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Zum guten Schluss

Na gut, es war früh, sehr früh. Genau genommen kurz nach fünf. So viel Spielraum hatten wir nach den Grenzerfahrungen (klingt gut, nicht?) der letzten beiden Male für den Check-in zum 8-Uhr-Flug nach Istanbul für nötig erachtet. Was hatte man uns nicht alles erzählt: dass man die Hotelrechnungen lückenlos vorlegen müsse, sonst drohen hohe Strafen. Dass man belegen müsste, wann und wie viel man umgetauscht hätte. Dass man sorgfältig darauf achten müsste, nur ja keine Sum übrig zu haben, das würde als Devisenschmuggel (zumindest versuchter) gewertet.

Und dann lief das ganz anders. Vor der Pass- und Zollkontrolle sollte man sein Gepäck einchecken. Das haben wir auch gemacht. Und dabei wohl eine der weniger kompetenten Mitarbeiterinnen des Flughafens erwischt. Anders kann man sich das nicht erklären, dass sie, wenn da zwei Leute mit gleichem Flugziel stehen, von den beiden gemeinsam aufgegebenen Koffern den einen zum Zielflughafen und den anderen nur bis zum Umsteigeflughafen Istanbul schickt. Wahrscheinlich haben wir Glück gehabt, dass wir beide einen Platz im Flieger bekamen und Monsieur nicht bei seinem Koffer in Istanbul bleiben musste.

Danach ging es ohne Koffer ganz schnell durch die Zollkontrolle, wo wir nur unser Ausreiseformular mit dem Einreiseformular abgeben mussten und mehrere wichtig aussehende Stempel bekamen. Dass wir kurz vor sechs im Café in der Abflughalle saßen, war ein gutes Gefühl. Dass dieses Café um kurz vor sechs schon „We are out of coffee, sorry“ war, eher nicht.

14 Stunden, 2 Flieger-Mahlzeiten und etliche Istanbuler-Flughafen-Kaffees später setzte ein lieber Freund uns vor der Haustür ab. Nach fast drei Wochen ohne Alkohol – nur in Taschkent, Buchara und Khiva war es möglich gewesen, ein Glas Wein, und der war noch schlecht, zu bekommen – ließen wir bei einer Flasche Weißwein die Reise ausklingen und sind dann brav um zehn Uhr ins Bett.

Fast zwölf Stunden später weckte mich der Duft von Kaffee, Baguette und frischen Croissants: Monsieur hatte Frühstück gemacht. Hmmmm, wieder zuhause!

Aber wie sagte Sepp Herberger so treffend: Nach der Reise ist vor der Reise.

In knapp sechs Wochen geht es wieder los, nach China. Erst eine Woche Beijing, dann eine Woche Wandern auf den Reisterrassen im Süden.

Aber das ist dann eine ganz andere Geschichte…

Die verlorenen Paläste

 Um es vorweg zu nehmen: Wir haben sie gefunden, die verlorenen Paläste. Hinten links in der Wüste. Da hätte ich nie gesucht.

Der letzte Tag! Unser Flieger von Urgentsch nach Taschkent ging um 22 Uhr und faul im Liegestuhl liegen war nicht. Programm bis zum Schluss. Also ging es in die Grenzregion zur Autonomen Republik Karakalpakistan, in ein Gebiet, das nicht umsonst Ellik Kala, Fünfzig Paläste, heißt (von denen wir aber nur drei gesehen haben). Wer mehr über diese Festungen wissen will, kann auf dieser englischen Seite viele Informationen finden

http://karakalpak.com/tourancient.html#a

Der Wind fing schon in Khiva an, stetig und kräftig. Hinter Urgentsch wurde er zum Sandsturm. Nicht die Lawrence-of-Arabia-Art von Sandsturm, bei der du dich nur hinter deinem Kamel verstecken und abwarten kannst, mehr so eine Art Kindersandsturm, der dir mit viel boshafter Freude eine Handvoll Sand nach der anderen ins Gesicht knallt. Aus Urgentsch heraus war es so grün, dass ich mich fragte, wo denn hier nun die Wüste sei. Bis Bo’ston (mal wieder, inzwischen das dritte) lief die Straße neben einem großen Bewässerungskanal, der sogar Reisanbau ermöglichte. Hinter Bo’ston wurde es trockner und die Dörfer spärlicher. Wir sahen Ben Hur auf usbekisch: drei Knaben in ihren Eselgefährten, die über die gesamte Breite der Straße ein Rennen austrugen. Unser Fahrer, der wohl die Rennfahrerkollegen in den Knaben spürte, hielt Distanz, bis auch der letzte Eselwagen mit gefährlichem Schleudern über eine Brücke ins Dorf abgebogen war.

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Und dann tauchte am Horizont Ayaz Kalas auf, die Festung aus rotem Ton auf einem noch dunkleren roten Felsen. Der Sturm schlug uns beim Aussteigen die Tür aus der Hand. Bei jedem Schritt knatterten Hosen und Bluse und irgendwie fand selbst bei geschlossenem Mund der Sand seinen Weg zwischen die Zähne. So machten wir uns gegen diesen Widerstand auf den Weg, die paar hundert Meter vom Parkplatz bis zur Festung zu überwinden und auf den Mauern stehend dem Sturm zu trotzen. Es war grandios. In der ehemals fruchtbaren Ebene des Amudarja hatten die Menschen zwischen dem 3. und 8. Jahrhundert n. Ch. ihre Dörfer gebaut und eben diese Fluchtburg. Dann veränderte ein Erdbeben den Verlauf des Flusses und die Wüste holte sich das Land.

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Auf den Mauern stehend hatte man einen ungehinderten Blick und konnte mit dem bloßen Auge in der Nähe und mit dem Fernglas in einiger Entfernung verschiedene Mauerreste erkennen. Große Rechtecke, die die Stadtmauern waren, darin kleinere Rechtecke, die einmal Häuser gewesen waren.

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Unterhalb der großen Anlage war eine kleinere, kompaktere Burg aus dem 8. Jahrhundert. Sie wirkte geradezu monolithisch mit ihren vom Regen ausgewaschenen Lehmmauern. Darunter sah man die gut erhaltenen Reste einer kleinen Siedlung. Mir zuckte es förmlich in den Fingern, mit meinem Eimer und Schäufelchen loszuziehen und diese Reste auszugraben.

