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Die schönsten Bauzäune äh Balkone Siziliens

cat2       Diesmal traf das Erdbeben 1693 die Stadt und zerstörte sie völlig. Ein aufgeklärter Fürst erbarmte sich seiner Untertanen und ließ eine Musterstadt entwerfen. planAusgehend von einem sechseckigen Platz wurde Grammichele als eine Barockstadt angelegt, die von der Luft (Google ist dein Freund) und auf den Plänen fast wie ein großes Spinnennetz aussieht. Heute ist der große Platz mit mehreren Kunstwerken verziert. Darunter eine Sonnenuhr: ein heroischer Atlas trägt die Welt. Und dient zwei Kindern als schattiges Plätzchen für eine Spielpause.

Wir führen uns die ausdrucksvolle Barockarchitektur ein bisschen zu Fuß zu Gemüte. Der vorherrschende Eindruck ist nicht vergangene, eher verfallene Pracht. Viele Häuser sind „leer“, die Fenster trüb wie tote Augen. Außerdem ist unter einigen der schönsten Balkone der Fußweg versperrt mit Bauzäunen. Aber nicht jene mit Gerüsten dahinter, die auf Renovierungen hinweisen, nur solche, die verhindern, dass man dort langgeht und von einem Stück herab fallenden Barocks erschlagen wird.

Dass cat1wir danach viel mehr von Grammichele gesehen haben als mir lieb ist, liegt mal wieder an unserem Navi. Das will nicht einsehen, dass wir nicht den kürzesten Weg – über den für den Verkehr gesperrten Platz – nehmen können. Die Einbahnregelung ist auch nicht wirklich hilfreich und lässt uns zehn Minuten lang durch immer kleinere Gässchen im Spinnennetz zappeln.

cat4Da war das in Caltagirone doch viel einfacher gewesen. Der Parkplatz lag direkt an der Ausfallstraße auf einer Anhöhe und von da ging es durch ebenfalls bauzaun-geschmückte Straßen auf die Piazza municipale. Vorbei an Dutzenden von Kirchen. Die einzige, die offen stand, war die, in deren Inneren Handwerker arbeiteten. Und dann wurde das Zeitziehen richtig anstrengend. Denn vom Platz hoch zur Kirche Santa Maria del Monte führen 140 mit Keramikkacheln geschmückte Stufen hoch. Caltagirone, auch vom 1693er Erdbeben zerstört, auch im Barockstil wieder aufgebaut, gilt als Keramik-Hauptstadt Siziliens. Icat3ch will ja niemandem zunahe treten, aber was wir da in einigen Fenstern und Galerien ausgestellt gesehen haben, war schon ziemlich hmja speziell. Überlebensgroße Köpfe, die anstelle der Schädeldecke Blumentöpfe hielten. (Die Frage nach dem Gehirn lassen wir jetzt einfach mal), Medusenhäupter in schrecklichsten Farben, Hinstellerchen und Wegguckerchen in vielfältigster Form. Zum Glück haben wir nicht genug Geld, um uns solch exquisiten Kunstgeschmack zu leisten. Was wir uns dann gönnten, war ein bisschen Sport auf der Treppe. Und einmal oben, ging es nur noch ganz sachte bergab zum Parkplatz.

cat5Letztes Ziel war eine Stadt mit dem schönen Namen Militello in Val di Catania, die das gleiche Schicksal erlitten hatte wie die beiden anderen. Aber hier war alles anders.

In Grammichele waren wir die einzigen Touristen, aber Einheimische waren auch so gut wie keine zu sehen. Die Stadt wirkte genauso leer wie ihr großer, schöner Platz. In Caltagirone gab es schon deutlich mehr Touristen, aber außerhalb der Piazza municipale hatte man doch den Eindruck, dass es mehr Galerien als Menschen gäbe. In Militello war die Stadt lebendig. cat7Vor dem Dom stand palavernd eine Gruppe alter Herren, die uns nach dem Versuch, die Kirchentür zu öffnen, unbedingt zu den Padres abschleppen wollten, damit diese für uns aufschließen. Auf dem nächsten Platz gab es eine Café-Bar neben der anderen, alle mit Stühlen vor der Tür, alle Stühle besetzt mit – anderen – alten Männern, die in der Sonne diskutierten. Als Monsieur eine Café-Bar betrat und ein Eis kaufte, spürten wir förmlich, wie alle Auge uns folgten.

cat8Eine Stunde später hielten wir auf den wolkenverhangenen Ätna zu, bogen in einer wenig vertrauenserweckenden Industriezone ab auf eine durch wilde Mülldeponien verzierte Straße.

