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Käse? Welcher Käse?

Der Tag beginnt mit einem Protest. Meine Oberschenkel protestieren heftig dagegen, wieder in den Sattel steigen zu müssen. Das wundert mich ein bisschen, ging das gestern Abend mit dem Flanieren und Treppensteigen doch ganz locker und entspannt. Jetzt sind sie richtig beleidigt und informieren mich, dass sie einer Muskelgruppe angehören, die gestern schließlich fast hundert Kilometer – von den Steigungen mal ganz zu schweigen – hätten leisten müssen, während diese Faulenzer von der anderen Gruppe nur genüsslich kichernd zugeschaut hätten. Dass zweimal Treppensteigen und einmal rund um die Dorfkirche ja nun wirklich nicht zu vergleichen wären mit… Bevor sie mir mit Streik drohen, versuche ich sie zu beruhigen mit der Versicherung, dass es erstmal nur bergab gehe. (Von den Steigungen erzähle ich ihnen später, wenn sie ein bisschen besser gelaunt sind.)

Wir kommen auf dem Weg bergab durch Arc-et-Senans an einem Wegweiser vorbei: Mouchard 8 km. Kurz darauf biegt die Veloroute ab mit: Mouchard 14 km. Das wird dann ein bisschen das Motto des Tages: Warum auf dem kürzesten Weg zum Ziel, wenn die kleinen Sträßchen uns viel verschlungener dahin bringen können.

Dafür sind sie sie wirklich schön, diese kleinen Landsträßchen, entlang der Loue, etwa. Wo uns Kanufahrer zeigen, dass man auch ganz andere Probleme an Stromschnellen haben kann. Durch kleine Dörfchen, deren Brunnen einen köstlichen Sinn für Humor haben. Oder vielleicht ist es doch der des Besitzers des Weingutes gegenüber, der die gleiche Warnung zum moderaten Konsum hat anbringen lassen, die er von Gesetz wegen auf seine Flaschen drucken lassen muss.

Gelegentlich auch durch etwas befremdliche Orte. In Port-Lesney steht an der Viertel-Brücke eine sehr ausführliche Erklärung zur kleinen Kapelle neben dran, aber nichts zu dem geheimnisvoll-unvollendet in die Loue ragenden Brückenbogen (Im Internet habe ich nachgelesen, dass die Gemeinde die mittelalterliche Brücke 1951 nach dem Bau der neuen hat sprengen lassen. Wahrscheinlich schämen sie sich immer noch für diese Barbarei.) Dafür bezaubert mich das rosenumwachsene Straßenschild.

In Arbois sind wir trotz der Umwege und Hügel recht früh, gerade recht für eine Kaffeepause am zentralen Platz. Der bietet sein eigenes Unterhaltungspotential. Denn anders als in 99,99% von Frankreich gibt es hier keinen Kreisverkehr, die Vorfahrt ist anders geregelt. Das führt dazu, dass ausländische Autofahrer völlig überfordert sind mit der Situation. Wir sind kurz davor zu wetten, ob die Waadtländerin mehr als 10 Minuten braucht, da traut sie sich beim fünften Ansatz endlich und schießt in den Verkehrsstrom – unter lautem Gehupe all derer, denen sie dann doch die Vorfahrt genommen hat.

Ja, es ist recht unterhaltsam hier, auch die Spekulation, ob die leicht verwitterte Plastikscheußlichkeit über dem Platz noch vom 14. Juli übrig ist oder schon Weihnachtsdeko oder vielleicht sogar beides und das seit drei Jahren, vertreibt die Zeit. Trotzdem ist es immer noch zu früh zum Mittagessen. Ist aber nicht weiter schlimm, damit haben wir eigentlich gerechnet und die Mittagspause im „Maison du Comté“ in Poligny, der Hauptstadt des Comtés eingeplant. Die bieten eine Käse-Degustation an, das stellen wir uns gleichzeitig nahrhaft, lehrreich und unterhaltsam vor. Natürlich nicht mit vorgestern Abend zu vergleichen, aber das haben wir ja schon gewusst. All unsere Käseeinkäufe werden wir da auch – keine 30 Kilometer zum Auto – nachholen und uns die Satteltaschen füllen.

Arbois gefällt uns richtig gut mit seinen mutigen Häusern, direkt überm Fluss, seinen Bars, seiner – bei inzwischen 29° – angenehm kühlen romanischen Kirche (solides Schiff, sagt die Beschreibung, wahrscheinlich, weil sie Jahrhunderte überdauerte, obwohl – oder weil? – keiner ihrer Gewölbebögen wirklich gerade steht), seinem kleinen Anspruch auf den Ruhm. Gestern, um Dole herum, berief sich jedes Dörfchen, jeder Brunnen, ja, fast jede Parkbank darauf, dass Louis Pasteur hier einmal was auch immer getan hatte. Arbois‘ Ansatz ist ruhig und bescheiden: „Pasteur pria dans cette église“, steht an einer der Kirchenbänke.

Irgendwann müssen wir uns losreißen vom charmanten Arbois für die Etappe nach Poligny. Wir meistern den Nicht-Kreisel problemlos und sehen kurz darauf ein Schild: Poligny, 3 km. Wird auch langsam Zeit, denke ich, denn es ist heiß, es ist anstrengend, die ersehnte Pause im Maison du Comté mehr als willkommen. Unsere Veloroute hat andere Pläne und führt uns auf weiten Umwegen – zugegebenermaßen zur Vermeidung der stark befahrenen Route Nationale 5 – erst durch Felder und dann in brütender Sommerhitze durch das – gefühlt – hässlichste Industriegebiet Frankreichs. Dass Poligny nicht mit Arbois mithalten kann an Charme und Ausstrahlung, das ist mir von früheren Besuchen – Durchfahrten eher – klar, aber so unattraktiv muss es sich ja wirklich nicht zeigen. Ich bin ein bisschen verquer drauf – Hitze und Hunger gehen immer ganz schlecht bei mir, in Kombination erst recht -, was sich natürlich nicht bessert, als wir uns ein paarmal verfahren, weil alle alten „Maison du Comté“-Schilder abgeklebt, aber keine neuen aufgestellt worden sind. Mit dieser Laune fahren wir vor das neue, recht eindrucksvolle Gebäude und finden dort eine große Schiefertafel. Fassungslos lesen wir: „Wir sind das Haus des Comté. Wir stellen keinen Comté her, wir verkaufen keinen Comté.“ Meine Große geht zweimal um das Schild herum, bevor sie glauben kann, was sie da liest. Die im Internet angepriesene Degustation beläuft sich auf zwei Stück Käse zum stolzen Preis von 8 Euro. Auf jedem Markt bekomme ich mehr Auswahl zum Probieren – und das natürlich freiwillig, gratis, kostenlos.

Natürlich verzichten wir unter diesen Umständen auf die angebotene anderthalbstündige Lichtbildschau – auf leeren, knurrenden Magen, den lehrreichen Rundgang und den spielerischen Ansatz zum Comté. Wir sind am Schmollen und das intensivst. Dass die angefahrenen Käsereien – irgendwann wollten wir ja noch die Satteltaschen mit Käse füllen – gerade alle Mittagspause haben, hilft nicht wirklich. Dass wir nun aus Trotz in Poligny dann auch nicht mehr zu Mittag essen wollen, erweist sich im weiteren Verlauf als ungeschickt. Dafür ist unser Fluchtweg aus Poligny heraus – Richtung Saint Lothian – sehr schön zu fahren. Nur das erhoffte kleine Café du Progrès, das kleine Bistro finden wir in keinem der Dörfchen, die wir durchfahren.

So kommt es, dass wir ein paar Kilometer vor unserem Anfangs- und Endpunkt im Schatten alter Bäume an einem Mühlenkanal im Gras sitzen und unser Mittagsmahl genießen: zwei verschiedene Sorten von Vollkornkeksen und leicht lauwarmes Wasser. Natürlich nicht mit vorgestern Abend zu vergleichen, aber das haben wir ja schon gewusst.

