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Bedingt lernfähig

Sind wir, mit Betonung auf bedingt, bringt aber nicht immer etwas. Gestern zum Beispiel, war der Fehler, nicht ans Handy zu denken. Da hätten wir mit einem einfachen Anruf leckeren Fisch statt Dosen-Mandarinen haben können. Wir lernen etwas daraus und lassen uns erst vom jungen Mann an der Rezeption zur Verpflegungslage der heutigen Tour zum Torgelower See beraten und dann telefonisch abklären, ob bzw. dass das einzige Restaurant auch aufhat.

So fahren wir wohlgemut los, mal wieder zuerst „bergauf“. Im übernächsten Ort verfahren wir uns ganz kurz, was zu einem sehr hübschen Schlenker an einer idyllischen Mühle entlangführt. Dann werden die Wege zunehmend abenteuerlicher. Der Weg zum Varchentiner See ist eigentlich nur eine Traktorspur zwischen zwei umgepflügten Feldern, die im Wald verschwindet. Da wechselt der Weg zwischen völlig zugewachsen (Brennnesseln, was sonst?) und breiten Flächen feinsten Sandes. Dieser Sand ist glitschig und rutschig, die Räder brechen aus, schlittern hin und her. „Das fühlt sich an wie auf Glatteis zu fahren“, beschwere ich mich, knapp dem Hinlegen entkommen. „Eher wie auf Pudding fahren“, sinniert Monsieur, „obwohl ich da nicht genug Vergleichsdaten habe.“ Grinst und schiebt nach: „Wäre doch mal was für Jugend forscht.“

Das Varchentiner Schloss ist in Privatbesitz. „Können Sie aber ruhig über den Zaun klettern, ist eh nie jemand da“, versichert uns unser Hotelmensch. „Sollte ein Hotel werden, jetzt haben sie kein Geld mehr.“ Der weiße Koloss, der eher groß als schön ist, sieht wirklich so aus, als könnte man beliebige Summen in seine Renovierung versenken – ohne, dass er dadurch ansehnlicher wird.

Sorgenlos, tja, hmm, schwierig. Sagen wir mal so: das Ortseingangsschild ist die einzige Attraktion des kleinen Ortes. Aber es ist schon nett, auf einer Straße zu radeln, die „Sorgenloser Weg“ heißt. Wir sind auch ganz sorgenlos unterwegs, um den Torgelower See herum, mit Ziel Schloen, da bringen uns nämlich zwei Kilometer Umweg zu unserem Mittagsessen-Ziel, Sabines Bauernhof. Wir schließen unsere Räder neben einem guten Dutzend Kollegen an und drücken die Tür auf. Eine Familie sitzt bei Eintopf aus dem Topf in der Gaststube und wir wollen weiter zur Terrasse, schließlich ist schönstes Herbstwetter. „Kann ich Ihnen helfen?“, kommt noch einigermaßen höflich vom Familientisch. Unsere Antwort „Wir möchten etwas essen.“ wird mit einem kurzen „Nicht jetzt!“ abgeschnitten. Auch unser Einwand, dass wir doch telefonisch… wird mit „Nicht jetzt!“ abgewürgt. Von so viel Charme überwältigt, verlassen wir diesen liebenswürdigen Ort. Wieder etwas gelernt.

Auf dem weiteren Weg zurück zum Hotel will Monsieur mich erst einen völlig versumpften Feldweg- – abgelehnt – , dann einen Waldweg-Abstecher – na gut – fahren machen, bis zu den Heistersteinen, einem Hünengrab. „Extra für dich“, meint er, „du magst doch so was.“

Zurück im Hotel haben wir noch zwei Stunden Zeit bis unser Zug geht – und natürlich Hunger. Da trifft es sich gut, dass gerade die Kuchenauswahl (Schoko-Kirsch, Pfirsisch-Schmand, Apfelstreusel) in die Glasvitrine gestellt wird. Da wir uns mit Entscheidungen immer etwas schwertun, nehmen wir von jeder Sorte ein Stück und teilen, passt schon.

Um Viertel nach sieben kommen wir in Berlin HBF an, finden dank einer freundlichen Berlinerin („Die S 9? Nehm ich auch, kommense mit!“) rechtzeitig unsere S-Bahn zum Airport-Hotel und dann zeigt sich mal wieder, dass wir in Bezug auf Berlin nix, aber auch gar nix gelernt haben. War alles viel zu glatt, zu einfach gelaufen, die letzten Tage. Hätte uns misstrauisch machen sollen, aber manchmal sind wir halt hoffnungslos naiv. Am S-Bahnhof Jannowitzbrücke teilt uns Berlin mit, dass Personen auf den Gleisen seien und die S-Bahn deshalb wieder zurück zum Westkreuz fahren würde. Passagiere sollten ihr Glück auf Gleis 8 probieren. Irgendwie kommen wir immerhin zum Ostkreuz, wo eine kaum verständlich hingenuschelte Durchsage uns informiert, dass nun neben den Personen auch die Polizei auf den Gleisen sei und deshalb jeglicher S-Bahn-Verkehr Richtung BER eingestellt sei. Dett is dann so, wa?

Natürlich ist abends um diese Uhrzeit auch kein Personal unterwegs, dass man fragen kann. Mehr zufällig erspähe ich dann die Zugverbindung zum BER, was uns immerhin zum Airport bringt. Es ist neun Uhr, unser Flieger geht morgen um sieben Uhr, aber die Stunden dazwischen hätte ich schon gerne im Hotel verbracht.

Der erste Taxifahrer lehnt uns ab, zu kurz, zu unattraktiv, ein anderer setzt uns dann vorm Hotel ab, müde, hungrig und – zumindest was mich angeht – mit ganz genauen Vorstellungen.

Und dann haben sie kein Köstritzer!

