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Wie schön, wieder zuhause zu sein

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Thessaloniki überrascht uns heute morgen mit heftigen Regenschauern, so dass unsere kurz angedachten Pläne zur Rückeroberung der Festung im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fallen. Monsieur huscht, in einer Mischung aus Neugier und Sturheit, noch einmal schnell zur Agia Sofia.

Und dann sitzen wir – viel zu früh – im Flughafen Thessaloniki, der es an Charme durchaus mit einem Provinzflughafen in – sagen wir mal – Laos aufnehmen kann. Nach den gestrigen Stauerlebnissen hatten wir eine großzügige Zeitreserve eingeplant. Natürlich kommen wir reibungslos durch. Der Abflugbereich ist fest in der Hand mitreisender Kleinkinder. Auch in Zürich, wo wir sehr lange auf unseren Anschlussflug warten müssen, können wir die Freuden des Reisens mit kleinen Kindern miterleben. Der Kleine klebt mit der Nase am Fenster, der Vater auf dem Stuhl daneben liest ein Buch. Mit der Ausdauer, zu der nur Zweieinhalbjährige fähig sind, fragt er ununterbrochen: „Papa, ist das unser Flugzeug? Papa, ist das unser Flugzeug? Papa, ist das unser Flugzeug? Papa, ist das unser Flugzeug?“ Der Vater, ohne die Augen vom Buch zu heben, antwortet jedes Mal mit „Nein!“. Irgendwann bemerkt der Kleine den Betrug und denkt sich etwas anderes aus: „Papaaa, wohin fliegt das Flugzeug?“ Der Vater, weiterhin ins Buch vertieft, wirft die Namen sämtlicher Großstädte ein, die ihm gerade einfallen. Der Kleine, mit diesem unheimlichen Gespür der Kinder für geistigen Eskapismus ihrer Eltern, hat es irgendwann satt und schmeißt sich schreiend auf den Boden: „Ich will, dass unser Flugzeug jetzt kommt! Ich will, dass unser Flugzeug jetzt kommt! Ich will, dass unser Flugzeug jetzt kommt!“ Und hat plötzlich die volle Aufmerksamkeit seines Vaters.

Leider ist der Tobsuchtsanfall nicht wirklich zielführend – das Flugzeug kommt nicht -, sonst wäre ich versucht gewesen, diesen Ansatz auch einmal auszuprobieren. Unsere Wartezeit zieht sich und zieht sich.

Spät in der Nacht kommen wir dann zuhause an, wo uns die Katze anmault, wo wir denn jetzt schon wieder gewesen wären. Viel schlimmer ist aber die zwar wortlose, aber ums ausdrucksvollere Nörgelei des Gartens. Der es hochgradig unfair findet, dass immer nur die Katze gegossen wird, Streichelei hin und her.

Wie schön, wieder zuhause zu sein.

 

PS: Wir haben ihnen noch nicht erzählt, dass wir am Sonntag schon wieder fahren. Eine Woche Klosterleben in einem Land, dessen Sprache ich nicht beherrsche: Bayern.

Sh*t happens

e1Stoa hin und Stoa her, es gibt Tage, die eher der philosophischen Schule des Sh*t happens anhängen.

Heute Morgen will ich Monsieur meine top five von Thessaloniki zeigen. Aber damit auch für mich noch etwas Neues dabei ist, wollen wir mit der Osios David Kirche des alten Latamou-Klosters anfangen. Ganz uneigennützig ist der Vorschlag nicht. Dieses Kloster liegt in einem Gewirr engster Gässchen, in die kein Taxi vordringen kann. Und mein Stadtplan auch nicht. Ich habe ja nur ein Dummphone, ein Handy, das sich in seiner Dummheit (oder Weisheit?) aufs Telefonieren beschränkt. Für so diffizile Aufgaben wie der Orientierung in schmalen Gässchen kommt mir Monsieurs Lebensgefährtin dann aber ganz zupass. Damit Monsieur gar nicht erst auf den dummen Gedanken kommen kann, da zu Fuß hoch laufen zu wollen, stoppe ich ein Taxi und halte meinen Zeigefinger auf den Stadtplan. Der Taxifahrer nickt und erklärt dann wort- d.h. eher gebärdenreich, dass er uns in die Nähe fahren kann, wir den Rest aber – Zeige- und Mittelfinger werden wie im Laufschritt bewegt. Wir verstehen.

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Die kleine Kirche, von der wir uns viel erwartet hatten, ist dann eher enttäuschend. Unesco-Weltkulturerbe wohl deshalb, weil sie einen wichtigen Wendepunkt in der Architekturgeschichte darstellt. Von dem aber in dem, was heute übrig ist, fast nichts mehr zu erkennen ist. Trotzdem liegt das Kirchlein sehr schön, mit Blick auf die Bucht, und wir wissen nun, dass wir uns nicht sagen müssen: Hätten wir in Thessaloniki doch nur noch…

Von dort aus geht es bergab, meinem Stadtplan nach. Monsieur wirft ab und an einen Blick auf seine Lebensgefährtin, bis ich ihm die Vertrauensfrage stelle. Er ist ein kluger Mann und steckt sein Handy weg. Der Stadtplan und ich, das ist eine ganz besondere Beziehung. Meist sind die kostenlosen Pläne, die man im Hotel oder in der Tourist-Information erhält, nicht von allerbester Qualität, ein DIN A 3 Blatt, gefaltet, bunt bedruckt. Und mit jedem Auseinander- und Zusammenfalten leidet der Plan ein bisschen. Die Faltkanten werden weich, brüchig, fransen aus. Die Farben bleiben an der Fingerkuppe haften. In der Mitte des Plans tun sich Löcher auf, die sich zu Rissen erweitern, bis man dann gelegentlich mehrere Plänchen in der Hand hält. Für mich sind das die Zeichen, dass ich mich mit einer Stadt auseinandergesetzt habe, mir die Mühe gemacht habe, sie zu erleben, sie ein bisschen kennen zu lernen. So etwas kann doch ein simples Smartphone nicht ersetzen.

Ich zeige Monsieur das Alatza Imaret, lade ihn zum Kaffee im Badehaus ein und führe ihn in die Unterwelt der Agios Dimitrios. Wo er dann die Fotos macht, die ich vorgestern so gerne gemacht hätte. In einer Seitenstraße finden wir ein „Poeten-Café“. Nicht nur, dass die Karte handschriftlich in ein kleines Schulheft eingetragen ist, die Gäste sollen sich frei fühlen, auf den leeren Seiten eigene Gedichte einzutragen.

