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Pädagogisch wertvoll

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Ich bin ja immer gerne bereit, etwas Neues zu lernen. Auch wenn das dann völlig unnütz ist. Wie zum Beispiel das Wissen, dass diese braunen Schilder rechts und links der Autobahn „Unterrichtungstafeln“ heißen. Weiß Wikipedia, und nicht nur das, Wiki hat auch ein Verzeichnis all dieser Tafeln, fein säuberlich aufgelistet nach Autobahnen, mit Kilometerangaben. Dieses Wissen wiederum ist nützlich, z. B. um festzustellen, dass auf der Heimfahrt von Freiburg aus nichts am A 5 – Wegesrand liegt, was uns wirklich interessiert. Natürlich sind wir dankbar für Hinweise wie „Barockkirche“, denn der Name „Sankt Trudpert“ allein ist ja schon ein bisschen verlockend. Trudpert!

Also, wenn schon nichts mit Bildung ist, dann wollen wir wenigstens ein bisschen Romantik für die Heimfahrt haben. Wahrscheinlich hat jedes Paar solche speziellen Orte, die es mit romantischen Erinnerungen, Gefühlen und Augenblicken verbindet. Bei uns sind das halt Baumärkte. Allerdings stelle ich für heute zwei Bedingungen: ich will nicht nach Freiburg hineinfahren müssen und ein Gartencenter muss auch dabei sein. Monsieur fragt seine Lebensgefährtin und die schlägt uns Herbolzheim vor. Manchmal sind wir geografisch ein bisschen herausgefordert und so merken wir nicht, dass Herbolzheim nicht so auf dem direktesten Weg nach Süden liegt. Aber da sind wir dann kurz darauf. Der Baumarkt ist ein bisschen enttäuschend, besonders das Gartencenter, und so richtig romantisch ist das Ganze auch nicht.

Auf dem Rückweg kommen wir aber durch einem Ort, dessen Namen ich kurz zuvor auf so einer Unterrichtungstafeln gesehen hatte. Das ist doch sozusagen ein Wink mit der Tafel. Wir stellen uns das ein bisschen wie Staufen vor, freie Reichsstadt war das Städtchen auch irgendwann einmal, ist sicher hübsch. Nunja, es ist vor allen Dingen wie ausgestorben an diesem Montagmorgen um Schlag zwölf Uhr. Es gibt ein paar malerische Ecken, aber so richtig umwerfend ist es nicht. Später lesen wir, dass in den Kirchenfenstern rechts der Besuch Bernhard von Clairvaux‘ um 1100 und links der Stadtbrand von 1814 als wichtigste Ereignisse der Stadtgeschichte dargestellt werden. Das sagt doch eigentlich schon alles, oder? Dass in einer Erklärtafel zu einem historischen Stadttor erwähnt wird, dass es 1957 von einem LKW demoliert wurde, passt auch ins Bild.

