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Warum nach Osaka schweifen?

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Unser Flieger geht recht früh, von Kyoto braucht man fast zwei Stunden bis zum Flughafen, gute Gründe, ein Hotel zu suchen, dessen Verhältnis von Preis zu Flughafennähe im vernünftigen Rahmen ist. Damit stellt sich natürlich die Frage, wo wir unseren letzten Tag verbringen. Monsieur kennt Osaka und erzählt von einer Brauerei aus schwarzem Marmor und einer Burg, die in den 1930ern komplett aus Beton neu erbaut wurde. Ich schaue mir im Internet Seiten mit „Osaka walks“ an und finde nichts, was mich wirklich fasziniert. Also sagen wir uns: „Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.“ In unserem Fall direkt hinter dem Bauzaun. Fast jeden zweiten Abend sind wir zu Fuß durch Gion nach Hause gelaufen. Vorbei am Schweinetempel, durch den Park des Kennin-ji Tempels und dann am Zaun einer „Keine Ahnung, was das mal wird, auf jeden Fall etwas Großes“-Baustelle entlang durch das Gewusel der Gassen zu unserem Ryokan. Zeit, das mal bei Tageslicht aus der Nähe zu betrachten. Der Schweinetempel wirkte im Dunkeln immer ein bisschen unheimlich mit seiner Doppelreihe zahnbewehrter Eber. Ganz besonders an dem Shabu-Shabu-Abend, an dem ich mir nur zu bewusst war, gerade nahe Verwandte der heiligen Tiere verspeist zu haben. Bei Tageslicht verliert sich das. Der Tempel ist einer indischen Göttin geweiht, die auf einem Eber reitet. Wenn man bedenkt, wie weit Japan von Indien entfernt ist und dass das Chinesische Meer dazwischen liegt, eine tolle Leistung. Die Eber sind auch im Hellen beeindruckend, die Votivschweine dann aber doch sehr japanisch-Hello-Kitty-niedlich.

Daneben liegt der Ebisu Schrein. Während Monsieur noch ein bisschen herumfotografiert, setze ich mich auf eine Bank unter das Torii und bewundere den pragmatischen Ansatz zu Religion. Es stehen mehrere Götterstatuen um mich herum. Mein spontaner Liebling ist ein dicker lachender Gott mit Angelrute und einem fetten Karpfen unter dem Arm. Vor jeder der Statuen steht ein Pfahl mit einem Vogelhäuschen. Nur, dass hier das Einflugloch ein schmaler Schlitz zum Geld Einwerfen ist. Hoch oben in der Mitte des Torii ist ein lachendes Göttergesicht mit weit vorspringender Unterlippe. Auf der Lippe liegen viele Münzen. Anscheinend bringt es Glück, die Lippe zu treffen. Weil das aber auch sehr schwierig ist, hat man – ihr erinnert Euch? Glück und optimale Rahmenbedingungen? – ein basketballähnliches Netz unter der Lippe angebracht, mit feinen Maschen. Gut, die kleinen 1-Yen-Münzen fallen sicher durch die Maschen, aber die 500er bestimmt nicht. Während ich so da sitze, fährt ein Taxi vor. Eine junge Frau steigt aus, geht an der Reihe der Statuen entlang, klatscht vor jeder zwei Mal in die Hände, verneigt sich und wirft eine Münze ein. Dann stellt sie sich vor das Torii, trifft mit bewundernswerter Genauigkeit, dreht sich zum Ausgang und steigt in ihr Taxi.

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Wir ziehen zu Fuß weiter zum Kennin-ji. Schuhe aus, Geldbeutel raus. Im Gebäude hinter dem Eingang sieht man drei schwarz verkohlte Wächter-Statuen. Alle Bemalung ist weg gebrannt, nur das Weiße der Augen erhalten. Sie wirken dadurch grausam entstellt, aber auch auf eine seltsame Art und Weise nur noch entschlossener ihrer Wächter-Aufgabe nachzukommen. Kennin-ji wurde um 1200 herum auf kaiserlichen Wunsch von chinesischen Mönchen gegründet, was andere Tempel natürlich mit Argwohn sahen. Als kurz darauf ein Brand weite Teile Kyotos zerstörte, wurde das Gerücht laut, die weit wehenden chinesischen Gewänder hätten das Feuer entfacht. Der Abt, aufgeklärter als seine Zeitgenossen, soll nur lakonisch bemerkt haben: „Wenn ihr uns so viel Macht zutraut, solltet ihr uns respektvoller behandeln.“

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Im Wohntrakt geht es deutlich friedlicher zu. Die Wände sind geschmückt mit exquisiten Tuschezeichnungen. Man sieht die sieben Weisen, aber auch spielende Kinder. Berühmt ist der Tempel für seinen Wandschirm mit dem Donner- und dem Windgott. Der Donnergott wirkt, als sei er eben auf einen Blitz getreten und hätte sich die Füße verbrannt und der Windgott scheint gerade Paragliding zu erfinden. Meine Lieblinge aber sind die beiden Drachen im Empfangsraum. Über zwei Wände tollen sie vergnügt herum. Der eine scheint schon älter zu sein, es wachsen ihm storksige Haare aus der Nase, ein Phänomen, dass man ja auch bei älter werdenden Herren beobachten kann. Ihr Gesichtsausdruck ist so richtig verschmitzt. Und auch wenn mich die Frage beschäftigt, was passiert, wenn einer der beiden mal unerwartet niesen muss – Fackelt er dann die Bude ab? -, so ist der Gesamteindruck doch, dass wir hier nicht nur vor Glücksdrachen, sondern vor wahrhaft glücklichen Drachen stehen.