Und standen dann wenig später vor einer kleiner Perle, dem Castello d’Urso, unserem letzten Hotel in Sizilien, nur ein paar Fahrminuten von Flugplatz entfernt. Irgendwie schienen alle Moskito Catanias schon auf uns gewartet zu haben, als wir uns etwas später auf die Terrasse im Schlosspark setzten. Aber um 21 Uhr, genau wie vom Besitzer vorhergesagt, verschwanden sie schlagartig, nicht ohne uns ein paar juckende Souvenirs zu hinterlassen.cat9

Am nächsten Morgen ging es dann sehr früh zur Mietwagenrückgabe, wo ein noch etwas mürrischer Mitarbeiter konstatierte, dass wir keine neuen Kratzer ins Auto gemacht hatten. Und dann ab nach Hause.

Ciao, Sicilia!

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Vorsichtig mit dem Wünschen

a-rug-guib1Seit Palermo haben wir einen Mietwagen, ein deutsches Modell, das aber nur Italienisch mit uns spricht. Auch das Navi verweigert sich unseren Versuchen, ihm Deutsch beizubringen und beharrt darauf, dass wir Italienisch lernen müssen. Nun bin ich ganz gut im trial and error-Lernen, besonders beim „error“-Teil, also lassen wir uns auf das Spielchen ein. Und irgendwie wird das ja auch intuitiv gehen. Das mit destra und sinistra ist für mich genauso einfach oder schwierig wie mit rechts und links. Mal klappt’s, mal klappt’s nicht. Liegt allerdings nicht am Navi, zugegebenermaßen. Die Zahlen lernt man recht schnell bei den Ausfahrten und Kreuzungen, die nächste Lektion: Ordinalzahlen, kommt mit den Kreiseln.

Die Verben sind etwas repetitiv und meist aufs abbiegen beschränkt. Und „adesso“ heißt so viel wie Aktion, aber flotto!

Natürlich weiß ich inzwischen auch, was „wenn möglich umdrehen“ auf italienisch heißt.

a-strasse7Heute hatte ich Kompakttraining. Auf dem Weg nach Gibellina düse ich gelangweilt über die Autobahn und wünsche mir, über kleine, viel spannendere Landstraßen fahren zu können.

Der Plan war bei Fulgatore von der Trapani-Autobahn ab- und dann übers Land nach Gibellina, der neuen Stadt, zu fahren. Kurz dahinter bei Santa Ninfa die 119 bis zu den Ruinen zu nehmen und dann einfach auf der Straße weiterzufahren bis Alcamo. Dort ein – ganz kleines – Stück Autobahn bis Segesta und von dort über die Hügel und kleine Sträßchen zurück nach Erice.

Vorsichtig mit dem Wünschen! Was habe ich mich drei Stunden später gefreut, endlich wieder die Autobahn zu sehen. Und auf die Hügel und kleinen Sträßchen habe ich dann verzichtet.

Ich hatte ja schon einiges gelernt über sizilianische Straßen. Steht eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 50 km/h an einer Landstraße heißt das, dass ein Teil der Straße nicht befahrbar ist. Bodenwellen, Schlaglöcher, in denen ein kleiner a-strasse1Fiat ohne weiteres verschwindet, abgebrochene Seitenränder, alles, was halt dazu führen kann, dass man selbst oder eben der Gegenverkehr mal kurzfristig und ohne Vorwarnung (außer dem 50km/h Schild natürlich) auf die andere Spur gehen muss. Ein bisschen dramatischer sind die Schilder mit 30 km/h, da muss man dann mit Überraschungen rechnen. Fast mannshohes Unkraut auf einer Fahrbahn, pardon, auf der Bruchstelle der Fahrbahn, zum Beispiel. Echt aufpassen muss man, wenn sie die 20 km/h-Schilder rauskramen. Ich bekam so ein Gefühl, dass sie damit sagen wollten: Scusi, wir haben auch keine Ahnung, ob die Straße noch befahrbar ist oder nicht, aber geht ruhig mal nachschauen.

a-strasse6Die Bodenwellen sind auch lustig mit ihren Achterbahn-Huiiii-badong-Huiiii-Fahrgefühl, allerdings langweilig bei Tempo dreißig. Dummerweise habe ich mich nicht getraut, meine Versuchsanordnung (ob man mit 120 km/h einfach drüber fliegen kann) durchzuführen. Da fehlt mir halt der wissenschaftliche Forschungsdrang. Dafür ist bei uns nun mal Monsieur zuständig.