Kurz darauf laden wir die Ardenner auf den Fahrradträger. Es liegen 155 Kilometer (viel) Velo&(wenig)Fromage hinter uns, 900 Höhenmeter (kumulativ) und viele schöne Erlebnisse.

Wir geben Monsieur unsere Ankunfstzeit durch und er verspricht etwas Leckeres für uns zu kochen. Natürlich nicht mit vorgestern Abend zu vergleichen, aber das ist uns so was von egal. Wir freuen uns schon darauf!

Fuchs, du hast die Gans gestohlen

In Sellières steppt der Bär, ganz offensichtlich. Ein handgemaltes Plakat auf Pappe zeigt „Concert“ an, ein weiteres ebenso aus Pappe weist den Weg zu einem „Stadium“ und ein drittes, aus Metall, aber so alt und verblasst, dass es in ein solches gehört, bezeugt die Existenz eines Museums. Nur leider hat der Bär hier so gesteppt, dass wirklich alle Straßen in Sellières aufgerissen (Wasser? Abwasser? Strom?) und nur sehr provisorisch wieder mit Schotter gefüllt sind, so dass wir eine Menge Staub schlucken, bis wir aus diesem vergnügungsorientierten Dörfchen wieder heraus sind und in Chaux-de-la-Bresse auf „unsere“ Velo-Route Jura Loisir treffen.

Schmale Landsträßchen führen durch weite, sanft gehügelte Landschaften, durch Dörfer, deren Namen vor Kreativität sprühen. Wir sehen kaum Autos, haben dafür ab und zu sehr, sehr vorsichtige Begegnungen mit Traktorfahrern, die ihre weit auskragenden Heuwender mit großer Sorgfalt an uns vorbeiführen.

Rechts taucht plötzlich ein Schild zur Ferme Le Goupil (Reineke Fuchs) auf. Unter dem Bild eines listig dreinblickenden Fuchses bietet der Hof den Verkauf von Hühnern und Gänsen an. Wahrscheinlich vom Nachbarn … Die nächsten Kilometer geht mir das Kinderlied nicht aus dem Kopf.

Die Brücke über den Doubs wirkt nicht richtig vertrauenserweckend, aber während wir fotografieren, testet ein Auto für uns die Tragfähigkeit aus, sehr beruhigend. In Tavaux führt die Strecke weg vom Fluss und auf schmalen Gartenwegen an Hinterhöfen und Gärtchen uralter schiefer Häuslein vorbei, in denen uralte schiefe Männlein sich nach Unkraut bücken.

Kurz darauf beginnt der Abschnitt, auf den ich mich besonders gefreut habe: wir treffen auf den Rhone-Rhein-Kanal, das heißt wir lassen die Räder schnurren auf flachen Treidelpfaden, vorbei an Schleusen, vor denen gelangweilt wirkende Hausbootkapitäne ihre Einfahrt abwarten. Es ist nun schon deutlich nach Mittag, der Hunger meldet sich. Dole – und damit die Mittagspause – liegen nur noch wenige Kilometer vor uns, da klauen sie uns zehn Minuten vorm Mittagessen unsere Trasse. Der Treidelpfad ist gesperrt. Nicht französisch gesperrt, nein, richtig gesperrt gesperrt. Zwei schwere Metallgatter stehen quer über die Einfahrt, mit rot-weißem Band zusammengewoben, ein Einfahrt-verboten-Schild hängt am Gitter, eines in gelb mit „Déviation“ zeigt nach links und eine ganze Seite Text mit einer Menge Wappen und Stempel erklärt uns, warum es nach Sturm und Hochwasser zu gefährlich sei… Nun, wenn sie sich schon so viel Mühe gegeben haben, denken wir, machen wir ihnen die Freude und halten uns daran. Das bereuen wir natürlich keine fünf Minuten später, als die steile Umleitungsstraße in einen genauso steilen Feldweg mündet, vorbei an einem verwunschenen Château, das wir sonst zugegebenermaßen wohl nicht gesehen hätten, bevor eine schlagloch-perforierte Gasse uns wieder zum Treidelpfad führt.

Ein paar Minuten später fahren wir in Dole unter den massiven Befestigungsanlagen entlang, über kleine Brücken zu unserem Lokal, das einfach nur „Le local“ heißt und wunderschön am Ufer des Doubs unter den Bögen einer alten Brücke liegt. Das Essen ist einfallsreich komponiert und sehr lecker, natürlich nicht mit gestern zu vergleichen, aber das haben wir ja schon gewusst.

Doles Doubsufer wird auch gerne als „Kleines Venedig“ bezeichnet, wobei die einzige Gemeinsamkeit wohl das Wasser ist. Hübsch ist es trotzdem am Ufer zu flanieren, bevor wir die Ardenner die steilen und schmalen Altstadtgässchen hochschieben, die teilweise für den Autoverkehr gesperrt, aber auch für Fahrräder nur bedingt geeignet sind.

In der Sonne auf dem Marktplatz stehend, sinniere ich ein bisschen über diesen schönen Morgen nach, während die Große in der Markthalle schnell die allgemeine Käselage in Dole auskundschaftet. Ein Hupen reißt mich aus meinen Träumereien. Das sei ein Autoparkplatz, motzt mich ein unangenehmer Zeitgenosse rüde an, ich solle gefälligst mein Rad entfernen. Am liebsten hätte ich ihm ein „Nenni, ma foi!“ entgegengeschleudert, aber dann denke ich, dass ich mir von einem solchen „connard“ doch nicht den Tag verderben lasse und rücke zur Seite. Er parkt mit Siegerlächeln ein, steigt mit Siegerlächeln aus, plustert sich auf und öffnet den Mund. Weiter kommt er nicht, weil ich ihm sehr dezidiert klarmache, dass er sich doch bitte woanders schlecht benehmen soll und ich mir meine gute Laune nicht von ihm … siehe oben. Ich sehe förmlich, wie er zusammenfällt und sich davon schleicht. Ja. Manchmal kann ich sch…arrogant sein. Und dickköpfig. Und eigensinnig. Schließlich sind wir in der Franche-Comté.

Die Große kommt zurück, ohne Käse. Wir hatten eh schon beschlossen, dass zwei Tage bei 27°-29° in Satteltaschen keine artgerechte Haltung für Comté & Co sei und dass wir morgen, im „Maison du Comté“, in Poligny, der Hauptstadt des Comtés, alle Käseeinkäufe nachholen werden.

Ab Dole folgen wir und unsere Jura-Velo-Route eine Zeitlang der Euro-Velo 6, was zu so netten Kilometer-Angaben führt wie „Besançon 60 km, Schwarzes Meer 3600 km“. Hier ist auch deutlich mehr los, fahrradverkehrstechnisch, wir sehen sicherlich ein halbes Dutzend anderer Radfahrer. Bei dem einen Vater weiß ich wirklich nicht, ob ich ihn bedauern oder bewundern soll: vorne, am Lenker liegt in einem übergroßen Korb das Baby, am Gepäckträger sind mit zwei Stangen die Räder seiner kleinen Jungs verschweißt, ein Tridem sozusagen, und rechts und links türmen sich die Satteltaschen. Doch eher bewundern, denke ich.

Die Route führt durch idyllische Landschaften. Es ist so ruhig und beschaulich, dass Reiher sich nicht die Mühe machen wegzufliegen bei unserem Herankommen. Uralte Bäume spenden Schatten und werfen den Asphalt auf, wie das offensichtlich noch sehr frisch verliebte deutsche Pärchen feststellen muss. Mit „Pass auf, Schatz! Da vorne kommt wieder ein Hubbel, Schatz. – Achja, tatsächlich, Schatz, danke, Schatz. – Aber gern geschehen, Schatz!“ ziehen sie an uns vorbei.

