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Provence – oder so

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Jeder hat da wohl so seine Provence- Bilder im Kopf: Dörfer aus sanft-goldenen Bruchsteinen gebaut, Senanque inmitten von Lavendelfeldern, kleine Cafés mit bunten Sonnenschirmen davor, Platanen umstandene Plätze, auf denen alte Männer Boules spielen, daneben fröhlich-bunter Markt mit fröhlich-bunten Menschen.

Das Problem ist nur, dass die Provence sich nicht an unsere Klischees hält, nicht in Fontaine-de-Vaucluse, nicht Anfang Oktober. Pardon, die Natur in etwa schon, die Hauptdarsteller nicht. Es ist, als herrsche eine geheime Absprache, alle Touristen zu vergraulen, damit man die Lokale schließen und den Winterschlaf einläuten kann. In einem Lokal gibt es Wasser nur, wenn man etwas zu essen bestellt. Es ist halb drei, wir möchten nichts essen, nur einen Kaffee und etwas Mineralwasser haben, was aber nicht möglich ist. Im nächsten will man uns nicht im schönen Garten am Mühlrad sitzen lassen. Kaffee nur vorne an den Zweiertischchen direkt an der Straße. Dass acht Personen nicht an drei Zweiertische passen, hat sich noch nicht herumgesprochen. Das nächste Café hat immerhin Vierertische, die wir aber nicht zusammenstellen dürfen. Ich habe selten eine so unfreundliche Haltung gegenüber Gästen gesehen.

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Die Sorgue dagegen tut ihr Bestes, bietet kristallklares Wasser über smaragdgrünen Unterwasserwiesen, Enten, Mühlräder, jede Menge Petrarca auf Italienisch und Mistral auf Provenzalisch und dann „Le gouffre“, der Schlund, Anfang Oktober mit Niedrigwasser. Dafür sind die Wasserstandsmesslatten, die bis weit über unsere Köpfe reichen, gut und deutlich sichtbar.

 

Irgendwo bekommen wir unseren Kaffee, die einen fahren zufrieden zurück zu Haus und Pool. Wir, die Nachzügler, wollen noch ein bisschen Provence-Feeling suchen und steuern Menerbes an. Und da gibt es dann die kleinen Sträßchen und die verträumten Ecken und ein Eiscafé mit einer fröhlich-lachenden Dame hinter dem Tresen. Die fragt Monsieur: „Haben Sie Ihr Glück gefunden?“ Worauf Monsieur zuerst zu seiner Frau und erst dann zum Eis schaut, nickt und „Limone-Basilikum“ sagt.

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Dass die meisten Sehenswürdigkeiten im Privatbesitz sind („ne se visite pas“), kommt uns ganz gelegen und trägt mit dazu bei, dass wir von Menerbes ein sehr positives Bild mitnehmen. Da sind wir ganz einfach: natürlich haben wir keine Vorurteile und Klischees, freuen uns aber immer, wenn sie uns bestätigt werden.

Gönnen können (Réculet 1718 m)

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Monsieur möchte auf den Réculet, ich eher nicht. Ausgangspunkt des Aufstiegs ist Tiocan (860m), dann kraxelt man steil fast 1000 Höhenmeter hoch über das Chalet de Narderans zum Gipfel. Weiter geht es vom  Réculet über den Crêt de la Neige (1720m) in Richtung Montoisey, wo man dann die 1000 Höhenmeter wieder hinunter muss, irgendwie, Seilbahn läuft nämlich noch nicht.

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Kenne ich, habe ich schon gemacht, brauche ich – und vor allem meine Knie – heute eher nicht.

Aber ich kann gönnen, und so bringe ich Monsieur zum Tiocan (860m).

Monsieur kann auch gönnen und so kann ich die Fotos mit euch teilen.

 

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Ein fast perfekter Wein

 

 

In Frankreich gibt es eine Kochsendung mit Namen „Das fast perfekte Dinner“.

