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Joseph Grün

Unsere italienische Freundin überraschte uns am Anfang unserer Freundschaft mit ihrer überschwänglichen Begeisterung für Henrico Boëllo. Wie sehr sie sich auf den Tag freue, an dem ihr Deutsch gut genug sei, dass sie die Werke dieses berühmten deutschen Schriftstellers – und noch dazu Literaturnobelpreisträgers – im Original lesen könne. Irgendwann haben wir uns zusammengerechnet, wen sie meinte und revanchierten uns mit Komplimenten zum noch viel berühmteren italienischen Komponisten Josef Grün.

Josef Grüns Werke schätzen wir sehr, die Musik zumindest, Opernlibretti darf man meist nicht zu sehr auf ihre literarischen Qualitäten abklopfen, vom Frauen- und Gesellschaftsbild wollen wir gar nicht erst anfangen.

So sehr wie wir Joseph Grün auch schätzen, dass er der Erfinder der „Grün-Straße“ ist, glauben wir dann doch nicht.

Diese Grünen Straßen, die „voies vertes“, sprießen in den letzten Jahren in Frankreich förmlich aus dem Boden. Eine der ältesten läuft am Westufer des „lac d’Annecy“, eingebettet in die Savoyer Alpen. Die alte Eisenbahnstrecke wurde zum Fahrradweg umgebaut und bietet Radelspaß mit Blick auf blaues Wasser, majestisches Alpengrau und weiße Schneekappen. Das Ganze bei frühlingshaften 18°, was einer der Gründe für diesen Radausflug war. Der andere ist leider nicht so schön. Unser Departement hat eine Inzidenz von 323, bei 325 schließt Herr Macron die Haustür ab und legt die betroffenen Departements an eine 10 Kilometer lange Hundeleine. Was sicherlich in den nächsten Tagen alle weiteren Ausflüge unterbinden wird.

Aber bevor wir das Westufer entlangradeln können, müssen wir erst auf dem Ostufer bis zum Ende des Sees kommen. Das heißt sogar „Bout du lac“, obwohl es genaugenommen der Anfang ist, denn der See hat seinen Ausfluss in Annecy selbst, mit dem Thiou, dem wohl kürzesten Fluss Frankreichs. Nach noch nicht mal vier Kilometern mündet er in den Fier. Aber er schafft es tatsächlich, sich auf diesen knapp vier Kilometern noch einen Nebenfluss einzuverleiben, den Ruisseau des Trois Fontaines, das Drei-Brunnen-Bächlein. Wusste ich vorher alles noch nicht.

Und da soll mal einer sagen, dass Radfahren nur etwas für die Kondition tut.

Das Ostufer ist nicht so gut ausgebaut, gelegentlich muss man sich mit LKWs und Bussen die sehr schmalen Sträßchen teilen, es ist halt nicht einfach mit der Infrastruktur, wenn rechts der See und links der Berg ist. Dafür gibt es den Blick aufs Wasser und wunderschöne alte Häuser, von großbürgerlicher Sommerfrische-Villa bis zu urigen Bauernhöfen.

In Talloires machen wir Mittagspause, les pieds dans l’eau, fast, ganz so warm ist es doch noch nicht. Schauen mit Wehmut zur Auberge und Cottage des Père Bise hin, dem wir einige schöne Erinnerungen und eine Erkenntnis zu verdanken haben. An einem der eher ungeraderen Hochzeitstage sitzen wir bei einem vorzüglichen Menü und einem ausgesuchten Glas Wein auf der Terrasse direkt am See, schauen hoch zu den Zweieinhalbtausendern des Tournette Massivs über uns. Wissen grinsend, was das Gegenüber denkt: dass wir in den ersten Jahren mit einem Butterbrot da oben gesessen und mit einer gewissen selbstgefälligen Herablassung auf die bequemen Feinschmecker da unten herabgeschaut hätten. Dass wir aber heute völlig neidfrei und voller Großzügigkeit dieses Bergerlebnis anderen gönnen können. Wir scheinen im Alter sehr viel Toleranz erworben zu haben.

Heute gibt es dank Corona Butterbrot aus der Brotdose, auf einem Bootssteg, sehnsüchtig beäugt von einem Schwanenpaar. Der Schwanenhals schießt dann zwar vor Richtung Brotdose, aber zum Glück ist Monsieur schneller.

Nach knapp drei Stunden sind wir wieder am Parkplatz, 39,7 Kilometer sagt Monsieurs Lebensgefährtin, 41 mein Tacho.

Da weiß ich doch, wem ich lieber Glauben schenke…

Frei nach Erich Kästner

 

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… leben wir heute gefährlich.

Erst erzählen wir der Jüngsten, dass sie sich schon immer gewünscht hat dahin zu fahren.

Da diverse Landesregierungen, Fluggesellschaften und ein Virus sich zusammentun, um das Erreichen ferner „Schon – immer“-Traum-Ziele zu verhindern, versuchen wir es halt mal eine Nummer kleiner mit den „Da könnten wir doch auch mal“-Zielen in der Nähe. Birgt natürlich eine gewisse Gefahr von hochgezogenen Augenbrauen, gezuckten Schultern oder einfach nur ungläubigem „Das?“ in sich.

Unser Ansatz geht aber gut aus, auch wenn das Ziel wohl nicht zu den 100 romantischsten Zielen Frankreichs zählen wird. Es hat eher diesen desolaten Charme aufgelassener Industrieanlagen.

