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Same same

Aber natürlich completly different.

Radeln am Fluss entlang, ja, aber…

Denn erstens ist es die Lahn und nicht der Rhein.

Zweitens gibt es keine Fähre, aber ein paar Brücken.

Drittens fahren wir nicht im Sonnenschein, sondern bei windigen, ungemütlichen 16 Grad.

Das ist natürlich erst der Anfang der Liste.

Die ersten Kilometer fallen auch unter „same same“, denn bis zur Lahnmündung fahren wir noch am Rhein entlang.

Doch dann ändert sich das Fahrgefühl. Der Leinpfad ist enger, die Lahn biegt auch schon mal um eine Kurve. Da gibt es dann lahnseitig ein Geländer, wohl damit so schnelle Radfahrerinnen wie ich bei ihrem waghalsigen Tempo nicht aus der Spur fliegen, hüstelhüstel.

Geländer gibt es auch an den Schleusen und damit die nächste Herausforderung mit ihrem kurzen steilen Sprint den Schleusen-Hügel hoch, gekoppelt mit einem Slalomschlenker durch die Absperrungen. Das muss ich doch noch mal üben, das endet meist mit einem eher uneleganten Abstützmanöver.

Auf dem Uferweg sieht man noch die Spuren der schweren Unwetter der letzten Tage, gefällte und zerlegte Baumriesen neben der Trasse, Schlammpfützen über den Weg. Ansonsten ist es einfach nur schönes Rollen in friedlicher Flusslandschaft. Selbst die oft parallel verlaufende Straße stört das Gefühl nicht. Halb zugewachsene Industrieanlage der Vergangenheit zeigen ihren morbiden Charme.

Apropos morbider Charme, da kommt Bad Ems nur auf morbide. Der Radweg führt im Zickzack durch mehr oder weniger verkehrsreiche Straßen – die Uferpromenaden und Parks am Fluss sind ganz eindeutig den kurenden Gästen zu Fuß vorbehalten – an noblen Hotels vorbei, der modernen Therme und dem alten Spielcasino. Alles sieht geschlossen und halb verlassen aus, trotz der zahlreichen Nobelkarossen, die vor einigen der Hotels stehen. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass bei diesem ungemütlichen Wetter niemand Lust zu flanieren hat.

Wir kreuzen die Lahn – auf einer Brücke! – und verlassen Bad Ems, nur um ein paar Kilometer weiter in idyllischen Wiesen austesten zu können, welch eine intensive und weitreichende Geruchsglocke Silage und Gülle übers Land legen können. Die Freuden des Landlebens mit seiner ach so gesunden Luft begleiten uns bis zur Brücke in Dausenau, unserem Ziel für diesen Nachmittagsausflug.

Fast können wir den Ort nicht betreten, denn ein Schwanenvater geht zischend und flügelschlagend auf Monsieur los, der wohl etwas zu nahe an seinen vier Küken vorbei geradelt ist. Die Vier grasen fröhlich und völlig ungerührt den Uferstreifen ab und haben eindeutig weniger Angst vor uns als ihr Vater.

Dausenau ist Fachwerk-Romantik und Saure-Trauben-Reaktion vom Feinsten. Alle Ausflugslokale, Eisdielen und Cafés sind geschlossen, was uns zu einem bockigen „Hätten wir eh nicht gewollt, bei den Temperaturen“ verleitet.

Anderthalb Stunden später sind wir wieder zuhause – ich muss unterwegs noch ein paar Fotos machen, sonst wären wir natürlich viel schneller gewesen. Ganz bestimmt!

Kultur erfahren

Im Rheintal, zwischen Bingen und Koblenz, können wir Kultur erfahren, mehrfach. Das beginnt mit dem RheinRadWeg und endet noch lange nicht mit den Fähren. Diese behaupten bedeutungsschwer integraler Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes zu sein. Was sie damit verschleiern und beschönigen wollen, ist die Tatsache, dass es auf der ganzen Strecke zwischen Koblenz und Mainz nicht eine einzige Brücke über den Rhein gibt.