Von den Zementsärgen in Gibellina-Vecchia einigermaßen bedrückt, habe ich den Weg nach Alcamo gesucht. Navi und Straßenschild sagten links ab, die Realität sagte dann Folgendes:

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Und als brave Deutsche habe ich mich natürlich nicht getraut, die rechte Straße zu nehmen.

Der vernünftige Ansatz wäre gewesen, kehrt zu machen und auf der bekannten Straße zurück zur Autobahn zu fahren. Aber ich und vernünftig, naja. Außerdem habe ich ja so ein Faible für die „roads less travelled“. Oa-strasse3kay, die roads, die ich die folgenden zwei Stunden getravelled bin, waren „less than less travelled“. Irgendwo im nirgendwo, Straßen, die innerhalb von anderthalb Stunde nicht einen Ort durchquerten, dafür immer kurz davor standen, im Nirgendwo zu verschwinden. Der Kampf der Giganten half halt auch nicht. Navi sagte eine Sache, Topologie sagte etwas anderes, Navi bestand darauf Recht zu haben, trotz Abbruch und völligem Verschwinden der Straße. Ich habe dann immer einen Kompromiss versucht und bin in eine Richtung gefahren, die ich für zielführend hielt.

Navi war dann beleidigt, forderte mich dreimal zum Umdrehen auf und meinte dann verschnupft: Wenn du eh nicht zuhörst, kannst du auch gerade aus weiterfahren. Ist mir inzwischen eh egal, wo du hin willst – und nicht mein Problem, ob du da hin kommst.

a-strasse4Meine Papierkarte, Maßstab 1:400000 wusste, dass sie sich da besser raushält. Irgendwann kam dann ein Schild Alcamo, links diesmal. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viel Hoffnung da in mir hoch wallte, bis zur nächsten Kreuzung. Da zeigte ein kleiner Alcamo-Wegweiser nach rechts und quer davor stand ein großes gelbes Schild, dass diese Straße nach 5 km für den Verkehr gesperrt sei. Und wieder – brave Deutsche, siehe oben…

Eine gute Stunde später, in der ich außer drei Traktoren mit Trauben nichts gekreuzt hatte, ich mir inzwischen aber langsam sicher wurde, dass ich mein Ziel wahrscheinlich nie erreichen würde, tauchte wieder so ein Wegweiser auf. Er lehnte, am Boden, gegen die Halterung eines Schildes, das die Weiterfahrt verbot. Diesmal habe ich mich darauf besonnen, dass wir seit 30 Jahren in Frankreich leben. Ein Franzose würde nie in eine offiziell gesperrte Straße fahren.

Außer vielleicht, um zu schauen, warum sie gesperrt ist. Oder um herauszufinden, ob man nicht vielleicht doch zwischen den Baggern, Lastern u.ä. hindurch einen Weg finden kann. Oder ganz einfach, weil er sich doch nicht von einem Schild vorschreiben lässt, was er zu tun bzw. zu lassen hat.

Gut, es dauerte dann immer noch eine gute Stunde über halb abgebrochene, halb im Schlamm versunkene Straßen, bis ich zu einer größeren Straße kam. Da standen zwei LKWs, ein gutes Zeichen wie ich fand.

Alcamo ist nun keine besonders schöne Stadt, aber was habe ich mich gefreut, als ich das Ortseingangsschild sah. Und dann auf die Autobahn, yippieh! Und ab Richtung Erice, wo bald der Berg mit der typischen Silhouette auftauchte.

a-strasse5Von da an war es ganz einfach. Wenn da nicht immer noch der Anstieg vom Parkplatz an der Porta Carmine bis hoch zum Hotel gewesen wäre. Aber das war dann nur noch eines der kleineren Probleme. Kurz vor San Rocco drangen die süßen Düfte der Pasticcheria auf die Straße.

Und dann dauerte es halt noch ein paar Minuten länger, bis ich zu Hause war. Nervennahrung und so…

Ruderi di Gibellina

a-rug-guib2Katastrophentourismus, Unfall-Gaffer auf der Autobahn finde ich eigentlich nur widerwärtig.