Nachdem wir uns satt gesehen hatten, ging es zum Mittagessen ins nahe gelegene Jurten-„Hotel“. Zehn Jurten bieten ein Restaurant und neun Schlafzelte, mit zwei gemauerten Gebäuden dazwischen, die die Küche und den Sanitärblock beherbergen. Ein Brunnen mit Wasseraufbereitung sorgt für das Wasser, Solarzellen für Strom.

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Wir hatten eine Jurte für uns und lagerten zu viert auf Polstern um einen niedrigen Tisch. Als Essen bekamen wir eine Suppe, mehrere Salate und ein Pot-au-feu ähnliches Hauptgericht aus gekochtem Fleisch und Gemüse, Nachtisch waren wieder Melonen. Die lange Reise, der Wind, das gute Essen, die entspannte Stimmung in der Jurte machten uns müde und so lagen bald vier satte Gäste im süßen Mittagsschlaf um den Tisch. Ich kann nur hoffen, dass die Gastwirtin nicht durch die Tür geschaut hat. Es muss ausgesehen haben wie in einem Agatha-Christie-Krimi: Vierfach Mord in der Jurte…

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Die nächsten Paläste, die wir suchten und fanden, waren natürlich genauso wenig Paläste wie Ayaz Kalas. Toprak war eine große Siedlung mit integrierter Festung. Die Festung allein verfügte über 102 Räume und die von einer Mauer umschlossene Siedlung bot vielen Menschen Platz.

Topraq QalaTopraq Qala

Von den Mauern aus konnte man Ayaz Kalas im Osten, Kilkiz im Westen sehen. Im Norden lag eine grüngelb schimmernde Wüste, deren Dünen sich in Gruppen erhoben: 15, 20 Dünen, dann Hunderte von Metern nichts als flacher Sand, dann wieder eine Gruppe Dünen. Rechts davon lag ein ausgetrockneter Salzsee, dahinter eine Bergkette und noch viel weiter dahinter kommt dann der sterbende Aralsee mit seinen gespenstischen Schiffsfriedhöfen. Der Sturm war inzwischen so stark geworden, dass er einen an besonders ausgesetzten und sandigen Stellen einfach vor sich her schob: Windsurfen auf Sand.

Und Kilkiz, der dritte „Palast“, war wieder anders. Er lag eine Viertelstunde Fußweg von der Straße entfernt, an einem kleinen Bewässerungskanal entlang, vorbei an nervös auf der Stelle trippelnden angebundenen Eseln und stoisch wiederkäuenden Kühen. Eine fast quadratische Anlage, die sich wie ein massiver Quader in der Ebene erhob. Ich war weit voraus und bin rechts herum gegangen auf der Suche nach einem Einstieg.

Qizil QalaQizil Qala

Man konnte ein Loch sehen in Kopfhöhe, aber das war mir zu schwierig. An anderen Stellen konnte man sehr gut erkennen, dass in zwei Epochen eine weitere Schutzmauer über die existierende Mauer gebaut worden war. Bis Micha und Monsieur linksdrehend am Einstieg waren, hatte ich ihn dann auch gefunden. Im Inneren der Festung sah man, dass der Boden auf dem wir standen über (mindestens) zwei Etagen von Gewölben lag, in dem wohl die Bevölkerung im Kriegsfall ihre Vorräte an Lebensmittel, Viehfutter und Wasser aufbewahrte. In unregelmäßigen Abständen waren diese Gewölbe eingebrochen und man konnte ins Innere der unteren Etagen schauen, was manchmal ein etwas mulmiges Gefühl bezüglich der Sicherheit der nächsten Schritte aufkommen ließ.

Qizil Qala

Außerdem wuchs im Inneren des Hofes eine bestimmte Art von Distel oder Euphorbia. Micha erzählte, dass diese Distel auf der Suche nach Wasser bis zu 20 Meter lange Wurzeln bildet und dass die Einheimischen das geschickt ausnutzen. Die Distel wird auf etwa 10 cm Höhe abgeschnitten und der kräftige Stängel gespalten. Dahinein kommt das Samenkorn einer Melone, mit Bast fixiert. Die Melone keimt und wächst, mit Wasser versorgt von ihrem unfreiwilligen Gastgeber. Angeblich seien diese Wüstenmelonen noch süßer und schmackhafter als normale Melonen.

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Waren in Ayaz und Toprak Kalas die Böden von der Sonne steinhart gebackener Ton, von Tausenden von Touristenfüßen glatt geschliffen, so war hier der Boden übersät mit Tonscherben, aus schwarzem Ton gebrannte Gefäße zu kleinsten Scherben zerbrochen. Man konnte Henkel finden, wulstige Ränder oder flache Böden.

Am Auto haben wir dann erstmal Schuhe und Strümpfe geleert und kleine Sandhügel hinterlassen. Unser Wunsch nach einer Dusche musste warten. Erst hieß es zurück nach Urgentsch. Dann mit einer Iljuschin Propellermaschine nach Taschkent und dann ins Hotel. Um halb zwei kamen wir unter die Dusche. Um halb fünf klingelt der Wecker für den Heimflug.

Lohnt sich fast nicht zu schlafen…

Khiva

Ein bisschen mussten wir ihn aufziehen, unseren jungen Fahrer. Die Wunder-Straße nach Khiva, die „German autobahn“ ließ aber auch auf sich warten. Die ersten 70 km ging es über holprige Landstraßen durch öde Steppe, am Horizont begleitet von der Rauchfahne der größten Erdölraffinerie des Landes. Danach wurde es noch ein bisschen schlimmer. Bis zum einzigen Teehaus der 400 km-Strecke, das praktischerweise genau in der Mitte liegt, was unpraktischerweise dafür sorgt, dass alle Touristenbusse, Taxis, Sammeltaxis und privaten Autos hier halten. Wir waren früh losgekommen und schon um halb zwölf dort, deshalb standen „nur“ fünf große Reisebusse und zahllose kleinere Busse dort.

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Danach wurde es erst Mal ganz schlimm. Stellenweise hatte der salzhaltige Untergrund die Fahrbahn angefressen und große Schlaglöcher hinterlassen, stellenweise kam die rote Wüste mit Sanddünen auf der Fahrbahn zu Besuch. Und dann kam sie, die gelobte Strecke, 150 km Betonautobahn mitten durch die Wüste. Schnurgerade mit dem typischen Plopp-Plopp-Plopp-Plopp- Geräusch, dass man ja auch von deutschen Betonautobahn kennt, zwischendurch immer wieder unterbrochen vom Handyton unseres Fahrers. Das Netzwerk der Bus- und Taxifahrer gab die neuesten Meldungen zum Standort von Radarkontrollen durch. Hatte man selbst gerade erfolgreich, d.h. langsam genug, eine Kontrolle passiert, warnte man die entgegenkommenden Fahrer mit dem verneinend bewegten Zeigefinger. Die zeigten mit Daumen rauf, dass auf dem folgenden Stück keine Gefahr bestand.