Weiter geht es durch den Garten, erst ein kurzes meditatives Hinsetzen auf den Terrassenplanken vor dem Steingarten. Angeblich brachten die Mönche auch die erste Teepflanze mit nach Japan und Teebüsche sind gut vertreten. Schließlich werden wir am Ende der Holzterrasse aufgefordert, unsere bestrumpften Füße für den weiteren Weg in Plastikschläppchen zu stecken. Die Schuhe sind für japanische Füße ausgelegt, was die nächsten zwanzig Minuten etwas unkomfortabel machen. Der Weg zu den „Drachenzwillingen“ ist aber auch sehr eigenwillig. Das berühmte Deckengemälde ist in der Haupthalle, einige hundert Meter vom Wohntrakt entfernt. Dazwischen läuft der öffentliche Weg durch den Tempelpark. Also führt ein rechts und links umzäunter Pfad bis zur Kreuzung mit dem Weg. Dort steht neben Eintrittverbotenschildern und einer Anweisung, wie man einen Torhüter herbeiruft, ein uniformierter Herr, der uns das Gartentörchen öffnet, es sofort hinter uns wieder schließt, mit uns die drei Schritte über den Steinplattenweg geht und auf der anderen Seite das gleiche Spielchen wiederholt. In der Haupthalle gibt es einen großen Buddha, aber alle Augen sind nach oben gerichtet. In luftiger Höhe tummeln sich die Drachenzwillinge, sehr schön, sehr dynamisch, aber keine Konkurrenz zu meinen Lieblingsdrachen. Das Gemälde ist recht neu, der Tempel hat es sich 2002 zum 800sten Geburtstag geleistet. Der Künstler hat zwei Jahre lang in einer Turnhalle an der Fertigstellung gearbeitet. Wahrscheinlich waren Schüler und Artist gleichermaßen froh, als es vollendet war.

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Auf dem Rückweg stehen wir wieder vor dem Gartentörchen, aber der Herr ist nicht zu sehen. Weil wir aber gut aufgepasst haben, können wir uns ganz alleine durch die zwei Tore schleusen.

Zum Abschluss hatten wir uns überlegt, im Dachrestaurant eines der Shoppingpaläste in der großen Einkaufsstraße essen zu gehen, ein letzter Blick auf Kyoto und so. Aus Essen zu gehen ist mit diversen Entscheidungen verbunden. Man kann zwischen verschiedenen Kategorien (MacDo und ähnliches jetzt mal außen vor) wählen. Die preiswerteste Variante sind die Nudelshops, wo du für unter zehn Euro eine Schale Nudeln in Brühe bekommst, belegt mit den Zutaten deiner Wahl. Sehr lecker, sehr sättigend, hoher Einsau-Faktor. Eine etwas teurere Alternative sind einfache Restaurants, die für 15 – 40 Euro ein Tablett mit einem Hauptgericht und vielen kleinen Schälchen mit Reis, Gemüse, Mixed Pickles und Miso-Suppe servieren. Auch sehr lecker, sehr sättigend und ästhetisch ein Genuss. Die „richtigen“ Restaurants fangen dann bei 70, 80 Euro für das Menü an. Gut, das zahlt man in Frankreich so auch, aber da wählt man dann selber aus, was man essen möchte. Hier kommt Teller nach Teller aus der Küche, bis der Gast abwinkt. Und dabei sind dann Gerichte wie geschmorte Seegurke, Stinke-Tofu oder jene vergorenen roten Bohnen, die beim Hochnehmen mit den Stäbchen schleimig-glänzende Fäden ziehen. Bei aller Offenheit für kulinarische Abenteuer, das sind gastronomische Grenzerfahrungen, die ich in dem Rahmen nicht brauche.

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Bei den einfacheren Lokalen gibt es immer im Fenster Plastikmodelle der Gerichte, also etwa Schalen voll Plastiknudeln, belegt mit Plastikfleischscheiben. Oder Bentoboxen gefüllt mit Reihe um Reihe bunter Plastiksushi. Wahrscheinlich ist Plastiksushi-Designer ein hoch geachteter Beruf in Japan. Unser Lokal hat ein ganzes Schaufenster mit solch farbenfrohen Plastik-Menüs. Wir wählen aus, indem wir mit dem Kellner vor die Tür gehen und zeigen, was wir möchten und erhalten erstmal einen Becher Soba-Tee. Der Tee ist angenehm kühl und schmeckt leicht nach Rauch. Beim Herausgehen sehen wir eine Vitrine mit diesem „Tee“. Es handelt sich dabei tatsächlich um zerbröselte, schwarz geröstete Soba-Nudeln. So gibt es am letzten Tag noch eine Premiere: Tee aus angebrannten Nudeln. Auf die Idee muss man auch erst mal kommen.

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Ein Taxi bringt uns und unser Gepäck schließlich zum Bahnhof, wo wir in der richtigen Schlange am richtigen Schalter Tickets zum Kansai-Airport verlangen. Gegen die Vorlage des Passes erhalten wir ein Ausländer-Tagesticket, etwa 30% günstiger als eine normale Fahrkarte. Der „Haruka limited express train“ fährt in 75 Minuten zum Flughafen. Das limited bezieht sich sicher auf die Geschwindigkeit, denn richtig schnell wird der Express nicht. Im Flughafenbahnhof wechseln wir nur auf die andere Seite des Bahnsteigs und fahren mit der U-Bahn gerade über den Damm zum Festland zurück und sind schon am Hotel. Viel unkomplizierter, als erst mit Zug nach Osaka und dann irgendwie per Bus und Bahn nach Rinku zu kommen. Das Hotel ist  eher zweckmäßig als schön, aber mit eigenem Bad im Zimmer und Meer und mehr vor dem Fenster. Am nächsten Morgen steht das Airport -Shuttle des Hotels pünktlich vor der Tür. Und dann heißt es Sayonara, Japan und 14 Stunden später Bonjour, Genève.

