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Xiangtian-Tempel

a-xing1 Manchmal – und nicht auf jeder Reise – gibt es so etwas wie einen Faust-Moment. Einen Augenblick, der aus der Zeit tritt, der etwas öffnet in dir, von dem du möchtest, dass er noch ein kleines bisschen länger andauert. Auf dieser Reise kam er für mich im Xiangtian-Tempel. Eigentlich bin ich nur dahin gefahren, weil der Tempel von außen einen erfreulich drachen-armen Eindruck machte. Und weil er an der Linie 4 lag, die einzige der fünf Metro-Linien, auf der ich noch nicht gefahren war. Und weil ich noch zwei Stunden Zeit hatte bis zur offiziellen Konferenz-Exkursion zum Palastmuseum.

Der Tempel selber ist relativ jung, etwa 60 Jahre alt, und den Lehren von Meister Laotse gewidmet. Der mir wesentlich sympathischer ist als Konfuzius und von dem ich ein bisschen mehr kenne als nur Kalendersprüche.

Es war um die Mittagszeit, Mittagspause oder so, und die Menschen standen Schlange im Tempelhof.

Hinter dem Tempeltor war eine große Balustrade, auf der in mehreren Reihen blau gekleidete Mönche und Nonnen saßen und leise vor sich hin murmelnd lasen oder beteten. Davor, dicht gepackt, die Gläubigen, die im Rhythmus der Vorleser mitmurmelten. Die Luft war von einem vibrierenden Summen erfüllt.

a-xing2Zwischen Tor und Tempel stand eine große offene Halle und in ihr – den Rücken zu den Betenden vor der Balustrade – Schlangen von Menschen, geduldig wartend. Das Ende oder vielmehr das Ziel einer jeder Schlange war eine Nonne in Blau, die mit Räucherstäbchen in der Hand die Person direkt vor ihr betend segnete. Gelegentlich beugte sich jemand vor und flüsterte der Nonne diskret etwas ins Ohr, worauf diese nickte und sich auf einen Körperteil konzentrierte. Gelegentlich packte eine Großmutter aus einer mitgebrachten Tüte einen Stapel Babykleider aus, die intensivst beweihräuchert wurden. Unendlich langsam schoben sich die Schlangen vorwärts, betend, wartend, in ihrer Mittagspause. Nirgends gab es Zeichen von Ungeduld, nur das Gefühl einer tiefen, alles durchdringenden Spiritualität.

Ich stand zwischen den Betenden und den Wartenden und fühlte mich als ein Teil des Ganzen. Eingeschlossen, aufgenommen, einfach nur ruhig und glücklich.

Palast-Museum

museum Tja, wie soll ich das jetzt formulieren?

Also ich fand es nun, ja unterwältigend. War leider so gar nicht mein Ding. Obwohl ich mich wie ein kleines Kind drauf gefreut hatte. Alte Rollbilder, Bronzelöwen, Tuschezeichnungen, das ganze Programm halt eben. Gab es auch, wenn auch nicht genug, für meinen Geschmack. Was es gab, war eine Sonderausstellung zu einem italienischen Maler, der vor 300 Jahren am kaiserlichen Hof der Vorzeige-Ausländer war und dessen großformatige Bilder eine faszinierende Mischung aus europäischer und östlicher Technik zeigen. Dazu dann eine Sammlung von Schlachtenbildern, die der Kaiser hatte zeichnen und nach Frankreich schicken lassen, damit sie dort auf Druckplatten übertragen und gedruckt werden sollten. Als nach mehreren Monaten Wartezeit immer noch nichts in China ankam, schrieb der kaiserlich Hof einen etwas angesäuerten Brief. Die französische Antwort schob alle Vorwürfe weit von sich und alle Fehler auf das mitgelieferte chinesische Papier, die dito Tinte etc. Kam uns alles sehr bekannt vor: französische Handwerker und ihre Gründe, weshalb etwas nicht fristgemäß fertig gestellt werden kann.

