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Darf es ein bisschen Meer sein?

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Test – Test – Test

 

Tests im Dreierpack – und alle drei bestanden.

Der erste Test betraf das Organisationstalent unseres Planungsteams. Vorgesehen war ein Tag ohne Auto, dafür – damit uns nicht langweilig wird – mit verschiedenen ÖPNVs.

Der zweite Test sollte die Zuverlässigkeit eben dieser ÖPNVs überprüfen.

Und der dritte – und schwierigste – unsere Bereitschaft uns den vorgegebenen Rahmenbedingungen zu unterwerfen.

Was soll ich sagen? Testurteil: sehr gut.

 

Der Schwabe im Allgemeinen hat ja den Ruf, zur Sparsamkeit zu neigen. Das Schwäbische Meer hingegen zeigte sich uns gegenüber sehr großzügig. Blaue Weiten mit sonnigen Lichtreflexen, leichten Wellen und guter Laune im Überschuss. Gut, das ist sein Job, sozusagen. Aber es ist doch immer schön anzusehen, wenn jemand seinen Job mit echter Freude und Begeisterung macht.

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Erster Teil der Testreihe: Fähre von Uhldingen zur Mainau, problemlos. Gut, die Ticketkontrolettis auf der Mainau sind noch nicht ganz wach und mit anderem beschäftigt, aber wir dürfen auf die Insel. Also, die Blumeninsel. Mit ihren wunderschönen Blumenbeeten, makellosen Rasenflächen, Jahrhunderte alten Baumriesen und dem berühmten Rosengarten. Alles tadellos gepflegt und gehegt. Gönne ich ihm, den Grafen, wirklich, neidlos. Nur ganz fair finde ich das nicht. Ich vergleiche dann halt direkt mit dem Zustand meines Gartens. Der Herr Graf hat einen Garten, der 20 mal größer ist als der unsere. Wie gesagt, gönne ich ihm, ohne Probleme. Für den 20fachen Garten hat er allerdings die 70fache Gärtnermenge – und da hakt es halt. Wenn ich das jetzt mal umrechne – und nach Möglichkeit, ohne einen armen Gärtner durchzuschneiden – käme ich auf drei bis vier Gärtner für unsere Gartengröße. Ja, da hätte ich auch eine reelle Chance gegen den Giersch. Bliebe immer noch das Problem, dass meine Vorfahren leider nicht die Weitsicht hatten, sich vor ein paar Jahrhunderten eine Insel anzueignen. Da besteht Diskussionsbedarf, gebe ich zu.

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Die aktuellere Diskussion dreht sich um die Tatsache, dass Kindheitserinnerungen trügerisch sind. Diesmal geht es nicht um Zitronentörtchen, sondern um Palmenhäuser und Blumentreppen. Beides uns als großartig erinnert und erzählt, beides in der Realität nicht auffindbar. Schließlich stehen wir vor zwei Treppenstufen, die zu einem Brunnenbecken führen und unser Freund ist wirklich zerknirscht: so klein und mickrig soll sein erinnertes Highlight sein? Monsieur lässt das keine Ruhe, er dreht und wendet den Plan, geht ein paar Ecken weiter – und da ist sie dann, die mit Blumen geschmückte Treppe, mit dem Wasserlauf in der Mitte. Kindheitserinnerung gerettet. Mit den Palmenhäusern klappt das nicht, die wurden abgebaut, da hilft alles Drehen und Wenden nichts.

Weiter geht es zum Schmetterlingshaus. Und das ist reines kindliches Entzücken und Staunen. Natürlich verlieren wir Monsieur, bei der Fülle der zu fotografierenden Gaukler kein Wunder.

 

Aber irgendwann sind wir alle wieder draußen, jeder mit einer Fülle an „Hast du den gesehen?“-Begeisterung.

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Und dann kommt der etwas beängstigende Teil der Mainau: die killer ducks. Aus blühenden Blumen gestaltete Quietsche-Entchen, die selbst Jeff Koons Alpträume bereiten würden. Wir sind jedenfalls heilfroh, als wir an diesen monströsen Horrorvideo-Darstellern vorbei sind. Ebenfalls unbeschadet gelangen wir durch den Streichelzoo und den riesigen – und wirklich sehr schönen – Spielplatz und damit unmittelbar zu Testphase zwei: Bus nach Konstanz.

Der kommt pünktlich, hat auch Platz für uns und trägt uns über die Rheinbrücke in die Altstadt, wo wir bei der Haltestelle Konzilstraße aussteigen. Hier, verkünden unsere Planer, geht es zum Mittagessen im Brauhaus Albrecht und wir freuen uns. Bevor der Nachsatz kommt: nachdem wir das Münster besichtigt haben. Zut alors! Aber da müssen wir nun durch. Das Münster hat dann für alle etwas zu bieten: romanische Basilika, mittelalterliche Holzschnitzereien, scheußlichste barocke Altäre in den Seitenschiffen, wunderbare gotische Spitzenklöppelei in der Mauritiusrotunde und die wirklich einzigartigen feuervergoldeten Kupferscheiben aus dem 11. Jahrhundert in der Krypta.