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Und dann wird meine top five Liste doch arg zusammen gestrichen. Panagia Acheropiitos, die Monsieur, sich verhaspelnd, zu Panagia Archaeopteryx macht – und das bleibt dann haften – ist schon geschlossen und ich kann ihm nicht die Schicht-Mosaiken zeigen. Von den lustigen Ofenrohren ganz zu schweigen. Da waren es nur noch top four. Aber die dunkle Schönheit Agia Sofia hat auch schon die Tore geschlossen. Wieder geöffnet um 18:30. Abfahrt zum Konferenzdinner: 19 Uhr. So wird das nichts mit dem Besichtigen heute.

Das Konferenzdinner soll in einem Strandrestaurant einige 20 km südlich von Thessaloniki stattfinden. Der erste Bus kommt, füllt sich und fährt um 19 Uhr. Wir warten auf den zweiten, der nach einer halben Stunde endlich anrollt. Doch statt die Türen zu öffnen, diskutiert der Fahrer ziemlich aufgebracht durchs Fenster mit einem der Organisatoren. Währenddessen jagt eine Kavalkade Motorradpolizei an uns vorbei. Endlich können wir einsteigen, aber der Fahrer ist so schlecht gelaunt, dass er keinen anschaut und auch nicht auf Begrüßungen reagiert. Es geht los, doch nach einigen Hundert Metern ist die Straße blockiert. Zwei Mannschaftsbusse der Polizei stehen quer über die vierspurige Ausfallstraße, davor eine Sitzblockade von Demonstranten, kritisch beäugt von Motorradpolizisten. Wer auch immer da demonstriert, meine Sympathie hat er. Aber wohl nicht die des Busfahrers, der jetzt auf der Einbahnstraße wenden und sich durch enge, zugeparkte Gässchen in die Parallelstraße zwängen muss. Dort geht es auch kaum vorwärts. An der nächsten Ampel sehen wir den Grund. Die Polizei hat die Straßen um die Demo auf der Strandpromenade herum weiträumig abgesperrt und der ohnehin schon chaotische Verkehr kommt fast vollends zum Erliegen. Statt an der Strandpromenade entlang zum Ziel zu fahren, quält sich der Bus nun unendlich langsam durch die Stadt, bis wir dann auf die Autobahn und in einem sehr weiten Umweg wieder ans Meer kommen. Wir durchqueren einen kleinen Ort, in dem eine Hochzeit aus dem Hof der Gastgeber auf die Straße heraus quillt. Das Brautpaar steht inmitten blauweiß gedeckter Tische und eine kleine Armee von Freunden oder Verwandten wendet Spießchen auf Holzkohlegrills. Auf dem Rückweg hat die Feier dann endgültig die gesamte Straße erobert, aber da haben wir einen anderen Busfahrer, der das genauso amüsant findet wie wir. Kurz vor neun Uhr kommen wir am Ziel an. Die Tische sind nun schon alle besetzt, das Büffet nur noch lauwarm. Aber unten am Strand stehen Tischchen und Stühle und da sitzen wir dann in einer lauen Sommernacht, die Füße fast im Wasser. Gibt Schlimmeres. Gegen zehn Uhr kommt schließlich der letzte Bus an, den das oben erwähnte Prinzip besonders hart getroffen hat. Aufgrund der Absperrungen ist der Bus erst um acht Uhr vorm Hotel erschienen und – kaum losgefahren – mit Motorschaden liegen geblieben. Es dauert eine Stunde, bis der Ersatzbus durchkommt und eine weitere Stunde, bis er endlich am Ziel ist. Das Büffet – vielmehr die Reste – sind nun natürlich kalt. Aber immerhin kommen sie gerade rechtzeitig zur Darbietung der Volkstanzgruppe, die zum Programm des Abends gehört. In wunderschöne Trachten gekleidete Frauen und Männer zeigen das seltsame Balzverhalten des ländlichen Makedoniens. Erst tanzen die Damen, weißes Taschentuch in der Hand, rechts herum, dann die Herren, weißes Taschentuch in der Hand, links herum. Dann das Ganze umgekehrt. So geht es eine Weile, ohne dass es zu einer Berührung, nicht mal der Fingerspitzen, kommt. Da aber die Makedonier nicht ausgestorben sind, wird diese Art des Werbens schon zum gewünschten Ziel geführt haben.

Die Rückfahrt ist dann bis auf die „Straßensperre“ der Hochzeit völlig reibungslos. Allerdings  setzt uns der Bus ein paar Hundert Meter vorm Hotel ab, da die Promenade immer noch durch die Demonstration gesperrt ist.

Am nächsten Morgen erfahren wir, dass dort Flüchtlinge durch die Sitzblockade auf ihre ausweglose Situation in griechischen Lagern aufmerksam machen wollten.

Und damit wird all der „sh*t“, der uns gestern „happened“ völlig belang- und bedeutungslos.

 

Schwarmintelligenz

(Keine Fotos heute)

Die Stoa lehrt uns, unser Schicksal ruhig und gelassen, also stoisch, anzunehmen – habe ich jetzt noch mal schnell auf Wikipedia nachgelesen. Heute ist nämlich ein Tag philosophischer Erleuchtung. Fängt an mit zwei Vorlesungen, die die Organisatoren vor die Exkursion gelegt hatten. Zum einen zu Aristoteles‘ Verständnis von Realität, zum anderen zu den Königsgräbern in Vergina. Aristoteles bekommt es gleich mit der Realität zu tun, als der Sprecher feststellen muss, dass sein Vorgänger aus Versehen die Fernbedienung für den Beamer eingesteckt hat und er uns somit seine Präsentation nicht zeigen kann. Als dieses kleine Problem gelöst ist, geht es los mit Platos Einfluss auf Aristoteles. Dann kommt Aristoteles Definition von Wissen und dann ein nahtloser Übergang zur Thermodynamik. Ab und zu finde ich so etwas ja richtig gut, so eine kleine Lektion in Demut, die mir mal wieder zeigt, wie wenig ich weiß und verstehe. Auch die Königsgräber haben ein Problem, da der eingeladene Archäologe aus familiären Gründen absagen und die Organisatorin deshalb schnell eine Präsentation zusammenstricken muss. Schwerpunkt ist nicht die Information zu den Gräbern, sondern der Hinweis, dass Makedonien immer schon griechisch war, ist und sein wird, dass seine Bewohner, seine Sprache und Kultur immer schon siehe oben und dass niemand das Recht hat, etwas anderes zu behaupten. Dieser ganz offensichtlich heikle Punkt wird mehrmals aufgegriffen.

