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Über’n See, über’n See

Richtig gut gemacht haben sie es, die Ardenner. Dabei war die Fülle an neuen Herausforderungen gar nicht so einfach zu meistern.

Fängt an an der End-Haltestelle der Linie 18 der TPG, der Transports Publics Genèvois. (Uralter Schülerwitz, den alle Genfer Eltern mindestens einmal in ihrem Leben hören: „Mama, sag mal TPG rückwärts.“ Das ergibt dann etwas wie „J’ai pété – Ich habe gefurzt.“ und bringt Sechsjährige dazu sich vor Lachen schier auszuschütten.)

Vor der 18 steht der Tramführer, beäugt die Ardenner und will wissen, weshalb wir nicht – zu Fuß sozusagen – nach Genf radeln, ginge doch alles bergab. Das stimmt natürlich nicht, in Meyrin geht es erstmal richtig bergauf und außerdem haben wir noch weitere 60 Kilometer geplant. Da sieht er es ein, beglückwünscht uns noch zu unserer weisen Entscheidung, mit der schönsten Tram Genfs – seiner natürlich – zu fahren und öffnet uns die Tür mit der ausfahrbaren Einstieghilfe.

Die Ardenner meistern das mustergültig, nur uns ist nach fünf Stopps unter der stickigen Maske so heiß, dass wir fast bereuen, nicht selbst zu radeln. In Cornavin, am Bahnhof ist es nicht schwierig, sich zu orientieren. Alles, was bergab, Richtung See, geht, ist richtig. Wir fädeln uns auf der Pont du Mont Blanc ein, Genfs erster Brücke über den See, die es zu jeder Tages- und Nachtzeit schafft, ein Verkehrschaos zu kreieren. Am Ende der Brücke ist die Unterführung zur anderen Straßenseite wegen See-Hochwasser gesperrt und wir gurken über ein paar Ampeln und Überwege, bis wir endlich im Jardin Anglais auf die Veloroute 46 treffen: Tour du Lac Leman. Die Strecke auf breiten Fahrradwegen ist eigentlich sehr schön, links liegt der See mit seinem Yachthafen, seinem Strandbad und dem Jet d’Eau, allerdings auch sehr laut, direkt neben der vierspurigen, stark befahrenen Ausfallstraße. Kurz darauf fangen die Villen im Hang an, die des amerikanischen UN-Botschafters leicht an der erhöhten Dichte bewaffneter Schutzleute zu erkennen. Der wunderbare Blick über den See kommt allerdings mit Lärm und Abgasen, da hält sich der Sozialneid doch sehr in Grenzen bei mir.

In Collonges biegen wir links nach Hermance ab, kleine baumbestandene Sträßchen. Leider ohne Seeblick, der liegt versteckt hinter hohen Mauern und noch höheren Hecken. Ab und zu ist ein Loch in der Hecke oder die Mauer etwas niedriger und wir erhaschen einen Blick auf behäbige alte Villen in schattigen Parks, eine jede mit ihrem eigenen Uferstück und Bootsanleger. Natürlich ist es schade, dass es keinen Radweg direkt am Ufer gibt. Andrerseits kann ich auch verstehen, dass man nicht unbedingt Sonntagsnachmittag beim Kaffeeklatsch Hunderte von Radfahrern „Bonjour, madame, bonjour, monsieur“ an seiner Terrasse vorbeiziehen sehen will.

In Hermance selber geschieht plötzlich ein Wunder: die Veloroute 46 verwandelt sich schlagartig in die ViaRhôna, ziemlich genau an der Staatsgrenze. Ab da sind wir in Haute-Savoie unterwegs und die 60 Kilometer bis zur Schweizer Grenze am anderen Ende des Sees tauchen in der Schweizer Tourenbeschreibung nicht auf, was dem unbedachten Planer sicher ein paar unangenehme und anstrengende Überraschungen bieten wird. Die Via Rhôna folgt dem Fluss vom Aletschgletscher bis ins Mittelmeer, wenn auch gerade hier der Fluss ziemlich gut versteckt ist in den Wassermassen des Sees.

Wir sind aber nicht so anspruchsvoll, wir wollen nicht zum Gletscher, wir wollen nur bis Yvoire. Schaffen wir trotzdem nicht, weil wir in Nernier stranden. Yvoire ist so ein bisschen wie Rüdesheim, sehr touristisch, sehr voll und, was essen angeht, eher auf schnelle Abfertigung als auf Genuss ausgelegt. Das wissen wir aus langjähriger Erfahrung, weshalb ich ein Lokal im Nachbarort Nernier ausgesucht habe. Nernier war im Mittelalter fast genauso groß und wichtig wie Yvoire, bis der Burgherr die eher kurzsichtige Idee hatte, Genfer Handelsschiffe auf dem Weg vom oder ins Wallis anzugreifen und auszuplündern. Als den Genfer Ratsherren das zu bunt wurde, schickten sie statt der Handels- Kriegsschiffe. Seitdem gibt es in Nernier keine Burg mehr und auch keinen Burgherren, dafür ein niedlich verträumtes Örtchen. Wir stehen vor dem eher unscheinbar wirkenden Lokal, zwei alte Herren sitzen am Bistrotisch davor und genießen ihren p’tit blanc. Das Lokal bietet nur Menu an, das ist mir eigentlich zu viel, ich hätte lieber nur eine „plat du jour“. Da räuspert sich der eine Herr und spricht mit ganz zauberhaftem Akzent: „Das Ässen ist sähr gut ‘ier. Sie sollten es värsuchän. Und ‘inten ‘aben sie eine wunderschöne Garten mit die Terrasse.“ Monsieur nickt und meint, dass er sich durchaus ein Menu zutraue und damit ist die Sache entschieden.

Die Terrasse ist wirklich traumhaft schön unter den uralten Bäumen. Am Nachbartisch schiebt gerade eine ältere Damen mit einem Stück Baguette den allerletzten Rest Soße zusammen. Als unser Fisch kommt, verstehen wir das und ahmen sie nach. Mit dem Lamm fragt der Wirt eine Deutschlektion an: „Wie ‘eißt in Deutsch: „Attention, les plats sont très chauds. ?“ und für den Käsegang wird einfach eine Platte mit riesigen Brocken Tomme de Savoie und lebhaftem Weichkäse, halbwegs unterwegs zum Nachbarn, vor uns hingestellt. Teller und Besteck dazu, der Rest ist unsere Sache. Zur Zitronentarte möchten wir nicht nur einen Kaffee haben, sondern auch den Fahrplan der Fähren. Dass wir nach diesem opulenten Mal noch rechtzeitig Yvoire erreichen, erscheint uns wenig realistisch. Da rollen wir doch lieber nur die paar Hundert Meter bergab zur Mole von Nernier, wo das Schiff sieben Minuten später anlegen soll.

Die Compagnie Générale de Navigation sur le lac Léman (CGN) hat wundervolle große Passagierschiffe, herrliche altmodische Raddampfer, aber das, was hinter Yvoire um die Ecke kommt ist ein – nun ja Boot. Wir machen die Ardenner bereit, hoffen, dass sie ohne zu scheuen über die Gangway rollen werden. Wer dann scheut, ist der Kapitän, der uns fluchend und schimpfend informiert, dass sie a) Hochwasserfahrplan haben und deshalb b) nur die kleinen Boote fahren können (bei den großen Dampfern wird bei Hochwasser die Gangway so steil, dass ein sicheres Ein- und Aussteigen nicht gewährleistet werden kann – was man nicht alles lernt bei der christlichen Seefahrt!), die deshalb c) keine Fahrräder mitnehmen, obwohl das so nicht den rätselhaften Piktogrammen zu entnehmen ist.

