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Geschenkt

Irgendwie, irgendwie war mir das schon komisch vorgekommen mit den Wochentagen. Irgendwie, irgendwie wusste ich, dass da irgendetwas nicht übereingeht.

Gestern Abend sitzen wir auf der Terrasse dieses sehr schönen Hotels und überlegen, ob wir nicht statt der drei Nächte in Funchal lieber noch eine hier anhängen und dafür Funchal auf zwei Nächte abkürzen sollen. Wahrscheinlich war es schon recht spät, als wir beschlossen haben, dann doch die drei Nächte Funchal stehen zu lassen und morgen hier auszuchecken.

Heute Morgen schaue ich noch schnell nach der Adresse des Funchal-Hotels und da begrüßt mich die Hotelseite freundlich mit: Hallo Paonia, wir freuen uns dich morgen bei uns…

Moment mal!

Morgen?

Hoppla! Und wo schlafen wir heute Nacht?

Wir fragen an der Rezeption nach, ob wir hier eventuell eine Nacht länger bleiben können, da strahlt die nette Frau uns an: „Aber Sie sind doch ohnehin bis morgen bei uns gebucht.“

So lösen sich manche Probleme wie von selbst.

Zu meiner Rechtfertigung muss ich sagen, dass mir immer bewusst war, dass wir ab dem 15.6. in Funchal sein werden. Nur irgendwie hatte ich völlig aus den Augen verloren, dass der 15. ein Diens- und nicht der Montag ist.

Somit habe ich uns einen weiteren Tag hier geschenkt (gebucht und bezahlt) und damit eine weitere Wanderung. Allerdings nicht die im Programm geplante.

Kleiner Exkurs: im Vorfeld zu dieser Reise hatten wir überlegt, ob wir wohl inzwischen alt genug wären für Gruppenreisen. Hat ja viele Vorteile: man lernt neue Leute kennen, kann sich austauschen und hat einen Reiseleiter, der solche Dummheiten wie oben abfedert.

Was uns abgehalten hat, war der gruppendynamische Zwang, früh morgens gestiefelt und gespornt in der Lobby zu stehen und gut gelaunt zu sein. Oder zumindest eine glaubhafte Version von guter Laune auszustrahlen. Fällt mir umso schwerer je früher es ist.

Und natürlich die Tatsache, dass man nicht schummeln kann. Für heute geplant war nämlich eine Wanderung bei Fontes. Ein Blick auf das Höhenprofil der Wanderung – 500 Höhenmeter steil hoch, einmal oben „Ah“ und „Oh“ und auf demselben Weg 500 Höhenmeter wieder runter – und mir war klar: das möchte ich nicht. Also haben wir geschwänzt und uns diese Wanderung geschenkt. Haben dafür als Tipp von zwei Wanderfrauen den Weg von Wanderparkplatz Bica da Cana zum Pinaculo gemacht.

Eine kurze Wanderung, die aber so viel zu bieten hat. Erstmal die Erfahrung, dass es auf 1500 Metern im dichten Nebel doch etwas kühl ist. Dann die Erkenntnis, dass ein Weg nicht unbedingt an einer Levada entlang führen muss, um links senkrecht ins Nichts zu fallen. Außerdem, dass Ginster und Margeritenbäume einen feinen, schelmenhaften Sinn für Humor haben und gerne die gesammelten Nebeltropfen in Blusenausschnitte abschütteln.

Der Weg führt verwunschen schön über Stock und Stein und Felsen durch moosbärtige Wälder und flechtenverhangene Gebüsche. Wasser ist in der Luft, auf den Ästen, rinnt in den Kragen. Das ist aber nur die Aufwärmübung, denn richtig nass wird es an der Levada. Die hat keine Quelle, ihr Wasser sammelt sie von den Felswänden über ihr. Überall tropft, rieselt und plätschert es, in die Levada, aber hauptsächlich auf den Weg. Wir laufen durch feinen Sprühnebel – so gut für den Teint -, da legt die Levada noch eins drauf mit gleich drei mal Dusche auf dem Weg auf kaum hundert Metern. Natürlich sind wir gerüstet mit Regenponchos, was bedeutet, dass wir beim platschenden Wasserfall zwar mit trockenen Schultern aber klatschnassen Hosenbeinen davonkommen. (Ich kann hier schon verraten: auf dem Rückweg genauso).

Das Ziel dieser Wanderung ist der Pinaculo, eine Lavaspitze vom letzten Ausbruch vor ein paar Tausend Jahren. Den finden wir im dichten Nebel aber nur eher zufällig, weil da ein Weg von der Levada wegführt. Wir sehen nicht wirklich viel von ihm und können also nicht so recht beurteilen, wie oder ob er überhaupt beeindruckend ist.

Nach einem zweiten Duschgang folgen wir links dem Klettersteig auf die Hochebene. Es ist stellenweise mehr Kletterei als Wandern und ich bin jedem Ginstersträuchlein dankbar, dass mir Halt und Unterstützung bietet. Das ist die Art Weg, die ich viel lieber bergauf als bergab nehme.

Auf der Hochebene bekommt der mannshohe Ginster Unterstützung von seinem stachligen Freund, den nicht umsonst so genannten Stechginster. Wir kämpfen uns durch das Gestrüpp, Sichtweite nur ein paar Meter, dafür wildromantisch treibende Nebelschwaden, einfach wunderschön.

Kurz vorm Wanderparkplatz geht rechts ein Weg ab, zum 100 Meter höher liegenden Aussichtspunkt Bica da Cana.

Aussichtspunkt? In dem Nebel?

Haben wir uns geschenkt.