Kleines Dilemma

Wir wählen aus den vorgeschlagenen Radtouren die „Höhepunkte der Mecklenburgischen Schweiz“ aus, 54 Kilometer, präsentiert als Bergtour. Das bringt für mich ein kleines Dilemma. Ich muss nämlich meine Aussage zu „flach, eben, platt“ zurückziehen oder etwas relativieren. Die Aussage zur tollen Gegend bleibt selbstverständlich stehen. Die Gegend nördlich von Waren, Richtung Malchiner See, sieht nämlich so aus, als hätten sich da zwei Gletscher in die Haare bekommen und ihre Grund-, Stauch-, End- oder was auch immer Moränen kreuz und quer übereinander, ineinander, durcheinander geschoben: ein unübersichtliches Gewusel von kleinen und kleinsten Hügeln.

Und hier kommt mein Dilemma: ich kann doch nicht lästerlich-spöttisch über die „Berge“ der „Bergtour“ herziehen, die größten Anstiege gehen von 60 auf 80 Höhenmeter, und mich gleichzeitig darüber echauffieren, das wir andauernd bergauf fahren. Schwierig, aber Monsieur meint, er hätte vollstes Vertrauen in meine Fähigkeiten, lästern und jammern zu vereinbaren.

Zumal wir für „die Berge“ ja ein bisschen Hilfe von unseren Leih-Ardennern bekommen für die Auf-und-Ablichkeiten. Die Leihardenner, das ist auch so ein Thema, wie sie da morgens so vor uns stehen. Nicht stolze, starke Rösser, eher müde und ausgebeutete Arbeitstiere. Den ersten Kollegen schicken wir gleich wieder zurück in den Stall, der geht überhaupt nicht, bei den beiden anderen sagen wir uns: versuchen wir es miteinander. Sie sind auch willig und einsatzbereit (in Maßen, doch davon später), aber irgendetwas klappert, quietscht und scheppert immer.

So radeln und klappern wir durch ein Patchwork von braunen Feldern, grünen Wiesen und blauen Seen, eine sanfte, hügelige Landschaft. In der Sonne strahlt sie eine große Weite und Stille aus. Das lässt sich nicht fotografieren, lässt uns aber auch still zumute werden. Das hält allerdings nur an, bis wir die Kraniche hören, irgendwo hinter diesem Wäldchen links. Wir fahren um das Wäldchen herum, nichts zu sehen, nur zu hören. Fahren weiter, bis der Wald Wiesen und Feldern Platz macht, nichts zu sehen, nur zu hören. Nach einem guten Kilometer sehen wir in weiter, weiter Ferne links ein paar winzige graue Flecken. Erstaunlich, wieviel Krach sie machen können. An die nächsten Kraniche kommen wir etwas näher heran, aber auch sie sind gut geschützt vor zu nahen Begegnungen: auf der Wiese davor weidet eine Herde sehr aufmerksamer Mutterkühe und ihre Kälbchen.

Kirchlein – auf ihrem eigenen Hügel – wechseln ab mit Schlössern in weiten Parks. Ulrichshusen hat ein tolles Restaurant und an der Dorfstraße ein nettes Bistro, beides noch geschlossen. Die Dorfstraße, „gepflastert“ mit fußballgroßen, nur mäßig runden Feldsteinen, sicher ein Geschenk vom Sander, ist eher Rückenfolter als Fahrbahn.

Wir quälen uns über die ansonsten schöne Straße, den Blick fest auf den Blücherhof gerichtet, da gibt es im Taubenhaus ein Café, haben wir gelesen, das ist unser Ziel für eine Mittagspause. Allerdings wären wir dann doch glatt daran vorbeigefahren, im letzten Moment reißt Monsieur den Lenker herum und legt eine Vollbremsung hin. Die Tafel an den massiven Steinsäulen ist winzig klein. Schon beim Durchqueren des Tores beschleicht uns ein ungutes Gefühl, alles leer, wie verlassen, keine Räder oder Autos weit und breit. Wir finden das wirklich hübsche Taubenhaus und natürlich auch das „Geschlossen“-Schild. Zut alors, zu ärgerlich! Monsieur will nun unbedingt noch das Schloss besichtigen. Das darf man, von außen, wenn man zwei Euro in den Briefkasten einwirft, was Monsieur auch brav tut. Ich nicht, das Schloss eines repräsentationssüchtigen Bonner Professors (steht so auf der offiziellen Erklärtafel) im wilden Neo-Barockokoko-Rausch muss ich mir nicht antun.

All das Geschwurbel tut natürlich nichts gegen unseren Hunger und eine Pause hätten wir auch verdient, aber das sieht nicht so gut aus. Wir müssen abwägen: auf unserer Route, aber noch weit weg, auf der anderen Seite des Jabelschen Sees, liegt der Müritzfischer-Fischerhof Damerow. Das klingt nett, aber ob der auf hat? Auf unserer Seite, allerdings mit zehn Minuten Umweg, liegt am See ein kleiner Yachthafen und ein Campingplatz, da sollte doch ein Lokal sein. Wie heißt das alte Sprichwort: der Spatz auf der Campingklause ist besser als die Möwe auf dem Fischerhof. Oder so ähnlich. Tatsächlich gibt es in der Campingklause Kirschstreusel und Käsesahne, letztere ganz authentisch mit Mandarinenscheibchen aus der Konservendose.

Natürlich ärgern wir uns eine gute Stunde später schon ein bisschen im urig-gemütlichen Fischerhof, dass wir nicht mehr so recht Hunger haben auf die Fischköstlichkeiten. Tja, bisschen dumm gelaufen das.

Kurz hinter Damerow beginnt mein Leihardenner zu bocken und sich dann totzustellen. Monsieur tauscht die Batterien aus, teils aus Galanterie, teils, weil er das unausweichliche Gemosere meinerseits noch ein wenig aufschieben will.

