall hinlege, der jeder verwöhnten Dreijährigen zur Ehre gereicht hätte.

 

 

 

Okay…

Folge der Schraube

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Heute machen wir das ganz anders. Gestern haben wir nämlich einen schweren strategischen Fehler begangen. Aufgrund mehrerer Fakten – ich sage nur Autobahnbrücke, Picknickverweigerung – hatten wir ja erst kurz vor Daun unsere äußerst üppigen Lunchpakete verzehrt.

Dadurch hatten wir leider in Daun selbst absolut keine Lust mehr auf den dort eingeplanten Kaffee-und-Kuchen-Stopp im Stadtcafé. Um diesen Kuchenstopp hatten sich einige sehnsuchtsvolle Gespräche gedreht, auf den etwas monotoneren Abschnitten des Weges. Und dann, als wir diese Sehnsucht hätten umsetzen können – keinen Hunger, keinen Appetit, keine Lust. Fast schon tragisch, das.

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Heute wie gesagt soll uns das nicht passieren. Deshalb bestellen wir erst mal nur ein Lunchpaket für uns zwei, das reicht uns und lässt Platz für Tortenträume. Es geht los in frischer Morgenkühle, für heute Nachmittag sind 31° im Schatten vorhergesagt, da wollen wir schon in Manderscheid sein.

Es ist nicht ganz einfach, am Gemündener Maar das Lieserpfad-Symbol aus der Vielzahl der Zeichen herauszufinden. Fast habe ich den Eindruck, die Pfosten sind nicht groß genug für die Anzahl der Schilder, die sie tragen sollen. Was es da nicht alles gibt: MaarMaarWeg, FelsWasserWeg, Eifelsteig, Drei-Dörfer-Weg, Geosteig, Urpferdchen-Weg, fehlt nur noch der Wege-Weg. Selbst eine Pferde-Umleitung ist ausgewiesen, mit einer kleinen gemeinen Reiterbremse auf der Brücke.

Alles ist so gut ausgezeichnet und beschildert, dass es wirklich schwierig ist, sich zu verlaufen. Monsieur schafft es trotzdem – fast. Wir kommen auf eine große Wegkreuzung. Links gehen zwei Wege parallel rechts und links eines Bächleins steil den Berg hoch, rechts geht es den Berg hinunter. „Wir müssen links,“ sagt Monsieur und zeigt auf den Pfosten links der Kreuzung nebst Lieserpfadsymbol und Pfeil nach links-oben. „Wir müssen rechts,“ sage ich und zeige auf den Pfosten rechts der Kreuzung nebst Lieserpfadsymbol und Pfeil nach rechts-unten. „Wir müssen links,“ beharrt Monsieur noch einmal und zeigt auf den Pfeil. Ich meinerseits bestehe auf rechts. Schließlich nimmt Monsieur die Brille ab und beäugt kritisch das Lieserpfadsymbol nebst Pfeil nach links-oben. „Du hast recht,“ gibt er zu, „das ist gar keine Pfeilspitze, was nach links zeigt. Das ist die Schraube, mit der sie das Schild festgeschraubt haben.“ War mir von Anfang an klar. Hätte er sich doch gleich denken können, dass ich – bevor ich der Schraube folge – lieber zweimal kritisch hinschaue, bevor ich einmal den Berg hinauflaufe.

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Kurz hinter der Kreuzung schwingt sich der Weg als Pfad den Berg hoch, wunderschön und verwunschen, aber wieder nur sehr kurz. Das muss ich leider klarstellen, dass sowohl das „Lieser“ als auch das Pfad im Lieserpfad eine Art Mogelpackung sind. Von der Lieser sehen wir recht wenig, meist läuft sie einige 50, 60 Höhenmeter unter uns im Tal, durch Bäume verdeckt. Und Pfad, naja, das trifft – bis jetzt – auf höchstens ein Zehntel der Strecke zu. Der Rest sind breite Wirtschaftswege. Die Pfade sind zum Teil wirklich idyllisch und romantisch, über Stock und Stein, genau das, was einem beim Wandern das Herz aufgehen lässt. Die Wirtschaftswege, nun ja, da muss man sich dann mit gleichmäßigen Schritten in so eine Art Trance hineinwandern, ein bisschen Rilke: Reiten, reiten reiten. Das müsste bei uns dann halt laufen, laufen, laufen heißen. Ohne den müde gewordenen Mut natürlich… Meditatives Laufen. So kann man schön müde Füße, Schwitzen und wehe Knie sinnstiftend unterlegen und mystisch überhöhen. Der Weg als Ziel und so. Jeder Schritt zählt auf dem Weg zum Ziel und so. Naja, man kann auch einfach nur Laufen ohne Transzendenz, geht auch ganz gut.

