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Paonia zuhause

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Nach 4138 km und rechtschaffen müde.

Ein ganz großes Danke schön an alle, die diese Reise zu so einem schönen Ereignis gemacht haben.

Ganz besonders natürlich an meine Bruder, der so viel Zeit und Mühe investiert hat. Aber auch an Familie und Freunde, die mit uns geteilt haben, was ihnen Freude macht: ihre Lieblingsgegenden, ihre ganz speziellen Orte, ihre Lieblingsrestaurants, ihr Haus und ihren Garten. Danke auch für das Verständnis, dass man nach einigen dreieinhalbtausend Kilometern vielleicht doch lieber mit einem Aperol Spritz auf der Terrasse sitzen will anstatt sich barocke Deckenbilder anzuschauen. Würzburg wird genug Selbstbewusstsein haben, das zu verkraften und ich meinerseits habe genügend Vertrauen in Würzburg, dass es bis zu meinem nächsten Besuch bestehen bleiben wird.

Es war eine gute Reise mit vielen schönen Begegnungen und Erlebnissen. Gut, es gab den einen oder anderen Kilometer, der vielleicht nicht ganz so prickelnd war. Aber das passiert auf jeder Reise. Trotzdem muss ich sagen: tolles Land, da fahre ich ganz bestimmt noch mal hin.

So, und jetzt geh ich mal schauen, was Monsieur Feines für mich kocht.

Kleiner Nachtrag:

Vorspeise: Jakobsmuscheln auf wildem Spargel

Das fängt ja schon gut an…

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Freut sich  auch. Würde sich aber sicherlich noch mehr freuen, wenn ich ihr endlich den Napf füllen würde…

Unter Volldampf

 

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Mein Kilometerzähler zeigte heute Morgen 3182 gereiste Kilometer. Zeit, mal jemand anderen ans Steuer zu lassen. Und just wie der Zufall es wollte, fährt die Selketallinie der Harzer Schmalspurbahnen immer donnerstags unter Dampf.

Das alles erfuhr ich aus dem Internet, etwa 20 Minuten bevor besagter Zug losfahren sollte.

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Also war die Anfahrt zur Langsamfahrt schon mal etwas hektisch. Aber ganze drei Minuten vor der planmäßigen Abfahrt war ich auf dem Bahnsteig, zwar ohne Fahrkarte, aber immerhin pünktlich. Im Gegensatz zum Zug. Der stand zwar schon bereit, aber die beiden Lokführer wienerten und polierten noch liebevoll an der fast 80 Jahre alten Dampflok herum. Mit etwa zehn Minuten Verspätung hörten wir erst den Pfiff der Schaffnerin, dann den lauteren der Maschine und dann das mächtige Fauchen, mit dem die Räder sich in Bewegung setzten. Die Entdeckung der Langsamkeit führte über Gernrode nach Alexisbad, Endstation für diese Fahrt.

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In Alexisbad gab es eine Viertelstunde Pause, während die Maschine umgespannt wurde. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, wie es möglich sein sollte, die Maschine auf nur zwei Gleisen mit nur Weichen so zu rangieren, dass sie wenden und vor das jetzige Ende des Zuges gespannt werden könnte. Dieses Problem hatte der Zugführer nicht. Er entkoppelte die Maschine, fuhr über die Weiche und im Rückwärtsgang an uns vorbei. An der nächsten Weiche fuhr er vorwärts an das jetzige Ende des Zuges. Und den Rest der Fahrt fuhr die Lok rückwärts. Irgendwie fand ich das geschummelt.

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Auf der Rückfahrt Bilder von der Plattform aus am fahrenden Zug vorbei zu machen, war schwierig. In Alexisbad war eine 40köpfige Gruppe britischer „train spotter“ eingestiegen, die natürlich alle ihr „German railway adventure“ dokumentieren mussten.

In Gernrode hatte unsere Lok Feierabend und wurde erst zum „Entschlacken“ über eine Grube gefahren, dann noch mal liebevoll abgewischt und schließlich zum Mittagsschläfchen in den Lokschuppen gefahren.

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Eine Kollegin brachte uns zurück nach Quedlinburg.