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Im Vordergrund der Damm – unten Schienen, oben Straße, der den Airport – im Hintergrund – mit dem Festland verbindet

Toji und Nijo

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Nein, das ist keine romantische Liebesgeschichte zwischen einer Geisha und einem Samurai, sondern zwei Premieren für uns in Kyoto.

Heute Morgen haben wir mal etwas ganz Verrücktes gemacht: statt links mit der 206 zu fahren, steigen wir rechts in die 207. Ja, so sind wir manchmal, sprühend vor Abenteuerlust! Die 207 soll uns zum Toji-Tempel mit Kyotos größter Pagode bringen. Einen Tempel, den wir noch nicht kennen und der außerdem zum UNESCO-Weltkultur-Erbe gehört, zwei sehr gute Gründe. Und wieder fährt der Bus einen Bahnhof an, aber diesmal müssen nicht wir den Bus wechseln, der Fahrer wechselt. Dazu steigt er erst aus seinem erhöhten Sitz, tritt in den Gang, nimmt seine Mütze ab und verbeugt sich mit einem „arigatou gozaimasu“ formvollendet. Dann setzt er in der Kehrtwendung die Mütze wieder auf und verlässt den Bus. Sein Kollege ist deutlich muffeliger, der nickt uns nur zu, schiebt sein Namensschild an den Sitz und fährt dann los. Jeder Busfahrer bedankt sich beim Gast beim Aussteigen. Doch da gibt es große Unterschiede: vom gelangweilten zum frisch fröhlichen „arigatou gozaimasu“ bis hin zu dem, den ich „den sterbenden Schwan“ taufte, weil er jedes Mal die letzte Silbe mas (das u ist stumm) wie seinen letzten Atemzug aushauchte. Die Höflichkeit endet aber, wenn du versuchst, am Vordereingang ein- oder am Hintereingang auszusteigen. Der Bus war so rappelvoll, dass wir, nachdem wir uns mit Müh und Not am Hintereingang hineingequetscht hatten, eh keine Chance gehabt hätten, uns nach vorne zu arbeiten. Wir sind dann hinten ausgestiegen, haben aber höflichkeitshalber von außen mit unserer Tageskarte beweisen wollen, dass wir keine Schwarzfahrer sind. Wild gestikulierend wollte der Fahrer uns tatsächlich wieder einsteigen machen, hinten natürlich, um uns ordnungsgemäß vorne aussteigen zu lassen. Zum Glück haben wir ihn nicht verstanden.

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Die 207 bringt uns also zum Toji-Tempel, wir verlassen – „arigatou gozaimasu“ – den Bus und stehen vor den Außenmauern des Tempelbezirks. Toji ist einer der ältesten Tempel Kyotos, ursprünglich um 800 zum ersten Mal gebaut, immer wieder abgebrannt und in seiner heutigen Form um 1600 errichtet. In den beiden Hallen stehen uralte Buddhastatuen. Die erste ist ein heilender Buddha, seine Finger zu einem bestimmten Mudra zusammengelegt. Ihn umgeben seine zehn Generäle, furchteinflößende Gesellen. Während Buddha mit seiner allumfassenden Liebe die Menschen heilen und ins westliche Paradies führen will, bekämpfen die Generäle das in der Welt existierende Böse. In der zweiten Halle sitzt Buddha auf einem Thron, der von den Generälen getragen wird. Aber der eigentliche „Star“, wenn man das so nennen darf, ist die Architektur der Hallen (die man leider nicht von innen fotografieren darf). Mächtige Stämme tragen ein Dachgebälk, das an keiner Stelle fest verbunden ist. Alle Balken lagern in schienenartigen „Schuhen“, die es dem Gebälk ermöglicht, sich bei Erdbeben zu bewegen ohne zu brechen. Auch ein Teil der Wände ist so zusammengefügt, dass das Holz sich bewegen kann. Nur im unteren Teil der über 50 Meter hohen Pagode, die neben den Hallen steht, halten Metallnägel und Metallbänder die Säulen vom Scheren ab. Wer schon einmal ein IKEA-Regal aufgebaut hat, weiß, was ich meine.

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Hinter der Pagode, sozusagen auf der den Touristen abgewandten „schäl sick“ steht eine meterhohe Wasserkanone. Während die Holzkonstruktionen weitgehend erdbebensicher sind, ist Feuer ihr größter Feind. Und die Religion bzw. das animistische Denken. In Nara haben wir Tempel gesehen, deren strohgedeckte Dächer auf beiden Seiten in großen metallnen Delfinflossen endeten. Der Gedanke war natürlich der, dass der Delfin für das Element Wasser steht, das wiederum das Dach vor Blitzen und dem dadurch entstehenden Feuer schützen soll. Inzwischen werden diese animistischen durch moderne Blitzableiter ergänzt. Bei der Pagode des Toji ist das Potential gegeben durch die hohe schmale Metallspitze, die man auf das höchste Gebäude der Umgebung gesetzt hat.

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Nach dem Tempel spielen wir Wusterwitz in Japan. Wir steigen eine Station zu früh aus und dann zwar in die richtige Buslinie,  aber in der falschen Richtung. Dauert zwei Stationen, bis wir das merken und das Umsteigespiel umgekehrt spielen. Im Gegensatz zu Wusterwitz fahren die Busse in Kyoto aber im Fünfminutentakt. Vor dem Nijo-jo, der Shogun-Burg Kyotos steigen wir aus, um festzustellen, dass ein Teil der beeindruckenden Zyklopenmauer eingerüstet ist. Wie etwa auch zwei Drittel der Tempel. Es ist Sonntag und die Arbeit ruht, aber der Baustaub liegt überall. Wir bezahlen unseren Eintritt und erfahren erst hinter der Kasse, dass die eigentliche Shogun-Burg im innersten Teil geschlossen ist. Hmm, fängt schon gut an. Dann verschluckt das Fach für unsere Rucksäcke 300 Yen, was wir aber erst richtig verstehen, als das Geld beim Drehen des Schlüssels mit lauten Klingeln irgendwohin verschwindet, von wo es bei Schlüsselrückgabe sicher nicht wieder auftauchen wird. Hmmm. Wir kommen zum einzig zugänglichen Gebäude, dem Verwaltungs- und Repräsentationstrakt der Burg. Schuhe aus, Regalfachnummer merken und los geht es.

