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Galata Mu.Ma

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Heute Morgen ist es – Gewitter, Hagel, Donner – so scheußlich, dass sich selbst Leuchttürme ins Trockene verziehen. So jedenfalls sieht es aus in der Halle des Galata Mu.Ma,  des Museo del Mare. Dorthin komme ich mit dem Bus 18 und meinen Instant-Sätzen zum Aus- und Umsteigen. Kompliziertere Fragen versuche ich auf Englisch, worauf dieses wunderbare alte Paar sich anschaut. Ganz langsam sagt er dann auf Französisch mit starkem Akzent, dass sie nur Französisch sprechen. Und das auch nur schlecht, fügt sie spitzbübisch hinzu. Jedenfalls reichen unsere gesammelten Sprachkenntnisse, um mir zu bestätigen, dass ich an der Fermata Gramsci 3/Commenda aussteigen soll.

b2Das maritime Museum ist ruhig, fast leer, nur eine Familie vor mir, die sich ihres Bildungsauftrages sehr bewusst ist. Im zweiten Stock, Auge in Auge mit den Ruderbänken und Kanonenrohren des Galeeren-Nachbau liest die Mutter laut und langsam die Erklärungen vor, während der Vater eigentlich wie ein Oktopus acht Arme haben müsste, um seine zwei kleinen Jungens vom Herumklettern abzuhalten. Er pflückt den einen Knaben vom Kanonenrohr, zieht den anderen vom Ruder weg und macht ihnen Vorhaltungen. Die Knaben schauen betrippst drein. Der Vater nickt ernst, tritt einen Schritt zurück und stößt gegen ein Ausstellungsstück, das mit lautem Geklapper zusammenfällt. Die ganze Familie fährt zusammen und bricht dann in Gelächter aus. Der Vater richtet den Schaden wieder aus und blickt sich dann noch schnell einmal um. Uff, keiner hat es gesehen. Außer mir natürlich, aber ich werde sie nicht verpetzen.

Den Räumen zum größeren Lobe Genuas folgen die zum größeren Lob des Meeres und der Seefahrt allgemein. Alte Karten, wie kostbare Kunstwerke, hängen an den Wänden, in den Vitrinen stehen Instrumente zur Berechnung des Kurses vom „Istituto Idrografico della Marina et le Scienze Nautiche“, ein Name, der in meinen Ohren wie reine Poesie klingt.

Eine Etage höher werde ich mit den Gefahren bekannt gemacht, den realen und den mythologischen. Die mittelalterlichen Monster wirken ja eher niedlich, trotz ihrer beeindruckenden Größe, wenn man die Inseln im Hintergrund als Maßstab nimmt. Die Seemonster der 50er-Jahre-Film-Industrie dagegen sind deutlich kleiner, aber in ihrem Beuteschema weniger auf Seefahrer als auf sehr üppige Blondinen in knappen Kleidungsstücken ausgerichtet. Jonas bleibt natürlich nicht unerwähnt und für das richtige Jonas-Gefühl gibt es ein weit aufgerissenes Walmaul als Zugang zum nächsten Ausstellungsraum.

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Die beeindruckendste Erfahrung kommt aber in einem etwas abseits gelegenen Raum: Erlebe den Sturm. An der Tür blinkt ein rotes Licht, man solle nicht eintreten, die Zeitangaben sind etwas verwirrend und ich bin schon im Weggehen, als ein Museumswärter die Tür öffnet und mich hereinwinkt. Er deutet mir an, mich auf die Ruderbank der Galeere zu setzen und nimmt mir sehr vorsichtig Fotoapparat und Handtasche ab. Dann gibt er mir zwei Griffe mit Kontakten in die Hand. Wenn ich Angst haben sollte, wenn es zu viel würde, soll ich nur loslassen, dann würde alles stoppen. Er wiederholt das noch einmal und schaut mich dabei aufmerksam an, um sicher zu sein, dass ich das auch verstanden habe. Irgendwie schön, dass sich da jemand solche Sorgen um meine Wohlbefinden macht – kurz bevor er mich in die Hölle schickt. Ich bekomme einen VR-Helm, er beginnt den Countdown und bei Null bricht das Inferno über mir los. Meterhohe Wellen schleudern „mein“ Schiff umher, Seeleute schreien Kommandos, der Sturm tobt, von rechts taucht plötzlich ein riesiger Wal auf Kollisionskurs auf, die Kommandos werden hektischer, der Wal taucht ab, dafür wirft die nächste Welle das Schiff in die Höhe. Ich stemme die Füße gegen die Ruderbank und rutsche auf dem Holz hin und her, das Schiff erklimmt den Scheitel der Welle, der Bug senkt sich ins Wellental, da taucht wie aus dem Nichts von Links ein großes Schlachtschiff auf, Zusammenstoß unausweichlich und „La Fine“.