 

Gernrode war für mich der Höhepunkt des Tages mit der Basilika St. Cyriakus. Dieses Juwel hat mich wirklich sprachlos gemacht. Von außen von kompromisslos romanischer, fast abweisender Strenge, ist die Kirche innen mit Sternenhimmel und ausgemalter Apsis ein Fest für die Augen. Außerdem hat sie im rechten Seitenflügel ein „Heiliges Grab“ mit reichem Bildschmuck. So etwas hatte ich noch nie gesehen. (Später habe ich nachgelesen, dass es davon nur 17 in ganz Deutschland gibt). Da man im Inneren der Kirche nicht fotografieren sollte, kann ich hier nur raten, sucht Euch Bilder dazu im Netz. Der Quedlinburger Dom, den ich am Abend noch – ohne Koreaner – besichtigte, konnte trotz seiner großen, schlichten Schönheit und seiner starken Ausstrahlung für mich nicht mithalten mit St. Cyriakus.

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Alles wird gut (Quedlinburg)

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Nein, es war keine Flucht, ganz ehrlich nicht. Eher so etwas wie ein geordneter Rückzug. Obwohl ich zugegebenermaßen die zweite Nacht in Schwedt storniert hatte, bevor die Zusage von Quedlinburg da war. Meine Große hatte nach ein paar Klicks herausgefunden, dass sie genauso gut von  Quedlinburg wie von Schwedt nach Berlin fahren konnte und beschloss spontan mitzukommen. Wunderbar!

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Quedlinburg ist eine wunderschöne Stadt und einer jener Orte, die einen dankbar machen für die Erfindung der digitalen Fotografie. Wir hätten sonst bestimmt schon auf den ersten hundert Metern unseren Film voll geknipst gehabt, so viele „Hast du das gesehen?“-Motive lagen vor uns. Häuser, zu denen sich die Entdeckung des rechten Winkels noch nicht herumgesprochen hatte. Fachwerk nicht nur in Schwarzweiß, sondern in vielen satten, matten Farbtönen. Elaborierte Schnitzereien an Querbalken, an denen die Jahrhunderte fast spurlos vorüber gegangen waren. Der Domplatz war gerade von einer Gruppe Koreaner erobert worden, sehr laut, sehr dominant, also haben wir den Dom auf ein anderes Mal verschoben. Das brachte uns dann auf kurzem Wege zum Finkenherd, wo wir zwar nicht Heinrich von Sachsen fanden, dafür aber Deutschland älteste Käsekuchenbäckerei. Himbeere-Rosenblätter? Cassis-Whisky? Mango-Chili? Birne-Schokolade? Es gab natürlich auch den ganz einfachen, klassischen Käsekuchen, der dann durch seinen Namen punktete: Nackedei.

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Beim Schlendern zum Marktplatz fiel uns immer wieder ein Kirchturm auf, der über die Dachspitzen lugte. Kupfergrünes spitzes Dach, umgeben von vier genauso kupfergrünen Minitürmchen. Zu dieser Kirche wollten wir. Aber wie auch immer wir den Stadtplan ausrichteten, keine der Kirchen, die wir besuchten, hatte diesen Turm.  Wir kamen auf den Marktplatz, Sinnbild bürgerlichen Reichtums und Selbstbewusstseins und standen vor einem Rätsel.  Zwei Häuser waren – gleich an Würdigkeit – Hier in äh , Quedlinburg, wo die Handlung steckt. Nebeneinander, Seite an Seite standen sie. Auf der einen Seite stand so etwas wie „Quedlinburg, Weltkulturerbestadt, Touristeninformation“. Auf der anderen Seite stand „Stadt Quedlinburg, die freundliche Touristeninformation“. Vor beiden standen die gleichen Aufsteller zu Stadtführungen, Harzbahnfahrten usw., usf. Wir haben dieses Rätsel lange kontempliert, aber nicht verstanden. Letztendlich sind wir in die eine gegangen, nicht die andere. Hätte aber genauso gut andersherum sein können.

