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Wandregisel und Ursicinus

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Manchmal, bevor wir einen Ort aus dem Archiv der ungereisten Reisen holen und den Staub wegblasen, lesen wir bei Wiki oder in einem Reiseführer (einem echten aus Papier!) nach, was uns dort wohl erwarten wird. In Saint-Ursanne sind es dann nicht Bilder von großer landschaftlicher Schönheit, es sind die Namen. Gegründet von einem Ursicinus, damals noch nicht heilig, von Beruf Eremit. Das erklärt auch die mich etwas irritierende Inkonsistenz zwischen weiblicher Namensendung und männlichem „Saint“, aber vielleicht wusste der Gute oder die Gute ja selber nicht so recht…

Wie gesagt, gegründet von Ursicinus, ausgebaut vom dabei ebenfalls noch nicht heiligen Wandregisel, in Frankreich auch bekannt als Saint Wandrille. Diese Namen! Wäre das jetzt nicht Wikipedia, könnte ich auf den Gedanken kommen, da erlaubt sich jemand einen Scherz. Die nächsten Scherzbolde waren dann die revolutionären Franzosen, die das Gebiet kurz unter ihre Gewalt bekamen und es zum Département Mont-Terrible umtauften. Mit dem Ende von Napoleon kam das Städtchen an Bern und die terrible Franzosenzeit war vorbei.

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Wir fahren ab Landau Richtung Straßburg, was Monsieur etwas irritiert. Von den langen Heimfahrten mit den Kindern hat er noch eine feste Regel verinnerlicht: Butterbrote werden nicht vor der Speyerer Rheinbrücke ausgepackt. Da wir nun zwar über Speyer, aber nicht über die Brücke fahren, haben wir ein kleines Problem. Das sich wie viele kleine Probleme durch einfaches Zupacken schnell und zielführend lösen lässt, kurz hinter Neustadt.

Basel umfahren wir auf französischen Autobahnen, die wieder sehr kommunikationsfreudig sind und auf alle möglichen dräuenden Gefahren hinweisen, jedoch die Gefahr durch abgelenkte, da lesende Fahrer völlig ignorieren.

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Saint-Ursanne erweist sich dann als ein Ort der Kategorie „Hübsch“. Hübsche Sträßchen, hübsche alte Häuser, hübsche Brücke. Ein bisschen getrübt wird das Ganze durch die Tatsache, dass sich Saint-Ursanne gerade eine neue Frischwasserzu- und Abwasserabfuhr leistet und einige der hübschen Sträßchen aufgerissen und gesperrt sind. Dafür spaziert man an anderen Stellen über quasi „sandfrisch“ verlegtes Pflaster. Einen hübschen Platz zum Kaffee trinken gibt es natürlich auch, direkt an Brücke und Stadttor mit Blick über den Doubs. Die für uns fast obligatorische romanische Kirche liegt inmitten all dieser Idylle. Die anhält, bis man sich im Inneren mit dem spätbarocken Altarmonstrum konfrontiert sieht.

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Also, im Ganzen ein hübscher Ort für einen Zwischenstopp, aber nicht unbedingt ein Ziel, dass ich jetzt noch einmal, mit mehr Zeit und Ruhe besuchen möchte.

Das für mich Schönste kommt eigentlich, nachdem wir Saint-Ursanne verlassen haben. Auf kleinsten Sträßchen, durch enge Felsschluchten klettern wir durch den Jura Richtung Biel. Und wissen nicht, haben wir gerade großes Glück oder die Autofahrer nach uns großes Pech haben, als uns der Bauarbeiter mit dem Durchfahrt-gesperrt-Schild in der Hand entgegen kommt. Da wir in den letzten 20 Minuten kein anderes Auto gesehen haben, ist schwer zu sagen, ob er ab- oder aufbaut.

Durchfahrt durch Biel ist nun auch kein Highlight, aber ab Neuenburg kennt mein Auto ja die Strecke.

Zuhause kommt Saint-Ursanne dann ins Archiv der gereisten Reisen. Und Deckel zu.

 

Bonn, ja also, Bonn

Das ist jetzt ein Blogbeitrag dazu, weshalb es keinen Blogbeitrag zu Bonn gibt.