Ich bin so im Adrenalinhoch, dass mein inneres Kind einfach nur begeistert herausplärrt: „That was awesome. Can I do it again?“

Der Rest des Museums – und die Aussichtsterrasse – fungiert dann nur noch „unter ferner liefen“.

 

 

 

 

 

Apfelschimmel mit dunkelgrauer Mähne

 

c9Maria Lidia rehabilitiert Monsieur. Das sei doch genau der Zweck und das Ziel des Gässchens-Gewimmels der Hafenvorstadt gewesen: Angreifer zu verwirren und in die Irre zu führen. Jedenfalls in den alten Tagen, als die Seefahrer- und Piratenstadt Genua gelegentlich Besuch von anderen Seefahrer- und Piratenkollegen bekam, die das mit dem Mein und Dein etwas offener sahen.

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Heutzutage verwirrt die Altstadt nur noch harmlose Touristen, weshalb Maria Lidia von den Genova Greeters mir freundlicher Weise zur Seite steht. Maria Lidia ist Mathematikerin und sieht ihre ehrenamtliche Arbeit als einen guten Ausgleich zu ihrem Beruf. Sie kennt sich aus in dem Gewusel und begleitet mich einen Vormittag durch das Wirrwarr. Die alten Gässchen wimmeln von stimmungsvollen kleinen Läden und führen uns zu Plätzen, auf denen Kirchen thronen. Wir sind uns beide einig, dass Barock nicht so unbedingt sein muss, in einer reichen Stadt wie Genua aber kaum zu vermeiden ist. Die barocken Kirchen, die sie mir zeigt, haben aber alle so ein kleines Augenzwinkern. San Pietro in Banchi etwa, auf einem Platz, auf dem das Volk eine Kirche, die reichen Händler aber Banken bauen wollte. Als Kompromiss gibt es die Kirche sozusagen im zweiten Stock und unten, ebenerdig, die Banken. Da die Geldwechsler somit nicht im, sondern unter dem Tempel ihre Geschäfte betreiben, müsste es sogar Bibel-konform sein. Oder Chiesa San Matteo, die über ihren Kreuzgang gleichzeitig als Eingang zu den Wohnhäusern dient, die spätere Jahrhunderte auf die gotischen Bögen gebaut haben.

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Wir zickzacken durch das Gewirr der Gässchen, weil sie mir hier noch ein Jugendstil-Schaufenster oder dort eine uralte Apotheke zeigen will. Gässchen, die so eng sind, dass der Müllwagenfahrer sicher mit angehaltenem Atem hindurch fährt.

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Auf dem Rückweg wird es prunkvoller. Wir besichtigen die Rolli-Paläste, vielmehr das, was man halt so besichtigen nennt, wenn man mit einem Greeter unterwegs ist. Nicht die Roten, Weißen oder anderen Museumspaläste, die mit den Eintrittskarten und den Sonderausstellungen.

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Unsere Eintrittskarte ist Marias Lächeln und ihr rapides Italienisch. Das verschafft uns Eintritt zu den Bankpalästen (No photo, please!) und hochpreisigen Design-Stores (Photo? Yes, please!) und einen kleinen Überblick, wie vielfältig die Paläste im Inneren ausgeschmückt sind, von Gotik bis hin zu Art Nouveau, je nachdem, wann der Hausherr zum letzten Mal den Drang zum Renovieren verspürte.

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Die Rolli-Paläste gehören dabei keineswegs – wie ich anfangs naiv vermutete – einer Familie Rolli. Nein, sie standen auf Listen – den Rolli – der hochrangigen Familien, aus denen die eine ausgelost wurde, bei einem allfälligen Besuch des Herrn Principe oder Fürsten die Ehre des Gastgebens zu haben. Nun würde es einen heutzutage ja eher mit Angst und Schrecken erfüllen, Angela oder Donald zugelost zu bekommen, aber das Potential zum Networken ist klar erkennbar.