Fünf Teilnehmer bekochen sich gegenseitig, am Ende jeden Abends gibt es eine Bewertung. Und wer die meisten Punkte hat, ist am Freitag Sieger.

Zu dieser Sendung gab es eine Zeitlang einen besonderen Service. Große Küchenchefs erhielten die Menüs der Kandidaten im Voraus und machten dann Vorschläge, welcher Wein – fast perfekt – zu den einzelnen Gängen passen könnte: der fast perfekte Wein zum fast perfekte Dinner. Bei unserer letzten Winzerin hängen die Auszeichnungen dazu an der Wand, neben vielen anderen, auch zum Concours de vins Féminalise, der von Frauen vergeben wird.

 

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Oh, warum habe ich nur so viel Wein getrunken?

Monsieur hatte in seinem Lieblingsbuch geschmökert, dem Guide Hachette, und mir einen kleinen „itinéraire de dégustation“ durch Menetou-Salon, Sancerre und Pouilly-Fumé vorgeschlagen. Es gab einen schönen alten Keller, Monsieur probiert, ich schaue mich um. In einem Korb stehen Flaschen mit Nussöl. „Fabrication artisanale“, erklärt die Winzerin, eigene Bäume und eine kleine alte Mühle im Nachbarort. Als Monsieur den Wein bezahlt, stelle ich eine Flasche Öl dazu. Hmmm, meint die Dame, ob wir die vielleicht separat, bar, bezahlen könnten? Klar, können wir. Monsieur Hollande muss schließlich nicht alles wissen.

An der nächsten Adresse fahren wir zuerst vorbei, ein französischer Hof, vollgerümpelt mit alten Autos und einem Betonmischer. Aber gerade da treffen wir auf die preisgekrönte Winzerin, die uns viel erzählen kann zu den Böden ihrer Weine, den Sorten, dem Verschnitt. Normalerweise finde ich es langweilig, wenn Weinkenner ihre Kenntnisse zu demonstrativ ausbreiten, aber hier war es doch ziemlich spannend. Und außerdem pädagogisch untermauert. Da wohl auch nicht jeder Franzose sofort weiß, was „marne“ oder „silex“ ist, hatte sie die Steine zur Hand, so dass das mit dem „Begreifen“ einfacher war.

Wir haben unsere Schätze nach Hause gebracht und Monsieur hat die Kisten im Weinkeller verstaut. Jetzt fehlt nur noch das fast perfekte Weißwein-auf-der-Terrasse-Wetter zu unserem fast perfekten Wein.

Ich überlege gerade, ob es sich überhaupt noch lohnt, den Koffer auszupacken.

Morgen fahren wir zum Lago d’Iseo, Über’s-Wasser-Laufen bei Herrn Christo.

 

Durch mit Bourges

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„Jetzt simma dursch mit Bursch“, sagt Monsieur im breitesten rheinischen Dialekt und grinst. Die Kathedrale war wirklich umwerfend. Fünf lichtdurchflutete Schiffe, endlose Fluchten bis zum Chor, funkelnden Edelsteine als Glasfenster.

 

 

Vor der Kirche ein Tympanon mit einem Jüngsten Gericht. Die Darstellungen der einzelnen Figuren individuell ausgearbeitet, die Bewegungen dynamisch und die Grundaussage eschatolgisch hoffnungsvoll: alle Auferstehenden sind jung und schön – und nackt. Dafür sind die Teufel mit perfider Fantasie dargestellt. Ich stand sicherlich eine gute Viertelstunde vor dem Relief und habe immer noch neue Details entdeckt.