museum2Und dann kam der Höhepunkt, das Highlight, der Schatz der Schätze, zu dem man nur abgezählt in kleinen Gruppen Zutritt bekam. Zwei Steine, der eine ein Brocken Jade, dessen natürlicher Farbverlauf von Weiß nach Grün dem eines Chinakohls, ja, genau!, entsprach, der dann auch folgerichtig daraus geschnitzt wurde, inklusive eines wirklich minutiös und wunderschön herausgearbeiten Grashüpfers. Und der zweite war ein kleiner Brocken, der aussah wie ein großes Stück Speck, inklusive Schwarte, das jemand aus der Linsensuppe herausgefischt, abgewischt und auf einen Goldsockel gestellt hat. Ganz ehrlich, wenn ich so was bei der Oma auf dem Speicher gefunden hätte, wäre das sofort bei E-bay gelandet.

Nehmt dazu noch unendliche Menschenmassen, die um einen herumwogen und -drängeln, einen Geräuschpegel, der mehr Fußballstadion als Museum war und ihr versteht vielleicht, warum ich froh war, da wieder heil heraus zu kommen.

Heute werden wir Taipei verlassen, eine Stadt, die mir sehr gut gefallen hat und mir– endlich, endlich – einen Ausweg aus meinem langweiligen Leben gezeigt hat. Leider konnte ich das Plakat aus dem Metrofenster heraus nicht fotografieren, so dass ihr mir das mal glauben müsst, den Werbespruch der Metro Taipei:

Take the Taipei metro – live a life full of fascination.

Taipei bei Nacht

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Taipei 101, 500 m hoch und bis vor kurzem höchstes Gebäude der Welt. Mit dem Aufzug kann man bis zum 89. Stock, etwa 380 m hoch.

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Dort hängt die 600 Tonnen schwere Kugel, deren träge Masse verhindern soll, dass die Turmspitze des Taipei 101 während eines Taifuns zu sehr ins Schwanken gerät.

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Die letzten drei Stockwerke bis zur Aussichtsplattform im 91. Stock muss man zu Fuß gehen, aber

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die Aussicht lohnt sich!

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Kontrastprogramm dazu: der Longshan-Tempel, der bis 22 Uhr geöffnet ist…

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und viele Gläubige anzieht.

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Natürlich gibt es Nachtmärkte, auf denen man

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fast echte Markenklamotten und Selfiestangen kaufen kann. Aber

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uns interessieren mehr die Fressbuden… Mein Abendessen heute: Tintenfisch am Stiel.

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Jede Menge Schweinereien…

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Noch ein Tintenfischgriller mit eigener Abluftfilteranlage…

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Zwar zum Anbeißen süß, aber… Und na klar: wir haben zuerst die Eltern gefragt!

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Keine Ahnung, was das war, Gemüsewurst vielleicht.

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Und nein, das haben wir uns nicht getraut, war aber sehr beliebt…

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Gute Nacht aus Taipei!