Zwei Termine habe ich, einen in der Nähe und einem im Zentrum von Bonn, dazwischen gut anderthalb Stunden Zeit. Was liegt also näher, als sich ein bisschen Bonn anzuschauen. Ich komme ganz gut weg, aber dann ja, also, dann verk- verdingst Bonn alles. Mein Ziel liegt am Kaiserplatz, aber als mein Navi angibt: noch 400m zum Ziel, sagt Bonn: Zugang Neutorplatz gesperrt und schickt mich in die Ehrenrunde. Das merke ich aber erst, als ich eine Viertelstunde später im gleiche Stau wie zu Beginn meiner Bonn-Experience stehe. Es bleiben noch gut 50 Minuten Bonn-Besichtigungszeit. Wieder rechts abbiegen, wieder die Stelle, an der ich zum gesperrten Neutor käme. Aber ich bin ja potentiell lernfähig und folge diesmal den Umleitungsschildern. Bis zu der Stelle, wo diese plötzlich nicht mehr da sind.  Bonn scheint eine sehr aufnahmebereite Stadt zu sein, denn jeder der fünf Passanten, die ich nach dem Weg fragen will, antwortet entweder „Isch nischt deutsch spreschen“  oder „Isch nischt von hier“.

Und irgendwann merke ich, dass ich in der dritten Runde gelandet bin. Aus reinem Widerspruchsgeist biege ich jetzt in die Gegenrichtung ab und finde eine Gruppe Studenten, die nicht nur Deutsch sprechen, sondern sich auch noch auskennen. Sie bestätigen meinen Widerspruchsansatz: Statt den Umleitungsschildern nach links zu folgen, hätte ich einfach geradeaus fahren sollen. Und siehe da, mein Ziel ist in Kürze erreicht. Aber jetzt bin ich bockig, jetzt habe ich keine Lust mehr Bonn zu besichtigen, von Zeit ganz zu schweigen.

Tja Bonn, selber schuld.

 

Kleiner Nachtrag: Und einen Strafzettel für zu langes Parken gab es auch noch.

Zehn Euro für zwölf Minuten Parkzeit überziehen.

Ja! Ich weiß, das ist nicht ganz allein Bonns Schuld…

Memory Lane

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Manchmal bekomme ich so einen Rappel und das Gefühl, ich müsste mal ausmisten, aussortieren, aufräumen. Endet meist damit, dass ich vor offenen Kisten, Kästen oder Schubladen sitze, deren Inhalt großzügig um mich herum verteile und dann verträumt in Nostalgie schwelge ob eines gerade gefundenen Erinnerungsstückes. Mit Aufräumen und Ordnung schaffen ist dann auf absehbare Zeit erst mal nichts.

So geschehen vor kurzen, als mir ein paar Fotos in die Finger fielen. Eine noch sehr junge Paonia mit wildem, dauerwellgeschuldeten Afrolook und jenen riesigen Eulenaugen-Brillen, die in den 70ern so modern waren. Ein noch sehr junger Monsieur mit wildem Natur- Afrolook, dito Brille und 70er-Jahre Schnauzbärtchen. Vor dem Burgtor in Braunfels.

Und Braunfels liegt nun fast auf dem Weg vom Glauberg nach Koblenz, unserem eigentlichen Ziel.

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Und so laufen wir durch die Gässchen, wissen ganz genau, dass wir hier ein paar schöne Tage verbracht haben, können uns aber beim besten Willen nicht mehr an Hotel oder Restaurants erinnern.

Nur eben an diese Fotos unter dem Burgtor. Die wir selbstverständlich nachstellen. Um herauszufinden, dass zumindest das Burgtor sich in den letzten Jahrzehnten nicht verändert hat.

Wir natürlich schon. Und das ist auch gut so.

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Darf es ein bisschen Meer sein?

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Test – Test – Test

 

Tests im Dreierpack – und alle drei bestanden.

Der erste Test betraf das Organisationstalent unseres Planungsteams. Vorgesehen war ein Tag ohne Auto, dafür – damit uns nicht langweilig wird – mit verschiedenen ÖPNVs.

Der zweite Test sollte die Zuverlässigkeit eben dieser ÖPNVs überprüfen.

Und der dritte – und schwierigste – unsere Bereitschaft uns den vorgegebenen Rahmenbedingungen zu unterwerfen.

Was soll ich sagen? Testurteil: sehr gut.