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Die Kirche fanden wir schon mal sehr beeindruckend. Der Rest der Stadt, das war seltsam. Unser Navi lenkte uns zum zentralen Parkplatz, von dem eine schöne alte Straße Richtung Kathedrale führte. Es war Sonntagnachmittag und die Stadt ziemlich leer. Und das trotz der Tatsache, dass in den Straßen angeblich ein Flohmarkt statt fand. Einen solchen Flohmarkt hatte ich noch nie erlebt. Alle 80 bis 100 Meter stand ein verloren wirkender Tisch mit etwas Gedöns, völlig ignoriert von den wenigen Menschen, die durch die Straßen schlenderten. Unsere Hoffnung, bei der Kathedrale Cafés oder Restaurants für eine kleine Pause zu finden, wurde schwer enttäuscht.

 

Um die Kirche herum gab es nur die Originalbebauung: prunkvolle, aber abweisende Prachtbauten der kirchlichen Obrigkeit. Durch gepflasterte Gassen schlenderten wir weiter, vorbei an geschlossenen Cafés und Patisserien, bis wir in einer Seitengasse eine Brasserie entdeckten. Ihr gegenüber zeigt das „zu vermieten“-Schild in einem aufgegebenen Lingerie-Laden, dass auch auf dem Gebiet der Reizwäsche nicht viel los ist in Bourges. Wir bestellen etwas zu trinken und Monsieur zieht sein Handy heraus, um seine Lebensgefährtin nach dem schnellsten Weg zum Hotel zu fragen. Plötzlich steht die Wirtin neben uns, druckst ein bisschen herum und fragt dann geradeaus, ob Monsieur nicht mal schnell nach dem Stand des Fußballspiels schauen könnte. Und da verstehen wir die seltsame Ruhe und Ausgestorbenheit der Stadt. Während wir der Wirtin noch erklären, dass sie jetzt ganz tapfer sein muss, brodelt aus den umgebenden Häuser der erste Jubelschrei hoch, kurz darauf der zweite, Frankreich ist im Viertelfinale.

Und als wir eine halbe Stunde später zum Parkplatz gehen, ist tatsächlich auch wieder Leben auf der Straße. Bourges hat noch eine letzte Überraschung für uns: vom Parkplatz aus zeigt ein Schild „Toutes directions“ nach links, dem wir folgen. Um keine 200 Meter weiter auf einer Kreuzung zu stehen: geradeaus Durchfahrt verboten, rechts Durchfahrt verboten und links versperrte ein Gitter die letzte Durchfahrt wegen des Flohmarkts ab. Drehen war die einzige Option, die dann aber dazu führte, dass wir doch noch sehr viel länger sehr viel mehr von Bourges‘ kleinen Gässchen sahen als ursprünglich geplant.

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Den hätte ich sofort mitgenommen!

Schatz gefunden

Zwei kleine Geschichten

Ein paar hundert Höhenmeter oberhalb unseres Hauses liegt im Wald versteckt ein großer aufgelassener Steinbruch. Vor einem Jahrzehnt wollte die damalige Bürgermeisterin diesen Steinbruch wieder aktivieren. Der „Grund“ war die angebliche Gefährdung spielender Kinder, die in die steilen Wände klettern und herunterfallen könnten. Dass man dazu den Steinbruch erst einmal weiter abbauen, später mit Bauschutt auffüllen und damit viel Geld verdienen wollte, wurde kaum erwähnt. Natürlich waren die Anwohner unseres kleinen gallischen Dorfes gespalten. Die Alten, die ihre Bauernhäuser in der Dorfmitte hatten, meinten, ja, das wäre früher halt immer so gewesen, zwei bis drei Sprengungen pro Woche und dann jede Menge voll beladene LKWs, die durch den Ort bretterten. Die Neuzugezogenen, die ihre Häuser in grüner Natur und Ruhe gebaut hatten, waren natürlich absolut dagegen. Es kam zu erhitzten Debatten im Gemeindesaal, der Gründung einer Bürgerinitiative, Petitionen, großen Diskussionen und Aufruhr, die aber die etwas absolutistische Bürgermeisterin wenig störte. Es fielen wohl Sätze wie: Ich lasse so lange abstimmen, bis ich das Ergebnis habe, das ich will. Letzten Endes schaltete der CERN sich ein, der im Tunnel unterhalb des Steinbruchs hochsensible Messinstrumente stehen hat und die nicht nach jeder Sprengung neu kalibrieren wollte. CERN sprach dann eben nicht mit Madame le Maire, sondern mit dem Präfekten des Departements. Und Schluss war mit dem Plan der Sprengungen.