Er verzurrt zwei Fahrräder draußen auf der Reling und dann fahren wir über’n See, über’n See. Nur Monsieurs Ardenner darf im Kapitänskabäuschen sein Hinterteil unterstellen. Vorne blockiert er zusammen mit einem Kinderwagen nun recht effektiv jegliches Durchkommen aus den Sitzbereichen des „Colvert“, weshalb Monsieur und die Kinderwagenfamilie in Nyon als Erstes aussteigen dürfen und mein Ardenner brav bis zum Schluss wartet, bis der Kapitän Zeit und Platz hat, auf der Reling herumzuturnen und die Verzurrungen zu lösen.

Nyon ist ein zauberhaftes Städtchen, was vielleicht der Grund ist, dass Monsieur ein paarmal durch die Gässchen hin- und her zickzackt und schließlich vor der Burg landet. Die Veloroute 46 läuft etwa 30 steile Stufen tiefer parallel dazu. Zum Glück ist die Treppe gesperrt, so dass wir gar nicht erst auf ein „Lass uns doch einfach…“ kommen.

Einmal aus Nyon heraus geht es auf geteerten Feldwegen durch sommerlich weite Landschaften bis hin zu der großen Straße, die nach Crassier führt.

Und wie wir von da nach Hause kommen, das wisst ihr ja.

Bergwertung – andersrum

Sachzwang? Ist vielleicht ein zu großes Wort. Aber nachdem Monsieur mit unserer zeitweiligen Mitbewohnerin abgeklärt hat, dass ein drittes Fahrrad durchaus in den Kofferraum meines Kombis passt, sind wir ja nun fast schon gezwungen, etwas zu unternehmen. Wo es schon mal hinten drin ist.

Zum Glück hatte ich da ja schon etwas vorbereitet, wenn auch nur für zwei Räder auf dem Fahrradträger.

Also fahren wir in die Schweiz, hoch zum Col de Marchairuz, hinter dessen Scheitelpunkt sich die Combe des Amburnex ausbreitet. Ein wunderschönes Jura-Hochtal mit satten Almwiesen, uralten Bruchsteinmauern und – ganz wichtig – dem ein oder anderen bewirtschafteten Chalet. Die Combe hat den kurzfristigen Vorteil, dass sie erst mal im sanften Schwung bergab läuft. Der Plan ist, ihr etwa eine Stunde zu folgen, eine schöne Almbeiz für die Mittagpause zu finden. Dann kommt der langfristig nicht zu leugnende Nachteil des deutlich anstrengenderen Rückwegs bergauf.

Radfahren wird zur Idylle. Nun gut, da gibt es diese Schilder. Schilder, in drei Sprachen. Sie warnen Wanderer und Radfahrer davor, dass wegen der Gegenwart von Wolfsrudeln die hier frei und wild lebenden Kühe kampfbereiter wären als ihre Artgenossen. Diese Aussage ist auf so vielen verschiedenen Ebenen beunruhigend, dass wir sie erst mal ignorieren. Das geht so lange gut, bis dann die vierbeinigen Straßensperren kommen. Herden von kastanienbraunen oder schwarzglänzenden Kühen, die unser Herannahen durchaus interessiert betrachten, erst im allerletzten Moment nonchalant aus dem Weg treten, der Klügere gibt nach, ihr versteht. Bis auf die Mutterkuh, deren Kälbchen gerade frühstückt. Da sind wir diejenigen, die einen ganz weiten Bogen um die zwei schlagen.

Wir kommen zu der Stelle, wo links die Veloroute 7 bergab nach Nyon führt und es rechts hoch zum Chalet des Pralets geht. Der Weg rechts ist geschottert, mit weiteren Straßensperren – und deren Hinterlassenschaften – versehen, das Chalet und das Rösti einfach und „währschaft“. Der Blick auf die kuscheligen Fellknäuel auf der Wiese unten drunter begeistert nicht nur die Familien, die ihre Kinder kaum vom Zaun wegbekommen können. Nein, nein, wir haben uns nicht nach Tibet verfahren, die Yaks weiden wirklich auf Schweizer Jurawiesen.

Wir sitzen in der Sonne, genießen die Pause und fangen langsam an, uns vor dem steilen und anstrengenden Rückweg zu fürchten. Bis wieder einer mit so einer „Wir könnten doch“-Idee kommt. Die Veloroute 7 kreuzt in Genolier die Veloroute 50 nach Genf. Die kennen wir und wissen, dass sie in Crassier auf die Voie Verte nach Divonne stößt. Von Divonne aus gibt es die französische Voie Verte bis fast nach Hause. Die sind wir bisher immer nur andersrum gefahren, aber ich glaube, das kriegen wir hin. Zwei Frauen schauen Monsieur begeistert an. „Wir fahren nach Nyon, du zurück zum Auto und kommst uns dann irgendwo abholen.“ Monsieur lässt mir ja viel durchgehen, aber hier sagt er einfach nein. Wenn wir fahren, dann will er bei dem Spaß dabei sein.

So kommt es, dass wir kurz darauf die Jurahänge hinuntersausen, fast so schnell wie die Tour de France Bergwertung bergauf – nur eben andersrum. So etwas könnte mich richtig euphorisch machen – der Rausch der Geschwindigkeit, gewissermaßen -, wenn ich nicht so viel Furcht vor meinem eigenen Tempo hätte. Die paar Kilometer mit dem frischen Rollsplitt – das hätte nun wirklich nicht sein müssen – bremsen mich dann völlig aus. Wie schon mal erwähnt: das ist keine Angst, das ist einfach viel zu viel Phantasie meinerseits. Ich kann mir nur zu lebhaft vorstellen, was da alles passieren kann.

Trotzdem ist es berauschend schön. Wir „rasen“ bergab durch Jurawälder, wir sausen durch Weinberge, durch Wiesen und Felder. Der heftige Wind beutelt uns gelegentlich, Bäume werden durchgeschüttelt, Getreidefelder bewegen sich wie Brandung. Bauern mähen Gras, umkreist von Raubvögeln in großer Höhe. Bevor das ganze aber zu idyllisch-kitschig werden kann, kommen in Gingins von meinem Vorderrad schlapp-schlapp-schlappende Geräusche.

Dann heißt es nicht mehr, wieviel Kilometer oder wieviel Stunden sind es noch? Die Einheit, mit der wir messen, ist eine andere. Mit wieviel Aufpumpstopps kommen wir nach Hause? Es werden fünf, viel weniger als befürchtet.

Zuhause, da müssen wir dann gleich nochmal los, um mein Auto oben im Jura abzuholen. Ganz einsam und verlassen steht es auf dem Wanderparkplatz im hellen Licht des frühen Abends. Weit und breit ist kein Wolfsrudel zu sehen. Noch nicht…

Same same

Aber natürlich completly different.

Radeln am Fluss entlang, ja, aber…

Denn erstens ist es die Lahn und nicht der Rhein.

Zweitens gibt es keine Fähre, aber ein paar Brücken.

Drittens fahren wir nicht im Sonnenschein, sondern bei windigen, ungemütlichen 16 Grad.

Das ist natürlich erst der Anfang der Liste.

Die ersten Kilometer fallen auch unter „same same“, denn bis zur Lahnmündung fahren wir noch am Rhein entlang.

Doch dann ändert sich das Fahrgefühl. Der Leinpfad ist enger, die Lahn biegt auch schon mal um eine Kurve. Da gibt es dann lahnseitig ein Geländer, wohl damit so schnelle Radfahrerinnen wie ich bei ihrem waghalsigen Tempo nicht aus der Spur fliegen, hüstelhüstel.