 

Der Schwabe im Allgemeinen hat ja den Ruf, zur Sparsamkeit zu neigen. Das Schwäbische Meer hingegen zeigte sich uns gegenüber sehr großzügig. Blaue Weiten mit sonnigen Lichtreflexen, leichten Wellen und guter Laune im Überschuss. Gut, das ist sein Job, sozusagen. Aber es ist doch immer schön anzusehen, wenn jemand seinen Job mit echter Freude und Begeisterung macht.

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Erster Teil der Testreihe: Fähre von Uhldingen zur Mainau, problemlos. Gut, die Ticketkontrolettis auf der Mainau sind noch nicht ganz wach und mit anderem beschäftigt, aber wir dürfen auf die Insel. Also, die Blumeninsel. Mit ihren wunderschönen Blumenbeeten, makellosen Rasenflächen, Jahrhunderte alten Baumriesen und dem berühmten Rosengarten. Alles tadellos gepflegt und gehegt. Gönne ich ihm, den Grafen, wirklich, neidlos. Nur ganz fair finde ich das nicht. Ich vergleiche dann halt direkt mit dem Zustand meines Gartens. Der Herr Graf hat einen Garten, der 20 mal größer ist als der unsere. Wie gesagt, gönne ich ihm, ohne Probleme. Für den 20fachen Garten hat er allerdings die 70fache Gärtnermenge – und da hakt es halt. Wenn ich das jetzt mal umrechne – und nach Möglichkeit, ohne einen armen Gärtner durchzuschneiden – käme ich auf drei bis vier Gärtner für unsere Gartengröße. Ja, da hätte ich auch eine reelle Chance gegen den Giersch. Bliebe immer noch das Problem, dass meine Vorfahren leider nicht die Weitsicht hatten, sich vor ein paar Jahrhunderten eine Insel anzueignen. Da besteht Diskussionsbedarf, gebe ich zu.

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Die aktuellere Diskussion dreht sich um die Tatsache, dass Kindheitserinnerungen trügerisch sind. Diesmal geht es nicht um Zitronentörtchen, sondern um Palmenhäuser und Blumentreppen. Beides uns als großartig erinnert und erzählt, beides in der Realität nicht auffindbar. Schließlich stehen wir vor zwei Treppenstufen, die zu einem Brunnenbecken führen und unser Freund ist wirklich zerknirscht: so klein und mickrig soll sein erinnertes Highlight sein? Monsieur lässt das keine Ruhe, er dreht und wendet den Plan, geht ein paar Ecken weiter – und da ist sie dann, die mit Blumen geschmückte Treppe, mit dem Wasserlauf in der Mitte. Kindheitserinnerung gerettet. Mit den Palmenhäusern klappt das nicht, die wurden abgebaut, da hilft alles Drehen und Wenden nichts.

Weiter geht es zum Schmetterlingshaus. Und das ist reines kindliches Entzücken und Staunen. Natürlich verlieren wir Monsieur, bei der Fülle der zu fotografierenden Gaukler kein Wunder.

 

Aber irgendwann sind wir alle wieder draußen, jeder mit einer Fülle an „Hast du den gesehen?“-Begeisterung.

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Und dann kommt der etwas beängstigende Teil der Mainau: die killer ducks. Aus blühenden Blumen gestaltete Quietsche-Entchen, die selbst Jeff Koons Alpträume bereiten würden. Wir sind jedenfalls heilfroh, als wir an diesen monströsen Horrorvideo-Darstellern vorbei sind. Ebenfalls unbeschadet gelangen wir durch den Streichelzoo und den riesigen – und wirklich sehr schönen – Spielplatz und damit unmittelbar zu Testphase zwei: Bus nach Konstanz.

Der kommt pünktlich, hat auch Platz für uns und trägt uns über die Rheinbrücke in die Altstadt, wo wir bei der Haltestelle Konzilstraße aussteigen. Hier, verkünden unsere Planer, geht es zum Mittagessen im Brauhaus Albrecht und wir freuen uns. Bevor der Nachsatz kommt: nachdem wir das Münster besichtigt haben. Zut alors! Aber da müssen wir nun durch. Das Münster hat dann für alle etwas zu bieten: romanische Basilika, mittelalterliche Holzschnitzereien, scheußlichste barocke Altäre in den Seitenschiffen, wunderbare gotische Spitzenklöppelei in der Mauritiusrotunde und die wirklich einzigartigen feuervergoldeten Kupferscheiben aus dem 11. Jahrhundert in der Krypta.