Dann wird das Plenum aufgefordert, am Ausgang der Halle sein jeweiliges Lunchpaket zu schnappen und sich zu den Bussen zu begeben. Unser Bus schaukelt uns erst mal sehr langsam durch die Dauerbaustelle der U-Bahn und dann durch wenig ansprechende Landschaften zu einer Halva-Fabrik. Das ist wohl als Gegengewicht zu zuviel kulturellem Input gedacht. Jeder bekommt vor der Besichtigung ein Haarnetz zugeteilt. Und nein, es ist kein Trost zu wissen, dass alle anderen genauso bescheuert aussehen mit diesem Ding auf dem Kopf. Wir gehen durch mehrere Räume, in denen Halva und Baclava hergestellt werden und der bleibende Eindruck ist: furchtbar heiß, furchtbar laut und schon beim Zuschauen anstrengend. Meine Hochachtung den Arbeitern und Arbeiterinnen. Im zweiten Teil der Führung gibt es natürlich die Verkostung dieser süßen Teile. Egal, wie weit wir heute laufen, es wird sicher nicht diese Kalorienbomben aufwiegen.

Dann kommt unsere Lektion in Stoizismus. Der Bus bringt uns zu Aristoteles‘ Schule, vorbei an einem Hinweisschild zu eben dieser, auf einen großen Parkplatz. Wo unsere zwei Busse nebenbei bemerkt die einzigen Fahrzeuge sind. Die zwei jungen Studentinnen, die für die Führung zuständig sind, schauen sich etwas hilflos um, telefonieren und schlagen dann einen unbefestigten Feldweg ein, der in glühender Hitze steil bergauf führt. Der gesunde Menschenverstand hätte einem sagen können, dass das nicht richtig sein kann. Im Bus waren Blätter mit Informationen ausgeteilt worden. Da war die Rede von schattigen Tälern, von Quellen und Nymphen. Und ich glaube nicht, dass staubige Feldwege in der job description einer Quellnymphe vorkommen. Hundert Leute sind aber zu höflich, die jungen Mädchen mit ihren Zweifeln zu konfrontieren und so quälen wir uns in der Hitze den Berg hoch. Eindeutiger Beweis dafür, dass Schwarmintelligenz beim Menschen nicht funktioniert. Nachdem wir eine halbe Stunde gelaufen sind (eigentlich zu der Uhrzeit, zu der wir wieder am Bus sein sollten), tauchen rechts und links sei Bauruinen mit einer Meute kläffender Hunde auf. Die Mädels haben wohl jetzt selbst Zweifel bekommen und befragen einen Mann, den der Terror seiner Hunde aus dem Haus gelockt hat. Der bleibt erstmal verwundert vor seiner Besuchermenge stehen und holt dann aus. Seine Armbewegung umfasst eine Menge Gegend, Olivenhaine, Bergkuppen, dazwischen liegende bewaldete Täler. Die Mädels müssen erkennen, was uns eigentlich schon längst klar war: wir haben uns verlaufen. Und stoisch machen wir uns wieder an den Abstieg. Nicht ohne einigen der außereuropäischen Konferenzteilnehmer, die wie wild die Bauruinen als vermeintliche Schule des Aristoteles fotografiert hatten, ihre Illusion zu nehmen. Unten im Tal, auf der anderen Seite des Parkplatzes gibt es eine Quelle unter riesigen Eichen, dazu zwei Bänke und in der Ferne das oben erwähnte Hinweisschild. Einige der Nicht-Physiker streiken einfach an diesem Platz. Sollen die Physiker hinlaufen – immer vorausgesetzt, die Mädchen kriegen es jetzt hin – ein paar andachtsvolle Tränchen verdrücken, wir gönnen es ihnen. Die Bilder auf dem Info-Blatt waren sowieso nicht sehr beeindruckend. Monsieur kommt zurück und hat ganze drei Fotos gemacht. Q.E.D.

Die Stimmung im Bus schwankt danach zwischen Stoizismus und Zynismus. Es wird andiskutiert, ob wir beim Exkursionsziel nicht erstmal eine halbe Stunde im Bus warten sollen. Natürlich haben wir das nicht getan. Und das ist auch gut so. Wir durften in den letzten Jahren so manch Schönes und Außergewöhnliches sehen, dieses Grab gehört sicher zu den Höhepunkten. Viele glückliche Umstände kamen zusammen. Das Grab wurde erst in den 1970ern entdeckt. Es war vollkommen unberührt, nicht geplündert. Professionelle Archäologen leiteten die Ausgrabung und Bergung der Schätze. Es waren der Willen und das Geld da, an Ort und Stelle ein besonderes Museum zu bauen. Das Museum liegt sozusagen im Grabhügel. Man geht durch einen Gang in den Hügel hinein, wo im Halbdunkel die immensen Goldschätze in ihren beleuchteten Vitrinen umso intensiver funkeln. Das Hauptgrab wird aufgrund der Funde Alexanders Vater, Philipp II,  ein zweites Roxanne und Alexanders jungem Sohn zugeschrieben. Die Vitrinen zeigen die Goldkisten, jede hergestellt aus über 25 kg Gold, die nach der Einäscherung die Knochen aufnahmen, darüber jeweils eine elaborierte Krone aus Goldblättern; Blüten und Bienen bei Roxanne, Eichenlaub, Zeus‘ Baum und damit ein Hinweis auf seine angebliche Abstammung, bei Philipp. Daneben eine Rekonstruktion der Totenbetten, von denen nur der Elfenbeinschmuck erhalten geblieben ist: Jagd- und Kampfszenen mit so fein gearbeiteten handgroßen Figuren, dass die Archäologen die Gesichter anhand klassischer Texte zuordnen konnten. Auch Philipps Rüstung und sein Prachtschild sind erhalten und das prunkvolle Geschirr, das dazu diente, ihn ein letztes Mal zu baden und zu salben. Das alles in einem fast völlig dunklem Raum mit nahezu sakraler Atmosphäre. Dann werden wir einen Gang entlang geführt und stehen vor der Tür des Grabes, so wie vor über 40 Jahren der glückliche Finder. „Wie ein Nobelpreis“ sei so ein Fund für einen Archäologen, erklärt unser Führer, selber Archäologe, und weist auf das große Problem hin. Die massiven Marmortüren sind tonnenschwer, aber das sei nicht was wahre Problem. Der gesprungene Türsturz darüber zeigt an, dass das ganze Gewölbe einbrechen könnte, wenn man die Türen zu öffnen versuche. In dieser Situation haben die Archäologen auf einen Trick ihrer ärgsten Konkurrenten zurückgegriffen. Grabräuber verschufen sich oft Zugang zu verschlossenen Gräbern, in dem sie den Schlussstein des Gewölbes aushebelten und sich dann von oben in das Grab abseilten. Auf diesem Weg wurden hier die Schätze geborgen und auf diesem Weg gelangen die Archäologen nach wie vor zu Forschungszwecken in das Grab. Über den Türen des Grabes würdigt ein Fresko den Toten, demonstriert aber auch die neuen Machtverhältnisse: Philipp wird gezeigt, wie er einen Löwen erlegt. Aber in der Bildmitte, hoch zu Ross, dominiert der neue junge König, eine klare Ansage.