Sturheit und ihre Folgen

lin1  Eigentlich bin ich nicht stur, nicht wirklich. Oder nur manchmal und nur ein bisschen. Also immer dann, wenn die Dinge nicht so laufen, wie ich mir das vorgestellt habe. So wie vorgestern mit dem Anwesen der Familie Lin, das ja nun partout nicht da sein wollte, wo es laut Reiseführer sein sollte und wo – viel wichtiger – ich nach ihm suchte. Das hat mir keine Ruhe gelassen und ich habe nachgeforscht. Und dann bin ich gestern los, bewaffnet nur mit einer Faltkarte der U-Bahn und dem sparsamen Hinweis: An der Fuzhong Sation aussteigen, über die Fuzhong-Straße bis zur Wenchang, dort rechts und anschließend links in die Ximen-Straße. Fing ja schon gut an mit rechts und links. Aber die Stadt muss mit solchen Richtungslegasthenikern wie mir gerechnet haben und hatte ein freundliches kleines Schild: „Zum Anwesen der Familie Lin“ aufgestellt. lin5An der vierspurigen Kreuzung Fuzhong/Wenchang schwang sich eine Überführung in die Höhe. Treppensteigen bei über 35 Grad, och nöö, gibt es da nicht eine andere Lösung? Und dieser kurze Moment des Überlegens, des Zögern brachte einen älteren Herren dazu, mich zu fragen, wo ich denn hin wollte. Auf meine Antwort, zum Lin-Haus, nickte er und winkte mit der Hand: „Follow me, follow me!“ Dann besann er sich kurz und zückte eine Visitenkarte, wohl um mich seiner guten Absichten und seiner Seriosität zu versichern. Ich hatte inzwischen schon so einige Visitenkarten entgegengenommen, dass ich die Etikette beherrschte: mit beiden Händen entgegennehmen und erst einmal aufmerksam lesen, bevor man sie einsteckt. Vielleicht sollte ich mir auch eine Visitenkarte machen lassen, so im Stil: Paonia – Reisen aller Art. Jedenfalls spurtete dieser freundliche und hilfreiche Herr vor mir die Treppe hoch und über die Passage, wo die ebenfalls freundliche und hilfreiche Stadt Taipei wieder eilin0n Schild aufgestellt hatte, das nach rechts zeigte. Er aber winkte dieses Schild weg – „Big roads, I show better way!“ -, drehte sich nach links und tauchte mit mir ein in ein Gewirr von kleinen Gässchen, die durch die Marktstände und Garküchen noch enger wurden, was aber weder Fahrrad- noch Mopedfahrer wesentlich langsamer werden ließ. Mein „Follow me, follow me!“-Führer schlängelte sich durch das Gewühl und erzählte mir, dass sein Englisch nicht sehr gut sei, dass er einmal in der Regierung gearbeitet hätte, jetzt aber pensioniert wäre und dass sein Englisch nicht sehr gut sei, er einmal in der Regierung gearbeitet hätte, jetzt aber pensioniert wäre und … Mit dieser „Diskussion“ beschäftigt bogen wir um ein paar Ecken und kamen schließlich zur Rückwand des Anwesens. Zwei Ecken weiter standen wir vor dem Tor, wo er es sich nicht nehmen ließ, mir ein englischsprachiges Faltblatt aus dem Ständer herauszusuchen. Ich fragte die junge Frau im Glaskasten am Eingang, was ich zu bezahlen hätte und sie strahlte mich an: „It’s free! Welcome to Taiwan.“ Dann bedankte ich mich noch eimal ganz herzlich bei meinem Führer und tauchte ein in die grüne Oase des Gartens. Ein letzter Blick zurück zeigte mir, dass er gerade dem Personal am Eingang seine Visitenkarte überreichte und ihm wahrscheinlich erklärte, dass er früher mal….

lin2Lin senior war vor über 200 Jahren ein kleiner chinesischer Kaufmann, der nach Taipei kam und dort ein großes Vermögen machte. Mit diesem Geld ging er zurück in seine Heimatstadt, wahrscheinlich um es denen mal richtig zu zeigen, und kaufte sich einen hohen Regierungsposten. Aber irgendwie war das mit dem Angeben und dem Regieren dann doch nicht sein Ding, so dass er damit nach kurzer Zeit wieder aufhörte und nach Taipei zurückkehrte. Er legte den Grundstein für das Anwesen, das zwei noch erfolgreichere Söhne für die eigenen Familien erweiterten, so dass man heute durch eine weitläufige Anlage schlendern kann. Die Wohn- und Amtsgebäude stehen in einem chinesischen Garten mit künstlichen Felsen und Wasserläufen, Terrassen laufen um Seerosenteiche und hinter der hohen Mauer, die das Anwesen schützte, stehen die Hochhäuser der modernen Stadt, hört man den Verkehr brausen. lin3Drinnen, in dieser Oase der Ruhe und der Natur im Teehaus einen Tee zu genießen, sei ein ganz besonderer Genuss, eine Auszeit der besonderen Art, hatte in meinem Taipei-Reiseführer gestanden. Das wollte ich natürlich haben, da hatte ich mich den ganzen Morgen drauf gefreut. Aber das Teehaus war geschlossen und so war nix mit Tee und Auszeit und so. Stattdessen gab es dann eine Flasche – lauwarmes – Mineralwasser vom Souvenirkiosk. Die allerdings auf einer Steinbank am Ufer des „Teichs im Schatten des Banyan-Baumes“. Und so saß ich ruhig und zufrieden unter dem Banyanbaum, konnte den unerfüllbaren Traum des Teetrinkens loslassen und mich stattdessen am Mineralwasser erfreuen.