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Unsere Befürchtungen, dass im Rahmen von Corona und Urlaub in Deutschland der Lieserpfad völlig überlaufen sein werde, bewahrheiten sich heute. Im Gegensatz zu gestern begegnen uns sechs Wanderer. Radsportler sind es etwas mehr. Da ist erst so ein Summen in der Luft, das zum Sausen und dann zum Brausen anschwillt, bis ein gutes Dutzend Mountainbiker – in ihrer eigenen Staubwolke – an uns vorbeiziehen, ein jeder mit freundlichem „Guten Morgen! Guten Morgen! Guten Morgen! Guten Morgen!….“  Wir warten, bis der Staub sich gelegt hat und sind wieder allein unterwegs.

Die Umsetzung unseres Picknickplans scheitert fast wieder an meiner Sturheit. Die Blümchesau-Hütte steht zwar direkt an einer Lieser-Brücke, aber irgendein begnadeter Planer hat die Öffnung so gedreht, dass man nicht auf Fluss, Ufer, Wiesen sieht, sondern auf die verwitterten Fundamente der Brücke mit dem sie umgebenden Haldenerstbewuchs von Brennnesseln, Disteln und Springkraut. Monsieur seufzt und bietet mir eine Hütte etwa 800 Meter weiter an. Dass das bergauf ist, verschweigt er mir wohlweislich. Dafür speisen wir mit phantastischer Aussicht. Ein freundlicher Planer hat sogar daran gedacht das zentrale Holzgeländer durch Glas zu ersetzen, sodass die müde Wanderin noch nicht einmal aufstehen und sich über die Brüstung lehnen muss, um die Aussicht zu genießen. Sehr zuvorkommend.

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Die letzten – frisch gestärkten – Kilometer bis Manderscheid geht es auf schmalen Pfaden steil am Hang entlang. Sehr schönes Wandererlebnis, bei dem wir mal der Karte vertrauen, dass irgendwo da unten die Lieser fließt.

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Vor der großen Hitze kommen wir in unserer Pension an, nur um zu lesen, dass deren Rezeption erst in zwei Stunden öffnet. Ein bisschen ungeschickt, aber nicht wirklich schlimm, hatten wir da doch eh noch etwas eingeplant.

Johannisbeer- und Käsesahnetorte. Geht doch!

 

 

 

 

 

Ein bisschen geschummelt

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Die deutsche Sprache finde ich herrlich zum Herumspielen. Man kann lustige neue Wörter erfinden oder aus alten, bekannten neue zusammenbasteln, wie unterwältigend. Darauf werde ich später noch einmal zurückkommen. Unvergesslich auch die in den Familiensprachgebrauch übergegangene Neukreation unserer Kinder: undurchsichtbar. Das sagt doch alles, oder?
Mein Lieblingsneuwort heute ist „Magnesium-Calcium-Hydrogencarbonat-Säuerling“. Auch dazu später mehr.

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Und dann gibt es Wortschöpfungen, bei denen ich denke: Mensch, Deutsch, jetzt steh‘ mal auf und wehr‘ dich. Der Lieserpfad wird beworben von einer Tourismusagentur mit dem Namen „GesundLand Vulkaneifel“. GesundLand – ein Wort, mit einem Großbuchstaben in der Mitte.

Mich schüttelt es jedes Mal, wenn ich das lese, weshalb jetzt und hier nur noch von „der Agentur, deren Namen ich nicht nennen werde“ (ein bisschen wie bei Voldemort) die Rede sein soll. Jene Agentur also hat uns erste Übernachtungen in einem Sporthotel „in Daun“ organisiert. Es stellt sich aber heraus, dass die erste Lieser-Etappe in Daun endet, auf dem Schlossberg. Von da sind es knapp vier Kilometer – Straße und zum Schluss richtig bergauf – bis zum Hotel. Zusätzlich zu laufen zu den regulären 15 Kilometern der ersten Etappe.