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Wir sind zig Male auf dem Weg in den Süden über das „Viaduc de la glacière“ an dieser alten Eisfabrik vorbeigefahren, den Mont Lozère, Burgund oder die Provence vor Augen, den Satz „Da könnten wir doch auch mal …“ im Hinterkopf. Heute ist es soweit. Der strahlende Sonnenschein ist einerseits ausflugstauglich, andrerseits so gar nicht dem Ziel angepasst. Hier bräuchte man treibende Nebel oder heulenden Schneesturm, um das Potential der aufgelassenen Ruine voll auszukosten. Schön ist es trotzdem.

Wir stromern eine Stunde durch die Anlage, steigen – wo es nicht abgesperrt ist – in und um alte Mauern und stehen dann am Parkplatz da mit dem angefangenen Ausflugstag. Das nächste Ziel, die „Pertes de la Valserine“ ist uns klar, aber auf dem Weg locken die „Marmites de Géant“, die Kochtöpfe eines mythischen Riesen, Wasserstrudel in der Semine. Vor ein paar Wanderungen, von Giron kommend, hatten wir den Stopp schon einmal angedacht, aber damals hatten unsere müden Beine uns überstimmt. Heute finden wir den Einstieg und können bald das gigantische Rad einer alten Sägemühle bewundern, finden aber die Wasserspiele eher etwas unterwältigend. Das kommt dann – wir waren einfach noch nicht weit genug gegangen – nach der nächsten Brücke.

Der Parkplatz für die Pertes zeigt uns dann, frei nach Erich Kästner, wie lebensgefährlich das Leben ist. Mit großen gelben Warnschildern wird uns Wanderern drastisch vor Augen geführt, welch eine gefährliche Risikosportart wir ausüben. Was uns nicht alles befallen kann: Steine und Äste können auf uns herabstürzen. Der ebenfalls angedrohte Sturz von glaçons beeindruckt mich allerdings wenig, da ich das Wort eher mit „Eiswürfel“ statt -zapfen übersetze und das natürlich sofort in den überhaupt nicht bedrohlichen Kontext von eisgekühlten Getränken wie Aperol Spritz und ähnlichem setze.

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Wir setzen uns tapfer den weiteren Risiken von brutalen und gewalttätigen Fluten aus, den abrupten Felsabstürzen und gefährlichen Steilwänden. Es ist kaum zu glauben, dass wir lebendig an den Ufern des Flusses ankommen, gemeinsam mit den anderen Wanderern, Picknick-machern, im Wasser-Planschern. Die größte Gefahr, der wir uns aber an diesem Nachmittag wirklich aussetzen, sind die Moskitos, die unser Picknick, die Füße im Wasser, umschwirren.

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Die Valserine verschwindet hier schäumend immer mal wieder zwischen meterhohen Kalkwänden und taucht brodelnd ein paar Schritte weiter, dafür aber viel tiefer wieder auf.

Eine Felswand mit spitzer Nase ist natürlich Napoleons Kopf und die Stelle, an der die Felsen nur zwei Handbreit auseinander sind, die „natürliche Brücke“, die Pilger auf diesem alten Pfad schon vor Jahrhunderten nutzten. Für uns Risikosportler ist die Stelle inzwischen mit Geländern und Lattenrosten gesichert, nur für den Fall, dass die gelben Warnschilder nicht abschreckend genug waren.

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Ein Wanderweg an der Valserine entlang führt schon zur Planung der nächsten Wanderung. An der „Pont du Moulins des Pierres“ vorgestern hatten wir der Voie du Tram zuliebe nämlich mit einem kleinen Bedauern auf den schmalen Pfad verzichtet, der ins Tal der Valserine hinabstieg. Zu lang, zu steil, zu kompliziert mit dem ÖPNV.  Hier und jetzt eröffnet sich ein weiteres „Da könnten wir doch auch mal“.

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Mit deutlich leichterem Rucksack steigen wir durch die verwunschen, moosbewachsenen Wälder hoch zum Parkplatz. Plötzlich kommen uns zwei Polizisten entgegen, auf dem Wanderweg zur Valserine, in voller Montur. Ich bin so perplex, dass ich sie lachend frage, was sie denn da unten im Tal kontrollieren wollten. „Oh, Madame,“ strahlt der eine freudig-aufgeregt zurück, „il y a beaucoup des choses, qui sont interdit là-bas! – Es gibt Vieles, das da unten verboten ist.“

Wie gesagt, gefährlich, gefährlich, das Leben!

 

 

 

 

 