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Eigentlich reicht uns das dann mit der Besichtigung, aber da steht dann noch die gotische Kirche. Es ist sehr heiß, die Kirche sicher kühl. Wir treten ein, erwarten himmelstrebende Fenster und kühne Kreuzrippengewölbe und sind einfach nur überwältigt. Man kann ja zu Barock sagen was man will – ich bekanntermaßen meist nur Negatives -, aber dieser Barock ist so barock, das hat schon wieder etwas. Gut, dass sie die gotischen Gewölbe mit einer Decke abgehängt haben, um Platz für ihre Malereien zu haben (extrem hohe Puttendichte pro Quadratmeter!), finde ich jetzt nicht richtig. Auch die hochglanzpolierten weißen Marmorheiligen vor dito Granitsäulen, das ganze üppigst mit Blattgold überzogen, das ist mir „too much“. Aber was der barockisierungswütige Pfarrer um 1750 mit den gotischen Seitenkapellen angestellt hat, ist unglaublich. Ein üppig geraffter Vorhang, ein bisschen an einen verblassten Kleinstadttheater-Vorhang erinnernd, ergießt sich um die Bögen. Dort, wo die 50er-Jahre-Hausfrau heftigst befranste Raffhalter eingesetzt hätte, übernehmen Engel diesen Dienst. Sie halten die  Stoffmassen zumindest so weit im Zaum, dass man die Kapelle betreten und die Spitzbögenfenster dahinter erkennen kann. Zuerst bin  ich wirklich ganz angetan von der Kunstfertigkeit des barocken Trompe l’oeil -Malers, der Engel, Falten, Borden, Fransen, die ganze Pracht wirklich hervorragend, täuschend echt dreidimensional herausgearbeitet hat. Sogar die Engel und Putten scheinen wirklich aus den Falten zu ragen. Dann merke ich, dass das Ganze Trompe l’oeil Trompe l’oeil ist und der Herr Pfarrer hier tatsächlich tonnenweise Gips an die Wände hat klatschen lassen. Nur der eine Putto, der ist ihm irgendwie daneben gegangen. Vielleicht hat der Künstler ja das Kampfkind seiner Nachbarin porträtiert. Jedenfalls sieht der Kleine wirklich angsterregend aus. Außerdem ist er auch noch bewaffnet. Die Leichtigkeit, mit der er das übergroße Holzkreuz schwingt, sieht eher nach Angriff als nach Anbetung aus. Bevor er aber tatsächlich zur Attacke übergehen kann, verlassen wir die Kirche und den Ort. Immerhin wissen wir nun, dass wir für diese Unterrichtungstafel nicht von der Autobahn abfahren müssen.

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Dann wird es doch noch romantisch. Kurz vor der Auffahrt Riegel läuft uns ein riesiges Gartencenter über den Weg. Da gibt es dann kein Halten mehr. Ich kümmere mich mit leuchtenden Augen darum, den Einkaufswagen mit Blumen und Pflänzchen und ein bisschen (wirklich nur ein bisschen) Deko- Kitsch zu füllen, Monsieur – mit nachsichtig gehobener Augenbraue – darum, das ganze doch noch irgendwie im Auto unterzubringen.

Ist doch schön, wenn man sich so ergänzt.

 

 

Fahren nach Gehör

schwarz1Ich fühle mich gerade völlig überfordert und verwirrt. Eigentlich habe ich gedacht, dass mich meteorologische Ausnahmesituationen nicht mehr überraschen können, aber das, was wir gerade erleben, bringt mich wirklich an meine Grenzen. Zwei Tage strahlender Sonnenschein! Damit kann ich gar nicht umgehen, das bin ich doch  nicht mehr gewöhnt.

Ein paar Stunden dieses außergewöhnlichen Wetterphänomens verbringen wir auf der Autobahn bei der Anreise in den Schwarzwald. Eine Fahrt, die eigentlich ereignislos verläuft, wenn man mal von den zwei Matratzen auf der Überholspur absieht, noch in der Originalverpackung. Ein paar Hundert Meter weiter der Kleintransporter mit etwas gestresst wirkendem Fahrer auf dem Notfallstreifen, der sich ziemlich fassungslos zu fragen scheint, was er nur beim Festzurren falsch gemacht hat und wie er um Himmels Willen die Dinger unbeschadet von der Autobahn bekommt. Ansonsten kommen wir ohne Umwege ans Ziel. Nicht so wie unsere Freunde, die auf Gehör fahren. Und so in einem fast gleich klingenden Hotel  in einem fast gleich klingenden Flusstal ankommen. Nur leider auf der völlig falschen Schwarzwaldseite. War sicher für beide Seiten eine größere Überraschung, als unsere Freunde sich auf drei gebuchte Tage beriefen, der Hoteleigner aber lapidar meinte, er würde morgen für Renovierungsarbeiten schließen.

Aber letzten Endes wird alles gut und wir können sogar noch die Sonne am Schwimmbad genießen. Pool wäre hier eine Untertreibung. Was mich aber  wirklich beeindruckt, ist der Rasen: sattestes Grün, weiche Halme, sozusagen Fußmassage beim Barfuß-Laufen. Wenn ich da an unsere Mischung aus Thymian und Moos denke…

Dann wird es langsam Zeit, sich umzuziehen zum ersten ernsthaften Programmpunkt dieses Wohlfühl-Wochenendes, das Abendmenü.