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Nach gut zwei Stunden endet unsere Führung nicht vor, sondern im ersten Lädchen, das Maria Lidia mir gezeigt hat: der schönsten Pasticceria Genuas.

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Gestern habe ich neue Vokabeln gelernt. Die waren so nicht im Internet-Kurs vorgesehen, aber im Reallife: AVVISO di GRAVE MALTEMPO, Attendono NUBIFRAGI, sagt der Wetterdienst des Hotels, ihre Großbuchstaben, nicht meine. Freundlicherweise halten sich die Nubi morgens mit dem Fragi zurück, bis ich wieder im Hotel bin. Aber nach einer ausgedehnten Siesta trete ich dann hinaus in den Maltempo, bewaffnet mit einem Schirm und dem Wissen, dass das nächste Museum nur ein paar Minuten weit entfernt ist. Der Weg dahin führt durch einen verwunschenen Park mit seltsamen Gebäuden, künstlichen Höhlen und mit durch Schilder angekündigten „cascate“ und „belvedere“. Das Belvedere tut sich im Nubifragi schwer  damit zu überzeugen und der Kaskade wurde das Wasser abgedreht.

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Der Weg zieht sich an festungsähnlichen Mauern entlang und endet endlich vor einem Gebäude, dessen Front mit Shoji abgedunkelt ist. Meine Zweifel, die mich auf dem seltsamen Weg beschlichen haben, werden einerseits beruhigt – es existiert hier ein Museum zur ostasiatischen Kunst -, andrerseits durch das dunkle abweisende Äußere wieder entfacht. Aber es wird noch seltsamer. Ich schaue durch die Glastür ins Dunkle und erspähe eine Szene, die entfernt an Dornröschen erinnert. Rechts in der Halle rasten auf Plastikstühlen zwei ältere Herren, im Schlummer sanft einander zugeneigt. Im Glaskasten der biglietteria sitzen drei Frauen, die Köpfe in unterschiedlichsten Winkeln im Schlafe nach hinten gelegt. Als ich vorsichtig die Türe aufdrücke, schrecken vier Menschen aus dem Schlaf hoch, eine Frau schläft weiter (und sie schläft immer noch, als ich dreißig (!) Minuten später die hohen Hallen wieder verlasse). Eine der aufgeschreckten Frauen kreuzt fein säuberlich auf meiner Museumscard dieses Museum durch und zeigt mit der Hand nach rechts. Dann besinnt sie sich, läuft mir hinterher und schaltet tatsächlich das Licht in der Halle an.

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Es ist eine exquisite Erfahrung der Leere. Um einen Bechstein-Flügel gescharrt, stehen Buddhas und Fu-Hunde, Bronzeglocken und große Becken. Die ganze linke Wand wird verdeckt von leeren weißen Raumteilern, hinter denen sich eine leere weiße Wand versteckt. Gelegentlich sehe ich einen Nagel herausragen, an dem noch ein Stück Draht hängt. Hmmm, meine Phantasie scharrt schon wieder mit den Hufen, skizziert eine Krimi-Konzept von korrupten Angestellten, die die Ausstellungsstücke nach und nach verkaufen und – um das zu vertuschen – gezwungen sind, eventuelle Besucher still und leise verschwinden zu lassen. Der große verwunschene Park bietet da sicher genug Möglichkeiten. Da ich damit aber den Museumsangestellten, die sicher alle grundehrliche und anständige Menschen sind, ein schlimmes Unrecht antue – von meiner potentielle Rolle mal ganz zu schweigen -, nehme ich meine Phantasie an die Kandare. Das geht auch eine Zeitlang gut, an den Samuarai-Rüstungen und Lackutensilien vorbei, doch dann wird es schwierig. Da ist über die Treppe eine Kette gespannt, aber dahinter sehe ich es ganz genau: Vitrine um Vitrine – leer. Die versprochenen Tuschezeichnungen, die Drucke, wo sind die?

Unten an der Kasse zeige ich der wachen Frau im Katalog, was ich sehen wollte. Sie zuckt mit den Schultern, hebt die Hände und überschüttet mich mit einem Schwall Italienisch, der so natürlich nicht in meinem Kurs vorkam. Dann lächelt sie mich strahlend an. Meine Phantasie piaffiert da schon eine ganze Weile, ich kann sie gerade noch im Zaum halten. Das geht natürlich gar nicht, ehrsame Menschen irgendwelcher Vertuschungsmanöver zu verdächtigen. Wahrscheinlich gibt es eine ganz einfache Erklärung: Restaurierung oder Leihgabe für eine Sonderausstellung anderswo. Alles ganz einfach zu begründen.