Kleine Wunder

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Unsere Welt steckt voller Wunder, kleinerer und größerer. Ich mag ja mehr die kleineren. Wie etwa die wundersame Tatsache, dass die französische Grammatik sich so etwas wie Subjonctif II ausdenken kann, es aber nicht fertigbringt, beim COD nachgestellte Partizipien zu „accordieren“, ohne mit abstrusesten Regeln labyrinthhafte Wege zu gehen. Solche Leckerbissen grammatikalischer Absurditäten werden mir beiläufig gereicht, wenn meine Große mal wieder eine Tasse Kaffee braucht, um weiter für ihren Test zu lernen. Was uns zum zweiten Wunder führt, dass nämlich eine Person, die in Frankreich aufgewachsen ist und ein französisches „Baccalauréat“ abgelegt hat (und wie!), einen staatlich beglaubigten Sprachtest nachweisen muss, um ein Visum für Kanada zu beantragen. Das wiederum führt auf direktem Wege dazu, dass wir uns an diesem Morgen um sechs Uhr früh im Schneegestöber aufmachen nach Bourg-en-Bresse, wo dieser Test stattfinden soll. Da wir für alle Eventualitäten einen großen Zeitpuffer eingeplant haben, sitzen wir um kurz nach sieben im Café de la Comédie und bestellen Croissants zu unserem Kaffee. Schließlich ist so eine Situation doch sehr nett geeignet, sich noch ein bisschen für die mündliche Prüfung aufzuwärmen. Wird aber mehr ein Aufwärmen für den Teil Hörverstehen, denn die Kellnerin lässt uns kaum zu Wort kommen. Die Croissants seien noch nicht da, obwohl sie offiziell seit sieben Uhr geöffnet hätten, aber sie schicke jetzt gleich jemanden los, direkt, sofort, auf der Stelle.

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Um halb neun sitzt meine Älteste in der Prüfung und ich bin unterwegs zum dritten, dem größten Wunder für heute, dem Monastère royal de Brou. Laut deren eigener Webseite das von den Franzosen meist bewunderte nationale Monument (für 2014). Ich höre förmlich Mont Saint Michel aufschluchzen, sehe den Eiffelturm sich verächtlich abwenden, da setzt die Seite der Stadt noch eines drauf. Die Brou sei das Taj Mahal Frankreichs. Nun habe ich das Taj Mahal ja nicht wirklich gesehen (obwohl ich direkt davorstand), aber die Ähnlichkeit ist schon verblüffend.

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Das Taj wurde von einem Mann für seine Frau erbaut, die Brou von einer Frau für ihren Mann.

Im Taj sind die Gräber der beiden Eheleute, in der Brou darf die Schwiegermama auch dabei sein.

Das Taj ist blendendweiße Marmorherrlichkeit (habe ich auf Bildern gesehen), die Brou leuchtet in den Farben Burgunds.

Das Taj zeigt islamischem Bilderverbot folgend nur Blumen und geografische Muster, in der Brou werden mit gotischer Spitzenklöppelei in Stein selbst Zöpfe und Gewandfalten liebevoll detailliert dargestellt.

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Aber ansonsten: wirklich fast das Gleiche.

Achja, einen Unterschied gibt es: Das Taj öffnet tatsächlich wie angekündigt um halb sieben, an der Tür der Brou hängt um neun Uhr ein Zettel, dass sie heute ausnahmsweise erst eine Stunde später öffnen. Da stehe ich im beißenden Wind und Regen und schimpfe ein bisschen vor mich hin. Und dass das Musée Apothécaire, ein paar Straßen weiter im Hôtel de Dieu, überhaupt nur samstags öffnet, trägt auch nicht zur Verbesserung meiner Laune bei.

Also stapfe ich mit inzwischen nassen Schuhen durch Bourg und bewundere, was es so zu bewundern gibt. Vor allen Fachwerkhäuser, deren Giebel sich über Gässchen hinweg liebevoll einander zuneigen. Die Chocolaterie in der rue Bichat, die ich mir fürs Aufwärmen schon mal vorgemerkt hat, enttäuscht, da das kleine Tischchen nur fürs Personal vorgesehen ist. Eine heiße Schokolade wollen sie mir auch nicht servieren, tja Bourg, das wird wohl nichts mit uns zweien.

Zum Glück gibt es außerhalb Bourgs noch so ein kleines eher „wunderlich“ als Wunder, aber das ist so ganz genau mein Ding. Gestern Abend, bei der Internet-Recherche, führte der „Poype de Fées“ dann auch zu einer sehr steilen Lernkurve bei mir. Und so stehe ich heute mit nassen Füßen im noch nasseren Gras vor den liebevoll gestalteten Informationstafeln. Also, so ein Poype ist ein keltisch-römisch-frühmittelalterliches Bauwerk. So genau wissen sie es nicht und es scheint auch niemanden wirklich genug zu interessieren, um es herauszufinden. Irgendwie sieht es nach Recycling-Architektur aus: aus dem Aushub des kleinen Wassergrabens in Form einer Acht wurde der Hügel, auf dem der keltisch-römisch-frühmittelalterliche Wachtturm steht, angelegt. Dieser Turm, gelegen an einer der alten Handelsstraße, diente einem Zweck, den jeder Frankreich-Tourist zur Genüge kennt: der Erhebung von Wegzoll und Mautgebühren. Wir haben es hiermit also mit einem direkten Vorgänger der „gare de péage“ französischer Autobahnen zu tun. Das ist aber nicht, was mich so fasziniert an diesem eigentlich wenig beeindruckendem Gebäude.bourg2

 

Es ist nämlich nicht das keltisch-römisch-frühmittelalterliche Original, das ich hier sehen kann, sondern ein moderner Nachbau. Der wurde notwendig, weil der Besitzer des Originals dieses 1786 hat abreißen lassen. Weil dort Feen wohnen würden, die nachts tanzen und Unanständiges treiben würden. Wir sind zwar mitten im „siècle des lumières“, der französischen Aufklärung, aber das ist durchaus etwas, das ich so von Feen erwarten würde. Völlig unerwartet dagegen die Beschwerde des Besitzers, dass eben diese unanständigen Feen sonntagsmorgens auf dem Weg zur Messe (jawohl!) immer durch seine Felder trampeln würden und dadurch sein Hanf verdorren würde. Was mich, knapp 250 Jahre später, dann doch wundern lässt, ob die die Beteuerung, dass der Hanf rein zur Gewinnung von Textilfasern angebaut wurde, die reine Wahrheit ist.