Das Essen ist sehr gut, die Weine köstlich, alles wie erwartet. Nicht umsonst habe ich in steril kalten 4 Sterne-Hotels in Taiwan oder in unhygienischen, rudimentärsten B&Bs in Zentralasien von Gastlichkeit in Ba-Wü geträumt.

Was wir nicht erwarten haben, ist der Gäste-Bespaßer mit Hammond-Orgel und Schlagermedley. Schlager kommen bei mir noch vor Barockkirchen, was das „ganz furchtbar“-Finden angeht. Wie bei barocker Kunst bin ich durchaus bereit, dem Mann zuzugestehen, dass er seine Kunst beherrscht, dass er das, was er macht, gut macht, aber trotzdem…

Wir fliehen nach dem letzten Gang auf die Terrasse, wo wir von den Schlagern nur noch ein paar sanfte Bässe mitbekommen.

Aber dann wird es richtig unfair. Um 23 Uhr werden wir und alle anderen gebeten, die Terrasse doch wieder zu verlassen, aus Rücksicht auf die Gäste in den darüber liegenden Zimmern. Der Gäste-Bespaßer, der darf bis um Mitternacht weitermachen, ohne Rücksicht auf die Gäste.

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Frühstück ist eine feine Sache, danach wird spazierengewandert. Erinnert irgendwie an spazierenstehen mit den Kindern früher, weil alle paar Meter ein Feldweg kreuzt und wir ausdiskutieren müssen, ob wir nun den oder doch lieber den oder doch ganz anders gehen wollen. Konsens herrscht eigentlich nur in der Frage, dass es möglichst nicht bergauf gehen soll. Das Hotel hat unsere Art von Wanderer vorhergesehen und den Wald mit reichlich Hinweisschildern ausgestattet, sodass wir nach ein paar Stunden wieder heil an der Rezeption stehen, von wo aus wir ohne größere Diskussionen und ganz ohne Hinweisschilder den Weg zur Kuchentheke finden.

 

Der Saunabereich ist so phantastisch weitläufig, dass ich mich eigentlich ohne Ariadnefaden nicht hineintrauen sollte. Trotzdem lasse ich mich auf das Abenteuer ein, in der Hoffnung, dass das Personal vorm Absperren nachschaut, ob sich nicht eine arme verirrte Paonia in eine weit entfernten Ecke verlaufen hat.

Am schönsten finde ich den Ruheraum im nachgebauten Salzstollen: Wände und Boden aus rosa Salzsteinen, die Decke grob behauene Salzblöcke. Eine Gradieranlage lässt Salzwasser über phantasievolle Sinterterrasse tröpfeln. Nur der Rauchmelder und das grüne Notausgangschild, die stören die Stimmung etwas. Ich bin so tiefenentspannt, dass der Bewegungsmelder beschließt: keiner da. Plötzlich geht alles aus: Deckenlicht, leuchtende Salzbrocken, Wassergeplätscher… Da war es dann auch genauso plötzlich vorbei mit der Tiefenentspannung. Als kurz darauf nach dem Licht der Brunnen mit sehr seltsamen röchelnden Lauten anspringt, mag ich doch nicht mehr so alleine im tiefen Stollen sein und steige drei Stockwerke hoch zur kreisrunden Sonnenterrasse.

Ich suche mir eine Liege in der Sonne aus und am Himmel ziehen dunkle Wolken auf. Ich lege mein Handtuch auf die Liege und der erste Donner grummelt in der Ferne.  Ich breite meinen Alabasterkörper auf dem Handtuch aus und die ersten Tropfen fallen.

 

Alles wie gewohnt. Sehr beruhigend.

 

 

Seele baumeln lassen

Wir sind wieder am Packen – obwohl packen schon fast ein zu großes Wort ist – da kommt ziemlich überraschend und spontan die Einladung zu einem russisch-armenischen Kampfgrillen.

Es geht darum, wer das bessere Schaschlik macht, genauer gesagt um die bessere Marinade.