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Und dann tauchte plötzlich die Stadtmauer von Khiva auf, wie aus einem orientalischen Märchen oder – etwas überspitzt – wie die Kulisse zu einem orientalischen Märchen von Disney. Wir hatten ja inzwischen gelernt, den Refrain „bis die Araber bzw. Dschinghis Khan und die Mogolen kamen und alles niederbrannten“ mitzusprechen. In Khiva gab es einen neuen Refrain, hier war es der persische Schah um 1800. Für Khiva heißt das, dass die gesamte Innere Stadt nach 1800 neu aufgebaut wurde. Das macht Khiva praktisch zu einem Freiluftmuseum. Die Innere Stadt misst etwa 500×500 Meter und wird von einer 2,3km langen fast vollständigen Lehmmauer umschlossen. Die etwa 6 km lange Lehmmauer der äußeren Stadt ist nur noch in Bruchstücken erhalten.

Betritt man Khiva, bezahlt man Eintritt, genau wie bei einem Museum. Die Sehenswürdigkeiten umfassen etwa ein Drittel der Stadtfläche und liegen rechts und links der Hauptachse. Wenn man schnurstracks durchgeht, ist man in zehn Minuten durch das andere Tor wieder draußen. Alle Straßen sind frisch gepflastert und sauber, die Lehmziegelmauern restauriert. Geht man ein paar Schritte weiter, beginnt die „echte“ Stadt der Einheimischen, mit ungeteerten Lehmgassen und abenteuerlich geschlungenen Stromleitungen. Hier kleben natürlich keine UNESCO World Heritage Plaketten an den bröckelnden Wänden.

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Unser Hotel für die letzten zwei Nächte war etwas ganz Besonderes, hatte Micha versprochen. Das Hotel war in einer ehemaligen Medrese von 1850 untergebracht, die sehr vorsichtig umgebaut worden war. Wie in allen Medresen gab es einen großen schönen Innenhof, an dem ebenerdig 30 Zimmer lagen, weitere 30 lagen an einem Umgang im ersten Stock. Eine zweite kleinere Medrese in der Nebenstraße war durch das Einziehen eines – von außen nicht sichtbaren – Daches über den Innenhof zum Restaurant und Frühstücksraum umfunktioniert worden. Also, etwas Besonderes war es wirklich, apart und speziell, mit all den Konnotationen, die bei diesen Worten mitschwingen. Die Adjektive, die mir nicht einfallen, gehen in Richtung komfortabel, luxuriös, geschmack- oder liebevoll eingerichtet. Wir waren ja sozusagen im Studentenwohnheim. Nun wohnten die Studenten da schon etwas geräumiger als ich in meiner alten Studentenbude, das Studierzimmer für Zwei war etwa 3 x 4 Meter groß, dahinter – das heißt hier: hinter einer 80cm dicken Lehmziegel-Wand – war ein schmales Schlafzimmerchen, in dem unser Bad eingepasst war. Hier stand neben WC und Waschtisch eine so niedlich-kleine Badewanne, dass ich mich besorgt fragte, ob die Kleine überhaupt schon ohne Mama und Papa Badewanne aus dem Baumarkt hatte gehen dürfen. Der Schlafraum war bis etwa Schulterhöhe roh belassene Lehmziegelwand, darüber ein Gips-Ornament und darüber wölbte sich die Decke in die Höhe. In den Außenwänden und der Badezimmerwand befanden sich spitze Fenster mit Schattengittern aus Gips. Das alles war wirklich sehr schön und romantisch, nur war die Einrichtung spartanisch-funktionell: rechts und links an den Wänden zwei Betten, keusche 70 cm breit, ein hässlicher Schrank, ein hässlicher Schreibtisch, das war’s dann. Unser Zimmer lag im oberen Geschoss und die dahin führende Original-Wendeltreppe war so steil, eng und vor allem niedrig, dass ich mich nur im Krebsgang halb gebückt, mit eingezogenem Kopf treppauf, treppab bewegte.

Amin Chan Medrese - Orient Star Hotel

Dafür war unser Hotel leicht zu finden. Zum einem lag es direkt neben dem Haupttor, zum anderen stand direkt vor seinem Tor Khivas Pummelchen. Ihr erinnert Euch an das Minarett in Buchara? Nun, der Khan von Khiva beschloss, ein Minarett zu bauen, das noch größer als dieses Minarett werden sollte. Worauf der Emir von Buchara den Baumeister kommen ließ und ihn beauftragte, nach der Fertigstellung des Khiva-Minaretts ein noch größeres in Buchara zu bauen. So ein Männer-Ding eben. Der Khan wiederum ließ seinen Baumeister wissen, dass er nach der Fertigstellung des Minaretts hingerichtet werden würde, sollte er den anderen Auftrag annehmen. Die wussten damals wirklich, wie man Mitarbeiter motiviert! Der Baumeister legte also die Fundamente für ein 90 Meter hohes Minarett und hatte es bis 27 Meter hochgezogen, als der Khan starb und die Bauarbeiten eingestellt wurden. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass – wenn es ein muslimisches Jenseits gibt – der Khan dort dem Spott seiner Kollegen ausgesetzt ist. Er hat bestimmt nicht das längste oder größte, aber mit Sicherheit das pummeligste Minarett des Islams erschaffen. Mit seinem grünblauen Kachelschmuck sieht das Ding aus, als hätte man die Grünen in Deutschland beauftragt, einen AKW-Kühlturm zu designen.

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Khiva hat aber natürlich auch  schöne, schlanke Minarette, das höchste bietet einen wunderbaren Blick auf die alte Stadt.

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Der Aufstieg ist es etwas schwierig, die Stufen sind aus mächtigen Holzbalken, ziemlich glatt und ausgetreten und unbeleuchtet. Das birgt zusätzliche Gefahren. Es ist dieses dunkle Gebäude mit seinen Treppenabsätzen und Nischen nämlich der einzige Platz in dieser kleinen muslimischen Stadt, wo sich junge Paare unbeobachtet treffen können, um ein paar Zärtlichkeiten auszutauschen. So ist für Touristen der Auf- und Abstieg mit der eigenen Taschenlampe ein sorgfältiges Balancieren zwischen gutem Ausleuchten der eigenen Schritte und diskretem Wegleuchten, wenn mehr als ein Paar Füße auf dem nächsten Treppenabschnitt zu sehen sind.