Die Kilometer schnurren einfach nur so weg, langweilig ist es trotzdem nicht. In Sous-les-Roches hängt links ein ganzer Kletterclub in den steilen Kalksteinwänden, beim Frühjahrsputz. Mit weiten Bewegungen räumen sie Blätter und Moder aus den Griffkuhlen ihrer Kletterrouten. Kurz darauf ist rechts die Uferwiese besetzt vom – stelle ich mir vor – örtlichen VHS-Kurs Aquarell-Malen. Ich frage eine der Damen, ob ich das fotografieren dürfe. „Klar doch, mir ist das recht,“ kommt die Antwort, „ich blamiere mich ja hier nicht beim Malen, ich schau nur meinen Freundinnen zu.“ Worauf besagte Freundinnen hell auflachen und mir zunicken.

In Ranchot verlassen wir die schön flache Euro-Velo 6 und steigen mit der Jura-Velo auf in den Forêt domaniale de Chaux. Die Batterien zeigen schon recht niedrige Ladezustände an, deshalb sparen wir ein bisschen und setzen eher auf Muskelkraft. Irgendwann brauchen wir dann eine Pause auf einem kleinen Picknickplatz. Ich liege lang gestreckt auf der Sitzbank, sinniere über die gefahrenen (84) und die verbleibenden Kilometer (nur noch zehn, aber…) nach und darüber, wie und ob ich je die Kraft finden werde wieder aufzustehen. „Du, da läuft eine Spinne auf dein Haar zu,“ sagt meine Große plötzlich und kurz darauf – frech grinsend: „Siehst du, ging doch ganz einfach!“

Die „Saline Royale“ in Arc-et-Senans ist genauso klassisch schön wie letztes Mal und leider genauso leblos. Die revolutionäre Sozialutopie vom besseren Arbeiten und Leben ist im entkernten und umgewidmeten Gebäude nicht mehr zu spüren, es ist nur Hülle.

Vor der Saline verlassen wir dann unsere Route und orientieren uns an der Kirchturmspitze. Dort nämlich, place de l’église, liegt unser kleines Hotel, das uns mit einem großen Schild: Hotel & Restaurant voll begrüßt. Aber wir haben ja zum Glück eine Reservierung, für beides. „Stimmt“, nickt der Chef an der Rezeption, als er unseren „pass sanitaire“ scannt, „aber die war für gestern.“ Nein! Das kann nicht sein, ich bin mir ganz sicher, dass … Da grinst er und meint, er liebe diesen kurzen Moment der Panik und dann der Erleichterung, wenn den Kunden klar würde, dass alles nur ein Scherz… Meine Art von Humor ist das nicht und schon gar nicht nach 94 anstrengenden Kilometern. Und dann warnt er uns noch, dass wir ihnen warnen müssten, wenn wir um halb elf zum Spektakel „Son et Lumière“ in der Saline wollten, da müsste die Küche sich dann entsprechend beeilen, um rechtzeitig fertig zu werden. Halb elf? Beeilen? Spektakel? Da wollten wir eigentlich längst den Schlaf der Müden schlafen.

Das Menü am Abend ist hervorragend, schöne Kombinationen von Gemüse und Fisch. Nur der Gruß aus der Küche – eine mousse de cancoillotte – sagt uns so gar nicht zu, führt aber immerhin zu der Erkenntnis, dass wir diesen Kochkäse in Poligny nicht werden kaufen müssen. Der Anspruch der Küche – alles frisch zubereitet – führt dazu, dass der Service wirklich sehr langsam ist und sich das Essen hinzieht. Beim ersten Mal hat das Monsieur etwas verärgert, weil wir noch 500 Kilometer Fahrt nach Deutschland vor uns hatten. Heute nutzen wir unsere Kenntnis und legen einen kleinen Spaziergang durch die nächtlichen Gassen ein zwischen Hauptgang und Dessert.

Der Mond geht hinter den alten Häusern auf, was schön anzusehen, aber schwer zu fotografieren ist. Unser Dessert kommt dann tatsächlich, nachdem wir wieder am Tisch sitzen, etwas Leichtes, „fromage blanc“ mit frischen Beeren. Das Kännchen Sahne dazu verhindert, dass der Nachtisch zu leicht und gesund wird. Natürlich nicht mit gestern zu vergleichen, aber das haben wir ja schon gewusst.

Die Kirchturmuhr schlägt zehn Mal, als wir die Treppe hochsteigen, leicht verwundert, dass unsere Beine nach den fast hundert Kilometern noch so problemlos ihren Dienst tun. Das Spektakel, das verschlafen wir.

Wir haben es verbimst

Ja, ist leider so.

Die Organisation der Tour war anfangs ein bisschen schwierig, aber doch machbar. Monsieur hatte keine Zeit, also musste ich mir eine andere Begleitung suchen. Für die schwierigeren Aspekte der Fahrradtour, etwa richtig rechts oder links abbiegen oder 25kg schwere Ardenner auf den Fahrradständer hieven. Meine Große ist nicht abgeneigt, diese Aufgaben zu übernehmen.

Wir trudeln über diverse Juraketten, wundern uns, wie Morez einen 45-minütigen Stau hinbekommt (Teermaschine und kaum Ausweichmöglichkeiten) und finden mit ein paar Nachfragen das halbverlassene Dörfchen mit unserem Gîte. Gîte, weil alle netten kleinen Hotels so gut wie ausgebucht waren und ich die großen nicht wollte.

Der Gîte sah im Internet sehr hübsch aus und dann stand da noch, dass man auf Reservation bei ihnen zu Abend essen kann. Das habe ich natürlich gemacht, wie so oft, wenn wir in einem im Gîte übernachtet haben. Ein einziges Mal gab es Fischstäbchen, die vielen, vielen anderen Male war das Essen immer sehr rustikal und gut.

Wir sind zu früh, die Ardenner gelangweilt, also nehmen wir sie auf eine kurze Tour über französische Landsträßchen, die wie mit dem Lineal gezogen durch Wälder schneiden, bergauf, bergab, an Maisfeldern vorbei und durch Wiesen, auf denen weiße Charollais-Rinder stoisch ihrem Schicksal entgegen wiederkäuen.

Als wir nach zwanzig Kilometern zurück kommen, ist es Zeit für Apero und Abendessen. Wir bekommen einen kleinen Tisch in einer Ecke aus Bruchsteinmauern, dicke schwarze Balken über uns. Neben uns sitzt ein deutlich breiteres Paar aus Belgien an einem deutlich breiteren Tisch. Das Menü sieht toll aus, ist auch schnell bestellt, bleibt der passende Wein. Savagnin haben sie und Chardonnay. „Der Chardonnay ist gut“, sagt der Belgier freundlich und reicht seine Flasche zu uns hinüber „probieren Sie einfach mal!“ Ja, ist er, aber Savagnin kenne ich nicht, das reizt mich. „Oha! Der ist schon sehr speziell“, warnt die Wirtin, „nehmen Sie lieber erstmal nur ein Glas, keine Flasche.“ Ein paar Minuten später bin ich ihr sehr dankbar. Die mir unbekannte Rebsorte schmeckt sehr herb nach modrigem Keller, nach unterirdischen Steingewölben, nach uralten Eichenfässern und einem Hauch von Hefe und Nuss. Aber eigentlich schmeckt er nach „Kann ich bitte den Chardonnay haben?“ Der Belgier grinst genüsslich und setzt noch eins drauf: „Bei uns zuhause,“ erklärt er, „sagt man, man solle sich vor dem Savagnin einen rostigen Nagel durch die Zunge treiben. Dann würde einem der Geschmack gar nicht mehr stören.“ Ahja, wieder etwas gelernt.

Der Chardonnay kommt mit den Vorspeisen und wir sind hingerissen: goldgelbe Molekular-Honigperlen glänzen auf hauchdünnen, nur gerade angeräucherten Forellenscheibchen, zarte Ziegenkäse-Nocken schwimmen in einem feurigen Paprika-Gazpacho, perfekt gewürztes Forellen-Tatar ruht auf einer Scheibe Honigkuchen-Toast. Und zu Wein, Käse, Fisch und Honig wird uns genauestens erklärt, welcher benachbarte Freund in welchem benachbarten Örtchen sie jeweils hergestellt haben.