In meiner Phantasie ist meine Phantasie übrigens ein Apfelschimmel mit dunkelgrauer Mähne und wenn wir wieder im Hotel sind, werde ich mal ein ernsthaftes Wörtchen mit ihm reden müssen. Beziehungsweise mit ihr…

 

 

Reine Notwehr!

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Die ersten Alpenpässe sind schon gesperrt, aber wir wollen ja durch einen Tunnel. Der Mont-Blanc-Tunnel liegt auf knapp 1300 m Höhe. Da waren für heute bei – 4° Schneefälle vorhergesagt. Also rufe ich in der Werkstatt meines Vertrauens an und lasse dem Auto die Winterstiefel aufziehen. So eine Reise über die frühwinterlichen Alpen will schließlich geplant werden. So weit, so gut.

Der Termin kommt immer näher und ich werde immer wuschiger. Vielleicht sind das die Spätfolgen unseres Erlkönig-Ritts von Losinj über Venedig nach Genf. Irgendwie habe ich keine Freude an dem Gedanken, die Strecke – zumindest bis Mailand – ein weiteres Mal zu fahren. Mir fällt ein, wie amüsant-entspannt und preiswert Zugfahren in Portugal gewesen war. Manchmal höre ich mir zu, wenn ich mir etwas sagen will. Also handeln wir und kaufen zwei Zugfahrkarten: Genf-Mailand-Genua und zurück. Das ist in der Schweiz dann eher amüsant-entspannt, Punkt. Aber kann durchaus mit der Aufrechnung der Kosten für Montblanc-Tunnel, italienische Autobahnen und genuesische Parkhäuser konkurrieren.

Das einzige – wirklich unangenehme – Problem ist, dass die schnellste Verbindung uns zum Aufstehen um Viertel nach fünf zwingt. Aber dafür gibt es im Bordrestaurant einen Espresso zum Wachwerden.

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„Unser“ Zug war leider der grüne Hintergrund 😉

In Mailand reicht der Aufenthalt zwar nicht für den Dom, aber für die erste Pizza, bevor wir in den italienischen Zug steigen, der nicht halb so komfortabel, dafür doppelt so voll ist wie der Schweizer – und etwas verwirrend. Wir haben Platz 9A und 10A, die Sitznummerierung beginnt aber bei 13. Gegenüber fangen die Zahlen bei 20 an. Davor steht auf dieser Seite das Kofferregal. Das fände ich für anderthalb Stunde doch eher unbequem. Wir schauen wohl so überzeugend ratlos aus, dass uns ein Herr aufklärt. Wichtig wären nicht die großen Zahlen oben, nein, wir sollten auf die kleinen unten drunter achten. Um stolz hinzufügen, er hätte das auch gerade erst vor Kurzem herausgefunden. Tatsächlich, unter den fettgedruckten 56 und 58 stehen ganz klein 9A und 10A. Wieder was gelernt.

 

d1Ein paar Stunden später lockt uns die Stadt Genua in ihr Labyrinth von Straßen und Gässchen. In den Gässchen ist eng und dunkel, in den Straßen hell und prachtvoll. Ein Palazzo reiht sich an den anderen, jede Fassade anders gestaltet. In einige Innenhöfen können wir hineingehen und das prachtvolle Eingangstor bewundern. Allerdings sehen die spärlich bekleideten Damen nicht wirklich glücklich aus, vielleicht hat der Hausherr, eine große Bank, den Kredit nicht gewährt.

Monsieur, der ab morgen den ganzen Tag beschäftigt ist, will wenigstens kurz ans Meer, Porto Antico. Aber immer, wenn wir kurz davor sind, „jetzt aber wirklich“ links Richtung Meer zu gehen, lockt ein Sträßchen uns um die nächste Ecke oder etwas anderes kommt uns dazwischen. Es ist windig, es ist ungemütlich, es wird langsam dunkel, kurzum: Es ist eigentlich viel zu kalt für Eis, aber von solchen Kleinigkeiten lässt Monsieur sich nicht beeindrucken.