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Ich kannte bisher nur die Moscheen Europas und Nordafrikas, geschlossene Gebäude mit Kuppeldächern. Deshalb waren die Moscheen Zentralasien wirklich etwas Neues. Diese bestehen im Prinzip nur aus einer großen, mehr oder weniger prachtvoll geschmückten Wand mit einer nach Mekka ausgerichteten Nische für den Imam, daneben der treppenförmige Stuhl, auf dem er zum Predigen sitzt, jedoch nie auf der obersten Stufe, die ist Allah vorbehalten. Vor dieser prächtigen Fassade ist der Aiwan, eine überdachte Terrasse: schön geschnitzte Säulen tragen eine mit floralen oder geometrischen Mustern geschmückte Holzdecke. Und davor erstreckt sich der große Hof, in dem die Gläubigen sich zum Gebet niederknien. Neben diesen Moscheen steht oft ein kleines überkuppeltes Badehaus, jedoch zumindest ein Wasserbecken für die rituellen Waschungen vor dem Gebet. In einer Ecke des Aiwans oder hinter der prachtvollen Fassade ist gelegentlich ein kleiner geschlossener Raum als Wintermoschee.

So kam die hölzerne Moschee in Khiva als Überraschung. Ein Wald von Säulen, alle zwei Meter eine, trägt ein Holzdach, auch die Wände sind aus Holz. Natürlich konnte diese Moschee dem zerstörerischen Angriff und Feuer des persischen Schahs nicht standhalten. Während der Khan nach der Zurückeroberung seine prachtvollen Medresen, Moscheen und Paläste mit Lehmziegeln aufbaute, wollte das Volk sein Holzmoschee zurückhaben. Also hat es in der ganzen Umgebung in den Ruinen zerstörter Bauwerke nach Holzsäulen gesucht, die es wieder verwenden könnte. So sieht die Moschee dann auch aus: keine Säule gleicht der anderen. Tausend Jahre alte dicke und breite Säulen, nur grob behauenen Baumstämmen gleich, stehen neben solchen mit elaborierten Schnitzereien, gleichmäßig konische neben anderen, die wie Blütenstempel sich aus einer verdickten Basis heraus nach oben verjüngen. Die ganze Moschee ist sozusagen ein Säulenmuseum zu 1000 Jahren Baugeschichte.

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Mitten in Khiva liegt der Palast des Khans. Auch hier wieder die vielsagende Aufteilung in ein Drittel Regierungs- und Repräsentationsräume, zwei Drittel Harem. Während um den Haremshof herum links die Gemächer der Nebenfrauen waren, der „Mädels“ (wie ein vorbeigehender anderer Reiseleiter seiner deutschen Gruppe erklärte), lagen rechts die Räume des Khans und seiner vom Islam erlaubten vier Hauptfrauen, hintereinander. Der Khan musste also durch das Schlafzimmer von Ehefrau Eins bis Drei, wenn er die Nacht mit Ehefrau Vier verbringen wollte. Scheint mir nicht gerade ein Rezept für häuslichen Frieden zu sein.

Neuer Palast - Nurullaboy 1912Neuer Palast - Nurullaboy 1912

In der Äußeren Stadt liegt der „neue“ Sommerpalast, der nach 1900 vom letzten Khan erbaut wurde, bevor die Kommunisten ihn zur Zwangsarbeit in ein Straflage deportierten. Der Palast wird zurzeit noch restauriert, nur das Gebäude, in dem der Khan Botschafter und Gesandte empfing, war zugänglich. Es bietet eine Mischung aus orientalisch-prachtvoller vergoldeter Gipsornamentik und heiterer Jugendstilmalerei. Man konnte sich gut vorstellen, dass der Khan nach einer Reise nach Moskau mit neuen Eindrücken zurückkam und seinen einheimischen Handwerkern den neuen „coolen“ Stil abverlangte. Fenster und Parkett wurden übrigens von deutschen Handwerkern hergestellt, Qualität made in Germany eben.

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Unserem Medresen-Hotel gegenüber lag gleich hinter der Stadtmauer die Festung. Ein massiver Bau mit Wachtürmen, umgeben von einer sechs Meter dicken Verteidigungsmauer aus gestampftem Lehm. Monsieur ging die ganze Mauer mit langsamen Schritten ab, maß die Länge, maß die Tiefe und blieb dann nachdenklich stehen. Schließlich meinte er versonnen: „Mit einem Kärcher bin ich da in einer halben Stunde durch.“

Buchara

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Nichts ist langweiliger als eine frisch verliebte Freundin. Das einzige, was man von ihr hört, ist wie wunderbar er ist, wie außerordentlich und ungewöhnlich, was er tut oder nicht tut, denkt oder nicht denkt, warum er tut, was er tut. Langweilig!

Ich hoffe, dass ich jetzt nicht genauso langweilen werde, denn ich habe mich ein bisschen verliebt in Buchara. Wir kamen am späten Nachmittag an und die Lehmziegel der Altstadt leuchten in einem warmen Honigton. Buchara öffnete seine Arme und es war wie die Umarmung eines guten Freundes. Ein willkommenes Rasthaus nach einer langen Reise, ein erfrischendes Getränk an einem heißen Tag… Seht Ihr, es geht schon los.

Um das größte Wasserbecken im Zentrum der Altstadt herrschte reges Leben, im Park, im Teehaus, vor den Medresen und Souvenirläden. Gut, für 70% dieses Lebens waren Touristen verantwortlich, aber man sah auch viele Einheimische mit ihren Einkäufen in den schmalen Gassen rings um den Platz verschwinden. Alte Männer saßen schwatzend auf Bänken, Kinder rannten lachend durch den Park, Frauen mit Kleinkindern beobachteten stolz deren erste Schritte. Und ich glaube nicht, dass das alles Statisten waren, die das Tourismusbüro abgestellt hatte, um meine Erwartungen zu erfüllen. Abendessen gab es dann ein paar verwinkelte Gässchen weiter auf der Dachterrasse eines alten Stadthauses (meine Hochachtung an die Kellner, die die vollen Tabletts die steilen Treppen hochbalancierten), mit Blick über die Kuppeln des benachtbarten Hamams. Und das Ganze vom Licht des Vollmonds übergossen… Ich höre ja schon auf!