Geländer gibt es auch an den Schleusen und damit die nächste Herausforderung mit ihrem kurzen steilen Sprint den Schleusen-Hügel hoch, gekoppelt mit einem Slalomschlenker durch die Absperrungen. Das muss ich doch noch mal üben, das endet meist mit einem eher uneleganten Abstützmanöver.

Auf dem Uferweg sieht man noch die Spuren der schweren Unwetter der letzten Tage, gefällte und zerlegte Baumriesen neben der Trasse, Schlammpfützen über den Weg. Ansonsten ist es einfach nur schönes Rollen in friedlicher Flusslandschaft. Selbst die oft parallel verlaufende Straße stört das Gefühl nicht. Halb zugewachsene Industrieanlage der Vergangenheit zeigen ihren morbiden Charme.

Apropos morbider Charme, da kommt Bad Ems nur auf morbide. Der Radweg führt im Zickzack durch mehr oder weniger verkehrsreiche Straßen – die Uferpromenaden und Parks am Fluss sind ganz eindeutig den kurenden Gästen zu Fuß vorbehalten – an noblen Hotels vorbei, der modernen Therme und dem alten Spielcasino. Alles sieht geschlossen und halb verlassen aus, trotz der zahlreichen Nobelkarossen, die vor einigen der Hotels stehen. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass bei diesem ungemütlichen Wetter niemand Lust zu flanieren hat.

Wir kreuzen die Lahn – auf einer Brücke! – und verlassen Bad Ems, nur um ein paar Kilometer weiter in idyllischen Wiesen austesten zu können, welch eine intensive und weitreichende Geruchsglocke Silage und Gülle übers Land legen können. Die Freuden des Landlebens mit seiner ach so gesunden Luft begleiten uns bis zur Brücke in Dausenau, unserem Ziel für diesen Nachmittagsausflug.

Fast können wir den Ort nicht betreten, denn ein Schwanenvater geht zischend und flügelschlagend auf Monsieur los, der wohl etwas zu nahe an seinen vier Küken vorbei geradelt ist. Die Vier grasen fröhlich und völlig ungerührt den Uferstreifen ab und haben eindeutig weniger Angst vor uns als ihr Vater.

Dausenau ist Fachwerk-Romantik und Saure-Trauben-Reaktion vom Feinsten. Alle Ausflugslokale, Eisdielen und Cafés sind geschlossen, was uns zu einem bockigen „Hätten wir eh nicht gewollt, bei den Temperaturen“ verleitet.

Anderthalb Stunden später sind wir wieder zuhause – ich muss unterwegs noch ein paar Fotos machen, sonst wären wir natürlich viel schneller gewesen. Ganz bestimmt!

Kultur erfahren

Im Rheintal, zwischen Bingen und Koblenz, können wir Kultur erfahren, mehrfach. Das beginnt mit dem RheinRadWeg und endet noch lange nicht mit den Fähren. Diese behaupten bedeutungsschwer integraler Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes zu sein. Was sie damit verschleiern und beschönigen wollen, ist die Tatsache, dass es auf der ganzen Strecke zwischen Koblenz und Mainz nicht eine einzige Brücke über den Rhein gibt.

Dafür gibt es auf jeder Rheinseite eine Menge Burgen zu bewundern, aber da müssen wir erstmal hinkommen. Der rechtsrheinische Weg führt von Koblenz flussaufwärts bei Lahnstein zuerst durch ein Industriegebiet vom Fluss weg, weil eine große Mühlenruine der 1890er den Uferweg als Privatbesitz beansprucht. Normalerweise kann man kurz durch den daneben liegenden Brauerei-Biergarten ausweichen, nur eben nicht heute, Mon- und somit Ruhetag. Endlich auf dem Uferweg teilen wir ihn uns anfangs noch mit Kinderwagen und Joggern, hinter der Lahnbrücke kommt ein Stück mit Schrebergärten links und alten Männern mit noch älteren Hunden. Zwei davon spielen Straßensperre. Der alte Mann ruft sie zur Seite und der Schäferhund gehorcht auch. Der andere Hund, der rundgemopste, grauschnäuzige, tiefergelegte steht auf seinen krummen Beinen weiterhin in der Mitte des Weges und schaut uns aus trüben Augen verständnislos an. „Der ist nicht alt,“ verteidigt ihn sein Besitzer, „der ist nur scheu!“ – „Ich auch!“, lacht Monsieur und kurvt um die moppelige Straßensperre herum.

Der nächste Lacher kommt von mir – vor Braubach, als Monsieur vorschlägt, „mal kurz“ zur Marksburg hochzufahren – und ist dann eher sarkastisch gemeint. Das Schöne ist ja, wir sind keine Touristen, wir sind von hier. Das heißt, alles, was touristisches Pflichtprogramm wäre: Marks- und jede andere Burg, Stolzenfels, Deutsches Eck, haben wir in unserer Jugend zum Überdruss gehabt – da schauen wir schon gar nicht mehr hin. Das erspart uns dann hier und heute einige nicht unerhebliche Höhenmeter, denn bis auf die Pfalz bei Kaub haben diese romantischen Rheinburgen immer die ganz unromantische Eigenheit auf höchst steilen Bergrücken zu liegen.

Der Radweg bietet uns eine große Vielfalt von ganz unterschiedlichen Erfahrungen: verträumte Orten mit Fachwerkhäuschen und das Gebrause der vielbefahrenen Bundesstraße direkt neben uns. Bekannte Weinlagen – wir winken kurz vor Boppard unserem Lieblingswein zu – und die hässliche Industrieanlage, die das Rhenser Mineralwasser abfüllt. Rheinromantik mit tief liegenden Frachtschiffen, die tuckernd an uns vorbeiziehen und das ohrenbetäubende Getöse, wenn ein Güterzug nur eine Straßenbreite von uns entfernt vorbeidonnert. Außerdem bietet er die Erkenntnis, dass wir eine Risiko-Sportart betreiben. Die Gefahr geht natürlich nicht von mir als Radfahrerin aus – ich weiß, dass einige jetzt grinsen, schämt Euch! -, das Risiko geht vom Gegen- in diesem Fall vom Querverkehr aus. Das, vor denen hier gewarnt wird, ist heute Morgen eher unmotiviert und überschaubar, da riskieren wir – mit kurzem Fotostopp – die Durchfahrt.

In Filsen gibt es die längste Bank am Rhein und ein Rüdiger-Rehberg-Ufer, weil der Abenteurer hier auf einem einfachen Floß den Rhein überquert hat. Ganz so abenteuerlustig sind wir – und die Ardenner erst recht – nicht und so warten wir auf die Fähre nach Boppard, zusammen mit zwei Bremer Radfahrern und einem Wohnmobil. Die Fähre dockt an, das Wohnmobil rollt los – und handelt sich einen ganz gepflegten Anpfiff vom Kapitän ein. Er – der Fahrer – hätte erst loszufahren, wenn er – der Kapitän – ihm das Zeichen dazugäbe, ob er das verstanden hätte, kommt im gröbsten Tonfall vom Kapitän, gleich zwei Mal. Und dann blafft er uns an, warum wir nicht auf die Fähre fahren würden. Ohne sein Zeichen? Haben wir nicht gewagt. Der Bremer hinter uns spekuliert kurz, ob er gegen den Ton protestieren soll, aber wir sind uns einig, dass Aufmüpfige wahrscheinlich zum Rudern verdammt werden würden – mit Peitsche und Trommelschlag.