Wollen wir nicht, brauchen wir nicht, machen wir nicht.

Wir schummeln, eine Taxifahrerin als Komplizin. Die bringt erst mich im Schlepptau im eigenen Auto zu einem Parkplatz etwas außerhalb von Daun, ungefähr da, wo der Lieserpfad auf die B 257 stößt und uns dann gemeinsam zum Startpunkt: Die Lieserquelle bei Boxberg. Hier kommt jetzt das unterwältigend ins Spiel. Unsere Ideen von munter plätscherndem Bächlein zwischen Wiesenufern erhalten einen ziemlichen Dämpfer. Das Freundlichste, was man über die Kuppel aus Vulkangestein, in der man durch eine Art im Boden eingelassenen „durchsichtbaren“ Gullideckel aus Gitterstäben das Wasser sehen kann, sagen kann, ist, dass sie 1940 von einer benachbarten Jagdstaffel erbaut wurde. Gut deshalb, weil die Jungens wenigstens solange keine Einsätze geflogen sind.

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Seltsamerweise stehen dort, am Punkt 00.00km der Wanderung zwei sehr einladende Liegestühle bereit für die unmüden Wanderer. Wir aber laufen den Schotterweg zurück zum Parkplatz und werden nach rechts geführt, von der Lieser weg. Vielmehr: weg von dem etwas dunkler grünen Band mit Blutweiderich und Mädesüß in den gemähten Wiesen, von dem wir annehmen, dass es den Verlauf der Lieser anzeigt. Gut, wir kennen uns ja gerade erst seit ein paar Minuten, vielleicht ist sie ja schüchtern und braucht ihre Zeit, um sich zu zeigen.

Es braucht genau fünf Kilometer, bis wir auf einer Brücke endlich etwas von ihr sehen werden.

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Dazwischen liegen idyllische Landschaften, jahrhunderte alte Eichen, wunderschöne Waldwege und lustige Begegnungen. Wie die mit der neugierig folgenden Highland-Kuh. Sie hat wahrscheinlich gleich in Monsieur den Seelenfreund entdeckt – gleiche Frisur und so. Monsieur trägt seit Corona sein Haar lang, offen und ähnlich gestylt wie sie. (Als wir vor kurzem eine private musikalische Veranstaltung besuchten, wurde er gefragt, ob er der Künstler sei.)

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Oder das Paar Wanderschuhe – Größe 49 schätze ich –, das aufgeschnürt vor einer Wanderbank steht. Kein Wanderer weit und breit in Sicht. Schon ein bisschen seltsam. Sehr freundlich dagegen, der „Eifel-Freude-Stein“, der bunt bemalt auf einer Bank liegt mit der Bitte ihn doch mitzunehmen und sich nur kurz unter einem Hashtag zu melden. Da mir dieses ganze Getwittere und ge#e ein Gräuel ist, habe ich ihn fein säuberlich zurückgelegt für den nächsten Finder. Der vielleicht ein bisschen auf sich warten lassen wird. Wir sind bis dahin einem halben Dutzend freundlich-neugieriger Einheimischen in diversen Dörfchen begegnet, ansonsten nur einem Mountainbiker.

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In Neichen treffen wir auf unseren ersten Sauerbrunnen. Allerdings läuft der Strahl nur als dünner Faden aus der Quelle, sodass es etwas dauert, bis die Flasche mit dem kühlen, „rostig“ schmeckenden Nass gefüllt ist. Ein paar Meter weiter, deutet Monsieur an, gibt es laut Schild eine Bitburger-Quelle, aber die fließt um dies Uhrzeit auch nicht.

Nach einigen unschönen Kilometern auf asphaltierten Wegen kommen wir zum Rastplatz unter der Autobahnbrücke. Ja, genau unten drunter. Bequeme Bänke, schöne Tische – aber wer will schon unter einer Autobahnbrücke picknicken? Ich jedenfalls nicht, was uns auf weiteren Asphaltkilometern nach Rengen führt. Der Asphalt ist zwar schwer für die Füße, Rengen allerdings entlockt uns ein Lächeln. Entweder ein sehr aktiver Naturschützer oder eine naturbegeisterte Grundschullehrerin, wer weiß? Jedenfalls hängen an den Straßenbäumen eine Vielfalt bunt gestalteter Vogelhäuschen, die gut Laune machen.