Der Hauptgang ist ähnlich begeisternd: auf den Punkt gegartes Fleisch in phantastischer Soße zu liebevoll angerichteten Beilagen aus dem Garten hinterm Hof.

In uns steigt langsam ein schlimmer Verdacht auf.

Die Belgier bekommen die Schiefertafel mit den Desserts und diskutieren, welche der drei Alternativen sie den wählen sollen. Wir weisen sie diskret auf die Vielfalt der Desserts auf der – uns zugewandten – Rückseite hin, die sie dann freudig-überrascht in ihre Diskussion einfließen lassen.

Unsere Desserts kommen und der Verdacht wird zur schrecklichen Gewissheit. Wir haben es verbimst, motivationstechnisch, strategisch haben wir es vergeigt.

Nach diesem phantastischen Menü gibt es keine Steigerungsmöglichkeit mehr. Wir haben den kulinarischen Höhepunkt der Reise am ersten Abend gehabt, keines der nachfolgenden Restaurants wird da mithalten können.

Aber gut, wir haben uns das eingebrockt, wir werden es die nächsten Tage auslöffeln müssen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes…

Nenni, ma foi!

Stur sollen sie sein, die Comtois, dickköpfig und eigensinnig. Kommen mir irgendwie bekannt vor, diese Eigenschaften und ich finde sie auch gar nicht so unsympathisch.

Außerdem wird man vielleicht so in der Franche-Comté, wenn alle paar Jahre die französischen Nachbarn vor den Stadtmauern stehen und deine Stadt einnehmen wollen. So geschehen Ende 1400, als die Franzosen Dole in Brand schießen und plündern. Die letzten Verteidiger sitzen aussichtslos eingekesselt in einem Weinkeller(!). Sie sollen sich doch ergeben, fordert der französische Heerführer sie auf. „Rends-toi, comtois!“ – „Nenni, ma foi!“ kommt die stur-stolze Antwort: nie und nimmer, bei Gott! Der Franzose ist von der Haltung so beeindruckt, dass er den Kämpfern freien Abzug schenkt und der Franche-Comté ihren Schlachtruf. Und – bei Gott – den brauchen sie. Immer wieder zerstört, zurück erobert, wieder aufgebaut und erneut belagert, das verlangt geradezu nach Sturheit und Eigensinn. Die Alternative?  Aufzugeben? Nenni, ma foi!

Ein paar hundert Jahre später stehen die französischen Belagerungsheere wieder vor der Stadt, mit der gleichen Forderung, sich zu ergeben. Der Verteidiger, genauso stur und eigensinnig wie sein Vorfahr, wenn auch deutlich gesprächiger, lässt lakonisch ausrichten, die Franzosen sollten doch in einem Jahr nochmal nachfragen. Tatsächlich sind die Franzosen nach drei Monaten erfolgloser Belagerung so frustriert, dass sie als letztes Mittel erwägen, allen Sprengstoff, den sie in Tunneln vor der Stadtmauer platziert haben, in die Luft zu jagen. Als der Staub sich legt, sehen die Franzosen, dass der aufgerissene Krater so riesig, steil und tief ist, dass er den Zugang zur Stadt viel effektiver unmöglich macht als die Stadtmauer vorher. Völlig demoralisiert ziehen die Franzosen ab. (Was vielleicht auch ein kleines bisschen daran gelegen haben kann, dass gerade ein Burgunder Heer zur Unterstützung von Dole um die Ecke kam.)

Wir kommen zwar auch aus Frankreich in die Franche-Comté, aber natürlich in friedlicher Absicht. Trotzdem macht Dole es uns nicht leicht. Die Stadt soll uns Mittagspause bieten auf unserer Velo&Fromage-Tour du Jura: ein bisschen Beine vertreten, ein bisschen Kultur und flanieren und ein bisschen schön essen natürlich auch. Nur ist es gar nicht so einfach eine Entscheidung zu treffen. Selbst wenn wir mal alle Pizzerien und Dönerbuden streichen, bleibt das Angebot riesig. Gut, das andere Ende der Skala, die Sterne-Restaurants, die streichen wir auch. Für vier Gänge in ebenso vielen Stunden haben wir schlichtweg keine Zeit.

Übrig bleiben immer noch eine Menge „restaurants semi-gastronomiques“. Das klingt für deutsche Ohren vielleicht etwas abwertend, ist es aber ganz und gar nicht. Es ist der Anspruch: wir können und wollen genauso gut kochen, wie die großen Sterne-Lokale, aber ohne das ganze Chichi drumherum.

Das kommt uns sehr gelegen, denn zwei Ängste plagten uns dann doch: die ganz reale Angst, dass die gastronomisch-feinen Portionen auf dem Teller nach fast drei Stunden radeln doch etwas übersichtlich und nicht ganz ausreichend sein könnten und die ganz andere, genauso reale Befürchtung, dass wir in Radler-Klamotten, vom Wind zerzaust, gar nicht erst Einlass erhalten.

Nachdem wir schon halb entschlossen waren, uns erst einmal eine Woche in Dole einzumieten und uns sozusagen probehalber einmal quer durch die Stadt zu futtern, haben wir gestern Abend dann eine Wahl getroffen.

Dafür müssen wir aber erst mal dahin kommen, nach Dole, auf unserem Fahrradabenteuer.

Und das fängt morgen an.

Über’n See, über’n See

Richtig gut gemacht haben sie es, die Ardenner. Dabei war die Fülle an neuen Herausforderungen gar nicht so einfach zu meistern.

Fängt an an der End-Haltestelle der Linie 18 der TPG, der Transports Publics Genèvois. (Uralter Schülerwitz, den alle Genfer Eltern mindestens einmal in ihrem Leben hören: „Mama, sag mal TPG rückwärts.“ Das ergibt dann etwas wie „J’ai pété – Ich habe gefurzt.“ und bringt Sechsjährige dazu sich vor Lachen schier auszuschütten.)

Vor der 18 steht der Tramführer, beäugt die Ardenner und will wissen, weshalb wir nicht – zu Fuß sozusagen – nach Genf radeln, ginge doch alles bergab. Das stimmt natürlich nicht, in Meyrin geht es erstmal richtig bergauf und außerdem haben wir noch weitere 60 Kilometer geplant. Da sieht er es ein, beglückwünscht uns noch zu unserer weisen Entscheidung, mit der schönsten Tram Genfs – seiner natürlich – zu fahren und öffnet uns die Tür mit der ausfahrbaren Einstieghilfe.

Die Ardenner meistern das mustergültig, nur uns ist nach fünf Stopps unter der stickigen Maske so heiß, dass wir fast bereuen, nicht selbst zu radeln. In Cornavin, am Bahnhof ist es nicht schwierig, sich zu orientieren. Alles, was bergab, Richtung See, geht, ist richtig. Wir fädeln uns auf der Pont du Mont Blanc ein, Genfs erster Brücke über den See, die es zu jeder Tages- und Nachtzeit schafft, ein Verkehrschaos zu kreieren. Am Ende der Brücke ist die Unterführung zur anderen Straßenseite wegen See-Hochwasser gesperrt und wir gurken über ein paar Ampeln und Überwege, bis wir endlich im Jardin Anglais auf die Veloroute 46 treffen: Tour du Lac Leman. Die Strecke auf breiten Fahrradwegen ist eigentlich sehr schön, links liegt der See mit seinem Yachthafen, seinem Strandbad und dem Jet d’Eau, allerdings auch sehr laut, direkt neben der vierspurigen, stark befahrenen Ausfallstraße. Kurz darauf fangen die Villen im Hang an, die des amerikanischen UN-Botschafters leicht an der erhöhten Dichte bewaffneter Schutzleute zu erkennen. Der wunderbare Blick über den See kommt allerdings mit Lärm und Abgasen, da hält sich der Sozialneid doch sehr in Grenzen bei mir.

