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Nur Kinder unter dreizehn Jahren

Der letzte Morgen ist den großen Boulevards gewidmet. Außerdem möchte ich Monsieur mitnehmen auf die Terrasse der Galeries Lafayette. Den Blick von da oben zu genießen, das wäre doch etwas. Monsieurs Lebensgefährtin bringt uns zum Boulevard Haussmann, wir treten ein in die Jugendstilherrlichkeit der Galeries.

„Und jetzt?“ fragt Monsieur. „Fahren wir erstmal in den sechsten Stock“, erkläre ich. Worauf Monsieur sich zum Aufzug umdreht und ich auf die Rolltreppe trete.

Die nächste halbe Stunde verbringen wir damit einander zu suchen. Er wartet am Aufzug auf mich, ich auf der Terrasse auf ihn. Er fährt schließlich hoch, ich hinunter. Seine Botschaften erreichen mich nicht, weil mein Handy mal wieder – ach lassen wir das lieber… Ich kann ihn nicht kontaktieren, weil mein Handy mal wieder – ach lassen wir das lieber…

Für ein Uhr haben wir Tickets für den Eiffelturm, wenn alles nicht hilft, werden wir uns da wiederfinden, beschließe ich und mache mich auf den Weg nach draußen. Fünf Schritte vor dem Ausgang knackt es in den Lautsprechern und ich höre: „Madame Paonia, Madame Paonia wird gebeten, sich in der Concièrgerie zu melden.“

Mit roten Ohren mache ich mich auf die Suche nach der Concièrgerie. Da steht Monsieur und meint: „Sie haben mir gesagt, dass sie eigentlich nur Kinder unter dreizehn Jahren ausrufen. Aber für dich würden sie eine Ausnahme machen.“

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Der Rest des Tages, Trocadero, Fahrt auf die Spitze des Eiffelturms, die abendliche Heimfahrt nach Genf ist spannend und wunderschön, aber nicht halb so aufregend wie der Besuch der Galeries Lafayette.

Alles ganz einfach

Vor Jahren schenkte mir Monsieur eine Woche Berlin zum Geburtstag, traumatisierende -18° bei Schneesturm. Ich revanchierte mich im nächsten Jahr mit zehn Tagen Kambodscha zu seinem Geburtstag, schwülfeuchte 30° im Sonnenschein. Angkor Thom war überwältigend, aber uns fiel bald ein Muster auf. Wo auch immer ein Fries, ein Löwe, eine riesige Naga fehlte, hing da ein Schild „Musée Guimet, Paris“. Das führte dann natürlich zum nächsten Geburtstagsgeschenk. Seitdem ist das Musée Guimet eines meiner Lieblingsmuseen – und am Montag geöffnet, was für uns ein großer Pluspunkt ist.

Die Metro entlässt uns direkt vor dem Museum zu drei Stunden reiner Freude. Leider ist dann kurzfristig Schluss mit der reinen Freude. Der Regen, der uns anfangs noch harmlos erschien – Die Metro nehmen? Deswegen? Ach was, das sind doch keine 20 Minuten bis zum Triumphbogen! – verwandelt sich in eine wahre Sturzflut und wir suchen notdürftigen Schutz im Eingang eines der großen Prachtbauten der Avenue Iena. Bisschen ungeschickt nur, dass der gerade renoviert wird und wir alle paar Minuten in den Regen treten müssen, um einen Handwerker mit Farbeimer oder Trittleiter durchzulassen. Dafür weht uns jedes Mal ein Schwall warmer Luft, gesättigt mit dem Geruch nach frischer Farbe, entgegen.

Es wird uns klar, dass wir so oder so nass werden werden, also sprinten wir zwei Hausecken weiter bis zum nächsten Bistro, wo wir uns wieder aufwärmen können. Der Regen hat auch bald ein Einsehen und eine halbe Stunde bevor wir unser Zeitfenster auf dem Triumphbogen haben können wir uns fast trocken dem Kunstwerk nähern. Diesmal durch den Tunnel unter dem Kreisverkehr hindurch, dafür auf die Rotunde des Bogens, sozusagen auf Augenhöhe mit der Verpackung. Abgeriebene Ecken und Kanten, das unterliegende Blau schimmert durch das Silber, zeigen wie unmöglich es ist der Versuchung zu widerstehen, das Material anzufassen. Irgendein ein Idiot hat tatsächlich geglaubt, darauf sein Graffiti hinterlassen zu müssen. Es schimmert noch matt unter der Übermalung durch.

Wir stellen uns in die kurze Schlange vor dem Aufgang zur Terrasse, eine letzte Sicherheitskontrolle und dann kommt der Teil mit den 330 Treppenstufen. Es liegt also nicht nur an dem atemberaubenden Blick von da oben, dass ich ein bisschen kurzatmig bin. Für die Verpackung der Terrasse wurde ein widerstandsfähigeres Material ganz in Silber gewählt und so spazieren wir wie auf weichen Teppichen über das Kunstobjekt. Zwei ältere Damen hinter mir fassen ihre Kunsterfahrung zusammen, im breitesten Badisch: „Schön hat er das gemacht, der Christo, nett ist es“, lobt die eine und die andere stimmt zu „Aber halt auch sehr viel Arbeit.“

Dann kommt der „einfache“ Teil des Tages. „Alles ganz einfach“, hatte unser Freund gesagt. „Du gehst einfach auf die Velolib-Seite und meldest dich einfach an. Dann suchst du dir in Paris einfach ein Rad an einer der zig Mietstellen aus und fährst dann einfach an der Seine entlang.“ Ganz so einfach, wie die Häufung des Wortes suggeriert, ist es dann doch nicht. Was an verschiedenen Aspekten liegt, nicht zuletzt daran, dass die Mieträder wahre Panzer und sehr schwerfällig sind und wir am Triumphbogen starten und die Seine weit weg ist. Hinzu kommt, dass sich meine Erfahrungen mit Stadtverkehr bisher auf solche Metropolen wie Poligny und ein wenig Genf beschränkten. Da ist der Schritt zum Radfahren auf der Champs Elysées doch recht gewaltig. Dafür versucht die Stadt Paris mir ein bisschen Sicherheit zu geben mit der Abgrenzung der sehr schmalen Radspur durch sehr hohe Bordsteine. Das hilft aber nur so lange, bis ich ein ungeduldiges Klingeln hinter mir höre und mir klar wird, dass da jemand vorbei will.

Wir kurven um Herrn de Gaulles herum, zu Herrn Churchill und auf die goldene Pracht der Pont Alexandre zu. Ein bisschen am Quai d’Orsay entlang und zurück zum Place Concorde. Ab da wird es dann wirklich ganz einfach. Die ehemalige Stadtautobahn direkt am Seine-Ufer ist für den Autoverkehr gesperrt und erlaubt unbeschwertes Radeln entlang des Flusses. Die beiden Autobahntunnel machen das Ganze etwas spannend, sie stehen wadentief unter Wasser, was beim Durchfahren zu netten Wasserspielen und nicht mehr ganz trockenen Hosenbeinen führt. Ansonsten ist heute Nachmittag Paris light angesagt. Es ist Montag, der Louvre ist geschlossen, Musée d’Orsay ist ebenso geschlossen und in den Tuilerien ist Fahrrad fahren streng verboten. Da bleibt uns quasi nichts anderes übrig als leichten Herzens an diesen Pariser Sehenswürdigkeiten vorbeizuradeln, im Sonnenschein, an der Seine entlang.