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Was dringend nötig ist. Monsieur hat meine Entscheidung gegen ein Autobahn-Picknick zwar widerstrebend akzeptiert, grummelt aber auf den letzten Kilometern, dass wir, wenn wir nicht bald einen schönen – Betonung auf schönen – Platz zum Picknicken finden, das notgedrungen auf der Terrasse unseres Hotelzimmers tun müssten, Daun sei nur noch fünf Kilometer entfernt. Da taucht rechter Hand der Rengener Drees auf, eben jener Magnesium-Calcium-Hydrogencarbonat-Säuerling, dessen Wasser laut Erklärtafel den Rengener Hausfrauen zu den fluffigsten Waffeln und Pfannekuchen verhalf.

Uns verhilft es zu einer wohltuend kühlen Pause, in der wir die Schätze aus unsere Lunchbox auspacken und das angenehm bitzelnde Quellwasser genießen.

Die nächsten Kilometer führen vorbei an gemähten Wiesen und abgeernteten Feldern, die schon fast so etwas wie herbstliche Wehmut ausstrahlen.

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Leider holt uns kurz vor Daun der Asphalt wieder ein, aber da wartet ja schon mein Auto auf uns. Manchmal lohnt sich das Schummeln.

 

Fazit:

Schöne Landschaften, schöne Waldwege, ausgezeichnet ausgezeichnet, aber leider auch sehr viel Asphalt und kaum etwas von der Lieser zu sehen.

Das kann ja nur eines bedeuten: morgen wird es besser werden.

 

Keine Ahnung, wieso, wirklich nicht…

Erstens leben wir nicht in Hamburg, sondern bei Genf.

Zweitens wollen wir ganz sicher nicht nach Australien, sondern nur für eine Vier-Tages-Wanderung entlang des Liesertals in die Eifel.

Und drittens weiß ich nicht, weshalb mir die ganze Zeit Ringelnatz im Kopf herumschwirrt.

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

 

Keine Ahnung, wieso, wirklich nicht…

Frei nach Erich Kästner

 

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… leben wir heute gefährlich.

Erst erzählen wir der Jüngsten, dass sie sich schon immer gewünscht hat dahin zu fahren.

Da diverse Landesregierungen, Fluggesellschaften und ein Virus sich zusammentun, um das Erreichen ferner „Schon – immer“-Traum-Ziele zu verhindern, versuchen wir es halt mal eine Nummer kleiner mit den „Da könnten wir doch auch mal“-Zielen in der Nähe. Birgt natürlich eine gewisse Gefahr von hochgezogenen Augenbrauen, gezuckten Schultern oder einfach nur ungläubigem „Das?“ in sich.

Unser Ansatz geht aber gut aus, auch wenn das Ziel wohl nicht zu den 100 romantischsten Zielen Frankreichs zählen wird. Es hat eher diesen desolaten Charme aufgelassener Industrieanlagen.

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Wir sind zig Male auf dem Weg in den Süden über das „Viaduc de la glacière“ an dieser alten Eisfabrik vorbeigefahren, den Mont Lozère, Burgund oder die Provence vor Augen, den Satz „Da könnten wir doch auch mal …“ im Hinterkopf. Heute ist es soweit. Der strahlende Sonnenschein ist einerseits ausflugstauglich, andrerseits so gar nicht dem Ziel angepasst. Hier bräuchte man treibende Nebel oder heulenden Schneesturm, um das Potential der aufgelassenen Ruine voll auszukosten. Schön ist es trotzdem.