Ach, übrigens: Meine Tochter hat den Test mit Bravour abgelegt. Aber das ist nun wirklich kein Wunder.

 

 

 

Ansprüche

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Wir haben gestern angesichts unserer langen Anreise ein Zeitfenster am späten Nachmittag gewählt. Bei unserer Ankunft in Les Baux stehen wir etwas verblüfft vor den Menschenmassen am Eingang. Irgendwo in der Mitte der Schlange stehen ein Schild und ein geduldiger Mensch, die beide erklären, dass die Tageskasse geschlossen und Einlass nur noch mit vorreservierten Tickets möglich sei. Ein Großteil der Menschen dreht enttäuscht um. Es stehen aber immer noch genug in der Schlange, dass unsere Idee, uns ein bisschen früher in die Ausstellung zu schleichen, aufgegeben wird. Les Baux ist nicht umsonst eines der schönsten Dörfer Frankreichs, die Stunde Wartezeit kein Problem.

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Die Vorstellung ist faszinierend und bezaubernd, allerdings auch etwas kühl. Wir sind dann doch ganz froh, dass in der alten Familienkutsche die Heizung so gut funktioniert auf dem Weg zum Hotel. Unser Hotel, in unmittelbarer Nähe des deprimierenden Klotzes von Van Goghs Klinik gelegen, bietet nur Frühstück. Deshalb laufen wir ein paar Hundert Meter zu einem Restaurant, dass auf seiner Internetseite hohe Ansprüche an seine Kunden stellt. Uns hat es nicht so ganz überzeugt.

Das kommt erst heute.

Nach dem Frühstück gibt es noch einen kurzen Blick auf „Les Antiques“, sehr frei übersetzt: das alte Zeuch halt. So klingt es und so liegen die zwei Monumente etwas unmotiviert rechts der Straße, von der es links zum römischen Glanum abgeht. Das haben wir alles schon mal unseren Kindern in ihren jungen Jahren aufgezwungen. Da sich aber keines von ihnen daran erinnert, scheint die Erfahrung nicht zu traumatisierend gewesen zu sein. Auch die Abtei, die Van Gogh zum Pilgerziel Kunstbeflissener gemacht hat, wird heute nur kurz mit einem Blick bedacht, wir wollen auf dem Heimweg lieber durch die Berge der Drôme als durch düstere Gänge streifen.

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Ein ganz kleines Problem bietet der halb leere Tank in Kombination mit dem Generalstreik. Die erste Tankstelle hat keinen Diesel, vor der zweiten stehen lange Schlangen. Wir biegen trotzdem in die kleinen und kleinsten Sträßchen ab, die uns zu noch kleineren Dörfern bringen. Dörfchen, so klein und verschlafen, dass uns auf unserem Spaziergang nur zwei Katzen begegnen. Und eine dritte, mittelalterliche, eingeritzte, auf einer Außenwand.

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Weiter geht es, immer mit einem besorgten Blick auf die Tankuhr. Zu sechst mitten in der tiefsten Provinz zu stranden, in einem Land, in dem im Moment nichts funktioniert, das uns nach Hause bringen könnte, klingt nur auf den ersten Blick nach einem lustigen Abenteuer. Und da Monsieur weiß, dass in meiner Gegenwart eine Gefahr besteht, solche Sachen passieren zu machen, ist er zu Recht etwas beunruhigt.

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Wir sind kurz davor, unsere alte Familienkutsche zu überreden, es doch mal mit einem Schluck Benzin zu versuchen, da sehen wir in den Außenbezirken von Saint Paul Trois Châteaux einen großen Supermarkt, der nicht nur eine Tankstelle, sondern auch den nötigen Treibstoff hat.  Deshalb können wir kurz darauf mit großer Erleichterung daran gehen, St Paul zu erkunden und uns um unser eigenes Wohlergehen zu kümmern. Monsieur findet in einer Seitengasse das „Oxalis“, ein kleines Juwel von einem Restaurant. In alten Gewölben begrüßt uns eine junge Frau, ebenfalls mit hohen Ansprüchen, an die Frische ihrer Gemüse und Säfte. Ihre Eltern haben einen Hof, deshalb käme nur frisches Obst und Gemüse aus eigener Produktion auf ihren Tisch. Was wir wenig später mit Genuss feststellen können.

La Garde d’Adhemar liegt sozusagen auf dem Weg zur Autobahn, da könnten wir doch… Und das Val de Nymphes mit seinem typischen Wechsel von keltischem Fruchtbarkeitstempel zur christlichen Marienkirche liegt nur einen Katzensprung und dann einen Spaziergang entfernt. Zwar fühlen wir uns nach all den Weihnachtsschlemmereien nicht so richtig nymphig, aber der Zauber des Ortes wirkt trotzdem.

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Ein paar Stunden später stelle ich das Abendessen auf den Tisch. Auch meine Ansprüche sind hoch: alle satt und zufrieden zu machen und das mit minimalem Aufwand für die Köchin.