Die Physiker aus Tschechien stellen „Raven“-Bier, ich bringe einen deutschen Kartoffelsalat mit, andere einfach nur ihren Appetit.

Diese Runde geht eindeutig an die Armenier, die Rückrunde ist Ende Juni.

Dann erzählt ein italienischer Physiker, dass diese Grillfeste ihm gerade große Probleme machen. Die amerikanische Visastelle interessiert sich zu sehr für seine Facebook-Fotos vom Grillen mit russischen Kollegen, für seinen Besuch der Konferenz in Susdal bei Moskau.

Wir haben zwar keinen Facebook-Account, sind aber sicher auch auf vielen dieser Fotos. In Susdal waren wir auch. Also wird das wohl erstmal nichts mit einem Besuch in Trumpeltier-Land.

Da trifft es sich gut, dass wir nur in den südlichen Schwarzwald wollen. Seele baumeln lassen mit Freunden.

Wandregisel und Ursicinus

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Manchmal, bevor wir einen Ort aus dem Archiv der ungereisten Reisen holen und den Staub wegblasen, lesen wir bei Wiki oder in einem Reiseführer (einem echten aus Papier!) nach, was uns dort wohl erwarten wird. In Saint-Ursanne sind es dann nicht Bilder von großer landschaftlicher Schönheit, es sind die Namen. Gegründet von einem Ursicinus, damals noch nicht heilig, von Beruf Eremit. Das erklärt auch die mich etwas irritierende Inkonsistenz zwischen weiblicher Namensendung und männlichem „Saint“, aber vielleicht wusste der Gute oder die Gute ja selber nicht so recht…

Wie gesagt, gegründet von Ursicinus, ausgebaut vom dabei ebenfalls noch nicht heiligen Wandregisel, in Frankreich auch bekannt als Saint Wandrille. Diese Namen! Wäre das jetzt nicht Wikipedia, könnte ich auf den Gedanken kommen, da erlaubt sich jemand einen Scherz. Die nächsten Scherzbolde waren dann die revolutionären Franzosen, die das Gebiet kurz unter ihre Gewalt bekamen und es zum Département Mont-Terrible umtauften. Mit dem Ende von Napoleon kam das Städtchen an Bern und die terrible Franzosenzeit war vorbei.

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Wir fahren ab Landau Richtung Straßburg, was Monsieur etwas irritiert. Von den langen Heimfahrten mit den Kindern hat er noch eine feste Regel verinnerlicht: Butterbrote werden nicht vor der Speyerer Rheinbrücke ausgepackt. Da wir nun zwar über Speyer, aber nicht über die Brücke fahren, haben wir ein kleines Problem. Das sich wie viele kleine Probleme durch einfaches Zupacken schnell und zielführend lösen lässt, kurz hinter Neustadt.

Basel umfahren wir auf französischen Autobahnen, die wieder sehr kommunikationsfreudig sind und auf alle möglichen dräuenden Gefahren hinweisen, jedoch die Gefahr durch abgelenkte, da lesende Fahrer völlig ignorieren.

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Saint-Ursanne erweist sich dann als ein Ort der Kategorie „Hübsch“. Hübsche Sträßchen, hübsche alte Häuser, hübsche Brücke. Ein bisschen getrübt wird das Ganze durch die Tatsache, dass sich Saint-Ursanne gerade eine neue Frischwasserzu- und Abwasserabfuhr leistet und einige der hübschen Sträßchen aufgerissen und gesperrt sind. Dafür spaziert man an anderen Stellen über quasi „sandfrisch“ verlegtes Pflaster. Einen hübschen Platz zum Kaffee trinken gibt es natürlich auch, direkt an Brücke und Stadttor mit Blick über den Doubs. Die für uns fast obligatorische romanische Kirche liegt inmitten all dieser Idylle. Die anhält, bis man sich im Inneren mit dem spätbarocken Altarmonstrum konfrontiert sieht.

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Also, im Ganzen ein hübscher Ort für einen Zwischenstopp, aber nicht unbedingt ein Ziel, dass ich jetzt noch einmal, mit mehr Zeit und Ruhe besuchen möchte.