So viel Weisheit hätte ich mir gar nicht zugetraut.lin4

Im Bauch des Kolosses

dinner2Zum Glück habe ich mich ja am Sonntag nicht allzu lästerlich über diesen Hotelkoloss in Rot geäußert. Da wäre es mir nämlich jetzt etwas peinlich zugeben zu müssen, dass wir da gestern Abend gegessen haben. Das Konferenzdinner fand in diesen mächtigen Hallen statt.

Da wir wie das englische Königshaus getrennt angereist waren, Monsieur mit Kollegen im Bus (und im Stau) von der Academia aus, ich mit der U-Bahn, war ich natürlich früher da und konnte mir eine kleine – nicht-alkoholische – Einstimmung in der Lounge des Hotels gönnen. Irgendwann habe ich mich dann auch getraut, den Fotoapparat zu zücken und verstohlen und schnell ein Foto zu machen. Kam mir aber schon wie Lieschen Müller aus der Provinz vor. Diese Bedenken hatte die Busladug koreanischer Touristen nicht, die kurz danach im Hotel einfiel. Da waren die Kameras schon draußen, als sie kaum durch die Eingangsür waren.

Monsieurs Bus kam und man wurde das Gefühl nicht los, dass die Herren und Damen Professoren alle mit einander verwandt waren. Der Veranstalter hatte jedem Teilnehmer für die Mittagspause Gutscheine für eine Lunchbox ausgestellt und diese in der Klarsichthülle der Namensschilder verstaut. Da diese Schilder aber um den Hals hingen und sich dauernd drehten, entstand der Eindruck, dass jeder zweite Teilnehmer „Lunchbox“ hieß.

dinner1Die Damen und Herren Lunchbox versammelten sich im schön gedeckten Saal, in dem schon zwei junge Frauen mit Zitter und Bambusflöte für Atmosphäre sorgten. Und dann wurde auf dem großen Glasdrehteller in der Mitte aufgefahren, insgesamt 21 Gänge haben wir gezählt. Darunter Gerichte mit so poetischen Namen wie „Buddha sprang über die Mauer“ – weil die Suppe so gut roch – und kulinarische Herausforderungen wie Tintenfischroggen und Quallenragout. Ein ganzer Fisch war dabei und ein komplettes Huhn im Topf, alles mit Stäbchen zu zerlegen. Für die Suppe gab es natürlich Löffel, aber die durchsichtigen Bandnudeln aus Bohnenmehl wehrten sich wirklich nach Kräften gegen die Stäbchen.

Falls ihr wissen wollt, was es sonst noch gab, schaut euch doch einfach die Menü-Karte an. Noch Fragen?

Wen Shan, Bilochun und Chi Chong Pouchong

a-dag2  Heute Morgen ist mir die U-Bahn vor der Nase weggefahren und es dauerte dann doch tatsächlich vier Minuten, bis die nächste kam. In dieser Zeit zeigte mir eine Sprecherin am Bildschirm: Taipei metro cares for you. Wie schön! Als Erstes wurde mir erklärt, wie ich die Rolltreppe richtig benutze, wofür ich sehr dankbar war, schließlich lernt man gerne etwas dazu. Dann wurde mir gesagt, dass ich doch bitte meinen Sitzplatz für Ältere, Behinderte oder Schwangere (in genau dieser Reihenfolge!) freimachen sollte. Das alles dargestellt bzw. eingefordert von jenen stupsnäsigen und großäugigen Manga-Figuren, die zwar ganz niedlich wirken, aber für mich immer so aussehen, als ob sie der Komplexität des Lebens ziemlich rat- und hilflos gegenüberstehen. Die Sprecherin erschien wieder und versicherte mir nochmals: Taipei metro cares for you. Und dann zeigten sie ein Video über korrektes Verhalten bei einem Erdbeben. Dreimal hintereinander! Diesmal mit echten Menschen und nicht mit Comic-Figuren! Ich war sehr gerührt von so viel Fürsorge der Metro. Zum Glück kam dann der Zug, so dass ich mich nicht mit noch mehr Naturkatstrophen und dem rechten Umgang damit auseinandersetzen musste. Behinderte und Schwangere habe ich keine gesehen im Wagen, älter bin ich selber, also konnte ich meinen Sitzplatz mit gutem Gewissen einnehmen.