In Collonges biegen wir links nach Hermance ab, kleine baumbestandene Sträßchen. Leider ohne Seeblick, der liegt versteckt hinter hohen Mauern und noch höheren Hecken. Ab und zu ist ein Loch in der Hecke oder die Mauer etwas niedriger und wir erhaschen einen Blick auf behäbige alte Villen in schattigen Parks, eine jede mit ihrem eigenen Uferstück und Bootsanleger. Natürlich ist es schade, dass es keinen Radweg direkt am Ufer gibt. Andrerseits kann ich auch verstehen, dass man nicht unbedingt Sonntagsnachmittag beim Kaffeeklatsch Hunderte von Radfahrern „Bonjour, madame, bonjour, monsieur“ an seiner Terrasse vorbeiziehen sehen will.

In Hermance selber geschieht plötzlich ein Wunder: die Veloroute 46 verwandelt sich schlagartig in die ViaRhôna, ziemlich genau an der Staatsgrenze. Ab da sind wir in Haute-Savoie unterwegs und die 60 Kilometer bis zur Schweizer Grenze am anderen Ende des Sees tauchen in der Schweizer Tourenbeschreibung nicht auf, was dem unbedachten Planer sicher ein paar unangenehme und anstrengende Überraschungen bieten wird. Die Via Rhôna folgt dem Fluss vom Aletschgletscher bis ins Mittelmeer, wenn auch gerade hier der Fluss ziemlich gut versteckt ist in den Wassermassen des Sees.

Wir sind aber nicht so anspruchsvoll, wir wollen nicht zum Gletscher, wir wollen nur bis Yvoire. Schaffen wir trotzdem nicht, weil wir in Nernier stranden. Yvoire ist so ein bisschen wie Rüdesheim, sehr touristisch, sehr voll und, was essen angeht, eher auf schnelle Abfertigung als auf Genuss ausgelegt. Das wissen wir aus langjähriger Erfahrung, weshalb ich ein Lokal im Nachbarort Nernier ausgesucht habe. Nernier war im Mittelalter fast genauso groß und wichtig wie Yvoire, bis der Burgherr die eher kurzsichtige Idee hatte, Genfer Handelsschiffe auf dem Weg vom oder ins Wallis anzugreifen und auszuplündern. Als den Genfer Ratsherren das zu bunt wurde, schickten sie statt der Handels- Kriegsschiffe. Seitdem gibt es in Nernier keine Burg mehr und auch keinen Burgherren, dafür ein niedlich verträumtes Örtchen. Wir stehen vor dem eher unscheinbar wirkenden Lokal, zwei alte Herren sitzen am Bistrotisch davor und genießen ihren p’tit blanc. Das Lokal bietet nur Menu an, das ist mir eigentlich zu viel, ich hätte lieber nur eine „plat du jour“. Da räuspert sich der eine Herr und spricht mit ganz zauberhaftem Akzent: „Das Ässen ist sähr gut ‘ier. Sie sollten es värsuchän. Und ‘inten ‘aben sie eine wunderschöne Garten mit die Terrasse.“ Monsieur nickt und meint, dass er sich durchaus ein Menu zutraue und damit ist die Sache entschieden.

Die Terrasse ist wirklich traumhaft schön unter den uralten Bäumen. Am Nachbartisch schiebt gerade eine ältere Damen mit einem Stück Baguette den allerletzten Rest Soße zusammen. Als unser Fisch kommt, verstehen wir das und ahmen sie nach. Mit dem Lamm fragt der Wirt eine Deutschlektion an: „Wie ‘eißt in Deutsch: „Attention, les plats sont très chauds. ?“ und für den Käsegang wird einfach eine Platte mit riesigen Brocken Tomme de Savoie und lebhaftem Weichkäse, halbwegs unterwegs zum Nachbarn, vor uns hingestellt. Teller und Besteck dazu, der Rest ist unsere Sache. Zur Zitronentarte möchten wir nicht nur einen Kaffee haben, sondern auch den Fahrplan der Fähren. Dass wir nach diesem opulenten Mal noch rechtzeitig Yvoire erreichen, erscheint uns wenig realistisch. Da rollen wir doch lieber nur die paar Hundert Meter bergab zur Mole von Nernier, wo das Schiff sieben Minuten später anlegen soll.

Die Compagnie Générale de Navigation sur le lac Léman (CGN) hat wundervolle große Passagierschiffe, herrliche altmodische Raddampfer, aber das, was hinter Yvoire um die Ecke kommt ist ein – nun ja Boot. Wir machen die Ardenner bereit, hoffen, dass sie ohne zu scheuen über die Gangway rollen werden. Wer dann scheut, ist der Kapitän, der uns fluchend und schimpfend informiert, dass sie a) Hochwasserfahrplan haben und deshalb b) nur die kleinen Boote fahren können (bei den großen Dampfern wird bei Hochwasser die Gangway so steil, dass ein sicheres Ein- und Aussteigen nicht gewährleistet werden kann – was man nicht alles lernt bei der christlichen Seefahrt!), die deshalb c) keine Fahrräder mitnehmen, obwohl das so nicht den rätselhaften Piktogrammen zu entnehmen ist.

Er verzurrt zwei Fahrräder draußen auf der Reling und dann fahren wir über’n See, über’n See. Nur Monsieurs Ardenner darf im Kapitänskabäuschen sein Hinterteil unterstellen. Vorne blockiert er zusammen mit einem Kinderwagen nun recht effektiv jegliches Durchkommen aus den Sitzbereichen des „Colvert“, weshalb Monsieur und die Kinderwagenfamilie in Nyon als Erstes aussteigen dürfen und mein Ardenner brav bis zum Schluss wartet, bis der Kapitän Zeit und Platz hat, auf der Reling herumzuturnen und die Verzurrungen zu lösen.

Nyon ist ein zauberhaftes Städtchen, was vielleicht der Grund ist, dass Monsieur ein paarmal durch die Gässchen hin- und her zickzackt und schließlich vor der Burg landet. Die Veloroute 46 läuft etwa 30 steile Stufen tiefer parallel dazu. Zum Glück ist die Treppe gesperrt, so dass wir gar nicht erst auf ein „Lass uns doch einfach…“ kommen.

Einmal aus Nyon heraus geht es auf geteerten Feldwegen durch sommerlich weite Landschaften bis hin zu der großen Straße, die nach Crassier führt.

Und wie wir von da nach Hause kommen, das wisst ihr ja.

Bergwertung – andersrum

Sachzwang? Ist vielleicht ein zu großes Wort. Aber nachdem Monsieur mit unserer zeitweiligen Mitbewohnerin abgeklärt hat, dass ein drittes Fahrrad durchaus in den Kofferraum meines Kombis passt, sind wir ja nun fast schon gezwungen, etwas zu unternehmen. Wo es schon mal hinten drin ist.

Zum Glück hatte ich da ja schon etwas vorbereitet, wenn auch nur für zwei Räder auf dem Fahrradträger.

Also fahren wir in die Schweiz, hoch zum Col de Marchairuz, hinter dessen Scheitelpunkt sich die Combe des Amburnex ausbreitet. Ein wunderschönes Jura-Hochtal mit satten Almwiesen, uralten Bruchsteinmauern und – ganz wichtig – dem ein oder anderen bewirtschafteten Chalet. Die Combe hat den kurzfristigen Vorteil, dass sie erst mal im sanften Schwung bergab läuft. Der Plan ist, ihr etwa eine Stunde zu folgen, eine schöne Almbeiz für die Mittagpause zu finden. Dann kommt der langfristig nicht zu leugnende Nachteil des deutlich anstrengenderen Rückwegs bergauf.

Radfahren wird zur Idylle. Nun gut, da gibt es diese Schilder. Schilder, in drei Sprachen. Sie warnen Wanderer und Radfahrer davor, dass wegen der Gegenwart von Wolfsrudeln die hier frei und wild lebenden Kühe kampfbereiter wären als ihre Artgenossen. Diese Aussage ist auf so vielen verschiedenen Ebenen beunruhigend, dass wir sie erst mal ignorieren. Das geht so lange gut, bis dann die vierbeinigen Straßensperren kommen. Herden von kastanienbraunen oder schwarzglänzenden Kühen, die unser Herannahen durchaus interessiert betrachten, erst im allerletzten Moment nonchalant aus dem Weg treten, der Klügere gibt nach, ihr versteht. Bis auf die Mutterkuh, deren Kälbchen gerade frühstückt. Da sind wir diejenigen, die einen ganz weiten Bogen um die zwei schlagen.

