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Reisearchiv: K wie Kambodscha – Siem Reap (Angkor What)

p2011_01_21_11h26_33Zuerst ganz kurz: Kambodscha ist eines der am stärksten durch Landminen betroffenen Länder. Es hat in den 70er Jahren durch das Terror-Regime der Roten Khmer fast ein Drittel seiner Bevölkerung verloren, danach folgten 20 Jahre Bürgerkrieg. D.h. es gibt einige wenige sehr alte Leute, dann ein Loch bei den 45-65-Jährigen und dann eine große junge Bevölkerung.

Geldtransfer nach Vietnam und andere Probleme
Gebucht hatten wir 8 Tage „Die Wunder von Angkor Wat“: 6 Tage Tempel bis zum Abwinken plus 2 Tage Naturwunder bzw. Kultur allgemein. Das Ganze bei einem vietnamesischen Reiseunternehmen mit französischer Homepage, d.h. die Antwort-Emails waren geschmückt mit blumigen Wünschen zu unserem Glück und langen Leben, aber eher vage, was die konkreten Informationen anging. Selbst nach dem etwas abenteuerlichen Geldtransfer nach Vietnam (unsere Schweizer Bank fragte ganz besorgt an, ob das seine Richtigkeit hatte) folgte eine Woche ominöses Schweigen. Wir wussten bis 4 Tage vor Abflug nicht, ob wir ein Hotel haben würden. Dann kam die entsprechende E-mail mit allen Daten und der Beteuerung, es hätte nur solange gedauert, weil man uns den unvergesslichsten Urlaub unseres Lebens hatte planen wollen.

„Ehrwürdige Greise“
p2011_01_28_11h02_32Nach 16 Stunden Flug (Abflug bei -5°) kamen wir abends um 21 Uhr rechtschaffen müde auf dem winzigen Flugplatz von Siem Reap an und zogen in tropischer Nacht unsere Koffer übers Rollfeld.
Vor der Eingangshalle warteten Fahrer und Führer – und das erste Missverständnis – auf uns. Wir waren für unseren jungen Führer „ehrwürdige Greise“ und er versicherte uns mehrmals, er würde alles so „easy“ wie möglich machen. Im Geist sah ich uns schon mit Rollator durch die Ruinen streifen, dabei hatte ich die Bergschuhe für den Urwald eingepackt!
Das Hotel war für unsere Verhältnisse klasse: kein 5* Hotel-Palast an den Ausfallstraßen, sondern ein kleineres komfortables Haus mit Pool und großen geräumigen Zimmern. In bester Lage! Die Königliche Residenz war nur zwei Straßenecke weiter!

Tempel und Fischerdörfer
p2011_01_21_10h24_19Der erste Tag brachte uns zum Tempel Beng Mealea, etwas außerhalb des Angkor-Parks, was für uns fast ein Indiana-Jones-Erlebnis war. Eine Stunde konnten wir – vom „Hintereingang“ kommend – allein durch das Gelände streifen, erst im Zentrum trafen wir andere kleine Gruppen.
Zurück zum Wagen brachte der uns zu einem typischen Lokal. Es bestand aus zwei luftigen Gebäuden aus Bambus und Bananenblättern, die auf Stelzen etwa 2 Meter über dem Grund schwebten.
In dem einen Gebäude war das Lokal, in das unser Führer uns brachte, in dem anderen hingen Dutzende von Hängematten für die Chauffeure und Führer. Wie die meisten Kambodschaner hatte auch unser Führer mehrere Berufe. Tagsüber arbeitete er als Führer, abends gab er Englisch-Unterricht. Entsprechend willkommen waren wohl Pausen, um den Schlaf nach zuholen (Er hatte außerdem eine kleine Tochter, die wohl auch für kurze Nächte sorgte.)
Wir machten unsere erste Bekanntschaft mit der lokalen Spezialität, Fisch-Amok. Hinter dem gefährlichen Namen verbirgt sich ein eher süßliches Curry aus Fisch und Kokosmilch, das in einer Kokosnuss serviert wird. Und dazu duftenden lockeren Reis.

p2011_01_21_15h14_59Nachmittags ging es zu Fischerdörfern. Diese Dörfer liegen an einem See, Tonle Sap, der während der Monsum Zeit auf ein Vielfaches seiner Größe anschwillt und den Wasserspiegel bis zu 5 Meter höher hat. Die Häuser stehen auf einem Wald von Stelzen in luftiger Höhe. Jetzt war Trockenzeit und wir fuhren auf einem schmalen Wasserarm durch diese Dörfer. Es war bezaubernd und fremdartig, pittoresk und malerisch, was nicht darüber hinwegtäuscht, dass die Menschen dort keinen Strom- und keinen Frischwasseranschluss haben, wohl aber – etwas bizarr – mehrere Handy-Sendemasten.