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Nach der nun wohl verdienten Pause im Brauhaus lassen wir uns durch die Konstanzer Straßen und Gässchen zum Hafen mit dem Konzilsgebäude treiben. Das Gebäude kann leider nicht verleugnen, dass es sein Leben als Kauf- und Lagerhaus begonnen hat. Es ist beeindruckend als Ausdruck einer logistischen Meisterleistung des frühen 15. Jahrhunderts, aber mit der Eleganz der Konzilsgebäude von Trient nicht zu vergleichen.

 

Das Gebäude steht am Hafen, im Hafen steht die Statue der Imperia. Sie ist nicht das Denkmal für die 33 Kardinäle oder 346  Bischöfe des Konstanzer Konzils, von den 3000 Theologen und Äbten ganz zu schweigen. Nein, sie stellt eine der fast tausend frei schaffenden Damen dar, die für die work-life-balance der Kirchendiener sorgten. Die weltliche Seite war aber wohl um keinen Deut besser. Und so hält die stolz ihre Schönheit zeigende  Frauengestalt zwei kläglich in sich zusammengesunkene Figuren in ihren Händen: die eine mit Tiara, die andere mit Krone.

b1Wir haben etwas mehr Zeit als vorgesehen, die sich drehende Imperia zu bewundern. Zwar sind wir pünktlich am Steg, unser Schiff aber nicht ganz. Während wir noch ein bisschen durch die Hafenanlagen schlendern, sammeln sich hinter den Absperrseilen einige Hunderte, die auch übern See, übern See wollen. Das Schiff kommt und darauf auch wieder Hunderte, die in Konstanz aussteigen wollen, davon viele mit Fahrrädern oder Kinderwagen bewaffnet. Und das dauert nun.

Aber irgendwann sitzen wir oben unter einem Sonnensegel, eine freundliche junge Frau nimmt unsere Bestellungen auf und wir genießen noch einmal das sanfte Schaukeln und die Weite des Schwäbischen Meers, während unser Schiff von Konstanz nach Meersburg zur Mainau nach Uhldingen zickzackt.

Um halb acht bringt uns schließlich ein Taxi nach Meersburg zu einem Abend mit schwäbischen Spezialitäten und badischem Wein.

Was will man mehr?

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Cappuccino im Gegenwind

 

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Es ist schon lustig, wenn man seine Heimatstadt mal mit Touristenaugen betrachtet. Schließlich ist Koblenz eine wirklich schöne Stadt. Zwar hat man dauernd logistische Probleme. Och nöö, schau mal: Da konnte man doch früher einfach durch gehen, da war doch damals ein Weg, sag mal, das ist aber neu jetzt, oder… Aber man sieht Dinge, die man früher wie selbstverständlich und nebenbei wahr genommen hat, mit anderen Augen.

Wir rollen die Touristerei von hinten auf, in diesem Fall eher von oben. Ich bin doch tatsächlich noch nie mit der berühmten BuGa-Seilbahn gefahren, das soll heute geändert werden. Da wir aber die chaotischen Verkehrs- und Parkverhältnisse in der Koblenzer Innenstadt kennen, fahren wir direkt hoch zur Festung Ehrebreitstein. Der Seilbahn dürfte es wohl egal sein, in welcher Reihenfolge wir Berg- und Talfahrt anordnen. Als erstes kommt so ein Och nöö-Moment. Die Festung war trotz ihrer martialischen Ausstrahlung gern gewähltes Ziel romantischer Ausflüge. Nach Einbruch der Dunkelheit konnte man auf dem Festungsplatz den Blick über die erleuchtete Stadt genießen und sich ganz und gar unmartialischen Gedanken – nennen wir es mal so – hingeben.

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Und jetzt – och nöö – ist alles anders. Zugang ohne Eintrittskarte geht gar nicht, aber bevor wir überhaupt dahin kommen, lockt rechter Hand die Bergstation der Seilbahn. Wir lösen die Tickets, die Gondel kommt, Monsieur hält mich zurück. Auch die nächsten – leeren – Gondeln fahren ohne uns, bis endlich die Gondel 17 um die Ecke zuckelt – und die ist es dann: die Gondel mit dem Glasfenster im Boden. Wir gondeln über Festungshang, B42, Rhein mit dazugehörigen Schiffen hinüber zum anderen Rheinufer, wo uns die Bahn kurz vor St. Kastor absetzt. Vor der Kirche erfahren wir, was man bei Gartenarbeiten so alles finden kann. Ich habe bei uns im Garten mal ein handgeschmiedetes Rebmesser aus dem 18. Jahrhundert gefunden. Hier war es ein bisschen mehr. Hier kam bei den Arbeiten für die BuGa im Umfeld von St. Kastor das seit Jahrzehnten von Archäologen vergeblich gesuchte römische Lager, die Keimzelle Koblenz‘, zutage.

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Vor Kastor steht auch jener köstliche Brunnen, der an Hässlichkeit und Ironie nicht zu überbieten ist. Hässlich in seiner plump dahin geklotzten Form, mit der der napoleonische Kommandant sich bei seinem Kaiser einschleimen wollte.

„An MDCCCXII

Mémorable par la campagne contre les Russes

Sous le préfectura de Jules Doazan.“

(Im Jahre 1812: Denkmal an den Feldzug gegen die Russen Unter dem Präfekturat von Jules Doazan.)

Ironisch die Inschrift des russischen Kommandanten keine zwei Jahre später.