Unser Führer bringt uns dann wieder zum Eingang zurück, nicht ohne anhand der griechisch beschrifteten Grabsteine, die man ebenfalls im Hügel gefunden hatte, noch einmal darauf hinzuweisen, dass die Makedonier griechisch schrieben, sprachen, dachten und dass – aber das hatten wir ja schon geklärt.

Wir sind wirklich begeistert von diesem Teil der Exkursion, doch schon bald flackern die nächsten Zweifel auf. Unser Bus quält sich ein so enges Bergsträßchen hoch, dass er an einigen Stellen stehen bleiben und mehrmals ausholen muss, um um die Kurven zu kommen. Als wir fast sicher sind, dass wir uns wieder verlaufen haben, taucht auf dem Hügel Estate Kalaitzis auf, das Restaurant, in dem wir auf der Terrasse zu Abend essen werden. Eine Live-Band spielt  griechische Musik. Der Blick ist grandios, die Stimmung auch. Eigentlich sollen die Busse uns um halb zehn wieder zurück nach Thessaloniki bringen, aber da wird dann erstmal nichts draus. Denn bevor sie uns zum Einsteigen auffordert, stellt die Organisatorin die Band und ihre Mitglieder vor. Die auf unseren Applaus mit einer Zugabe reagieren: den Sirtaki aus Alexis Sorbas.

Und damit ist dann vorerst nicht mehr die Rede vom Heimfahren.

Touristischer Opportunismus

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Agios Dimitrios, Rüchseite

Das mit dem ÖPNV ist ja eigentlich ganz einfach. Man steigt ein, kauft einen Fahrschein und gut ist. Das wird in Thessaloniki auch nicht anders sein, denke ich mir. Und genau so ist es: anders. Ich steige mit meinen abgezählten 1,30€ – soweit habe ich mich wenigstens informiert – beim Fahrer ein und halte ihm mein Geld hin. Der schüttelt nur den Kopf, schließt die Tür und fährt an. Ein Herr hinter mir meint, ich solle an der nächsten Haltestelle aus und in der Mitte einsteigen, da wäre der Fahrkartenautomat. Seltsame Einsteigespielchen kenne ich aus Kyoto – kein Problem. Allerdings ist der Bus beim Wiedereinsteigen so überfüllt, dass ich kaum hineinkomme, geschweige denn zum Automaten. Da sehe ich, wie eine Frau neben mir ihrem Vordermann auf die Schulter tippt und ihm Geld gibt, der tippt wiederum seinem Vordermann auf die Schulter und auf dem gleichen Weg wandert der Fahrschein zurück. Ich bin ja potentiell lernfähig und tippe nun meinen Vordermann an, gebe ihm meine gesamten 1,30€ und kann sehen, wie sie weiterwandern, bis sie scheppernd im Kassenautomaten verschwinden. Und langsam, aber sehr freundlich kommt der Fahrschein bei mir an. Na also, war doch ganz einfach. Als nächstes klemmt mir die Bustür, die anders öffnet als ich erwartet habe, Arm und Tasche ab, aber es kommt niemand und nichts ernsthaft zu Schaden. Der Bus biegt bei der Stadthalle ab und ächzt den Hügel hoch. Links steht an einer Wand in Großbuchstaben „HOUSE GARDEN GRAVE“, ein etwas unglücklicher Name für ein Gartencenter, wie ich zuerst denke. Dann biegt der Bus ein weiteres Mal ab und ich sehe, dass die Wand zum Archäologischen Museum gehört, das so seine Sonderausstellung anpreist. Hatte ich für heute Nachmittag eh vorgehabt.

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An der Aristoteles-Platz-Haltestelle der Linie 8 steige ich aus und stehe vor einem weiteren wunderschönen, Jahrhunderte alten Hamam. Natürlich geschlossen. Irgendwie ärgert es mich schon ein bisschen, andrerseits spart diese Art oberflächlicher Touristerei eine Menge Zeit. und führt zu einem gewissen touristischen Opportunismus: Wenn nicht offen ist, was du besichtigen möchtest, besichtige halt, was offen ist. Wie die kleine Panagia Chalkeon Kirche nahebei, in der ein Trüppchen schwarz gekleideter Frauen beim Saubermachen ist. Internationale Gebärdensprache hilft auch hier: aber sicher darf ich eintreten und mich umsehen. Fotos, selbstverständlich! Vielleicht noch diese Nische oder jene Fresken? Angesichts der Freundlichkeit der Frauen ist es mir nun doppelt peinlich, dass ich all diese Fotos verwackelt habe.

Aber als ich aus der Kirche komme, wird mir klar, dass es einfacher sein wird zu Agios Dimitrios hochzulaufen als die Haltestelle des Anschlussbuses zu suchen. Demetrius war ein römischer Soldat, der um 300 n. Ch. eine Entscheidung traf, die seine militärische Karriere recht abrupt beendete, dafür aber ungeahnte Aufstiegsmöglichkeiten in der Laufbahn des Stadtheiligen auftat.  Auf meinem Weg zu seiner Kirche taucht  auf halber Höhe dann rechts das Forum auf. Römische Säulen – da guck‘ ich schon gar nicht mehr hin.