Auf unserer Suche nach dem grün behüteten Geheimturm der Stadt  Quedlinburg kamen wir dann in die Neustadt. „Neu“ deshalb, weil sie „erst“ um 1200 gegründet worden ist. Zwischen den beiden Städten liegt ein Stückchen Land mit zwei Bächen, dass logischerweise „Zwischen den Städten“ heißt, wie auch sonst. Die beiden Enten, die auf dem Bächlein unterwegs waren, hatten ganz andere Probleme als „alt“ oder „neu“. Der Bach hatte so wenig Wasser, dass das mit dem Schwimmen nicht funktionierte. Statt mühelos übers Wasser zu gleiten, mussten sie immer wieder watschelnd von Pfütze zu Pfütze laufen. Irgendwann waren auch wir dann der Lauferei und Sucherei müde und traten den Heimweg an. Nur noch einen Abstecher zur Stadtmauer, die laut Plan dort einen Turm haben sollte. Tja, Bingo, Geheimnis gelüftet.

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Zum Abschluss schwebte meiner Großen vor, schön mit einem Glas Wein oder einem Aperol Spritz in einem Restaurant, einer Bar gemeinsam auf ihren Zug zu warten und den Tag ausklingen zu lassen. Aber alles, was Quedlinburg in Bahnhofsnähe zu bieten hatte, war eine etwas suspekt wirkende, nach Frittenfett riechende Imbissbude. Also gab es statt Aperitif in der Bar Mineralwasser auf dem Bahnsteig. Aber wie heißt es so schön: Für einen perfekten Abend ist nicht ausschlaggebend, was auf den Tellern, sondern was auf den Stühlen ist.

In diesem Sinne war es der gelungene Abschluss eines gelungenen Tages.

Dafür danke, Nationalpark Unteres Odertal.

Ende Gelände (Chorin – Schwedt)

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Irgendwie hatte ich von Anfang an kein gutes Gefühl. Wir fuhren auf Schwedt zu und suchten nach dem Grund unseres Abstechers an die polnische Grenze, dem Nationalpark Unteres Odertal. Die B 2 war deutlich stärker befahren als die Alleen der letzten Tage. Hauptsächlich von LKWs. Einer hinter dem anderen. Dazwischen eine Kranichfamilie mit zwei Jungtieren, die die Straße kreuzte. Dass Schwedt kein Ausbund an Schönheit sei, hatte man mir schon gesagt. Wie scheußlich der Anblick der Raffinerien wirklich ist, davon war nicht Rede. Und wo bitte schön sollte sich in all dem Europas größte Flussauenlandschaft verstecken?

Wir ließen Schwedt erstmal links liegen für Criewen und das Park-Besucherzentrum. Wegweiser führten uns über immer kleiner werdende Straßen zu einem Busparkplatz am Dings, am Ende der Welt. Draußen herrschten 30° gewittrige Schwüle, das Schloss war in der Ferne gerade auszumachen hinter Feldern und einer trostlosen LPG Anlage. War das wirklich ernst gemeint? Also kehrt gemacht und diesmal nicht den Schildern zum Besucherzentrum sondern zur Parkverwaltung gefolgt. Und siehe, wir kamen direkt zum Zentrum. Irgendwie hatte das Ganze meiner Laune keinen Gefallen getan, ich fühlte einen gewaltigen Reiseblues aufsteigen. Der kaum zu unterdrückende Impuls war: dein Auto ist voll getankt, fahr nach Hause. Als der Herr vom Besucherzentrum uns dann noch die gleiche Karte wie unser gestriges Hotel anbot, mit der Präzisierung: Kraniche? Nö, nicht hier und nicht jetzt, war ich fast bereit. Und dann kam noch so was wie: Flussauen, ja klar, aber doch nicht bei 30°. Ich hatte den Autoschlüssel schon in der Hand, als meine Tochter meinte: Du brauchst einen Kaffee.

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Nach dem Kaffee sah das Ganze immer noch nicht richtig überzeugend aus, aber ich war wenigstens bereit, dem Nationalpark Unteres Odertal eine Chance zu geben. Eine!

Um es kurz zu machen: er hat es vergeigt. Aber so was von vergeigt!