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Nach der nun wohl verdienten Pause im Brauhaus lassen wir uns durch die Konstanzer Straßen und Gässchen zum Hafen mit dem Konzilsgebäude treiben. Das Gebäude kann leider nicht verleugnen, dass es sein Leben als Kauf- und Lagerhaus begonnen hat. Es ist beeindruckend als Ausdruck einer logistischen Meisterleistung des frühen 15. Jahrhunderts, aber mit der Eleganz der Konzilsgebäude von Trient nicht zu vergleichen.

 

Das Gebäude steht am Hafen, im Hafen steht die Statue der Imperia. Sie ist nicht das Denkmal für die 33 Kardinäle oder 346  Bischöfe des Konstanzer Konzils, von den 3000 Theologen und Äbten ganz zu schweigen. Nein, sie stellt eine der fast tausend frei schaffenden Damen dar, die für die work-life-balance der Kirchendiener sorgten. Die weltliche Seite war aber wohl um keinen Deut besser. Und so hält die stolz ihre Schönheit zeigende  Frauengestalt zwei kläglich in sich zusammengesunkene Figuren in ihren Händen: die eine mit Tiara, die andere mit Krone.

b1Wir haben etwas mehr Zeit als vorgesehen, die sich drehende Imperia zu bewundern. Zwar sind wir pünktlich am Steg, unser Schiff aber nicht ganz. Während wir noch ein bisschen durch die Hafenanlagen schlendern, sammeln sich hinter den Absperrseilen einige Hunderte, die auch übern See, übern See wollen. Das Schiff kommt und darauf auch wieder Hunderte, die in Konstanz aussteigen wollen, davon viele mit Fahrrädern oder Kinderwagen bewaffnet. Und das dauert nun.

Aber irgendwann sitzen wir oben unter einem Sonnensegel, eine freundliche junge Frau nimmt unsere Bestellungen auf und wir genießen noch einmal das sanfte Schaukeln und die Weite des Schwäbischen Meers, während unser Schiff von Konstanz nach Meersburg zur Mainau nach Uhldingen zickzackt.

Um halb acht bringt uns schließlich ein Taxi nach Meersburg zu einem Abend mit schwäbischen Spezialitäten und badischem Wein.

Was will man mehr?

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Cappuccino im Gegenwind

 

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Es ist schon lustig, wenn man seine Heimatstadt mal mit Touristenaugen betrachtet. Schließlich ist Koblenz eine wirklich schöne Stadt. Zwar hat man dauernd logistische Probleme. Och nöö, schau mal: Da konnte man doch früher einfach durch gehen, da war doch damals ein Weg, sag mal, das ist aber neu jetzt, oder… Aber man sieht Dinge, die man früher wie selbstverständlich und nebenbei wahr genommen hat, mit anderen Augen.

Wir rollen die Touristerei von hinten auf, in diesem Fall eher von oben. Ich bin doch tatsächlich noch nie mit der berühmten BuGa-Seilbahn gefahren, das soll heute geändert werden. Da wir aber die chaotischen Verkehrs- und Parkverhältnisse in der Koblenzer Innenstadt kennen, fahren wir direkt hoch zur Festung Ehrebreitstein. Der Seilbahn dürfte es wohl egal sein, in welcher Reihenfolge wir Berg- und Talfahrt anordnen. Als erstes kommt so ein Och nöö-Moment. Die Festung war trotz ihrer martialischen Ausstrahlung gern gewähltes Ziel romantischer Ausflüge. Nach Einbruch der Dunkelheit konnte man auf dem Festungsplatz den Blick über die erleuchtete Stadt genießen und sich ganz und gar unmartialischen Gedanken – nennen wir es mal so – hingeben.

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Und jetzt – och nöö – ist alles anders. Zugang ohne Eintrittskarte geht gar nicht, aber bevor wir überhaupt dahin kommen, lockt rechter Hand die Bergstation der Seilbahn. Wir lösen die Tickets, die Gondel kommt, Monsieur hält mich zurück. Auch die nächsten – leeren – Gondeln fahren ohne uns, bis endlich die Gondel 17 um die Ecke zuckelt – und die ist es dann: die Gondel mit dem Glasfenster im Boden. Wir gondeln über Festungshang, B42, Rhein mit dazugehörigen Schiffen hinüber zum anderen Rheinufer, wo uns die Bahn kurz vor St. Kastor absetzt. Vor der Kirche erfahren wir, was man bei Gartenarbeiten so alles finden kann. Ich habe bei uns im Garten mal ein handgeschmiedetes Rebmesser aus dem 18. Jahrhundert gefunden. Hier war es ein bisschen mehr. Hier kam bei den Arbeiten für die BuGa im Umfeld von St. Kastor das seit Jahrzehnten von Archäologen vergeblich gesuchte römische Lager, die Keimzelle Koblenz‘, zutage.