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Und dann stehe ich vor der Kirche und bin etwas enttäuscht. Der Bau gibt mir gar nichts, Hauptkirche hin oder her. Die Fassade wirkt langweilig und das helle, lichte Innere ist sicherlich von großer Schönheit, bringt aber bei mir nichts zum Klingen. Ich bin so mit dem pflichtschuldigen Bewundern der Säulen beschäftigt, dass ich den Eingang zur Krypta fast übersehe. Und da spricht der Bau dann zu mir. Was für ein herrliches Durcheinander von einem Gebäude! Ein wahres Labyrinth von Nischen und Räumen und Wegen und Bögen und und und… Eine frühbyzantinische Kirche, gebaut auf den Resten einer frühchristlichen Kapelle, gebaut auf den Resten einer römischen Therme. Stellenweise habe ich das Gefühl, die unterschiedlichen Gewölbebögen ringen miteinander um Platz, um die Möglichkeit, ihren Schwung zu Ende zu führen, bevor ein anderer Bogen hineinkreuzt. Und dann mittendrin, ziemlich aggressiv, die riesigen Säulenfundamente der „neuen Kirche“, die man einfach in dieses Gewusel hineingesenkt hat.

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Prominent platziert  in der Krypta ist ein Oktagon aus kleineren Säulen, der „ambo“, der Platz, von dem aus gepredigt wurde. Das weiß ich da aber noch gar nicht. Die Krypta versteht sich zwar als „Museum“ der Kirche, die ausgestellten Fundstücke sind aber ausschließlich in Griechisch erklärt, was meinen Zugang zu Erhellung doch sehr einschränkt. Im Archäologischen Museum am Nachmittag ist der Ambo nachgebaut und es macht dann rückblickend „Klick“. Vor dem Ambo gibt es eine Art Taufbecken, diese Aussage aber auch wiederum nur im Kontext der Krypta. Auf irgendeinem römischen Forum hätte ich es für einen Springbrunnen gehalten. Jedenfalls scheint es sehr wichtig zu sein, denn eine Gruppe griechischer Frauen lässt sich nacheinander – und einige nicht ohne zu stöhnen – in diesem Becken nieder, um sich dann gegenseitig dabei zu fotografieren. (Nebenbei: vor jeder der drei großen Kirchen, die ich besichtigen werde, stehen Busse, aus denen offensichtlich griechische Gruppen aussteigen. Und wie auf ein geheimes Kommando ziehen die weiblichen Mitglieder ein Kopftuch aus der Handtasche, um sich vor Betreten der Kirche das Haupt zu verhüllen. So viel nur zu der gerade in Deutschland und Frankreich laufende Debatte.)

Die Krypta entlässt mich nach einer letzten sehr niedrigen Passage unter Bögen hindurch wieder in das helle Hauptschiff. Mein Stadtplan sagt, links um die Ecke geht es wieder zu einem Badehaus. Und so stehe ich dann auf der Rückseite der Kirche und die gefällt mir ausgesprochen gut. Das Badehaus ist schon zu sehen und verblüfft mich völlig: es ist geöffnet. Nicht nur das: es ist ein ziemlich „cooles“ Café im doppelten Sinn, denn in dem alten Gemäuer ist es angenehm kühl.

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Wiederum nur ein paar Straßenecke entfernt ist die (oder das?) Alatza Imaret. Die junge Frau am Eingang – mit unglaublich blauen Augen – entschuldigt sich erst für ihr Englisch und erklärt mir dann die Doppelrolle des Gebäudes als Moschee und Armenhaus mit Suppenküche und Gemeinschaftsschlafräumen. Dann fühlt sie sich genötigt, den Zustand der Moschee zu erklären: erst das Erdbeben von 1976 und jetzt „the crisis, you know“.

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Von dort geht es fast geradeaus den Berg, nunja, den Hügel hinab durch schmale Straßen. Was ich für eine dunkel gekleidete Rockergang halte, die den Gehsteig blockiert, entpuppt sich beim Näherkommen als eine Gruppe Motorradpolizisten. Die trotzdem weiterhin den Gehsteig blockiert, na gut.

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Ich will jetzt nicht despektierlich wirken, aber der erste Eindruck, den ich von Panagia Acheropiitos habe ist: spätviktorianischer Bahnhof. Völlig respektlos, ich weiß, ist aber so. Die Kirche ist groß und licht und leer. Außer mir gibt es nur einem Herren, der mit Glasreiniger – ja, genau, ich musste auch sofort an diesen Film denken – an den Bänken herumpoliert. Ich weiß, ich sollte die Säulenkapitelle und die Fresken bewundern, aber was mir am besten gefällt, sind die sehr pragmatischen Lösungen, um dieses riesige Gebäude zu beheizen. Nein, das stimmt nicht ganz, das was mir wirklich gefällt, sind die im Seitenschiff freigelegten Bodenmosaike. Eins über dem anderen über dem anderen über dem anderen. Und jeder Auftraggeber war sich bestimmt sicher, dass seines viel schöner sein würde als das vorhergehende.

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Die Panagia Acheropiitos liegt schon in der Agia Sofia Straße. Man muss nur die Egnatia überqueren. Die Egnatia ist die römische Handelsstraße, der Thessaloniki seinen wirtschaftlichen Aufschwung unter den Römern zu verdanken hat. Handel und jede Menge Verkehr gibt es auch heute noch, vier bis sechsspurig, je nachdem, wie kreativ geparkt wird. Fußgängerampeln sind da, aber recht gefährlich, da man bei Grün immer noch die Farbenblinden unter den Autofahrern einrechnen muss. Ich habe noch selten so vorsichtige Ampelüberquerer gesehen.

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Agia Sofia mit ihren altersmatte Farben, ihren Bögen ist ein Raum, in dem man versinken möchte. Leider kommt ausgerechnet jetzt eine Gruppe mit sehr dominanter Reiseführerin, deren schrille Stimme für mich die Stimmung zerstört. Draußen vor der Kirche suche ich meinen Busfahrplan und mein Kleingeld zusammen. Aber ich finde dann die Bushaltestelle nicht. Für knapp zwei Euro mehr bringt mich ein Taxi durch das mittägliche Gewühl Thessalonikis ins Hotel. Im Preis inbegriffen ist eine sehr fröhliche Sprachlektion: der Fahrer bringt mir drei verschiedene Begriffe für das – laut ihm – typisch griechische Verkehrschaos bei.

 

Nach der Siesta fühle ich mich gewappnet, es mit ein oder zwei Museen aufzunehmen. Beide liegen nur wenige Minuten vom Hotel entfernt, laut Stadtplan an der gleichen Straße. Das stimmt, nur ihre Eingänge liegen an sehr unterschiedlichen Straßen. Archäologische Museen – das wird ja schnell mal langweilig, die fast gleichen Pfeilspitzen und Münzen zu betrachten. Das gibt es hier natürlich auch. Dann kommen die Reliefs mit den Männer in sehr kurzen Röckchen und – very shocking – noch nicht mal sehr kurzen Röckchen. Und schließlich das, was dieses Museum so besonders macht: das Gold Makedoniens.