Als wir endlich am Hafen ankommen, sehen wir, wie richtig es war, uns in den Gässchen zu verlieren. Der Hafenbereich gefällt uns so gar nicht und der Wind wird langsam unangenehm.

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Also geht es zurück zum Hotel, ein bisschen Siesta vor dem Eröffnungsempfang. Das ist zumindest die Idee. Dann gibt im Gewühl der Sträßchen Monsieurs Lebensgefährtin einen letzten Seufzer von sich, Akku leer. Natürlich haben wir einen Stadtplan dabei und sind auch fähig und willens den einzusetzen – wenn nur nicht der Sturm wäre. Aus reiner Notwehr suchen wir Schutz in einer kleinen Bar an der Stadtmauer, um in Ruhe die Karte entfalten zu können. Es wäre Trüffel-Festival, meint die junge Frau an der Theke, ob wir zum Apero eine Foccacia mit Speck, Trüffelscheibchen und Honig haben möchten. Wie gesagt, reine Notwehr.

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Dass Monsieur sich danach beim Orientieren vertut und uns auf den falschen Hügel schickt, führt kurzfristig zu einer steilen Lernkurve in italienischer Geschichte, da fast alle Straßen Geschichtsdaten tragen. Langfristig aber auch zu einer durchgefrorenen und sich nach Wärme sehnenden Paonia. Die in dem Moment, als Monsieur die Karte betrachtend: „Ach, daaaa sind wir!“ sagt, die Hand hebt und ein Taxi anhält.

Reine Notwehr!

Steppenwolf mit Speck

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Die Sonne geht unter, als wir über Venedig einfliegen. Die Lagune von oben fasziniert mit ihrem Labyrinth aus Inselchen und Wasserwegen. Hineingetupft der ein oder andere völlig isolierte Hof zu dem eine – von oben – bleistiftstrichdünne Straße führt. Drumherum ganz viel Wasser und Weite und ein paar niedrige Gebüsche, wo das Land aus dem Wasser schaut.

Venedig saugt noch die letzten Sonnenstrahlen auf, Kuppeln und Turmspitzen leuchten, als der Flieger abdreht und wir noch kurz die monolithischen Riesenblöcke der Kreuzfahrtschiffe sehen. Sechs liegen nebeneinander an der Reede.

Bis wir unser Gepäck und den Mietwagen haben, ist es stockfinster, dafür scheint der Vollmond über uns. Eine knappe Stunde später stehen wir vor dem Jugendstilhotel in Portogruaro und lassen uns vom Rezeptionisten unsere Optionen aufzählen: eine Pizzeria – aber da nur die Pizza, die sei sehr gut, der Rest schlecht, ein „Fusion“-Restaurant und eine Trattoria. Die letztere ist auch die nächste, da fällt uns das Auswählen leicht. Er nickt, das sei eine gute Wahl und rät uns für den Rückweg: „Walk like a snake!“ Während wir noch die Vielschichtigkeit dieser Aussage kontemplieren, malt er den „snake-walk“ auf den Stadtplan, hin und zurück über die vielen kleinen Brücken über den Fluss, der Portogruaro zerschneidet und die mittelalterlichen Mühlen gleich rechts von uns antreiben.

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In der Trattoria sind alle Tische draußen von fröhlichen Studenten besetzt. Die Wirtin bittet diese kurz entschlossen, doch etwas zusammenzurücken, damit ein Tisch für uns frei wird. Bringt die Karte und Tischsets aus Papier. Die Fisch-Antipasti-Platte klingt sehr verlockend, was der Wirtin ein begeistertes Nicken entlockt und wenig später ihren Mann auf den Plan. Der zieht uns erst die Tischsets weg und legt dann mit viel Schwung eine Decke auf.

Der Hauswein, der in einer Karaffe kommt, perlt fröhlich. „Prosecco?“, frage ich. „Nein, besser, aus den Bergen hier oben drüber!“ kommt vom Kellner – sicher völlig unparteiisch.

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Die Fischplatte ist fantastisch. Wir sind auch schon so gut wie fast satt nach dieser Vorspeise, leisten uns dann aber eine kleine Unüberlegtheit. Aber ganz ehrlich: hättet ihr einem primo widerstehen können, das „lupo di steppe con speck“ heißt?