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Vor Kastor steht auch jener köstliche Brunnen, der an Hässlichkeit und Ironie nicht zu überbieten ist. Hässlich in seiner plump dahin geklotzten Form, mit der der napoleonische Kommandant sich bei seinem Kaiser einschleimen wollte.

„An MDCCCXII

Mémorable par la campagne contre les Russes

Sous le préfectura de Jules Doazan.“

(Im Jahre 1812: Denkmal an den Feldzug gegen die Russen Unter dem Präfekturat von Jules Doazan.)

Ironisch die Inschrift des russischen Kommandanten keine zwei Jahre später.

„Vu et approuvé par nous commandant

russe de la ville de Coblentz

le 1er janvier 1814.“

(Gesehen und genehmigt durch uns, russischer Kommandant der Stadt Koblenz, am 1. Januar 1814.)

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Kelten, Römer, Deutschherren-Ritter, Franzosen, Preußen, in Koblenz ging es schon immer ziemlich hin und her. Klar, von der Kastorkirche geht es weiter zum Deutschherrenhaus und dann natürlich zum Deutschen Eck mit der steilsten Lernkurve des Tages. Dass die bunten Fahnen die Bundesländer symbolisieren, haben wir schnell heraus, aber welche den nun welches? Ich muss gestehen, dass wir häufiger falsch als richtig lagen, Hamburg, Berlin, Niedersachsen – ok. Unsere eigene, na klar. Aber mal ehrlich: wer von euch wusste, welches Bundesland einen schmalen gelben Streifen in der Fahne hat, neben drei fetten bunten?

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Der olle Wilhelm auf dem Denkmal ist nach wie vor umstritten, ebenso wie die Figur neben dran. Historisch überliefert ist die Deutung eine Kowwelenzer Originals: „Wenn wir den Krieg gewonnen haben, ist das die Siegesgöttin, wenn wir den Krieg verloren haben, ist das der Engel der Barmherzigkeit.“

Während wir noch Fahnenraten spielen, bewölkt es sich und der Wind wird immer heftiger. Wir beeilen uns, unsere Talstation anzusteuern. Aus den Alpen kennen wir das, dass ab einer bestimmten Windstärke nix mehr geht bzw. fährt und als Alternative nur noch der Abstieg zu Fuß übrig bleibt. Hier wäre es ein Aufstieg mit langwierigem Umweg zur nächsten Brücke. Wir fahren windumtost hoch zur Festung, der Wind heult zwar schauerlich um die Kabine, aber man spürt ihn nicht.

Auf der Festung geht es dann hinter dem Ticketshop durch die altbekannten Gänge, vorbei an französisch benamster preußischer Militärarchitektur zum Festungsplatz mit dem tollen Blick über die Stadt. Unter uns schaukeln die Gondeln hin und her über den Rhein, ganz unbeirrt vom immer heftiger und böiger blasenden Sturm. Wir wollen trotzdem unseren Kaffee mit Aussicht genießen, draußen, am Festungswall. Die Bedienung kommt mit meinem Cappuccino aus der Tür des Festungscafés und der Wind bläst die gesamte Schaumkrone weg. Als Ersatz bekomme ich ein Extra-Kännchen Milchschaum, das ich dummerweise auch in meine Tasse umfülle. Was dann natürlich dazu führt, dass mir beim ersten Schluck der Wind den Kaffeeschaum über Gesicht, Haare und Bluse verteilt.

Wieder was gelernt: Cappuccino nicht bei Gegenwind!

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Mal ehrlich, Malta hatte ich mir ganz anders vorgestellt!