Wir stromern eine Stunde durch die Anlage, steigen – wo es nicht abgesperrt ist – in und um alte Mauern und stehen dann am Parkplatz da mit dem angefangenen Ausflugstag. Das nächste Ziel, die „Pertes de la Valserine“ ist uns klar, aber auf dem Weg locken die „Marmites de Géant“, die Kochtöpfe eines mythischen Riesen, Wasserstrudel in der Semine. Vor ein paar Wanderungen, von Giron kommend, hatten wir den Stopp schon einmal angedacht, aber damals hatten unsere müden Beine uns überstimmt. Heute finden wir den Einstieg und können bald das gigantische Rad einer alten Sägemühle bewundern, finden aber die Wasserspiele eher etwas unterwältigend. Das kommt dann – wir waren einfach noch nicht weit genug gegangen – nach der nächsten Brücke.

Der Parkplatz für die Pertes zeigt uns dann, frei nach Erich Kästner, wie lebensgefährlich das Leben ist. Mit großen gelben Warnschildern wird uns Wanderern drastisch vor Augen geführt, welch eine gefährliche Risikosportart wir ausüben. Was uns nicht alles befallen kann: Steine und Äste können auf uns herabstürzen. Der ebenfalls angedrohte Sturz von glaçons beeindruckt mich allerdings wenig, da ich das Wort eher mit „Eiswürfel“ statt -zapfen übersetze und das natürlich sofort in den überhaupt nicht bedrohlichen Kontext von eisgekühlten Getränken wie Aperol Spritz und ähnlichem setze.

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Wir setzen uns tapfer den weiteren Risiken von brutalen und gewalttätigen Fluten aus, den abrupten Felsabstürzen und gefährlichen Steilwänden. Es ist kaum zu glauben, dass wir lebendig an den Ufern des Flusses ankommen, gemeinsam mit den anderen Wanderern, Picknick-machern, im Wasser-Planschern. Die größte Gefahr, der wir uns aber an diesem Nachmittag wirklich aussetzen, sind die Moskitos, die unser Picknick, die Füße im Wasser, umschwirren.

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Die Valserine verschwindet hier schäumend immer mal wieder zwischen meterhohen Kalkwänden und taucht brodelnd ein paar Schritte weiter, dafür aber viel tiefer wieder auf.

Eine Felswand mit spitzer Nase ist natürlich Napoleons Kopf und die Stelle, an der die Felsen nur zwei Handbreit auseinander sind, die „natürliche Brücke“, die Pilger auf diesem alten Pfad schon vor Jahrhunderten nutzten. Für uns Risikosportler ist die Stelle inzwischen mit Geländern und Lattenrosten gesichert, nur für den Fall, dass die gelben Warnschilder nicht abschreckend genug waren.

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Ein Wanderweg an der Valserine entlang führt schon zur Planung der nächsten Wanderung. An der „Pont du Moulins des Pierres“ vorgestern hatten wir der Voie du Tram zuliebe nämlich mit einem kleinen Bedauern auf den schmalen Pfad verzichtet, der ins Tal der Valserine hinabstieg. Zu lang, zu steil, zu kompliziert mit dem ÖPNV.  Hier und jetzt eröffnet sich ein weiteres „Da könnten wir doch auch mal“.

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Mit deutlich leichterem Rucksack steigen wir durch die verwunschen, moosbewachsenen Wälder hoch zum Parkplatz. Plötzlich kommen uns zwei Polizisten entgegen, auf dem Wanderweg zur Valserine, in voller Montur. Ich bin so perplex, dass ich sie lachend frage, was sie denn da unten im Tal kontrollieren wollten. „Oh, Madame,“ strahlt der eine freudig-aufgeregt zurück, „il y a beaucoup des choses, qui sont interdit là-bas! – Es gibt Vieles, das da unten verboten ist.“

Wie gesagt, gefährlich, gefährlich, das Leben!

 

 

 

 

 

Aller et retour

 

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Es kommt selten vor, dass uns eine Wanderung nicht so recht gefällt. Meist schaffen wir es dann trotzdem, uns irgendein Rosinchen herauszupicken und uns daran zu erfreuen: bunte Wiesen, geheimnisvolle Pfade, ein schönes Lokal zwischendurch.

Heute sind es die Kilometer, 15 Kilometer in knapp 4 Stunden bei 28° im Schatten, das macht uns Freude.

Wobei ich schon sehr viel Spaß hatte bei der Planung. Zuerst mit den vielen wunderschönen alten Fotos zur Tramway auf einer liebevoll gestalteten Internetseite.