Wir kommen zu der Stelle, wo links die Veloroute 7 bergab nach Nyon führt und es rechts hoch zum Chalet des Pralets geht. Der Weg rechts ist geschottert, mit weiteren Straßensperren – und deren Hinterlassenschaften – versehen, das Chalet und das Rösti einfach und „währschaft“. Der Blick auf die kuscheligen Fellknäuel auf der Wiese unten drunter begeistert nicht nur die Familien, die ihre Kinder kaum vom Zaun wegbekommen können. Nein, nein, wir haben uns nicht nach Tibet verfahren, die Yaks weiden wirklich auf Schweizer Jurawiesen.

Wir sitzen in der Sonne, genießen die Pause und fangen langsam an, uns vor dem steilen und anstrengenden Rückweg zu fürchten. Bis wieder einer mit so einer „Wir könnten doch“-Idee kommt. Die Veloroute 7 kreuzt in Genolier die Veloroute 50 nach Genf. Die kennen wir und wissen, dass sie in Crassier auf die Voie Verte nach Divonne stößt. Von Divonne aus gibt es die französische Voie Verte bis fast nach Hause. Die sind wir bisher immer nur andersrum gefahren, aber ich glaube, das kriegen wir hin. Zwei Frauen schauen Monsieur begeistert an. „Wir fahren nach Nyon, du zurück zum Auto und kommst uns dann irgendwo abholen.“ Monsieur lässt mir ja viel durchgehen, aber hier sagt er einfach nein. Wenn wir fahren, dann will er bei dem Spaß dabei sein.

So kommt es, dass wir kurz darauf die Jurahänge hinuntersausen, fast so schnell wie die Tour de France Bergwertung bergauf – nur eben andersrum. So etwas könnte mich richtig euphorisch machen – der Rausch der Geschwindigkeit, gewissermaßen -, wenn ich nicht so viel Furcht vor meinem eigenen Tempo hätte. Die paar Kilometer mit dem frischen Rollsplitt – das hätte nun wirklich nicht sein müssen – bremsen mich dann völlig aus. Wie schon mal erwähnt: das ist keine Angst, das ist einfach viel zu viel Phantasie meinerseits. Ich kann mir nur zu lebhaft vorstellen, was da alles passieren kann.

Trotzdem ist es berauschend schön. Wir „rasen“ bergab durch Jurawälder, wir sausen durch Weinberge, durch Wiesen und Felder. Der heftige Wind beutelt uns gelegentlich, Bäume werden durchgeschüttelt, Getreidefelder bewegen sich wie Brandung. Bauern mähen Gras, umkreist von Raubvögeln in großer Höhe. Bevor das ganze aber zu idyllisch-kitschig werden kann, kommen in Gingins von meinem Vorderrad schlapp-schlapp-schlappende Geräusche.

Dann heißt es nicht mehr, wieviel Kilometer oder wieviel Stunden sind es noch? Die Einheit, mit der wir messen, ist eine andere. Mit wieviel Aufpumpstopps kommen wir nach Hause? Es werden fünf, viel weniger als befürchtet.

Zuhause, da müssen wir dann gleich nochmal los, um mein Auto oben im Jura abzuholen. Ganz einsam und verlassen steht es auf dem Wanderparkplatz im hellen Licht des frühen Abends. Weit und breit ist kein Wolfsrudel zu sehen. Noch nicht…

Same same

Aber natürlich completly different.

Radeln am Fluss entlang, ja, aber…

Denn erstens ist es die Lahn und nicht der Rhein.

Zweitens gibt es keine Fähre, aber ein paar Brücken.

Drittens fahren wir nicht im Sonnenschein, sondern bei windigen, ungemütlichen 16 Grad.

Das ist natürlich erst der Anfang der Liste.

Die ersten Kilometer fallen auch unter „same same“, denn bis zur Lahnmündung fahren wir noch am Rhein entlang.

Doch dann ändert sich das Fahrgefühl. Der Leinpfad ist enger, die Lahn biegt auch schon mal um eine Kurve. Da gibt es dann lahnseitig ein Geländer, wohl damit so schnelle Radfahrerinnen wie ich bei ihrem waghalsigen Tempo nicht aus der Spur fliegen, hüstelhüstel.

Geländer gibt es auch an den Schleusen und damit die nächste Herausforderung mit ihrem kurzen steilen Sprint den Schleusen-Hügel hoch, gekoppelt mit einem Slalomschlenker durch die Absperrungen. Das muss ich doch noch mal üben, das endet meist mit einem eher uneleganten Abstützmanöver.

Auf dem Uferweg sieht man noch die Spuren der schweren Unwetter der letzten Tage, gefällte und zerlegte Baumriesen neben der Trasse, Schlammpfützen über den Weg. Ansonsten ist es einfach nur schönes Rollen in friedlicher Flusslandschaft. Selbst die oft parallel verlaufende Straße stört das Gefühl nicht. Halb zugewachsene Industrieanlage der Vergangenheit zeigen ihren morbiden Charme.

Apropos morbider Charme, da kommt Bad Ems nur auf morbide. Der Radweg führt im Zickzack durch mehr oder weniger verkehrsreiche Straßen – die Uferpromenaden und Parks am Fluss sind ganz eindeutig den kurenden Gästen zu Fuß vorbehalten – an noblen Hotels vorbei, der modernen Therme und dem alten Spielcasino. Alles sieht geschlossen und halb verlassen aus, trotz der zahlreichen Nobelkarossen, die vor einigen der Hotels stehen. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass bei diesem ungemütlichen Wetter niemand Lust zu flanieren hat.

Wir kreuzen die Lahn – auf einer Brücke! – und verlassen Bad Ems, nur um ein paar Kilometer weiter in idyllischen Wiesen austesten zu können, welch eine intensive und weitreichende Geruchsglocke Silage und Gülle übers Land legen können. Die Freuden des Landlebens mit seiner ach so gesunden Luft begleiten uns bis zur Brücke in Dausenau, unserem Ziel für diesen Nachmittagsausflug.

Fast können wir den Ort nicht betreten, denn ein Schwanenvater geht zischend und flügelschlagend auf Monsieur los, der wohl etwas zu nahe an seinen vier Küken vorbei geradelt ist. Die Vier grasen fröhlich und völlig ungerührt den Uferstreifen ab und haben eindeutig weniger Angst vor uns als ihr Vater.

Dausenau ist Fachwerk-Romantik und Saure-Trauben-Reaktion vom Feinsten. Alle Ausflugslokale, Eisdielen und Cafés sind geschlossen, was uns zu einem bockigen „Hätten wir eh nicht gewollt, bei den Temperaturen“ verleitet.

Anderthalb Stunden später sind wir wieder zuhause – ich muss unterwegs noch ein paar Fotos machen, sonst wären wir natürlich viel schneller gewesen. Ganz bestimmt!

Kultur erfahren

Im Rheintal, zwischen Bingen und Koblenz, können wir Kultur erfahren, mehrfach. Das beginnt mit dem RheinRadWeg und endet noch lange nicht mit den Fähren. Diese behaupten bedeutungsschwer integraler Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes zu sein. Was sie damit verschleiern und beschönigen wollen, ist die Tatsache, dass es auf der ganzen Strecke zwischen Koblenz und Mainz nicht eine einzige Brücke über den Rhein gibt.