Das für mich Schönste kommt eigentlich, nachdem wir Saint-Ursanne verlassen haben. Auf kleinsten Sträßchen, durch enge Felsschluchten klettern wir durch den Jura Richtung Biel. Und wissen nicht, haben wir gerade großes Glück oder die Autofahrer nach uns großes Pech haben, als uns der Bauarbeiter mit dem Durchfahrt-gesperrt-Schild in der Hand entgegen kommt. Da wir in den letzten 20 Minuten kein anderes Auto gesehen haben, ist schwer zu sagen, ob er ab- oder aufbaut.

Durchfahrt durch Biel ist nun auch kein Highlight, aber ab Neuenburg kennt mein Auto ja die Strecke.

Zuhause kommt Saint-Ursanne dann ins Archiv der gereisten Reisen. Und Deckel zu.

 

Bonn, ja also, Bonn

Das ist jetzt ein Blogbeitrag dazu, weshalb es keinen Blogbeitrag zu Bonn gibt.

Zwei Termine habe ich, einen in der Nähe und einem im Zentrum von Bonn, dazwischen gut anderthalb Stunden Zeit. Was liegt also näher, als sich ein bisschen Bonn anzuschauen. Ich komme ganz gut weg, aber dann ja, also, dann verk- verdingst Bonn alles. Mein Ziel liegt am Kaiserplatz, aber als mein Navi angibt: noch 400m zum Ziel, sagt Bonn: Zugang Neutorplatz gesperrt und schickt mich in die Ehrenrunde. Das merke ich aber erst, als ich eine Viertelstunde später im gleiche Stau wie zu Beginn meiner Bonn-Experience stehe. Es bleiben noch gut 50 Minuten Bonn-Besichtigungszeit. Wieder rechts abbiegen, wieder die Stelle, an der ich zum gesperrten Neutor käme. Aber ich bin ja potentiell lernfähig und folge diesmal den Umleitungsschildern. Bis zu der Stelle, wo diese plötzlich nicht mehr da sind.  Bonn scheint eine sehr aufnahmebereite Stadt zu sein, denn jeder der fünf Passanten, die ich nach dem Weg fragen will, antwortet entweder „Isch nischt deutsch spreschen“  oder „Isch nischt von hier“.

Und irgendwann merke ich, dass ich in der dritten Runde gelandet bin. Aus reinem Widerspruchsgeist biege ich jetzt in die Gegenrichtung ab und finde eine Gruppe Studenten, die nicht nur Deutsch sprechen, sondern sich auch noch auskennen. Sie bestätigen meinen Widerspruchsansatz: Statt den Umleitungsschildern nach links zu folgen, hätte ich einfach geradeaus fahren sollen. Und siehe da, mein Ziel ist in Kürze erreicht. Aber jetzt bin ich bockig, jetzt habe ich keine Lust mehr Bonn zu besichtigen, von Zeit ganz zu schweigen.

Tja Bonn, selber schuld.

 

Kleiner Nachtrag: Und einen Strafzettel für zu langes Parken gab es auch noch.

Zehn Euro für zwölf Minuten Parkzeit überziehen.

Ja! Ich weiß, das ist nicht ganz allein Bonns Schuld…

Memory Lane

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Manchmal bekomme ich so einen Rappel und das Gefühl, ich müsste mal ausmisten, aussortieren, aufräumen. Endet meist damit, dass ich vor offenen Kisten, Kästen oder Schubladen sitze, deren Inhalt großzügig um mich herum verteile und dann verträumt in Nostalgie schwelge ob eines gerade gefundenen Erinnerungsstückes. Mit Aufräumen und Ordnung schaffen ist dann auf absehbare Zeit erst mal nichts.

So geschehen vor kurzen, als mir ein paar Fotos in die Finger fielen. Eine noch sehr junge Paonia mit wildem, dauerwellgeschuldeten Afrolook und jenen riesigen Eulenaugen-Brillen, die in den 70ern so modern waren. Ein noch sehr junger Monsieur mit wildem Natur- Afrolook, dito Brille und 70er-Jahre Schnauzbärtchen. Vor dem Burgtor in Braunfels.