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Dann mit der Logistik, mit dem ÖPNV. Ja, wir haben es probiert, das mit den ÖPNV.

In Frankreich. In der Provinz. In der tiefsten Provinz, in „La France profonde“.

Die Voie du Tram von Bellegarde nach Chézery ist eine touristisch etwas gehypte Umdeutung eines Fehlschlags. Um 1899 angedacht, bis 1906 geplant, wurde sie 1912 eröffnet, worüber ich im Angesicht von BER und Stuttgart 2021 auch gar nicht lästern will. Viermal am Tag sollte die Linie die Städtchen Bellegarde und Chézery verbinden, mit Haltestellen in Montanges und Champfronier. Für die zwanzig Kilometer brauchte das Bähnlein eine Stunde vierzig Minuten, was in etwa der Zeitvorgabe für den heutigen Radtouristen auf dieser Strecke entspricht. Von der Bevölkerung geliebt, von der Obrigkeit als nicht rentabel geächtet, wurde sie 1937 eingestellt.

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Es folgt ein Dornröschenschlaf von über fünfzig Jahren, bis sie als Touristenattraktion wieder wachgeküsst wird. Der wir einfach mal nachgehen wollen.

Mit Hindernissen. Die zwanzig Kilometer sind schon eine Ansage, ganz besonders, wenn diese Ansage kumulative 1118 Höhenmeter einschließt, auch wenn wir von zahmen 380 Metern auf wenig beeindruckende 672 Meter aufsteigen. Hin und zurück kommt also nicht in Frage.

Also planen wir, das Auto in Lancrans abzustellen und mit dem Bus nach Chézery zu fahren, was das Ganze um drei Kilometer und etliche Höhenmeter abkürzen wird. Es gibt tatsächlich einen Bus, der aber genau zweimal am Tag die Strecke fährt, um Viertel nach elf morgens und abends um Viertel nach sechs. Nicht so die rechten Zeiten für eine Tageswanderung.

Gut, dann eben nicht Bus. Drei Anrufe bei ortsansässigen Taxi-Unternehmen zeigen, dass Donnerstagmorgen Hochkonjunktur in und um Bellegarde ist und keine Taxis frei sind.

Vielleicht hätten sie die Bahn doch nicht stilllegen sollen. Wir jedenfalls hätten uns gefreut sie nehmen zu können.

Also planen wir um und stellen uns auf „aller-retour“ ein, einmal Lancrans-Montanges und zurück.

Der Weg ist breit angelegt, führt aber für eine Tramstrecke doch beharrlich bergauf, auf dem ersten Teilstück der Hinfahrt. Bellegarde an sich ist ja schon ziemlich hässlich, uns begleitet auf den ersten Kilometern dann die Aussicht auf Bellegardes ausgedehntes noch hässlicheres Industriegebiet. Nix mit „Belle-vue“.  Muss man halt nach rechts schauen, da liegen dunkel-geheimnisvoll die Jura-Ausläufer des Grand Crêt d’Eau.

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Natürlich machen wir einen Kaffeestopp in Confort, wo ein alter Waggon als weithin sichtbare Bar dient, wobei der Wagen deutlich charmanter ist als die Besitzerin. Gleich daneben, wie an jedem Tram-Stopp, gibt es liebevoll gestaltete Tafeln zur Geschichte der Tram mit historischen Fotos. Kleine Episoden zum Leben mit der Tram erheitern unseren Weg.

Hinter Confort geht es erst steil hinab ins Tal der Valserine, um das technische Wunder der Linie, den „Pont du Moulin des Pierres“, zu überqueren. Der Blick von oben ins Felsgetümmel des Flussbettes ist sehr beeindruckend.

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Da nun die Tram-Linie der Straßenführung zum Opfer gefallen ist, werden wir Wanderer auf schmalen und recht steilen Pfaden durch Wiesen in die Höhe nach Montanges gebracht, wo wir an der Kreuzung der Rue de bas und der Rue de sous ville auf Straßen stoßen. Diese Namen verheißen leider nichts Gutes und so geht es noch ein Stück weiter bergauf, bis wir am „Gare de Montanges“ ankommen, der seinerzeit, so entnehmen wir der Tafel, mit den ungeheuren Kosten von 130 Francs errichtet wurde.