„Vu et approuvé par nous commandant

russe de la ville de Coblentz

le 1er janvier 1814.“

(Gesehen und genehmigt durch uns, russischer Kommandant der Stadt Koblenz, am 1. Januar 1814.)

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Kelten, Römer, Deutschherren-Ritter, Franzosen, Preußen, in Koblenz ging es schon immer ziemlich hin und her. Klar, von der Kastorkirche geht es weiter zum Deutschherrenhaus und dann natürlich zum Deutschen Eck mit der steilsten Lernkurve des Tages. Dass die bunten Fahnen die Bundesländer symbolisieren, haben wir schnell heraus, aber welche den nun welches? Ich muss gestehen, dass wir häufiger falsch als richtig lagen, Hamburg, Berlin, Niedersachsen – ok. Unsere eigene, na klar. Aber mal ehrlich: wer von euch wusste, welches Bundesland einen schmalen gelben Streifen in der Fahne hat, neben drei fetten bunten?

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Der olle Wilhelm auf dem Denkmal ist nach wie vor umstritten, ebenso wie die Figur neben dran. Historisch überliefert ist die Deutung eine Kowwelenzer Originals: „Wenn wir den Krieg gewonnen haben, ist das die Siegesgöttin, wenn wir den Krieg verloren haben, ist das der Engel der Barmherzigkeit.“

Während wir noch Fahnenraten spielen, bewölkt es sich und der Wind wird immer heftiger. Wir beeilen uns, unsere Talstation anzusteuern. Aus den Alpen kennen wir das, dass ab einer bestimmten Windstärke nix mehr geht bzw. fährt und als Alternative nur noch der Abstieg zu Fuß übrig bleibt. Hier wäre es ein Aufstieg mit langwierigem Umweg zur nächsten Brücke. Wir fahren windumtost hoch zur Festung, der Wind heult zwar schauerlich um die Kabine, aber man spürt ihn nicht.

Auf der Festung geht es dann hinter dem Ticketshop durch die altbekannten Gänge, vorbei an französisch benamster preußischer Militärarchitektur zum Festungsplatz mit dem tollen Blick über die Stadt. Unter uns schaukeln die Gondeln hin und her über den Rhein, ganz unbeirrt vom immer heftiger und böiger blasenden Sturm. Wir wollen trotzdem unseren Kaffee mit Aussicht genießen, draußen, am Festungswall. Die Bedienung kommt mit meinem Cappuccino aus der Tür des Festungscafés und der Wind bläst die gesamte Schaumkrone weg. Als Ersatz bekomme ich ein Extra-Kännchen Milchschaum, das ich dummerweise auch in meine Tasse umfülle. Was dann natürlich dazu führt, dass mir beim ersten Schluck der Wind den Kaffeeschaum über Gesicht, Haare und Bluse verteilt.

Wieder was gelernt: Cappuccino nicht bei Gegenwind!

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Mal ehrlich, Malta hatte ich mir ganz anders vorgestellt!

Fauststadt Staufen

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Wir wohnen bei Genf, unsere Eltern in Koblenz. Da gibt es schon eine Menge Hin- und Herfahrerei zu den unterschiedlichsten Anlässen. Da unsere Elternpaare aber dieses Jahr die stolze Summe von 359 Lebensjahre zusammenbringen, lag in den letzten 20 – 30 Jahren die Fahrerei meist in unserer Hand, erst mit zwei und dann mit immer mehr Kindern. Genf – Koblenz, das sind knapp 700 km, ein langer und oft auch langweiliger Ritt, den wir Eltern – eingedenk unseres Bildungsauftrages – gelegentlich durch Zeitziehen mit anderen Attraktionen als die berühmt-berüchtigten Plätze mit dem großen P unterbrechen wollten. Dieses Zeitziehen ging meistens schief – aber selten so spektakulär wie in Augusta raurica, dem heutigen Kaiseraugst. Genervte Eltern, heulende, motzenden, trotzenden Kinder, denen vollkommen egal ist, wie alt die herumliegenden Säulen sind. Der Frustlevel ist sehr hoch, der Zugewinn an Wissen und Lebenserfahrung eher gering. Und wir Eltern haben uns geschworen: nie wieder Augusta raurica. Bei all dem entstand in unserem Kopf aber so eine Idee. Später, wenn wir mal groß sind, d.h. wenn unsere Kinder groß und selbständig sind, dann fahren wir zwei mal alleine und ganz gemütlich  den Rhein hinunter und halten an all den Sehenswürdigkeiten, die diese braun-beigen Schilder rechts und links der Autobahn anpreisen. Nun gut, vielleicht nicht an allen. Die Bunker der Maginot-Linie brauche ich nun wirklich nicht und Ritterburgen müssen wir ohne die Kinder auch nicht mehr unbedingt haben. Aber da bleibt noch genug übrig. „Dann lass uns doch mal mit Staufen anfangen,“ schlägt Monsieur für diese Hinreise nach Koblenz vor und erwähnt das Projekt im Freundeskreis. Unsere Freunde sind konsterniert, dass wir uns das trauen, dass wir keine Bedenken haben. Nun sind wiederum wir konsterniert und unsere Freunde rufen uns das Geothermie-Disaster in Erinnerung. Das Stadt-Bauamt Staufen wollte sparen, gleich zwei Mal. Einmal – durch Geothermie – bei der Heizung fürs Rathaus und zum anderen die Kosten für ein Gutachten. Und das wurde dann richtig teuer. Einer der in die Erde versenkten Bohrschächte traf eine Grundwasserader. Das Wasser vermischte sich mit einer darüber liegenden Gipsschicht. Der Gips quoll auf und die ganze Stadt wurde gehoben, verschoben, versetzt. Die Stadt hob sich in wenigen Monaten um mehrere Zentimeter, Fassaden klafften auf, Risse liefen durch Hauswände, Putz blätterte ab.