Dafür gibt es auf jeder Rheinseite eine Menge Burgen zu bewundern, aber da müssen wir erstmal hinkommen. Der rechtsrheinische Weg führt von Koblenz flussaufwärts bei Lahnstein zuerst durch ein Industriegebiet vom Fluss weg, weil eine große Mühlenruine der 1890er den Uferweg als Privatbesitz beansprucht. Normalerweise kann man kurz durch den daneben liegenden Brauerei-Biergarten ausweichen, nur eben nicht heute, Mon- und somit Ruhetag. Endlich auf dem Uferweg teilen wir ihn uns anfangs noch mit Kinderwagen und Joggern, hinter der Lahnbrücke kommt ein Stück mit Schrebergärten links und alten Männern mit noch älteren Hunden. Zwei davon spielen Straßensperre. Der alte Mann ruft sie zur Seite und der Schäferhund gehorcht auch. Der andere Hund, der rundgemopste, grauschnäuzige, tiefergelegte steht auf seinen krummen Beinen weiterhin in der Mitte des Weges und schaut uns aus trüben Augen verständnislos an. „Der ist nicht alt,“ verteidigt ihn sein Besitzer, „der ist nur scheu!“ – „Ich auch!“, lacht Monsieur und kurvt um die moppelige Straßensperre herum.

Der nächste Lacher kommt von mir – vor Braubach, als Monsieur vorschlägt, „mal kurz“ zur Marksburg hochzufahren – und ist dann eher sarkastisch gemeint. Das Schöne ist ja, wir sind keine Touristen, wir sind von hier. Das heißt, alles, was touristisches Pflichtprogramm wäre: Marks- und jede andere Burg, Stolzenfels, Deutsches Eck, haben wir in unserer Jugend zum Überdruss gehabt – da schauen wir schon gar nicht mehr hin. Das erspart uns dann hier und heute einige nicht unerhebliche Höhenmeter, denn bis auf die Pfalz bei Kaub haben diese romantischen Rheinburgen immer die ganz unromantische Eigenheit auf höchst steilen Bergrücken zu liegen.

Der Radweg bietet uns eine große Vielfalt von ganz unterschiedlichen Erfahrungen: verträumte Orten mit Fachwerkhäuschen und das Gebrause der vielbefahrenen Bundesstraße direkt neben uns. Bekannte Weinlagen – wir winken kurz vor Boppard unserem Lieblingswein zu – und die hässliche Industrieanlage, die das Rhenser Mineralwasser abfüllt. Rheinromantik mit tief liegenden Frachtschiffen, die tuckernd an uns vorbeiziehen und das ohrenbetäubende Getöse, wenn ein Güterzug nur eine Straßenbreite von uns entfernt vorbeidonnert. Außerdem bietet er die Erkenntnis, dass wir eine Risiko-Sportart betreiben. Die Gefahr geht natürlich nicht von mir als Radfahrerin aus – ich weiß, dass einige jetzt grinsen, schämt Euch! -, das Risiko geht vom Gegen- in diesem Fall vom Querverkehr aus. Das, vor denen hier gewarnt wird, ist heute Morgen eher unmotiviert und überschaubar, da riskieren wir – mit kurzem Fotostopp – die Durchfahrt.

In Filsen gibt es die längste Bank am Rhein und ein Rüdiger-Rehberg-Ufer, weil der Abenteurer hier auf einem einfachen Floß den Rhein überquert hat. Ganz so abenteuerlustig sind wir – und die Ardenner erst recht – nicht und so warten wir auf die Fähre nach Boppard, zusammen mit zwei Bremer Radfahrern und einem Wohnmobil. Die Fähre dockt an, das Wohnmobil rollt los – und handelt sich einen ganz gepflegten Anpfiff vom Kapitän ein. Er – der Fahrer – hätte erst loszufahren, wenn er – der Kapitän – ihm das Zeichen dazugäbe, ob er das verstanden hätte, kommt im gröbsten Tonfall vom Kapitän, gleich zwei Mal. Und dann blafft er uns an, warum wir nicht auf die Fähre fahren würden. Ohne sein Zeichen? Haben wir nicht gewagt. Der Bremer hinter uns spekuliert kurz, ob er gegen den Ton protestieren soll, aber wir sind uns einig, dass Aufmüpfige wahrscheinlich zum Rudern verdammt werden würden – mit Peitsche und Trommelschlag.