Dafür fanden wir den InterNationalpark Unteres Odertal, eher durch Zufall. Nachdem uns zwei Beobachtungspunkte auf deutscher Seite nicht wirklich vom Hocker gerissen hatten, kam die Idee auf: Lass uns doch mal auf der anderen Seite schauen. Und damit begann unsere Irrfahrt durch den polnischen Teils des InterNationalpark. Wir waren zugegebenermaßen nicht sehr gut ausgerüstet, nur mit dem Flyer von Criewen, der offensichtlich Landstraßen, Rad- und Wanderwege in der gleichen Farbe und Größe darstellte. Das Fahrradsymbol hätte vielleicht eine Warnung sein können. Was das Kanu in Bezug auf Befahrbarkeit hieß, haben wir dann doch verstanden.

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Auf der Suche nach einem eingezeichneten Beobachtungspunkt fuhren wir auf immer abenteuerlicheren Feldwegen an der Oder entlang, bis wir uns eingestehen mussten, dass es diesen Punkt entweder nicht gibt oder wir ihn schlicht und einfach übersehen hatten. Inzwischen war der Weg aber so eng geworden und so zugewachsen, dass Wenden nicht in Frage kam und wir eigentlich außer mühsamstem Zurücksetzen nur eine Option hatten: weiterfahren und hoffen, dass der Feldweg, den Karte und Navi beide zuversichtlich als solchen anzeigten, auch wirklich und tatsächlich zu einem Örtchen namens Marwice führen würde. Schlagloch reihte sich an Schlagloch, der Weg wurde immer schlimmer, Brombeerranken versuchten sich festzuhalten, wir fuhren in einer Sand- und Staubwolke und meine Laune wurde immer besser. Die Landschaft zur Oderseite war geprägt von Wiesen mit großen alten Bäumen, Flussarme zogen ins Land, von Poldern eingedämmt. Gelegentlich kreuzte eine Stromleitung unseren Weg, aber außer der Fahrspur gab es sonst kein Zeichen menschlichen Wirkens. Was haben wir uns gefreut, als – an unserem staubigen, sandigen Feldweg! – das Ortseingangsschild von Marwice und bald darauf die Kirche auftauchte.

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Mein Auto war komplett zugesaut, aber als wir hinter Gryfino über die West-Oder wieder nach Deutschland fuhren, tat es einen Donnerschlag und ein Sturzregen brach über uns herein. Dass der Nationalpark Unteres Odertal meinte, er müsse noch einen drauf setzen, mit wachteleiergroßen Hagelkörnern, hielt ich dann doch für völlig übertrieben.

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Wie gesagt, er hatte seine Chance, der Park, er hat’s vergeigt.

Damit nicht der Eindruck entsteht, ich würde hier nur negativ urteilen: die Kirche in Gartz war – trotz Gewitter – sehr beeindruckend und unser Hotel in Schwedt hat uns gut gefallen.

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Chorin

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Wir hatten ja schon einige Backsteinkirchen gesehen auf unserer Fahrt durch die nordöstlichen Bundesländer. Kirchen mit und ohne Westriegel, mit und ohne Rosetten, mit und ohne Bemalung im Inneren.

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Chorin war etwas ganz Besonderes. Die Kirche ist eine der größten, aber das macht nicht ihre Magie aus. Das Kloster liegt in einer weiten Au an einem See. Parkplätze sind etwas abseits, so dass man sich langsam, zu Fuß den Gebäuden nähert, fast wie ein Pilger. Zugang gibt es nur an einer Stelle, so dass man das Kloster umrunden muss und an verschiedenen Toren nur einen kurzen Blick aufs Innere erhält. Hat man dann im Besucherzentrum seinen Obulus entrichtet, wird man entlassen auf eine große Wiese, parkähnlich durch alte Bäume. Links liegt die Klosteranlage, rechts die alten Stallungen, heute u.a. ein Café.