st 4Inzwischen hat sich die Bewegung durch Abdichtung der Wasserader so verlangsamt, dass manche Hausbesitzer die Risse schon wieder verfüllt und verputzt haben. Und das Rathaus hat eine Gasheizung bekommen. Aber natürlich sieht man die Narben noch an den Häusern. Und auf der Internetseite der Stadt. Da werden in einem FAQ-Forum  Fragen beantwortet wie: „Wie gefährlich ist es Staufen zu besuchen? Wie gefährlich ist es am Rathausplatz ein Restaurant, ein Hotel zu betreten?“ Fragen, die ich bei einem Besuch in der Bronx oder einem der dunkleren Viertel Berlins vielleicht erwartet hätte, aber doch nicht in Ba-Wü. Natürlich ist es völlig ungefährlich. Wir jedenfalls fühlen uns ungefährdet wie wir so in Staufen im Sonnenschein auf dem Rathausplatz sitzen. Die einzige akute Gefährdung geht von unseren mangelhaften Kenntnissen der Landessprache aus, die uns nicht sehen lassen, dass „hausgemachte Bratwürstle“ sowohl Diminutiv als auch Plural ist und uns somit vor deutlich größere Portionen als geplant stellen.

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Uns gegenüber liegt das Gasthaus zum Löwen – und damit sind wir endlich beim Thema. Das Autobahnschild versprach uns nämlich „Fauststadt Staufen“. Und Staufen liefert. Faustus-Apotheke, Auerbachs-Keller-Theater, jenes Gasthaus „Leu“, in dem angeblich der Teufel den Schwarzkünstler Faust geholt hat, aber nicht bevor dieser mit einem alchemistischen Versuch die halbe Stadt abgefackelt hatte. Faust, das ist eher schwierig für mich. Ich gehöre nämlich zu einem Jahrgang, der ohne Faust Abitur gemacht hat. Meine Deutschlehrerin stand eher auf Brecht. Brecht von oben bis unten, von hinten bis vorne, von links nach recht. Kein Goethe, was mir durchaus recht war. Faust habe ich später mal im Theater gesehen, in einer Aufführung, in der Faust nicht der ewig Suchende war. Mehr so der ewig meckernde, unzufriedene spätpubertäre Nörgler. Hat mir nicht so wirklich viel gegeben. Aber das Leben hat ja einen sehr feinen Sinn für Humor und so macht mein Jüngster vor einigen Jahren sein Abitur – mit Faust. Und setzt sich irgendwie in den Kopf, weite Teile des Textes auswendig zu lernen. Keine Ahnung wieso, bei unregelmäßigen französischen Verben hatte er noch nie diesen Drang. Das führt aber dann dazu, dass die oben erwähnten Koblenz-Reisen nun oft durch ironisch verfremdete Faust-Darbietungen unterbrochen werden.

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Wir schlendern durch die schönen Gässchen von Staufen, vorbei an einer Vielzahl an Restaurants, Cafés und Läden, in denen Deko-Kitsch verkauft wird. Monsieur steht vor einem riesigen Herzen aus rostigem Eisen und fragt mich: „Soll ich dir mein Herz schenken?“ Als er aber sieht, dass seine Frau sofort anfängt, über die vielschichtige Symbolik des Ganzen nachzudenken, winkt er ab. Und kauft mir gegenüber, bei der „Kalten Sophie“, ein Himbeerjoghurt-Eis. Ohne Interpretationen und Subtext.

 

Staufen ist trotz seiner Narben ein wunderschön-romantisches Städtchen, ideal zum Schlendern und in der Sonne sitzen. Die vielen Faust-Anspielungen kann man ja übersehen. Auch den allgegenwärtigen Goethe. Wenn ihr auch nicht so richtig große Goethe-Fans seid, empfehle ich Euch ein Café, gleich hinter dem Rathaus. „Hier war Goethe“ steht in Großbuchstaben auf einem Schild an der Tür. Und dann unten drunter, winzig klein „nie“.

 

 

 

 

Bergin oder Prophetin

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Das war meine erste Reaktion, als ich las, dass die Maya nach Speyer  kommen. Dieser Spruch vom Propheten und dem Berg. Fand ich unheimlich nett von den Maya zu uns zu kommen, da wir in absehbarer Zeit – wahrscheinlich – nicht sp4nach Südamerika kommen werden. Hinterher habe ich mich etwas geärgert, nicht über die Maya, über den Spruch. Denn, wie man es dreht und wendet, die Vergleiche sind wenig schmeichelhaft. Wer will schon als so überheblich und arrogant gelten, sich selbst als den Propheten zu sehen? Ich jedenfalls nicht. Wüsste gar nicht, was ich als Prophetin denn überhaupt so zu prophezeien hätte. Außerdem wäre es mir sicherlich unheimlich peinlich, wenn die eine oder andere Prophezeiung dann doch nicht einträfe. Und letztlich weiß man ja auch, dass der Job des Propheten oder der Prophetin nicht ganz ohne ist. Ich sage nur Kassandra oder Jonas.