Restaurants, Bars und Tuk-Tuks
Zurück im Hotel erfuhren wir, dass der Fahrer uns um 19:30 zum Essen fahren würde und uns später auch wieder nach Hause bringen würde. Da das Restaurant nur einige 100 Meter weiter war, haben wir ihm gesagt, wir gingen zu Fuß und haben ihn nach Hause geschickt.
Am zweiten Abend wurde vorsichtig gefragt, ob wir „rüstigen Greise“ wieder zu Fuß nach Hause gehen wollten. Am dritten Tag hieß es dann, „Sie gehen ja sicher wieder zu Fuß.“
Da ich diese Reise meinem Mann zu einem bestimmten Anlass geschenkt hatte (und dies dem Veranstalter habe durchblicken lassen), waren die Lokale alle „les plus romantiques“.
p2011_01_22_09h04_35Aber leider, leider auch trotz Hauptsaison recht leer. Uns war es recht, wir saßen auf wunderschönen Terrassen oder in Kolonial-Stil-Häusern, beobachteten die Geckos an den Wänden und ließen uns Köstlichkeiten servieren.
Weitaus lebhafter ging es im Pub-Bezirk hinter dem „Old Market“ zu. Das hatte schon mehr Ballermann-Charakter. Man musste sich ein bisschen gegen Masseusen und Massagen aller Art wehren (die „öffentlichste“ die Fischmassage: in einem großen Becken knabbern Hunderte kleiner Fische an deinen Füßen die Hautschüppchen ab. Zum Glück war das nach dem Essen!). Aber in den Seitenstraßen gab es auch sehr nette ruhigere Bars, wo man seinen Drink auf der Terrasse schlürfen konnte und lokale und internationale Zeitungen lesen konnte. Die Phnom Penh Post – eine eher kritische Zeitung – war eine „echte“ Zeitung, die franz. und engl. Zeitungen DIN A3 Kopien.
Zurück gings zu Fuß, über den Fluss, bis zum König, dann bis zu den Elefanten (aus Beton gegossen) und dann rechts ab zum Hotel. Siem reap ist sehr übersichtlich!
An einem Abend haben wir uns ein Tuk-Tuk (Mofa-Rikscha) gegönnt, für einen Dollar (zwar nicht die offizielle, aber die beliebteste Währung). Der Mann hat so gestrahlt, das muss zuviel gewesen sein!