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Kurz darauf wurde ein neuer Gemeinderat gewählt, dem diese Dame dann nicht mehr angehörte, wohl aber meine Wenigkeit. Der Steinbruch kam wieder ins Gespräch und der nahe gelegene Naturpark mit einer Studie beauftragt, wie man das Gelände „re-naturalisieren“ könnte. Und was das die Gemeinde kosten würde. Die Studie kam zu der Erkenntnis, dass die Natur sich schon sehr entschieden und fachkundig darum gekümmert hätte und die Gemeinde sie dies weiterhin – kompetent und kostengünstig – tun lassen sollte.

So entstand ein Schatzkästchen der Natur. In den kalkigen Felsspalten und Nischen blühen im Frühling Dutzende verschiedener Orchidee, durchmischt mit Türkenbund und anderen Pflanzen, die mageren Trockenrasen lieben.

 

Ende der ersten Geschichte und nun beginnt der zweite Teil:

Seit ein paar Jahren versucht Frankreich ja auch „grün“ zu werden. Als wir vor 30 Jahren hier hin zogen, fuhren Autos herum mit Aufklebern wie „Knüpft die Grünen an den Bäumen auf, so lange es noch Bäume gibt.“ Das hat sich ein bisschen geändert. Es gibt inzwischen Sammelstellen für „Wertstoffe“, zu denen man sein Glas, Altpapier, -metall und ähnliches bringen kann. Die, nebenbei bemerkt, den Gemeinden hohe sechsstellige Gewinne bringen.

Vor einigen Jahren kam dann die übergeordnete Verwaltungsstruktur auf die Idee der „Redevance incitative“, wobei das erste Wort einfach Gebühr heißt und das zweite andeutet, dass man zu einem Handeln überredet, motiviert, ja verlockt werden soll. Und das alles, um die Müllabfuhr neu zu organisieren. Das alte System ging davon aus, dass man die Müllgebühr nach der Größe der Behausung berechnete. Bis ein Abgeordneter auf die schreiende Ungerechtigkeit hinwies, die daraus erwuchs. Dass nämlich ein älteres Ehepaar in einem 210 m²-Haus dreimal so viel bezahlen müsse wie eine Familie mit zwei kleinen Kindern, die auf 70m² wohnen würden. Wobei die doch mit Windeln und so sehr viel mehr Müll produzieren würden. Auf die Bedenken, dass jemand, der in einem großzügigen Haus lebt, sich vielleicht weniger Gedanken um die Müllgebühren machen muss, als eine junge Familie, die sich nur ein kleines Appartement leisten kann, kam wohl keiner.

Also ging man daran, die französische Nation zu erziehen. Und stellte sich selten ungeschickt an. Nach dem alten System war für einen fixen Betrag jede Woche einmal die Mülltonne geleert worden. Das sollte jetzt ganz anders werden. Hätte man das Pferd anders herum aufgezäumt, hätte das Ganze vielleicht eine Chance gehabt. In etwa nach dem Motto: Ihr zahlt für 52 Leerungen. Am Ende des Jahres rechnen wir ab, wie viele ihr wirklich in Anspruch genommen habt. Und dann bekommt ihr bares Geld zurück. Das hätte ich als motivierend, als „incitative“ empfunden. Aber nein! Nach dem neuen System sollte die Tonne nur einmal pro Monat geleert werden zum Fixbetrag, jedes weitere Leeren kostet extra. Als dieses neue System vorgestellt wurde, stand der Bürgermeister einer benachbarten Gemeine auf und drohte dem Vertreter der übergeordneten Behörde: „Wenn das System kommt, schmeiß ich meinen Müll wieder in den Wald.“

Und genauso kommt es nun auch, womit sich die beiden Geschichten ihrem gemeinsamen Ende nähern.