Die Diät-Levada

Ich hätte da noch ein paar alternative Titel wie:

Die Wollen-wir-das-wirklich?-Levada

oder

Die Da-müssen-wir-durch???-Levada

oder

Die Du, ich hab‘-solch-einen-Knoten-im-Magen-das-ist-eine-Diät-Levada

oder

Die Habe-ich-mehr-Angst-davor-zurückzugehen-oder-weiterzumachen?-Levada

oder

Die Halleluja-Da-vorne-gibt es wieder-Geländer-Levada

oder

Die Du-ich-glaube-wir-sind-durch-Levada

oder

Die Ich-bin-richtig-stolz-auf-uns-Levada

Auch bekannt als Levada Nova da Lombada

Das wichtigste Zahlungsmittel Madeiras

Die gute mit der schlechten Nachricht: nicht wir sind abgestürzt, nur das Internet. Sozusagen. Eigentlich ist es noch da, das Internet, nur halt nicht in unserem Häuschen.

Wir sind nämlich umgezogen in diesem schönen Hotel, das heißt wie die Hündin unserer Nachbarin. Das erste Zimmer war sehr schön, Terrasse mit Meerblick, groß und hell, mit phantastischem Badezimmer. Aber da war dieser Tinitus, dieses nervige Geräusch andauernd, Mittelding zwischen Brummen und Zischen. Eine Pumpe? Be- oder Entlüftung? Jedenfalls sehr störend und ganz schlecht wegzuhören.

Nach einer Stunde haben wir nachgefragt, ob das abzustellen sei und nach zwei Stunden haben wir einen anderen Schlüssel bekommen. Zu einem kleinen Häuschen, nicht ganz so groß, sowohl Zimmer als auch Terrasse, aber ohne Brummen. Allerdings auch ohne Internet, da etwas abseits gelegen im Bananenhain. Ideal zum Entspannen, nach einer Wanderung.

Alsooooo, Monsieur hat sie gefallen, die Wanderung, besonders dass es eine Rundwanderung war, also nicht Levada rauf, Levada runter. Für mich fängt sie schon mal gut an: aus dem Auto, kaum die Wanderstiefel festgeschnürt, geht es steil erstmal anderthalb Kilometer, ein paar Hundert Höhenmeter stur den Berg hinauf, auf Asphalt. Mag ich überhaupt nicht, so etwas. Die Levada selber, die dann kreuzt gehört zu der gemütlicheren Sorte. Wir treffen bei der Plakette „Km 34,4“ auf sie. „Mit großem „k“, stöhnt Monsieur auf, „völlig falsche Einheit!“ Die nächste Plakette „Km 35,8“, zeigt uns, dass „unsere“ Levada heute schon deutlich mehr Kilometer zurückgelegt hat als wir. Der Weg direkt daneben ist ein netter Waldweg, wenn denn da Wald wäre. Wir laufen durch ein Gebiet, in dem vor zwei Jahren schwere Waldbrände gewütet haben. Farne überwuchern schon die schlimmsten Narben am Boden, aber die schwarzen Gerippe einstmals mächtiger Bäume, die gespenstischen schwarzen Äste verbrannter Gebüsche wirken sehr traurig. An manchen Stellen stehen die schwarzen Mahnmale in unmittelbarer Nähe von Häusern. Ich mag mir gar nicht vorstellen, welche Ängste die Menschen da ausgestanden habe.

Kurz nach „Km 39,6“ verlassen wir die Levada und es kommt eine weitere Nörgelstrecke auf mittäglich-heißem Asphalt, bergrunter bis zur Kapelle des guten Todes, den wir uns ja sicher alle wünschen, nur bitte schön nicht sofort, sondern lieber erst in weiter Ferne.

Die Kapelle bietet neben schöner Aussicht noch eine eher unerwartete Dienstleistung. Dazu muss man wissen, dass das wichtigste Zahlungsmittel auf Madeira das Fünzig-Cent-Stück ist.

Denn nur es erlaubt Zugang zu bestimmten Örtlichkeiten an bestimmten Örtlichkeiten. Mit dem mürrischen Herrn, der am Casa do Sardinha das Absperrseil fest- und die Hand aufhielt, hätte ich ja eventuell noch reden können, aber diskutiert mal mit einer Stahltür mit Münzeinwurf. Völlig überwältigend, wenn auch genauso unerbittlich, ist der Fäkaltempel unterhalb des Forsthauses Rabaçal. Im weiß gekachelten Vestibül erwartet dich ein Geldautomat, der Fünzig-Cent-Münzen – und nur genau die – annimmt. Dafür spuckt er ein Ticket mit Barcode aus, den du dann im nächsten Schritt an einem Drehkreuz scannen musst. Erst dann eröffnet sich der Weg zu den ersehnten Örtlichkeiten.

Nach diesen Erfahrungen stehen wir etwas verblüfft vor dem grauen Häuschen unterhalb der Kapelle. Eine Tür rechts, eine Tür links – und alles kostenfrei. Soviel Großzügigkeit ist man von der katholischen Kirche eher nicht gewohnt. Monsieur will sich erkenntlich zeigen und sucht alle – bis dato nicht einsetzbaren – kleinen Münzen zusammen für den Opferstock. „So wandert es sich viel leichter“, sagt er zufrieden, als er den Geldbeutel wieder einsteckt und mir ist nicht so ganz klar, worauf er sich nun genau bezieht.

Der Weg läuft auf rotsandigen breiten Waldwegen mit Ausblicken aufs Meer und auf die alten Terrassenmauern, die immer noch erahnen lassen, welche Mühe und Arbeit in ihnen stecken.

In dem Moment aber, in dem wir auf das kleine Dorf stoßen, verbimst er leider wieder mein Wohlwollen mit seinen steilen Straßen erst ins Tal und dann wieder hoch zum Ausgangspunkt. Es ist heiß, es ist steil, es ist bergauf – und weit und breit kein Café in Sicht.

Ganz schlechte Streckenführung, das!

Warnung!

Diese Wanderung ist für Personen über 165 cm Körpergröße nur bedingt geeignet.