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Goldene Myrrhekränze, Schmuck, vergoldete Helme, Goldplättchen, mit denen Toten der Mund verschlossen wurde. Grabbeigaben für die Reise in eine andere Welt. Das, was hier ausgestellt wird, ist sozusagen der Rest. Viele der Gräber waren schon geplündert worden, bevor die Archäologen sie fanden. Im Untergeschoss ist eine Ausstellung Flüchtlingen der besonderen Art gewidmet. Bei der Vertreibung der Griechen um 1920 flohen nicht nur Menschen vor den Türken, auch einige der Artefakte gingen mit ihren Besitzern auf die Flucht und werden hier ausgestellt. Unter einem großen Plakat mit Aussagen der UN-Flüchtlingskonvention ist diese Ausstellungen den Flüchtlingen aller Epochen gewidmet.

Das Byzantinische Museum auf der anderen Straßenseite ist dann sozusagen die logische Folge. Deshalb gibt es ein Kombiticket. Das ich aber nicht gekauft hatte, weil ich mir nicht sicher war, ob ich mir gleich zwei Museen antun wollte. Die Dame am Eingang meint dann bedauernd, dann müsste ich wohl den vollen Eintritt bezahlen. Schaut mich an und schlägt vor: Senioren über 65 erhalten Rabatt. Mein Blick spricht wohl Bände, denn sie beeilt sich zu betonen, dass ich auch gar nicht aussähe wie über 65. Genau! Allein das sollte einem schon den vollen Eintrittspreis wert sein! Das Museum beginnt seine Ausstellung um 300 n.Ch. und zeigt die Schaffung der byzantinischen Identität und deren Umsetzung in Bau und Kunstschaffen. Das moderne Gebäude führt mich in einer langsamen Spirale durch die Jahrhunderte nach oben. Irgendwann beschleicht mich der Verdacht, dass mit dem Erreichen des Falls von Konstantinopel auch für den Besucher nur der freie Fall zurück ins Erdgeschoss übrig bleibt. Aber ganz so banal wird die Symbolik dann doch nicht umgesetzt. Es bleibt Raum für Entwicklungen nach 1500 und man wird sanft wieder zurückgeführt.

Eine Viertelstunde später bin ich wieder im Hotel, wo mich meine Füße daran erinnern, dass diese Art Wissenserwerb nicht nur den Kopf betrifft.

 

A propos: 1793kcal

 

Ungehaltene Reden

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Jüdische Museen faszinieren und bedrücken mich gleichermaßen. Die Geschichte interessiert mich sehr, gleichzeitig ist klar, auf welch grauenvolle Katastrophe diese Geschichte hinausläuft. Das jüdische Museum in Thessaloniki ist in einem eher unauffälligen großbürgerlichen Haus untergebracht. Nur die Rollstuhlrampe und die Wache vor der Tür unterscheiden es von den Häusern der Nachbarschaft. Im Eingangsbereich hängen großformatige Abzüge alter Fotos. Mädchen in malerischer Tracht, deren Schlichtheit für große Armut spricht, schauen mich traurig und herausfordernd zugleich an, wecken Neugier, stellen Fragen, die mir mangels zusätzlicher Informationen nicht beantwortet werden. Im oberen Stock laufe ich an anderthalbtausend Jahren jüdischer Geschichte vorbei und erfahre, dass Thessaloniki um 1500 nach der spanischen Reconquista 20000 jüdische Flüchtlinge aufgenommen hat. Und dass jüdische Stofffabrikanten und Tuchhändler im 19. Jahrhundert die Hauptlieferanten für die Uniformen der türkischen Armee waren. In den anschließenden Räumen  gibt es einiges Religiöses und Gegenstände des täglichen Lebens zu sehen. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf alten Fotos, die das Leben der wohlhabenden Schicht wiedergeben, wenn auch die Begleittexte auf die große Armut der jüdischen Bevölkerung eingehen. Dann kommt unausweichlich der Raum mit den Deportationsdokumenten und den KZ-Uniformen. Doch immerhin gibt es noch ein weiteren Raum dahinter, der den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde in den 1950ern dokumentiert.

Das jüdische und die umliegenden Viertel fielen 1917 einem großen Brand zum Opfer, der fast 90 Prozent der Bevölkerung obdachlos machte. Aber in der Nähe des Museums sollen noch einige Bauwerke aus ottomanischer Zeit stehen.

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Ich mache mich also auf, um den Yahoudi Hamam  zu suchen und stolpere in so ein typisches Paonia-Ding. Mein Stadtplan ist nicht sehr detailliert, hinzu kommt, dass die Namen der kleineren Straßen nur in Griechisch wieder gegeben sind. Das erleichtert natürlich den Vergleich mit der Straßenschilder-Realität, zwingt mich aber beim Lesen immer wieder zu langen Pausen. Genau so eine Pause drängt sich nun auf, um an einem Kaffeehaustisch, Buchstabe um Buchstabe, zusammenzusuchen, welche Straßen ich auf der Suche nach dem Hamam nehmen muss. Gleich das nächste Café trägt auch schon den Namen „Hamam“, ein sehr gutes Zeichen, wie ich finde. Die Sitzplätze an der Hauptstraße sind mir zu laut, im Inneren spielt die Klimaanlage „arktischer Winter“, aber auf der anderen Seite des Cafés sehe ich Stühle im Schatten schöner alter Bäume. Und genau dort, vor den Stühlen liegt er dann, der Haman, natürlich geschlossen, wie nicht anders zu erwarten. An Stelle der alten Türen gibt es Glastüren und Fenster, blind vor Straßenstaub. Doch an einigen Stellen schaffe ich es, einen Blick ins Innere zu erhaschen. Eine Menge durcheinander liegendes Baumaterial vermittelt den Eindruck, dass dieser Hamam so schnell nicht zur Besichtigung geöffnet werden wird. Aber schön ist er, mit seinen Ziegelsteinmustern und seinen Kuppeln. Ein Orangensaft im Schatten und mein Zeigefinger auf dem Stadtplan – wenigstens ohne Zungenspitze im Mundwinkel – bringen mich auf den richtigen Weg zum Bezesteni-Basar. Den laut meinem Reiseführer Reisende aus dem 16. Jahrhundert als den schönsten Basar des ganzen Balkans gelobt haben sollen. Diesen Superlativ kann ich nicht ganz teilen, mir fällt eher so etwas wie niedlich, nun ja, hübsch oder ganz nett dazu ein. Von außen geht der Bau etwas unter in der umgebenden modernen Bebauung. Innen sitzen in sehr spärlich beleuchteten Nischen die Händler und bieten das an, was meine Großmutter Kurzwaren genannt hätte: Knöpfe, Schnallen, Spitze, Litzen, Bänder, Kordeln. Ich weiß gar nicht, wann ich so etwas zum letzten Mal gesehen habe.