Irgendwann drehen wir um, wechseln über die doppelten Louis-Brücken (einmal Saint und einmal -Philippe) zu Notre Dame und kreuzen zum Rive Gauche. Hinterm Eiffelturm haben wir dann irgendwann genug und geben die Räder wieder ab. Mit einem herzhaften Klacken springen sie in ihre Halterung, kurz darauf erhält Monsieur eine Rückmeldung über Mietdauer und gefahrene Kilometer.

Die interessieren uns aber da schon weniger als das nette Bistro an der nächsten Straßenecke. Als ob wir heute noch nicht nass genug geworden sind, tropft beim Hinsetzen ein Schwall Regenwasser von der Markise in Monsieurs Nacken. Das hindert uns aber nicht daran, unseren wohl verdienten Aperitif zu genießen.

Von da sind es später nur noch ein paar Minuten zu Fuß bis zu dem wirklich niedlichen kleinen Restaurant, das uns unser Hotel empfohlen hat.

Wirklich alles ganz einfach.

Nein zur Ehe!

Der TGV von Genf nach Paris ist bis Bourg-en-Bresse eher ein TPV, ein train petite vitesse, bis hin zum Stillstand. Erst nach dem Anhalten werden wir darüber informiert, dass wir angehalten haben. Den Franzosen und Engländern wird in ihrer Sprache mitgeteilt: Bitte versuchen Sie nicht, die Türen zu öffnen! Den Deutschen traut man wohl zu, dass ihr Versuch erfolgreich sein wird, uns wird klipp und klar befohlen, es nicht zu tun.

Hinter Macon meldet sich der Zugführer und begrüßt uns erst im falschen Zug, um uns dann anzukündigen, dass wir nun – endlich! – mit fast 300 km/h auf Paris zubrausen werden.

In Paris gibt es Fahren nach Zahlen mit der Metro 14 und 12 bis ins 15. Arrondissement, wo Monsieur ein winziges Hotel in einer winzigen Gasse aufgetan hat. Fünf breite Steinstufen führen hinunter aufs Kopfsteinpflaster, rechts und links eingerahmt von schmalbrüstigen, schön renovierten Häuschen des 19. Jahrhunderts. Einzig der brutal-hässliche hohe Wohnblock, der am Ende der Gasse die Sicht blockiert, zeigt uns, dass wir nicht in einer Geschichte von Victor Hugo gelandet sind. Wir betreten unser Zimmer, stellen die Koffer ab, draußen tut es einen Donnerschlag und ein Wolkenbruch verwandelt das Kopfsteinpflaster in einen Bach. Hmmm, damit ist unser erster Plan – trödeln gehen auf einem der großen Pariser Flohmärkte – schonmal ins sprichwörtliche Wasser gefallen.

Wir nehmen das mit einem Schulterzucken wahr, schließlich sind wir in Paris, da wird sich wohl irgendetwas finden lassen. Nach einer Stunde Regen-Siesta kommen wir mit einem lockeren Ansatz von: Wir nehmen die 12 bis Pasteur und die 6 bis Bir Hakeim, vielleicht auch Passy, laufen über die Art-Deco-Brücke bis zur Schwaneninsel mit ihrer Mini-Freiheitsstatue und schauen auf der Brücke nach, ob die „Kunscht“ dort tatsächlich so hmja speziell ist, wie ich gelesen habe. Danach un p’tit blanc in einem kleinen Bistro und dann sehen wir weiter.

Dieser sehr locker entworfene Plan wird genauso locker verworfen in dem Augenblick, in dem wir sehen, wie die Endstation der Linie 6 heißt. Wir bleiben also sitzen bis zum Place de l’Etoile und sind richtiggehend überwältigt, als wir aus der Metro kommen. Nicht nur von Christo, nein, der gesamte Platz ist für den Verkehr gesperrt, die einmündenden großen Boulevards auch. Dort, wo wochentags der Verkehr sechsspurig im Kreisverkehr rauscht – und der Legende nach ängstliche Autofahrer erst in die Verzweiflung und dann in den Hungertod treibt -, ist nun eine riesige Fußgängerzone. Statt tausender Autos bewegen sich tausende Menschen um das Monument. Das Rauschen des Autoverkehrs wird ersetzt durch das Brausen begeisterter Diskussionen, Festival-Atmosphäre herrscht.

Kleiner Abstrich in der B-Note – oder zusätzliche Attraktion, je nach Sichtweise – ist die abendliche Flammenzeremonie unter dem Bogen, wegen der der Zugang zum Monument selber gesperrt ist. Das heißt, man kann nicht durch den Bogen laufen, Christos Verhüllungen von nah sehen, ja anfassen, mit vielen Sinnen erleben. Das haben wir eh erst für morgen geplant und so können wir das Schauspiel gelassen aus der nahen Ferne genießen: Die silberfarbene Verhüllung, die sich im Wind bewegt und diesem doch sehr monumentalen Klotz etwas von seiner Statik nimmt. Die riesige Tricolore, von den letzten Gewitterböen hin- und hergepeitscht, deren oberer roter Streifen wie eine aggressive Zunge aus der Mundhöhle des Bogens fährt und nach Beute zu suchen scheint, wirklich faszinierend.

Irgendwann haben wir uns – für heute – satt gesehen und suchen einen Weg nach draußen.

Die Ile aux cygnes ist ein bisschen enttäuschend, eigentlich eine sehr romantische Promenade in der Seine, nur leider völlig lieblos und vernachlässigt dem Verfall preisgegeben.

Der Pont de Bir Hakeim selbst ist beeindruckend schöne Industriearchitektur, die Kunst in seiner Mitte dagegen wirklich so „ähm ja, doch, ja, interessant, ähm“, wie erwartet. Dort steht eine Statue, eine wilde Frau auf einem wilden Pferd. In den 1930ern von den in Paris lebenden Dänen der Stadt geschenkt, soll es Jeanne d’Arc darstellen. Nur befinden die Beschenkten, dass diese wilde Kriegerin doch bitte schön eher wie eine Walküre aussehe, gar nicht so, wie Jeanne d’Arc halt auszusehen habe und weigern sich die Statue aufzustellen.

Paris ist nicht glücklich, die Dänen sind nicht glücklich und wenn ich mir das arme Pferd so anschaue, ist das auch nicht glücklich. Bevor es zu einer diplomatischen Krise kommt, wird ein Kompromiss gefunden. Unter dem neuen Namen „La France renaissante“ wird die Statue dann 1958 aufgestellt. Zum Glück fragt mich ja keiner…

Aus dem kleinen Bistro wird eine Brasserie, aber mit dieser Art von Planänderung können wir gut umgehen.

Achja übrigens, es ist unser 40. Hochzeitstag und die Schweiz gratuliert uns heute Morgen mit einem Abstimmungsplakat auf der Tram. „Nein zur Ehe!*“ steht da in riesigen Lettern.

„Zu spät“, brummt Monsieur und steigt ein.

*Diese Initiative gegen eine Ehe für alle wurde mit einer Zweidrittelmehrheit abgelehnt.

Käse? Welcher Käse?