Ich bin ganz begeistert über die Vielfalt, die die Levada-Wanderungen bieten. Jeden Tag sturheil an einem Bächlein entlang zu trappsen, das kann ja schnell mal langweilig werden. Deshalb bietet jede Levada ihre Eigenheit: vorgestern ein bisschen Dramatik, gestern die Blumenpracht und heute ist es der Märchenwald. Alte knorrige Bäume lehnen sich schattenspendend quer über Bächlein und Weg, bizarr geformt durch Wind und Wetter. Wunderschön verwunschen und geheimnisvoll, nur eben nicht unbedingt für den etwas größeren Wanderer ausgelegt.

Was diese Levada außerdem von anderen unterscheidet, ist die Tatsache, dass „man“ auf 1300 Meter Höhe parkt und dann etwa zwei Kilometer und 300 Höhenmeter ins Tal steigt, wo man auf das Forsthaus Rabaçal trifft. Wollten wir uns sparen und ein paar Kilometer vorher an der ER211 parken, um durch den „Reitertunnel“ zum Forsthaus zu kommen. Durch diesen 900 Meter langen, hohen Tunnel zu laufen erschien mir spannend, die gesparten Höhenmeter habe ich mal unterschlagen. Nur ist die ER211 gesperrt (mit Baustelle, wirklich unpassierbar, selbst für Fahrer aus Frankreich), da müssen wir kurzfristig umdisponieren.

Nun ist die steile Straße zum Forsthaus aber erst der Anfang. Weil wir doch unbedingt diesen Tunnel sehen wollen, nehmen wir den linken Weg zur Levada, etwas länger, aber das ist es uns wert, denke ich da noch. Auf einer der nachfolgenden 500 ausgelatschten Treppenstufen (500? Ganz ehrlich? Bei 375 habe ich aufgehört zu zählen und da lagen noch einige vor mir) geht mir irgendwo der Spaß am Laufen verloren. Wahrscheinlich, weil mir nur zu klar ist, dass ich die alle irgendwann wieder hochsteigen muss.

Einmal unten angekommen, stehen wir nach ein paar Hundert Metern vorm Tunnel: gesperrt. Es hat halt nicht sein sollen. Natürlich laufen wir aus reinem Trotz ein paar Schritte weit hinein, drehen aber doch recht schnell wieder um.

Und beginnen die eigentliche Wanderung entlang der Levada des 25 fontes. Was hatten wir nicht alles gelesen dazu. Überschwängliches wie: absolutes Must, die Top-Wanderung, unumgänglich, aber ebenso Hasstiraden auf die völlig überlaufene Strecke. Horrorstories von Todesstürzen beim Ausweichen, von Reiseleitern, die hektisch mit zackig gebrüllten Befehlen das Tal erfüllen oder von einer von Wandergruppen „zugeparkten“ Levada, weil Omi an der engsten Stelle zehn Minuten braucht, um das Blümchen zu fotografieren oder Opa all seinen Rentnerkollegen am Engpass irgendetwas Offensichtliches zeigen und erklären muss. Für mich der absolute Höhepunkt des Levada-Bashings ist die TripAdvisor-Kritik eines sprachlich wohl nicht sehr trittsicheren Amerikaners, der die ganze Wanderung als einen „rip off“, reinsten Nepp, bezeichnet, weil es am Ende noch nicht einmal einen „fountain“ gäbe, geschweige denn 25 davon.

Ich finde die Wanderung – nachdem meine Freude am Laufen wieder da ist – verwunschen schön.

Ja, es sind einige Menschen unterwegs, aber keinesfalls Horden. Die wenigen Gruppen, denen wir begegnen, sind unter 12 Personen stark und bis auf den einen amerikanischen Führer alle eher ruhig unterwegs. Da sind die vereinzelten Handy-Künstler schon deutlich störender.

Ja, es ist stellenweise sehr eng, aber immer gut gesichert. Wenn wir an Engpässen die anderen kommen sehen, dann warten wir halt an der breiteren Stelle, bis sie durch sind. Wenn das nicht möglich ist, weicht man so gut es geht aus. Wie der junge Mann, der beherzt auf den 60 cm hohen Levadarand springt, um uns durchzulassen, von seiner Freundin mit Ausrufen der Bewunderung unterstützt. Monsieur, der das Gleiche, allerdings mit etwas mehr Ächzen, ein paar Engpässe weiter vollbringt, ist sehr enttäuscht, als ich nicht die entsprechenden Laute produziere.

Wir kommen also mit sehr viel, sehr höflichen obrigadas und de nadas weiter, bis zum dann doch sehr überlaufenen Bergsee – sehr kurze Pause – und dann bis zu der Stelle, wo es wieder hochgeht zum Forsthaus. Das ist der kürzere, der einfachere Weg, der, der es auf nur 300 Stufen bringt. Ich bin schon wieder am Schimpfen über diese „flachen“ Levada-Wanderungen, da landet ein kleiner Fink drei Stufen vor mir auf der Treppe. Legt den Kopf schräg, schaut mich an und hüpft eine Stufe höher. Wartet auf mich und hüpft wieder höher. So lockt er mich Stufe für Stufe weiter, bis ich dann doch stehen bleiben und ein bisschen Luft schnappen muss. Da fliegt er weg, wahrscheinlich auf der Suche nach jemandem, der seine Hilfe nötiger hat.

Oben angelangt, geht es fast eben an einer kleinen, sehr faulen, fast stehenden Levada zum Risco-Wasserfall, der ein prächtiges Schauspiel bietet. Die Levada und ihre Tunnel verlaufen dahinter. Bevor wir uns ein bisschen fürchten können, sehen wir zum Glück, dass der Eingang zum Tunnel mit einem massiven Gitter versperrt ist.

Der Rückweg zum Forsthaus Rabaçal ist dann doch nicht so eben, wie Monsieur mir weismachen will, aber die paar Hundert Treppenstufen ziehe ich dann noch durch, reine Sturheit.

Da wir weder Bären noch Schlangen wollen, gehen wir links, wo dann Quiche und Joghurttorte angesagt sind.