Fauststadt Staufen

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Wir wohnen bei Genf, unsere Eltern in Koblenz. Da gibt es schon eine Menge Hin- und Herfahrerei zu den unterschiedlichsten Anlässen. Da unsere Elternpaare aber dieses Jahr die stolze Summe von 359 Lebensjahre zusammenbringen, lag in den letzten 20 – 30 Jahren die Fahrerei meist in unserer Hand, erst mit zwei und dann mit immer mehr Kindern. Genf – Koblenz, das sind knapp 700 km, ein langer und oft auch langweiliger Ritt, den wir Eltern – eingedenk unseres Bildungsauftrages – gelegentlich durch Zeitziehen mit anderen Attraktionen als die berühmt-berüchtigten Plätze mit dem großen P unterbrechen wollten. Dieses Zeitziehen ging meistens schief – aber selten so spektakulär wie in Augusta raurica, dem heutigen Kaiseraugst. Genervte Eltern, heulende, motzenden, trotzenden Kinder, denen vollkommen egal ist, wie alt die herumliegenden Säulen sind. Der Frustlevel ist sehr hoch, der Zugewinn an Wissen und Lebenserfahrung eher gering. Und wir Eltern haben uns geschworen: nie wieder Augusta raurica. Bei all dem entstand in unserem Kopf aber so eine Idee. Später, wenn wir mal groß sind, d.h. wenn unsere Kinder groß und selbständig sind, dann fahren wir zwei mal alleine und ganz gemütlich  den Rhein hinunter und halten an all den Sehenswürdigkeiten, die diese braun-beigen Schilder rechts und links der Autobahn anpreisen. Nun gut, vielleicht nicht an allen. Die Bunker der Maginot-Linie brauche ich nun wirklich nicht und Ritterburgen müssen wir ohne die Kinder auch nicht mehr unbedingt haben. Aber da bleibt noch genug übrig. „Dann lass uns doch mal mit Staufen anfangen,“ schlägt Monsieur für diese Hinreise nach Koblenz vor und erwähnt das Projekt im Freundeskreis. Unsere Freunde sind konsterniert, dass wir uns das trauen, dass wir keine Bedenken haben. Nun sind wiederum wir konsterniert und unsere Freunde rufen uns das Geothermie-Disaster in Erinnerung. Das Stadt-Bauamt Staufen wollte sparen, gleich zwei Mal. Einmal – durch Geothermie – bei der Heizung fürs Rathaus und zum anderen die Kosten für ein Gutachten. Und das wurde dann richtig teuer. Einer der in die Erde versenkten Bohrschächte traf eine Grundwasserader. Das Wasser vermischte sich mit einer darüber liegenden Gipsschicht. Der Gips quoll auf und die ganze Stadt wurde gehoben, verschoben, versetzt. Die Stadt hob sich in wenigen Monaten um mehrere Zentimeter, Fassaden klafften auf, Risse liefen durch Hauswände, Putz blätterte ab.

st 4Inzwischen hat sich die Bewegung durch Abdichtung der Wasserader so verlangsamt, dass manche Hausbesitzer die Risse schon wieder verfüllt und verputzt haben. Und das Rathaus hat eine Gasheizung bekommen. Aber natürlich sieht man die Narben noch an den Häusern. Und auf der Internetseite der Stadt. Da werden in einem FAQ-Forum  Fragen beantwortet wie: „Wie gefährlich ist es Staufen zu besuchen? Wie gefährlich ist es am Rathausplatz ein Restaurant, ein Hotel zu betreten?“ Fragen, die ich bei einem Besuch in der Bronx oder einem der dunkleren Viertel Berlins vielleicht erwartet hätte, aber doch nicht in Ba-Wü. Natürlich ist es völlig ungefährlich. Wir jedenfalls fühlen uns ungefährdet wie wir so in Staufen im Sonnenschein auf dem Rathausplatz sitzen. Die einzige akute Gefährdung geht von unseren mangelhaften Kenntnissen der Landessprache aus, die uns nicht sehen lassen, dass „hausgemachte Bratwürstle“ sowohl Diminutiv als auch Plural ist und uns somit vor deutlich größere Portionen als geplant stellen.