In Waren ist es dann soweit, auch die zweite Batterie ist leer. Was mich nicht wenig ärgert, ist die Tatsache, dass sie zu leer ist, um den Leihardenner zu unterstützen, aber immer noch genug Energie hat, das wild blinkend kundzutun.

Fünfundzwanzig Kilo schwere Leihardenner über tiefgrundige, sandgeschlemmte Waldwege nach Hause zu treiben, ist kein reines Vergnügen. Wir ziehen einen gewissen Stolz daraus, dass wir immer noch dreimal so schnell unterwegs sind wie zu Fuß, die Tacho-Anzeige funktioniert nämlich noch.

Die steile Hotelauffahrt hoch schieben wir dann doch und geben die Leihardenner in die Obhut ihres Betreuers mit der Bitte, ihnen etwas Gutes zu tun, die 64 Kilometer hätten sie vollkommen entkräftet.

Auch wir, merken wir, erstmal bequem im Hotel entspannend, sind etwas müde und nicht geneigt, die Herausforderung einer Bus- oder Taxifahrt nach Waren mit Restaurantsuche auf uns zu nehmen.

Wir beschließen also, im Hotel zu essen. Was dann zu einer ganz anderen, ganz eigenen Herausforderung unserer interkulturellen Kompetenz wird. Aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal.

Tolle Gegend

Wir sitzen seit einer halben Stunde im Regio. „Du guckst ja gar nicht aus dem Fenster“, meint Monsieur vorwurfsvoll. Ich hebe den Blick vom Buch, nichts als Bäume, Bäume, Bäume rechts und links. Da ist mein Buch spannender. Zumindest bis kurz hinter Fürstenberg, da steht allerlei Großgeflügel auf einem Feld, vierzig, fünfzig Tiere, aber was? Graureiher? Oder Störche? Gar Kraniche? So viele auf einmal? Das Höchste, das ich bisher gesehen hatte, waren Papa und Mama Kranich mit Pubertier Kranich beim Überqueren einer Landstraße hinter Chorin.

Der Zug bremst, eine Frau geht an uns vorbei zum Ausgang, meint: „Das sind schon Kraniche, fressen sich jetzt auf den Feldern voll und machen dann die ganze Nacht am Weiher hinter meinem Haus Krach.“ und steigt aus.

Ich bin ganz fasziniert, aber natürlich sind wir nun schon lange an dem Feld vorbei. Monsieur tippt derweil auf seinem Handy, tippt noch mal und nickt: „Kranich-Fahrt morgen Abend, halb fünf, ab Waren.“ Ich bin beeindruckt und er grinst. „Das waren die letzten zwei Online-Tickets.“

Unser Ziel, Waren, liegt an der Müritz, die aus vielerlei Hinsicht faszinierend ist. Erstens habe ich noch nie einen See ohne Nachnamen kennen gelernt. Scheint eine starke Persönlichkeit zu sein, die Müritz, so ganz ohne See als Zusatz. Zweitens ist sie der größte Binnensee Deutschlands, weil der Drei-Länder-Bodensee hier nicht zählt.

Wir sind sehr beeindruckt, wollen aber erstmal ein bisschen bescheidener anfangen. Mit einer Runde um den Tiefwaren- und Melzer See auf einem Eiszeit-Lehrpfad. Endmoränen kennen wir natürlich, eine davon liegt schließlich bei uns im Garten herum, aber so faszinierende Begriffe wie Geschiebemergel und Schluff sind uns neu. Auch, dass der Sander, dieser Schlingel, seine Materialien von Sandkorn- bis Findlinggröße einfach so in der Gegend herumschiebt und dann liegen lässt, wussten wir nicht. Sehr sympathisch finden wir, dass diese riesigen Gletscher wie gigantische Bügeleisen übers Land gingen. Gut, die ein oder andere Moräne haben sie liegen lassen, aber die kommen hier kaum über Haushöhe hinaus. Monsieur sucht während der kleinen Wanderung die nächste Höhenlinie und findet sie nicht auf dem Handydisplay. So flach ist es hier, nicht ein einziger richtiger, steiler Berg in Sicht, völlig eben, platt wie `ne Flunder.

Tolle Gegend!

Versprochen ist versprochen

Eigentlich sollte ich ja ein bisschen beleidigt sein. Gestern Morgen – ich allein mit Berlin – strömender Regen. Heute Morgen ist Monsieur dabei und Berlin zeigt sich von seiner besten Seite. Jedenfalls, was das Wetter angeht, strahlender Sonnenschein, schönstes Herbstwetter. Wir schwänzen den Konferenzausflug zum Humboldtforum und fahren mit Berlins unfreundlichsten (oder berlinerischsten, wie unser Freund klarstellen würde) Busfahrer zur Potsdamer Brücke.

Wenn wir schon keine Eintrittskarten für die Neue Nationalgalerie bekommen, wollen wir sie wenigstens von außen bewundern. Es wird dann doch ein bisschen mehr, denn natürlich dürfen wir auch ohne Eintrittskarte ins Museumscafé und in den Museumsshop. Dass wir auf dem Weg dahin an einigen Objekten der Sonderausstellung zu Calder vorbeikommen, dafür können wir schließlich nichts. Mit geschlossenen Augen durch die Eingangshalle zu trappsen, das wäre doch viel zu gefährlich – gerade für die fein ausbalancierten Mobilés.

Vom Museum geht es – vorbei an der Dauerbaustelle namens „Berlin“ und diversen anderen Konzert- und Museumsgebäuden – Richtung Tiergarten. Meine Neugierde – ich halte die Ansammlung von Klohäuschen, Tischen, Ausgabestelle von Helmen für die Vorbereitung irgendeines Happenings – bringt uns fast dazu in einer Demo des Baugewerbes mitzulaufen, aber wir entscheiden uns dann doch für Tiergarten. Stehen vor der Flora-Statue und überlegen, wohin es jetzt gehen soll. „Also, ich würde ja am liebsten nach links…“, beginnen wir beide und stoppen. Dass wir beide das Gleiche wollen, ist selten und eher „Seltsam!“, sagen wir beide gleichzeitig und sind dann lieber still, bevor wir noch mehr Gemeinsamkeiten herausfinden.