Da, wo man Orchideen und Türkenbund bewundern möchte, kann, vielmehr muss man nun auch anderes sehen.

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The road not taken oder „ungereiste Reisen“

Robert Frost und ich haben eines gemeinsam: das Bedauern darüber, zwischen zwei Wegen wählen zu müssen. Und anders als Frost kann ich mich nicht immer zu so einer abgeklärten Haltung gegenüber dem nicht gegangenen Weg abfinden. Das führt dazu, dass ich eine Menge „ungereister Reisen“ im Kopf habe, Alternativ-, Man-könnte-doch-auch-mal-, Eigentlich-wäre-das-doch-auch- Strecken.

saline1Deshalb gab es diesmal auf dem Weg nach Deutschland einen Umweg – ausgesucht aus dem Archiv der nicht gegangenen Wege, der ungereisten Reisen – über den Jura und französische Landstraßen, statt über die Schweizer Autobahn. „Les salines royales“ in Arc-et-Senans sind genauso schön wie die Geschichte(n) dahinter. Öko-Katastrophen, absolutistische Macht, königliche Favoritinnen, viel Geld, eine Prise Frühkommunismus, Wirtschaftskriminelle und mit harter Hand unterbundene Polygamie. Sieht man den Gebäuden so nicht an, auf den ersten Blick.

Angefangen hat es mit einer kleineren Öko-Katastrophe: für die Salzsiederei im benachbarten Salins-les-Bains waren alle Waldbestände im Umkreis abgeholzt worden. Gleichzeitig war der Salzgehalt der Salinen so stark gesunken, dass das Salzsieden nicht mehr rentabel war. Allerdings war der Salzabbau königliches Monopol und die Salzsteuer ein großer Posten im Staatshaushalt, auf den der absolutistische König nicht verzichten wollte. So wurde das Privileg der Salzgewinnung also an ein Konsortium reicher Privatleute abgegeben, die eine Lösung finden sollten. Die bestand dann darin, dass man die ganze Geschichte umdrehte. Wenn man den Wald nicht mehr zum Salz bringen konnte, so brachte man das Salz eben zum Wald. Und da das alles im „siècle des lumières“ spielte, wollte man seinen aufgeklärten, liberalen Geist durch eine Art „Muster-Industrieanlage“ demonstrieren. Das Geld war da, die Geisteshaltung war da und den guten Geschmack kaufte man sich halt ein. Mit dem besten und teuersten Architekten der Zeit, dem Star-Architekten Ledoux, von der königlichen Maîtresse en titre wärmstens empfohlen. So wurde im waldreichen saline4Nichts bei Arc-et-Senans eine kreisrunde, klassisch schöne Anlage geplant, von der allerdings nur ein Halbrund realisiert wurde. Neben den Verwaltungsgebäuden und der Salzsiederei entstanden großzügige Werk- und Wohnstätten für die Arbeiter. Jede Familie erhielt einen großen Wohnraum, im Erdgeschoss gab es eine gemeinsame Kochstelle um einen riesigen Kamin. Im anschließenden Garten stand das Klohäuschen. Die liberalen Förderer der Anlagen wollten neue Gesellschaftsstrukturen propagieren, die Familien auflösen und ihre Arbeiter in fröhlichen Großkommunen in Polygamie leben lassen. Das war dann aber doch zuviel des Liberalismus und König und Architekt unterbanden das strikt.