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Uns gegenüber liegt das Gasthaus zum Löwen – und damit sind wir endlich beim Thema. Das Autobahnschild versprach uns nämlich „Fauststadt Staufen“. Und Staufen liefert. Faustus-Apotheke, Auerbachs-Keller-Theater, jenes Gasthaus „Leu“, in dem angeblich der Teufel den Schwarzkünstler Faust geholt hat, aber nicht bevor dieser mit einem alchemistischen Versuch die halbe Stadt abgefackelt hatte. Faust, das ist eher schwierig für mich. Ich gehöre nämlich zu einem Jahrgang, der ohne Faust Abitur gemacht hat. Meine Deutschlehrerin stand eher auf Brecht. Brecht von oben bis unten, von hinten bis vorne, von links nach recht. Kein Goethe, was mir durchaus recht war. Faust habe ich später mal im Theater gesehen, in einer Aufführung, in der Faust nicht der ewig Suchende war. Mehr so der ewig meckernde, unzufriedene spätpubertäre Nörgler. Hat mir nicht so wirklich viel gegeben. Aber das Leben hat ja einen sehr feinen Sinn für Humor und so macht mein Jüngster vor einigen Jahren sein Abitur – mit Faust. Und setzt sich irgendwie in den Kopf, weite Teile des Textes auswendig zu lernen. Keine Ahnung wieso, bei unregelmäßigen französischen Verben hatte er noch nie diesen Drang. Das führt aber dann dazu, dass die oben erwähnten Koblenz-Reisen nun oft durch ironisch verfremdete Faust-Darbietungen unterbrochen werden.

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Wir schlendern durch die schönen Gässchen von Staufen, vorbei an einer Vielzahl an Restaurants, Cafés und Läden, in denen Deko-Kitsch verkauft wird. Monsieur steht vor einem riesigen Herzen aus rostigem Eisen und fragt mich: „Soll ich dir mein Herz schenken?“ Als er aber sieht, dass seine Frau sofort anfängt, über die vielschichtige Symbolik des Ganzen nachzudenken, winkt er ab. Und kauft mir gegenüber, bei der „Kalten Sophie“, ein Himbeerjoghurt-Eis. Ohne Interpretationen und Subtext.

 

Staufen ist trotz seiner Narben ein wunderschön-romantisches Städtchen, ideal zum Schlendern und in der Sonne sitzen. Die vielen Faust-Anspielungen kann man ja übersehen. Auch den allgegenwärtigen Goethe. Wenn ihr auch nicht so richtig große Goethe-Fans seid, empfehle ich Euch ein Café, gleich hinter dem Rathaus. „Hier war Goethe“ steht in Großbuchstaben auf einem Schild an der Tür. Und dann unten drunter, winzig klein „nie“.

 

 

 

 

Bergin oder Prophetin

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Das war meine erste Reaktion, als ich las, dass die Maya nach Speyer  kommen. Dieser Spruch vom Propheten und dem Berg. Fand ich unheimlich nett von den Maya zu uns zu kommen, da wir in absehbarer Zeit – wahrscheinlich – nicht sp4nach Südamerika kommen werden. Hinterher habe ich mich etwas geärgert, nicht über die Maya, über den Spruch. Denn, wie man es dreht und wendet, die Vergleiche sind wenig schmeichelhaft. Wer will schon als so überheblich und arrogant gelten, sich selbst als den Propheten zu sehen? Ich jedenfalls nicht. Wüsste gar nicht, was ich als Prophetin denn überhaupt so zu prophezeien hätte. Außerdem wäre es mir sicherlich unheimlich peinlich, wenn die eine oder andere Prophezeiung dann doch nicht einträfe. Und letztlich weiß man ja auch, dass der Job des Propheten oder der Prophetin nicht ganz ohne ist. Ich sage nur Kassandra oder Jonas.

Nööö, Prophetin bestimmt nicht. Aber dann der Berg sein? Das ist doch in diesem Fall auch nicht wirklich positiv. Groß und stark, ok, das geht ja noch – auch wenn das jetzt wenig nett an die noch verbliebenen, unheimlich anhänglichen Weihnachtskilo erinnert. Aber unbeweglich und erstarrt – das sind eigentlich Eigenschaften, mit denen ich mich nicht identifizieren (lassen) möchte.