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Über Holzstege und Tatami-Matten werden wir an den Räumen vorbeigeführt, in denen der Shogun seine Gäste empfing oder mit seinen Ministern tagte. Die Räume sind mit exquisiten Wandbemalungen ausgestattet. Auf Blattgold-Grund ziehen sich mächtige Pinienzweige, Kraniche schreiten und Tiger trinken an Bächen. Die Tiger sind eher putzig als furchteinflößend. Man bekommt den Eindruck, der Maler hatte noch nie einen echten Tiger gesehen, kannte aber jemanden, der jemanden kannte, der schon einmal etwas von einem Tiger erzählt bekommen hatte. Ich mag diese Art Bilder sehr, nur leider ist es hier so, dass man die Räume nicht betreten darf, was ja noch angeht. Um das aber sicherzustellen, sind die Schiebetüren durch schräg gestellte Glasfenster ersetzt worden. Die vom angesammelten Baustaub halb blind sind. Hmmmmm. Vor jedem Raum steht ein Kasten mit einem Knopf. Berührt man den Knopf, plärrt eine Stimme los, die wahrscheinlich auf Japanisch Erklärungen gibt. Dumm nur, dass die meisten japanischen Besucher reflexhaft auf den Knopf hauen, um sofort achtlos weiterzugehen. Nach einer knappen halben Stunde stehen wir wieder vor dem Ausgang und müssen uns an unsere Schuhregalnummer erinnern. Das ist jetzt nicht so das unvergessliche Shogun-Samurai-Romantik-Erlebnis gewesen.

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Weiter geht es durch einen Garten zum inneren Teil der Burg. Eine Brücke führt über den Burggraben und wir stehen vor acht Meter breiten Verteidigungsmauern, erbaut aus riesigen Felsblöcken. Wir bewundern die hohen, mit Kupferplatten gepanzerten Tore und dann wundern wir uns noch mehr. Denn wir stehen nicht – wie bei den Rheinburgen etwa – in einem engen, von hohen Mauern umgebenen Hof, sondern in einem japanischen Garten. Ich habe das Gefühl, dass der Shogun sich gesagt hat: Nur weil ich hier eine Verteidigungsanlage hinsetzte, muss ich ja noch lange nicht meine ästhetischen Ansprüche herunterschrauben.

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Einzig die Tatsache, dass die Gärten in Treppenstufen enden, die das schnelle Erklimmen und Bemannen der Burgmauern ermöglichen, weist auf diesen Zweck hin. Wir spazieren durch die Gärten, bewundern Wasserfälle und Teiche und die Weitsicht der Stadt Kyoto, die neben Sanitäranlagen auch Abkühlräume zur Verfügung stellt. Da man ja die Privatgemächer des Shogun nicht besichtigen darf, gönnen wir uns eine Pause in seinem Teehaus.

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Monsieur war inzwischen vier Mal in Kyoto, ich das zweite Mal. Falls wir noch einmal hierhin kommen sollte, wird Nijo-jo sicher nicht auf unsere to-do-Liste stehen.

Aber eins muss ich zugeben: das Matcha-Eis, das war wirklich sehr gut.

 

 

Vom Streben nach Glück und Vollkommenheit

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Der Mensch soll nach Glück und Vollkommenheit streben. Das haben wir in mehreren Tempeln immer wieder gelernt. Das mit dem Streben nach Vollkommenheit finde ich jetzt ein bisschen ungeschickt. Ich hatte nämlich gerade angefangen, mich mit  meinen Unvollkommenheiten zu versöhnen. Und da finde ich es wie gesagt etwas ungeschickt, diese gerade aufkeimende Beziehung durch das Streben nach Vollkommenheit wieder zu sabotieren. Verschieben wir das mal auf später, ja?

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Und das Streben nach Glück? Das halte ich auch irgendwie für kontraproduktiv. Glück – oder besser: glückliche Momente – kommen doch eher überraschend und unerwartet. Bei mir jedenfalls. So wie heute Nachmittag. Und wie bei jeder ernsthafte Lehre ist der Weg dahin langwierig und mühsam. Was vor allen Dingen daran liegt, dass die gute alte Linie 206 dauernd stecken bleibt. Monsieur hat Samstagmorgen noch eine Abschlussveranstaltung an der Uni Kyoto, also hole ich ihn dort ab und wir gehen ein letztes Mal in dem kleinen Fischladen essen, das Dritte von links. Das Dritte von rechts hatte uns doch nicht so gut geschmeckt. Danach geht es mit der 206 weiter, geradewegs bis zu unserem Ziel, einmal halb um Kyoto herum.  Denken wir. Und dann fährt die 206 in den Kitaoji-Busbahnhof und alle steigen aus, außer uns natürlich, denn wir wollen ja noch weiter. Schließlich scheucht uns der Busfahrer aus dem Bus, in das Terminal, wo wir uns vor einer Tür mit der Aufschrift 206 anstellen. Mit der nächsten 206 geht es weiter. Verstanden haben wir das nicht, ist aber auch nicht unbedingt notwendig.