Nackte Busen und Wasserbau
Die Tempel von Angkor Watt und Angkor Thom und um Angkor herum kann man nicht beschreiben, aber da gibt es auch genug Bilder im Internet.
p2011_01_22_14h29_21Nur soviel: Wir haben in vier Tagen sicher mehr barbusige Damen gesehen als der durchschnittliche Playboy-Leser in seinem ganzen Leben. Tempeltänzerinnen mit perfekter Taille, perfekten Hüften und zwei perfekten Brüsten, die in einem perfekten 90° Winkel aus dem Relief herausstanden. (Wo bitte ist die Schwerkraft, wenn man sie mal zum moralischen Aufbau braucht?!?) Diese nackten Busen aus Stein sind natürlich Kunst, Kultur und deshalb guckt man da auch nicht hin! Nein, man guckt den Apsaras, den himmlischen Tänzerinnen, auf die Füße und auf die Frisur. Daran kann man nämlich erkennen, ob dieser Tempel aus dem 9., 10., 11. Jhd oder spätbarock ist. Alles klar?
p2011_01_24_14h24_33Außerdem konnten diese begnadeten Wasserbau-Ingenieure keine Gewölbe bauen. Deshalb haben sie die Tempelräume als Galerien errichtet, schmale Räume, deren Dachsteine nach innen überkragten. So, wie wir früher Legosteine zum Dach vorgebaut haben, nur das Ganze mit riesigen, tonnenschweren Sandsteinquadern.
Dafür bauten sie Wasserbecken, 8×2 km lang und geniale Systeme, zur Bewässerung der Reisfelder. Aber die tollste Idee hatten sie in Kbal Spean, dem Fluss der 1000 Lingas.
p2011_01_23_11h28_49Lingas, wie der aufgeklärte Internet-User weiß oder schnell googelt, sind heilig und männlich, sehr männlich. Obwohl: an der Basis viereckig, im Schaft achteckig und an der Spitze gerundet (versinnbildlicht die 3-Einigkeit von Brahma, Vishnu und Shiva), das ist nicht sehr realistisch, wo sie sich das wohl abgeguckt haben. Scheint mir nicht sehr genau beobachtet. Die ebenso heilige Yoni zum Lingam ist in Kambodscha viereckig. Irgendwie muss es da abends sehr dunkel sein.
p2011_01_23_11h07_49Wo war ich, achja, die geniale Idee war Folgende: Man geht zur Quelle des Siem Reap Flusses, der Angkor und die Wasserbecken mit Wasser versorgt. Der Fluss stürzt über mehrere Wasserfälle und Felsen zu Tale. Man gestaltet das ganze felsige Flussbett zu einer Gesamtskulptur mit vielen, vielen Lingas (und Yonis), Vishnu, Brahma und Shiva_Figuren. Das Wasser läuft über die heiligen Symbole – schwupps ist es Weihwasser. (Auf die Idee hätte die kath. Kirche mal in Schaffhausen kommen sollen, der ganze Rhein – Weihwasser!)
Der Weg führt über verschlungene Pfade unter armdicken Lianen hindurch 45 Minuten bergauf (definitiv nicht Rollator-geeignet) und dann ein Stück lang flussabwärts an den Skulpturen vorbei. Und das ist trotz einiger anderer Touristen ein Ort, der einen verzaubert.

Licht und Schatten
p2011_01_27_11h03_50Am letzten Tag ging es für 5 Stunden mit dem Boot durch schwimmende Dörfer mit schwimmenden Kirchen (!) und schwimmenden Schulen. Auch der Vorgarten schwamm auf einem kleinen Floß vor dem Hausboot und das Mastschwein hatte seine eigene kleine schwimmende Insel neben dem Boot.
Ziel war ein riesiges Vogelschutzreservat, wo wir erst vom Boot, dann von einer Beobachtungsplattform in luftiger Höhe aus riesige Schwärme von Pelikanen (mit Jungen), Marabus, drei verschiedenen Storcharten und eine Menge anderes „Fliegzeug“ sahen.
Unser „Kapitän“ war höchstens 16, sein „1. Offizier“, der immer nach hinten turnte, um Wasserpflanzen aus der (gestoppten!) Schiffsschraube zu fischen, keine 9.p2011_01_27_15h53_00
Wir haben viele Kinder gesehen, die vor den Tempeln Kitsch und Cola verkauften. Manche mit schlecht gelernten Phrasen: „ha no daddy, ha no mummy, pleeeeeaaaase“. Manche, die nach der Frage „Where are you from“ stolz reagierten mit „Guten Tag! Wie geht es dir? Mein Name ist …“
p2011_01_22_10h47_02Vor jedem größeren Tempel saßen kleine Orchester, die Musiker waren alle Minenopfer.
Manche der Opfer waren erschreckend jung, für ein Land, das nun 20 Jahre „Frieden“ hat.
Vor vielen der Bambus-und-Palmblatthütten auf dem flachen Land um Siem Reap hingen Plaquetten: Dieses Haus hat sauberes Trinkwasser dank…(der Name einer Person oder Organisation)
In Siem Reap gab es auf dem Platz vor der Residenz ein Handicraft-Fair von NGOs und Frauenprojekten u.ä. Die Sachen waren natürlich teurer als in den Touristen-Märkten, aber ich hatte das Gefühl, ich kaufe etwas Originelles, nicht billig hergestellte Massenware.
Phnom KulenDas einzige Problem: bei so einem sozialen Markt kannst du nun beim besten Willen nicht feilschen.

Und dann gibt es noch das Kinder-Krankenhaus von Beat Richter. Der Schweizer Arzt leitet nicht nur das Hospiz, sondern gibt freitags auch noch Cello-Konzerte. Der Eintritt ist frei, die Besucher sollen spenden: Geld oder Blut.


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