Dann bleibt nur noch auf den Shuttle-Bus zu warten. Der fährt die steilen Kilometer bergauf für zwei Euro pro Person.

Dafür laufe ich die doch nicht!

Die heiter-verspielte Levada

Heute kommt das Kontrastprogramm zum doch stellenweise recht dramatischen Weg gestern.

Die Levada de Ribeira Janela gibt sich auf den ersten Kilometern als heiteres, blumengeschmücktes Band. Hortensien nicken uns von links zu, Agapanthen auch mal von der rechten Seite der Levada. Rosa Passionsblumen häkeln sich die Wände hoch und kleine Überlebenskünstler klammern sich in Felsspalten.

Dazu bietet sie wunderschöne Ausblicke auf die gegenüberliegenden Hänge mit ihren Weinterrassen. Immer mal wieder sieht man auch das Meer im Hintergrund. Wir kommen nur langsam voran, zu vielfältig ist die Blumenpracht und sind damit die Fotomotive rechts und links.

Ich behalte ein bisschen mein Fitbit im Auge, denn die Levada spielt vom Anfang an ein Rätselspiel mit uns. Eigentlich ist sie gesperrt. CAUTION PERIGO steht auf einem großen gelben Schild, bezeichnenderweise erst auf Englisch, dann auf Portugiesisch, und darunter eben, dass die Levada gesperrt sei.

Nun kommen wir aus Frankreich, einem Land, in dem eine Straßensperrung meist als freundliche Herausforderung angesehen wird nachzuschauen, ob man nicht doch irgendwie… Wäre auch jetzt und hier mein erster Ansatz gewesen, zumal auf dem Schild handschriftlich und dreimal korrigiert steht, dass sie nach 1,5 km, nach 3,5, nach 4,5 km gesperrt sei. Was gilt denn nun? Es sieht doch fast so aus, als ob die Levada uns zum Spiel herausfordert. Fischer, Fischer, wie weit dürfen wir gehen? Schon allein, um das herauszufinden, müssen wir da jetzt durch.         

 

Nach anderthalb Kilometern kommt von der Hangseite ein breites Zementgebilde, das wie eine überdimensionierte Schütte aussieht, fünf, sechs Meter lang, abschüssig, um das Wasser eines jetzt trockenen, kreuzenden Baches abzuleiten. Gut, es ist abschüssig, ohne Geländer, aber auch über zwei Meter breit, das kann es ja wohl nicht gewesen sein.

Geländer ist hier auch eher heiter-verspielt, mal ist es da, mal nicht. Meist besteht es aus einem dünnen Draht, gespannt zwischen windschiefen Pfosten, eigentlich mehr Psychologie als wirklicher Schutz. Verrostete Maschinen stehen am Wegesrand neben schrägen Pfosten. Es sieht alles aus nach: Das machen wir nächstes Jahr – und das seit 20 Jahren.

An einer Stelle allerdings ersetzt ein neuer Holzzaun die alte Psychologie und da grinst die Natur nur, denn alle Holzpfosten haben schon ausgeschlagen und tragen grünen Blattschmuck.

Nach dreieinhalb Kilometern wird es nass und rutschig, da müssen wir unter einem kleinen Wasserband hindurch. Wir laufen auf den breiten Platten, die hier die Levada abdecken, da ganz offensichtlich – aus welchem Grund auch immer – das Wasserfallwasser in der Levadarinne unerwünscht ist. Ja, ist etwas ungemütlich unter dem Wasser zu laufen, aber wenn man die Wahl hat zwischen ein bisschen nass zu werden oder ein bisschen abzustürzen, ist es ganz einfach zu wählen. Das kann es auch nicht gewesen sein.

Den wahren Grund finden wir tatsächlich nach viereinhalb Kilometern. Durch den Wasserfall trauen wir uns noch – wir haben ja jetzt die Erfahrung. Das nächste Stück Levada-Rand beäugen wir schon sehr skeptisch. Die diesseitigen Metallpfosten lehnen trunken in den Wind, der Draht ist weg und ein paar Schritte weiter ist dann Schluss für uns. Der Levada-Rand ist zur Hälfte weggebrochen, die Pfosten baumeln am jenseitigen Draht ein paar Meter weiter unten in der Luft. Auf nassem, rutschigen Grat, kaum zwanzig Zentimeter breit, zu balancieren, das ist dann doch ein bisschen zu viel Abenteuer für unseren Geschmack.

„Wir drehen um!“, sagt Monsieur und ausnahmsweise widerspricht seine Frau ihm nicht.

Fischer, Fischer, wie weit dürfen wir gehen? Nun ja, soweit, wie ihr euch traut…

Abenteuerspielplatz

Gestern, zum Nistplatz der Luftwaffe, da ging die Luftwaffenstraße in ordentlichen Serpentinen hoch auf 1800 Meter. Das kennen wir aus den Alpen, das können wir. „Normale“ Sträßchen in Madeira betrachten Kurven als völlig überflüssig und streben schnurstracks den Berg hoch, im senkrechten Winkel zu den Höhenlinien und ebenso – gefühlt – senkrecht nach oben. Unser kleines Mietauto ist ein bisschen schwach auf der Brust, so rührt Monsieur meist in den ersten beiden Gängen herum. Gelegentlich packt uns die Angst, dass der kleine Wagen mit einem Seufzer aufgibt und wir einfach nur noch rückwärts wieder bergrunter rollen.

Diese winzigen Straßen werden gesäumt von einem Feuerwerk an Blumenpracht. Von rechts und links nicken Agapanthen in blau und weiß, unterstützt von den Schneebällen weißer Hortensien, überschattet von den Blütenkerzen des Natterkopfes. Ein Fest für die Augen, Abblenkung vom Steigungswinkel des Sträßchens vor uns, das uns zum Wanderparkplatz – „Bist du dir da ganz sicher?“, fragt Monsieur mehrmals – führen soll. Nach dem winzigen Sträßchen ist der riesige Parkplatz, mit offener Schranke und Leuchtschrift „libre“, eine große Überraschung.