Nööö, Prophetin bestimmt nicht. Aber dann der Berg sein? Das ist doch in diesem Fall auch nicht wirklich positiv. Groß und stark, ok, das geht ja noch – auch wenn das jetzt wenig nett an die noch verbliebenen, unheimlich anhänglichen Weihnachtskilo erinnert. Aber unbeweglich und erstarrt – das sind eigentlich Eigenschaften, mit denen ich mich nicht identifizieren (lassen) möchte.

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Gut, die Maya sind auch ohne Sprüche nach Speyer gekommen und wir dann auch. Am ersten schönen Tag des Monats, bei sagenhaften 15° und Sonnenschein, eigentlich gar kein Wetter für Museumsbesuche. Drinnen in der Maya- Ausstellung empfängt einen eine Mehrgenerationen-Schau. In jedem Raum gibt es zu den fantastischen Exponaten mehrere Angebote für Kinder, mal mehr spielerisch in Richtung Indiana Jones: Entdecke die verborgenen…, mal mehr mit pädagogischem Anspruch, wenn man Hieroglyphen zu Sätzen oder Scherben zu Bechern zusammensetzen soll. An diesem Wochen- und Schultag sehe ich keine Kinder im Museum, wohl aber vereinzelt ältere Herren, wie sie versonnen Scherben und Hieroglyphen-Steine hin- und herschieben. Einer steht lange vor dem Passbild-Automaten, die nachgebildete Jaguarkrone des Mayakönigs abwägend in der Hand. Dann liest er sich die Anleitung nochmals durch und stolpert über die Anrede: Liebe Kinder… Ich spüre richtig, wie schwer es ihm fällt, die Krone wieder zurück zu legen. Am liebsten hätte ich ihn aufgefordert, auf sein inneres Kind zu hören.

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Die Ausstellung ist sehr schön und unterhaltsam, vom Jaguar-Menschen im ersten Raum, über interaktive Spielereien im Modell einer Maya-Stadt, die die Universität Bonn gerade ausgräbt, zu den Grabstelen großer Könige. Allerdings steht an vielen Exponaten: Fundort unbekannt. Und da ist dann eine der beeindruckendsten Keramiken, Leihgabe des Ethnologischen Museums Berlin: ein Becher, auf dem Szenen die Gefangennahme gegnerischer Adliger zeigen. Den Herrschaften ist deutlich anzusehen, dass sie die Maya-Tradition der Menschenopfer kennen. Und dieser Becher heißt nun Berliner Kriegsvase, weil er ja ganz offensichtlich aus Berlin stammt. Oder man erfährt, dass von einer Hieroglyphen-Tafel nur der untere Teil zur Ausstellung kommt, da der obere Teil noch während der Ausgrabung geraubt wurde. Und langsam beschleicht mich der Verdacht, dass wir bei einer eventuellen Reise dorthin zwar die Ruinen der Städte zu sehen bekämen, die schönsten Exponate aber in europäischen oder nordamerikanischen Museen sind.

sp2Im letzten Raum wird versucht zu erkunden, was zum plötzlichen Verschwinden der Königsstädte der Maya führte und man kommt zu dem Schluss, dass es nicht Krankheiten oder Raubbau an der Natur waren, sondern exzessive Kriege untereinander.

Darin ist sicher eine nette Lehre für die Trumpeltiere in Washington oder anderswo versteckt. Allerdings bezweifle ich, dass diese Herren in solche Ausstellungen gehen. Oder meinen Blog lesen – was mir ehrlich gesagt auch gar nicht Recht wäre. Ja!

Jedes größere Museum verfügt auch über ein Museumscafé. (Es gibt Museen, bei denen ich mich noch im Detail an das Café, aber überhaupt nicht mehr an die Ausstellungen erinnere, wirklich peinlich!) In Speyer ist es der überdachte Innenhof, in dem man bei einer Tasse Kaffee den Faltplan hin- und herdrehen und die Ausgänge zu den anderen Sammlungen herausfinden kann. Römer, nööö, das ist jetzt nicht so dringend. Aber den keltischen Goldhut und die Bronzeräder in der Urgeschichte, die gönnen wir uns. Gegen den erheblichen Widerstand zweier in Felle gehüllter Neandertaler im Eingangsbereich, die jedes Mal, wenn Monsieur an ihnen vorbeigehen will, losblöken „Fass mich nicht an!“. Irgendwie gelingt es uns, sie weiträumig zu umgehen und da verlieren sie jedes Interesse an uns.

Urgeschichte ja, Römer nein und – weil Monsieur quengelt – dann auch noch das Weinmuseum. Ist nicht so überwältigend, aber das habe ich für mich behalten.

Und dann stehen wir im Sonnenschein vorm Dom. Vor Jahren haben wir unsere Kinder in die hervorragende Samurai-Ausstellung in Speyer gezwungen. Da mussten sie hinterher widerstrebend eingestehen, dass sie die auch toll fanden. Dass wir sie aber anschließend mit dem Mallory-Mount-Everest-Argument „Weil er eben da ist“ in den Dom genötigt haben, das nahmen sie uns dann doch übel.