Und Braunfels liegt nun fast auf dem Weg vom Glauberg nach Koblenz, unserem eigentlichen Ziel.

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Und so laufen wir durch die Gässchen, wissen ganz genau, dass wir hier ein paar schöne Tage verbracht haben, können uns aber beim besten Willen nicht mehr an Hotel oder Restaurants erinnern.

Nur eben an diese Fotos unter dem Burgtor. Die wir selbstverständlich nachstellen. Um herauszufinden, dass zumindest das Burgtor sich in den letzten Jahrzehnten nicht verändert hat.

Wir natürlich schon. Und das ist auch gut so.

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Darf es ein bisschen Meer sein?

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Test – Test – Test

 

Tests im Dreierpack – und alle drei bestanden.

Der erste Test betraf das Organisationstalent unseres Planungsteams. Vorgesehen war ein Tag ohne Auto, dafür – damit uns nicht langweilig wird – mit verschiedenen ÖPNVs.

Der zweite Test sollte die Zuverlässigkeit eben dieser ÖPNVs überprüfen.

Und der dritte – und schwierigste – unsere Bereitschaft uns den vorgegebenen Rahmenbedingungen zu unterwerfen.

Was soll ich sagen? Testurteil: sehr gut.

 

Der Schwabe im Allgemeinen hat ja den Ruf, zur Sparsamkeit zu neigen. Das Schwäbische Meer hingegen zeigte sich uns gegenüber sehr großzügig. Blaue Weiten mit sonnigen Lichtreflexen, leichten Wellen und guter Laune im Überschuss. Gut, das ist sein Job, sozusagen. Aber es ist doch immer schön anzusehen, wenn jemand seinen Job mit echter Freude und Begeisterung macht.

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Erster Teil der Testreihe: Fähre von Uhldingen zur Mainau, problemlos. Gut, die Ticketkontrolettis auf der Mainau sind noch nicht ganz wach und mit anderem beschäftigt, aber wir dürfen auf die Insel. Also, die Blumeninsel. Mit ihren wunderschönen Blumenbeeten, makellosen Rasenflächen, Jahrhunderte alten Baumriesen und dem berühmten Rosengarten. Alles tadellos gepflegt und gehegt. Gönne ich ihm, den Grafen, wirklich, neidlos. Nur ganz fair finde ich das nicht. Ich vergleiche dann halt direkt mit dem Zustand meines Gartens. Der Herr Graf hat einen Garten, der 20 mal größer ist als der unsere. Wie gesagt, gönne ich ihm, ohne Probleme. Für den 20fachen Garten hat er allerdings die 70fache Gärtnermenge – und da hakt es halt. Wenn ich das jetzt mal umrechne – und nach Möglichkeit, ohne einen armen Gärtner durchzuschneiden – käme ich auf drei bis vier Gärtner für unsere Gartengröße. Ja, da hätte ich auch eine reelle Chance gegen den Giersch. Bliebe immer noch das Problem, dass meine Vorfahren leider nicht die Weitsicht hatten, sich vor ein paar Jahrhunderten eine Insel anzueignen. Da besteht Diskussionsbedarf, gebe ich zu.

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Die aktuellere Diskussion dreht sich um die Tatsache, dass Kindheitserinnerungen trügerisch sind. Diesmal geht es nicht um Zitronentörtchen, sondern um Palmenhäuser und Blumentreppen. Beides uns als großartig erinnert und erzählt, beides in der Realität nicht auffindbar. Schließlich stehen wir vor zwei Treppenstufen, die zu einem Brunnenbecken führen und unser Freund ist wirklich zerknirscht: so klein und mickrig soll sein erinnertes Highlight sein? Monsieur lässt das keine Ruhe, er dreht und wendet den Plan, geht ein paar Ecken weiter – und da ist sie dann, die mit Blumen geschmückte Treppe, mit dem Wasserlauf in der Mitte. Kindheitserinnerung gerettet. Mit den Palmenhäusern klappt das nicht, die wurden abgebaut, da hilft alles Drehen und Wenden nichts.