Wir sind nicht die Ersten und schon gar nicht die Einzigen, die ihre Wanderschuhe anziehen. Zwei Wege starten hier, einer die „Levada für alle“, ein breit angelegter, Kinderwagen-geeigneter Spazierweg und der andere unser Abenteuerspielplatz für heute, die Levada Caldeirão Verde. Im 18. Jahrhundert aus dem Felsen geschlagen, lässt sie uns heute staunen – und gelegentlich erschaudern – ob des schieren Durchhaltevermögens, das solch ein Projekt erforderte.

Der Anfang ist englischer Parkweg vom feinsten. Breite Waldwege, über die Jahrhunderte alte Baumriesen das Netz ihrer knotigen Wurzeln weben, wunderschön. Es wird zunehmend enger und dann kommt, was Levada-Wandern etwas speziell macht. Wir kleben an der nackten Felswand. Links das Bett der Levada, über uns der gewölbte Fels, aus dem es gehauen wurde und rechts ein paar Hundert Meter nichts. Dazwischen ein Stahlseil, gespannt zwischen grünen Pfosten. Das Nichts ist hübsch begrünt mit Orchideen und Farnen, aber nichtdestotrotz sehr beeindruckend leer. Der Steg der Levada ist etwa 35 Zentimeter breit, gerade weit genug, um zwei Füße (Schuhgröße 41, zugegebenermaßen) nebeneinander zu setzen. Auf den Teilstücken, an denen ein Pfad neben der Levada verläuft, laufen wir auf dem Rand, ohne Probleme und ohne Schaudern. Aber da, wo das Geländer andeutet, dass nur es zwischen uns und Hunderten von Metern Nichts ist, da sind wir doch ganz dankbar für diese psychologische Unterstützung.

Aber die Strecke bietet noch mehr Abenteuerspielplatz. Etwa in der Mitte des Weges kommen die Tunnel. Man solle eine Taschenlampe mitnehmen, war der erste Tipp. Damit das Tunnelabenteuer etwas lustiger wird, steht in den Tunneln Wasser. Manchmal nur kleine Pfützen, manchmal große Pfützen und manchmal weiß ich nicht, wie tief das Wasser ist. Das ist nämlich der zweite Tipp: die Lampe nicht auf die Füße richten.

Damit das Tunnelabenteuer noch spannender wird, variiert nämlich die Deckenhöhe, von bequemen zwei Metern Höhe auf knappe 1,60m und allem, was so dazwischen liegt. Natürlich ohne Vorwarnung, weshalb man die Lampe auf die Decke richten soll, um alle kantigen Felsvorsprünge rechtzeitig zu sehen. Wir kommen unbeschadet durch, aber beim Rückweg sehe ich an einer Felsnase ein Büschel Haare kleben. Das tut schon vom Hinsehen weh.

Zuviel Abenteuerspielplatz sind die zwei Wasserfälle, die die Levada kreuzen. Im donnernden Wasserfall auf glitschigen, moosüberwachsenen Steinen zu balancieren, das traut uns – zum Glück – niemand zu. Da gibt es dann kleine „Umleitungen“, die eine über 52 Treppenstufen (der größte Höhenunterschied für heute) rauf und runter durch das Bachbett unterhalb des Wasserfalls, die andere eine bequeme kleine Brücke über den Bach. Apropos Brücke, die gibt es auch für das Wasser. An einer Stelle führt eine „Wasserbrücke“ das Levada-Wasser quer über einen anderen Bach. Wie gesagt, man kann nur bewundern, welche Mühe und Arbeit in diesen Wasserleitungen steckt.

Nach gut zwei Stunden sind wir am Ziel, dem „grünen Kessel“ mit Bergsee und Wasserfall. Aus der Ferne sieht es aus wie der Brutfelsen einer Vogelkolonie. Auf jedem Felsvorsprung hockt ein Wandervogel (oder natürlich auch eine Wandervogelin), die Beine ausgestreckt, das Gesicht der Sonne zugewandt. Die meisten mampfen fröhlich etwas Mitgebrachtes und genießen glücklich und still das majestätische Schauspiel. Bis irgendein Idiot seine Drohne auspackt und alle anderen damit nervt.

Der Rückweg ist vorgegeben, aber trotzdem spannend und anregend. Die Ausblicke auf das Tal sind anders, das Licht fällt im anderen Winkel auf die schroffen Spalten der Vulkanberge. Was gleich bleibt, ist die musikalische Untermalung. Die Levada selber fließt so gleichmäßig und still, die hört man kaum. Aber die Wasserharfe der aus den moosgrünen Hängen fallenden Tropfen bildet eine stete Begleitung, gelegentlich schwillt sie an, wenn wir unter einer kleinen willkommenen Dusche durchmüssen. Die Wasserfälle steigern dann das sanfte Lied zu einem mächtigen Crescendo.

Es geht uns richtig gut, als wir wieder zum Parkplatz zurückkommen, wo wir mit Erstaunen sehen, dass nun die Schranke geschlossen ist und Autofahrer Parktickets in die Säule stecken. Ein „Parkranger“ sieht unser Problem und winkt uns in sein Office. Bis 12 Uhr sei der Parkplatz kostenfrei, ab Mittag müsse man bezahlen, meint er und händigt uns ein Ticket für die verbleibende Zeit aus. Was er nicht sagt, was aber deutlich in der Luft steht, ist, dass echte Wanderer natürlich so früh losgegangen wären, dass sie vor zwölf Uhr schon wieder zurück wären.

Das haben wir uns jeden Morgen überlegt, aber bis jetzt war es immer so kalt gewesen, dass uns zehn Uhr immer noch früh genug erschien.

In unserem heutigen Hotel angekommen – mit beheiztem Pool, eine Wohltat für müde Muskeln – wird uns mitgeteilt, dass Corona-bedingt Frühstück in zwei Schichten serviert wird und der frühe, der Acht-Uhr-Termin schon ausgebucht sei.