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Ein bisschen nachgeholfen habe ich dem Glück natürlich, aber das würde ich nicht als Streben bezeichnen, eher als „optimale Rahmenbedingungen schaffen“. Daitoku-ji ist ein großer Tempelbezirk, der an einen riesigen Park erinnert. Um drei große Hallen gruppieren sich ein gutes Dutzend kleinere Tempel, ein jeder mit seinem eigenen Garten, vier davon sind der Öffentlichkeit zugänglich. Vor meinem inneren Auge standen noch Bilder von kühlem Schatten, wandeln unter Bäumen, Ruhe und Schönheit, alles sicher geeignet, der schwülen Hitze und den Menschenmassen Kyotos zu entfliehen. Daisen-in (und der weiter entfernt liegende Ryoanji) ist einer der Gründe, weshalb ich zu Hause anderthalb laufende Meter zu japanischer Gartenarchitektur im Regal stehen habe.

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Der Steingarten strahlt eine wunderbare Ruhe aus. Allerdings ist der Tempel sehr aktiv, auch was das Funding angeht. Man kann Tee kaufen, Broschüren, Bücher zum Garten. Man kann Zen-Meditationskurse buchen – auf Japanisch – und man kann gegen eine kleine Spende seinen Namen auf einen Zettel schreiben. Bei der nächsten Andacht wird ein Mönch dann für deine Gesundheit beten. Dass man diese Zettel nach Blutgruppen geordnet in Boxen einwerfen sollte, finden wir dann doch ein bisschen seltsam. Als wir  vor einer abgesperrten Halle stehen, kommt ein Führer mit einer japanischen Familie, öffnet die Sperre und winkt uns gleich mit durch. Vor Kalligraphie-Rollen gibt er seine Erklärungen und reicht uns ein Blatt mit englischen Übersetzungen. Zum Schluss bekommt jeder einen Zettel mit einer Meditationsanleitung. Darauf stehen drei Fragen:

Wer bin ich?

Wohin gehe ich?

Woher kommt das Universum?

Monsieur meditiert den Zettel und meint dann: „Zumindest auf die letzte Frage kann die Physik inzwischen eine ziemlich gute Antwort geben.“

Wir schlendern von Garten zu Garten, bei jedem das gleiche Ritual: Schuhe aus und Eintritt bezahlen. Bei 500 Yen pro Garten und Person läppert sich das ganz schön zusammen. Es ist inzwischen auch hier sehr heiß und drückend und wir überlegen, ob wir uns den letzten Tempel, Koto-in, schenken sollen. Haben wir dann nicht getan. Zum Glück, wortwörtlich. Denn als wir durch das Tor treten, liegt da schon so etwas in der Luft. Rechts und links meterhohe Bambusstämme in silbrigem Blaugrün, die Blätter in der Sonne flirrend, vor uns ein moosbedeckter Pfad. Die Wege zum Tempelgarten führen immer dreimal um die Ecke, Sinnbild des „Hinter-sich-Lassens-der-äußeren-Welt“. Und nach der zweite Biegung ist er da: dieser kurze Moment reinen unbeschwerten Glücklichseins auf dem uralten Weg im Bambushain.

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Dass der Garten dahinter dann damit nicht standhalten kann, kommt nicht unerwartet und ist auch nicht weiter schlimm. Er ist wunderschön, der Garten, kein Zweifel. Große Bäume, sorgfältig gepflanzt, sorgfältig geschnitten, um den Eindruck reiner natürlicher Zufälligkeit zu erwecken, legen den Garten in tiefen Schatten. Steinplatten führen auf verschlungenen Pfaden zu Teehäusern. Wasser tropft aus Bambusrohren in moosbedeckte Wasserbecken, Steinlaternen stehen am Weg. Ein Traum von einem japanischen Garten. Aber dann auch nicht mehr.

Auf dem Rückweg trippeln zwei Japanerinnen in Kimonos vor uns über den verwunschenen Weg. Auch sehr schön, aber auch nicht mehr.

Dass wir am Abend in drei Restaurants nach einem Blick auf unsere Gesichter mit „Alles reserviert“ oder „Geschlossen!“ abgewiesen werden, gehört auch zu diesem Tag. Dafür kommen wir dann auf dem Rückweg von einem kleinen Nudelshop, der uns als Gäste haben wollte, an einem Geschäft mit „Antique kimonos“ vorbei. Einer gehört jetzt mir.

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Fushimi Inari Schrein

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Die Shinto-Kami Inari ist die Göttin der Fruchtbarkeit, des Reises und der guten Geschäfte. Ihre Seelentiere sind die Füchse. Deshalb stehen am Eingang zum Fushimi Inari Schrein zwei übermannsgroße Füchse. Der eine hat eine Kugel im Maul, der andere ein Bündel Reisähren und beide grinsen äußerst spitzbübisch vergnügt. Warum das so ist, sieht man ein paar Schritte weiter bei den Devotionalienständen. Der kleinste Glücksbringer, ein hübsch stilisierter Fuchskopf, kostet schon 500 Yen. So einen zu kaufen, war ich beauftragt worden. Unsere Älteste, vor ein paar Monaten selbst in Japan, hatte genau hier genau so einen Talisman erworben und in ihren Geldbeutel gelegt. Allerdings musste dieser Fuchs noch ein Glücksbringer-Azubi gewesen sein, ein blutiger Anfänger. Bleibt nur zu hoffen, dass er dem, der meiner Tochter den Geldbeutel klaute, genauso wenig Glück bringt. Neben Füchsen kann man auch Toriis in allen Größen erstehen, von winzigklein als Schlüsselanhängern bis zu fast 60cm hohen Holzmodellen. Diese Modelle hinterlässt man mit seiner Dankesbotschaft in einem der vielen kleineren Schreine, die rechts und links neben dem Torii-Weg auftauchen.