Sich im Unglück anderer wohlig zu suhlen, diesen kleinen Schauder ins eigene Leben zu holen und dabei genüsslich die Distanz zu bewahren – einfach nur abscheulich.

Aber wo zieht man die Grenze zwischen Katastrophentourismus und Pompeji oder Selinunte?

Darf man sich eine Katastrophe bildungsbeflissen ansehen, wenn sie Jahrtausende alt ist und ist man ein Proll, wenn der begaffte Schicksalsschlag erst gerade fiel? Oder vorgestern? Vor einer Woche?

a-rug-guib3Der Schicksalsschlag traf Gibellina im Januar 1968 und zerstörte die mittelalterliche Stadt vollkommen. Mehrere Hundert Menschen starben bei dem Erdbeben, die Stadt lag in Trümmern. Die Überlebenden wurden 15 Kilometer weiter in eine neue anonyme Stadt umgesiedelt.

Etwa 15 Jahre später goss ein Künstler die Überreste der Häuser der alten Stadt in riesige Betonblöcke ein, zeichnete dadurch die alten Straßenverläufe nach, entwarf ein Denkmal, das gleichzeitig Sarkophag und Hommage an die Struktur der alten, noch lebenden Stadt war.

Seitdem streiten sich Geister darüber. Geldverschwendung und Umweltverschandelung werden Kunst und Mahnmal entgegengestellt. Die Brutalität, einen ganzen Berghang mit Zement zuzugießen, der Brutalität des Erdbebens gleichgestellt.a-rug-guib4

Ich war die einzige Besucherin, mein Auto das einzige auf dem Parkplatz und ich fand es beklemmend und bedrückend. Beklemmender und bedrückender als tatsächliche Ruinen, die ich wahrscheinlich mit einer gewissen romantische Wehmut versehen hätte.

Die Betonblöcke stehen offen, frei am Hang, es gibt keinerlei touristische Infrastruktur, kein Büdchen am Eingang, wo man Eintritt bezahlt, kein Wohnwagen, der Sandwich verkauft. Somit fehlt jeder Puffer, man kann sich nicht distanzieren, es als Tourist erleben. Es bleibt nur das nackte, brutale Erkennen, was diese Blöcke bedeuten, bedeutet haben.

Irgendwie doof, irgendwie

Heute morgen war alles irgendwie doof.

p2015_09_20_16h14_50Monsieur hatte mich ausschlafen lassen und sich leise weggeschlichen. Das war zwar eigentlich ganz lieb, aber auch irgendwie doof. Frühstückszeit war auch vorbei, nicht wirklich schlimm, wir sind in einem Kloster der Wissenschaft, keinem *-Sterne Hotel, das Frühstück besteht aus frischen Brötchen, Butter- und Marmelade-Portiönchen und Kaffee aus der Thermoskanne. Wie gesagt, nicht schlimm das zu verpassen, aber irgendwie doof. Im Klosterhof hing dick der Nebel, auch irgendwie doof.

Als ich dann beim Zähneputzen die Zahnpastatube unters Wasser hielt und das erst merkte, nachdem keine Paste aus der Zahnbürste kam – trotz mehrmaligen Draufdrückens -, habe ich mich ernsthaft gefragt, ob ich heute wirklich Auto fahren sollte.

Die Fahrt runter nach Trapani war schön, der Blick aber durch Nebel etwas eingeschränkt. Zu der Durchfahrt durch Trapani möchte ich mich nicht äußern, an einer gelben Ampel bremsend von gleich zwei Autos überholt zu werden, reicht, um den Fahrstil in der Stadt zu charakterisieren.

a-sal1Mein Ziel waren die Salinen und da das kleine Museum von Nubia. Die ersten Becken, die ich sah, rotbraune Brühe, sahen aus wie das beste Argument für eine salzarme Ernährung. Wenig später tauchten die typischen Windmühlen auf und ich hielt hinter einem Transporter am Straßenrand, um zu fotografieren. Ein Mann kam aus dem Wagen, ich wollte ihm schon „erklären“, dass ich nach dem Foto sofort wieder fahren würde, als er mit der Hand auf einen kleine Pfad und einen sehr wackeligen Steg zwischen den Wasserbecken zeigte. Wir gingen dann zwischen Becken, Salzhügeln und Dachpfannen – zum herbstlichen Abdecken der Salzhügel – umher. Dass er mir anschließend sein Salz zum Verkauf anbot, war für mich ok, dass ich mein Geld im Auto liegen hatte, für ihn auch.