Heute morgen wollte ich in den Datong–Distrikt mit seinen Marktgassen. Angeblich soll da auch ein Original–Anwesen aus dem 19. Jhd. sein. Das Anwesen existiert, das habe ich – in der Theorie – inzwischen herausgefunden, nur nicht da, wo es in meinem Reiseführer verzeichnet ist. Vielleicht klappt das Donnerstag noch. Aber das war nur eine halbe Stunde vergeudeter Suche in einem sehr schönen Morgen und führte mich letztendlich durch noch kleinere Gässchen mit Marktständen zurück zur U-Bahn. Auf dem Hinweg war mir wieder aufgefallen, was mich gestern schon so fasziniert hat: kleine Läden treten hier immer in Clustern auf. Eine ganze Gasse voll Moped-Schrauber, eine ganze Gasse voller Weihrauch und Buddha-Figuren-Schaufenster. a-dag3Hier waren es Stoffläden und Läden mit Getrocknetem. Manches davon konnte ich auf den ersten Blick erkennen, Pilze, winzige Fischlein, Beeren, manches stand angeschrieben in zwei Sprachen, getrocknete Abalone-Muscheln, getrocknete Schwalbennester (100% garantiert ohne Federn!) und manches sah so seltsam aus, dass ich lieber nicht nachfragen wollte. a-dag4Zwischen all dem der Tempel des Stadtgottes, der mit seinem vorgebauten Zeltdach auf den ersten Blick auch fast wie ein Marktstand wirkte. Der Betrieb, der in diesem Tempel herrschte, lässt sich vielleicht auch dadurch erklären, dass der langbärtige Gott links auf dem Altar als zuverlässiger Ehestifter verehrt wird.

Einige Sträßchen weiter wartete ein kleiner Tempel mit einer Besonderheit auf: in Hunderten von Nischen glühte jeweils ein LED-Lämpchen vor einem Gebetstext. Die Götter gehen mit der Zeit. Gefunden hatte ich diesen Tempel, weil ich auf der Suche nach der Wang Tea Factory war.a-dag1 Dort gab es dann eine Auszeit für Füße und Seele. Im angenehm kühlen Verkaufsraum wird Tee zelebriert. Man erhält seine Auswahl in kleinen Tässchen, testet, ob einem der erste, zweite oder dritte Aufguss mehr zusagt, trinkt einen Schluck Wasser zwischen verschiedenen Teesorten und spült nicht nur Tasse und Teekanne sondern auch das Sieb aus. Die Tees tragen dann so schöne Namen wie Wen Shan, Bilochun oder Chi Chong Pouchong. Und natürlich gibt man zum Schluss viel mehr Geld für Tee aus als man eigentlich vorhatte.

Man gönnt sich ja sonst nix!

Montags macht Konfuzius blau

 (Der Alternativ-Titel:  „Halbnackt im Tempel“ erschien mir dann doch zu reißerisch.)