Gut, dass wir alle Spaghetti lieben…

 

Carrières de Lumières

 

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„Die gibt es aber erst nach der Rheinbrücke bei Speyer!“, kommt es im Chor aus der alten Familienkutsche, als ich mit den Sandwichs in Auto steige. Das ist jetzt ein bisschen ungeschickt, denn wir sind in die andere Richtung unterwegs, in den Süden, die Rhone abwärts und kommen ganz bestimmt nicht in die Nähe von Speyer. Aber das werden wir schon irgendwie gelöst bekommen, dieses Problem.

Unsere Kinder haben ein Weihnachtsgeschenk angedacht und das packen wir jetzt aus, in Les Baux, bei Avignon.

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Stellt Euch einen Steinbruch vor, in dem die Menschen seit Jahrtausenden ihre Steine brechen, Steine für ihre Häuser, ihre Tempel, ihre Burgen. Erst an der Oberfläche, dann wagen sie sich ins Innere des Berges, schaffen riesige Hallen, getragen von mächtigen Pfeilern. Kathedralen kommen in den Sinn. Die Menschen brechen den Stein aus den Felswänden, lassen hier riesige glatte Flächen zurück, dort schmale Gänge und ganz hinten die Treppen und Winkel nicht vollständig abgetragener Wände. Das einzige, das nicht glatt und verwinkelt ist, ist der Boden, uneben, von tausenden und Abertausenden von Füßen weich geschliffen, liegt er wellig und dellig unter den im Dunkeln tastenden Füßen.

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Diese Felskathedrale mit ihren großen glatten Wänden, mit ihren Kanten und Ecken dient als Projektionsfläche für ein besonderes Kunsterlebnis. „La nuit étoilée“ wird mit Bildern Hokusais als „Le Japon rêvé“ verknüpft zu einer magischen Erfahrung.

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Vincent van Goghs Bilder werden auf alle Wände projiziert, dann auseinandergebrochen, in Details zerlegt, die Details animiert. Ich stehe und staune und drehe mich im Kreis. Die Sonne der Sonnenblumen zerlegt sich in ihre einzelnen Pinselstriche. Die Sterne der Sternennacht erscheinen losgelöst im tiefen Dunkelblau und drehen sich endlich, endlich in der Nacht, die lichten Wolkenbänder können ihre Bewegung zu Ende führen – reine Poesie!

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Wasser fließt in anderen Bildern, Kornfelder wachsen vor unseren Augen, provenzalische Berge erheben sich und zerfließen in Farbflächen. Die Krähen der drohenden Krankheit füllen in dunklen Schwärmen die Felswände um uns herum und das Dunkle der Depression senkt sich über die Felskathedrale, bis zum Schluss nur der stechende Blick Vincents stehenbleibt, der alle bannt.

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Der schwarze Abspann kommt als eine Erleichterung.

Dafür beginnt die japanische Erfahrung mit großer Heiterkeit und Leichte. Rosa Kirschblüten rieseln über die Wände, sammeln sich auf dem Boden. Wälder, lichtdurchflutet, werden von Fuchs- und Katzen-Geistern bevölkert, die als magische Wesen vor unseren Augen aus dem Nichts auftauchen und im gleichen Augenblick auch wieder verschwinden.

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Fächer, wandgroß, falten sich auf und zu. Shoji erscheinen auf den Felsen, werden geöffnet und geben den Blick auf Teehäuser frei, den heiligen Fuji, wolkenumhangen, im Hintergrund. Geishas spielen Instrumente, ein Bild großer Unbeschwertheit. Bis die geballte Macht der großen Welle über uns hereinbricht. Sie donnert über uns hinweg, ist an den Wänden, an der Decke, am Boden, reißt uns mit, drückt uns unter die Gischt und Brandung, bis wir nur noch im, unter dem klaren Blau des Wassers sind. Die Gewalt der Tsunami ist hier unten nicht zu spüren, nur ein friedliches Treiben zwischen seltsamen Fischen und anderen Meeresbewohnern, die neugierig näher schwimmen und uns beäugen.a-baux07

Dieses Gefühl zu treiben, zu schweben bildet dann auch den Abschluss: In a floating world lässt erst Hunderte, dann Tausende von japanischen Laternen in den Himmel steigen.

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Doppelspitze

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Am Ende der Stauferwanderung hatten wir drei klare Lieblingsburgen. Fleckenstein: für die schiere Verwegenheit, auf und in so einem schmalen Felsband eine Burg überhaupt nur anzudenken. Wasigenstein: für die herzzereißende Geschichte der zwei fliehenden Königskinder. Als Doppelspitze aber stand weit vorne Alt- und Neu-Windstein, einfach fürs Alt- und Neu-Windstein-Sein.

Alt- und Neu-Windstein sind dann auch mein Ziel. Natürlich ist auch hier vieles ganz anders als in meiner Erinnerung. Die kleine Pension auf dem Sattel zwischen den zwei Burgen ist inzwischen ein Ferienhaus und unnötig viele und unschöne Zettel weisen darauf hin, dass hier keine Gasstätte, sondern ein Privathaus sei. Dass man nicht stören und schon gar nicht die ehemalige Terrasse betreten soll. Und vor allen Dingen, dass man auf gar keinem Fall hier, sondern weiter unten im Dorf auf dem Wanderparkplatz parken soll.

Kein Problem, ein paar Minuten später stehe ich wieder vor der kleinen gemütlichen Ex-Pension und frage mich, wie entspannend wohl Ferien hinter all diesen Zetteln sein mögen.