saline2Mit einer über 20 km langen „pipe-line“ , dem „saumoduc“ – heute übrigens ein Wanderweg – aus ausgehöhlten Baumstämmen wurde die Salzlake aus Salins-les-Bains in ein Sammelbecken gebracht und von dort auf vier große Öfen verteilt, die zwischen 24 und 72 Stunden brauchten, um das Wasser zu verkochen und das Salz zu gewinnen. Auf diesem Salz lagen dann extrem hohe Steuern. In Frankreich. Nicht jedoch auf den Salzsäcken, die – steuerfrei – über den Jura nach Genf exportiert wurden. Was dazu führte, dass so mancher Sack aus Genf „rückimportiert“ wurde – ohne Wissen des königlichen Salzsteueramtes natürlich.

Die Anlage war etwas über 100 Jahre in Betrieb, verfiel gegen Ende 1800 aber zunehmend und wurde dann verkauft. Nach sehr wechselvollen Erlebnissen (Blitzeinschlag und Brände, Wegsprengen der klassischen Säulen) übernahm der französische Staat das Ensemble und baute es zu einem Museum mit Kulturzentrum aus. Unesco Welterbe ist es ebenso wie Hotel, was dazu führt, dass außer den Außenmauern nur noch wenige Originalelemente erhalten sind.

saline3Man kann also im Museum der Geschichte der Salzgewinnung auf verschiedenen Erdteilen nachgehen, man kann in den Gartenanlagen über Sinn und Unsinn französischer Gartenbaukunst sinnieren, man kann in der Mitte der Anlage stehend über den Weitblick und die Großzügigkeit der damaligen Wirtschaftskapitäne nachdenken.

Was man nicht kann, ist die – für damalige Verhältnisse – revolutionär großzügigen Lebens- und Arbeitsverhältnisse besichtigen. Und nett essen war auch etwas schwierig.

Aber immerhin kann ich diesen Weg    “ less travelled by“ nun mit Ruhe ablegen im Archiv der gereisten Reisen.

Kleine kulinarische Zeitreise

Der Tipp kam von Berliner Freunden. Wir sollten doch mal das kleine Bistro drei Dörfer weiter ausprobieren, das sei sehr einfach, aber nett.

Seitdem waren wir immer mal wieder dran vorbeigefahren und hatten jedes Mal gesagt: „Ach, wir wollten doch …“ Und gestern hatte Monsieur dann gemeint: „Reservier‘ doch mal für morgen einen Tisch.“

bistro1Ich bin kurz vor halb eins da und parke mein Auto zwischen mehr oder weniger ramponierten Pritschenwagen und Kleintransportern. Es ist August in der Provinz, der Sommer liegt drückend auf dem Land. Kein Mensch ist auf der Straße bei der Hitze, als ich auf das große alte Haus mit den verblassten lavendelblauen Fensterläden zugehe. Im Hof breitet eine riesige Platane ihr Blätterdach über ein Dutzend Tische, eingedeckt mit einer Karaffe Wasser und Rotwein, und man zeigt mir einen Zweiertisch. Der Wirt fragt, ob meine Begleitung noch komme und ich bestätige ihm, dass Monsieur meist zu spät sei und ich die Wartezeit gerne mit einem Kir überbrücken würde. Mit dem Kir in der Hand schaue ich mich um: allein unter Männern. An den Vierertischen sitzen Männer, Männer? Kerle!, auf ihr Mittagessen konzentriert. Sie sitzen in kurzen Hosen oder Cargo-Pants, mit Farbspritzern oder Zementstaub bedeckt, in T-Shirts oder Muscle-Shirts, die neben beachtlicher Oberarmmuskulatur genauso kräftige „Bauchmuskeln“ zeigen. Am Nachbartisch tragen die Männer jene fluoreszierenden orangen Westen, mit denen die Straßenmeistereien ihre Mitarbeiter ausstatten.