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Es war sehr heiß an diesem Tage, die Tische im Schatten der großen Bäume einladend, das Kuchenangebot ebenfalls. Und so überließen wir uns dem Zauber des Augenblicks, genossen Sonne, Wind, das sanfte Rauschen der Bäume in der Stille der mittäglichen Hitze.  Und waren uns dabei immer der dominanten und doch beruhigende Präsenz der Kirche im Hintergrund bewusst.

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Irgendwann konnten wir uns losreißen und durch den Kreuzgang zur Kirche gehen. Chorin steht, ja, aber eben nicht in ihrer alten Form. In der Reformation säkularisiert, landwirtschaftlich und als Steinbruch genutzt, wurde es im 19. Jhd.  von Schinkel „gerettet“. Aber da hatte die Kirche schon die Seitenschiffwand verloren. Und das ist es, was Chorin für mich so faszinierend macht: man sieht von Außen auf der ganzen Breite in das Gebäude, hat fast die Aufrisszeichnung einer gotischen Kirche, schaut hinein in den Wald der Säulen von Mittel- und Seitenschiff (die Gewölbe sind fast alle zerstört). Von innen hat man einen Sakralbau, der von Lichtheit und Leichtigkeit lebt.

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Der von Schinkel zum Schutz gesetzte Dachstuhl stört etwas, aber nicht so sehr wie die Plastikbestuhlung für ein geplantes Konzert.

Chorin war für mich ein ganz besonderes Erlebnis.

 

Dass Angermünde dann noch einen weiteren Höhepunkt zu bieten hatte, hatten wir gar nicht erwartet. Es war mehr ein „Lass uns doch noch ein schönes Café suchen“ – Halt. Der Marktplatz ist recht hübsch, durchaus einen Stopp, wenn auch nicht unbedingt einen Umweg wert.

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Die Marienkirche konnte dann mit etwas ganz Besonderen aufwarten. Von außen ein eher abweisender Bau mit mächtigem – ja, richtig – Westriegel ist sie innen von verspielter Farbigkeit. Aber wirklich ungewöhnlich sind Öffnungen in den Mauern, unter den Gewölben, fast wie Wasserspeier.

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Die Tonrohre sind in Fabelwesen eingefügt, getarnt. Das seien so genannte Drôlerien, erklärte uns der Pfarrer, den wir vor der Kirche trafen. Die Rohre dienten der Be- und Entlüftung des Dachstuhles und würden somit Kondenswasserbildung und Bauschäden vorbeugen.

Wieder was gelernt!

3685 Meter über dem Meeresspiegel (Schiffshebewerk Niederfinow)

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Gelegentlich spinnt mein Navi. Dann dreht es sich um sich selbst und verliert die Orientierung. Auf dem Weg zum Schiffshebewerk in Niederfinow fing es in Eberswalde an. Mitten in der Stadt zeigte es uns, dass wir durch blühende Landschaften, Wiesen und Wälder fahren würden. Kein Grund zur Panik, der Weg war gut ausgeschildert, und dass mein Navi querbeet durch die Pampa fuhr, nicht weiter beunruhigend. Das wurde es erst, als es uns anzeigte, dass wir uns auf 1200 m Höhe befänden und rasant auf 2500 m zuhielten. In Brandenburg. In der Uckermark. 3600 m waren dann schnell erreicht und als bei 3685 Meter über dem Meeresspiegel die Sauerstoffmasken aus der Decke fielen, machte ich mir doch langsam Sorgen. Nicht um mich, nein, um die Bewohner der Geisterstadt, durch die wir laut Navi gerade fuhren. Und das natürlich auch nicht auf den wenigen eingezeichneten Straßen sondern wieder querbeet durch die Wohn- und Schlafzimmer der Stadt. Auch welcher Fluss auf dieser Höhe wohl genug Verkehr für die Notwendigkeit eines Schiffshebewerkes anziehen sollte, kümmerte mein Navi wenig. Das einzig Positive daran: es war so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass es uns nicht ständig mit „Bitte wenden“-Meldungen nervte.

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Komischerweise schien es während seines Aufenthaltes auf dem Parkplatz eine Menge über Land & Leute gelernt zu haben, vielleicht von den Navis der anderen Autos, denn danach führte es uns problemlos nach Chorin.