Neu-Windstein ist mein erstes Ziel, einfach, weil der Weg dort hin länger ist, ganze zwanzig Minuten. Ich schaffe es in fünfzehn. Das, obwohl ich den Holzabfuhrweg (Château de Nouveau-Windstein: nouvelle variante) ignoriere und dem schmalen Pfad folge, der sich den Berg hochzickzackt. So komme ich immerhin an Mittelwindstein vorbei, das so ein ganz kleines bisschen „Maya-Ruinen-im-Urwald-Entdecker-Glück“ aufkommen lässt. Viel ist nicht zu sehen, das gebe ich gerne zu, aber ein paar Schritte weiter lugt ja schon Neu-Windstein durch die Blätter. Als Alt-Windstein unbewohnbar wurde – sozusagen ein Berufsrisiko bei Raubritterns -, entstand mit Neu-Windstein eine Burg mit allem Komfort. Beweis: die hochmodernen sanitären Anlagen.

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Neu-Windstein verfügt über mehr aufrecht ragende Mauern als die meisten Burgen zusammen und damit kommen wir zu dem, was den besonderen Charme dieser Burg ausmacht. In diesen Mauern ist ein ganz bezauberndes Sammelsurium unterschiedlichster Fenster vereint. Schießscharten, einfache Bogenfenster, verspielte Doppelbögen mit und ohne Fenstersitz. Ich habe das Gefühl, je höher die Burg wuchs, desto mehr geriet der Verteidigungsgedanke ins Hintertreffen und „Schöner Wohnen“ wurde wichtiger. Es gibt irgendwo ein Foto von Paonia als Burgfräulein in luftiger Höhe, keine Ahnung, wie (und wieso) ich mich damals da hoch getraut habe. Deutlich einfacher ist der Zugang zu den Resten des Wehrturms, da gibt es heute Treppen und schmale Metallstege – mit Geländer! Wir standen 1977 noch am Fuße der Mauern und mussten angesichts des Einganges in vier Meter Höhe kapitulieren.

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Irgendwie schaffe ich es doch tatsächlich, den breiten Variantenweg nicht zu finden und bin auf dem schmalen Pfad zurück, als Alt-Windstein durch die Blätter leuchtet. Diese Burgen haben etwas von hochbordigen Hanse-Koggen, der Fels der schmale Kiel, auf dem dann die Aufbauten fußen. Auf diesem hohen, schmalen Kiel segeln sie still und eindrucksvoll auf dem grünen Meer der Wälder.

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Meine romantische Stimmung erhält aber bald einen Dämpfer. Alt-Windstein war für uns die Burg der „road not taken“. Gänge im Fels, mit Stufen, die nach ein paar Schritten verschüttet waren. Stufen, so abgelaufen, dass sie an Stellen nur noch Löcher sind. Eingemeißelte Mulden, Handgriffe, senkrecht die Wand hoch, die auf einem Felsband und dann vor der nackten Wand endeten. Treppen, so ausgetreten und sandstein-rutschig, dass ich – heute -wirklich nicht viel Phantasie brauche. Wahrscheinlich hatte ich diese Phantasie vor vierzig Jahren noch nicht, oder es lag an etwas ganz anderem, dass wir da eher unbekümmert durch die Ruinen geklettert sind.

Klettern ist dann auch mein Stichwort, denn Alt-Windstein ist heute eialsace6ner der beliebtesten Kletterfelsen der Region und so sieht er dann diesem Morgen aus wie der Brutfelsen einer besonders farbenprächtigen Spezies. Auf jedem Vorsprung, in jeder Nische, an jedem Felsband hockt, klammert oder klettert ein Mitglied der Spezies. Bei den Könnern, beobachtet von einem lässig ins Sicherungsseil gelehnten Bergsteiger. Bei  den Anfängern ist es dann eher ein überaus nervös das Seil führender und dabei aus dem Kletterführer Anweisungen vorlesender Mitkletterer.

alsace8Das alles ist zwar interessant und bei einigen auch sportlich schön anzuschauen, verbaut mir aber ein bisschen meine Wiedersehensfreude. Ich lasse die Kletterer die Abkürzungen über den Felsen suchen und nehme den Rundweg am Fuße der Burg, gerade richtig für Fußgänger wie mich. Eine ein klein bisschen unheimliche Treppe führt in Gemächer, deren Fenster auf den Kletterfelsen gehen. Was mich dann Auge in Auge mit einem – erschreckt zusammenzuckenden – Kletterer bringt. Da der aber gerade nur meditativ im Seil gesessen und seine weiteren Handgriffe überlegt hatte, entsteht kein bleibender Schaden.

Auf dem Rückweg zum Parkplatz kommen mir zwei Kleinbusladungen Kletterer entgegen.

 

Das wird eng auf dem Brutfelsen.

 

 

 

Nostalgische Erinnerungen

Nostalgische Erinnerungen sind etwas Feines und verhindern hier und jetzt hoffentlich, dass meine Hotelpläne für dieses Wochenende als zu versnobt erscheinen.