Monsieur kommt zu spät, der Wirt nickt mir verständnisvoll zu – das war ja zu erwarten, sagt sein Blick – und stellt wenig später den ersten Gang auf den Tisch. Das Bistro verfolgt den „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“ – Ansatz und es kommt, was kommt, in großen Schüsseln, aus denen man sich am Tisch selber bedient. Die Schüssel mit Rote-Bete-Salat ist aber zu viel für uns zwei und so bleibt ein Rest übrig. „Das haben wir gerne“, sagt der Wirt mit gutmütigem Frotzeln zu Monsieur, „erst zu spät kommen und dann seinen Salat nicht aufessen!“ Ich erinnere ihn an die Salatschüssel des Nachbartischs, die er ohne zu meckern halbvoll abgeräumt hat. Er beugt sich zu mir runter: „Habt ihr die Muskeln von den vier „mecs“ gesehen? Ich bin doch nicht verrückt, mich mit denen anzulegen!“

Die Schüssel mit Spaghetti ist dann aber auch deutlich kleiner als die vom Nachbartisch. Beim Anblick der Nudeln mit Hackfleisch steigt bei mir im Hinterkopf ein Bild hoch, das noch nicht richtig entwickelt ist. Es ist keine Bolognese, dafür fehlen die Tomaten, es ist kein Ragout, dafür fehlen die Kräuter, es ist einfach gebratenes Hackfleisch über Spaghetti.

Am Nachbartisch wird Unverständnis über einen Kollegen auf Wohnungssuche geäußert. Die letzte Wohnung hätte doch alles gehabt: Wasser, Strom und eine Katze. Wasser zum Waschen, Strom für die Mikrowelle und ne Katze fürs Herz. Ja, das Leben ist schon hart für harte Kerle.

Die Männer am letzten Tisch stehen auf, ziehen die Hosen hoch und machen sich auf den Weg zu ihrem Transporter, verabschiedet mit Zwischenrufen, sie sollten sich nicht überanstrengen bei dem Wetter. Einer winkt ab: „Wir haben heute Morgen schon ganz langsam angefangen, da können wir jetzt wenigstens schnell nachlassen.“

bistro2Die Schüssel ist leer, was der Wirt mit Wohlgefallen bemerkt. Als nächstes kommt der Käseteller. Er wird ohne viel Gedöns einfach auf unseren Tisch gestellt. Kein höfliches Fragen: „Was darf ich Ihnen geben?“, keine abgezählten drei Stückchen auf dem Teller. Der Wirt überlässt uns vertrauensvoll den Teller und das Bild in meinem Hinterkopf wird schärfer, gewinnt an Konturen, wie ein Polaroid-Foto.

Und dann bringt der Wirt dem Nachbartisch den „Nachtisch“ und es macht Klick in meinem Kopf.

Was wir hier vor oder eher hinter uns haben, war nicht nur ein Mittagessen, sondern auch eine Zeitreise, über 40 Jahre zurück, Ende der 60er, Anfang der 70er. Frankreich, Atlantikküste, Campingurlaub auf der Ile d’Oléron. Wenn meine Mutter keine Lust zu kochen und mein Vater keine Lust zu fahren hatte, konnte man im Restaurant des Campingplatzes essen. Meist genau so ein Menü wie heute: als Vorspeise eine „crudité“, irgendein geraffeltes Gemüse, dann Spaghetti mit Soße und – für uns Kinder der absolute Höhepunkt – als Nachtisch Eis am Stiel.

Das legt der Wirt gerade auf den Nachbartisch und vier schwielige Hände greifen zu.

Mir wird ganz nostalgisch ums Herz, aber doch nicht so nostalgisch, dass ich den Nachtisch essen müsste. Während der Wirt meine Absage akzeptiert, diskutiert er mit Monsieur, dessen „Bauchmuskulatur“ er als „zu schmächtig“ einstuft.

Schließlich bringt er uns zwei Kaffee und die Rechnung.

Zwei Mal 15 Euro für Essen, Kaffee und Wein, der Kir geht aufs Haus….