Am Brandenburger Tor drängt sich der Fernsehturm wieder ins Bild und dann sind es nur ein paar Schritte bis zum Regierungsviertel. Überall stehen Klassen, manche sehr ordentlich und offensichtlich ergriffen vor Gedenktafeln. Andere erkundigen sich telefonisch beim Lehrer „Doch, doch, det Tor hammwa jemacht. Neenee, sindwa durch mit. Ehrlich, echt. Und nu?“, wie es weitergeht. Sitzen auf den Stufen zur Spree und planen die Party für ihre Rückkehr. Wobei dann Sätze fallen wie „… und jeder bringt etwas zu essen mit.“ Als Antwort kommt von einem jungen Menschen, der in Kürze sein Zeugnis der Reife erhalten wird: „Aber nicht jeder hat Eltern, die für ihn etwas zu essen kochen.“ Das lässt natürlich eine Menge Interpretationsspielraum offen, so dass ich mich nicht entscheiden kann, ob ich den jungen Menschen bemitleiden oder mal schütteln soll.

Der strahlende Sonnenschein begleitet uns bis zum Hauptbahnhof und dem phantastischen Monolithen des „Cube“. Im Bahnhof kaufen wir ein Brandenburg-Ticket, obwohl unser morgiges Ziel ganz eindeutig in Meck-Po liegt. Das scheint aber weniger wichtig zu sein als unsere Namen auf der Vorder- und Rückseite des Tickets. Wir halten das für eine „irgendwas mit Corona“-Maßnahme, aber nein, es soll verhindern, dass wir nach anderthalb Stunden Nahverkehr die verbleibenden 22 ½ Stunden Brandenburg-Ticket auf dem Schwarzmarkt verkloppen. Ich weiß nicht, welches Bild die Deutsche Bundesbahn von ihren Kunden hat, aber wir beugen uns den Bedingungen.

Wir steigen ab in die Unterwelt des Bahnhofs und ich begleite Monsieur noch bis zum Hotel. Da trennen sich unsere Wege. Er begibt sich – immer noch im strahlenden Sonnenschein – zu den Nachmittagssitzungen, ich mache mich kurz darauf allein auf den Weg zum Pergamonmuseum.

Und der Himmel bewölkt sich zusehends.

Das kann aber meine gute Laune nicht schmälern, denn es wird mir schon beim Eintreten klar, dass ein wichtiges Umdenken stattgefunden hat. Die Löwen, sonst erst nach etwas Suchen und am Ende eines langen Ganges zu finden, sind jetzt die ersten Exponate, die man sieht. Die Torlöwen grimmig-wachsam und mein Lieblingslöwe noch genauso verschmitzt grinsend wie eh und je. Etwas beleidigend finde ich die Lehrerin, die ihre Klasse – sozusagen mit Scheuklappen – hier durchdrängt, weil sie ihnen Wichtigeres zeigen will. Das ist für mich fast genauso unverständlich wie die Tatsache, dass es im Museumsshop – im Pergamonmuseum! – die Nofretete von vorne und von hinten, von rechts und von links und auch noch in diverse Einzelteile zerlegt gibt, aber keine Nachbildung der Löwen. Ich frage mich, wer sich wohl eine Nofretete-Ohrmuschel, eine hübsche Ohrmuschel zugegebenermaßen, ins Wohnzimmer legen mag.

Ich würde stattdessen liebend gerne mit beiden Händen in die Kiste mit den Babylon-Ziegeln greifen und mir solch ein Souvenir mit nach Hause nehmen. Um mich ein ganz kleines bisschen in die spannende Zeit und die abenteuerliche Atmosphäre dieser großen archäologischen Entdeckungen zu träumen – allerdings lieber ohne die Sandstürme, die Latrinen und die Skorpione…

Natürlich ist das Pergamonmuseum – wie das Humboldtforum – noch Work in Progress, den Zugang zum namensgebenden Altar gibt es nur virtuell. Dafür kann ich die Fassade des Mshatta Palastes bewundern und majestätische geflügelte Wesen. Das Blau des Ishtar-Tores ist einer der besten Stimmungsaufheller, die ich kenne. Natürlich in seiner Wirkung nicht ganz mit Löwen-streicheln zu vergleichen. Deshalb warte ich auf dem Rückweg den Moment ab, in dem der Aufseher etwas abgelenkt ist, kraule meinen Lieblingslöwen hinter den Ohren, und verspreche ihm, dass ich bald wiederkommen werde. Ganz bestimmt! Versprochen ist versprochen.

Damals, in der guten alten Zeit

Damals, in der guten alten Zeit, als wir noch keine Ahnung hatten, wie kompliziert und unspontan unser Leben einmal werden würde, wäre ich über den Werderschen Markt zur Museumsinsel gelaufen, hätte mir eine Eintrittskarte fürs Pergamonmuseum gekauft und wäre Löwen streicheln gegangen. Heute Morgen sitze ich am Hotelschreibtisch, schaue in den Nieselregen und scrolle durch die Zeitfenster. Nichts zu machen bei den Museen, die mich interessieren. Gut, beim Bud-Spencer-Museum gibt es Karten und beim David-Hasselhoff-Museum auch, zwei Museen, von deren Existenz ich bis vor fünf Minuten überhaupt noch nichts gewusst habe, aber das muss wirklich nicht sein.

Also im Hotel bleiben, wachen, lesen, lange Briefe schreiben, weil das mit dem in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben eh nicht so recht Spaß macht bei dem Wetter? Andrerseits, Berlin im Regen, das kenne ich, das kann ich, nicht richtig gut, aber gut genug.