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Der nächste ottomanische Bau, eine Moschee, ist so offensichtlich „work in progress“, dass ich erst gar nicht nachschaue, ob es nicht doch noch irgendwo ein Törchen zum Besichtigen gibt.

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Eigentlich wäre es auch genug für heute und Zeit für eine kleine Siesta vor dem Empfang beim Bürgermeister heute Abend.

Kurz vor acht erhebt sich der Zugvögel-Schwarm, kreist einmal um die Lobby und macht sich auf den Weg Richtung Stadthalle, nur ein paar Straßenecken weiter. Während alle brav den Ersten hinterher trotten, stellt jemand plötzlich die Frage: Woher wissen wir, dass die an der Spitze überhaupt den rechten Weg kennen? Bevor das ausdiskutiert werden kann, biegt der Schwarm um eine Ecke und lässt sich in einem Innenhof nieder. Die Zeichen sind untrüglich: kleine Bartische in der Mitte, eine Blaskapelle, die ihre Instrumente stimmt, im Hintergrund ein (1!) Tisch mit ein paar Weingläsern. Die Kapelle beginnt pünktlich um 20 Uhr mit ihrer Arbeit, sehr zum Vergnügen der anwesenden kleinen Kinder. Besonders ein kleiner Junge ist begeistert. Ganz gleich, ob La Cucaraccha, Doktor Schiwago oder die Blaue Donau, er tanzt mit ausgestrecktem Armen und laut brummend als Flugzeug um die Tische. Irgendwann wird der Wein ausgeschenkt und es bildet sich sehr schnell eine Schlange, die aber genauso schnell wieder ins Stocken gerät. Während von hinten immer mehr Menschen andrängen, geht am Kopf der Schlange kaum einer mit einem gefüllten Glas weg. Wir schauen uns das eine Weile lang an und als der Herr Bürgermeister eine halbe Stunde später immer noch nicht zu seiner Begrüßungsrede erschienen ist, schlendern wir zum Hotel zurück. Der Sonnenuntergang legt uns zuliebe noch eine Sonderschicht ein und wir bewundern auf der Terrasse, wie schön die lodernden Rottöne die Silhouetten der Containerschiffe in der Bucht zur Geltung bringen. Irgendwann wird uns das zu langweilig und wir fangen an herumzublödeln, welche Rede der Herr Bürgermeister für diesen Kongress wohl gehalten haben könnte. Anspielungen auf Alexander und Aristoteles sind zu offensichtlich. Monsieur bietet ein bisschen Demokrit mit seiner Atomlehre, ich ein bisschen Demosthenes mit seinen Kieselsteinen als Konferenzredner. Wir müssen aber schon sehr bald und sehr vergnügt feststellen, dass zweimal Nichtwissen keinesfalls einmal Wissen ergibt. Aber das stört weder uns noch den Sonnenuntergang und so sind wir letztlich dem Herrn Bürgermeister ganz dankbar für diesen vergnüglichen Abend.

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Zugvögel

Bis Sonntagmorgen war das Hotel noch fest in der Hand griechischer Familien, aber schon gestern Abend setzte eine seltsame Migration ein. Die ersten Vorboten des Schwarms wurden gesichtet, wie sie Pool und Terrasse umkreisten, um sich dann irgendwo mit ihrer blauen Konferenztasche hinzusetzen.

Heute morgen sieht es aus wie in einem BBC-Naturfilm: der Schwarm hat sich niedergelassen – die Lobby der Brutfelsen – und auf jeder Felszacke, pardon, jedem Stuhl, Sessel, Sitzpolster brütet ein Physiker – die Männchen der Spezies sind eindeutig in der Überzahl – über seinem aufgeklappten Laptop. Und auf ein geheimnisvolles, wohl nur für sie wahrnehmbares Signal steigt der Schwarm auf, sammelt sich und strebt dem Konferenzraum zu.

Ein faszinierendes Naturschauspiel!

Taxitouristen mit Leitmotiv

 

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Irgendwie war mir noch nie aufgefallen, was für eine ausgesprochen dumme Idee das gewesen sein muss, in voller Ritterrüstung hier im Süden auf Kreuzzug zu gehen. Dreißig Grad Außentemperatur und unter dem Metallhelm wird das Hirn bei Niedrigtemperatur langsam gegart. Einen ganz kleinen Vorgeschmack bekommen wir heute morgen. Thessalonikis Zitadelle liegt – wie das Festungen so an sich haben – auf dem Berg, unser Hotel am Meer. Zum Glück akzeptiert Monsieur ohne Widerspruch die touristische Variante eine Stadt zu erobern: Taxi. Unser Taxi kommt, ich zeige auf dem Stadtplan auf die Burg und der Fahrer nickt. Einige zehn Minuten und viele Straßenecken weiter hält er vor einem beeindruckenden Tor in einer dito Mauer und deutet uns an auszusteigen. Was wir Taxitouristen dann auch brav tun, um ein paar Schritte weiter festzustellen, dass wir zwar an den Mauern der alten Stadtbefestigung stehen, die Burg selber aber noch zehn sehr steile und sehr heiße Minuten bergauf liegt, was uns dann zu den oben gemachten Überlegungen führt. Wahrscheinlich waren die Griechischkenntnisse meines Zeigefingers nicht ausreichend. Irgendwann stehen wir dann verschwitzt vor dem Tor der Burg und dem Leitmotiv des heutigen Tages: „Unesco-Weltkulturerbe, aber geschlossen“. Die kryptische Mitteilung dazu lautet, dass die Burg für Renovierungsarbeiten Samstag und Sonntag geschlossen sei. Wir überlegen einen Augenblick, wie anders die Geschicke der Stadt sich wohl gestaltet hätten, hätte der osmanische Sultan bei seiner Ankunft genau so ein Heute-geschlossen-Schild vorgefunden. Wahrscheinlich hätte er mit den Achseln gezuckt und seinem Heer gesagt: „Da kann man halt nix machen, Jungs, kommt, wir gehen nach Hause.“

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Immerhin können wir die Burg umrunden, die wirkliche schöne Aussicht bewundern (die den Sultan damals sicher auch beeindruckt hat). Und stehen staunend vor dem androgynen Löwen im venezianischen Wappen über dem venezianisch-türkischen Eingangstor.