Der Tag beginnt mit einem Protest. Meine Oberschenkel protestieren heftig dagegen, wieder in den Sattel steigen zu müssen. Das wundert mich ein bisschen, ging das gestern Abend mit dem Flanieren und Treppensteigen doch ganz locker und entspannt. Jetzt sind sie richtig beleidigt und informieren mich, dass sie einer Muskelgruppe angehören, die gestern schließlich fast hundert Kilometer – von den Steigungen mal ganz zu schweigen – hätten leisten müssen, während diese Faulenzer von der anderen Gruppe nur genüsslich kichernd zugeschaut hätten. Dass zweimal Treppensteigen und einmal rund um die Dorfkirche ja nun wirklich nicht zu vergleichen wären mit… Bevor sie mir mit Streik drohen, versuche ich sie zu beruhigen mit der Versicherung, dass es erstmal nur bergab gehe. (Von den Steigungen erzähle ich ihnen später, wenn sie ein bisschen besser gelaunt sind.)

Wir kommen auf dem Weg bergab durch Arc-et-Senans an einem Wegweiser vorbei: Mouchard 8 km. Kurz darauf biegt die Veloroute ab mit: Mouchard 14 km. Das wird dann ein bisschen das Motto des Tages: Warum auf dem kürzesten Weg zum Ziel, wenn die kleinen Sträßchen uns viel verschlungener dahin bringen können.

Dafür sind sie sie wirklich schön, diese kleinen Landsträßchen, entlang der Loue, etwa. Wo uns Kanufahrer zeigen, dass man auch ganz andere Probleme an Stromschnellen haben kann. Durch kleine Dörfchen, deren Brunnen einen köstlichen Sinn für Humor haben. Oder vielleicht ist es doch der des Besitzers des Weingutes gegenüber, der die gleiche Warnung zum moderaten Konsum hat anbringen lassen, die er von Gesetz wegen auf seine Flaschen drucken lassen muss.

Gelegentlich auch durch etwas befremdliche Orte. In Port-Lesney steht an der Viertel-Brücke eine sehr ausführliche Erklärung zur kleinen Kapelle neben dran, aber nichts zu dem geheimnisvoll-unvollendet in die Loue ragenden Brückenbogen (Im Internet habe ich nachgelesen, dass die Gemeinde die mittelalterliche Brücke 1951 nach dem Bau der neuen hat sprengen lassen. Wahrscheinlich schämen sie sich immer noch für diese Barbarei.) Dafür bezaubert mich das rosenumwachsene Straßenschild.

In Arbois sind wir trotz der Umwege und Hügel recht früh, gerade recht für eine Kaffeepause am zentralen Platz. Der bietet sein eigenes Unterhaltungspotential. Denn anders als in 99,99% von Frankreich gibt es hier keinen Kreisverkehr, die Vorfahrt ist anders geregelt. Das führt dazu, dass ausländische Autofahrer völlig überfordert sind mit der Situation. Wir sind kurz davor zu wetten, ob die Waadtländerin mehr als 10 Minuten braucht, da traut sie sich beim fünften Ansatz endlich und schießt in den Verkehrsstrom – unter lautem Gehupe all derer, denen sie dann doch die Vorfahrt genommen hat.

Ja, es ist recht unterhaltsam hier, auch die Spekulation, ob die leicht verwitterte Plastikscheußlichkeit über dem Platz noch vom 14. Juli übrig ist oder schon Weihnachtsdeko oder vielleicht sogar beides und das seit drei Jahren, vertreibt die Zeit. Trotzdem ist es immer noch zu früh zum Mittagessen. Ist aber nicht weiter schlimm, damit haben wir eigentlich gerechnet und die Mittagspause im „Maison du Comté“ in Poligny, der Hauptstadt des Comtés eingeplant. Die bieten eine Käse-Degustation an, das stellen wir uns gleichzeitig nahrhaft, lehrreich und unterhaltsam vor. Natürlich nicht mit vorgestern Abend zu vergleichen, aber das haben wir ja schon gewusst. All unsere Käseeinkäufe werden wir da auch – keine 30 Kilometer zum Auto – nachholen und uns die Satteltaschen füllen.

Arbois gefällt uns richtig gut mit seinen mutigen Häusern, direkt überm Fluss, seinen Bars, seiner – bei inzwischen 29° – angenehm kühlen romanischen Kirche (solides Schiff, sagt die Beschreibung, wahrscheinlich, weil sie Jahrhunderte überdauerte, obwohl – oder weil? – keiner ihrer Gewölbebögen wirklich gerade steht), seinem kleinen Anspruch auf den Ruhm. Gestern, um Dole herum, berief sich jedes Dörfchen, jeder Brunnen, ja, fast jede Parkbank darauf, dass Louis Pasteur hier einmal was auch immer getan hatte. Arbois‘ Ansatz ist ruhig und bescheiden: „Pasteur pria dans cette église“, steht an einer der Kirchenbänke.

Irgendwann müssen wir uns losreißen vom charmanten Arbois für die Etappe nach Poligny. Wir meistern den Nicht-Kreisel problemlos und sehen kurz darauf ein Schild: Poligny, 3 km. Wird auch langsam Zeit, denke ich, denn es ist heiß, es ist anstrengend, die ersehnte Pause im Maison du Comté mehr als willkommen. Unsere Veloroute hat andere Pläne und führt uns auf weiten Umwegen – zugegebenermaßen zur Vermeidung der stark befahrenen Route Nationale 5 – erst durch Felder und dann in brütender Sommerhitze durch das – gefühlt – hässlichste Industriegebiet Frankreichs. Dass Poligny nicht mit Arbois mithalten kann an Charme und Ausstrahlung, das ist mir von früheren Besuchen – Durchfahrten eher – klar, aber so unattraktiv muss es sich ja wirklich nicht zeigen. Ich bin ein bisschen verquer drauf – Hitze und Hunger gehen immer ganz schlecht bei mir, in Kombination erst recht -, was sich natürlich nicht bessert, als wir uns ein paarmal verfahren, weil alle alten „Maison du Comté“-Schilder abgeklebt, aber keine neuen aufgestellt worden sind. Mit dieser Laune fahren wir vor das neue, recht eindrucksvolle Gebäude und finden dort eine große Schiefertafel. Fassungslos lesen wir: „Wir sind das Haus des Comté. Wir stellen keinen Comté her, wir verkaufen keinen Comté.“ Meine Große geht zweimal um das Schild herum, bevor sie glauben kann, was sie da liest. Die im Internet angepriesene Degustation beläuft sich auf zwei Stück Käse zum stolzen Preis von 8 Euro. Auf jedem Markt bekomme ich mehr Auswahl zum Probieren – und das natürlich freiwillig, gratis, kostenlos.

Natürlich verzichten wir unter diesen Umständen auf die angebotene anderthalbstündige Lichtbildschau – auf leeren, knurrenden Magen, den lehrreichen Rundgang und den spielerischen Ansatz zum Comté. Wir sind am Schmollen und das intensivst. Dass die angefahrenen Käsereien – irgendwann wollten wir ja noch die Satteltaschen mit Käse füllen – gerade alle Mittagspause haben, hilft nicht wirklich. Dass wir nun aus Trotz in Poligny dann auch nicht mehr zu Mittag essen wollen, erweist sich im weiteren Verlauf als ungeschickt. Dafür ist unser Fluchtweg aus Poligny heraus – Richtung Saint Lothian – sehr schön zu fahren. Nur das erhoffte kleine Café du Progrès, das kleine Bistro finden wir in keinem der Dörfchen, die wir durchfahren.

So kommt es, dass wir ein paar Kilometer vor unserem Anfangs- und Endpunkt im Schatten alter Bäume an einem Mühlenkanal im Gras sitzen und unser Mittagsmahl genießen: zwei verschiedene Sorten von Vollkornkeksen und leicht lauwarmes Wasser. Natürlich nicht mit vorgestern Abend zu vergleichen, aber das haben wir ja schon gewusst.