Weil die Hoffnung als letztes stirbt, und mit der Forumserfahrung im Hinterkopf, mache ich mich doch auf den Weg zum Pergamonmuseum. Vielleicht ist ja eine Busladung Koreaner krank geworden oder eine ganze Abitursklasse muss ihren kollektiven Rausch ausschlafen.  Ich komme bis zur Schlossbrücke, wo die Hoffnung nur einen Blick auf die langen Schlangen wirft und besorgniserregend röchelt. Zum Glück kommt gerade die Linie 100 um die Ecke, wir sind alte Freundinnen. Umtost von etlichen Schulklassen, deren Lehrer in mehreren Sprachen ihre Schüler auffordern, doch Deutsch zu sprechen, steige ich in den Bus. Ich hätte da ein paar Übungsvorschläge, zu den Präpositionen: Ich laufe durch den Regen. Ich ärgere mich über den Regen. Ich schimpfe auf den Regen…

Die Linie 100 schafft es auch diesmal wieder, mich zum Lächeln zu bringen. Richtung Zoo: „Guck mal, das ist Schloss Bellevue“, Oma zu Enkeltochter, „da wohnt die Frau Merkel, wenn sie nicht im Kanzleramt schläft.“ Andere Richtung: „Äläksändärplätz“, liest ein Amerikaner die Endstation vor. „Is that famous?“, fragt seine Freundin.

Weil der Kulturansatz sich so schwierig gestaltet hat, denke ich „Shopping“ an, aber das ist auch keine gute Idee. Halbleere Einkaufszentren, die Hälfte der kleineren Läden geschlossen, die meisten Cafés auch, das wirkt nicht konsumfördernd. Das Ganze mit Maske ist noch weniger aufmunternd. Als mir dann beim einzigen Laden, der mich moderat interessiert hätte, mitgeteilt wird, dass ich bitte zu warten habe, bis – Handbewegung auf zwei Menschen etwas abseits – mindestens drei Kundinnen ihn verlassen hätten, habe ich auch vom Shopping genug.

Die treue Linie 100 bringt mich wieder zur Museumsinsel, wo meine Hoffnung eine Spontanheilung durchläuft, ganze drei Wartende stehen vor den Glastüren der neuen James-Simons-Galerie. Die Museumsdame an der Tür dämpft zwar sofort meinen Optimismus, heute nichts mehr frei, ausverkauft, aber ich sollte mein Glück mit morgen versuchen. Wenig später bin ich überglückliche Besitzerin einer Eintrittskarte und eines Zeitfensters morgen und mache mich auf den Weg nach draußen.

Wo der Berliner Regen zeigt, dass er zu genauso überschwänglicher Begeisterung fähig ist und mich zu einer kurzfristige Planänderung zwingt.

Natürlich habe ich für morgen einen Besuch im neuen Museumscafé mit eingeplant, das gehört schließlich dazu. Den werde ich jetzt vorverlegen auf heute.

Bleibt morgen mehr Zeit fürs Löwen Streicheln.

Was lange währt, wird endlich BER

Und – um einen ehemaligen Berliner Oberbürgermeister zu zitieren – das ist auch gut so.

Wir haben da nämlich heute zwei Premieren. Zum einen für uns: erster Anflug auf BER und zum anderen für unsere Freunde: erstes Abholen in BER.

Klappt trotz etwas Premieren-Lampenfiebers alles auf Anhieb und gibt uns die Möglichkeit, ganz entspannt den neuen Flughafen zu bewundern. Wobei bewundern ein etwas zu großes Wort ist. Ja, die Materialien sind edel, die Idee mit den – wie in den Boden eingetreten wirkenden – Münzen aus aller Welt ganz nett, aber besonders originell wirkt BER nicht auf mich. Werden BER und Berlin wohl mit leben können.

Berlin begrüßt uns mit diversen Staumeldungen und das Navi im Wagen unserer Freunde schickt uns durch seltsame Bezirke mit nunja, sagen wir mal eher befremdlich wirkenden Straßen. Wir albern herum, erfinden Führungen wie „Berlin – nur für Insider“ oder „Versteckte Schönheiten Berlins“. Unser Freund, Berliner, zuckt nur mit den Schultern und meint „Det is original Berlin!“

Diese ersten Berlinerfahrungen werden abends gefolgt von einem sehr schönen Geburtstagsessen im Nikolai-Viertel und einem Absacker im Hotel, wo wir unser Freundschaftsprogramm für morgen diskutieren. Das im Prinzip aus „nichts“ besteht. Natürlich haben wir im Vorfeld versucht, etwas Schönes zu organisieren. Nur war uns nicht ganz bewusst, dass dieser Sonntag nicht nur Nationalfeiertag, sondern auch monatserster und damit eintrittsfreier Sonntag ist. Eintrittsfrei, ja, aber trotzdem nur mit gebuchter Anmeldung und genau umrissenem Zeitfenster. Bis uns das klar wird, ist es zu spät. Kurzum, nirgendswo ist noch ein Zeitfenster zu reservieren. Monsieur hört sich die diversen Alternativvorschläge an und beendet unsere abendliche „Da könnten wir doch…“-Diskussion mit einem pragmatischen: „Dann brunchen wir halt durch.“

Das machen wir bis zum frühen Nachmittag, bis unsere Freunde nach Hause aufbrechen und Monsieur so ein „Lass uns doch…“ in den Raum stellt. Kurz darauf schlendern wir am Außenministerium vorbei zum Schlossplatz. Der wirkt seltsam leer, die von uns erwarteten Menschenmassen in langen Schlangen sind nirgendwo zu sehen. Das führt zum nächsten „Lass uns doch…“, mal sehen, ob man es auch ohne Karten und Voranmeldung nur einfach so ins Stadtschloss schafft. Schafft man und da packt uns der Ehrgeiz und wir fragen uns, wie weit wir kommen, bevor jemand unsere Karten sehen will. Die Antwort ist: einmal durch und zwar sowohl längs als auch quer.