a-sal3Das Museum in Nubia ist in einer alten Salzmühle untergebracht, das Restaurant unter dem gleichen Dach waren einst die Schlafräume der Salzarbeiter. Für 2,50€ bekommt man Zugang und eine kleine Führung in charmantestem Italenglisch. Der junge Museumsführer allein – ma che bello ragazzo – ist das Eintrittsgeld mehr als wert, mit seinen dunklen Haaren, den dichten schwarzen Wimpern und – um das Latin-Lover-Klischee nicht auf die Spitze zu treiben – dunkelblauen Augen. Er erzählt, dass Mühle und Salzfelder seiner Familie gehören, das Restaurant seinem Onkel und dass alle anderweitig beschäftigten Familienmitglieder im August immer für mehrere Wochen nach Hause kämen, um bei der Salzernte zu helfen. Er erklärt auch, dass das unappetitlich rote Wasserbecken die erste Stufe des Prozesses sei. Das noch schwach salzhaltige Wasser sei durch Mikroorganismen und Kleinstlebewesen verschmutzt, die im Laufe der Verdunstung in der stärkeren Lake abstürben und absinken würden. a-sal4Wird das Wasser dann mit einer archimedischen Schraube (zum Teil von Hand, zum Teil mit der Kraft der Windmühlen) ins nächste Becken gehoben, blieben die Sedimente zurück und das sich auskristallisierende Salz werde schneeweiß. Dann fordert er die anderen Besucher, ein englisches Paar, und mich zu einem deutsch-englischen Wettstreit heraus: wer sich vorstellen könnte, warum ausgerechnet hier und nicht bei Palermo oder San Vito lo Capo die Salinen entstanden sein. Ich biete die flache Küste, sie die kräftigen Winde und unser Museumsführer entscheidet: „Germany – England: 1:1.“ Worauf sich der Engländer zu mir umdreht und seufzt: „Und dann gewinnt ihr wieder beim Elfmeterschießen!“

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Zingaro oder: Das Rotkreuz-Eselchen

p2015_09_21_13h33_31Badestrand bei knappen 20er Temperaturen, dafür kräftigem Wind, das war nicht so meine Vorstellung eines gelungenen Nachmittages am Meer. Wir haben uns dann abgesetzt zum Naturpark „Zingaro“, für eine kleine Wanderung. War im Führer als ganz einfach beschrieben, an der Küste entlang, ein paar Kilometer hin, ein paar Kilometer zurück. Und zwischendurch immer mal wieder die Möglichkeit, in kleine versteckte Badebuchten abzusteigen.

p2015_09_21_13h11_05Gut, wir waren nicht die einzigen, die diese Idee hatten. Ganze Horden kamen uns entgegen, liefen vor und hinter uns in Badeschlappen, Strandsandalen und Flipflops.

Mich macht so was ganz wuschig und nervös, was mir aber erst auffiel, als Monsieur meinte: „Warum rennst du denn so?“

p2015_09_21_13h43_22Kurz vor dem Torre del Uzzo schlägt Monsieur vor, statt den überlaufenen Küstenweg über die Berge zurück zu gehen. Wir steigen steil auf zum kleinen Ort Sughero, eine Handvoll Bauernhäuser, die heute als Schutzhütten dienen. Eines davon hat eine funktionierende Wasserpumpe, kein Trinkwasser, steht extra dran, aber eine erfrischende Abkühlung. Dann geht es etwas weniger steil weiter hinauf zum Pizzo Corvo. Ich möchte einmal, nur einmal eine Wanderung machen, in deren Beschreibung nicht die Worte „mehrere hundert Höhenmeter steil bergauf“ vorkommen, ehrlich!