Kurz darauf laden wir die Ardenner auf den Fahrradträger. Es liegen 155 Kilometer (viel) Velo&(wenig)Fromage hinter uns, 900 Höhenmeter (kumulativ) und viele schöne Erlebnisse.

Wir geben Monsieur unsere Ankunfstzeit durch und er verspricht etwas Leckeres für uns zu kochen. Natürlich nicht mit vorgestern Abend zu vergleichen, aber das ist uns so was von egal. Wir freuen uns schon darauf!

Fuchs, du hast die Gans gestohlen

In Sellières steppt der Bär, ganz offensichtlich. Ein handgemaltes Plakat auf Pappe zeigt „Concert“ an, ein weiteres ebenso aus Pappe weist den Weg zu einem „Stadium“ und ein drittes, aus Metall, aber so alt und verblasst, dass es in ein solches gehört, bezeugt die Existenz eines Museums. Nur leider hat der Bär hier so gesteppt, dass wirklich alle Straßen in Sellières aufgerissen (Wasser? Abwasser? Strom?) und nur sehr provisorisch wieder mit Schotter gefüllt sind, so dass wir eine Menge Staub schlucken, bis wir aus diesem vergnügungsorientierten Dörfchen wieder heraus sind und in Chaux-de-la-Bresse auf „unsere“ Velo-Route Jura Loisir treffen.

Schmale Landsträßchen führen durch weite, sanft gehügelte Landschaften, durch Dörfer, deren Namen vor Kreativität sprühen. Wir sehen kaum Autos, haben dafür ab und zu sehr, sehr vorsichtige Begegnungen mit Traktorfahrern, die ihre weit auskragenden Heuwender mit großer Sorgfalt an uns vorbeiführen.

Rechts taucht plötzlich ein Schild zur Ferme Le Goupil (Reineke Fuchs) auf. Unter dem Bild eines listig dreinblickenden Fuchses bietet der Hof den Verkauf von Hühnern und Gänsen an. Wahrscheinlich vom Nachbarn … Die nächsten Kilometer geht mir das Kinderlied nicht aus dem Kopf.

Die Brücke über den Doubs wirkt nicht richtig vertrauenserweckend, aber während wir fotografieren, testet ein Auto für uns die Tragfähigkeit aus, sehr beruhigend. In Tavaux führt die Strecke weg vom Fluss und auf schmalen Gartenwegen an Hinterhöfen und Gärtchen uralter schiefer Häuslein vorbei, in denen uralte schiefe Männlein sich nach Unkraut bücken.

Kurz darauf beginnt der Abschnitt, auf den ich mich besonders gefreut habe: wir treffen auf den Rhone-Rhein-Kanal, das heißt wir lassen die Räder schnurren auf flachen Treidelpfaden, vorbei an Schleusen, vor denen gelangweilt wirkende Hausbootkapitäne ihre Einfahrt abwarten. Es ist nun schon deutlich nach Mittag, der Hunger meldet sich. Dole – und damit die Mittagspause – liegen nur noch wenige Kilometer vor uns, da klauen sie uns zehn Minuten vorm Mittagessen unsere Trasse. Der Treidelpfad ist gesperrt. Nicht französisch gesperrt, nein, richtig gesperrt gesperrt. Zwei schwere Metallgatter stehen quer über die Einfahrt, mit rot-weißem Band zusammengewoben, ein Einfahrt-verboten-Schild hängt am Gitter, eines in gelb mit „Déviation“ zeigt nach links und eine ganze Seite Text mit einer Menge Wappen und Stempel erklärt uns, warum es nach Sturm und Hochwasser zu gefährlich sei… Nun, wenn sie sich schon so viel Mühe gegeben haben, denken wir, machen wir ihnen die Freude und halten uns daran. Das bereuen wir natürlich keine fünf Minuten später, als die steile Umleitungsstraße in einen genauso steilen Feldweg mündet, vorbei an einem verwunschenen Château, das wir sonst zugegebenermaßen wohl nicht gesehen hätten, bevor eine schlagloch-perforierte Gasse uns wieder zum Treidelpfad führt.

Ein paar Minuten später fahren wir in Dole unter den massiven Befestigungsanlagen entlang, über kleine Brücken zu unserem Lokal, das einfach nur „Le local“ heißt und wunderschön am Ufer des Doubs unter den Bögen einer alten Brücke liegt. Das Essen ist einfallsreich komponiert und sehr lecker, natürlich nicht mit gestern zu vergleichen, aber das haben wir ja schon gewusst.

Doles Doubsufer wird auch gerne als „Kleines Venedig“ bezeichnet, wobei die einzige Gemeinsamkeit wohl das Wasser ist. Hübsch ist es trotzdem am Ufer zu flanieren, bevor wir die Ardenner die steilen und schmalen Altstadtgässchen hochschieben, die teilweise für den Autoverkehr gesperrt, aber auch für Fahrräder nur bedingt geeignet sind.

In der Sonne auf dem Marktplatz stehend, sinniere ich ein bisschen über diesen schönen Morgen nach, während die Große in der Markthalle schnell die allgemeine Käselage in Dole auskundschaftet. Ein Hupen reißt mich aus meinen Träumereien. Das sei ein Autoparkplatz, motzt mich ein unangenehmer Zeitgenosse rüde an, ich solle gefälligst mein Rad entfernen. Am liebsten hätte ich ihm ein „Nenni, ma foi!“ entgegengeschleudert, aber dann denke ich, dass ich mir von einem solchen „connard“ doch nicht den Tag verderben lasse und rücke zur Seite. Er parkt mit Siegerlächeln ein, steigt mit Siegerlächeln aus, plustert sich auf und öffnet den Mund. Weiter kommt er nicht, weil ich ihm sehr dezidiert klarmache, dass er sich doch bitte woanders schlecht benehmen soll und ich mir meine gute Laune nicht von ihm … siehe oben. Ich sehe förmlich, wie er zusammenfällt und sich davon schleicht. Ja. Manchmal kann ich sch…arrogant sein. Und dickköpfig. Und eigensinnig. Schließlich sind wir in der Franche-Comté.

Die Große kommt zurück, ohne Käse. Wir hatten eh schon beschlossen, dass zwei Tage bei 27°-29° in Satteltaschen keine artgerechte Haltung für Comté & Co sei und dass wir morgen, im „Maison du Comté“, in Poligny, der Hauptstadt des Comtés, alle Käseeinkäufe nachholen werden.

Ab Dole folgen wir und unsere Jura-Velo-Route eine Zeitlang der Euro-Velo 6, was zu so netten Kilometer-Angaben führt wie „Besançon 60 km, Schwarzes Meer 3600 km“. Hier ist auch deutlich mehr los, fahrradverkehrstechnisch, wir sehen sicherlich ein halbes Dutzend anderer Radfahrer. Bei dem einen Vater weiß ich wirklich nicht, ob ich ihn bedauern oder bewundern soll: vorne, am Lenker liegt in einem übergroßen Korb das Baby, am Gepäckträger sind mit zwei Stangen die Räder seiner kleinen Jungs verschweißt, ein Tridem sozusagen, und rechts und links türmen sich die Satteltaschen. Doch eher bewundern, denke ich.