Endlich tuckern wir los und Monsieur zeigt mir auf der anderen Rheinseite das Karmeliterkloster, dessen exquisite Glasfenster er bewundern durfte, im The Cloisters, einer Zweigstelle des Metropolitan Museum of Art, New York. Vor Ort, in Boppard selber, können wir Sankt Severus bewundern und den trockenen Humor des Kellners des kleinen Cafés auf dem Marktplatz. Die Kirche bietet Ausmalungen in den Originalfarben des Mittelalters, wunderschön in ihrer Farbenpracht. Aber – in meinen Augen – viel bemerkenswerter ist die „Geflügelsammlung“ über den Gewölbebögen: geflügelte Schlangen, geflügelte Drachen, geflügelte Fabelwesen, ungefähr alles, was man sich – was ich mir – nie mit Flügeln hätte vorstellen können.

Der Kellner bringt uns ein wohlverdientes Weizenbier zum Flammekuchen, einmal quer über den halben Marktplatz, wo wir schön unter Sonnenschirmen des Cafés sitzen und die Fachwerkhäuser bewundern. Hinter uns beschwert sich jemand über das schlechte Wetter, dass es morgen wieder regnen soll. „Also ich,“ meint der Kellner, „finde Regen super.“ Blickt zum Café, blickt zu den Tischen. „Sitzen alle drinnen. Hab‘ ich nicht so viel zu laufen.“

Wir müssen uns noch entscheiden, ob wir die Untere, die Mittlere oder die Obere Marktgasse nehmen für die Suche nach Stadtmauer und Römerkastell, dann geht es wieder den Rhein entlang. Mit ein paar Umleitungen kommen wir unter Stolzenfels durch bis nach Koblenz-Oberwerth. Wir trudeln durch die gutbürgerlichen „besseren Wohnviertel“ der 1880er, wo Herr Goethe Herrn Bach kreuzt, kurz bevor Herr Uhland dazu stößt. Beschließen ganz spontan, doch nicht über die alte Eisenbahnbrücke nach Hause zu fahren, sondern etwas richtig Touristisches zu tun. Keine Viertelstunde später stehen wir am Deutschen Eck und bewundern den Blick. Wie all die anderen Touristen.

Joseph Grün

Unsere italienische Freundin überraschte uns am Anfang unserer Freundschaft mit ihrer überschwänglichen Begeisterung für Henrico Boëllo. Wie sehr sie sich auf den Tag freue, an dem ihr Deutsch gut genug sei, dass sie die Werke dieses berühmten deutschen Schriftstellers – und noch dazu Literaturnobelpreisträgers – im Original lesen könne. Irgendwann haben wir uns zusammengerechnet, wen sie meinte und revanchierten uns mit Komplimenten zum noch viel berühmteren italienischen Komponisten Josef Grün.

Josef Grüns Werke schätzen wir sehr, die Musik zumindest, Opernlibretti darf man meist nicht zu sehr auf ihre literarischen Qualitäten abklopfen, vom Frauen- und Gesellschaftsbild wollen wir gar nicht erst anfangen.

So sehr wie wir Joseph Grün auch schätzen, dass er der Erfinder der „Grün-Straße“ ist, glauben wir dann doch nicht.

Diese Grünen Straßen, die „voies vertes“, sprießen in den letzten Jahren in Frankreich förmlich aus dem Boden. Eine der ältesten läuft am Westufer des „lac d’Annecy“, eingebettet in die Savoyer Alpen. Die alte Eisenbahnstrecke wurde zum Fahrradweg umgebaut und bietet Radelspaß mit Blick auf blaues Wasser, majestisches Alpengrau und weiße Schneekappen. Das Ganze bei frühlingshaften 18°, was einer der Gründe für diesen Radausflug war. Der andere ist leider nicht so schön. Unser Departement hat eine Inzidenz von 323, bei 325 schließt Herr Macron die Haustür ab und legt die betroffenen Departements an eine 10 Kilometer lange Hundeleine. Was sicherlich in den nächsten Tagen alle weiteren Ausflüge unterbinden wird.

Aber bevor wir das Westufer entlangradeln können, müssen wir erst auf dem Ostufer bis zum Ende des Sees kommen. Das heißt sogar „Bout du lac“, obwohl es genaugenommen der Anfang ist, denn der See hat seinen Ausfluss in Annecy selbst, mit dem Thiou, dem wohl kürzesten Fluss Frankreichs. Nach noch nicht mal vier Kilometern mündet er in den Fier. Aber er schafft es tatsächlich, sich auf diesen knapp vier Kilometern noch einen Nebenfluss einzuverleiben, den Ruisseau des Trois Fontaines, das Drei-Brunnen-Bächlein. Wusste ich vorher alles noch nicht.

Und da soll mal einer sagen, dass Radfahren nur etwas für die Kondition tut.

Das Ostufer ist nicht so gut ausgebaut, gelegentlich muss man sich mit LKWs und Bussen die sehr schmalen Sträßchen teilen, es ist halt nicht einfach mit der Infrastruktur, wenn rechts der See und links der Berg ist. Dafür gibt es den Blick aufs Wasser und wunderschöne alte Häuser, von großbürgerlicher Sommerfrische-Villa bis zu urigen Bauernhöfen.

In Talloires machen wir Mittagspause, les pieds dans l’eau, fast, ganz so warm ist es doch noch nicht. Schauen mit Wehmut zur Auberge und Cottage des Père Bise hin, dem wir einige schöne Erinnerungen und eine Erkenntnis zu verdanken haben. An einem der eher ungeraderen Hochzeitstage sitzen wir bei einem vorzüglichen Menü und einem ausgesuchten Glas Wein auf der Terrasse direkt am See, schauen hoch zu den Zweieinhalbtausendern des Tournette Massivs über uns. Wissen grinsend, was das Gegenüber denkt: dass wir in den ersten Jahren mit einem Butterbrot da oben gesessen und mit einer gewissen selbstgefälligen Herablassung auf die bequemen Feinschmecker da unten herabgeschaut hätten. Dass wir aber heute völlig neidfrei und voller Großzügigkeit dieses Bergerlebnis anderen gönnen können. Wir scheinen im Alter sehr viel Toleranz erworben zu haben.

Heute gibt es dank Corona Butterbrot aus der Brotdose, auf einem Bootssteg, sehnsüchtig beäugt von einem Schwanenpaar. Der Schwanenhals schießt dann zwar vor Richtung Brotdose, aber zum Glück ist Monsieur schneller.

Nach knapp drei Stunden sind wir wieder am Parkplatz, 39,7 Kilometer sagt Monsieurs Lebensgefährtin, 41 mein Tacho.

Da weiß ich doch, wem ich lieber Glauben schenke…

Ausgetrickst

Regen, sagt die Wettervorhersage gestern, ab zwölf Uhr. Und nicht die „ein Millimeter mit 30%er Wahrscheinlichkeit“-Variante. Nein, in Naumburg soll es um zwölf Uhr richtig schütten und das durch bis zum Abend.

Also beschließen wir das Wetter auszutricksen. Stehen um sieben Uhr auf, sind ein wenig später abfahrbereit. Monsieur schaut noch mal nach dem Regen, nun heißt es plötzlich Naumburg, 18 Uhr. Da stehen wir nun in der morgendlichen Kühle und sinnieren, wer hier wohl wen ausgetrickst hat.

Los geht es in den frischgeputzten Sonntagmorgen. Nebra ist ein wenig verwirrend – wir biegen eine Einfahrt zu früh links ab und landen in einer Gartenkolonie, Sackgasse – und dann auch noch sehr steil. Aber danach geht es wieder schnurgerade aus durch die Ebene. Am linken Ufer grüßen prächtige Barockbauten und in Karsdorf ein kleiner Radler- und Kanufahrertreff. Der Kaffee ist eher mittelmäßig, dafür macht es Spaß, einer giggelnden und kichernden Jugendgruppe zuzuschauen, wie sie sich gegenseitig mit Schwimmwesten ausrüsten für ihre Kanutour. Ein nicht ungefährliches und noch dazu illegales Unterfangen, wie wir später herausfinden sollen.

