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Reisearchiv: F wie Frankreich – Burgund

Wenn einer eine Reise tut, und so weiter und so weiter. Wir kamen von unserer letzten Burgundtour zurück mit einigen Kistchen Wein – und einer neuen Erfahrung.
p2011_06_24_17h51_13Geplant war ein verlängertes Wochenende mit einer Gruppe von acht Freunden in einem schönen Chambre d’hôte. Wir machen das jedes Jahr und jedes Jahr bin ich verantwortlich für die Wahl der Unterkunft. Wir sind wirklich nicht kompliziert und leicht zufrieden zu stellen: schön und alt soll es sein, Atmosphäre soll es haben, und gut essen und trinken sollte man da auch können. Halt so ein „Châtöken“, wie es einer unserer eher norddeutschen Freunde so nennt. Ausgesucht hatte ich das Carpe Diem in Massangis. Günstig gelegen, zur Kultur und zum Wein fast gleich weit. Die Bilder im Internet waren wunderschön, die Kritiken gut, was will man mehr.

Und dann kamen wir an: winziger Ort, eine einzige Straße, ein hohes verschlossenes Hoftor.
Wir klingeln, das Auto blockiert mit laufendem Motor und Warnblinkanlage einen riesigen Traktor. Das Tor öffnet sich, wir fragen, ob es einen Parkplatz im Hof gibt.
p2011_06_26_14h34_27Zack, erster Fehler! Unser „Gastgeber“ plustert sich auf und hält uns erstmal eine Predigt zum Thema französische Höflichkeit und dass man sich erst mal vorstellt, bevor man irgendwelche Forderungen und so weiter und so weiter.
Dem Traktor ist inzwischen langweilig geworden und er schiebt sich Zentimeter für Zentimeter an meinem Auto vorbei, sodass ich in den nächsten Minuten nichts sehe als riesengroße Räder und grün lackiertes Blech. Als der Traktor vorbei ist, ist das Tor auf, offensichtlich ist man zu einer Einigung gekommen.
Wir fahren durch einen wunderschönen Hof zur Wiese, wo schon das Auto der Freunde steht. Um den Hof herum mehrere Gebäude, darin verteilt die vier Zimmer. Wir möchten die Zimmer sehen, alle vier.
p2011_06_26_12h25_15Zack, zweiter Fehler! Unser „Gastgeber“ hat keine Zeit oder keine Lust oder beides. Wir sollen uns hier und jetzt anhand der Namen entscheiden, welches Zimmer welches Paar nimmt. Wir bestehen auf der „Führung“.
Zack, dritter Fehler! Unser „Gastgeber“ hat jetzt natürlich keine Zeit mehr für den für 19:30 angekündigten Apéro.
Wir machen es uns erstmal in den wirklich sehr schönen Zimmern bequem. Erstes Problem: kein Handynetz. Na gut, unsere Kinder sind groß. Der Job kann auch ohne uns auskommen, aber irgendwie ein blödes Gefühl. Ein Freund will auf die Straße, aus den Bruchsteinmauern heraus, sein Handy-Glück suchen. Zweites Problem. Alle Türen sind verschlossen: Das große Hoftor, das kleine Tor daneben und das ganze Anwesen von hohen Mauern umgeben. Das blöde Gefühl verstärkt sich.
Wir treffen uns im Hof zwischen unseren Häusern, inzwischen sind Gläser und Wein auf dem Gartentisch aufgetaucht. Wir setzen uns hin, genießen die Abendsonne, blödeln ein bisschen herum, erfinden Stories von Organhändler-Ringen (der, der meine Leber kriegt, tut mir jetzt schon leid), die Stimmung entspannt sich, Pläne für den nächsten Tag, Kultur und Wein im ausgewogenen Verhältnis, werden geschmiedet.
p2011_06_26_10h17_24Um 20 Uhr wird von unserem „Gastgeber“ Patrick zu Tisch gebeten in einen großen Raum mit Bruchsteinmauern und Tomettes, den achteckigen Tonkacheln, die durch die jahrhunderte lange Bohnerwachspolitur einen satten rotgoldenen Glanz haben. Eine ganze Wand wird beherrscht von einem antiken Bücherregal, vor dem Kamin bequeme Sessel, auf antiken Kommoden gesammelter Schnickschnack, sehr geschmackvoll präsentiert: Landleben in seiner klassischsten Form. Am Ende des Raumes steht ein großer Tisch, rote Toile-de-Jouy Tischdecke, weißes Geschirr, Kristallgläser, Kerzenleuchter und vier einladend geöffnete Weinflaschen. C’est ça, la France…