Die Route führt durch idyllische Landschaften. Es ist so ruhig und beschaulich, dass Reiher sich nicht die Mühe machen wegzufliegen bei unserem Herankommen. Uralte Bäume spenden Schatten und werfen den Asphalt auf, wie das offensichtlich noch sehr frisch verliebte deutsche Pärchen feststellen muss. Mit „Pass auf, Schatz! Da vorne kommt wieder ein Hubbel, Schatz. – Achja, tatsächlich, Schatz, danke, Schatz. – Aber gern geschehen, Schatz!“ ziehen sie an uns vorbei.

Die Kilometer schnurren einfach nur so weg, langweilig ist es trotzdem nicht. In Sous-les-Roches hängt links ein ganzer Kletterclub in den steilen Kalksteinwänden, beim Frühjahrsputz. Mit weiten Bewegungen räumen sie Blätter und Moder aus den Griffkuhlen ihrer Kletterrouten. Kurz darauf ist rechts die Uferwiese besetzt vom – stelle ich mir vor – örtlichen VHS-Kurs Aquarell-Malen. Ich frage eine der Damen, ob ich das fotografieren dürfe. „Klar doch, mir ist das recht,“ kommt die Antwort, „ich blamiere mich ja hier nicht beim Malen, ich schau nur meinen Freundinnen zu.“ Worauf besagte Freundinnen hell auflachen und mir zunicken.

In Ranchot verlassen wir die schön flache Euro-Velo 6 und steigen mit der Jura-Velo auf in den Forêt domaniale de Chaux. Die Batterien zeigen schon recht niedrige Ladezustände an, deshalb sparen wir ein bisschen und setzen eher auf Muskelkraft. Irgendwann brauchen wir dann eine Pause auf einem kleinen Picknickplatz. Ich liege lang gestreckt auf der Sitzbank, sinniere über die gefahrenen (84) und die verbleibenden Kilometer (nur noch zehn, aber…) nach und darüber, wie und ob ich je die Kraft finden werde wieder aufzustehen. „Du, da läuft eine Spinne auf dein Haar zu,“ sagt meine Große plötzlich und kurz darauf – frech grinsend: „Siehst du, ging doch ganz einfach!“

Die „Saline Royale“ in Arc-et-Senans ist genauso klassisch schön wie letztes Mal und leider genauso leblos. Die revolutionäre Sozialutopie vom besseren Arbeiten und Leben ist im entkernten und umgewidmeten Gebäude nicht mehr zu spüren, es ist nur Hülle.

Vor der Saline verlassen wir dann unsere Route und orientieren uns an der Kirchturmspitze. Dort nämlich, place de l’église, liegt unser kleines Hotel, das uns mit einem großen Schild: Hotel & Restaurant voll begrüßt. Aber wir haben ja zum Glück eine Reservierung, für beides. „Stimmt“, nickt der Chef an der Rezeption, als er unseren „pass sanitaire“ scannt, „aber die war für gestern.“ Nein! Das kann nicht sein, ich bin mir ganz sicher, dass … Da grinst er und meint, er liebe diesen kurzen Moment der Panik und dann der Erleichterung, wenn den Kunden klar würde, dass alles nur ein Scherz… Meine Art von Humor ist das nicht und schon gar nicht nach 94 anstrengenden Kilometern. Und dann warnt er uns noch, dass wir ihnen warnen müssten, wenn wir um halb elf zum Spektakel „Son et Lumière“ in der Saline wollten, da müsste die Küche sich dann entsprechend beeilen, um rechtzeitig fertig zu werden. Halb elf? Beeilen? Spektakel? Da wollten wir eigentlich längst den Schlaf der Müden schlafen.

Das Menü am Abend ist hervorragend, schöne Kombinationen von Gemüse und Fisch. Nur der Gruß aus der Küche – eine mousse de cancoillotte – sagt uns so gar nicht zu, führt aber immerhin zu der Erkenntnis, dass wir diesen Kochkäse in Poligny nicht werden kaufen müssen. Der Anspruch der Küche – alles frisch zubereitet – führt dazu, dass der Service wirklich sehr langsam ist und sich das Essen hinzieht. Beim ersten Mal hat das Monsieur etwas verärgert, weil wir noch 500 Kilometer Fahrt nach Deutschland vor uns hatten. Heute nutzen wir unsere Kenntnis und legen einen kleinen Spaziergang durch die nächtlichen Gassen ein zwischen Hauptgang und Dessert.

Der Mond geht hinter den alten Häusern auf, was schön anzusehen, aber schwer zu fotografieren ist. Unser Dessert kommt dann tatsächlich, nachdem wir wieder am Tisch sitzen, etwas Leichtes, „fromage blanc“ mit frischen Beeren. Das Kännchen Sahne dazu verhindert, dass der Nachtisch zu leicht und gesund wird. Natürlich nicht mit gestern zu vergleichen, aber das haben wir ja schon gewusst.

Die Kirchturmuhr schlägt zehn Mal, als wir die Treppe hochsteigen, leicht verwundert, dass unsere Beine nach den fast hundert Kilometern noch so problemlos ihren Dienst tun. Das Spektakel, das verschlafen wir.

Wir haben es verbimst

Ja, ist leider so.

Die Organisation der Tour war anfangs ein bisschen schwierig, aber doch machbar. Monsieur hatte keine Zeit, also musste ich mir eine andere Begleitung suchen. Für die schwierigeren Aspekte der Fahrradtour, etwa richtig rechts oder links abbiegen oder 25kg schwere Ardenner auf den Fahrradständer hieven. Meine Große ist nicht abgeneigt, diese Aufgaben zu übernehmen.

Wir trudeln über diverse Juraketten, wundern uns, wie Morez einen 45-minütigen Stau hinbekommt (Teermaschine und kaum Ausweichmöglichkeiten) und finden mit ein paar Nachfragen das halbverlassene Dörfchen mit unserem Gîte. Gîte, weil alle netten kleinen Hotels so gut wie ausgebucht waren und ich die großen nicht wollte.

Der Gîte sah im Internet sehr hübsch aus und dann stand da noch, dass man auf Reservation bei ihnen zu Abend essen kann. Das habe ich natürlich gemacht, wie so oft, wenn wir in einem im Gîte übernachtet haben. Ein einziges Mal gab es Fischstäbchen, die vielen, vielen anderen Male war das Essen immer sehr rustikal und gut.

Wir sind zu früh, die Ardenner gelangweilt, also nehmen wir sie auf eine kurze Tour über französische Landsträßchen, die wie mit dem Lineal gezogen durch Wälder schneiden, bergauf, bergab, an Maisfeldern vorbei und durch Wiesen, auf denen weiße Charollais-Rinder stoisch ihrem Schicksal entgegen wiederkäuen.

Als wir nach zwanzig Kilometern zurück kommen, ist es Zeit für Apero und Abendessen. Wir bekommen einen kleinen Tisch in einer Ecke aus Bruchsteinmauern, dicke schwarze Balken über uns. Neben uns sitzt ein deutlich breiteres Paar aus Belgien an einem deutlich breiteren Tisch. Das Menü sieht toll aus, ist auch schnell bestellt, bleibt der passende Wein. Savagnin haben sie und Chardonnay. „Der Chardonnay ist gut“, sagt der Belgier freundlich und reicht seine Flasche zu uns hinüber „probieren Sie einfach mal!“ Ja, ist er, aber Savagnin kenne ich nicht, das reizt mich. „Oha! Der ist schon sehr speziell“, warnt die Wirtin, „nehmen Sie lieber erstmal nur ein Glas, keine Flasche.“ Ein paar Minuten später bin ich ihr sehr dankbar. Die mir unbekannte Rebsorte schmeckt sehr herb nach modrigem Keller, nach unterirdischen Steingewölben, nach uralten Eichenfässern und einem Hauch von Hefe und Nuss. Aber eigentlich schmeckt er nach „Kann ich bitte den Chardonnay haben?“ Der Belgier grinst genüsslich und setzt noch eins drauf: „Bei uns zuhause,“ erklärt er, „sagt man, man solle sich vor dem Savagnin einen rostigen Nagel durch die Zunge treiben. Dann würde einem der Geschmack gar nicht mehr stören.“ Ahja, wieder etwas gelernt.