Endlich tuckern wir los und Monsieur zeigt mir auf der anderen Rheinseite das Karmeliterkloster, dessen exquisite Glasfenster er bewundern durfte, im The Cloisters, einer Zweigstelle des Metropolitan Museum of Art, New York. Vor Ort, in Boppard selber, können wir Sankt Severus bewundern und den trockenen Humor des Kellners des kleinen Cafés auf dem Marktplatz. Die Kirche bietet Ausmalungen in den Originalfarben des Mittelalters, wunderschön in ihrer Farbenpracht. Aber – in meinen Augen – viel bemerkenswerter ist die „Geflügelsammlung“ über den Gewölbebögen: geflügelte Schlangen, geflügelte Drachen, geflügelte Fabelwesen, ungefähr alles, was man sich – was ich mir – nie mit Flügeln hätte vorstellen können.

Der Kellner bringt uns ein wohlverdientes Weizenbier zum Flammekuchen, einmal quer über den halben Marktplatz, wo wir schön unter Sonnenschirmen des Cafés sitzen und die Fachwerkhäuser bewundern. Hinter uns beschwert sich jemand über das schlechte Wetter, dass es morgen wieder regnen soll. „Also ich,“ meint der Kellner, „finde Regen super.“ Blickt zum Café, blickt zu den Tischen. „Sitzen alle drinnen. Hab‘ ich nicht so viel zu laufen.“

Wir müssen uns noch entscheiden, ob wir die Untere, die Mittlere oder die Obere Marktgasse nehmen für die Suche nach Stadtmauer und Römerkastell, dann geht es wieder den Rhein entlang. Mit ein paar Umleitungen kommen wir unter Stolzenfels durch bis nach Koblenz-Oberwerth. Wir trudeln durch die gutbürgerlichen „besseren Wohnviertel“ der 1880er, wo Herr Goethe Herrn Bach kreuzt, kurz bevor Herr Uhland dazu stößt. Beschließen ganz spontan, doch nicht über die alte Eisenbahnbrücke nach Hause zu fahren, sondern etwas richtig Touristisches zu tun. Keine Viertelstunde später stehen wir am Deutschen Eck und bewundern den Blick. Wie all die anderen Touristen.

Diät für die Augen

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Noch einmal in opulenter Pracht frühstücken, obwohl mir das Einhorn schon ein bisschen leidtut. Es dreht, offensichtlich schlecht gelaunt, aber mit stoischer Miene vor der Theke mit den Eierspeisen seine Runde. Nicht genug, dass es miterleben musste, dass es heutzutage fast nur noch als rosaroter Prinzessinnentraum dargestellt wird, der auf Regenbögen galoppiert und Sternenglitzer pupst – sorry, aber ist doch so.

b-ems1Nein, jeder der zu seinem Rührei drängt, latscht bedenkenlos über es hinweg. Ich natürlich nicht, ich gehe schön außen herum, was dann ein anderes Problem bringt. Zwischen zwei Einhörnern dreht ein anderes Wesen seine Runde, mit genauso mühsam beherrschten Gefühlen. Mein Problem ist, dass da auch zwei davon sind,  ich aber gar kein Pluralwort für Pegasus habe.

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Danach noch einmal im Foyer sich in der üppigen Pracht vergangener Zeiten versammeln zum obligatorischen – und von mir gar nicht gemochten – Familienfoto. Sich hingießen auf die prachtvollen Sofas, um festzustellen, dass sie sehr unbequem sind und ich nur mit Mühe und Not wieder aus ihren Tiefen hochkomme. Noch einmal „wandeln“ in der marmornen Kühle der großen Wandelhalle zum „Emser Kränchen“, vorbei an blauem Achat und viel Gold und Stuck.

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Dann aber geht es die Lahn entlang und auf den Hunsrück, umgeben von ganz viel Natur in leuchtenden Herbstfarben. Wunderschön! Diät für die Augen.