Weiter geht es zum Schmetterlingshaus. Und das ist reines kindliches Entzücken und Staunen. Natürlich verlieren wir Monsieur, bei der Fülle der zu fotografierenden Gaukler kein Wunder.

 

Aber irgendwann sind wir alle wieder draußen, jeder mit einer Fülle an „Hast du den gesehen?“-Begeisterung.

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Und dann kommt der etwas beängstigende Teil der Mainau: die killer ducks. Aus blühenden Blumen gestaltete Quietsche-Entchen, die selbst Jeff Koons Alpträume bereiten würden. Wir sind jedenfalls heilfroh, als wir an diesen monströsen Horrorvideo-Darstellern vorbei sind. Ebenfalls unbeschadet gelangen wir durch den Streichelzoo und den riesigen – und wirklich sehr schönen – Spielplatz und damit unmittelbar zu Testphase zwei: Bus nach Konstanz.

Der kommt pünktlich, hat auch Platz für uns und trägt uns über die Rheinbrücke in die Altstadt, wo wir bei der Haltestelle Konzilstraße aussteigen. Hier, verkünden unsere Planer, geht es zum Mittagessen im Brauhaus Albrecht und wir freuen uns. Bevor der Nachsatz kommt: nachdem wir das Münster besichtigt haben. Zut alors! Aber da müssen wir nun durch. Das Münster hat dann für alle etwas zu bieten: romanische Basilika, mittelalterliche Holzschnitzereien, scheußlichste barocke Altäre in den Seitenschiffen, wunderbare gotische Spitzenklöppelei in der Mauritiusrotunde und die wirklich einzigartigen feuervergoldeten Kupferscheiben aus dem 11. Jahrhundert in der Krypta.

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Nach der nun wohl verdienten Pause im Brauhaus lassen wir uns durch die Konstanzer Straßen und Gässchen zum Hafen mit dem Konzilsgebäude treiben. Das Gebäude kann leider nicht verleugnen, dass es sein Leben als Kauf- und Lagerhaus begonnen hat. Es ist beeindruckend als Ausdruck einer logistischen Meisterleistung des frühen 15. Jahrhunderts, aber mit der Eleganz der Konzilsgebäude von Trient nicht zu vergleichen.

 

Das Gebäude steht am Hafen, im Hafen steht die Statue der Imperia. Sie ist nicht das Denkmal für die 33 Kardinäle oder 346  Bischöfe des Konstanzer Konzils, von den 3000 Theologen und Äbten ganz zu schweigen. Nein, sie stellt eine der fast tausend frei schaffenden Damen dar, die für die work-life-balance der Kirchendiener sorgten. Die weltliche Seite war aber wohl um keinen Deut besser. Und so hält die stolz ihre Schönheit zeigende  Frauengestalt zwei kläglich in sich zusammengesunkene Figuren in ihren Händen: die eine mit Tiara, die andere mit Krone.

b1Wir haben etwas mehr Zeit als vorgesehen, die sich drehende Imperia zu bewundern. Zwar sind wir pünktlich am Steg, unser Schiff aber nicht ganz. Während wir noch ein bisschen durch die Hafenanlagen schlendern, sammeln sich hinter den Absperrseilen einige Hunderte, die auch übern See, übern See wollen. Das Schiff kommt und darauf auch wieder Hunderte, die in Konstanz aussteigen wollen, davon viele mit Fahrrädern oder Kinderwagen bewaffnet. Und das dauert nun.

Aber irgendwann sitzen wir oben unter einem Sonnensegel, eine freundliche junge Frau nimmt unsere Bestellungen auf und wir genießen noch einmal das sanfte Schaukeln und die Weite des Schwäbischen Meers, während unser Schiff von Konstanz nach Meersburg zur Mainau nach Uhldingen zickzackt.

Um halb acht bringt uns schließlich ein Taxi nach Meersburg zu einem Abend mit schwäbischen Spezialitäten und badischem Wein.

Was will man mehr?

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