Der Chardonnay kommt mit den Vorspeisen und wir sind hingerissen: goldgelbe Molekular-Honigperlen glänzen auf hauchdünnen, nur gerade angeräucherten Forellenscheibchen, zarte Ziegenkäse-Nocken schwimmen in einem feurigen Paprika-Gazpacho, perfekt gewürztes Forellen-Tatar ruht auf einer Scheibe Honigkuchen-Toast. Und zu Wein, Käse, Fisch und Honig wird uns genauestens erklärt, welcher benachbarte Freund in welchem benachbarten Örtchen sie jeweils hergestellt haben.

Der Hauptgang ist ähnlich begeisternd: auf den Punkt gegartes Fleisch in phantastischer Soße zu liebevoll angerichteten Beilagen aus dem Garten hinterm Hof.

In uns steigt langsam ein schlimmer Verdacht auf.

Die Belgier bekommen die Schiefertafel mit den Desserts und diskutieren, welche der drei Alternativen sie den wählen sollen. Wir weisen sie diskret auf die Vielfalt der Desserts auf der – uns zugewandten – Rückseite hin, die sie dann freudig-überrascht in ihre Diskussion einfließen lassen.

Unsere Desserts kommen und der Verdacht wird zur schrecklichen Gewissheit. Wir haben es verbimst, motivationstechnisch, strategisch haben wir es vergeigt.

Nach diesem phantastischen Menü gibt es keine Steigerungsmöglichkeit mehr. Wir haben den kulinarischen Höhepunkt der Reise am ersten Abend gehabt, keines der nachfolgenden Restaurants wird da mithalten können.

Aber gut, wir haben uns das eingebrockt, wir werden es die nächsten Tage auslöffeln müssen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes…

Nenni, ma foi!

Stur sollen sie sein, die Comtois, dickköpfig und eigensinnig. Kommen mir irgendwie bekannt vor, diese Eigenschaften und ich finde sie auch gar nicht so unsympathisch.

Außerdem wird man vielleicht so in der Franche-Comté, wenn alle paar Jahre die französischen Nachbarn vor den Stadtmauern stehen und deine Stadt einnehmen wollen. So geschehen Ende 1400, als die Franzosen Dole in Brand schießen und plündern. Die letzten Verteidiger sitzen aussichtslos eingekesselt in einem Weinkeller(!). Sie sollen sich doch ergeben, fordert der französische Heerführer sie auf. „Rends-toi, comtois!“ – „Nenni, ma foi!“ kommt die stur-stolze Antwort: nie und nimmer, bei Gott! Der Franzose ist von der Haltung so beeindruckt, dass er den Kämpfern freien Abzug schenkt und der Franche-Comté ihren Schlachtruf. Und – bei Gott – den brauchen sie. Immer wieder zerstört, zurück erobert, wieder aufgebaut und erneut belagert, das verlangt geradezu nach Sturheit und Eigensinn. Die Alternative?  Aufzugeben? Nenni, ma foi!

Ein paar hundert Jahre später stehen die französischen Belagerungsheere wieder vor der Stadt, mit der gleichen Forderung, sich zu ergeben. Der Verteidiger, genauso stur und eigensinnig wie sein Vorfahr, wenn auch deutlich gesprächiger, lässt lakonisch ausrichten, die Franzosen sollten doch in einem Jahr nochmal nachfragen. Tatsächlich sind die Franzosen nach drei Monaten erfolgloser Belagerung so frustriert, dass sie als letztes Mittel erwägen, allen Sprengstoff, den sie in Tunneln vor der Stadtmauer platziert haben, in die Luft zu jagen. Als der Staub sich legt, sehen die Franzosen, dass der aufgerissene Krater so riesig, steil und tief ist, dass er den Zugang zur Stadt viel effektiver unmöglich macht als die Stadtmauer vorher. Völlig demoralisiert ziehen die Franzosen ab. (Was vielleicht auch ein kleines bisschen daran gelegen haben kann, dass gerade ein Burgunder Heer zur Unterstützung von Dole um die Ecke kam.)

Wir kommen zwar auch aus Frankreich in die Franche-Comté, aber natürlich in friedlicher Absicht. Trotzdem macht Dole es uns nicht leicht. Die Stadt soll uns Mittagspause bieten auf unserer Velo&Fromage-Tour du Jura: ein bisschen Beine vertreten, ein bisschen Kultur und flanieren und ein bisschen schön essen natürlich auch. Nur ist es gar nicht so einfach eine Entscheidung zu treffen. Selbst wenn wir mal alle Pizzerien und Dönerbuden streichen, bleibt das Angebot riesig. Gut, das andere Ende der Skala, die Sterne-Restaurants, die streichen wir auch. Für vier Gänge in ebenso vielen Stunden haben wir schlichtweg keine Zeit.

Übrig bleiben immer noch eine Menge „restaurants semi-gastronomiques“. Das klingt für deutsche Ohren vielleicht etwas abwertend, ist es aber ganz und gar nicht. Es ist der Anspruch: wir können und wollen genauso gut kochen, wie die großen Sterne-Lokale, aber ohne das ganze Chichi drumherum.

Das kommt uns sehr gelegen, denn zwei Ängste plagten uns dann doch: die ganz reale Angst, dass die gastronomisch-feinen Portionen auf dem Teller nach fast drei Stunden radeln doch etwas übersichtlich und nicht ganz ausreichend sein könnten und die ganz andere, genauso reale Befürchtung, dass wir in Radler-Klamotten, vom Wind zerzaust, gar nicht erst Einlass erhalten.

Nachdem wir schon halb entschlossen waren, uns erst einmal eine Woche in Dole einzumieten und uns sozusagen probehalber einmal quer durch die Stadt zu futtern, haben wir gestern Abend dann eine Wahl getroffen.

Dafür müssen wir aber erst mal dahin kommen, nach Dole, auf unserem Fahrradabenteuer.

Und das fängt morgen an.

Mein neuer Lieblingssport

Geplant hatten wir das zum ersten Mal vor fast einem Jahr. Mitten in einer Hitzewelle mit Wasser-Spar-Appellen und „Alerte Sécheresse“-Schildern an jedem Dorfeingang schien uns eine kleine Paddelfahrt auf unserem departementseigenen Fluss Ain eine willkommene Abkühlung.

Es blieb Planung, weil just an unserem Morgen die EDF die größte Staustufe oberhalb von Pont-d’Ain flutete und jegliche Wassersportaktivitäten als zu gefährlich untersagt wurden.

Dann kam die zweite und die dritte Corona-Welle, von Winter und Schlechtwetter mal ganz zu schweigen, aber für diese Woche sah es gut aus.

Also stehen wir kurz nach zehn am Ufer des Ains, umgeben von Dutzenden von Kanus und Kajaks und sportlichen jungen Männern mit Rasta-Locken in Flipflops.