Sieht so aus, als ob das morgen wieder nichts wird mit dem früh loskommen.

Glück gehabt.

Carlos oder Anna?

Ich fürchte, wir müssen mit unserem Wanderreisen-Veranstalter mal über Definitionen sprechen. Drei „Wanderungen“ sind für heute geplant. Die erste geht zum Gipfel, zum Pico do Arieiro. Sie ist ganze zehn Minuten lang und wir schaffen es trotzdem, uns zu verlaufen. Wenn in der Wegbeschreibung steht: links am Gebäude entlang zum Gipfel, suche ich einen Weg, nicht die Treppe zur Terrasse des Restaurants. Toller Ausblick, zugegebenermaßen, ja, doch, war die immense Anstrengung durchaus wert.

Vom gleichen Parkplatz aus geht es zum Miradouro Ninho da Manta, dem Bussardnest. Anspruchsvolle 40 Meter auf 20 Minuten Wandern, eine Richtung, in 1800 Meter Höhe. Unsere sportliche Befriedigung wird etwas unterminiert durch eine Vielzahl drahtiger älterer Portugiesen, die die gleiche Strecke mit hochbeladener Schubkarre vor uns her joggen. Beladen mit Steinplatten zum Wegebau oder mit Setzlingen zum Aufforsten nach den schlimmen Waldbränden vor ein paar Jahren.

Auf der gut ausgebauten Straße – schließlich hat die portugiesische Luftwaffe am höchsten Punkt des Pico do Arieiro ihren Nistplatz – geht es wieder ins Tal nach Ribeiro Frio und zu unserer dritten Wanderung, zu unserem ersten Mal. Das klingt jetzt deutlich romantischer als es ist, denn unser erstes Mal entlang einer Levada haben wir mit Dutzenden anderer. Die „Balkon-Levada“ ist kurz, flach (endlich) und leider ziemlich überlaufen.

Das seltsame Krippchen am Anfang ist schon ein kleines bisschen unheimlich und am Ende, nach drei Kilometern, fühlen wir uns nicht so recht ausgelastet, wandermäßig und so. Also beschließen wir – wo sie schon mal da ist – die Levada do Furado anzugehen. Natürlich nicht die ganze Strecke, viel zu weit. Nicht mehr als eine Stunde, meint Monsieur, nicht mehr als fünf Kilometer meine ich. Das geht natürlich nicht überein, also einigen wir uns auf höchstens vier Kilometer oder eine Stunde, was halt zuerst passiert.

Die Levada do Furado ist dann so schön einsam, dass wir uns natürlich nicht an die Abmachung halten, denn nach einer Stunde, knapp dreieinhalb Kilometer sagt Monsieurs Lebensgefährtin, dass da vorne, gar nicht mehr weit, nur noch zwei Kurven weiter ein schöner Teich mit Wasserfall käme.

So sind wir dann doch etwas später wieder zurück in Riberio, wo der anstrengendste Teil des Tages noch vor uns liegt: der lange und steile Anstieg zum Auto.

Wir sind dann doch schon ziemlich müde, als wir uns auf den Weg zum nächsten Hotel machen, aber man kann ja nicht immer nur wandern. Deshalb hat unser Wanderreisen-Veranstalter den einen oder anderen Kulturpunkt eingebaut in die Reise. Den ersten haben wir heute Morgen gleich mal geschwänzt. Korbflechter und Korbflechten, das habe ich schon in zu vielen Bauernmuseen gesehen, das schenken wir uns. Dann eben Santana. Ich denke dabei natürlich sofort an Carlos und Samba pa ti, die Madeirer aber eher an Anna. Was nun das besondere am Städtchen Santana ist, seht ihr hier: ein paar traditionelle, Stroh gedeckte Häuschen im Zentrum der Stadt.

Dann doch lieber Samba pa ti.

Dreisatz

Ein Bild, so heißt es, sagt mehr als tausend Worte.

Wieviel mehr sagen dann ein Dutzend Bilder?

Diese kleine Dreisatz-Rechnung soll vertuschen, dass ich zu müde bin, etwas zu schreiben. Acht Kilometer auf und ab auf der Ponta de S. Lourenço reichten uns nicht. Im Hotel zurück, das uns so gar nicht gefällt, haben wir uns aufgemacht, zu Fuß, in den Hauptort, weil dort ein wesentlich hübscheres Hotel einen „High Tea“ anbietet, mit ofenwarmen scones, clotted cream und fruit cake. Und natürlich wieder zurück, weshalb ich s.o. nun nur eine Handvoll Bilder einstelle. Die aber eigentlich alles sagen…

Es ist für alle Bedürfnisse gesorgt, die einen wie die anderen.

An einer Stelle ist die Klippe nur knapp zwei Meter breit, aber…

… da gibt es dann Zaun von beiden Seiten.

Das ist der Punkt, an dem Monsieur darüber nachsinnt, dass ich behauptet hätte, die Wanderungen in Madeira seien flach.

Der Weg ist zum Teil steil und rutschig, stellenweise recht exponiert, es herrscht ein starker, böiger Wind, aber die Gefahren, vor denen sie warnen, sind ganz andere:

Ende Gelände – zumindest für Wanderer, der Rest ist Naturschutzgebiet, Zutritt verboten…

Osterblumenstrauß

Oder: Oups, he did it again.

Es war nicht wirklich eine Überraschung, was Herr Macron da verkündete, am Mittwoch. Ein bisschen frech fand ich nur, dass er uns nicht klipp und klar zugestand, wie schwierig das Eingesperrt-Sein sei, sondern vielmehr betonte, wie weniger schlimm das ja nun alles sei, verglichen mit März oder November 2020. Nicht ein, nicht zwei – nein zehn Kilometer Länge hat unsere Hundeleine nun, da sollen wir doch froh und dankbar sein. Und nicht eine Stunde Ausgang hätten wir, nein, wir dürften uns so lange draußen aufhalten wie wir wollten, allerdings – aufgepasst! – um 19 Uhr, da sollten wir wieder zuhause sein, Ausgangssperre ist nämlich immer noch.