Wohl gesättigt nehmen wir das „walk like a snake“ in Angriff für den Heimweg zum Hotel, vorbei an wunderschönen gotischen und Renaissance-Häusern. Bestaunen Fenster mit Spitzbögen und solche mit klassizistischen Fensterschmuck und das da hinein gesetzte eher plump wirkende Recycling griechischer Säulen vor gotischer Fassade. Wir schlangenlinien von Arkade zu Arkade, über Brücken und Brückchen und Monsieur ist sehr unzufrieden. Nicht mit dem mehr als romantischen Stadtbild, eher mit meinem Wunsch nach einem schönen Foto.

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Die, die er macht, entsprechen alle nicht seinen hochgesetzten Ansprüchen.

Meine Ansprüche sind da deutlich weniger ambitioniert. Deshalb werde ich sie jetzt rasch veröffentlich. So lange Monsieur abgelenkt ist…

 

 

 

Mit einem blauen Auge

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Monsieur ist sehr besorgt. Und zurückhaltend. Die Sorge gilt mir, die ich sehenden Auges in eine Glastür gerannt bin, was zum ersten blauen Auge meines Lebens führt. Die Zurückhaltung gilt der nur allzu offensichtlichen Bemerkung, dass ich, wenn man den Zustand meiner Fenster zu Hause bedenkt, nicht mit spiegelblanken, blitzsauberen und daher unsichtbaren Fenstertüren habe rechnen können.

Der Nieselregen heute Morgen lässt ein Verstecken hinter Sonnenbrille noch absurder erscheinen als das blaue Auge selber. Da muss ich nun mal durch.

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Casale Monferrato, da waren wir noch nicht, das ist doch ein guter Grund, Asti und Alba rechts liegen zu lassen. Schöne Plätze, ein paar Kirchen, ein Castello mit Enothek und die angeblich schönste Synagoge Italiens. Letztere – ist uns schon klar – wird nicht zu besichtigen sein am Sabbath. Aber auch die meisten Kirchen scheinen dem Heiligen San Chiuso gewidmet zu sein, was darin liegt, das wir uns haben ablenken lassen.

Monsieur trödelt von Amici zu Amici, da erscheint rechts eines jener braunen Hinweisschilder: Santuario di Crea. Und schwupps biegen wir ab. Monsieur deutet auf eine barocke Silhouette auf dem nächsten Hügel, aber das lehne ich strikt ab. Santuario, sage ich, das ist sicher ein romanisches Kirchlein auf römischem Tempel auf keltischem Heiligtum. Monsieur versucht noch, mir taktvoll zu erklären, dass das Leben sich nicht unbedingt an meine Wünsche und Vorstellungen hält, da bereitet das Leben einen Kompromiss vor.

Das Sanctuario ist spätmittelalterlich, mit wunderschönen Renaissance-Fresken rechts und links in den Seitenkapellen des Chors und einem ziemlich kitschigen Gemälde über dem barocken Hauptaltar. Wirklich umwerfend ist aber der romanische T Rex auf der ersten Säule. Ein Drache, der Männchen macht, neben einem Heiligen, der eher wie ein stolzer Dompteur wirkt.

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Eine unscheinbare Türe führt zu einem Seitengang mit Bildern, die mich unerwartet und tief berühren. Hier hängen Votiv-Tafeln von Menschen, denen Maria geholfen hat. Gut, etwa Dreiviertel der Tafeln drehen sich um Autounfälle, wo ein bisschen gesunder Menschenverstand vorher die Hilfe Mariens nachher überflüssig gemacht hätte. Aber der andere Teil der Bilder, von großer Naivität und ebenso großem Vertrauen, berührt mich sehr tief.

Nichts, was wir später in Casale und noch später in Moncalvi sehen, berührt mich gleichermaßen und so ist für mich dieser Seitengang das, was bleibt von heute.

 

Amici

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Turin macht es uns leicht. Das Wetter ist zu scheußlich, als ich unsere Sachen zusammenpacke und mir ein letztes Mal auf Google die Strecke nach Alfiano Natta anschaue. Das ist auch ganz gut so, denn kaum haben wir den Schock der Parkgebühren überwunden (mehr als das Dreifache dessen, was ich in dieser Woche für Museumseintritte ausgegeben habe), streiken sowohl Navi als auch Monsieurs Lebensgefährtin beim Wegweisen. Beide behaupten steif und fest, unser Ziel nicht erreichen zu können. Mit den erinnerten Resten (ein Platz mit einem Obelisken, dann über den Fluss) kommen wir im Einbahngewirr Turins nur sehr langsam voran. Schließlich versucht Monsieur es mit Geduld, gibt den nächst größeren Vorort Turins an. Kaum sind wir aus Turin heraus, besinnen sich beide Geräte auf ihre Pflicht und erinnern sich ganz plötzlich doch noch an die Strecke in die Hügel des Piemont.