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Der Inari-Schrein ist einer der wichtigsten religiösen Schreine in Japan und eine der Hauptattraktionen in Kyoto, also ist es ratsam, recht früh dort zu sein. Wir waren nicht ganz so früh wie ein jetlag-geplagter Kollege, der morgens um 5 Uhr dort mutterseelenallein war. Aber immerhin kamen wir – nachdem wir den rein japanisch ausgeschilderten Ticket-Automaten unserer U-Bahn-Station bewältigt hatten – vor den großen Touristenbussen an. Der Weg durch die orangefarbenen, dicht an dicht gereihten Tore hat etwas Magisches. Und ich glaube fest, dass Christo sich hier die Inspiration zu seinen „Gates“ im New Yorker Central Park geholt hat.

 

Ab und an tut sich eine Lücke auf in der Torii-Reihe und man sieht einen Schrein aus grau verwitterten, bemoosten Steinen mit halb in der Erde versunkenen Figuren. Ohne die orangeroten Votiv-Torii, die überall angelehnt sind, würden die Schreine schon recht unheimlich wirken. Auf halber Höhe gibt es einen Kreuzweg, an dem man sich entscheiden muss, ob man rechts oder links herum zum Gipfel will. Der Gipfelschrein birgt dann das höchste Heiligtum – einen Spiegel. Spiegel sind die mächtigste Waffe im Kampf gegen Dämonen. Blickt ein Dämon in einen Spiegel, stirbt er. Gut zu wissen.

Im oberen Teil des Weges werden immer noch Torii gebaut, als Danke schön bei guten Geschäftsabschlüssen oder überhaupt für das positive Eingreifen der Kami. Wir kamen immer wieder an Schildern vorbei, bei denen wir uns fragten, ob das etwa die Preisliste für solche Torii sei. Wer also ein bisschen Japanisch und übersetzen kann, bitte meldet Euch!

Auf dem Rückweg zwei Stunden später war es dann schon deutlich voller, lauter und rummeliger. Wir sind dann irgendwann vom Torii-Weg abgebogen auf einen Seitenweg, der in Einsamkeit und Stille durch eine Steinlaternen-Allee bis fast zum Hauptschrein zurückführte.

Nur anderthalb Kilometer neben dem Inari Schrein liegt der Tofukuji-Tempel. (Danke für den Tipp!) Es war nur erst ein bisschen schwierig, Monsieur klarzumachen, dass man nicht unbedingt bei 35° über verkehrsreiche Straßen laufen muss, wenn einem eine U-Bahn, keine hundert Schritte weiter, das weitgehend abnehmen kann.

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Der Tofukuji war das Gegengewicht zum Inari-Schrein. Zwar konnte man die großen Hallen nicht betreten, dafür aber die Gärten besichtigen. Es gibt zwei sehr unterschiedliche, die natürlich jeder über seinen eigenen Eingangsbereich mit Schuhregal und – sehr wichtig! – Kasse verfügen. Kombiticket gibt es nicht und es wird sehr deutlich klar gemacht, dass der Besuch des einen Gartens noch lange nicht zu dem des anderen berechtigte. Der erste Garten war ein exquisit angelegter Steingarten. Die mit der Eintrittskarte überreichte Ringmappe mit Informationen und Interpretationen zur Anordnung der Steine grenzte zwar gelegentlich ans unfreiwillig Komische, aber das konnte alles nicht der wunderbaren Stimmung schaden.

Der zweite Garten, fast menschenleer, entsprach mehr unserem europäischen Verständnis eines Parks, eher weitläufig mit großen Bäumen, einem Bach in einem Tal über das eine überdachte Holzbrücke führte. Beide Gärten waren genau richtig nach dem Gewusel um den Inari-Schrein. Und dann fing Monsieur schon wieder an: unser Ryokan sei doch nur gerade drei Kilometer Luftlinie, zur U-Bahn-Station seien es eh schon ein halber Kilometer, ob wir denn nicht einfach…  Ich habe mir dann ein Taxi genommen. Monsieur ist mitgefahren, grummelnd zuerst. Aber als er die Straßen – und den Verkehr – gesehen hat, hat er mir Recht gegeben. Hach!

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Shabu-Shabu

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Abends werden wir in die Kunst des Shabu-Shabu eingeführt. Shabu-Shabu ist nicht – wie ich spontan assoziierte – eine schwäbische Spezialität „Schabe-schabe, Schätzle, gelle!“ – sondern eine Art Fondue mit Anspruch. Wir werden mit zwei Kollegen Monsieurs an einen Vierertisch geführt, in der Mitte simmert in einer Vertiefung ein großer Topf. Eine Kimono-Dame bringt uns die Karte. Wir wählen als Anfänger die einfachste Version: domestic beef. Die nächste Stufe „selected domestic beef“ kostet schon das Anderthalbfache. Mich wundert es dann doch, dass das berühmte Kobe-beef nicht wesentlich teurer als die erste Version ist. Bis Monsieur mich dezent darauf hinweist, dass ich wieder meinen „Nullen-Wegguck-Blick“ draufhabe. Tatsächlich kostet die Kobe-Version 400 Euro pro Person, ah ja.