p2015_09_21_15h30_59 Die Aussicht ist dafür umwerfend. Der Felshang verdeckt den Küstenweg, man glaubt sich allein auf dem Weg, der eigentlich nur ein schmaler Pfad ist, kaum breit genug für einen Wanderer. Und dann passiert es beim Abstieg: Monsieur tritt auf einen Felsbrocken, der löst sich, rollt und Monsieur sitzt mit verstauchtem Fuß am Boden. Gute anderthalb Stunden vom Ziel entfernt. Ambulanz ist nicht möglich, Hubschrauber wirklich übertrieben, ich kann ihn noch nicht mal stützen, weil der Weg so eng ist. Einzige sinnvolle Möglichkeit wäre ein geländegängiger Esel. So wird mein oft spöttisch belächelter Wanderstock von Leki zum „Rotkreuz-Esel“ umdefiniert, der Monsieur von den Bergen hinunter zum Auto bringen soll. Das Eselchen erfüllt seine Aufgabe und wir kommen langsam, sehr langsam zu einem der Park-Gebäude, von wo eine breite, befahrbare Straße in den Ort und zum Parkplatz beim Parkeingang führen soll. Da könnte ich das Auto holen und das Rotkreuz-Eselchen ablösen. Die Straße ist zwar nur ein Schotterweg, aber so eben, dass man gut vorwärts kommt. p2015_09_21_16h16_31Und dann kommt die große Enttäuschung. Monsieurs Lebensgefährtin sagt, noch 800 m auf dem Feldweg, dann 500m zum Parkplatz und wir biegen um die Kurze und stehen vor einem massiven hohen Rolltor, gesichert mit einem beeindruckenden Vorhängeschloss. Rechts und links davon 2,50 m hoher stabiler Zaun. Wir sind perplex. Bisher hatten wir hier wenig gesehen, was richtig gut gebaut und in Schuss war – warum dann ausgerechnet dieser Zaun? Um die Touristen drin und die Jäger draußen zu halten? Wie auch immer, drüber klettern ist nicht, Löcher gibt es auch nicht, so bleibt als einzige Alternative der Abstieg am Zaun entlang über einen Geröllpfad, der sich in engen Zickzack-Kurven nach unten windet. Das Rotkreuz-Eselchen stellt sich tapfer der Aufgabe. Am Ende, gut eine Stunde später und viel später als ursprünglich eingeplant, tun uns nicht nur die Füße, sondern auch die Knie weh, als wir am Auto ankommen.

Zum Glück hatte die Apotheke in Erice noch auf, als wir vom Parkplatz an der Porta Carmine hoch zu San Rocco laufen.

Gestern Abend auf der Piazza…

Kleine Geschichten zum Essen in Sizilien

sel8Wir hatten Logenplätze, gestern Abend,  auf dem Balkon des gegenüber liegenden Restaurants.

Die Piazza ist recht leer, wenn man mal von dem Hund absieht, der wirklich mittendrin auf den Pflastersteinen liegt und schläft.

Plötzlich schießt ein Carabinieri-Auto aus einer der Seitengässchen, schlittert knapp um den Hund und kommt vor der Pizzeria zum Stehen. Zwei Polizisten springen aus dem Wagen und eilen zur Theke.

*Sie zeigen dem Wirt ein Fahndungsfoto: „Kennen Sie diesen Mann?“ – „Nein, nie gesehen!“ – „Aber zwei Pizza tonno, die haben Sie schon?“ – „Klar!“ – „Gut, packen Sie die ein, die sind beschlagnahmt, das ist Beweismaterial.“

* Die Carabinieri kommen wenig später mit zwei Pizzakartons zurück, steigen ein und fahren fort. Der Hund hebt kurz den Kopf, zuckt mit den Ohren und schläft weiter.

Für die Geschichte zwischen * und * kann ich nicht garantieren, dass sie wirklich so passiert ist.

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p2015_09_17_17h47_20Ein Straßenrestaurant in Palermo, ich bestelle zuppa di cozze als primo. Die Muscheln kommen, am Nachbartisch dreht sich ein korpulenter Amerikaner plötzlich um, fällt fast in meine Muscheln und ruft aus: „That’s marvellous, that’s exactly what I want to have. How do you order that in Italian?“ Ich helfe ihm beim bestellen, ich erkläre ihm auch noch, wie man die eine Muschel als Zange für die weiteren Muscheln benutzt, danach kommt er alleine zurecht. Während wir unseren „spada“ und unsere „involtini“ essen, kommen vom Nachbartisch Laute des Entzückens, unterbrochen von Bestellungen für Gin Tonic.

Als wir unseren Espresso trinken, bezahlen die Amerikaner, die Frau kommt auf mich zu, nimmt meine Hand und lächelt: „You have made my husband so very happy!“

Ich kann nur zurücklächeln, leicht perplex. Wenn es ihr nichts ausmacht, dass eine fremde Frau ihren Ehemann so glücklich macht, soll es mir auch recht sein.