Erinnerung Nummer eins: Campingsommer am Haspelschiedter Weiher, eine 12jährige Paonia, ihr kleiner Bruder, jede Menge Spaß im Wasser und noch größere Mengen Blaubeeren im Wald. Wenn meine Mutter keine Lust hatte zu kochen, ging es in diesen kleinen Landgasthof, den mein Vater ein paar Dörfer weiter aufgetan hatte. Das Essen war sicher gut, ist mir aber nicht mehr so präsent. Wovon die ganze Familie aber heute noch schwärmt, waren die Hors d’oeuvres. Große Platten voller kleiner Köstlichkeiten, die vor dem Essen einfach so auf den Tisch gestellt wurden. Es war so schwer, nicht alles wegzuprobieren und sich noch etwas Appetit für das Menü aufzuheben. Ach, komm nur noch das eine, kleine, da hinten…

Erinnerung Nummer zwei: ein heißer Tag auf der Staufer-Wanderung 1977, die Mittagshitze drückt, wir haben noch gute acht Kilometer bis zum Ziel, da lockt am Ortsausgang dieses behäbig in seinem Garten sitzende Restaurant. Elsässer Fachwerk-Romantik und ein paar Tische draußen unter Sonnenschirmen. Das ist zu verlockend, da brauchen wir nämlich nicht mit den sperrigen Rucksäcken und den klobigen Wanderschuhen durch die Gaststube, von den verschwitzen, salzverkrusteten T-Shirts mal ganz zu schweigen. Wenig später trauen wir uns an unsere ersten Artischocken – unter den wohlwollend-amüsierten Blicken der Großmutter, die den Service dirigiert. Die Pause wird dann deutlich länger als geplant und wir machen uns mit einem Hauch Wehmut auf den weiteren Weg. Die kleine Pension zwischen zwei Burgen, unser Etappenziel für heute, ist niedlich und preiswert. Dieses schöne Hotel-Restaurant hätten wir uns eh nicht leisten können.

 

Gut vierzig Jahre später stehe ich vor der Entscheidung, wohin ich der Nostalgie folgen soll: nach Bärenthal oder nach Niedersteinbach.

Aber L’Arnsburg hat Sommerpause und Le Cheval blanc ist ausgebucht.

 

Und so wird es etwas ganz anderes, ein sehr einfaches Hotel, das billigste Zimmer hat doch glatt eine Null weniger im Preis als das teuerste in Arnsburg und so werde ich übermütig. In einem Anfall von hemmungslosem Luxus leiste ich mir eines der wenigen Zimmer, die über ein eigenes Bad  verfügen. Die Zimmer sind, wie nicht anders zu erwarten, sehr einfach, aber die Gastleute ausgesprochen freundlich.

Auf der Speisekarte, am Abend, dominieren die Elsässer Flammekuchen, im Speisesaal die Wochenend-Väter. Am Tisch neben mir einer mit einer äußerst schlecht gelaunten Neunjährigen. Sie müssen in einem Schlumpf-Park oder -Outlet gewesen sein, die Kleine schiebt ein Schlumpfhaus lustlos von einer Hand in die andere. Sie bestellt sich Tomatensaft, der Vater fährt stöhnend mit der Hand übers Gesicht. „Du trinkst den doch eh nicht und ich muss ihn dann austrinken! Kannst du nicht wenigstens etwas bestellen, was ich mag?“ Eisiges Schweigen, gefolgt von einer Tomatensaftbestellung. Der Vater breitet einen Schlumpf-Prospekt vor ihr aus und versucht es mit Kommunikation. „Schau, eine Figur kostet zehn Euro. Wenn du die kaufst, bekommst du einen Bonuspunkt. Wie viel Euro musst du für fünf Punkte ausgeben?“ Ich bin fasziniert von diesem Ansatz. Will er mit der Kleinen Dreisatz üben oder sie zu ungebremstem Konsumrausch erziehen? Wie dem auch sei, die steinerne, missmutige Stille zeigt, dass Mathematik nicht der Weg zu ihrem Herzen ist.

Der Nachbartisch ist deutlich lauter. Offensichtlich hatte der Vater vergessen, dass sein Abend mit den Kumpels just auf das Wochenende fällt, an dem er seine Tochter hat. Die Männer diskutieren, die Siebenjährige langweilt sich. Als sie zum vierten Mal: „Mir ist langweilig!“, nörgelt, hebt der Vater die Hand. „Wir waren im Vergnügunspark,“  ein Finger hoch, „dann haben wir eine Bootstour gemacht,“ ein zweiter Finger geht doch, “ dann…,“ es folgen Finger drei bis sechs. Mir ist schon ganz wuschig bei diesem strammen Programm, da piepst die Kleine dazwischen: „Da war noch die Farm, die mit den Tieren!“ Der Vater wird sich plötzlich seines Erziehungsauftrages bewusst und holt mit der Bildungskeule aus: „Das,“ kommt ziemlich rechthaberisch und von oben herab, „das waren keine Tiere, ma petite, das waren Insekten.“

Ah ja…

Gut, dass wir das mal geklärt haben.

 

Es beginnt eine erhitzte Diskussion, aber da kommt mein Flammekuchen und ich konzentriere mich auf Wichtigeres.

Kleines Update

… nach vier Tagen Regen

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London ist ein Mädchen

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Autokorrekt ist ja der Fluch unserer Zeit. Allerdings braucht es nicht immer einen Computer „to mess things up“. In diesem Fall sehe ich ihn direkt vor mir, den Vertreter der 50er Jahre, wie er die Bestellung des Bürgermeisters entgegen nimmt und sehr sorgfältig, Zungenspitze im Mundwinkel, mitbuchstabiert: rue – de – la – London. Und so kommt es, dass London in unserer Ecke Frankreichs ein Mädchen ist.