So gönnen wir uns heute einmal Dom ohne Kinder – und eine authentische Mittelalter-Erfahrung. Der riesige Raum ist nämlich nicht geheizt. Und so mischt sich unter das „Oh, ist das schön!“ ein ganz prosaisches „Mensch, ist das kalt!“.sp3

Bad Kolbenz an der Kolbe

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So tituliert mein Vater diese Stadt oft. Mit dem Argument, dass die ursprüngliche Kombination von „b“ und „l“ in Koblenz diesen Namen für Gebissträger schier unaussprechbar mache.

Nun liegt Bad Kolbenz aber mitnichten an der Kolbe, sondern am Rhein, dem Legenden-Umwobenen, dem Viel-Besungenen. Und an der Mosel, der Lieblichen. Und fast, fast auch noch an der Lahn. Große mächtige Flüsse haben starke Anziehungs- und Strahlkraft für mich Selbst so ein geschundenes Arbeitstier wie der Rhein. Begradigt, eingezwängt, verschmutzt, als Lasttier unters Joch gezwungen, bewahrt er Würde und Größe. Und manchmal, manchmal träumt er von der wilden Kraft seiner jungen Jahre und bäumt sich auf. Dann seufzen die Anwohner der ufernahen Stadtteile und greifen zu Schöpfeimer und Wasserpumpen. Was das Weihnachtshochwasser anschwemmt, sagt man in Koblenz, nimmt das Februarhochwasser wieder mit. Das Rheinwasser in den überfluteten Keller allerdings nicht. Dieses Jahr gibt es noch keine Anzeichen für das Februarhochwasser. Im Gegenteil, der Rhein hat einen außergewöhnlich niedrigen Pegelstand.

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Schinkels Idee einer Rheinburg: Schloss Stolzenfels

Wir schlendern den Rheinuferweg entlang. Ich weiß gar nicht, wie viele Kilometer ich schon auf diesem Weg gelaufen bin. Als Kind, beim sonntäglichen Spaziergang mit den Eltern, später als Jugendliche mit Freunden, um eben genau diesem Spaziergang zu entkommen, allein oder Hand in Hand mit Monsieur.  Wir laufen heute stromaufwärts Richtung Lahnmündung. Ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen, müssen wir doch unser vertrautes Koblenz verlassen, eine Stadtgrenze überqueren und uns auf das Stammesgebiet der Ubier wagen. Ein fremder, wilder Volksstamm, der seine Lager um die Lahnmündung herum aufgeschlagen hat. Schon die Römer wollten diese wilden Ubier im Auge behalten und stellten hier, an der nördlichsten Spitze der Lahnmündung einen Wachtturm hin. Ein paar Jahrhunderte später errichteten die inzwischen christiani- und zivilisierten Anwohner genau dort eine Kapelle und wiederum ein paar Jahrhunderte später begann man mit dem Bau der heutigen Johanneskirche.

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Das muss dann auch die Zeit gewesen sein, als ihnen klar wurde, dass es wohl doch nicht so schlau gewesen war, eine Kirche mitten hinein ins Überschwemmungsgebiet gleich zweier Flüsse zu bauen. Jedenfalls ist Sankt Johannes die einzige Kirche, die ich kenne, die einen hochwassersicheren Zweitaltar hat. Der Chor ist über die gesamte Breite und bis zur halben Höhe gefüllt mit mächtigen Basaltstufen, zwölf an der Zahl, die hinauf führen zu einer hochwassersicheren Plattform, etwa zwei, vielleicht drei Meter über dem Boden des Kirchenschiffes. Da ich nun leider mit einer überbordenden Fantasie ausgestattet bin, sehe ich sie sofort vor mir, die Mönche, die sich in ihrem kleinen Nachen aufmachen, um in der überfluteten Kirche die Mitternachtsmesse zu singen. (Sollen wir sagen, es ist die Weihnachtsmette? Oder ist das vielleicht doch zu kitschig?) Die tosenden Wasser des mächtigen Rheins haben die Kirche schon seit Stunden umspült, dabei die ebenfalls hoch angeschwollene Lahn zurückgestaut. Nun suchen, bahnen, finden die Wassermassen gemeinsam einen neuen Weg, entdecken eine Seitenpforte, die nicht richtig gesichert war und erstürzen sich ins Kirchenschiff. Wenig später steht die Kirche wie eine Insel in einem wilden Meer von Hochwasserstrudeln. Die Mönche in dem kleinen Boot rudern verzweifelt gegen die Strömung an, der Schein der Laterne im Bug hilft kaum gegen die Dunkelheit. (Eigentlich wollte ich jetzt noch ein Gewitter und einen Sturm einführen, aber das lasse ich dann mal. Die Mönche haben es eh schon schwer genug.) An der Pforte angekommen, gelingt es ihnen mit großer Mühe, das Boot aus der Strömung zu drehen und dann müssen sie sich sehr schnell sehr tief ducken. Es ist kaum eine Handbreit Luft zwischen Kahn und Türsturz. Im Inneren herrscht plötzlich so etwas wie Stille, das wilde Tosen der Flüsse wird zum dumpfen Summen, einziges Geräusch das Klatschen der Paddel, mit denen die Mönchen ihren Nachen vorwärts treiben. Der Nachen gleitet durchs Mittelschiff, gleitet über die Stelle, an der üblicherweise der Altar steht, stößt an die Basaltstufen. Die Mönche in Bug und Heck strecken die Hände aus und sichern den Kahn, die anderen stehen unsicher auf und raffen ihre Kutten über die Knie (und wehe, einer kichert jetzt). Ein Sprung und wenig später ertönen die ersten Harmonien eines gregorianischen Gesanges.