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Das Schiffshebewerk Niederfinow war eine überraschende Begegnung. Gebaut in den 1910ern bis 1930ern wirkt der Stahlkoloss mit 60m Höhe und fast 100 m Länge durch seine Trägerkonstruktion fast filigran. Das neben ihm erbaute neue Hebewerk hat mit seinen Betonblöcken, der Mechanik in Blau und Gelb eine ganz eigene Ästhetik entwickelt. Es soll – eigentlich 2013, aber sicher vor der Fertigstellung von BER, wie uns ein Mitarbeiter versicherte – das alte Hebewerk ablösen und den Kanal auch für breite Containerschiffe wieder befahrbar machen.

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Die Konstruktionsdetails, alte Fotos von der Großbaustelle, das schiere Ausmaß des Unterfangens sind ja schon beeindruckend. Aber was ich wirklich imponierend finde, sind die Menschen, die hinter der Idee stecken. Die Menschen, die in ihrem Kopf erst ein Mal diese Idee hatten und sich dann hinsetzten, rechneten, überlegten, planten, noch mal rechneten, bis der Entwurf für dieses Denkmal der Ingenieurskunst so ausgereift war, dass er vorgelegt werden konnte.

Partnerwechsel (Königs Wusterhausen – Chorin)

Wir haben uns getrennt. Es ging nicht anders. Und ich habe schon wieder was Neues.

Um den Trennungsschmerz etwas zu lindern, gab es Sonntagmorgen ein tolles Frühstück bei unseren Freunde, das mit der Unterbrechung eines kurzen Verdauungsspazierganges bis in den frühen Nachmittag andauerte.

Dann wurde es Zeit, Monsieur nach Hause zu schicken. Das hieß, da das mit BER in näherer Zukunft wohl nix wird, Schönefeld. Unterwegs holten wir unsere Älteste als neue Reisepartnerin ab.

Da der Verkehrsfunk vor Staus auf den Autobahnen warnte, ließen wir uns vom Navi durch die Berliner Vororte lotsen, durch Bezirke, die meine Älteste selbst nach fast fünf Jahren Berlin noch nicht kannte. Danach ging es über Brandenburgische Landstraßen bis nach Merkel-Country. Im Zuckeltempo. Unser Freund hatte gestern für uns das Rätsel der Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Landstraßen gelöst. Es war uns schon aufgefallen, dass auf schnurgeraden, gut ausgebauten Chausseen fast immer Tempo 70 ist, eingeleitet von einem Schild, dass einen Zusammenstoß Auto-Baum zeigt. Die Logik dahinter ist folgende: Alleebäume sind bösartige Raubtiere, die meist nachts aus dem Hinterhalt harmlose Autofahrer anspringen. Dies aber nur, wenn sich das Beutetier mit mehr als 70km/h bewegt. Woran das liegt, erforscht die Biologie noch.

Zwei Wege gibt es, um die Killerbäume an ihrem Treiben zu verhindern. Die erste besteht darin, dass man Leitplanken baut. Das hindert die Bäume daran, plötzlich auf die Fahrbahn zu springen. Kostet aber Geld. Die einfachere Lösung ist dann, die Geschwindigkeit der Beutetiere zu senken.

So kommen wir in gemütlichem Tempo bis nach Chorin, wo ich uns ein kleines Appartement gemietet habe. Das Appartement bietet eine positive und eine negative Überraschung. Es ist erstens deutlich größer als erwartet. Dafür liegt es im vierten Stock, enge steile Treppe, kein Aufzug. Zum Glück ist nicht meine Faulheit sondern eine Sportverletzung meiner Tochter der Grund, weshalb wir um ein anderes, ebenerdiges Appartement bitten.

Wir erhalten ein niedliches kleines Häuschen neben dem Haupthaus, keine Treppen.

Dass wir, nun ja ich, am nächsten Morgen ein anderes Appartement wollen, liegt nicht daran, dass ich eine notorische Nörglerin bin, nein, es ist die dicke fette schwarze Spinne im Wohnraum.

Dieses Problem wird zum Glück vom Personal gelöst, ohne dass ein weiterer Zimmerwechsel notwendig wird.