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p2015_09_17_17h49_02Im Casale Ericinese sitzen am Nachbartisch vier Koreaner. Das Essen, das kommt, ist etwas eklektisch: drei Teller Spaghetti vongole, zwei Teller calamari arrosto, eine Pizza. Die Nudeln werden nach kurzem Probieren zur Seite geschoben, aber der Tintenfisch ist der Treffer. Eine der Koreanerinnen beschließt, dass sie mehr davon möchte. Sie versucht die Aufmerksamkeit des Kellners zu erheischen, läuft schließlich durch das Lokal und ruft laut „Birra, birra!“, bis der Kellner kommt. Der nimmt die Bestellung von einer, dann zwei weiteren Portionen gegrillten Tintenfischs entgegen und wendet sich dann dem Nachbartisch zu, an dem eine junge Familie mit zwei Kleinkindern ziemlich flächendeckend Nudeln gegessen hatte.

Die Koreanerin beobachtet das eine Weile, steht dann auf und schiebt den Kellner resolut Richtung Küche, er solle erst ihre calamari bestellen, bevor er aufräume.

Dann reißt sie eine Fenstertür zum Balkon auf und bei uns fliegen im Durchzug die Servietten vom Tisch. Aber da habe ich mich dann durchgesetzt. Man kann ja nicht alles durchgehen lassen, Koreaner hin oder her.

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Und die letzte und kürzeste Episode im Caffé Rocco in Erice. Es gibt schwarze Pasta mit Tintenfischen. Ich frage nach Parmesan. Der Kellner wiederholt nur fassungslos: „Parmesan?“

Und schüttelt dann streng den Zeigefinger vor meiner Nase: „No!No!No!“

Wieder was gelernt.

Selinunte und Segesta

sel4Irgendwie schienen sie sehr gut darin gewesen zu sein, sich die falschen Freunde auszusuchen, die Bewohner von Selinunte. Was dann unweigerlich dazu führte, dass sie es mit den richtigen Feinden zu tun bekamen. Im Machtkampf zwischen den Elimi, den Ureinwohnern Siziliens, den griechischen Neusiedlern und Karthago wählten sie zielsicher immer die falsche Seite. Zuerst mit Karthago gegen die eigenen Siedler-Kollegen – tja, Pech gehabt. Aber viel tragischer war dann die Entscheidung, doch lieber mit den griechischen Verbündeten gegen Karthago zu kämpfen. Sie kostete 16 000 Einwohnern das Leben, über 5000 wurden in die Sklaverei verschleppt. Zwar hatte man die Ruinen bald darauf wieder besiedelt, aber danach wurde Selinunte zum Spielball zwischen Rom und Karthago, welches dann die Stadt schleifen und alle Einwohner verschleppen ließ.

Ein Erdbeben sorgte ein paar Jahrhunderte später dann dafür, dass man heute vor dem – laut Museumsbroschüre – größten archäologischen Trümmerfeld Europas steht.

sel0Vor Selinunte hatten die Organisatoren der Exkursion die Cave die Cusa gesetzt, jenen Steinbruch, aus dem die Säulentrommeln für Selinuntes Tempel kamen. Vor Ort sieht man in den riesigen Steinbrüchen halbfertige Säulenelemente, kann sich sogar durch den schmalen Spalt zwängen, in dem die Arbeiter die Säulentrommeln noch aus dem Fels meißelten. Es sieht fast so aus, als hätte man an jenem schicksalhaften Tag, als Karthagos Flotte vor Selinunte auftauchte, alles stehen und liegen lassen, um seiner Stadt zur Hilfe zu eilen. Diese riesigen Säulentrommeln sind schon beeindruckend genug, aber da bleibt dann noch die Frage des Transports und der Aufrichtung übereinander zu Tempelsäulen, das „How did they do it?“ sel1Das wurde dann mit einem einfachen „Physics“ beantwortet.