Das Ganze gilt ab Samstag, 24 Uhr, eigentlich, uneigentlich aber ab Ostermontag, denn irgendwie müssen die Leute, die schon in Osterferien sind schließlich nach Hause kommen dürfen.

Achja, den Entschuldigungszettel vom letzten Mal, in dem wir akribisch auf- und unterschreiben mussten, wer wir sind, wo wir wohnen und warum, bitte schön, wir eigentlich und seit wann dieses Zuhause verlassen hätten, den bräuchten wir dieses Mal auch nicht, dafür sollten wir dann doch bitte ein „justificatif de domicil“ dabei haben. Wer Frankreich kennt, weiß, dass es die Strom- oder Telefonrechnung tut, die hier als hochoffizielle Anmeldebescheinigung Dienst schiebt.

Wir sind ja sehr gut- und langmütig, aber diesmal dachten wir: Nein! Bevor uns Herr Macron unseren traditionellen Osterspaziergang, die Blümchen-Guck-Wanderung auf dem Vuache, deutlich mehr als zehn Kilometer entfernt, klaut, da büxen wir aus und verlegen das Ganze vor auf Freitag.

Der Vuache ist nicht so richtig hoch, er kommt mit Anstrengung auf 1101 Meter. Da wir aber in Chaumont parken, bei 600 Meter, kommt da doch so einiges zusammen, wie etwa 400 Höhenmeter auf den ersten anderthalb Kilometern. Das Ganze auf einem Weg, der eher einem trockenen Sturzbach ähnelt. Monsieur findet, das sei ein sehr schöner Weg, ich dagegen empfinde es als eine üble Schinderei, die so gar nichts mit Spaziergang zu tun hat. Als wir auf der traditionellen Picknickwiese ankommen, habe ich zum Glück gar keine Luft, um meinem Unmut eben diese zu machen.

Ein leckeres Sandwich und einen Apfel weiter sieht die Welt ein bisschen besser aus. Das Alpenpanorama ist zwar nicht zu sehen, sehr diesig, tut trotzdem das seine, um die Laune zu verbessern.

Richtig gut gegen schlechte Laune sind die kleinen, gerade gekeimten Bucheckern. Niedliche kleine Ballerinchen, tanzen sie zu Füßen der alten Bäume und können sicherlich gut „Wenn ich mal groß bin“ träumen.

Kurz darauf sind wir am Waldrand und damit beim Grund für diese Wanderung: tausende von Hundszahnlilien, Osterglocken, Lerchenspörnen (?), Scilla und Gelbsternchen rollen einen bunten Teppich zu unseren Füßen aus. Ein wahrer Osterblumenstrauß. Die Grundfarbe legt die Vinca mit ihren dunkelgrünen Blättern, deren Blüten sich hier nicht mit ihrem hellen Blau begnügen, hier weben sie Blütensterne in dunklem Purpur und blassem Lila dazwischen. Diesmal liegt es nicht an der – inzwischen moderaten – Steigung, dass wir nicht weiterkommen, diese Schönheit muss gebührend bewundert und festgehalten werden. Die Blütenpracht wird abgelöst durch weite Bärlauchflächen. Es dauert ein paar Momente bis mir klar wird, woher meine plötzliche Lust auf Garnelen mit Aioli oder Lammkeule mit Kräuterkruste kommt.

Irgendwann erreichen wir unser Ziel, den überaus unbeeindruckenden Tumulus, der die 1101 Meter hohe Bergkuppe krönt. Dieser Steinhügel wird von Jahr zu Jahr höher und es gibt Gerüchte, dass der Vuache vor dieser Aktion nicht über die 1096 Meter hinausgekommen wäre.

Für den Rückweg nehmen wir dann nicht den Sturzbach, sondern laufen im weiten Bogen bis nach Cortagy. Breite Holzabfuhrwege verlassen wir zugunsten romantisch-moosüberwucherter alter Pfade. Ich bilde mir da immer gerne ein, dass hier schon seit Jahrhunderten die Bauern mit ihren Eiern oder ihrem Käse zum Nachbardorf gelaufen sind.  Monsieur hebt einen vom Sturm abgerissenen Mistelzweig auf, danach wird es sogar noch romantischer.

Als uns Mutter Natur am Waldrand auch noch mit Morcheln überrascht, bin ich fast versucht, Herrn Macron dankbar zu sein, dass er uns quasi den Freitag aufgedrängt hat. Am Sonntag wären die Pilze bestimmt nicht mehr da gewesen. Wie gesagt, fast. Ganz so weit würde ich dann doch nicht gehen.

Nach fünf Stunden, elf Kilometern und vielen, vielen Bildern kommen wir wieder am Auto an.

Bärlauch und Morcheln haben wir gefunden, wo ich zuhause Eier finde, weiß ich.

Das Abendessen ist gesichert.

Eigentlich sollte ich

Eigentlich sollte ich „Eigentlich sollte ich…“-Sätze gar nicht erst schreiben.

Die klingen schon vom ersten Wort an nach verpasster Chance, nach „hätte ich doch“ und „wäre ich bloß“.

Das stimmt natürlich und auch wiederum nicht.

Eigentlich sollten wir jetzt in Bordeaux sein, ein Geburtstagsgeschenk einlösen, das wir Anfang Juni, im ersten Überschwang des aufgehobenen Hausarrests verschenkt haben. Drei Tage Bordeaux, Kultur und art de vivre, Klimt-Widerschein im Wasser eines Marine-Hangars, Bummeln, kleine Bistros, Museen und natürlich Wein.