Ja, genauso könnte das gewesen sein. Oder so ähnlich. Oder ganz anders…

Meinem kleinen Bruder und mir wäre es natürlich nie in den Sinn gekommen, eine Kirchenbesichtigung als vollwertiges Ziel eines Sonntagnachmittagsspazierganges zu akzeptieren. Nein, da mussten unsere Eltern schon ganz andere Attraktionen bieten, um uns zu überreden. Einen Eisbecher in der „Rheinkrone“ etwa oder eine Runde Minigolf auf dem Platz, nur wenige Schritte vom Johanneskloster rheinabwärts. Meist war der Minigolfplatz unser erwähltes Ziel. Nach der Runde Minigolf konnte man manchmal doch noch ein Eis erquengeln. Umgekehrt klappte das fast nie.

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Nun weiß ich schon, dass – Achtung Klischee – in der Erinnerung alles größer, schöner, besser ist. Aber diese Erkenntnis schützt mich nicht vor der großen Enttäuschung, als ich jetzt am Minigolfplatz vorbeikomme. Wie trostlos und heruntergekommen wirkt das, was für uns einmal der Inbegriff sonntäglichen Freizeitvergnügens war. Aber bevor Nostalgie und Tristesse bedrückend zugreifen können, wirkt der große Fluss seine Magie und bringt mich zum Lachen, wenn auch nicht direkt in…

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Falsche Löwen und lachende Pferde

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Maria Laach ist für mich ein Magnet.  Eine alte Freundin, die man immer wieder gerne besucht, die man gut zu kennen glaubt und die einen hin und wieder mit neuen Facetten und Wesenszügen überrascht.

Die strenge, fast abweisende Basilika hat mein Empfinden für die Schönheiten romanischer Kirchen geprägt. Ich habe da Bilder in meinem Kopf: Maria Laach im Nebel, Morgenläuten, das uns nach einer Wanderung um den See zur Basilika zieht. Das Innere in seinen dunklen Tuff- und Basalttönen. Der Wald der Säulen in der Krypta. Der trutzige Löwenbrunnen. Und natürlich glaubte ich, mein Maria Laach zu kennen.

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Bis eben zu jenem Tag vor Jahren, an dem ich Monsieur frage, auf der breiten Treppe, die zum „Paradies“ und dem Löwenbrunnen führt, was er wohl für wahrscheinlicher halte. Dass der Alhambra-Brunnen den Laacher Brunnen beeinflusst habe oder ob es doch eher umgekehrt gewesen sei. Monsieur tut sich sichtlich schwer, mit seinem „Ähm, also, hmmm, nun ja…“ Und setzt zum Dolchstoß für meiner Romanische-Löwenbrunnen-Begeisterung an: dieser Löwenbrunnen steht zwar in einem mittelalterlichen Umgang, ist aber von 1929. Das war schon hart für mich. Aber ich finde es immer wieder sehr hübsch, wenn das Leben mir lachend eine Nase dreht. Und außerdem, was soll’s, wieder etwas gelernt und das Wissen ändert wenig an der Tatsache, dass ich den Brunnen in seiner Umgebung immer noch als sehr schön empfinde.

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Und dann fahren wir nach Koblenz zurück und an der Autobahn taucht das Schild „Bassenheimer Reiter“ auf. Den kennen wir natürlich, theoretisch, und wissen auch, wo er zu finden ist, ebenfalls theoretisch.

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Nur zeigt sich sehr schnell, dass da unsere Theorien auseinander gehen. Monsieur plädiert für die Bassenheimer Dorfkirche, ich meine etwas von Mainz und Museum gelesen zu habe. Und so machen wir einen kleinen Schlenker von der Autobahn ab und stehen bald darauf in der Bassenheimer Kirche vor den sehr lebendig und individuell gestalteten Figuren des Bettlers und des Heiligen.

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Bei diesem Relief handelt es sich nicht nur um die Mantelteilung durch den Heiligen Martin, sondern auch – laut Monsieurs Lebensgefährtin –  um eines der exquisitesten Werke des Naumburger Meisters und damit wiederum um eine der schönsten Schöpfungen der Gotik. Und wir finden heraus, das wir beide recht haben, wenn auch anders als erwartet: Bassenheim stimmt, ganz offensichtlich, wir stehen ja davor. Mainz stimmt auch, aber … Geschaffen wurde das Kunstwerk nämlich für eine Kirche in Mainz. Bei deren Zerstörung in der frühen Neuzeit gelang es einem aus Bassenheim stammenden Pfarrer das Relief für seine Dorfkirche zu recyclen. Knapp daneben!

Und Martins Pferd lacht mich fröhlich wiehernd aus.