Der erste Gang, Epoisse-Tartlette, ist köstlich, der zweite Gang, Lachs im Pergament mit einer Kruste aus grünen Oliven, Zitronenzesten und Kapern, ein Gedicht. Eine vielfältige Käseplatte und ein schaumiges Dessert runden das Menü ab. Wir sind einfach glücklich!
Bis zu dem Moment, in dem wir eine weitere Flasche Wein bestellen wollen, so gegen elf.
Unser Gastgeber erscheint und meint, das sei nicht mehr nötig, weil er sowieso in ein paar Minuten das Licht ausmachen würde. Er schaut uns an, acht vergnügte, äußerst wache und unternehmungslustige Erwachsene und sagt: „Husch, husch, ab ins Bettchen!“
Wir protestieren und schlagen vor, uns ohne Licht im Hof um den Gartentisch zu versammeln. Es kommt noch besser: Das sei nicht möglich, da er nach dem „Licht aus“ die Alarmanlage einschalten würde.
Totale Ausgangssperre um 23Uhr 30!
Hatte ich das letzte Mal mit 16! Da hatte ich aber vorher wenigstens etwas angestellt, dass die Ausgangssperre wert war!
p2011_06_26_14h14_00Die Diskussion wird etwas hitziger, wechselt vom Französischen ins Englische und wieder zurück. Als einer von uns anfängt „Ich will…“ wird ihm von unserem „Gastgeber“ über den Mund gefahren: „Hier gibt es kein ‚Ich will’! Das ist mein Haus und hier tun Sie, was ich will.“ Die Unlogik dieser Aussage scheint ihm nicht aufzufallen.
Das ist der Moment, in dem wir beschließen, am nächsten Morgen abzureisen.
Unserem „Gastgeber“ ist das nicht genug. Er will, dass wir jetzt gehen, direkt, auf der Stelle, sofort. So groß ist sein Bedürfnis uns loszuwerden, dass er uns sogar das Essen schenken will, die Anzahlung zurückgeben, alles, alles, nur damit wir gehen.
Um halb zwölf in der tiefsten französischen Provinz vor die Tür gesetzt zu werden, mit deutlich über dem Erlaubten liegenden Alkoholpegel, 500 km von zuhause, das war eine neue Erfahrung für uns. Wir reisen viel, beruflich und privat, auch in weniger zivilisierten und demokratischen Länder als Frankreich, aber so etwas war uns noch nie passiert.p2011_06_25_16h52_51
In diesem Augenblick überlegen wir wirklich, ihm alles vor die Füße zu werfen, wäre da nicht der so großzügig genossene Wein.
„So ein Arsch mit Ohren!“, sagt unser – sonst in diplomatischen Kreisen für seine sprachliche Korrektheit bekannter – Freund und wir haben ein neues Wort.
Irgendwann geht uns auf, dass es den AMO, wie wir ihn inzwischen nennen, mehr ärgern würde, wenn wir bleiben. Irgendwann versteht der AMO, dass er uns nicht wirklich ohne guten Grund rausschmeißen kann und sein noch eben zitiertes „Was ich will“ doch nicht Maßstab aller Dinge ist.
Aber die Stimmung ist hin, wir ziehen uns in die verschiedenen Gebäude zurück.
Das Frühstück am nächsten Morgen ist eine etwas seltsame Mischung aus gruppendynamisch induzierter Fröhlichkeit auf unserer Seite und schlecht gelaunter Überkorrektheit auf der anderen Seite. Eine angespannte Angelegenheit, an der auch der frisch gebackene Kuchen auf dem Tisch nichts ändert.

p2011_06_25_14h58_00Nur ganz kurz wird diskutiert, ob wir den Urlaub abbrechen, aber das hieße ja, dass der AMO uns klein gekriegt hätte. Also machen wir uns auf die Suche nach einer Bleibe. Die Sache nimmt bald eine fast biblische Wendung, es ist das erste Ferienwochenende in Teilen Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz: es gibt keinen Platz in der Herberge.
Nachdem wir fast zwei Stunden lang alle umliegenden Hotels angefahren und – wo möglich – angerufen haben, landen wir vor der „Käfighaltung“ einer Billig-Hotelkette. Und siehe da, nicht nur gibt es die vier Zimmer, die wir brauchen, die Frau an der Rezeption ist überwältigend freundlich und hilfsbereit.
Der Rest des Aufenthaltes, Vezelay, Fontenay und die Weingüter des Chablis, wurde trotz oder vielleicht auch wegen des AMO ein großer Erfolg.
Aber das ist dann wieder eine ganz andere Geschichte…

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