Was Baedeker nicht wusste

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Unsere Familientage neigen zu einer gewissen Opulenz, unterbringungs- und ernährungstechnisch. Letzteres kann man mit etwas Bewegung ansatzweise ausgleichen. In Bad Ems bietet sich der Bäderlei-Weg an, der von Herrn Baedeker schon Mitte 1800 als einzigartig schön gepriesen wurde und folgerichtig in Baedeker-Weg umbenannt wurde. Was Herr B. nicht wusste, nicht wissen konnte, ist die Tatsache, dass der viel gepriesene Weg die ersten 20 seiner 190 Höhenmeter im Treppenhaus des neuen Parkhauses der Kurstadt erklimmt. Somit zum Schummeln Aufgelegten die Möglichkeit gibt, vier Stockwerke per Lift zu bewältigen.

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Wir tun das natürlich nicht, wir stellen uns der doppelten Herausforderung, die Treppen und Parkhausarchitektur darstellen und dürfen kurz darauf den schmalen Felspfad betreten, der zu den Heinzelmann-Höhlen führt. Die sind nicht zu Hause und so kämpfen wir uns Schleife um Schleife, Aussichtspunkt um Aussichtspunkt – immer dasselbe Bad Ems, aber immer ein neuer Blickwinkel – hoch zum Concordiaturm, der mit der Aussicht auf eine wohl und vielfältig gefüllte Kuchentheke lockt. Cappuccino-, Eierlikör-, Kirschkäse- und andere Torten machen dann wieder weitere Bewegung notwendig, im Thermalbad, um sich ein bisschen Appetit für das opulente Abendessen zu erarbeiten.

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Ich fürchte, ab morgen muss ich mit einer Diät anfangen.

Aber natürlich erst nach dem ausgedehnten Frühstück hier.

Ich habe das Bernsteinzimmer gefunden!

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Das ist zumindest mein erster Gedanke, als wir durch Flur um Flur des Grandhotels tigern, auf der Suche nach unserer Zimmernummer. Der Boden in Royalblau, die Wände holzgetäfelt und in Bernsteinkasetten ausgelegt. Ganze Marmorhügel müssen abgetragen worden sein, ganze Wälder abgeholzt für die äußerst opulente Ausstattung des Grand Hotels in Bad Ems. Abgetragen und abgeholzt, um Kaiser Wilhelm, Zar Alexander und Bismarck den geeigneten Hintergrund für ihre Treffen zu geben. Kein Wunder, dass mir das alles ein bisschen zu „zu“ ist.

Aber es ist so wie mit barocken Kirchen. Das alles ist so zu viel, dass es schon wieder etwas hat. Und während mein Sarkasmus mir „Industrialisierung“ und „Kriegstreiberei“ zuflüstert, merke ich – nicht ohne eine gewisse Sorge -, dass ich gerader sitze und aufrechter wandle in diesen edlen Hallen. Zum Glück nur bis Sonntag. Das sollte keine bleibenden Schäden hinterlassen.

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Auch gut

Gesucht haben wir romanische Gewölbe.

Gefunden haben wir das hier.

 

Und danach war es zu spät für Romanik.

Auch gut…

Oper mit Begleitprogramm

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Mir haben sie nicht gefehlt, die Orkanböen und der sintflutartige Regen der letzten Opernfahrt zu Carmen. Ich finde das sehr entspannend, bei Sonnenschein mit der „München“ nach Bad Schachen zu tuckern, dort pünktlich einige weitere Hundert Opernfreunde abzuholen und mit sanfter Brise der Bregenzer Seebühne entgegenzufahren.

Auch im Trockenen direkt am Bühnenbild anzukommen, ist eine schöne Erfahrung, ebenso, dass wir nicht erst den Regen aus den Kuhlen in unseren Sitzplätzen wischen müssen. Die Gäste der „Graf Zeppelin“, die kurz nach uns anlegt, sehen das sicher auch so. Mit der Ankunft des Raddampfers „Hohentwiel“ sind dann alle Schiffspassagiere auf dem Festspielgelände.

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Wie gesagt, wir genießen den Sonnenuntergang, auch wenn einige Wolken aufziehen und der Gewittervorhersage für die Nacht Glaubwürdigkeit verleihen. Dem Höfling Matteo, der als Zirkusdirektor dem Clownshaupt entsteigt, passt das alles gar nicht. In übertriebenem Deutsch-Italienisch beschwert er sich über „die schlechtä Wettär“, bei dem man doch keine dramatische Oper spielen könne. „Gestärn, Sturm und Regen, ja, das gutä Wettär für Opär“ – und alle lachen mit etwas Schadenfreude auf, denn wir wissen, dass gestern die Vorführung eben deshalb abgesagt werden musste. Mit einem letzten Aufschrei: „Und jetzt, sähen Sie, auch noch Sonnenuntergang – ist sich so kitschig, gehtä gar nichtä!“ verschwindet er und überlässt die Bühnen den Gauklern und Zirkusakrobaten, die uns zum Hof des Herzogs von Nantua entführen.