Dafür gibt es auf jeder Rheinseite eine Menge Burgen zu bewundern, aber da müssen wir erstmal hinkommen. Der rechtsrheinische Weg führt von Koblenz flussaufwärts bei Lahnstein zuerst durch ein Industriegebiet vom Fluss weg, weil eine große Mühlenruine der 1890er den Uferweg als Privatbesitz beansprucht. Normalerweise kann man kurz durch den daneben liegenden Brauerei-Biergarten ausweichen, nur eben nicht heute, Mon- und somit Ruhetag. Endlich auf dem Uferweg teilen wir ihn uns anfangs noch mit Kinderwagen und Joggern, hinter der Lahnbrücke kommt ein Stück mit Schrebergärten links und alten Männern mit noch älteren Hunden. Zwei davon spielen Straßensperre. Der alte Mann ruft sie zur Seite und der Schäferhund gehorcht auch. Der andere Hund, der rundgemopste, grauschnäuzige, tiefergelegte steht auf seinen krummen Beinen weiterhin in der Mitte des Weges und schaut uns aus trüben Augen verständnislos an. „Der ist nicht alt,“ verteidigt ihn sein Besitzer, „der ist nur scheu!“ – „Ich auch!“, lacht Monsieur und kurvt um die moppelige Straßensperre herum.

Der nächste Lacher kommt von mir – vor Braubach, als Monsieur vorschlägt, „mal kurz“ zur Marksburg hochzufahren – und ist dann eher sarkastisch gemeint. Das Schöne ist ja, wir sind keine Touristen, wir sind von hier. Das heißt, alles, was touristisches Pflichtprogramm wäre: Marks- und jede andere Burg, Stolzenfels, Deutsches Eck, haben wir in unserer Jugend zum Überdruss gehabt – da schauen wir schon gar nicht mehr hin. Das erspart uns dann hier und heute einige nicht unerhebliche Höhenmeter, denn bis auf die Pfalz bei Kaub haben diese romantischen Rheinburgen immer die ganz unromantische Eigenheit auf höchst steilen Bergrücken zu liegen.

Der Radweg bietet uns eine große Vielfalt von ganz unterschiedlichen Erfahrungen: verträumte Orten mit Fachwerkhäuschen und das Gebrause der vielbefahrenen Bundesstraße direkt neben uns. Bekannte Weinlagen – wir winken kurz vor Boppard unserem Lieblingswein zu – und die hässliche Industrieanlage, die das Rhenser Mineralwasser abfüllt. Rheinromantik mit tief liegenden Frachtschiffen, die tuckernd an uns vorbeiziehen und das ohrenbetäubende Getöse, wenn ein Güterzug nur eine Straßenbreite von uns entfernt vorbeidonnert. Außerdem bietet er die Erkenntnis, dass wir eine Risiko-Sportart betreiben. Die Gefahr geht natürlich nicht von mir als Radfahrerin aus – ich weiß, dass einige jetzt grinsen, schämt Euch! -, das Risiko geht vom Gegen- in diesem Fall vom Querverkehr aus. Das, vor denen hier gewarnt wird, ist heute Morgen eher unmotiviert und überschaubar, da riskieren wir – mit kurzem Fotostopp – die Durchfahrt.

In Filsen gibt es die längste Bank am Rhein und ein Rüdiger-Rehberg-Ufer, weil der Abenteurer hier auf einem einfachen Floß den Rhein überquert hat. Ganz so abenteuerlustig sind wir – und die Ardenner erst recht – nicht und so warten wir auf die Fähre nach Boppard, zusammen mit zwei Bremer Radfahrern und einem Wohnmobil. Die Fähre dockt an, das Wohnmobil rollt los – und handelt sich einen ganz gepflegten Anpfiff vom Kapitän ein. Er – der Fahrer – hätte erst loszufahren, wenn er – der Kapitän – ihm das Zeichen dazugäbe, ob er das verstanden hätte, kommt im gröbsten Tonfall vom Kapitän, gleich zwei Mal. Und dann blafft er uns an, warum wir nicht auf die Fähre fahren würden. Ohne sein Zeichen? Haben wir nicht gewagt. Der Bremer hinter uns spekuliert kurz, ob er gegen den Ton protestieren soll, aber wir sind uns einig, dass Aufmüpfige wahrscheinlich zum Rudern verdammt werden würden – mit Peitsche und Trommelschlag.

Endlich tuckern wir los und Monsieur zeigt mir auf der anderen Rheinseite das Karmeliterkloster, dessen exquisite Glasfenster er bewundern durfte, im The Cloisters, einer Zweigstelle des Metropolitan Museum of Art, New York. Vor Ort, in Boppard selber, können wir Sankt Severus bewundern und den trockenen Humor des Kellners des kleinen Cafés auf dem Marktplatz. Die Kirche bietet Ausmalungen in den Originalfarben des Mittelalters, wunderschön in ihrer Farbenpracht. Aber – in meinen Augen – viel bemerkenswerter ist die „Geflügelsammlung“ über den Gewölbebögen: geflügelte Schlangen, geflügelte Drachen, geflügelte Fabelwesen, ungefähr alles, was man sich – was ich mir – nie mit Flügeln hätte vorstellen können.

Der Kellner bringt uns ein wohlverdientes Weizenbier zum Flammekuchen, einmal quer über den halben Marktplatz, wo wir schön unter Sonnenschirmen des Cafés sitzen und die Fachwerkhäuser bewundern. Hinter uns beschwert sich jemand über das schlechte Wetter, dass es morgen wieder regnen soll. „Also ich,“ meint der Kellner, „finde Regen super.“ Blickt zum Café, blickt zu den Tischen. „Sitzen alle drinnen. Hab‘ ich nicht so viel zu laufen.“

Wir müssen uns noch entscheiden, ob wir die Untere, die Mittlere oder die Obere Marktgasse nehmen für die Suche nach Stadtmauer und Römerkastell, dann geht es wieder den Rhein entlang. Mit ein paar Umleitungen kommen wir unter Stolzenfels durch bis nach Koblenz-Oberwerth. Wir trudeln durch die gutbürgerlichen „besseren Wohnviertel“ der 1880er, wo Herr Goethe Herrn Bach kreuzt, kurz bevor Herr Uhland dazu stößt. Beschließen ganz spontan, doch nicht über die alte Eisenbahnbrücke nach Hause zu fahren, sondern etwas richtig Touristisches zu tun. Keine Viertelstunde später stehen wir am Deutschen Eck und bewundern den Blick. Wie all die anderen Touristen.

Joseph Grün

Unsere italienische Freundin überraschte uns am Anfang unserer Freundschaft mit ihrer überschwänglichen Begeisterung für Henrico Boëllo. Wie sehr sie sich auf den Tag freue, an dem ihr Deutsch gut genug sei, dass sie die Werke dieses berühmten deutschen Schriftstellers – und noch dazu Literaturnobelpreisträgers – im Original lesen könne. Irgendwann haben wir uns zusammengerechnet, wen sie meinte und revanchierten uns mit Komplimenten zum noch viel berühmteren italienischen Komponisten Josef Grün.

Josef Grüns Werke schätzen wir sehr, die Musik zumindest, Opernlibretti darf man meist nicht zu sehr auf ihre literarischen Qualitäten abklopfen, vom Frauen- und Gesellschaftsbild wollen wir gar nicht erst anfangen.

So sehr wie wir Joseph Grün auch schätzen, dass er der Erfinder der „Grün-Straße“ ist, glauben wir dann doch nicht.

Diese Grünen Straßen, die „voies vertes“, sprießen in den letzten Jahren in Frankreich förmlich aus dem Boden. Eine der ältesten läuft am Westufer des „lac d’Annecy“, eingebettet in die Savoyer Alpen. Die alte Eisenbahnstrecke wurde zum Fahrradweg umgebaut und bietet Radelspaß mit Blick auf blaues Wasser, majestisches Alpengrau und weiße Schneekappen. Das Ganze bei frühlingshaften 18°, was einer der Gründe für diesen Radausflug war. Der andere ist leider nicht so schön. Unser Departement hat eine Inzidenz von 323, bei 325 schließt Herr Macron die Haustür ab und legt die betroffenen Departements an eine 10 Kilometer lange Hundeleine. Was sicherlich in den nächsten Tagen alle weiteren Ausflüge unterbinden wird.