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An den Kreuzungen der großen Karawanenwege mit den innerstädtischen Straßen entstanden „Kreuzzungsbasare“, mit Kuppeln überdachte Gewölbe, in denen der Bedarf des täglichen Lebens und die Luxusartikel des Fernhandels erworben werden konnten. Heute sind die verbliebenen Basare fest in der Hand der Souvenir- oder Kunstgewerbe-Verkäufer und wir lehnen zum x-ten Mal gestickte Tücher oder Miniaturen ab, als Micha uns in den Rücken fällt und uns in einen Teppichladen zieht. Doch statt der erwarteten Slogans: Gute Ware nicht teuer, billiger als umsonst, winkt uns der Verkäufer durch seinen Laden hindurch. Dahinter liegt eine unrestaurierte Karawansarei im Sonnenlicht, verlassen und ein bisschen heruntergekommen, aber mein Herz schlägt höher, während wir in die Schlafzimmer der Händler und die Lagerräume schauen. Dass der Verkäufer uns auf dem Weg zurück doch noch zu einem Teppich zu überreden versucht, finde ich nicht mehr als fair.

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Buchara ist bzw. war eine Oasenstadt, die ihr Wasser über ein kompliziertes Kanalsystem aus zwei entfernten Flüssen bezog. Jedes öffentliche und viele private Gebäude besaßen Wasserbecken, die aus diesen Kanälen gespeist wurden. Das ist es, was Buchara so einzigartig macht, die Kombination von Bauwerken und Wasserbecken. Oder besser gesagt, berüchtigt. Ein früher Reise-Blogger des 19. Jahrhunderts berichtete, dass sich nach dem Genuss dieses Wassers Würmer unter der Haut entwickelten, die bis zu einem Meter lang werden konnten und die man beobachten konnte, wie sie sich direkt unter der Epidermis hin und her bewegten. Es gab zwei Mittel dagegen: den beherzten Schnitt, solange der Wurm noch sehr klein war. Oder, und jetzt wird es unappetitlich, man wartete, bis der adulte Wurm die Haut durchbrach und wickelte ihn Tag für Tag, Zentimeter für Zentimeter auf, bis man ihn ganz herausgezogen hatte. Als die Russen in den 1920ern Buchara eroberten, schütteten sie die Mehrheit der Wasserbecken zu und spendierten Buchara ein modernes Frischwassersystem. Trotzdem betrachte ich das Wasser aus meiner Dusche mit skeptischen Blicken.

War Samarkand blaulasierte monumentale militärische Größe – „Wollt ihr unsere Macht erkennen, betrachtet unsere Bauten“, Amir Timur – so ist Buchara die Stadt reicher Händler, die ihren Reichtum genießen, ohne damit zu protzen. Die Bauten aus Lehmziegeln haben überschaubare Dimensionen, die Eingangstore sind blau geschmückt, die Mauern oft naturbelassen. Das berühmte Minarett, Wahrzeichen Bucharas, ist das einzige Bauwerk, dass den Mongolensturm im 12. Jahrhundert überlebt hat.

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Es war mit seinen 45 Metern bis ins 19. Jahrhundert das höchste Minarett Zentralasiens – und das hat es gerettet. Dschingis Khan schaute davorstehend so steil nach oben, dass ihm die Mütze vom Kopf fiel und er sich bücken musste, um sie aufzuheben. Er, der sich vor keinem Herrscher verbeugt hatte, hatte sich vor dem Minarett verneigt. Und so befahl er, dass dies Minarett stehen bleiben sollte, was ihn aber nicht daran hinderde, die dazu gehörende hölzerne Moschee, in die sich 300 Schüler geflüchtet hatten, mit allen Menschen darin abzubrennen, was wiederum dazu führte, dass diesen in der 200 Jahre später am gleichen Ort erbauten Kalon-Moschee ein Denkmal errichtet wurde.

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Gegenüber der Moschee liegt eine Medrese, die seit ihrer Stiftung ununterbrochen als Koranschule diente, die einzige, die während der Sowjetzeit lehren durfte. Das ist so außergewöhnliche wie ihre Gründungsgeschichte, die Micha erzählt. Ein reicher jemenitischer Händlerprinz wird auf seinem Weg von Turkmenen überfallen und erreicht arm und verletzt Buchara, wo er von den Bürgern der Stadt gesund gepflegt wird und ihm die Mittel zur Verfügung gestellt werden, wieder nach Hause zu reisen. Er kommt zurück mit einer Armee, vernichtet den Turkmenen-Stamm und führt 3000 gefangene Turkmenen als Sklaven nach Buchara, um sie der Stadt als Zeichen seiner Dankbarkeit zu schenken. Die Bürger Bucharas dürfen als gute Moslems keine Sklaven halten, also verkaufen sie als gute Händler die Sklaven weiter und errichten mit dem Geld die Koranschule. Ein flexibles Gewissen ist oft ganz nützlich.

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Hinter dem Doppelbau von Devon Begi verbergen sich auch zwei schöne Geschichten. Ursprünglich von einem Minister als Karawanserei gebaut, sah der Khan sie im Vorbeireiten und kommentierte, wie schön er diese Medrese fände. Da man nun einem Khan nicht widerspricht und ihn noch viel weniger korrigiert – jedenfalls nicht, wenn man an seinem Kopf hängt – wurde aus der Karawansarei eben eine Medrese. Gegenüber baute der gleiche Minister eine Herberge für Pilger. Er hatte seiner Frau einen wertvollen Ohrring geschenkt. Aber jeden Tag nörgelte seine Frau herum, dass ein Ohrring zu wenig sei und sie noch einen weiteren als kostbares Geschenk haben wolle. Eines Tages war der Ohrring verschwunden und tauchte trotz langer Suche nicht wieder auf. Als die Dame das schweren Herzens ihrem Mann gestand, nickte der nur. Er habe den Ring verkauft und für das Geld die Pilgerherberge in Auftrag gegeben. Er sei sicher, dass die Pilger ihm dankbarer sein würden. Das alles erzählt uns Micha mit stirnrunzelnder Missbilligung für Madame Minister, um dann kurz drauf stolz aufzuzählen, was eine junge Verlobte an Geschenken von ihrem Liebsten erwarten kann.