Wir schlendern durch die Innenhöfe, beäugen Architektur, Café und Museumsshop und stehen nach einer guten halben Stunde unkontrollierten Schauens vor den verwaisten Kassen. Nur so, nur so aus reiner Neugier, frage ich eine Kassierin, wie lange wir denn ohne Karten, ohne Voranmeldung, ohne Zeitfenster warten müssten. Die junge Frau schaut auf ihren Bildschirm, auf ihre Uhr, sagt „Zwölf Minuten“, tippt etwas ein und überreicht uns zwei Eintrittskarten und einen Kassenbeleg über 0,00 Euro. So beginnt unsere Reise durch die Ethnologische Ausstellung des Humboldtforums.

Nun muss ich vorwegschicken, dass ich hoffnungslos verliebt war und bin in das alte Museum in Dahlem. Allein die Fahrt dahin war immer schon etwas Besonderes, das Laufen durch die alten Baumalleen reine Vorfreude. Das Humboldtforum dürfte es schwer haben. Es empfängt – im zweiten Stock – mit einem Blick in ein Schaudepot, das in herrlichem Durcheinander zeigt, „was wir sonst noch haben“ und klar macht, welch kleiner Ausschnitt der gesammelten Objekte zur Aufbereitung und Präsentation kommt. Dann setzt das Forum zur Charme-Offensive an: im nächsten Raum stehen meine Lieblingsstücke, die Südseeboote. Über zwei Stockwerke kann man sie von oben und anschließend von unten bewundern.

Wir verlieren uns in den Räumen, in der unglaublichen Vielfalt menschlichen Gestaltens, bestaunen in Afrika, in Ozeanien Geschaffenes. Unser sich in andere Kulturen Träumen wird immer wieder unterbrochen vom erst moderaten, dann sehr störenden Schrillen der Alarmanlagen, die die frei zugänglichen Objekte vor zu viel Nähe schützen. Auch Monsieur löst so einen Alarm aus, als er sich lesend über eine kleine Plakette beugt. Die herbeieilende Aufseherin wird von einem alten Mann mit Rollator abgefangen, der ihr beteuert, dass das wirklich nicht Monsieurs Schuld sei, wenn „sie“ die Texte so klein schreiben würden, dass sie kaum zu lesen sind.

Die Ausstellung zur Seidenstraße ist nach wie vor faszinierend mit den Nachbildungen der Tausend-Buddha-Höhlen von Kizil. Bei den Abteilungen zu Südostasien merken wir doch schnell, dass wir quasi noch gesättigt sind vom Musée Guimet.

Ganz Südamerika ist noch nicht umgezogen, die Arktis, die Inuit fehlen auch noch. Deshalb werde ich mir jetzt noch kein Urteil bilden, sondern abwarten, bis das Forum seine gesamten Sammlungen präsentieren kann. Obwohl, eigentlich, naja, ganz ehrlich…

Das Forum entlässt uns in traumhaftes Herbstwetter, wir haben noch etwas Zeit, bevor wir uns für den Eröffnungsempfang der Konferenz umziehen müssen und Monsieur kommt mit einem letzten „Lass uns doch…“ Da der Vorschlag die Worte „Gendarmenmarkt“ und „Aperol Spritz“ beinhaltet, wird er ohne weitere Diskussion angenommen. Einstimmig.

Same same

Aber natürlich completly different.

Radeln am Fluss entlang, ja, aber…

Denn erstens ist es die Lahn und nicht der Rhein.

Zweitens gibt es keine Fähre, aber ein paar Brücken.

Drittens fahren wir nicht im Sonnenschein, sondern bei windigen, ungemütlichen 16 Grad.

Das ist natürlich erst der Anfang der Liste.

Die ersten Kilometer fallen auch unter „same same“, denn bis zur Lahnmündung fahren wir noch am Rhein entlang.

Doch dann ändert sich das Fahrgefühl. Der Leinpfad ist enger, die Lahn biegt auch schon mal um eine Kurve. Da gibt es dann lahnseitig ein Geländer, wohl damit so schnelle Radfahrerinnen wie ich bei ihrem waghalsigen Tempo nicht aus der Spur fliegen, hüstelhüstel.

Geländer gibt es auch an den Schleusen und damit die nächste Herausforderung mit ihrem kurzen steilen Sprint den Schleusen-Hügel hoch, gekoppelt mit einem Slalomschlenker durch die Absperrungen. Das muss ich doch noch mal üben, das endet meist mit einem eher uneleganten Abstützmanöver.

Auf dem Uferweg sieht man noch die Spuren der schweren Unwetter der letzten Tage, gefällte und zerlegte Baumriesen neben der Trasse, Schlammpfützen über den Weg. Ansonsten ist es einfach nur schönes Rollen in friedlicher Flusslandschaft. Selbst die oft parallel verlaufende Straße stört das Gefühl nicht. Halb zugewachsene Industrieanlage der Vergangenheit zeigen ihren morbiden Charme.

Apropos morbider Charme, da kommt Bad Ems nur auf morbide. Der Radweg führt im Zickzack durch mehr oder weniger verkehrsreiche Straßen – die Uferpromenaden und Parks am Fluss sind ganz eindeutig den kurenden Gästen zu Fuß vorbehalten – an noblen Hotels vorbei, der modernen Therme und dem alten Spielcasino. Alles sieht geschlossen und halb verlassen aus, trotz der zahlreichen Nobelkarossen, die vor einigen der Hotels stehen. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass bei diesem ungemütlichen Wetter niemand Lust zu flanieren hat.