Laucha und sein Fliegerhorst kündigen sich an durch die Segelflieger, die still über unseren Köpfen drehen. Die Stadt hat ein sehr schönes altes Rathaus, eine dito Kirche, fotografieren kann man beides nicht, weil Autos drei Reihen tief davor parken. Auf unserem Radweg wenig später, durch den Park hinter der Stadtmauer, da sieht Laucha noch recht mittelalterlich aus.

Wir nähern uns Freyburg und damit dem Grund eines kleines Streitthemas zwischen uns: ist der Besuch der Rotkäppchen-Kellerei Kulturprogramm oder nicht? Rotkäppchen ist Kult, das wissen wir, wir mögen den Sekt eher nicht, auch das wissen wir. Trotzdem argumentiert Monsieur pro und ich contra. Das Schlussargument hat das Wetter, dass sich zunehmend dunkler und dräuender gibt. Also drehen wir nur eine Runde durch die Pflasterstraßen Freyburgs, um dann die letzten Kilometer bis zur Unstrutmündung anzugehen, vorbei am Herzoglichen Weinberg und dem Max-Klinger-Haus. Die letzte Sehenswürdigkeit vor Naumburg verpassen wir beinahe. Das sogenannte Steinerne Album – eine in den Felsen gehauene Bildergeschichte aus dem 18. Jahrhundert – ist zum einen stark verwittert, zum anderen hinter den üppigen Brombeer- und Wildrosenhecke auf der Weinbergmauer kaum zu sehen.

Und dann ist sie da: die Saale. Wir stehen an einem kleinen Bootsanleger mit dem schönen Namen: Im Blütengrund. Vor uns die Saale, rechts die Unstrutmündung. Daneben die „Fröhliche Dörte“ und die „Unstrutnixe“. Dazwischen ein beunruhigend klein wirkender Nachen an einem Stahlseil. Hinter uns steht ein altes Holzhaus mit einer Vielzahl beeindruckend großer Zahnräder und einem Vierkantrohr in knallrot. Auf dieses Rohr muss man mit der beiliegenden Eisenstange schlagen, um mit dem weitklingenden Glockenschlag den Fährmann zu rufen. Das war noch ein Sorgenkind. Denn ab vorgestern ist auf der Unstrut jegliche Schifffahrt eingestellt und das Baden strengstens verboten. Weil – und jetzt nicht lachen – Angler ein zwei Meter langes Krokodil gesichtet haben. Was die Wasserpolizei ihnen geglaubt habt.

Falls das also auch unsere Fähre betrifft, müssten wir zwei Kilometer weiter radeln zur nächsten Brücke, an der Saale entlang.

Aber da schlurft der Fährmann schon vor uns zum kleinen Nachen. Die Ardenner scheuen und bocken etwas die vier Treppenstufen hinunter in das Boot, das gleiche beim Ausstieg ein paar Minuten später. Zwei Euro fünfzig hat das Abenteuer uns gekostet, einsfünfzig für mich, einen Euro für das Rad.

Auf der anderen Seite gibt es einen kleinen triumphierenden Handschlag und ein letztes Winken für die Unstrut.

Die nächsten knapp zehn Kilometer sind wir auf dem Saale-Radweg unterwegs, der uns als erstes zu einer sehr unappetitlich wirkenden Bahnunterführung mit zwei Treppenfluchten führt. Das ist der Teil, den wir sehen können, keine Ahnung, wie es auf der anderen Seite aussieht. Das mit den Ardennern zu stemmen scheint uns eher zu mühsam, also setzen wir auf ein paar Kilometer Umweg, die uns dann eine Viertelstunde später über Kopfsteinpflaster an einem alten Stadttor vorbei in die Stadt bringen.

In Naumburg ist Töpfermarkt. Und so gibt es neben exquisiter Kunst, Sahne- und Mokkacremetorte auch noch etwas Schönes in einem traumhaften Blau für mich.

Das habe ich mir wirklich verdient!

Achja, der Regen fing – als Kompromiss wahrscheinlich – um 15 Uhr an.

Eine Scheibe abschneiden

Artern, eigentlich Monsieur, hält noch eine letzte Überraschung für uns parat: eine „Abkürzung“, die 12 Treppenstufen beinhaltet und einen steilen Trampelpfad eine Böschung hoch. Alles Teil eines Wanderwegs, für die Ardenner aber eher schwer, im wahrsten Sinne des Wortes. Aber kaum sind wir wieder auf dem rechten Pfad (klingt sehr tugendhaft, nicht wahr), wird es wunderschön. Die weite Landschaft um uns herum, das Schnurren der Räder, das Rauschen der Pappeln als einziges anderes Geräusch, wir sind allein auf der Welt. Deshalb haut es mich vor Schreck fast aus dem Sattel, als von hinten ein Hallo! kommt, bevor ein Rennradfahrer an mir vorbeischießt.

In Schönewerda biege ich links ab, Monsieur schließt auf. „Willst du wirklich in den Ort? Oder hast du nur das Schild nach rechts übersehen?“ Da muss ich natürlich erst mal bis zur Kirche weiterfahren, geschlossen, klar doch, bevor ich ihm meinen Fehler zugestehe.

In Bottendorf ist er es dann, der uns abbiegen macht. Von unten, von der Unstrut aus, sieht man einen Burgturm. Den wollen wir erforschen, in der Hoffnung, dass es da vielleicht eine Burgschänke o.ä. gebe. Wir fahren hoch in den Ort. Dort gibt es alles: eine Burgstraße, eine Straße Zum Burggraben, eine andere Zur Burg – nur eben nicht den Turm. Irgendwann stehen wir auf Steinplatten auf einer Wiese vor der Kirche, umgeben von hohen Mauern. Wahrscheinlich duckt sich der Turm dahinter und wartet, bis wir wieder weg sind. Monsieur dreht und fährt los, da passiert es: es haut mich der Länge nach hin. Typisch Paonia, nicht dramatisch mit 35km/h aus der Kurve fliegen, nööö, fast im Stand beim Wenden einfach umkippen. Außer meinem Stolz kommt niemand und nichts zu Schaden, allerdings dauert es einen Moment, den Ardenner zum Aufstehen zu überreden. Monsieur, der von alldem nichts mitbekommt, wartet unten am Radweg auf mich. „Du hast eine Burg gut bei mir,“ meint er.

Die kann ich dann noch nicht einmal einlösen, denn wir dürfen die nächste Burg gar nicht anfahren. Wendelstein, hatte ich Monsieur Angst gemacht, da geht es richtig den Berg hoch. Aber zuerst kommt die Grenze. Wir verabschieden uns von Thüringen und rollen nach Sachsen-Anhalt. An der Unstrut, lange vor dem gefürchteten Berg, steht dann die Straßensperre mit der Umleitung. Die Straße ist nicht nur garniert mit den entsprechenden Verbotsschildern, es stehen, hintereinander gestaffelt, mehrere Reihen rotweißer Absperrungen. Hier meint es jemand offensichtlich richtig ernst mit dem „Ihr kommt hier nicht durch!“ Also nehmen wir statt des Lieserpfad-Ansatzes über den Berg hinüber den Unstrut-Ansatz unten durchs Tal bis Memleben, Klosterruine und Kaiserpfalz. Das stand schon lange vorher so angeschrieben. Im Ort selber prangt über zwei Hauswände „Klosterruine und Kaiserpfalz“, auf den Hinweisschildern, dem Besucherzentrum, den Eintrittskarten, überall verkündigen sie „Klosterruine und Kaiserpfalz“. Sogar auf dem Faltblatt zum Besuch steht noch Klosterruine und Kaiserpfalz. Innen drin sind sie dann etwas kleinlaut, weil, also, ja, nämlich, eigentlich, das gar nicht stimmt, das mit der Kaiserpfalz. Deren Lage hier ist nämlich gar nicht gesichert. Das hat der Herr Schinkel sich bei einem Besuch ausgedacht, als er die Ruinen der schon im Mittelalter abgebrochenen (und in der Klosterkirche recycelten) großen Kirche als Palastruine erkannte und sie flugs zum Beweis für die Existenz der Kaiserpfalz an diesem Ort deklarierte.