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Ich will jetzt hier keine Diskussion losbrechen über Rigoletto und #Metoo, Machtmissbrauch oder das Frauenbild in Opernlibretti, ich will hier nur genießen, was die Seebühne mit ungeheurem Aufwand und kreativem Ideenreichtum umgesetzt hat. Gilda steigt Led-umglitzert in der Ballongondel hoch, um dort ihre Arie zu singen. Die Augäpfel rollen ins Wasser. Höflinge fallen beim Gerangel während der Entführung in den Bodensee und der Herzog sieht sein verqueres Frauenbild „La donna è mobile“ verwirklicht in einem wahrhaftigen Frauen-Mobilé, das sich in der Hand Lindau hin und her dreht. Die selbe Hand Lindau formt sich in einer Szene zum „Stinkefinger“, um dem Herzog zu zeigen, was sie von seinem schändlichen Treiben hält. Rigoletto durchläuft seine Wandlung vom kriecherischen Handlanger des Machtmissbrauchs zum zerrissenen, verängstigten Opfer und zum Schluss stehen 7000 Menschen begeistert auf und applaudieren dem Ensemble.

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Dann beginnt das Begleitprogramm, denn diese 7000 Menschen wollen die Seebühne nun verlassen. Ansagen geben durch, wo und wann die nächsten Busse und Züge abfahren und die „Graf Zeppelin“, die sich während der Ovationen an die Bühne herangeschoben hat, legt an. Deren Passagiere werden nun gebeten, schnellst möglichst einzusteigen, damit die auf dem See wartende „München“ ihre 1000 Fahrgäste abholen kann. Wir stehen, diskutieren, reden, lassen einzelne Momente nachklingen, aber was wir hauptsächlich tun, ist warten. Der Steg vor der „Graf Zeppelin“ ist inzwischen fast menschenleer, da hetzt ein älterer Herr an uns vorbei. Gut, das wird der letzte Passagier sein, jetzt sind wir gleich dran, denke ich. Nein, da kommt eine Durchsage: „Frau Z., bitte begeben Sie sich umgehend…“ und alle um uns herum stöhnen auf. Wir warten und warten, keine Frau Z. erscheint. „Frau Z., Frau Silvia Z., bitte begeben Sie… Ihr Schiff legt in einer Minute ab.“ Rechts und links klingt erstes schadenfrohes Gekicher auf, als die „Graf Zeppelin“ nach weiteren fünf Minuten tatsächlich die Taue löst und sich langsam vom Steg wegschiebt. Da taucht von hinten eine Gestalt auf. Mit wehendem grauem Haar, Panik im Blick hastet Silvia an uns vorbei, der entschwindenden „Graf Zeppelin“ hinterher. Die Reaktionen um uns herum sind gemischt. Die meisten feuern sie mit „Silvia! Silvia!“ an, einige durch das Warten Genervte buhen sie aus. Als aber klar wird, dass die „Graf Zeppelin“ die Aufruhr mitbekommen hat und zurückkehrt, um wieder anzulegen, geht ein kollektives „Oh, nein!“ durch die wartenden Passagiere der „München“. Aber irgendwie schafft es Silvia, die „Graf Zeppelin“ legt tatsächlich ab und wir sind dran. Ganz ohne dramatische Silvia-Aktionen gelangen 1000 Menschen an Bord und die „München“ versucht die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Allerdings spielt inzwischen das Wetter nicht mehr so mit und die Böen schütteln uns ein bisschen durch. Wir sausen an Lindau vorbei. Da kommt die Durchsage, dass wir uns jetzt bitte alle hinsetzen und gut festhalten sollten, da sie eine schnelle Wende durchführen würden. Draußen rauschen die Lichter am Ufer an uns vorbei, als das Schiff scheinbar auf der Stelle dreht, um im Sturm den Anleger von Bad Schachern anzulaufen. Zwei weitere solcher abrupter Wendemanöver lassen die Fahrgäste doch plötzlich sehr leise werden und dann wird uns klar, dass wir Richtung Konstanz unterwegs sind. Stille legt sich über das Schiff, während wir leise diskutieren, was hier gerade passiert. Haben die Österreicher nach den Landstraßen auch den See gesperrt? Gibt es wie bei Flughäfen ein Nacht(an)landeverbot für Lindau und wir werden bis zum Morgengrauen auf dem See treiben? Hat der Kapitän zu viel vom auf der Hinfahrt ausgeschenkten Sekt gekostet? Nein, es seien einfach zu viele Wellen, beteuert einer der Seeleute. Das nächste Wendemanöver wird nicht mehr vorangekündigt, wahrscheinlich sind wir jetzt alle in den Augen des Kapitäns so gestandene Seebären und Seebärinnen, dass wir das auch so schaffen und kurz darauf dampfen wir durch die Lücke in den Hafenmauern ins Becken von Lindau. Es ist inzwischen kurz vor ein Uhr. So lange hat unsere Oper mit Begleitprogramm gedauert.