Hatten wir auch fest vor, bis die zweite Welle über Frankreich fegte und die Covid-Neuerkrankungen auf über 10 000 pro Tag anstiegen. Bis alle Autoritäten vor nicht notwendigen Reisen warnten, bis uns die Rückkehr aus Aquitanien (auf der roten Liste der Schweiz und der BRD) jeden potentiellen Grenzübertritt  unmöglich gemacht hätte.

Na gut, dann setzen wir uns mit unserer Freundin eben auf unsere Terrasse und öffnen eine Flasche Bordeaux, hat ja auch viel Schönes.

Fahren statt ans Meer zum Wandern in die Alpen, wobei die ersten paar Hundert Höhenmeter freundlicherweise von einer Seilbahn übernommen werden sollten. Dachten wir.

Das allerdings wird nicht passieren. Schon ein Blick aus dem Fenster zeigt uns Genf in Wolken gehüllt, selbst der Salève, direkt hinter der Stadt, ist kaum auszumachen. Und der Mont Blanc? Welcher Mont Blanc? Hier gibt es keinen Mont Blanc zu sehen.

In die Alpen zu fahren, wenn die Alpen ein einziges „Eigentlich sollten hier“ sind – ach, nein danke.

Also besinnen wir uns ganz weise auf „weniger ist mehr“ mit dem Jura. Um die Dôle ein bisschen ärgern, denken wir den Mont Tendre an, genau zwei Meter höher und damit höchste Spitze auf der Schweizer Seite der Kette. Allerdings ist das auch so ein „eigentlich könnten wir“, denn wir wollen so lange auf dem „Chemin des Crêts“ laufen, wie wir Spaß dran haben, ehrgeizige Ziele haben wir nicht. Großartige Erwartungen an Alpen-Panorama und Fernsicht auch nicht. Das führt dann dazu, dass wir auf dem Weg, der anfangs juraseitig läuft, die weiten Blicke über sanfte Jurawälder durchaus genießen. Der leichte Dunst wirkt wie ein Weichzeichner und die treibenden Nebelfetzen ignorieren wir einfach.

Schön ist der Aufstieg und ärgerlich. Es ist ja schon schlimm genug, dass es in den Bergen meist bergauf geht. Aber, dass dann in langen Anstiegen immer mal steile Abstiege kommen, die die ganzen mühsam erarbeiteten Höhenmeter wieder dahinschwinden machen, das macht mich ziemlich missmutig. Völlig frustriert bin ich, als nach einem wirklich steilen Aufstieg am Chalet groß die Zahl 1414 prangt, denn losgegangen sind wir bei 1480 m. Bevor ich jedoch zu sehr herummosere, schaut Monsieur genauer hin und kann mich beruhigen: 1414 ist nicht die Höhe des Chalets, das ist die Notrufnummer der Bergwacht, wir sind auf gut 1580 Metern Höhe. Blick hat man vom Chalet aus in Richtung Alpen auch nicht, höchsten ein schattenhaftes Ahnen, dass da hinten, in der Ferne, in den weißen Wolkenwänden vielleicht ein paar Bergmassive versteckt sind. Wir gönnen uns Nahsicht und beobachten eine junge Kuh, die mit ihrer Zunge und viel Geschick mitten aus der Silberdistel die süße Blüte herausholt. Den stachligen Blätterkranz drumherum lässt sie stehen.

Ein paar An- und Abstiege weiter kreuzen wir ein asphaltiertes Sträßchen, das sich hoch zum nächsten Crêt schwingt. Im Schatten des Waldrandes parkt ein großer Geländewagen, ein Paar steigt aus. Er breitet eine Plastikplane aus, sie nimmt eine Spitzhacke aus dem Kofferraum. „Hoffentlich verscharren die nicht die Schwiegermutter,“ flüstere ich Monsieur zu, leise, aber nicht leise genug. Der Mann schaut uns durchdringend an. „War nur ein Scherz,“ entschuldigen wir uns. „Das will ich meinen,“ sagt er und produziert eine doppelte so große Hacke aus den Tiefen des Wagens, „für die Schwiegermutter würde ich natürlich die hier nehmen.“ Da wir alle darüber lachen, ordnen wir das unter „nur Spaß gemacht“ ein.

Spaß und Freude an seiner Arbeit hat wohl auch der lokale Milchbauer. Das, was wir aus der Ferne für ein Wegkreuz oder einen seltsamen kleinen Altar gehalten hatten, entpuppt sich als Geschäftsidee. Die Ziegenkäse sind schon ausverkauft, aber Postkarten sind noch zu haben. Wenn jemand mit so viel Liebe und Begeisterung die Schönheit seiner Kühe festhält, dann hat er unsere Unterstützung verdient.

Es geht weiter über das asphaltierte Sträßchen, das irgendwie etwas deplatziert wirkt, hier zwischen den Jurawiesen. Des Rätsels Lösung kommt hinter der nächsten Kurve. „Vorsicht, Minen!“, warnt Monsieur und ich denke zuerst an Kuhfladen, bis ich sie selbst sehe. In Vierer-Reihen angeordnet, fünf Reihen tief hat die Schweiz dieses Sträßchen vermint. Wahrscheinlich für den Fall, dass französische Milchkühe einen Angriff auf die Schweiz planen. Die militärischen Bauten stehen ein paar Meter weiter. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob wir hier auf das „Top secret“-Weltraum-Programm der Schweiz gestoßen sind, Apollo 8 ½ vielleicht. Oder ob hier jemand irgendwie irgendwas kompensieren will.

Wie auch immer, wir haben genug gesehen für heute und machen uns auf den Rückweg. „Jetzt geht es nur noch bergab,“ motiviert Monsieur seine angemüdete Wanderin. „Bis auf das fiese steile Stück kurz vorm Parkplatz.“ – „Das ist noch eine Stunde hin,“ winkt Monsieur ab, „so lange im Voraus kann ich mich nicht fürchten.“

Ich habe sie natürlich geschafft, diese letzte Steigung. Zu wissen, dass am Ziel eine Blaubeertarte auf mich wartet, war dabei eine nicht zu unterschätzende Motivationshilfe.