Schön ist es trotzdem, das Gelände, wir sitzen im Schatten romanischer Bögen bei einem kleinen Imbiss, Stärkung für die letzten Kilometer und den Höhepunkt – in mehrfacher Hinsicht – des heutigen Tages.

Nicht Nebra ist unser Ziel, unser Hotel liegt kurz davor in Wangen. Wir hatten noch hin und her überlegt, ob erst Hotel, dann Museum oder erst Museum und dann Hotel. Erweist sich als überflüssig, das Hotel liegt am Fuß der Rampe zur Arche Nebra. Also nehmen wir den Ardennern die Satteltaschen ab und gönnen uns eine kleine isotonische Stärkung, bevor es steil den Berg hoch geht, erst einmal am Museum vorbei zum Fundort der Scheibe. Der Turm dort wirkt leider ziemlich furchtbar und völlig fehl am Platze. Die ganze Symbolik, die Ausrichtung zur Sonnwende kann mir leider nicht darüber hinweghelfen, dass man einen potthässlichen Betonklotz mitten in eine Waldlichtung mit frühzeitlicher Ringwallanlage geknallt hat. Also macht Monsieur ein paar Fotos und dann sausen wir die mühsam erklommenen Höhenmeter wieder hinunter zum Museum.

Das Museum ist dann eine ähnliche Erfahrung wie in Bramsche mit dem Varusschlacht-Museum. Sie haben eigentlich nichts, was sie zeigen können, aber das verkaufen sie ganz gut. „Seit 3600 Jahren kann sich die Welt hier eine Scheibe abschneiden, Sachsen-Anhalt“, wirbt die Landesregierung direkt vor der Tür. Im Inneren erfahren wir viel über andere Sonnenobservatorien und bekommen im Planetarium die Symbolik und Bedeutung der Scheibe aufgedröselt.

Seltsame Objekte mit Glaslinsen erlauben Blicke auf das Herstellungsverfahren, die Sicheln und Kreise der Scheibe drehen sich in einem riesigen Mobile, wie zugekifft wirkende hyperaktive Schamanen springen in optischen Theatern umher und erzählen so viel so schnell, dass ich nach ein paar Augenblicken nicht mehr zuhören mag. Wissen wird trotzdem an mich herangetragen, denn es laufen drei oder vier Führungen um mich herum. Am schönsten finde ich den eher privaten Abschluss einer Führerin, nachdem sie die abenteuerlichen illegalen Wege der Scheibe aufgezeigt hatte. „Und nu? Letztens waren sie im Fernsehen, die zwei. Job weg, Ehe kaputt und pleite dazu – neee, das hättense sich nich träumen lassen damals. Wennse des gewusst hätten, hättense se liegen lassen, die Scheibe.“ Wäre aber auch irgendwie schade gewesen, nicht wahr?

Zutiefst beeindruckt radeln wir bergab zum Hotel. Es ist wieder ein historisches Haus, wir sind wieder im zweiten Stock untergebracht und es gibt wieder keinen Aufzug. Aber ein sehr netter Mensch hat unsere Koffer schon die 56 engen Holzstufen hochgetragen und in unser Zimmer gestellt. Toller Service, da könnten die anderen Hotels sich mal eine Scheibe abschneiden.

Streik!

Herbstlich nasses Laub raschelt unter dem Gewicht der Ardenner, letzte Regenreste tropfen von oben auf die Helme. Vor uns verschwindet der Weg im geheimnisvollen Dunkel undurchdringlich scheinender Wälder. Klingt klasse, nicht wahr, ist aber nur der Stadtpark Sömmerda auf seinen letzten Metern.

Das mit dem Gewicht der Ardenner ist eine freundliche Umschreibung für eine Frage, die uns die letzten Tage beschäftigt hat. Vorgestern, in Bad Langensalza z.B. habe ich schüchtern angefragt, ob ich eventuell, möglicherweise, vielleicht, etwa noch einen dritten Kloß zu meiner reichhaltigen Soße bekommen könnte. Kurz drauf wurden mir zwei(!) weitere Klöße gebracht, die ich – ohne rot zu werden und mit viel Genuss – verspeist habe. Schließlich hatten wir an dem Tag kein Mittagessen und die anderthalb Stücke Kuchen pro Person im „Schwesterherz“, ach, das zählt ja fast gar nicht. Gestern gab es ein Mittagessen und trotzdem wieder Klöße zum Abendbrot. Halt, das stimmt nicht ganz, Klöße gab es für Monsieur, bei mir waren es Semmelknödel (drei an der Zahl) zu den Pfifferlingen. In Sahnesoße…

Deshalb bewegt uns die Frage, ob die paarundvierzig Kilometer der Tagesetappen wirklich ausreichen, diese Kaloriensünden abzuarbeiten. Wir werden am Ende der Reise ein Resümee ziehen – und bis dahin weiter die thüringische Küche genießen. Auch wenn wir wahrscheinlich „Dorade mediterran: Makrelenfilet mit Paprika und Reis“ nicht enträtseln werden können.

Hinter Leubingen lernen wir ein neues Wort kennen: Flutmuldenkante. Auf deren Krone läuft inzwischen der Weg und ich bin beeindruckt, liegt doch die Unstrut brav und unschuldig gute sechs bis acht Meter unter uns. Noch beeindruckender ist die Tatsache, dass rechts von uns, landeinwärts in etwa fünfzig Meter Entfernung massive und hohe alte Erddämme laufen. Hätten wir der Unstrut gar nicht zugetraut, solche Flut-Eskapaden.

Von der Unstrut geht die Lossa ab, der wir durch ein, zwei Dörfer folgen, idyllische Ausblicke auf das Flüsschen inklusive. Kurz hinter Eltzleben passiert das Unerwartete: nicht ich werde von anderen überholt, nein, ich setze an und ziehe zügig an dem durchaus sportlich wirkenden Mann vorbei. „Hast du gesehen?“ rufe ich Monsieur zu, „ich habe einen anderen Radfahrer überholt.“ – „Und der hat noch nicht mal gestanden!“, kommt von Monsieur ein Daumen hoch. Hmmm, ich nehme das jetzt mal als ein Kompliment.

In Gorsleben lockt uns ein „Radler-Stopp“ in den Ort. Der Stopp ist zwar geschlossen, dafür stehen wir kurz darauf vor einer äußerst faszinierenden alten Hofanlage. Nebendran eine Kirche, von hoher Mauer umgeben, daran eine etwas makabre Sonnenuhr. Zeiger ist nämlich die Sense des Sensenmannes, der uns dann auch noch im mittelalterlichen Text ermahnt, dass unsere Stunde jederzeit kommen kann. Wir nutzen daher die Gunst der Stunde, um nach Heldrungen weiterzufahren.

Da hatte ich so ein Bild vor Augen, wie die Ardenner mit verhängten Zügeln über die Zugbrücke der Wasserburg sprengen, bevor wir uns und ihnen eine Pause gönnen. Aber da legt Corona die Lanze ein, postiert sich vor der Brücke und sagt: hier kommt keiner rein. Um das Ganze noch deutlicher zu machen, sind die schweren Flügeltore verrammelt und das kleine Seitentor auch. Also begnügen wir uns mit einmal drumherum fahren statt einfach mitten hinein. Beeindruckend ist die Anlage auch von außen.