Übernächstes Jahr werden sie Madame Butterfly aufführen. Ich hätte da schon so ein paar Ideen für das Bühnenbild…

 

Gründliche Vorbereitung

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Wir bereiten uns auf die Oper heute Abend vor. Lindau bereitet sich auf die Landesgartenschau 2021 vor.

Allerdings nicht, wie ich naiverweise annehmen würde, mit pflanzen und säen und setzen. Nein, sie reißen erstmal ihre Bahnstrecke ab. Das Wichtigste an einer Landesgartenschau scheint der Bahnverkehr zu sein, der die Besuchermassen bewältigen muss. Für uns bedeutet das „Schienenersatzverkehr“ von Lindau bis Lochau, wo wir dann noch kurz Gäste der ÖBB sein dürfen, bevor sie uns direkt vorm Festspielgelände absetzt. Wir sind in Schwaben und mit schwäbischer Sparsamkeit haben wir ein Gruppentagesticket erworben. Für ganz wenige Euro könnten wir den ganzen Tag schienenersatzverkehren. Klingt verlockend, aber wir haben ja schon etwas anderes vor heute. Wie bei Carmen soll uns auch bei Rigoletto eine Führung über die Bühne einen Einblick hinter die Kulissen ermöglichen.

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Es werden eine Menge Zahlen genannt, bevor wir auf die Bühne, über den Stehkragen des Clowns laufen dürfen. Im Kopf geblieben sind mir die 45m Höhe, auf die der Montgolfière während der Oper aufsteigt. Da gibt es dann keine Ausrede, das ist Luftverkehr. Weshalb diese Bühnenrequisite auf der Seeseite sozusagen ein Nummernschild aufgeklebt hat, die Kennziffer, mit der sie für den Luftverkehr freigegeben ist. Die andere Zahl ist 2,70m. Rigoletto zerfällt, nachdem der Fluch ihn getroffen hat. Das wird im Bühnenbild wortwörtlich umgesetzt, weshalb irgendwann – heute Abend weiß ich mehr – dem Bühnenclown die Augen aus dem Kopf fallen und ins Wasser rollen. Diese Augäpfel, neben denen wir während der Führung stehen, haben einen Durchmesser von 2,70 m.

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Die junge Frau erzählt von Stunts, 21 an der Zahl, von einer englischen Akrobatentruppe, die in den Eröffnungsszenen für Zirkusflair sorgt, deutet an, dass man den Ballon im Auge behalten soll und dass in Gildas Kleid Tausende LEDs eingearbeitet sind. Auch dass die Hände, freundlicherweise nicht rechte oder linke Hand, sondern Hand Lindau und Hand Bregenz genannt, nicht so hölzern-statisch sind, wie sie wirken, ja dass ihnen eine tragende Funktion zukommt.

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Kurzum, sie streut so geschickt neugierig machende Fakten vor uns aus, dass sich jeder, der noch keine Karten hat, sofort überlegt, ob und wie er sich wohl noch welche besorgen könnte.