Nach der Bestellung beginnt das Schauspiel: zwei Kimono-Damen erscheinen mit Tabletts mit verschiedenen Saucen, kleine Schälchen mit „Nicht-Wasabi-aber-sehr-scharf“ und Zwiebelgrün. Jeder erhält einmal Sesam-, Soja- und süßsaure Sauce, den Rest teilen sich je zwei. Dann werden Unterteller-große handgetöpferte Teller vor uns gestellt. Zwischendurch hat eine Dame immer mal wieder den Deckel des Topfes gelupft und die Wassertemperatur kontrolliert. Als das Wasser zu kochen anfängt, erscheint sie mit vier übereinander gestapelten Bambuskästchen. In denen liegen pro Kästchen 4 hauchdünne Scheiben Rind oder Schwein. Schwein? Gehört zu domestic beef? Die Dame nickt, das sei so. Okay. Sie nimmt mit Stäbchen eine Scheibe des schön marmorierten Rindfleischs, gibt sie in das Wasser rührt sie um und murmelt Shabu-Shabu. Das ist die Kochdauer: ein Mal Shabu-Shabu. Unseren ersten Versuch beobachtet sie noch, dann verlässt sie uns, um mit einer Schale klein geschnittenen Gemüses zurückkommen: Chinakohl, Shitake- und andere Pilze und etwas in Sternform, das wie ein gelbgrüner Badeschwamm für Kinder aussieht. Sich aber letzten Endes als ein weiterer Versuch herausstellt, Tofu interessant aussehen zu lassen, auf den wir aber nicht hereinfallen. Wir shabu-shabuen mit Fleisch und Gemüse, das die Dame bei Bedarf immer wieder nachbringt, bis wir wirklich satt sind. Da wird die Kimono-Dame noch einmal aktiv: alle Teller und Schälchen werden abgeräumt, hohe Suppenschalen gedeckt. Sie nimmt mit einer Schaumkelle alles auf der Oberfläche Schwimmende weg, stellt die Temperatur hoch und lässt die Brühe einkochen. Als sie mit dem Ergebnis zufrieden ist, werden kleine Reiskuchen in die Brühe gegeben. In die Suppenschalen kommen vorgegarte breite Nudeln, die Reiskuchen werden herausgefischt und auf die Nudeln gelegt. Schließlich wird das Ganze mit Brühe aufgefüllt und sozusagen als Nachtisch serviert. Ich muss sagen, dass wir an diesem Abend ein sehr leckeres Süppchen zusammengekocht haben.

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Dann blieb uns nichts weiter übrig, als erst durch die hell erleuchtete Einkaufsmeile, dann die lampionbehangenen Gassen Gions und schließlich durch den dunklen Tempelpark nach Hause zu laufen.

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Philosophisches Wandeln

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Der Philosophen-Pfad zieht sich vom Silbernen Pavillon an verschiedenen kleineren Tempeln und Schreinen vorbei bis fast zum Eikando-Tempel. An einem Bächlein entlang kann man im Frühling unter Kirschblüten, im Herbst unter prachtvoll gefärbten Blättern wandeln und sich der Schönheiten der Natur erfreuen. Wenn man nicht so eingeschränkt ist, wie jener TripAdvisor-Kommentator, der schrieb, er sei den Weg im Juli gelaufen, es hätte weder Blüten noch bunte Blätter gegen, das Ganze sei eine Touristenfalle. Für mich war der Weg aus zweierlei Gründen ein ganz kleines bisschen enttäuschend. Gleich am Anfang liegt jener kleine Laden, in dem ich vor Jahren für jeweils fünf Euro drei Second-Hand-Kimonos gekauft hatte. Meinen Koffer habe ich diesmal so untergewichtigt gepackt, dass noch locker der ein oder andere Kimono oder Haori hineinpassen würde. Der Laden war leider an diesem Nachmittag zu. Und die Preise „etwas“ gestiegen, auf zehn Euro.

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Einige philosophische Gedanken weiter kam die Abzweigung zum Honen-in, einem kleinen, wenig überlaufenen Tempel mit schönem Garten. Der Tempel selber war leider geschlossen für Publikumsverkehr, da eine Art Ferienaktivität für Kinder stattfand. Aber der Anblick der vielen kleinen Schuhe vor dem Tempeltor war ein schöner Ausgleich für die entgangene Besichtigung. Und in die Gärten durfte man ja trotzdem.

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Der Höhepunkt der kleinen philosophischen Wanderung sollte Eikando sein, ein Tempel, in den ich mich beim ersten Mal Hals über Kopf verliebt hatte. Ich erinnerte mich noch an langes Wandern durch das Tempel-Gelände, Schuh-aus-Schuh-an vor jedem Gebäude, den Drachengang, die Wasserharfe. In den Gärten hat mir ein Mönch Piniennadeln zu einem Ring gebunden und als Glücksbringer geschenkt. Solange ich den Ring im Geldbeutel hätte, hätte ich auch immer Geld darin. Hat bisher geklappt. Und nun standen wir vor Eikando und wunderten uns. Irgendetwas war passiert. Vielleicht ein neuer Abt, vielleicht eine große Schenkung, vielleicht eine Entscheidung, tourismusorientierter zu werden. Auf jeden Fall führte nun ein Holzplankenweg zu den Hauptsehenswürdigkeiten, alles andere war abgsperrt. Das hieß zwar nur noch einmal Schuhe aus und dann barfuß durch die Besichtigung, schränkte aber natürlich die Entdeckerfreuden und Bewegungsfreiheiten ein.

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Der Drachengang – ein überdachter Gang zu kleineren Schreinen am Berg, der wegen seiner Dachschindeln von oben wie eine Drachenhaut aussieht – existierte zwar immer noch in seiner ganzen Schönheit, konnte aber einfach durch die Benutzung eines Aufzugs umgangen werden. Und auch die Wasserharfe war leider für mich etwas „verschlimmbessert“ worden. Sinnbild sublimer Schönheit im Einfachen, ist sie nur ein Trog, in den man von oben durch ein Bambusgitter Wasser träufeln soll. Die Tropfen fallen (so erkläre ich mir das, ich weiß nicht, ob das stimmt) auf Metallzungen, die dann einen Ton anschlagen. Es entsteht so eine sehr unirdische Melodie. Beim ersten Mal konnte man mit einer Bambuskelle das Wasser aus einen Behälter schöpfen, in dem eine einzelne Orchideenblüte schwamm und es dann durch das Gitter gießen. Diesmal waren Gitter und Kelle aus grünem Plastikbambus und von Orchideen fehlte jede Spur. Das ist vielleicht Jammern auf hohem Niveau, aber genau diese Kleinigkeiten sind es letzten Endes, die so typisch sind. Für mich wirkte das fast, als hätte ein amerikanischer Regisseur ein Pseudo-Japan nachgebaut.