amici Wir fahren gerade in San Maurizio an der via degli Amici vorbei, als wir den ersten einer Vielzahl orangeroter „Amici“ sehen, klein und knubbelig, das Zyklopenauge auf uns gerichtet. Er und seine Freunde stehen in jeder Ortschaft, immer schön paarweise, rechts und links. Ganz brav halte ich mich an die vorgeschriebenen 50 km/h, auch als Fiats und kleinere Lastwagen mich überholen, innerorts, bei durchgezogenem weißem Strich und Überholverbotsschildern. Das ist nicht Einsicht, das ist nackte Angst. Ich bin vor ein paar Monaten in der Schweiz geblitzt worden, gleich zweimal, mit ein bisschen mehr als ein bisschen mehr als erlaubt war. Das wird in der Schweiz dann sehr schnell sehr teuer. Monsieur hat dann ein Machtwort gesprochen und mir ein Budget vorgegeben für Strafzettel. Wird das überschritten, wird der BMW verkauft, um die Strafen zu bezahlen. Vom Rest bekomme ich einen Kleinstwagen. Was de facto auf Hausarrest hinausläuft, weil ich zb. bei einem VW-Up meine Beine nicht hinters Steuer bekommen würde. So fahre ich brav von Schlagloch zu Schlagloch, von Delle zu Delle, von Bodenwelle zu Bodenwelle und überlege, dass der italienische Staat statt in „Amici“ mal lieber Geld in einen neuen Bodenbelag investieren sollte.

Kleine und kleinste Sträßchen führen über Villadeatti zu „Da Maria“, wo wir morgen Abend schon reserviert haben und schließlich nach Alfiano, wo es zum Castello abgeht.

Castello Razzano, das ist eher Besuch bei Freunden als Hotel. Wahre Amici, nicht die orangeroten! Wir hatten für den Durchreise-Stopp eines ihrer Standardzimmer gebucht. Sie geben uns die Suite, die wir bei unserem allerersten Besuch hier hatten. Und eine Flasche Luna d’Oro steht auch schon kalt.

Ich ziehe mich zu einer kleinen Siesta zurück und Monsieur setzt sich mit seinem Glas Spumante in den Park. Kommt zurück und erzählt begeistert, dass der Osterhase oder vielleicht doch eher das Osterkaninchen ihm Gesellschaft geleistet habe, ganz zutraulich.

Was zu einem ganz kleinen bisschen schlechtem Gewissen bei mir führt, als ich dann zwei Stunden später als secundo coniglio con herba bestelle…

 

Nächstes Mal die Weinprobe

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Die Busse für die Konferenz-Exkursion warten auf der Piazza Veneto. Drei Ziele gab es zur Auswahl. Monsieur ließ mich aussuchen, wohlwissend, dass barocke Königsresidenzen gleich ausfallen. Wine-tasting war verlockend, aber das haben wir morgen im Castello Razzano und die Sacra di San Michele ist reinste Romanik. Muss ich noch mehr sagen?

Wir starten in Turin bei Nieselregen, auf dem Parkplatz der Sacra di San Michele gießt es in Strömen. Aber das ist noch nicht alles. Wir laufen im Regen die paar Hundert Meter hoch zum Einlass des Klosters. Der Wind macht sich einen Spaß den Regen ein bisschen waagerecht zu treiben, damit auch die mit den Schirmen nass werden. Vor dem Einlass stehen wir dann etwas tropfend herum, bis unsere Führerin uns – im strömenden Regen – eine kleine Kostprobe dessen gibt, was uns die nächste Stunde begleiten wird. Das Kloster sei ein Ort der Stille, deshalb sollten auch wir still werden und in uns hineinlauschen – in Stille. Ob leises Zähneklappern noch als Stille gilt? Schließlich dürfen wir ein paar Außentreppen erklimmen und kommen damit endlich, endlich! in das geschlossene Treppenhaus der wirklich beeindruckende Scalone dei morti. Außer der Erklärung, dass die Totentreppe Totentreppe heißt, weil rechts die Toten in Sarkophagen ruhen, erhalten wir wenig Informationen. Wohl aber das ganze Selbsthilfe-Seminar-Programm. Die Treppe sei ein Bild für unser Leben, jeder Schritt nach oben ein Erfolg, jeder Blick zurück eine Bestätigung des Geleisteten. Aber dieser Weg zum Licht – die Tür am Ende der Treppe – sei nur möglich in der Stille. Und weil es hier so eine Art besondere Energie gebe. Rechts und links von mir fangen Mundwinkel an zu zucken und ich höre aus den Bemerkungen, dass so ein bisschen Romanik Physiker nicht stört bei der Diskussion, wie man diese Energie für ihre Experimente einspannen könnte.