Uns wäre das ja viel zu spontan, weshalb wir vor knapp einem Jahr die Karten reserviert haben. Weil wir außerdem noch ein bisschen faul sind, überlassen wir es der Bodenseeschifffahrt uns ohne Stau- und Parkplatzproblem zur Seebühne zu bringen. Weil wir darüber hinaus auch noch nicht bereit sind, so eine Oper auf nüchternen Magen durchzustehen, gibt es ein Prä-Oper-Dinner im Hotel.

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Das alles bedarf natürlich einer gründlichen Vorbereitung – in Form einer kleinen Siesta, nachdem uns die ÖBB und der Schienenersatzverkehr wieder zum Hotel gebracht haben.

Nur Monsieur, der ist unruhig. Er muss nochmal los, eine Eisdiele suchen.

 

 

 

 

Ganz köstlich amüsiert

 

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Bolle reiste jüngst zu Pfingsten, Udo wollte mit dem Sonderzug dahin und unsere U 2 fährt jeden Tag dorthin – nach Pankow. Da reizt es mich schon, mal selber nachzuschauen, warum Pankow für Udo und Bolle so faszinierend ist. Hinzukommt, dass jedes Mal, wenn ich „Einfahrt Zug nach Pankow“ höre, sich entweder Bolle oder Udo als Ohrwurm im Kopf einnisten.

Im Internet finde ich Bilder von Parks und Seen, gerade richtig für eine kleinen Ausflug ins Grüne.

Nur spielt heute Morgen das Wetter so gar nicht mit. Dunkle Regenwolken, böiger Wind, ach nein, das ist nicht, was ich mir vorgestellt habe. Also hole ich mir meinen Sonnenschein woanders, bei den sonnen- und lichtdurchfluteten Bildern der Impressionisten in der Alten Nationalgalerie. Die werben zur Zeit massiv mit Herrn Caillebotte, dessen Industrie-Bilder wir im Barberini-Museum kennen gelernt hatten.

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Es ist allerdings ein bisschen ungeschickt, dass sie von ihm eigentlich fast nur das große „Regenbild“ ausstellen, dazu eine Menge Skizzen eleganter, gut gekleideter Damen und Herren – alle mit Regenschirmen oder gegen den Wind geneigten Zylindern. Muss ich mir meinen Sonnenschein woanders suchen, z.B. in den kleinformatigen Spitzwegs eine Etage höher.

Um 13 Uhr habe ich ein Rendezvous – mit dem „Mönch am Meer“. Virtual Reality, auch ein bisschen gehyped, aber offensichtlich nicht richtig angekommen. Denn als ich um 11 Uhr nachfrage, erhalte ich sofort mein Zeitfenster im ersten Kontingent. Mit einem Helm ausgestattet, kann ich mich im Bild bewegen, die bei der letzten Restaurierung unter der obersten Farbschicht gefundenen Schiffe bewundern und ein paar wohl gewählten Zitaten lauschen, unterlegt mit Musik und Möwengeschrei. Das Ganze dauert zehn Minuten, ist ganz nett, aber nun auch nicht gerade ein umwerfend neues Erlebnis, was die Frau neben mir auch knapp zusammenfasst: „Und dett wa alles?“ Dann werde ich noch freundlich aufgefordert, einen Fragebogen zu dieser Erfahrung auszufüllen. Wirkt auf mich, als ob da jemand Daten sammelt für eine Masterarbeit in Museologie, aber nein: „Das ist Forschung für die Initiative Museum 4.0, das Museum der Zukunft.“ Da ich Zweipunkt bis Dreipunkt nicht mitbekommen habe, bin ich ganz klein und still davon gegangen.

Dann stehe ich vor der Nationalgalerie, mein Kombiticket in der Hand. Das kostet – alle Museen der Museumsinsel zusammen für einen Tag – 18€, Pergamonmuseum allein 19€. Die Logik dahinter sehe ich nicht, die riesige Schlange vor eben diesem Museum schon. Ticket in der Hand frage ich einen Kontrolletti, ob es eine Sonderausstellung gebe. „Nö“, meint der, „dett is Samstag in Balin, Museum is voll.“ Und nein, mein Ticket gäbe mir kein Anrecht an der Schlange vorbeizuziehen, da hätte ich schon ein Zeitfenster buchen müssen. Habe ich natürlich nicht, also wird das diesmal nichts mit Löwen streicheln. Damit das Kombiticket dann auch Kombiticket wird, schaue ich rasch noch bei Nofretete vorbei.