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Einen gewissen Pragmatismus kann man ihnen nicht absprechen, den Bucharern (?). Eines der schönsten Gebäude ist das Samaniden-Mausoleum aus dem 10. Jahrhundert, ein harmonischer Quader von 10 Metern Kantenlänge mit feingesetzten Ziegelmustern. Bevor Dschingis Khan kam, haben sie es mit Sand unter einem Hügel versteckt, Sand hatten sie ja genug. Danach wurde um das Mausoleum herum ein Friedhof angelegt und jetzt steht dort ein Vergnügungspark, der ohne große Veränderungen Kulisse für Gruselfilme der Stephen-King-Art sein könnte. Mitten im Vergnügungspark steht das Denkmal für die Opfer des Zweiten Weltkrieges.

Ich kriege das alles nicht so überein in meinem Kopf, aber die lokale Bevölkerung scheint damit keine Probleme zu haben.

Unser Abschiedsgruss von Buchara ist der Besuch der Chor Minor Medrese. Von einem indischen Fürsten gespendet und erbaut, ist jedes der vier (chor) Minarette (minor) einer seiner vier Töchter gewidmet. Und da die vier jungen Damen offensichtlich vier sehr unterschiedliche Charaktäre hatten, ist jedes anders gestaltet.

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Baumwolle, emphatische Kamele und Schneeflocken

Usbekische Autos haben eine Klimaanlage. Die usbekische Fahrer nicht benutzen. Die Klimaanlage ist was für Weicheier oder für Härtefälle. Zu den Härtefällen zählen Sandstürme aus den turkmenischen Wüsten, der Staub kilometerlanger Baustellen oder die Durchquerung von Industriekonglomeraten.

So fahren wir mit offenem Fenster, was an den Charme lang vergessene Familienausflüge in den 60er Jahren erinnert. Fenster auf „Es zieht!“, Fenster zu „Mir ist heiß!“. Trotzdem ist es angenehmer, mit dem warmen Wind als mit einem eiskalten Luftzug auf die Nebenhöhlen.

Wir verlassen Samarkand ohne übergroßen Trennungsschmerz. Die Straße führt erst durch grün-braune Felder. Die Baumwolle wird langsam reif. Immer mehr Kapseln springen auf und verzieren die noch grünen bis schon verdorrten Pflanzen mit weißen Bommeln. Man sieht gelegentlich Gruppen bunt gekleideter Frauen beim Pflücken. In ein paar Tagen, in der Woche vor Semesterbeginn, machen alle Studenten einen Baumwoll-Ernteeinsatz. Micha hat sehr liebevolle Erinnerungen daran: harte Arbeit in glühender Sonne, aber danach jeden Abend Tanz und Feiern und Diskussionen bis spät in die Nacht. Fotografieren darf man nur die Felder, jedoch nicht die Baumwollpflücker. Das gehört zur täglich länger werdenden Liste der nicht erlaubten Motive: Brücken, Tunnel, Flughäfen, Grenzstationen, aber auch Armee, Polizisten und eben Baumwollpflücker. Monsieur sah sich in Taschkent mit einem Polizisten konfrontiert, der ihm die Kamera abnahm, kontrollierte und das Bild löschte, auf das er, der Polizist, zufällig geraten war. Vor einigen Jahren hatte ein US-amerikanischer Journalist die usbekische Regierung schwer verärgert, in dem er in einem bebilderten Artikel über die „Sklavenarbeit usbekischer Studenten bei der Baumwollernte“schrieb. Ein US-amerikanischer Journalist sollte schließlich Bescheid wissen über Sklavenarbeit bei der Baumwollernte. Den Baumwollpflückern ist es wohl egal, ob sie fotografiert werden oder nicht. Sie würden wahrscheinlich, wie fast jeder hier auf dem Lande, mit freundlichem Lächeln reagieren und sich dann lange und mit Genugtuung das eigene Bild auf dem Monitor der Kamera betrachten. Wird man jedoch dabei erwischt, wird, siehe oben, dem Touristen das Bild gelöscht und der Reiseleiter bekommt Ärger, weil er den Touristen nicht am verbotenen Fotografieren gehindert hat.

So geht es stundenlang weiter, vorbei an Baumwollfelder, die wir nicht fotografieren sollen, durch Industrieagglomerate, die wir nicht fotografieren wollen. Industrieanlagen, in denen die Arbeiter 50% über dem Tarif bezahlt werden, weil die Luft und die Lebensbedingungen so schlecht sind.Es folgt endlose Weiten, Steppe, bis eine Karawanserei am Straßenrand auftaucht. Gut, von dem Gebäude steht nur noch das Portal. Die Ruinen der Grundmauern verlangen schon eine gewisse Anstrengung, aber es gelingt mir, sie mit Leben zu füllen: bärtige Männer, die die abgeladenen Ballen sorgfältig aufknoten und mit tastenden Fingern überprüfen, ob die Seidenrollen oder das kostbare chinesische Porzellan diesen Teil der Reise unbeschadet überstanden haben. Auf der anderen Seite der vierspurigen Straße ist ein Sogardar, ein überdachtes Wasserbecken: eine Quelle tief in der Erde wird durch eine Kuppel von Lehmziegel vor Sand und der Hitze geschützt. Und hier fällt es mir sehr leicht, mich in das Kamel einzufühlen, das 35 endlos lange, heiße und staubige Kilometer Etappe hinter sich hat und gerade von 400 kg Traglast befreit wurde. Wie es mit steifen Schritten zur Tränke geht, das kühle Wasser wittert, den Hals ganz lang macht, die Nüstern vorsichtig in den Brunnen taucht, erst mit langsamen, dann immer tieferen Zügen trinkt. Genug der Empathie jetzt! Sonst geht es mir noch wie jenem chinesischen Philosophen, der da saß und träumte er sei ein Schmetterling. Und plötzlich nicht mehr wusste: Bin ich eine Touristin, die denkt, sie sei ein Kamel oder aber ein Kamel, das denkt, es sei eine Touristin… Schluss jetzt! Das geht wirklich zu weit.