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Gut, die Maya sind auch ohne Sprüche nach Speyer gekommen und wir dann auch. Am ersten schönen Tag des Monats, bei sagenhaften 15° und Sonnenschein, eigentlich gar kein Wetter für Museumsbesuche. Drinnen in der Maya- Ausstellung empfängt einen eine Mehrgenerationen-Schau. In jedem Raum gibt es zu den fantastischen Exponaten mehrere Angebote für Kinder, mal mehr spielerisch in Richtung Indiana Jones: Entdecke die verborgenen…, mal mehr mit pädagogischem Anspruch, wenn man Hieroglyphen zu Sätzen oder Scherben zu Bechern zusammensetzen soll. An diesem Wochen- und Schultag sehe ich keine Kinder im Museum, wohl aber vereinzelt ältere Herren, wie sie versonnen Scherben und Hieroglyphen-Steine hin- und herschieben. Einer steht lange vor dem Passbild-Automaten, die nachgebildete Jaguarkrone des Mayakönigs abwägend in der Hand. Dann liest er sich die Anleitung nochmals durch und stolpert über die Anrede: Liebe Kinder… Ich spüre richtig, wie schwer es ihm fällt, die Krone wieder zurück zu legen. Am liebsten hätte ich ihn aufgefordert, auf sein inneres Kind zu hören.

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Die Ausstellung ist sehr schön und unterhaltsam, vom Jaguar-Menschen im ersten Raum, über interaktive Spielereien im Modell einer Maya-Stadt, die die Universität Bonn gerade ausgräbt, zu den Grabstelen großer Könige. Allerdings steht an vielen Exponaten: Fundort unbekannt. Und da ist dann eine der beeindruckendsten Keramiken, Leihgabe des Ethnologischen Museums Berlin: ein Becher, auf dem Szenen die Gefangennahme gegnerischer Adliger zeigen. Den Herrschaften ist deutlich anzusehen, dass sie die Maya-Tradition der Menschenopfer kennen. Und dieser Becher heißt nun Berliner Kriegsvase, weil er ja ganz offensichtlich aus Berlin stammt. Oder man erfährt, dass von einer Hieroglyphen-Tafel nur der untere Teil zur Ausstellung kommt, da der obere Teil noch während der Ausgrabung geraubt wurde. Und langsam beschleicht mich der Verdacht, dass wir bei einer eventuellen Reise dorthin zwar die Ruinen der Städte zu sehen bekämen, die schönsten Exponate aber in europäischen oder nordamerikanischen Museen sind.

sp2Im letzten Raum wird versucht zu erkunden, was zum plötzlichen Verschwinden der Königsstädte der Maya führte und man kommt zu dem Schluss, dass es nicht Krankheiten oder Raubbau an der Natur waren, sondern exzessive Kriege untereinander.

Darin ist sicher eine nette Lehre für die Trumpeltiere in Washington oder anderswo versteckt. Allerdings bezweifle ich, dass diese Herren in solche Ausstellungen gehen. Oder meinen Blog lesen – was mir ehrlich gesagt auch gar nicht Recht wäre. Ja!

Jedes größere Museum verfügt auch über ein Museumscafé. (Es gibt Museen, bei denen ich mich noch im Detail an das Café, aber überhaupt nicht mehr an die Ausstellungen erinnere, wirklich peinlich!) In Speyer ist es der überdachte Innenhof, in dem man bei einer Tasse Kaffee den Faltplan hin- und herdrehen und die Ausgänge zu den anderen Sammlungen herausfinden kann. Römer, nööö, das ist jetzt nicht so dringend. Aber den keltischen Goldhut und die Bronzeräder in der Urgeschichte, die gönnen wir uns. Gegen den erheblichen Widerstand zweier in Felle gehüllter Neandertaler im Eingangsbereich, die jedes Mal, wenn Monsieur an ihnen vorbeigehen will, losblöken „Fass mich nicht an!“. Irgendwie gelingt es uns, sie weiträumig zu umgehen und da verlieren sie jedes Interesse an uns.

Urgeschichte ja, Römer nein und – weil Monsieur quengelt – dann auch noch das Weinmuseum. Ist nicht so überwältigend, aber das habe ich für mich behalten.

Und dann stehen wir im Sonnenschein vorm Dom. Vor Jahren haben wir unsere Kinder in die hervorragende Samurai-Ausstellung in Speyer gezwungen. Da mussten sie hinterher widerstrebend eingestehen, dass sie die auch toll fanden. Dass wir sie aber anschließend mit dem Mallory-Mount-Everest-Argument „Weil er eben da ist“ in den Dom genötigt haben, das nahmen sie uns dann doch übel.

So gönnen wir uns heute einmal Dom ohne Kinder – und eine authentische Mittelalter-Erfahrung. Der riesige Raum ist nämlich nicht geheizt. Und so mischt sich unter das „Oh, ist das schön!“ ein ganz prosaisches „Mensch, ist das kalt!“.sp3