Unsere kleine Rundreise hat uns abgebracht vom Hauptweg und als wir an einer Kreuzung in die Karte schauen, rollt ein Wagen heran. Ob er helfen könne, will der alte Mann wissen und bestätigt uns dann den kleinen Zickzack-Haken, den wir eh geplant hatten. Bevor er wegfahren kann – Ortskenntnisse und so – frage ich ihn noch schnell, ob es hier ein Restaurant gäbe. Da wirft er lachend die Hände in die Luft und macht eine verneinende Gebärde, bevor er losfährt.

Weshalb wir dann recht früh in Artern ankommen, weshalb Artern dann eine kleine Überraschung für uns bereithält. Unser Hotel ist nämlich nicht unten im Ort, sondern oben auf dem 191 Meter hohen Weinberg. Die Straße ist so steil, dass mein Ardenner beim Schalten plötzlich stehen bleibt und dann rückwärts rollt. Panik! Irgendwie bekomme ich den Ardenner wieder an den Zügel gestellt, metaphorisch, und dann ist es im niedrigsten Gang und mit höchster Unterstützung nur ein bisschen schwierig, da hoch zu radeln. Jedenfalls schaut der junge Mann, sein Rad schiebend, den ich überhole, so bewundernd, dass ich entschuldigend „Angebermodus!“ über die Schulter rufe. Hundert Meter weiter, etwas flacher, schießt er dann grinsend an mir vorbei „Eigene Muskelkraft!“

Im Hotel erhalten wir ein Zimmer im zweiten Stock – wegen der schönen Aussicht. Natürlich ohne Lift. Wir hieven die Fahrradtaschen und die eingetroffenen Koffer die Treppe hoch, öffnen die Tür und sehen die Aussicht – auf den riesigen Baum direkt vorm Fenster.

Macht aber nichts, denn von der Terrasse, natürlich zwei Treppen tiefer, ist die Aussicht da: auf Artern, seine zwei mittelalterlichen Kirchen und das neobarocke Rathaus mit der Bismarck-Figur im Erker. Die Kirchen werden eh geschlossen sein und für ein neobarockes Rathaus mit Bismarck-Figur im Erker fahre ich nicht nochmal den Berg zum Hotel hoch. Also rufe ich einen Streik aus und lasse Monsieur allein losziehen. Kunst (wenn man das denn so sehen will), kann ich auch von der Terrasse aus haben. Mit dem Kyffhäuser-Denkmal. Doch, doch, ihr müsst nur ganz genau hinschauen. Doch, doch, da rechts auf dem Berg. Genau! Richtig!

Gedopt

Unser Hotel in Mühlhausen war sehr schön, die Pension in Langensalza ist eher etwas speziell. Wir müssen uns abends festlegen, wieviel Brötchen wir morgens zum Frühstück haben wollen, vier, trotzdem liegen nur zwei im Brotkorb. Kein Problem, denken wir, bestellen wir gleich noch zwei nach. Nein, nein, das ginge nicht, sagt uns die Wirtin, wir hätten doch nur zwei geordert. Da kommt vom Nachbartisch: „Das waren wir, mit den zwei Brötchen. Wir haben uns schon über die vier Brötchen gewundert…“

Wir klappern ein letztes Mal über das Kopfsteinpflaster in Langensalzas Gassen bis zum Kurpark, da fährt es sich angenehmer. Kaum sind wir aus dem Ort wieder draußen, wird es verwunschen. Die Wege sind nicht mehr asphaltiert und der tiefe Sand an manchen Stellen bringt mein Zutrauen in meine frisch errungene Radfahr-Kompetenz ins Schlingern, im wahrsten Sinne des Wortes. Dafür wird das Unstrut-Tal immer schöner. Weiden machen ihre eigene kleine Kunstausstellung, auch wenn einige Kirstin-Opfer zu beklagen sind. Störche staksen durch die Aue (Pluralbildung hier zugegebenermaßen an die Einhorn-Ausstellung angelehnt).

In Großvargula werden wir umgeleitet. Es stehen da wirklich offizielle große gelbe Verkehrsschilder mit der Aufschrift Umleitung Unstrut-Radweg. So verpassen wir die Ansicht des Wasserschlosses. Da aber dieses und andere Schlösser abwechselnd Internate oder Altersheime – und nicht zu besichtigen – sind, kommen wir touristisch unbeschwert weiter. Nur die eine Burgruine – das muss dann sein – wo sie schon mal da ist.

In Herbsleben bewundern wir Wehr und Mühle. Ein alter Mann mit noch älterem Hund gesellt sich zu uns und erklärt uns, dass die Mühle Strom produziere, „damals“ genug für ganz Hersleben – „Wir brauchten ja nicht viel“, heute fürs Netz.

Im nächsten Ort zieht der Gemeindearbeiter just ein paar Meter vor uns den von Kirstin er- und von ihm zerlegten Baum von der Trasse, vielen Dank auch.

Auf den asphaltierten Stücken geht es mit ein bisschen Unterstützung munter voran. Eine langgezogene Steigung locker und ohne viel Anstrengung hoch zu radeln, das ist schon etwas Feines und meilenweit entfernt vom mühsamen Keuchen von früher, in den Pedalen stehend, hin- und herschwankend. Erinnert ein bisschen an Lance Armstrong und Jan Ulrich, die bei der Tour de France „unseren“ Col de la Faucille hochradelten, locker, gelassen, dabei entspannt plaudernd. Aber die waren da gedopt. Wir sind höchsten high von den eigenen Endorphinen.

Monsieur macht mir ein Geständnis. Nein, kein romantisches, aber ein ehrliches. Er gesteht, dass er fest damit gerechnet habe, dass er nach dem ersten Tag alleine radelt, während ich mit dem Auto von Hotel zu Hotel hinterher reise. Da er aber so zerknirscht dreinschaut und sich genauso wie ich an meiner Freude erfreut, kann ich ihm das nicht übelnehmen. Mir bleibt ja immerhin die fröhliche Genugtuung, ihm das „Ich hab‘s ja gleich gewusst“ verbaut zu haben.

Aber alle Endorphine können gegen Mittag nicht so recht über ein kleines Hüngerchen hinweghelfen. An der Brücke in Ringleben steht ein Schild „Zum Engel“ in Hassleben. Na gut, hängen wir die paar Kilometer auch noch dran, auf Kopfsteinpflaster. Noch etwas, gegen das Endorphine auch nur begrenzt helfen. Früher, da dachte ich:  Kopfsteinpflaster, wie malerisch, wie romantisch altmodisch. Heute denke ich bei jedem einzelnen Pflasterstein: Oh-mein-ar-mer-Po! Und es sind viele Pflastersteine bis Hassleben und durch Hassleben hindurch zum „Engel“. Der dann zu hat, der Engel, denken wir. Tür zu, keine Stühle draußen, schade! Die hauseigene Landmetzgerei im Haus nebenan aber nicht. Also Planänderung: statt nett essen zu gehen, ein Wurstbrot auf die Faust. „Schon schade, dass drüben zu hat,“ sage ich zu der Verkäuferin, die abwinkt. „Gehen Sie nur hier durch in den Hof, wir haben auf.“

Im Hof stehen mehrere Tische, schon gedeckt und davor Stühle mit einer der genialsten Erfindungen – weichen Sitzkissen. Aaaah!