Wir wären absolute Anfänger, geben wir unumwunden zu. Das sei kein Problem, meint der Rasta-Schöpfige, der Fluss habe Hochwasser. Eigentlich hätte uns das misstrauisch machen sollen, vor allem weil er meint, dass das alles einfacher machen würde. Bei Normalwasser müsse man sich an genaue Vorgaben halten, nur rechts durch diesen Brückenbogen, nur links an jener bestimmten Felsformation vorbei. Aber bei dem Hochwasser lägen alle Felsen unter Wasser, wir könnten einfach in der Mitte durch die Stromschnellen.

Spätestens da hätte uns einfallen sollen, dass wir zuhause noch einen Kuchen im Ofen oder einen Topf auf dem Herd – oder was uns auch immer als Ausrede einfallen mag – haben.

Stattdessen steigen wir in das „Komfort-Kanu“, Komfort deshalb, weil es zwei Rückenlehnen hat. In der Mitte ist ein Sitzplatz ohne Lehne, geeignet – was wir sehen –, um den eigenen Hund mit eigener Schwimmweste unterzubringen.

Die erste Brücke kommt sofort und ist so schnell vorbei, genau wie die ersten Stromschnellen dahinter, dass wir gar keine Zeit haben uns zu fürchten. Nach der nächsten Brücke folgt ein langes, ruhigeres Stück, dass uns zeigt, dass wir das nicht so recht auf die Reihe kriegen, das mit dem gemeinsam und im Gleichklang und so. Es ist für Monsieur natürlich nicht einfach mit einer Rechts-Links-Legasthenikerin zu paddeln, die treffsicher instinktiv erstmal das falsche Paddeln zum Gegensteuern einsetzt.

Es muss zumindest für die Zuschauer auf den Restaurantterrassen amüsant anzusehen sein, wie wir von einer Seite zu anderen zickzacken, immer hektisch paddelnd gerade noch vermeiden im Schilf aufzulaufen. Ich beschließe, dass Kanufahren nicht mein neuer Lieblingssport werden wird, da gibt Monsieur genervt auf und schlägt mir vor, ihn doch allein paddeln zu lassen. Danach wird es recht idyllisch für mich, ich habe ja Zeit, die Entenfamilien, Reiher und anderes Flügelflagel-Getier zu beobachten. Allerdings auch Zeit mich vor den nächsten Stromschnellen zu fürchten. Die dritte nehmen wir ein bisschen rumpelig und sehr nass, dafür steuern wir bei der vierten auf das ruhige Wasser in der Mitte zu. Klappt hervorragend und führt damit zum Desaster bei der nächsten. Da ist nämlich auch in der Mitte keine Gischt zu sehen, also steuern wir dahin. Bis wir so nahe dran sind, dass wir den Grund dafür erkennen können – der weißgischtende Strudel liegt einen guten Meter tiefer unten – ist es natürlich zu spät zum Handeln und das Boot kippt kopfüber nach vorne. Eine Welle gischtet über uns zusammen, das Boot überschlägt sich und wir gehen unter. Mein erster panischer Gedanke unter Wasser ist nur: „Wo ist hier oben? Wo ist hier oben?“ gefolgt von „Wo ist Monsieur?“ In dem weißen Strudel ist nichts auszumachen, aber irgendwann schaffe ich es nach oben, bekomme Luft in die Lungen und gleich darauf spüre ich Monsieurs Hand in meiner. Die Strömung ist schnell und stark, unser Kanu ist schon unterwegs zur nächsten Kehre. Plötzlich sind drei andere Kanus um uns herum, mit „Alles in Ordnung? Brauchen Sie Hilfe? Sind Sie verletzt?“ Ich höre Monsieur rufen: „Sauvez ma femme! Sauvez d’abord ma femme!“ (Hach!) und Hände greifen nach uns und ziehen uns zu den Kanus. Wenig später sitzen wir tropfnass am Ufer, die zwei Kanulehrerinnen und ihre vier Schüler genauso nass und aufgeregt wie wir.

Sie fangen unser Kanu ein, helfen uns beim Einsteigen und begleiten uns zur nächsten Anlege- und Abholstelle.  Einmal an Land, ziehen wir erstmal aus, was man noch schicklich ausziehen kann, um alles auszuwringen und über einen Gartenzaun zum Trocknen zu hängen. Da können wir langsam schon wieder über das Geschehene lachen.

Eigentlich hätten wir noch eine Stunde weiter paddeln sollen, aber mir ist nicht mehr so recht danach und wir lassen uns vom Veranstalter abholen. Einmal wieder zurück am Auto – alle Schürfwunden verarztet und in den vorsichtshalber mitgenommenen trockenen Ersatzklamotten, Monsieurs Idee, nicht meine, – beschließen wir als Belohnung schön essen zu gehen in diesem netten Örtchen, an dem wir vorbeigepaddelt waren.

Wird dann nicht ganz so ein Desaster wie bei der 5. Stromschnelle, kommt aber nahe heran. Der Ort und die Speisekarte – beides Mogelpackungen. Der „Schöne Hof“ ist ein öder Parkplatz und über das Essen schweige ich höflich.

Ja, das Essen ist schlecht, dafür ist unsere Kanu-Taufe gut ausgegangen. Besser so als umgekehrt.

Kaum auf dem Heimweg, auf der Autobahn, fragt Monsieur: „Und? Wann versuchen wir es wieder?“

Joseph Grün

Unsere italienische Freundin überraschte uns am Anfang unserer Freundschaft mit ihrer überschwänglichen Begeisterung für Henrico Boëllo. Wie sehr sie sich auf den Tag freue, an dem ihr Deutsch gut genug sei, dass sie die Werke dieses berühmten deutschen Schriftstellers – und noch dazu Literaturnobelpreisträgers – im Original lesen könne. Irgendwann haben wir uns zusammengerechnet, wen sie meinte und revanchierten uns mit Komplimenten zum noch viel berühmteren italienischen Komponisten Josef Grün.

Josef Grüns Werke schätzen wir sehr, die Musik zumindest, Opernlibretti darf man meist nicht zu sehr auf ihre literarischen Qualitäten abklopfen, vom Frauen- und Gesellschaftsbild wollen wir gar nicht erst anfangen.

So sehr wie wir Joseph Grün auch schätzen, dass er der Erfinder der „Grün-Straße“ ist, glauben wir dann doch nicht.

Diese Grünen Straßen, die „voies vertes“, sprießen in den letzten Jahren in Frankreich förmlich aus dem Boden. Eine der ältesten läuft am Westufer des „lac d’Annecy“, eingebettet in die Savoyer Alpen. Die alte Eisenbahnstrecke wurde zum Fahrradweg umgebaut und bietet Radelspaß mit Blick auf blaues Wasser, majestisches Alpengrau und weiße Schneekappen. Das Ganze bei frühlingshaften 18°, was einer der Gründe für diesen Radausflug war. Der andere ist leider nicht so schön. Unser Departement hat eine Inzidenz von 323, bei 325 schließt Herr Macron die Haustür ab und legt die betroffenen Departements an eine 10 Kilometer lange Hundeleine. Was sicherlich in den nächsten Tagen alle weiteren Ausflüge unterbinden wird.

Aber bevor wir das Westufer entlangradeln können, müssen wir erst auf dem Ostufer bis zum Ende des Sees kommen. Das heißt sogar „Bout du lac“, obwohl es genaugenommen der Anfang ist, denn der See hat seinen Ausfluss in Annecy selbst, mit dem Thiou, dem wohl kürzesten Fluss Frankreichs. Nach noch nicht mal vier Kilometern mündet er in den Fier. Aber er schafft es tatsächlich, sich auf diesen knapp vier Kilometern noch einen Nebenfluss einzuverleiben, den Ruisseau des Trois Fontaines, das Drei-Brunnen-Bächlein. Wusste ich vorher alles noch nicht.