Der Gare ist recht charmant, allerdings fließen die Mülleimer rechts und links schon über; nicht ganz das Ambiente, das wir fürs Picknick bevorzugen.

Also sagen wir Montanges nach einem kurzen Streifzug durch seine Gassen „Au revoir“ und laufen bergab durch die Wiesen, bis wir im Schatten eines riesigen alten Baumes den Rucksack ablegen. Monsieur packt die Dosen aus, schaut auf die hausgemachten Buletten und meint: „Das ist eindeutig der Höhepunkt dieser Wanderung.“

 

 

 

 

 

 

Monsieur Tout-le-monde

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… sa femme, ses enfants – und nicht zu vergressen, ganz wichtig! – son chien. Das ist das französische Äquivalent zum deutschen „Gott und die Welt“. Finde ich viel lebensnaher und anschaulicher. Sich Gott mit Badelatschen und Kühltasche vorzustellen – das hat schon etwas fast Blasphemisches, bei Monsieur Tout-le-monde brauche ich noch nicht mal die Vorstellungskraft. Er kommt uns nämlich entgegen, in Badelatschen, allerdings ohne Kühltasche. Die trägt seine Frau, neben anderen Kleinigkeiten. Monsieur Tout-le-monde ist nämlich mit den wichtigen Entscheidungen beschäftigt, d.h. hier und jetzt den optimalen Picknickplatz zu finden. Die Kleinigkeiten, die ganze Logistik dahinter, darum darf seine Frau sich kümmern, die uns ein paar Meter weiter begegnet. Die Wickeltasche über der Schulter, Kühltasche in der einen, die da nicht hineinpassende Schüssel mit Nudelsalat in der anderen Hand balancierend, mit dem Bauch und den Handgelenken den Kinderwagen vor sich herschieben. Wie gesagt, Kleinigkeiten.

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Eigentlich hätten wir uns ja denken können, dass ein Naturschutzgebiet voller Seen an einem heißen Sonntag im Juli etwas überlaufen sein könnte. Zum Glück gibt es zwei ausgewiesene „Zone de detente“ – Entspannungszonen (und noch mehr Französisch Honni soit qui mal y pense!) -, in denen sich dann auch an flachen Ufern die Familien mit Kindern tummeln. Der Rest des Gebietes ist dann eher Spaziergänger-leer.

Das Marais de l’Etournel ist sozusagen der Natur zurückgegebene Natur. Die Seen sind wassergefüllte ehemalige Kiesgruben, nur durch einen schmalen Uferstreifen von der Rhône getrennt. Einer Rhône, die immer noch ihr Gletschertürkis trägt und mit einer Geschwindigkeit daherkommt, dass jeder Mutter beim Gedanken an badende Kinder übel wird.

Marais de l'Étournel

Wir lassen die Badeseen hinter uns und folgen den zuerst breiten flachen Wege zu den ausgewiesenen Attraktionen. Allerdings sehen wir am Hechtponton keinen Hecht und an der Libellenwiese kaum Libellen.

Dafür blitzt ein Eisvogel königsblau ins Schilf und Komorane begutachten aus Baumwipfeln das Nahrungsangebot. Auch einen Park Ranger treffen wir, wenig eindrucksvoll zu Fuß und nicht zu Pferd unterwegs, dafür ausgesprochen nett und mitteilungsfreudig.

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Die breiten Wege enden an einem kleinen Lattenzaun, der die Schutzzone für die Wasservögel abgrenzt. Betreten erlaubt, wenn man auf den Pfaden bleibt. Auf den kleinen und kleinsten Trampelpfaden, dans l’etat, in ihrem naturbelassenen Zustand mit zu überkletternden, umgestürzten Bäumen als kleine Zusatzaufgaben.

Die nächste halbe Stunde ist Entdeckerfreude pur am Ufer der Rhône entlang.

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Zurück am Parkplatz stellen wir fest, dass wir doch fast fünf Kilometer spaziert sind, von den Höhenmetern schweigen wir jetzt mal.

Eigentlich ganz nett, wenn man bedenkt, dass wir uns nach einem üppigen Frühstück mit Baguette und Pain au chocolat (Croissants waren leider aus) nur mal kurz bewegen wollten.

 

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