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Gehe für Monsieur am Stadtschloss vorbei – immer noch nicht fertig- , weil der von 8 – 19 Uhr in seiner Tagung sitzt. Freue mich auf einen Kaffee im Restaurant auf der Terrasse des Humboldtforums und ärgere mich dann ein ganz kleines bisschen, auf die vollmundigen Versprechen dieser Werbebanner hereingefallen zu sein. Die vergessen haben zu erwähnen, dass das erst 2020 möglich sein wird.

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Den Rest des Tages verbringe ich weitgehend im Berliner Nahverkehr, auf den Strecken von und zu den Hacke’schen Höfen, dem Brandenburger Tor, Kurfürstendamm – was man halt so anschaut in Berlin.

Ich stehe am Alexanderplatz, suche einen Anschluss, will den Trambahnfahrer fragen und sehe, dass der in einem geschlossenen Führerhäuschen sitzt. Drehe mich weg, da geht die Tür auf: „Junge Frau [Junge Frau! Ha!], wat kann ick für Se tun?“ Ich schildere meine Suche, er schlägt den S-Bahnhof, ganz weit da hinten, vor. Meine Füße und ich seufzen auf und er grinst: „Steigen Se ein, junge Frau, ick fahr Ihnen zum Bahnhof.“ Und fährt los zu seiner nächsten Haltestelle am S-Bahnhof.

Mit der 100 mache ich dann Sightseeing light aus dem Oberdeck des Buses, die letzten Haltestellen neben einer Familie mit sehr wissbegierigen Kleinen. „Papa, wie nennt man nochmal die Leute, die so nackt in der Gegend rumstehen?“ Der Vater ist überfordert, bis der Kleine auf ein Denkmal zeigt. „Ah, Statuen meinst du!“

Natürlich macht so viel Touristerei hungrig, denn ich habe weder bei Nofretete noch Herrn Friedrich einen Kaffee getrunken, also halte ich in einem der Bahnhöfe an einem Sandwichstand, beäuge die Brötchen und frage den Mann hinter der Theke: „Was ist denn das auf diesem Brötchen, Fisch oder Fleisch?“ – „Fleisch“, kommt die Antwort. „Hmmm, welches Tier?“ Er hebt langsam die Schultern: „Schnitzeltier?“

 

Morgen geht es nach Genf zurück und ich fahre mit dem Refrain meines Ohrwurms:

… und trotzdem hat sich Bolle ganz köstlich amüsiert.

 

Wobei das in meinem Fall natürlich „Paonia“ heißen müsste…

 

 

Ohne Titel

Leben ist lernen, Reisen ist lernen und ich komme in Berlin nicht aus dem Staunen heraus.

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Oder im Bus:

Gestern zum Beispiel unterhalten sich zwei ältere Damen hinter mir über das Schicksal der armen Menschen in „Änthopien“, dass sie in Änthopien ja so viele Rohstoffe hätten, die korrupte Regierung Änthopiens das Geld aber für sich behielte, empört sich die eine. „Echt jetzt?“, kommt von der anderen. „Ja, all der Kaffee, der kommt aus Änthopien, der ganze Kaffee, alles aus Änthopien.“ Kurze Pause, dann wird korrigiert: „Nur der Tchibo-Kaffee, der kommt aus Kenia.“

Wieder was gelernt.

 

Noch faszinierender auf der Heimfahrt heute im Bus: drei pubertäre Knaben, Migrationshintergrund in der dritten Generation.

„Ey, Alter, was machst du morgen?“ –

„Geh ich zum Frisör!“

„Ey, bist du verrückt! Doch nicht Samstag!“

„Warum?“

„Ey, gehst du Dienstag. Hast du Mittwoch Schule. Sieht jeder sofort, dass du beim Frisör warst. Gehst du Samstag, hast du erst Montag Schule, ist alles schon wieder nachgewachsen.“

 

Ich finde es faszinierend, welch wichtige Rolle der Schulbesuch in diesen Überlegungen spielt.