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Kurz vor Buchara sollte unser erster Stopp die Sommerresidenz des letzten Emirs sein, gebaut Anfang 1900. Ich weiß aus Erfahrung, dass der Einrichtungsstil orientalischer Potentaten selten meinen Geschmack trifft, und hatte mir nicht zu viel erwartet. Für die meisten Zimmer traf das auch zu. Aber dann war da der eine Saal: ganz in Weiß, aber alle typischen Stuckelemente waren auf Spiegelglas aufgeklebt. Dadurch erhielt der Raum eine fast transparente Leichtigkeit. Er wirkte, als scheine Sonne auf frischgefallene Schneekristalle. Damit hatte der Emir sich wohl ein Stück St. Petersburg, wo er seine Studienzeit verbracht hatte und sich ebenso unsterblich wie unglücklich in Olga, die Schwester des Zaren, verliebt hatte, nach Buchara gebracht.

Unser Hotel in Buchara war etwas ganz Besonderes: zwei gegenüberliegende Stadthäuser in einer engen Gasse, jedes um einen eigenen Hof gebaut, wurden durch eine überdachte Passage im ersten Stock zu einem Komplex vereint. Leider gab es das erste organisatorische Problem auf dieser Reise: Mischa hatte unsere Reservierung für 2 Nächte, das Hotel hatte nichts dergleichen. Es gab einige Diskussionen, Telefongespräche mit den jeweiligen Vorgesetzten und zum Schluss einen Kompromiss. Wir würden das einzige freie Zimmer bekommen – die Suite. Aber nur für eine Nacht. Am nächsten Morgen würde für uns in einem anderen Hotel ein Zimmer gesucht werden, auch eine Suite, als Entschuldigung für die ganzen Umstände. Das erste Zimmer war sehr schön, die Wände bemalt mit den Fresken aus Afrosiyob. So schliefen wir unter dem wachsamen Auge des chinesischen Gesandten, der auf einem Kamel in die Stadt einreitet. Das zweite Zimmer war sehr pompös. Es nahm eine gesamte Seite des um einen großen Innenhof gebauten Hotels ein. Mit einer sieben Meter breiten und fünf Meter hohen Fensterfront. Der Vorhang zum Verdunkeln wäre der Stolz eines jeden Kleinstadttheaters gewesen.

Luxus für zwei Nächte, gerade genug, um sich nicht dran zu gewöhnen.

Manchmal muss man als Tourist eben auch touristische Dinge tun. Michas Reisebüro hatte für uns eine Tanzveranstaltung gebucht. Damen in den Trachten der jeweiligen Provinzen sollten ihre Tänze vorführen. Dazwischen gab es dann so etwas wie „Heidila Klumova sucht Usbekistans Next Top Modell“. Junge Modells zeigten Mode einheimischer Designer, die sehr gelungen traditionelle Stoffe mit modernen, westlichen Schnitten kombinierte. Alle Stücke standen zum Verkauf. Besonders ein Mantel aus rauchblauem Filz mit grauen Applikationen hätte mich interessiert. Leider war das gute Stück viel zu weit, ich weiß nicht, für welche Zielgruppe er geschneidert war. Andrerseits war es vielleicht gut so. Mit diesem Mantel hätte man mich in Genf vielleicht für die usbekische UN-Botschafterin oder – viel unangenehmer – ein Mitglied der Präsidentenfamilie gehalten.

Samarkand

Seit Termez haben wir einen neuen Fahrer, einen jungen Tataren mit Daniel-Craig-Augen. Seine große Leidenschaft ist Autofahren, er hat schon mehrere lokale Rennen gewonnen und den sechsten Platz bei einem nationalen belegt. Uns fährt er besonnen und vorsichtig. Nach unseren tadschikischen Erfahrungen fast zu besonnen und vorsichtig. Sein Traum ist ein BMW X6. Bis er sich den leisten können wird, chauffiert er uns im Mittelklasse-Chevrolet, den er mit viel Liebe hegt und pflegt. Eigentlich sollte er uns nach Buchara fahren, wo ein lokaler Fahrer für die letzte Tour nach Khiva angeheuert werden sollte. Nun erzählt er uns freudestrahlend, dass er es sei, der uns nach Khiva fahren dürfe. Wir freuen uns mit ihm – ein Tag bezahlte Arbeit mehr – und sind auch ein ganz kleines bisschen gerührt, dass er uns so gerne fährt. Das sei natürlich auch ein Grund, der Hauptgrund aber, gesteht er, sei die Strecke nach Khiva. Vierspurig und gut ausgebaut. „Like a German Autobahn“, meint er. Das beste: die Strecke sei völlig eben und verliefe so schnurgerade, dass man Polizeikontrollen schon Kilometer im Voraus sehen könnte. Ich nehme mal an, wir werden recht schnell nach Khiva kommen.

Doch zuerst bringt er uns nach Samarkand, seiner Heimatstadt. Alles sei besser dort, die Straßen, die Häuser, der Plov. Selbst die Schlaglöcher, mit denen wir ihn manchmal aufziehen, seien bessere Schlaglöcher als anderswo. Ich hoffe, er ist nicht zu enttäuscht, falls er das hier jemals lesen soll.

Samarkand kam mir vor, wie eine sehr schöne alternde Frau, die mit soviel Chirurgie und Botox ihre Schönheit erhalten hat, dass sie nun keine persönliche Ausstrahlung mehr hat. Das beste Beispiel ist der Registan, jener weltbekannte Platz mit den drei berühmten Fassaden, Knotenpunkt der Seidenstraße. Ich bin sicher hoffnungslos naiv mit meinem Erwartungsbild von orientalischem Basar, Handel und Wandel, Leben, Flair und Ausstrahlung.

Registan

Der Registan war bei unserem Besuch wunderschön, sehr groß und völlig leer. Die Autoritäten haben den Platz abgesperrt und an den Fassaden der drei Medresen entlang einen steinernen Laufsteg errichtet, auf dem man von einer zur anderen gehen konnte. Den abgesperrten Platz betreten durfte nur, wer vorher seinen Eintritt bezahlt hatte.

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Der leere Platz, Zentrum des Jahrtausende alten Fernosthandels, hatte genauso viel Strahlkraft wie ein Supermarktparkplatz am Sonntagnachmittag. Auch die Taschkenter Straße, auf alten Fotos gesäumt von kleinen Werkstätten und Läden, wurde „aufgeräumt“ und ist nun eine breite (und zumindest Anfang September) leere Fußgängerzone, auf der sich ein anonymes Souvenirgeschäft ans andere reiht. Versteht mich nicht falsch: die einzelnen Monumente sind atemberaubend, aber es fehlt ihnen Atmosphäre und Lebendigkeit. Ich hatte nur bei einigen wenigen das Gefühl sie sind Zeugen gelebter Geschichte und immer noch Teil des täglichen Lebens. Bei den beiden größten (ich meine das jetzt wörtlich) hatte ich das Gefühl, der Tourismusverband hätte sie da platziert, weil er den Touristenbussen da die besten Parkmöglichkeiten bieten könnten.