Auf dem Weg vom Burgberg, an der byzantinischen Mauer entlang, zurück in die Stadt habe ich mehrere Kirchen eingeplant, die aber alle dem oben schon erwähnten Leitmotiv folgen. Selbst die byzantinischen Bäder, die noch nicht mal Kirchen sind, halten sich daran. Aber dann kommt eine Kirche, die tatsächlich offen ist und mein Unesco-aber-geschlossen-Unmut verfliegt. Vielleicht ist es wirklich gut, sich solche Schönheit nur in kleinen Dosen zu Gemüte zu führen.

Diese Kirche des Vlatadon Klosters sprudelt über von Leben. Gleich zwei Taufen haben wohl kurz vorher stattgefunden. Die Menschen stehen noch redend, lachend vor zwei Ständen, ein jeder geschmückt mit dem Namen des Täuflings, Babywäsche und Süßigkeiten in Pastellfarben. Meine Bedenken, dass der Besuch byzantinischer Kirchen einem strengen Kleidungskodex unterworfen sei, werden sehr gründlich zerstreut. Die glückliche Mutter des einen Kindes trägt einen bauchfreien und trägerlosen Zweiteiler aus weißen Federn.

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Wir betreten die Kirche durch einen Nebeneingang, der direkt zu der Nische führt, in der angeblich 51 n. Ch. Paulus gepredigt haben soll. Monsieur versucht im Halbdunkel ein einigermaßen gutes Bild hinzubekommen und wird von hinten angerüffelt: No photo! Tatsächlich sehen wir dann im Hauptschiff eine große Tafel. Aber das konnten wir da ja noch nicht wissen.  Wobei der Begriff Hauptschiff ein bisschen zu hoch gegriffen ist. Es ist eine kleine gemauerte Zelle mit bienenkorbartigen Decken. An die gemauerte „Keimzelle“ wurde in späterer Zeit eine Holzkonstruktion angelehnt, die die Kirche an drei Seiten erweitert. Die Kirche ist bis oben hin ausgemalt mit Fresken. Die wohl einem religiösen Bilderverbot zum Opfer gefallen sind. Mit Hammer und Meißel – immer zuerst die Augen ausstechen – wurde versucht, die Schönheit der Darstellungen zu zerstören. Pockennarbig wie sie sind, erzählen sie jedoch immer noch ihre Heiligenlegenden, lassen sich nicht mundtot machen.

Die dichte Atmosphäre dieser kleinen Kirche ist unbeschreiblich. Selbst das profane Geschehen im Nachspiel der Taufen, das Wasser im Taufbecken wird gurgelnd in Eimer abgelassen und mit viel Hin und Her aus der Kirche getragen, kann diese Stimmung nicht stören. Die Klostergebäude wiederum, im Laufe ihrer Geschichte Opfer von Eroberung, Feuer und Erdbeben geworden und immer wieder im Stil der neuen Zeit aufgebaut, sind architektonisch wenig ansprechend.

 

Dass diese Kirche überraschenderweise noch offen war, haben wir mit Dankbarkeit wahrgenommen und uns dann mehr auf weltliche Ziele verlegt. Kleine Altstadtstraßen, steile Treppen, winzige Gässchen hinunter – und an manchen Stellen auch wieder hinauf, weil Monsieurs Lebensgefährtin sich vertan hat – führen uns immer tiefer in das Gewimmel der Altstadt. Gässchen, die ich zwar sehr romantisch und schön finde, durch die ich aber auch nicht täglich meine Lebensmittel hoch schleppen möchte. Von den Weinflaschen mal ganz zu schweigen…

Vorbei an geschlossenen Kirchen, Bädern, der Unesco-aber-geschlossen-Unmut wächst wieder ein bisschen, bis wir – eigentlich ohne es direkt gesucht zu haben – vor Agios Nikolaos Orfanos stehen. Hatte ich heute morgen kurz mit eingeplant, aber unter dem Einfluss des Leitmotivs „aber geschlossen“ wieder aus der Planung genommen. Erstaunlicherweise ist das kleine Kirchlein offen. Im Schatten vor dem Gebäude sitzt eine junge Frau, die sich erhebt, uns die Tür aufschließt und uns in einen wundervollen Raum eintreten lässt. Hier waren die Fresken vor Jahrhunderten übertüncht worden und haben so größtenteils die Zeit überdauert, bis man sie in den 1960ern bei einer Restaurierung entdeckte. Die junge Frau hat die Aufgabe, auf das Kirchlein aufzupassen, sie darf uns nicht alleinlassen und wo sie nun schon mal da ist, erklärt sie uns die Fresken mit ihrer für uns gelegentlich fremden Bildsprache. Der Tod Mariens, das ist klar zu erkennen, aber darüber Jesus in der Mandorla mit einem Wickelkind im Arm? Das sei die Seele Mariens, erklärt sie uns, und dass diese Darstellung der Himmelfahrt Mariens sehr selten sei, auch in der byzantinischen Kunst.

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Nach dem Griechenland nun so viel für unsere kulturelle Erbauung getan hat, wollen wir ein kleines bisschen etwas für die griechische Wirtschaft tun. Taxi-Tourismus und dann ein Glas Rosé und so… Aber wo in diesen engen, gepflasterten Gassen ein Taxi finden? Monsieur betrachtet die Karte. „Lass uns mal zum Zentralfriedhof gehen, da finden wir sicher ein Taxi.“ Ich bin etwas perplex, bis er den Daumen auf die Karte hält. Der Friedhof liegt direkt neben dem Zentralkrankenhaus. Was ich ein bisschen zynisch finde, Monsieurs blauäugig dahin gemurmeltes „Wieso? Kurze Wege!“ auch. Aber wo er Recht hat! Jedenfalls können wir kurz darauf bequem den Galerius-Palast vom Taxi aus „besichtigen“.

Die zwei Taxifahrten darf ich natürlich nicht mitzählen bei meinen Berechnungen, wie weit wir heute gelaufen sind. Genau 1311 kcal.

Nicht schlecht, oder?