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Einmal Käse nach Berlin

Also, ich weiß nicht, was das ist mit uns und den Berlinflügen. Wir wollen doch nur mal eben dahin, mal eben nach Berlin. Nicht hethitische Löwen streicheln, nein, die Älteste macht ihren Abschluss und die geländegängigen Eltern sollten doch bitte eine repräsentative Auswahl französischen Käse-Schaffens zur anschließenden Feier mitbringen. Gut, sie hat die Einladung etwas anders formuliert, aber wir können ja zwischen den Zeilen lesen. So wird unser Koffer zum Käse-Transporter umfunktioniert und weil wir ja wissen, dass da so etwas ist mit uns und den Berlinflügen, fahren wir mit einer guten halben Stunde Zeitpuffer los. Eingecheckt sind wir, es muss nur der Käse-Transporter „ge-baggage-dropped“ werden, wahrscheinlich werden wir uns eine Stunde am Flughafen langweilen. Und dann steht hinter der französischen Grenze alles. Die Zeit verstreicht und nichts geht. Unser Zeitpuffer ist hin, als wir endlich auf den Flughafen-Zubringer kommen und ich dirigiere Monsieur hinter einem Bus her auf den Schleichweg zum Airport-Bahnhof. Monsieur fragt noch gestresst „Bist du dir sicher?“, was ihm eine strafend gehobene Augenbraue einbringt. Wer holt denn hier seit Jahren die Kinder vom Flughafen ab? Es klappt auch alles hervorragend, bis wir kurz vorm Bahnhofs-Parking auf die Schlange all der Autofahrer treffen, die die gleiche coole Idee gehabt haben. Ein Parkhaus ist schon besetzt, das andere zeigt vier freie Plätze und wir treffen eine Entscheidung. Besser ein Eltern mit Käsetransporter im Flieger nach Berlin als zwei Eltern mit Parkplatz in Genf. Und so erfinde ich die neue Trendsportart „Koffer-Joggen“. Durchs Parkhaus unter der Arena durch, durch die Bahnhofshalle, durch die Abflughalle, weil unsere Airline natürlich an den Schaltern 1-10 eincheckt. Ich komme die sprichwörtlichen fünf Minuten vor Schalterschluss an – vor mir Hunderte von Fluggästen, die mit dieser Airline wo anders hinwollen. Da werfe ich der nächstbesten Angestellten den Käsetransporter vor die Füße und jappse mit letzter Kraft „Berlin! Berlin!“, woraufhin sie sofort die Absperrung öffnet und mich zum nächsten Schalter bringt. Die Dame dort schaut sehr pointiert auf ihre Uhr und meint: „In drei Minuten wäre es zu spät gewesen.“ Ach nee, echt jetzt? Aber drei Minuten, drei Sekunden oder drei Tage, das ist mir jetzt so was von egal, der Käsetransporter ist schon mal gut auf dem Weg nach Berlin und ich habe Zeit mich um anderes – sprich Monsieur – zu kümmern. Der kommt mir aber schon durch die Halle entgegen, auch im Laufschritt und grinst: „Ich habe geparkt, keine Ahnung, wo. Ob wir unser Auto jemals wieder finden, weiß ich nicht!“ Aber das ist ein Problem, um das wir uns erst in drei Tagen kümmern müssen.

In Schönefeld werde ich draußen kurz an die Seidenstraße erinnert. Orientalisch aussehende Männer – allerdings in Neon-Westen mit dem Schriftzug einer Taxi-Gesellschaft – kanalisieren die Ströme der Reisenden mit Worten und Gesten: „Folgen! Follow me! Follow Sie mich!“ Unser Taxifahrer ist dann allerdings ein ganz junger Pole, der den Namen unseres Airport-Hotels in sein Handy eingibt und losfährt. Ausfahrt Adlershof ist schnell da, dann verlieren wir uns in kleineren Straßen, bis er vor einem Studiogebäude stehen bleibt und sich umdreht. „Es ist nicht hier!“, sagt er verzweifelt. „Es soll hier sein, aber es ist nicht hier!“ Nun ist ein Airporthotel ja kein Schlüsselbund, den man schon mal verlegt oder verliert. Monsieur fragt seine Lebensgefährtin, ich suche meine Buchung heraus und buchstabiere die Adresse. Der junge Pole schaltet den Taxometer aus und folgt Monsieurs Anweisungen. Das verlegte Airport-Hotel taucht dann tatsächlich auf, aber der Fahrer will uns partout vor dem Konkurrenzhotel auf der anderen Straßenseite absetzen. Als wir ihn darauf aufmerksam machen, ist er fast zerknirscht: „Ich habe eine kleine Tochter, fünf Wochen alt. Und ich kann doch nicht immer nur meine Frau nachts aufstehen lassen!“, erklärt er seinen Zustand. Da haben wir ihm noch etwas auf den Fahrpreis draufgelegt und ihn nach Hause geschickt.

All das hat uns doch recht durstig gemacht und so stehen wir kurz vor Mitternacht noch mal in der Bar in der Lobby und bestellen zwei Bier. Der junge Barkeeper schaut auf und meint: „Oh, das wird jetzt aber peinlich für mich!“ Und erzählt eine Geschichte von einer Großveranstaltung gestern und einem unzuverlässigen Lieferanten heute. Kurzum: Bier ist aus.

Ich weiß wirklich nicht, was das ist mit uns und Berlin…