Kommt man vor Selinunte an, sieht man erst einmal eine Mauer um das Gelände. Wahrscheinlich, damit die Tempel nachts nicht ausbüxen können. Drinnen steht man vor einem Gelände riesiger Ausdehnung, von dem nur einige wenige Tempel und die Akropolis ausgegraben wurden. Der größte Teil der Stadt liegt noch unter den Erdschichten der letzten 2000 Jahre. Von den ausgegrabenen Tempeln hat man in der Akropolis und im östlichen Teil jeweils einen wieder aufgerichtet, um einen Eindruck seiner Größe und Schönheit zu vermitteln. Die anderen Tempel sind ein wirres Über- und Durcheinander von gigantischen Säulentrommeln und Steinblöcken. Da es kaum Zeugnisse zu den Bauwerken gibt, tragen die Tempel so romantische Namen wie A, B, C usw.

sel2In der Akropolis steht dann auch jener Bildkalender-Motiv-Tempel mit dem Meer im Hintergrund. Um ihn herum das chaotischen Steinpuzzle der Prachtgebäude der Stadt. Unser enthusiastischer Führer forderte uns auf, uns hineinzufühlen in die Stadt, hinzuhören, was die Steine uns erzählten. Nun war es aber so, dass es Mittagszeit und sehr, sehr heiß war, während wir durch die Überreste der Stadt kletterten. Und das, was die meisten fühlten, war ein großes Verlangen nach einer granita di limone, die ein Händler mit Wagen im Schatten einiger Bäume anbot.

sel3Ich habe dann mal genau hingehört, was die Steine mir zu sagen hatten. Eigentlich war es mehr so ein Gekichere darüber, dass man schon ziemlich verrückt und/oder Ausländer sein muss, um bei dieser mörderischen Mittagshitze durch die glühenden Steinhaufen zu laufen. Jeder vernünftige Mensch – sprich Sizilianer – würde längst mit einem Glas Weißwein im Schatten auf der Terrasse eines Restaurants sitzen und das Meer bewundern.

Und das haben wir dann auch gemacht.

Am Nachmittag ging es dann weiter nach Segesta. Das antike Egesta gehörte zu jenen Siedlungen der Elimi, gegen die sich Selinunte die falschen Freunde ausgesucht hatte. Egesta war es, dass seine Freunde aus Karthago fragte, ob man da nicht etwas gegen diese lästigen Griechen aus Selinunte tun könnte. Und Karthago tat etwas, siehe oben. Aber auch Egesta bekam zu spüren, dass Bündnisse etwas sehr Wechselhaftes sein können und wurde letzten Endes zerstört und, wie man dachte, verlassen. Neuere Ausgrabungen haben jedoch die Reste einer Moschee und einer Kirche entdeckt, Beweis, dass der Ort wiederbesiedelt wurde und bis ins frühe Mittelalter bewohnt war.

sel6Heute sieht man vor allem das Amphitheater, für das quasi die halbe Bergkuppe abgetragen wurde. In der Antike wurde der Halbkreis durch eine Mauer geschlossen, die heute nicht mehr steht. Es müsste sonst sehr schwer gewesen sein, sich auf das Geschehen auf der Bühne zu konzentrieren, die Landschaft dahinter ist einfach nur großartig. (Obwohl die moderne Autobahn ziemlich stört.)

Der Tempel steht auf dem Nachbarhügel, monumental und grandios. Die Säulen tragen kein Dach, auch die Cella im Inneren wurde nie gebaut, so stehen nur die wuchtigen Säulen, noch unverziert: die Quintessenz eines Tempels…

sel5Die Mittagshitze war einem Wetterwechsel gewichen, Wolken blockierten die Sonne und tauchten Tempel und Umgebung in ein ganz seltsam leuchtendes Licht. Die Stimmung war fast schon andächtig zu nennen. Man sah immer wieder, wie sich Menschen auf einen Steinquader niederließen, um ein paar Minuten lang still diesen Anblick zu genießen, sozusagen den Tempel zu kontemplieren.

Auf der Heimfahrt erkannten wir schon von Weitem, dass eine dunkle Wolkenwand auf den Erice-Berg zukam. Sie floss über die Bergkante und hüllte uns auf den Serpentinen in immer dunkler werdenden Nebel ein. Ältere Konferenzteilnehmer erzählten von Tagungen im Winter, bei denen man im Nebel kaum die Hand vor Augen sah. Doch wenige Meter vor der Porta Trapani stießen wir durch die Wolkendecke – Erice lag im Sonnenschein oberhalb der Wolken.

sel7Zumindest vorerst. Als wir nach dem Essen zurückgingen, waberten die Wolken über den Häuserdächern. Und San Rocco tat so, als sei es ein Kloster in Schottland.