a-taipei3Von Konfuzius kenne ich zugegebenermaßen auch nicht vielmehr als ein paar Kalenderblatt-Weisheiten. Das bekannte „Was du nicht willst, dass man dir antut…“, seine Haltung zur Familie, zu alten Werten und Traditionen. Und dann die Geschichte mit dem Respekt und dem Gehorsam. Den man z.B. seiner Regierung entgegenzubringen habe. Da fängt es bei mir halt schon an zu knirschen. Und dabei bin ich noch gar nicht bei den drei Gehorsamspflichten der Frau angelangt. Er ist also nicht so mein Lieblingsphilosoph. Trotzdem fand ich es nicht gut, a-taipei10dass er montags einfach blau macht. Am Tempeltor standen die Öffnungszeiten, aber quer davor verschloss ein Gitter den Zugang. So viel also zu alten Werten wie Verantwortungsbewusstsein und Zuverlässigkeit. Damit ich diesen Abstecher auf der Linie 2 nicht ganz umsonst gemacht hatte, gab es gleich gegenüber den Baoan Tempel. Man musste nur über einen kleinen Vorhof mit ziemlich vielen, ziemlich kitschigen Drachen und stand vor dem Eingangstor.a-taipei9 Im Tempelinneren, vor den Altären am Eingangstor, fand ein Fotoshooting statt. Ein Model in hochtransparenter und tief ausgeschnittener, schwarzer Spitzenrobe zeigte, dass bei dieser Hitze jedes Stück Unterwäsche zu viel wäre und drehte und wendete sich zu den Angaben der Foto-Crew. Das ganze nur wenige Schritte von den Gläubigen entfernt, die sich, Räucherstäbchen in den gefalteten Händen, vor den Altären verneigten.

Das war dann mein letzter Tempel für heute gewesen, denn mein Plan, eine kleine Weisheitspause im Black Tea House einzulegen, scheiterte an meiner Größe. Unten waren alle Plätze besetzt, also schickte man mich hinauf auf die Galerie. Die sah von unten zwar ganz niedlich aus, hatte aber eine so niedrige Decke, dass ich nur mit eingezogenem Kopf sitzen konnte. Da habe ich dann auf den Weisheitsgewinn verzichtet und bin mit der Linien 2, 5 und 1 nach Hause gefahren. Das ist schon sehr Paonia-freundlich organisiert mit dem U-Bahn-Fahren. Die Linie 1 hält quasi direkt vor dem Hotel, sie fährt hier als Hochbahn, fast am Frühstücksraum im 3. Stock vorbei.

a-taipei2Nachdem der freundliche Herr am Schalter mir heute Morgen meine Easy-Card aufgeladen hatte, brachte er mich auf meine Frage noch persönlich zum richtigen Gleis. Die Linie 1 nimmt man bis zur Endstation, die gleichzeitig auch die der Linie 5 ist, also gibt es da keine Diskussionen in welche Richtung man die U-Bahn nehmen soll. Mein erstes Ziel, der Longshan-Tempel, hat seine eigene Station, auch praktisch. a-taipei1Und von da aus sah und vor allen Dingen roch man den Tempel schon. Als einer der wichtigsten Tempel Taipeis steht er in einer Weihrauchwolke. Und zeigte mir zum ersten Mal, wie völlig anders hier der Umgang mit Farben und Figuren ist. Mir liegen ja die japanischen Tempel mehr mit ihrer dunklen Strenge, deshalb fand ich den Figurenschmuck der Tempel hier schon sehr überwältigend. Außerdem hatte ich noch nie einen Tempel mit LED-Laufschrift gesehen. Keine Ahnung, was da stand! Vielleicht das Angebot des Tages: Heute drei Sünden zur Buße von einer?

a-taipei4In der Nachbarschaft des Tempels haben sich noch einige alte Gassen erhalten, die z.T. Freiluftmarkt für Kräuter und Pflanzen, z.T. restaurierte Museumsstraßen sind. Beiden gemeinsam war die Vielzahl kleiner Garküchen, die alle gut besucht waren. Es war zehn Uhr morgens und mir war nicht klar, ob sich die Menschen ein spätes Frühstück oder ein frühes Mittagessen gönnten. Ich bin durch diese Gässchen geschlendert, wegen der Hitze immer schön auf der Schattenseite, als mir ein älterer Herr entgegenkam. Er strahlte mich an und nickte: „Very hot!“

Ich nehme mal an, er meinte das Wetter…

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So sieht der Drache von vorne aus …

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… und so von hinten… (Baoan-Tempel-Distrikt)