Die Dame kommt dann fröhlich mit der Karte und ihren Empfehlungen. Ich wollte ja schon immer das berühmte Würzfleisch probieren. „Bisschen Kartoffelbrei dazu?“ fragt sie, „frisch gemacht. Ist doch eh leckerer als Toast.“ Wo sie Recht hat…

Während wir essen, zieht es sich immer dunkler zu, so dass wir auf den Kaffee verzichten und die letzten Kilometer nach Sömerda in Angriff nehmen. Eine Herde Schafe als Straßensperre kommt uns noch kurz in die Quere, dann sind wir da.

Eine richtig schöne Etappe war das heute, 48 Kilometer mit allen Umleitungen und selbst gewählten Umwegen. Sehr stimmig.

Da ist es dann auch nicht so schlimm, dass mir unser Zielort, Sömerda, gar nicht so recht gefallen will.

Vom Winde verweht

Oder: Ardenner versus Kirstin. Die Ardenner retten den Tag. Die durchaus erträgliche Nicht-Leichtigkeit ihres Seins hilft uns gegen das Sturmtief Kirstin.

Und die Thüringer Klöße von gestern Abend. Wir sind nämlich gestern in die lokalen Spezialitäten eingetaucht, erst ein Glas „Rotkäppchen“ (lauwarm, „Tschuldigung, die Kühlung ist kaputt und der Techniker kommt erst morgen.“), um den erfolgreichen Start des Fahrradabenteuers zu würdigen, dann die Klöße. „Zum Glück haben wir die große Portion bestellt, das beschwert,“ ruft Monsieur mir gegen den Wind zu.

Das mit dem Layout, das üben wir noch mal, ja? Das mit dem „h“ auch, ok?

Wir haben das Losfahren lange hinausgezögert. Gestern Abend ist Monsieur noch mal losgezogen, durch Mühlhausen und kommt zurück mit: „Du, die haben in der Marienkirche eine sakrale Kunstausstellung zu Einhörnern und Drachen.“ Er hebt beim letzten Wort so ein bisschen die Stimme an, macht den Satz zur Frage. Dabei steht da schon außer Frage, dass ich das sehen will. Kunst, da kann man so viel lernen – ich meist das Falsche – und außerdem ist Kunst hier und heute gut als Ausrede gegen Sturm und Regen. Als erstes lernen wir, dass das mit dem Plural so eine Sache ist. Sie haben nämlich von jedem tatsächlich genau zwei, Einhörner und Drachen. Das ist zwar vom grammatikalischen Standpunkt aus durchaus korrekt und ausreichend, vom Besucherstandpunkt aus aber ein bisschen unbefriedigend. Gut, bei dem einen Drachen kann man lernen, dass es mehr als nur den Standardansatz – Lanze in Flanke – gibt. Bei diesem Standbild haut der heilige Georg dem Drachen seinen Schild voll in die – fängt auch mit F an. Das ist gut zu wissen, falls man mal einem Drachen begegnet und zufällig nur einen Ritterschild dabeihat.

Die zwei Einhörner, ein weißes, ein braunes, sind eigentlich eher traurig. Das braune ist ein eindeutiges Fake, Rehkopf mit angeschraubtem Horn, und das weiße, das tut mir einfach nur leid. Erstens: Knickhorn würde es besser treffen und zweitens: das arme Tier kommt wegen des überlangen Knickhorns gar nicht mit dem Maul auf den Boden, ist also, dünn und mager, kurz vorm Verhungern. Und Maria, deren Jungfräulichkeit das arme Tier beweisen soll, kommt wohl auch nicht auf die Idee, es zu füttern. Armes Einhorn, kein Wunder, dass es ausgestorben ist.

Sehr spannend finde ich dagegen die Maria und dem Einhorn beigestellten Jagdhunde, die alle wie ein kleines Banner den Namen der Tugend tragen, die sie verkörpern sollen. Die „Veritas“ ist mit einem dicken Würgehalsband fast geknebelt. Die „Misericordia“ sieht aus wie eine unendlich sorgenvolle Bulldogge. Kann man sicher auch wieder viel lernen, wird aber wahrscheinlich eh das Falsche sein.

Nach so viel Kunst – und Geschichte vorher im Bauernkriegsmuseum – haben wir dann wirklich keine Ausrede mehr. Die Strecke ist – erst einmal aus Mühlhausen heraus – richtig schön. Es begegnet uns – bis eigentlich Ortsgrenze Langensalza – ein einziges Auto. Kühe, Schafe, Gänse gibt es deutlich mehr. Die Unstrut ist hier gelegentlich hinter hohen Deichen versteckt und das setzt uns auf diesen Deichen dem Sturm aus. Ab und zu lupft eine Böe die Ardenner an und schiebt sie zur Seite. Und auf der einen schmalen Gitterstegbrücke über die Unstrut, da bin ich bei den Böen wirklich dankbar für das Geländer rechts und links. Ansonsten beutelt der Sturm die Pappeln am Ufer, er wirbelt die Weiden durcheinander, lässt Kastanienbäume uns mit den Früchten bombardieren.

Die Ardenner müssen lernen, größere Äste auf den Wegen zu umfahren, über kleinere preschen sie hinweg. Bei ganz großen Ästen quer, da steigt Monsieur dann ab und zieht sie vom Weg.

Da der Sturm aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen scheint, bläst er auch – selten – von hinten. Wir kommen also sehr gut voran und Monsieur lobt meinen flotten Fahrstil. Ich finde den auch gut. Darf nur nicht vergessen, bei jedem kleinen Pausenstopp – Jacke an oder Kühe fotografieren oder Jacke wieder aus oder Gänse fotografieren oder an einer Apfelwiese mal kurz – ach nein, noch nicht, schade… – unauffällig von Turbo auf Eco zurückzuschalten, damit mir Monsieurs gute Meinung erhalten bleibt.

Wir machen kurze Abstecher zu Dörfern am Weg, auf der Suche nach einem Kaffee, werden aber nicht fündig, die Straßen wie ausgestorben. Meist glucken um eine kleine knuppelige Kirche ein paar Handvoll Fachwerkhäuser, in den Außenbezirken oft erstaunliche Neubaugebiete. Ab und an sehen wir eine tote LPG mit verfallenen Gebäuden und vor sich hin rostenden Fahrzeugen im hüfthohen Gras.

Gegen die Pflasterstraßen in den Dörfern habe ich mir gestern noch rasch so ein Lesebrillenband gekauft. Zwar bin ich dadurch in meinen Augen augenblicklich um 20 Jahre gealtert, aber die Idee, dass die Leute denken: Guck mal, sooo alt und fährt noch Rad, tröstet etwas darüber hinweg.

Heute sind es – mit den Abstechern – keine dreißig Kilometer und wir erreichen recht früh Bad Langensalza. Die Pension ist noch geschlossen, aber das ist kein Problem, schließlich ist Langensalza Bad und Kurstadt, also – für mich – das natürliche Umfeld für Grass‘ „kuchenfressende Pelztiere“ und deren Habitat, die Konditorei. Pelztiere sehen wir zwar keine, aber die Kuchenauswahl im „Schwesterherz“ lässt keine Wünsche offen, wenn auch Monsieur beim Nachsatz Frischkäse zu Schoko zusammenzuckt und auf die Eierlikörtorte umschwenkt.

So gestärkt können wir die Fachwerkschönheiten Langensalzas erkunden, das neben viel Schönem auch einiges Fremdartige zu bieten hat.

Den Vogel allerdings – und das im wahrsten Sinne des Wortes – schießt dann unsere Pension ab. Toilettenpapier mit rosa Flamingos drauf. Nicht nur das: rosa Flamingos mit Sonnenbrille. Und die quatschen mich auch noch von links hinten an: Come to the beach with me.

Wenn das nicht exotisch ist! Befremdlich ist es auf jeden Fall…