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Die Rue de la London führt zur source de l’Allondon, der Quelle der Allondon, unserem Lieblingsabenteuerspielplatz. Zu allen Jahreszeiten, wenn auch nicht zu jedem Wetter. Im Sommer mit Badesachen, im Winter eher nicht. Im Frühling dann die ersten Jahren mit mehren Sätzen Wechselwäsche, weil es meist keine Viertelstunde dauerte, bis das erste Kind zumindest vollgelaufene Gummistiefel hatte.

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In den ersten Jahren konnte man nach Regenfällen nie sicher sein, dass und wie man in das Tal einsteigen konnte, der Bach liebte es, Wegstücke und Brücken mitzunehmen auf seinem Trip zum Genfer See. Wobei „Brücke“ hier die falschen Bilder erweckt. Anfangs waren es zwei Betonstrommasten, nebeneinander über das Flüsschen gelegt, später folgten Holzstege. Die waren optisch sicherlich schöner, fielen aber regelmäßig dem natürlichen Verwitterungsprozess zum Opfer.

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Die Allondon bietet das volle Abenteuerprogramm: spielen am Bachufer, inklusive des Momentes, wo ein Kind dann etwas über Schwerkraft und Schwerpunkt bzw. die plötzliche Verlagerung des selben lernt, Staudamm bauen, planschen im Wasser. Wald zum Holzsuchen, Feuerstellen zum Grillen und alte Mühlenruinen zum Klettern und forschen. Sogar meine Archäologenseele findet ihr Glück, als wir einen Nachmittag lang im Ufersand Scherben einer großen Schüssel ausgraben. Weiter oben gibt es dann die Quelle, im Sommer ein kleines Loch in einem Bergkessel. Die Müller des 19. Jahrhunderts haben das Rund mit einer Mauer abgesperrt, so dass ein großer Mühlenteich entstand, von dem der Mühlenkanal abgeht. Die Zeit und die ungeheure Macht der Spätwinter-Allondon haben die Mauer stellenweise zerschlagen, so dass sich das Wasser in der Mitte der Mauer einen schäumenden Weg in das darunter liegende Flussbett sucht. Idealer Badeplatz für abenteuerlustige Kinder.

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Besonders spektakulär ist die Allondon nach heftigen Regenfällen oder wenn oberhalb auf dem Jura der Schnee schmilzt. Beides Bedingungen, die zum Jahreswechsel 17/18 gegeben sind.

So beschließen wir, unsern Kater spazieren zu führen und das Neue Jahr feuchtfröhlich zu begrüßen.

Und bringen Euch ein paar Bilder mit.

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Provence – oder so

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Jeder hat da wohl so seine Provence- Bilder im Kopf: Dörfer aus sanft-goldenen Bruchsteinen gebaut, Senanque inmitten von Lavendelfeldern, kleine Cafés mit bunten Sonnenschirmen davor, Platanen umstandene Plätze, auf denen alte Männer Boules spielen, daneben fröhlich-bunter Markt mit fröhlich-bunten Menschen.

Das Problem ist nur, dass die Provence sich nicht an unsere Klischees hält, nicht in Fontaine-de-Vaucluse, nicht Anfang Oktober. Pardon, die Natur in etwa schon, die Hauptdarsteller nicht. Es ist, als herrsche eine geheime Absprache, alle Touristen zu vergraulen, damit man die Lokale schließen und den Winterschlaf einläuten kann. In einem Lokal gibt es Wasser nur, wenn man etwas zu essen bestellt. Es ist halb drei, wir möchten nichts essen, nur einen Kaffee und etwas Mineralwasser haben, was aber nicht möglich ist. Im nächsten will man uns nicht im schönen Garten am Mühlrad sitzen lassen. Kaffee nur vorne an den Zweiertischchen direkt an der Straße. Dass acht Personen nicht an drei Zweiertische passen, hat sich noch nicht herumgesprochen. Das nächste Café hat immerhin Vierertische, die wir aber nicht zusammenstellen dürfen. Ich habe selten eine so unfreundliche Haltung gegenüber Gästen gesehen.

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Die Sorgue dagegen tut ihr Bestes, bietet kristallklares Wasser über smaragdgrünen Unterwasserwiesen, Enten, Mühlräder, jede Menge Petrarca auf Italienisch und Mistral auf Provenzalisch und dann „Le gouffre“, der Schlund, Anfang Oktober mit Niedrigwasser. Dafür sind die Wasserstandsmesslatten, die bis weit über unsere Köpfe reichen, gut und deutlich sichtbar.

 

Irgendwo bekommen wir unseren Kaffee, die einen fahren zufrieden zurück zu Haus und Pool. Wir, die Nachzügler, wollen noch ein bisschen Provence-Feeling suchen und steuern Menerbes an. Und da gibt es dann die kleinen Sträßchen und die verträumten Ecken und ein Eiscafé mit einer fröhlich-lachenden Dame hinter dem Tresen. Die fragt Monsieur: „Haben Sie Ihr Glück gefunden?“ Worauf Monsieur zuerst zu seiner Frau und erst dann zum Eis schaut, nickt und „Limone-Basilikum“ sagt.

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Dass die meisten Sehenswürdigkeiten im Privatbesitz sind („ne se visite pas“), kommt uns ganz gelegen und trägt mit dazu bei, dass wir von Menerbes ein sehr positives Bild mitnehmen. Da sind wir ganz einfach: natürlich haben wir keine Vorurteile und Klischees, freuen uns aber immer, wenn sie uns bestätigt werden.