Wir kreuzen die Lahn – auf einer Brücke! – und verlassen Bad Ems, nur um ein paar Kilometer weiter in idyllischen Wiesen austesten zu können, welch eine intensive und weitreichende Geruchsglocke Silage und Gülle übers Land legen können. Die Freuden des Landlebens mit seiner ach so gesunden Luft begleiten uns bis zur Brücke in Dausenau, unserem Ziel für diesen Nachmittagsausflug.

Fast können wir den Ort nicht betreten, denn ein Schwanenvater geht zischend und flügelschlagend auf Monsieur los, der wohl etwas zu nahe an seinen vier Küken vorbei geradelt ist. Die Vier grasen fröhlich und völlig ungerührt den Uferstreifen ab und haben eindeutig weniger Angst vor uns als ihr Vater.

Dausenau ist Fachwerk-Romantik und Saure-Trauben-Reaktion vom Feinsten. Alle Ausflugslokale, Eisdielen und Cafés sind geschlossen, was uns zu einem bockigen „Hätten wir eh nicht gewollt, bei den Temperaturen“ verleitet.

Anderthalb Stunden später sind wir wieder zuhause – ich muss unterwegs noch ein paar Fotos machen, sonst wären wir natürlich viel schneller gewesen. Ganz bestimmt!

Kultur erfahren

Im Rheintal, zwischen Bingen und Koblenz, können wir Kultur erfahren, mehrfach. Das beginnt mit dem RheinRadWeg und endet noch lange nicht mit den Fähren. Diese behaupten bedeutungsschwer integraler Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes zu sein. Was sie damit verschleiern und beschönigen wollen, ist die Tatsache, dass es auf der ganzen Strecke zwischen Koblenz und Mainz nicht eine einzige Brücke über den Rhein gibt.

Dafür gibt es auf jeder Rheinseite eine Menge Burgen zu bewundern, aber da müssen wir erstmal hinkommen. Der rechtsrheinische Weg führt von Koblenz flussaufwärts bei Lahnstein zuerst durch ein Industriegebiet vom Fluss weg, weil eine große Mühlenruine der 1890er den Uferweg als Privatbesitz beansprucht. Normalerweise kann man kurz durch den daneben liegenden Brauerei-Biergarten ausweichen, nur eben nicht heute, Mon- und somit Ruhetag. Endlich auf dem Uferweg teilen wir ihn uns anfangs noch mit Kinderwagen und Joggern, hinter der Lahnbrücke kommt ein Stück mit Schrebergärten links und alten Männern mit noch älteren Hunden. Zwei davon spielen Straßensperre. Der alte Mann ruft sie zur Seite und der Schäferhund gehorcht auch. Der andere Hund, der rundgemopste, grauschnäuzige, tiefergelegte steht auf seinen krummen Beinen weiterhin in der Mitte des Weges und schaut uns aus trüben Augen verständnislos an. „Der ist nicht alt,“ verteidigt ihn sein Besitzer, „der ist nur scheu!“ – „Ich auch!“, lacht Monsieur und kurvt um die moppelige Straßensperre herum.

Der nächste Lacher kommt von mir – vor Braubach, als Monsieur vorschlägt, „mal kurz“ zur Marksburg hochzufahren – und ist dann eher sarkastisch gemeint. Das Schöne ist ja, wir sind keine Touristen, wir sind von hier. Das heißt, alles, was touristisches Pflichtprogramm wäre: Marks- und jede andere Burg, Stolzenfels, Deutsches Eck, haben wir in unserer Jugend zum Überdruss gehabt – da schauen wir schon gar nicht mehr hin. Das erspart uns dann hier und heute einige nicht unerhebliche Höhenmeter, denn bis auf die Pfalz bei Kaub haben diese romantischen Rheinburgen immer die ganz unromantische Eigenheit auf höchst steilen Bergrücken zu liegen.

Der Radweg bietet uns eine große Vielfalt von ganz unterschiedlichen Erfahrungen: verträumte Orten mit Fachwerkhäuschen und das Gebrause der vielbefahrenen Bundesstraße direkt neben uns. Bekannte Weinlagen – wir winken kurz vor Boppard unserem Lieblingswein zu – und die hässliche Industrieanlage, die das Rhenser Mineralwasser abfüllt. Rheinromantik mit tief liegenden Frachtschiffen, die tuckernd an uns vorbeiziehen und das ohrenbetäubende Getöse, wenn ein Güterzug nur eine Straßenbreite von uns entfernt vorbeidonnert. Außerdem bietet er die Erkenntnis, dass wir eine Risiko-Sportart betreiben. Die Gefahr geht natürlich nicht von mir als Radfahrerin aus – ich weiß, dass einige jetzt grinsen, schämt Euch! -, das Risiko geht vom Gegen- in diesem Fall vom Querverkehr aus. Das, vor denen hier gewarnt wird, ist heute Morgen eher unmotiviert und überschaubar, da riskieren wir – mit kurzem Fotostopp – die Durchfahrt.

In Filsen gibt es die längste Bank am Rhein und ein Rüdiger-Rehberg-Ufer, weil der Abenteurer hier auf einem einfachen Floß den Rhein überquert hat. Ganz so abenteuerlustig sind wir – und die Ardenner erst recht – nicht und so warten wir auf die Fähre nach Boppard, zusammen mit zwei Bremer Radfahrern und einem Wohnmobil. Die Fähre dockt an, das Wohnmobil rollt los – und handelt sich einen ganz gepflegten Anpfiff vom Kapitän ein. Er – der Fahrer – hätte erst loszufahren, wenn er – der Kapitän – ihm das Zeichen dazugäbe, ob er das verstanden hätte, kommt im gröbsten Tonfall vom Kapitän, gleich zwei Mal. Und dann blafft er uns an, warum wir nicht auf die Fähre fahren würden. Ohne sein Zeichen? Haben wir nicht gewagt. Der Bremer hinter uns spekuliert kurz, ob er gegen den Ton protestieren soll, aber wir sind uns einig, dass Aufmüpfige wahrscheinlich zum Rudern verdammt werden würden – mit Peitsche und Trommelschlag.