Aber bevor wir das Westufer entlangradeln können, müssen wir erst auf dem Ostufer bis zum Ende des Sees kommen. Das heißt sogar „Bout du lac“, obwohl es genaugenommen der Anfang ist, denn der See hat seinen Ausfluss in Annecy selbst, mit dem Thiou, dem wohl kürzesten Fluss Frankreichs. Nach noch nicht mal vier Kilometern mündet er in den Fier. Aber er schafft es tatsächlich, sich auf diesen knapp vier Kilometern noch einen Nebenfluss einzuverleiben, den Ruisseau des Trois Fontaines, das Drei-Brunnen-Bächlein. Wusste ich vorher alles noch nicht.

Und da soll mal einer sagen, dass Radfahren nur etwas für die Kondition tut.

Das Ostufer ist nicht so gut ausgebaut, gelegentlich muss man sich mit LKWs und Bussen die sehr schmalen Sträßchen teilen, es ist halt nicht einfach mit der Infrastruktur, wenn rechts der See und links der Berg ist. Dafür gibt es den Blick aufs Wasser und wunderschöne alte Häuser, von großbürgerlicher Sommerfrische-Villa bis zu urigen Bauernhöfen.

In Talloires machen wir Mittagspause, les pieds dans l’eau, fast, ganz so warm ist es doch noch nicht. Schauen mit Wehmut zur Auberge und Cottage des Père Bise hin, dem wir einige schöne Erinnerungen und eine Erkenntnis zu verdanken haben. An einem der eher ungeraderen Hochzeitstage sitzen wir bei einem vorzüglichen Menü und einem ausgesuchten Glas Wein auf der Terrasse direkt am See, schauen hoch zu den Zweieinhalbtausendern des Tournette Massivs über uns. Wissen grinsend, was das Gegenüber denkt: dass wir in den ersten Jahren mit einem Butterbrot da oben gesessen und mit einer gewissen selbstgefälligen Herablassung auf die bequemen Feinschmecker da unten herabgeschaut hätten. Dass wir aber heute völlig neidfrei und voller Großzügigkeit dieses Bergerlebnis anderen gönnen können. Wir scheinen im Alter sehr viel Toleranz erworben zu haben.

Heute gibt es dank Corona Butterbrot aus der Brotdose, auf einem Bootssteg, sehnsüchtig beäugt von einem Schwanenpaar. Der Schwanenhals schießt dann zwar vor Richtung Brotdose, aber zum Glück ist Monsieur schneller.

Nach knapp drei Stunden sind wir wieder am Parkplatz, 39,7 Kilometer sagt Monsieurs Lebensgefährtin, 41 mein Tacho.

Da weiß ich doch, wem ich lieber Glauben schenke…

Ausgetrickst

Regen, sagt die Wettervorhersage gestern, ab zwölf Uhr. Und nicht die „ein Millimeter mit 30%er Wahrscheinlichkeit“-Variante. Nein, in Naumburg soll es um zwölf Uhr richtig schütten und das durch bis zum Abend.

Also beschließen wir das Wetter auszutricksen. Stehen um sieben Uhr auf, sind ein wenig später abfahrbereit. Monsieur schaut noch mal nach dem Regen, nun heißt es plötzlich Naumburg, 18 Uhr. Da stehen wir nun in der morgendlichen Kühle und sinnieren, wer hier wohl wen ausgetrickst hat.

Los geht es in den frischgeputzten Sonntagmorgen. Nebra ist ein wenig verwirrend – wir biegen eine Einfahrt zu früh links ab und landen in einer Gartenkolonie, Sackgasse – und dann auch noch sehr steil. Aber danach geht es wieder schnurgerade aus durch die Ebene. Am linken Ufer grüßen prächtige Barockbauten und in Karsdorf ein kleiner Radler- und Kanufahrertreff. Der Kaffee ist eher mittelmäßig, dafür macht es Spaß, einer giggelnden und kichernden Jugendgruppe zuzuschauen, wie sie sich gegenseitig mit Schwimmwesten ausrüsten für ihre Kanutour. Ein nicht ungefährliches und noch dazu illegales Unterfangen, wie wir später herausfinden sollen.

Laucha und sein Fliegerhorst kündigen sich an durch die Segelflieger, die still über unseren Köpfen drehen. Die Stadt hat ein sehr schönes altes Rathaus, eine dito Kirche, fotografieren kann man beides nicht, weil Autos drei Reihen tief davor parken. Auf unserem Radweg wenig später, durch den Park hinter der Stadtmauer, da sieht Laucha noch recht mittelalterlich aus.

Wir nähern uns Freyburg und damit dem Grund eines kleines Streitthemas zwischen uns: ist der Besuch der Rotkäppchen-Kellerei Kulturprogramm oder nicht? Rotkäppchen ist Kult, das wissen wir, wir mögen den Sekt eher nicht, auch das wissen wir. Trotzdem argumentiert Monsieur pro und ich contra. Das Schlussargument hat das Wetter, dass sich zunehmend dunkler und dräuender gibt. Also drehen wir nur eine Runde durch die Pflasterstraßen Freyburgs, um dann die letzten Kilometer bis zur Unstrutmündung anzugehen, vorbei am Herzoglichen Weinberg und dem Max-Klinger-Haus. Die letzte Sehenswürdigkeit vor Naumburg verpassen wir beinahe. Das sogenannte Steinerne Album – eine in den Felsen gehauene Bildergeschichte aus dem 18. Jahrhundert – ist zum einen stark verwittert, zum anderen hinter den üppigen Brombeer- und Wildrosenhecke auf der Weinbergmauer kaum zu sehen.

Und dann ist sie da: die Saale. Wir stehen an einem kleinen Bootsanleger mit dem schönen Namen: Im Blütengrund. Vor uns die Saale, rechts die Unstrutmündung. Daneben die „Fröhliche Dörte“ und die „Unstrutnixe“. Dazwischen ein beunruhigend klein wirkender Nachen an einem Stahlseil. Hinter uns steht ein altes Holzhaus mit einer Vielzahl beeindruckend großer Zahnräder und einem Vierkantrohr in knallrot. Auf dieses Rohr muss man mit der beiliegenden Eisenstange schlagen, um mit dem weitklingenden Glockenschlag den Fährmann zu rufen. Das war noch ein Sorgenkind. Denn ab vorgestern ist auf der Unstrut jegliche Schifffahrt eingestellt und das Baden strengstens verboten. Weil – und jetzt nicht lachen – Angler ein zwei Meter langes Krokodil gesichtet haben. Was die Wasserpolizei ihnen geglaubt habt.

Falls das also auch unsere Fähre betrifft, müssten wir zwei Kilometer weiter radeln zur nächsten Brücke, an der Saale entlang.

Aber da schlurft der Fährmann schon vor uns zum kleinen Nachen. Die Ardenner scheuen und bocken etwas die vier Treppenstufen hinunter in das Boot, das gleiche beim Ausstieg ein paar Minuten später. Zwei Euro fünfzig hat das Abenteuer uns gekostet, einsfünfzig für mich, einen Euro für das Rad.

Auf der anderen Seite gibt es einen kleinen triumphierenden Handschlag und ein letztes Winken für die Unstrut.

Die nächsten knapp zehn Kilometer sind wir auf dem Saale-Radweg unterwegs, der uns als erstes zu einer sehr unappetitlich wirkenden Bahnunterführung mit zwei Treppenfluchten führt. Das ist der Teil, den wir sehen können, keine Ahnung, wie es auf der anderen Seite aussieht. Das mit den Ardennern zu stemmen scheint uns eher zu mühsam, also setzen wir auf ein paar Kilometer Umweg, die uns dann eine Viertelstunde später über Kopfsteinpflaster an einem alten Stadttor vorbei in die Stadt bringen.

In Naumburg ist Töpfermarkt. Und so gibt es neben exquisiter Kunst, Sahne- und Mokkacremetorte auch noch etwas Schönes in einem traumhaften Blau für mich.

Das habe ich mir wirklich verdient!

Achja, der Regen fing – als Kompromiss wahrscheinlich – um 15 Uhr an.