Aber jetzt genug genörgelt, macht Euch selber ein Bild. Die Medresen um den Registan sind eine Orgie der Blautöne.

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Bibi Chonim oder Bibi Harum (je nach Transkription)

Wie bei Bill Clinton steckte auch hinter Amir Timur eine starke Frau, Bibi Chonim genannt, die ihre eigenen Ideen und Ziele hatte. Kein Wunder, war der Herr doch dauernd damit beschäftigt, neue Gebiete zu erobern und Menschen umzubringen. Gleichzeitig frönte er seinem „Size does matter“-Baukomplex. Er ließ also eine Moschee anfangen, die die größte und … naja, Ihr kennt das ja aus Schahrisabs, sein sollte und verabschiedete sich auf Dienstreise. Seine Frau dachte sich, den bin ich erst mal gut los und ging daran, ihre eigenen Pläne zu verwirklichen. Gegenüber der großen Timur Moschee sollte eine ebenso große Frauen-Moschee entstehen. Da ihre persönlichen Mittel beschränkt waren, ließ sie einfach Material und Personal von Timurs Moschee abziehen für ihr eigenes Unternehmen. Eines Tages kam der Baumeister, natürlich jung und hübsch, und drohte den ganzen Bau zu stoppen, wenn er nicht einen Kuss von Bibi Chonim bekäme. Bibi zierte sich und schickte eine Dienerin, der Baumeister verweigerte das Angebot, er wollte nur Bibi küssen. Bibi ließ Eier bunt anmalen und erklärte, mit den Frauen sei es wie mit den Eiern: egal, wie unterschiedlich bunt die Eier seien, im Inneren seien sie doch gleich, er solle die Dienerin küssen. Der Baumeister ließ Bibi zwei Gläser schicken, das eine mit Wasser, das andere mit Wein gefüllt. Beide Gläser seien äußerlich gleich, erklärte er, doch während das Wasser nur den Durst lösche, würde der Wein ihn erquicken und inspieren. Da gab Bibi nach und ließ sich durch einen Schleier küssen. Der Kuss des Baumeisters war aber so glutvoll, dass der Schleier verbrannte und ein Mal auf Bibis Wange hinterließ. Wie in einer schlechten Boulevard-Komödie kam just in dem Moment der Ehemann zurück und fragte wutentbrannt nach dem Knutschfleck. Zur Strafe ließ er den Baumeister hinrichten und Bibis Moschee abreißen und mit dem Material seine Moschee fertigbauen.

Kleiner ironischer Witz der Geschichte: Timurs Moschee ist nun bekannt unter dem Namen seiner Frau.

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Erzählt hat diese Geschichte Aschur E., Germanistik- und Geschichtsprofessor, der seine magere Rente mit einem Souvenirstand am Registan aufbessert und sich freute, sein hervorragendes Deutsch auszugraben.

Afrosiyob

Als Alexander der Große Samarkand eroberte, nannte er es die schönste Stadt der Welt. Natürlich stand der Registan noch nicht und er sprach von Afrosiyob. Die Stadt im Hügel war bis zum Einfall der Araber das Zentrum der Region. Ich denke, Ihr wisst, was kommt. Nachdem die Araber die Stadt verwüstet hatten, wurde ein paar Meter neben dran gegründet, was dann Samarkand werden sollte.

Im Museum sind die Funde ausgestellt, unter anderem detailreiche Fresken aus dem Empfangssaal der Zitadelle (die wir an den Wänden unsere Suite in Buchara wiederfinden sollten, aber das ist eine ganz andere Geschichte).

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Shohizinda

Die Nekropole war der erste UNESCO Welterbe Titel für Usbekistan. In drei Bauschüben vom 11. bis hin zum 20. Jahrhundert wurden auf dem Hügel ein Mausoleum ans andere gereiht, wobei der untere Eingangsbereich mit seinen Räumlichkeiten für Pilger Anfang des 20. Jahrhunderts entstand und das älteste Bauwerk ganz oben auf dem Hügel, in unmittelbarer Nähe zu Afrosiyob liegt.

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Für mich war das der Höhepunkt von Samarkand. Weg von der sterilen Größe des Registan zeigten sich hier Meisterwerke der Tongestaltung, geschnitzter Ton, Kacheln in 3D sozusagen, in filigraner Vielfalt. Während die meisten dieser Mausoleen einem Nachfahren Mohammeds und wiederum dessen Nachfahren zugeordnet werden, steht auf halber Höhe ein Bauwerk, dessen Begründer man nicht kennt. In der englischen Übersetzung: The unknown mausoleum.

Wahrscheinlich Samarkands bestgehütestes Geheimnis: das unbekannte Mausoleum.

Jedes dieser Mausoleen wirkt wie ein kleiner Palast mit seinen exquisiten Fassaden. Nur empfangen die berühmten Persönlichkeiten hier keine Gäste mehr.

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Heute erstreckt sich hinter der Mausoleen-Straße der aktuelle Friedhof Samarkands. Dies und die Verehrung der begrabenen Mitglieder der Familie Mohammeds führt dazu, dass hier mehr Leben herrscht als im Zentrum Samarkands. Wir sahen nur ganz wenige Touristen, aber große Gruppen von Einheimischen, die zum Teil nur zum Schauen, zum Teil aber auch zur Andacht kamen.

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Ulugbeks Observatorium

Ulugbek war der Enkelsohn Amir Timurs und er war wohl eine große Enttäuschung für seinen Großvater. Statt mordend durch die Gegend zu ziehen und andere Völker zu vernichten, interessierte er sich für Wissenschaften, insbesondere die Astronomie. Er ließ vor Samarkand ein großes Observatorium bauen und beobachtete den Lauf der Gestirne. Dieses Gebäude zerfiel nach einem Tod (sein Sohn ließ ihn ermorden) und geriet in Vergessenheit. Wiedergefunden wurde es, nachdem russische Archäologen den Bericht des spanischen Gesandten am Hofe Ulugbeks genau hinterfragten.

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Wir hatten ein sehr schönes Hotel, direkt am Timuriden Mausoleum,

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und sind abends los, um ein bisschen Straßenleben zu erleben. Außer müden Füßen haben wir nichts gefunden.

Schahrisabs oder „THINK BIG“