Und da soll mal einer sagen, dass Radfahren nur etwas für die Kondition tut.

Das Ostufer ist nicht so gut ausgebaut, gelegentlich muss man sich mit LKWs und Bussen die sehr schmalen Sträßchen teilen, es ist halt nicht einfach mit der Infrastruktur, wenn rechts der See und links der Berg ist. Dafür gibt es den Blick aufs Wasser und wunderschöne alte Häuser, von großbürgerlicher Sommerfrische-Villa bis zu urigen Bauernhöfen.

In Talloires machen wir Mittagspause, les pieds dans l’eau, fast, ganz so warm ist es doch noch nicht. Schauen mit Wehmut zur Auberge und Cottage des Père Bise hin, dem wir einige schöne Erinnerungen und eine Erkenntnis zu verdanken haben. An einem der eher ungeraderen Hochzeitstage sitzen wir bei einem vorzüglichen Menü und einem ausgesuchten Glas Wein auf der Terrasse direkt am See, schauen hoch zu den Zweieinhalbtausendern des Tournette Massivs über uns. Wissen grinsend, was das Gegenüber denkt: dass wir in den ersten Jahren mit einem Butterbrot da oben gesessen und mit einer gewissen selbstgefälligen Herablassung auf die bequemen Feinschmecker da unten herabgeschaut hätten. Dass wir aber heute völlig neidfrei und voller Großzügigkeit dieses Bergerlebnis anderen gönnen können. Wir scheinen im Alter sehr viel Toleranz erworben zu haben.

Heute gibt es dank Corona Butterbrot aus der Brotdose, auf einem Bootssteg, sehnsüchtig beäugt von einem Schwanenpaar. Der Schwanenhals schießt dann zwar vor Richtung Brotdose, aber zum Glück ist Monsieur schneller.

Nach knapp drei Stunden sind wir wieder am Parkplatz, 39,7 Kilometer sagt Monsieurs Lebensgefährtin, 41 mein Tacho.

Da weiß ich doch, wem ich lieber Glauben schenke…

Frei nach Erich Kästner

 

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… leben wir heute gefährlich.

Erst erzählen wir der Jüngsten, dass sie sich schon immer gewünscht hat dahin zu fahren.

Da diverse Landesregierungen, Fluggesellschaften und ein Virus sich zusammentun, um das Erreichen ferner „Schon – immer“-Traum-Ziele zu verhindern, versuchen wir es halt mal eine Nummer kleiner mit den „Da könnten wir doch auch mal“-Zielen in der Nähe. Birgt natürlich eine gewisse Gefahr von hochgezogenen Augenbrauen, gezuckten Schultern oder einfach nur ungläubigem „Das?“ in sich.

Unser Ansatz geht aber gut aus, auch wenn das Ziel wohl nicht zu den 100 romantischsten Zielen Frankreichs zählen wird. Es hat eher diesen desolaten Charme aufgelassener Industrieanlagen.

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Wir sind zig Male auf dem Weg in den Süden über das „Viaduc de la glacière“ an dieser alten Eisfabrik vorbeigefahren, den Mont Lozère, Burgund oder die Provence vor Augen, den Satz „Da könnten wir doch auch mal …“ im Hinterkopf. Heute ist es soweit. Der strahlende Sonnenschein ist einerseits ausflugstauglich, andrerseits so gar nicht dem Ziel angepasst. Hier bräuchte man treibende Nebel oder heulenden Schneesturm, um das Potential der aufgelassenen Ruine voll auszukosten. Schön ist es trotzdem.

Wir stromern eine Stunde durch die Anlage, steigen – wo es nicht abgesperrt ist – in und um alte Mauern und stehen dann am Parkplatz da mit dem angefangenen Ausflugstag. Das nächste Ziel, die „Pertes de la Valserine“ ist uns klar, aber auf dem Weg locken die „Marmites de Géant“, die Kochtöpfe eines mythischen Riesen, Wasserstrudel in der Semine. Vor ein paar Wanderungen, von Giron kommend, hatten wir den Stopp schon einmal angedacht, aber damals hatten unsere müden Beine uns überstimmt. Heute finden wir den Einstieg und können bald das gigantische Rad einer alten Sägemühle bewundern, finden aber die Wasserspiele eher etwas unterwältigend. Das kommt dann – wir waren einfach noch nicht weit genug gegangen – nach der nächsten Brücke.

Der Parkplatz für die Pertes zeigt uns dann, frei nach Erich Kästner, wie lebensgefährlich das Leben ist. Mit großen gelben Warnschildern wird uns Wanderern drastisch vor Augen geführt, welch eine gefährliche Risikosportart wir ausüben. Was uns nicht alles befallen kann: Steine und Äste können auf uns herabstürzen. Der ebenfalls angedrohte Sturz von glaçons beeindruckt mich allerdings wenig, da ich das Wort eher mit „Eiswürfel“ statt -zapfen übersetze und das natürlich sofort in den überhaupt nicht bedrohlichen Kontext von eisgekühlten Getränken wie Aperol Spritz und ähnlichem setze.

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Wir setzen uns tapfer den weiteren Risiken von brutalen und gewalttätigen Fluten aus, den abrupten Felsabstürzen und gefährlichen Steilwänden. Es ist kaum zu glauben, dass wir lebendig an den Ufern des Flusses ankommen, gemeinsam mit den anderen Wanderern, Picknick-machern, im Wasser-Planschern. Die größte Gefahr, der wir uns aber an diesem Nachmittag wirklich aussetzen, sind die Moskitos, die unser Picknick, die Füße im Wasser, umschwirren.

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Die Valserine verschwindet hier schäumend immer mal wieder zwischen meterhohen Kalkwänden und taucht brodelnd ein paar Schritte weiter, dafür aber viel tiefer wieder auf.

Eine Felswand mit spitzer Nase ist natürlich Napoleons Kopf und die Stelle, an der die Felsen nur zwei Handbreit auseinander sind, die „natürliche Brücke“, die Pilger auf diesem alten Pfad schon vor Jahrhunderten nutzten. Für uns Risikosportler ist die Stelle inzwischen mit Geländern und Lattenrosten gesichert, nur für den Fall, dass die gelben Warnschilder nicht abschreckend genug waren.

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Ein Wanderweg an der Valserine entlang führt schon zur Planung der nächsten Wanderung. An der „Pont du Moulins des Pierres“ vorgestern hatten wir der Voie du Tram zuliebe nämlich mit einem kleinen Bedauern auf den schmalen Pfad verzichtet, der ins Tal der Valserine hinabstieg. Zu lang, zu steil, zu kompliziert mit dem ÖPNV.  Hier und jetzt eröffnet sich ein weiteres „Da könnten wir doch auch mal“.

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Mit deutlich leichterem Rucksack steigen wir durch die verwunschen, moosbewachsenen Wälder hoch zum Parkplatz. Plötzlich kommen uns zwei Polizisten entgegen, auf dem Wanderweg zur Valserine, in voller Montur. Ich bin so perplex, dass ich sie lachend frage, was sie denn da unten im Tal kontrollieren wollten. „Oh, Madame,“ strahlt der eine freudig-aufgeregt zurück, „il y a beaucoup des choses, qui sont interdit là-bas! – Es gibt Vieles, das da unten verboten ist.“

Wie gesagt, gefährlich, gefährlich, das Leben!