Endlich tuckern wir los und Monsieur zeigt mir auf der anderen Rheinseite das Karmeliterkloster, dessen exquisite Glasfenster er bewundern durfte, im The Cloisters, einer Zweigstelle des Metropolitan Museum of Art, New York. Vor Ort, in Boppard selber, können wir Sankt Severus bewundern und den trockenen Humor des Kellners des kleinen Cafés auf dem Marktplatz. Die Kirche bietet Ausmalungen in den Originalfarben des Mittelalters, wunderschön in ihrer Farbenpracht. Aber – in meinen Augen – viel bemerkenswerter ist die „Geflügelsammlung“ über den Gewölbebögen: geflügelte Schlangen, geflügelte Drachen, geflügelte Fabelwesen, ungefähr alles, was man sich – was ich mir – nie mit Flügeln hätte vorstellen können.

Der Kellner bringt uns ein wohlverdientes Weizenbier zum Flammekuchen, einmal quer über den halben Marktplatz, wo wir schön unter Sonnenschirmen des Cafés sitzen und die Fachwerkhäuser bewundern. Hinter uns beschwert sich jemand über das schlechte Wetter, dass es morgen wieder regnen soll. „Also ich,“ meint der Kellner, „finde Regen super.“ Blickt zum Café, blickt zu den Tischen. „Sitzen alle drinnen. Hab‘ ich nicht so viel zu laufen.“

Wir müssen uns noch entscheiden, ob wir die Untere, die Mittlere oder die Obere Marktgasse nehmen für die Suche nach Stadtmauer und Römerkastell, dann geht es wieder den Rhein entlang. Mit ein paar Umleitungen kommen wir unter Stolzenfels durch bis nach Koblenz-Oberwerth. Wir trudeln durch die gutbürgerlichen „besseren Wohnviertel“ der 1880er, wo Herr Goethe Herrn Bach kreuzt, kurz bevor Herr Uhland dazu stößt. Beschließen ganz spontan, doch nicht über die alte Eisenbahnbrücke nach Hause zu fahren, sondern etwas richtig Touristisches zu tun. Keine Viertelstunde später stehen wir am Deutschen Eck und bewundern den Blick. Wie all die anderen Touristen.

Diät für die Augen

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Noch einmal in opulenter Pracht frühstücken, obwohl mir das Einhorn schon ein bisschen leidtut. Es dreht, offensichtlich schlecht gelaunt, aber mit stoischer Miene vor der Theke mit den Eierspeisen seine Runde. Nicht genug, dass es miterleben musste, dass es heutzutage fast nur noch als rosaroter Prinzessinnentraum dargestellt wird, der auf Regenbögen galoppiert und Sternenglitzer pupst – sorry, aber ist doch so.

b-ems1Nein, jeder der zu seinem Rührei drängt, latscht bedenkenlos über es hinweg. Ich natürlich nicht, ich gehe schön außen herum, was dann ein anderes Problem bringt. Zwischen zwei Einhörnern dreht ein anderes Wesen seine Runde, mit genauso mühsam beherrschten Gefühlen. Mein Problem ist, dass da auch zwei davon sind,  ich aber gar kein Pluralwort für Pegasus habe.

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Danach noch einmal im Foyer sich in der üppigen Pracht vergangener Zeiten versammeln zum obligatorischen – und von mir gar nicht gemochten – Familienfoto. Sich hingießen auf die prachtvollen Sofas, um festzustellen, dass sie sehr unbequem sind und ich nur mit Mühe und Not wieder aus ihren Tiefen hochkomme. Noch einmal „wandeln“ in der marmornen Kühle der großen Wandelhalle zum „Emser Kränchen“, vorbei an blauem Achat und viel Gold und Stuck.

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Dann aber geht es die Lahn entlang und auf den Hunsrück, umgeben von ganz viel Natur in leuchtenden Herbstfarben. Wunderschön! Diät für die Augen.

Was Baedeker nicht wusste

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Unsere Familientage neigen zu einer gewissen Opulenz, unterbringungs- und ernährungstechnisch. Letzteres kann man mit etwas Bewegung ansatzweise ausgleichen. In Bad Ems bietet sich der Bäderlei-Weg an, der von Herrn Baedeker schon Mitte 1800 als einzigartig schön gepriesen wurde und folgerichtig in Baedeker-Weg umbenannt wurde. Was Herr B. nicht wusste, nicht wissen konnte, ist die Tatsache, dass der viel gepriesene Weg die ersten 20 seiner 190 Höhenmeter im Treppenhaus des neuen Parkhauses der Kurstadt erklimmt. Somit zum Schummeln Aufgelegten die Möglichkeit gibt, vier Stockwerke per Lift zu bewältigen.

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Wir tun das natürlich nicht, wir stellen uns der doppelten Herausforderung, die Treppen und Parkhausarchitektur darstellen und dürfen kurz darauf den schmalen Felspfad betreten, der zu den Heinzelmann-Höhlen führt. Die sind nicht zu Hause und so kämpfen wir uns Schleife um Schleife, Aussichtspunkt um Aussichtspunkt – immer dasselbe Bad Ems, aber immer ein neuer Blickwinkel – hoch zum Concordiaturm, der mit der Aussicht auf eine wohl und vielfältig gefüllte Kuchentheke lockt. Cappuccino-, Eierlikör-, Kirschkäse- und andere Torten machen dann wieder weitere Bewegung notwendig, im Thermalbad, um sich ein bisschen Appetit für das opulente Abendessen zu erarbeiten.

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Ich fürchte, ab morgen muss ich mit einer Diät anfangen.

Aber natürlich erst nach dem ausgedehnten Frühstück hier.