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Der Eikando ist natürlich nach wie vor ein wunderschöner Tempel, aber der Eikando meiner Erinnerung ist doch etwas entzaubert worden.

Nur eines, das war noch genauso herrlich wie letztes Mal. Als aktiver Tempel betreibt Eikando direkt neben seiner Anlage eine Schule und einen Kindergarten. Und so kommt es, dass ab und zu die klösterlich-meditative Stille durch den fröhlichen  Lärm spielender Kinder unterbrochen wird.

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Das Museum, das glücklich macht

(Ich hoffe, die anderen sind jetzt nicht eifersüchtig.)

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Der Nishiki-Markt hatte ja auch schon einen hohen gute Laune-Faktor. Die überdachte Straße, die sich über fünf Blocks zieht, versteckt sich hinter den noblen Einkaufspalästen von Kyotos berühmter Einkaufsmeile. Aber sobald man ihn betritt, ist man Welten entfernt von Gucci, Prada und was weiß ich. Gleich der erste Stand hatte mehrere große Holzfässer aufgestellt, in denen Auberginen, Zucchini und Rettiche unter einer schlammigbraunen Paste ihrer Fermentierung entgegen gärten. Daneben hatte jemand Minifischlein und Tintenfische liebevoll auf Spießchen dekoriert. Ein kleines Mädchen kam mir entgegen, das an seinem Tintenfisch wie an einem Lutscher leckte. Zwei Drittel der Besucher sind inzwischen Touristen, so dass viele Stände „Nicht berühren“ und „Nicht fotografieren“-Schilder aufgestellt haben. Es gibt so viel zu sehen: Stände, die Tofu interessant aussehen lassen wollen. Tische mit abgepackten Pickles in den seltsamsten Farben, Becken voll mit lebendem Seeungetümen. Wobei das ungetümste Seeungetüm, das ich für einen Riesen-Seeigel gehalten hatte, sich letztlich als Riesen-Maronen entpuppte, noch in ihrer stacheligen Schale. Man kann Seealgen in verschiedensten Breiten und Preisklassen kaufen und jene Thunfischflocken, die mir Monsieur mal vor Jahren – auf Bestellung – aus Japan mitbrachte. Ich hatte ja keine Ahnung, welch ein Volumen 500 Gramm Flocken erreichen können und so oft koche ich nicht Japanisch. Aber für etwas anderes kann man sie nicht gebrauchen. Selbst die Katze frisst sie nicht!

Daneben gibt es natrlich viel Dinge, von denen man nicht weiß, was es ist und wie es schmeckt. Und auch eine Menge Sachen, von denen man gar nicht wissen will, wie es schmeckt! So kam ich völlig unangefochten von Kaufwünschen am anderen Ende des Marktes an, entfaltete meinen Stadtplan und suchte den Weg zum Museum of Kyoto.

Im Museum gab es zwei Stockwerke Geschichte Kyotos und eine ganze Etage zum höheren Lobe der Archäologie, genau das Richtige für mich. Zuerst gab es eine Einführung, dass die japanische Kultur quasi inhärente Archäologie ist, da alte gefundene Gegenstände mit großer Ehrfurcht geborgen und dann verehrt werden. Aufgezeigt an einer alte Schriftrolle, die erzählt, wie eine Familie in ihrem Haus Frühjahrsputz macht und allerlei „Gerümpel“ wegwirft, einfach in die Natur, worüber wir hier und jetzt nicht diskutieren wollen. Das Gerümpel liegt also so einher und nach 100 Jahren bekommt es eine Seele und will gefunden werden. Im letzten Bild sieht man dann, wie Menschen die alten Pötte, zerrissenen Ketten, angeschlagenen Metallspiegel finden und spontan ein „poetry festival“ veranstalten, um den Fund und die Objekte zu ehren. Wenn ich überlege, was bei uns in Frankreich im Augenblick wieder alles wild in der Natur entsorgt wird! Da werden die Menschen in hundert Jahren gar nicht mehr aus dem Dichten herauskommen!

Dann kamen Glaskästen mit Fundstücken in verschiedensten Stadien der Restaurierung, die so poetische Titel trugen wie  „Poetry of pottery“ oder „Shadows of shards“. In einer kleinen Glasveranda mit Blick auf uralte Steinfiguren konnte man dem „Sound of excavation“ nachgehen, sich – mit Kopfhörer – auf die Knie niederlassen und mit den Händen in einer „Sandkiste“ graben. Wenn man Glück hatte, fand man einen Kontakt und hörte ein Geräusch.

Soweit fand ich dieses Museum schon mal ziemlich schön. Aber dann entdeckte ich zwei Straßenecken weiter das Museum, das glücklich macht. Ein winzigkleines Kaleidoskop-Museum, in dem man nach Herzenslust drehen, schütteln und schauen durfte. Es waren nur eine Handvoll Erwachsene in dem Raum, aber alle mit diese Ausdruck reinen Entzückens im Gesicht. Drei Damen des Museums gingen umher, sicherlich auch um aufzupassen, dass die wertvollsten Stücke aus Edelholz oder mundgeblasenem Glas nicht zu Schaden kommen. Meist aber, um freundlich lächelnd vorzuschlagen: „Drehen Sie doch mal hier!“ oder „Schauen Sie doch da durch!“ Und als wir alle schon richtig glücklich und im Einklang mit unserem inneren Kind waren, wurde das Licht ausgemacht und zu Sphärenmusik erschienen Kaleidoskopbilder an Decke und Wänden projeziert. Das war dann doch fast zu viel des Guten.

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