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Am Ende der Treppe erhalten wir noch einmal nachdrücklich die Aufforderung nun hinauszutreten aus der Treppe des körperlichen Strebens ins Licht des spirituellen Lebens. Wohin wir hinaustreten ist erst einmal strömender Regen, denn das Dach des romanischen Paradieses musste nach einem Erdbeben in den 1980er abgerissen werden. Nun, ich bin nie davon ausgegangen, dass das Streben nach spiritueller Erleuchtung einfach sein wird, nur dass es so nass ist, damit habe ich nicht gerechnet. Wir erhalten noch mehr Licht- und Stille-Metapher im Regen, ergänzt von Erklärungen zu den Holzschnitzereien an der Tür: rechts eine Schlange mit einem Schwert durch den Bauch und Ketten um den Hals, links eine Schlange mit einem Schwert durch den Bauch und Ketten um den Hals. Die eine grinst, die andere nicht. Die eine ist das Gute, die andere das Böse. Da muss man schon sehr genau hinschauen.

Als wir endlich in die Kirche eintreten dürfen, werden wir noch einmal auf die Stille hingewiesen, die schwarzen Figuren im Chor werden erklärt – und das war es dann mit der Führung hier oben. Kein Wort zu den wirklich wunderbaren Fresken an den Wänden. Nur ein Hinweis auf die bella terrazza und das Panorama hinter einer Seitentür.

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Die Kirche selber kann trotz all meiner Verärgerung über diese Art von Führung ihre Ausstrahlung wirken lassen. Außerdem verliebe ich mich sofort und hoffnungslos in die Tiere, die sich um Johannes den Täufer versammelt habe. Immer wieder muss ich zu diesem Fresko zurückkehren. Immer wieder zaubert es ein Lächeln auf mein Gesicht.

Aber irgendwann treibt unsere Führerin ihre Gruppe wieder zusammen, nachdem wir alle ein eher zynisches Lachen zum Thema Terrasse und schöne Aussicht hatten und führt uns in die Ruinen der Klostergebäude, zum Turm der Bella Alda, die hier lieber in den Tod sprang als sich von zwei Maraudeuren vergewaltigen zu lassen. Allerdings fingen zwei Engel ihren Fall auf und ließen sie sanft landen. Natürlich glaubte ihr zuhause keiner die Geschichte, weshalb sie es am nächsten Tag beweisen wollte – und spektakulär scheiterte. Vor mir diskutieren zwei Physiker, dass dies zwar ein durchaus wissenschaftlicher Denkansatz – Wiederholbarkeit des Experiments – sei, sie aber die erste Prämisse nicht akzeptieren können.

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Unsere Führerin bastelt aus Aldas Schicksal eine Lehre zu Bescheidenheit und Demut und das alles, während wir schutzlos im Regen vor den Ruinen stehen. So ist es kein Wunder, dass, als sie mit einer weiteren Botschaft des Lichts und der Stille schließt, niemand mehr Fragen stellen mag.

Wir trotten im Regen den Weg durch die Ruinen zum Eingang zurück und Monsieur murmelt endlich, was er – wie ich schon lange gespürt und erwartet habe – wohl bei jedem regennassen Schritt gedacht hat: „Nächstes Mal nehmen wir die Weinprobe!“

Flügel aus Bleikristall

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Wenn ich das gerade einmal umrechne – eine Minute hoch, eine Minute runter, das Ganze für acht Euro -, komme ich auf 240€/Stunde. Dafür hätte ich gestern mehr als 30 Minuten Ferrari bekommen und die Strecke wäre nicht so eingeschränkt gewesen. Aber ich will nicht meckern. Der Mole Antonelliana ist von innen deutlich hübscher als von außen, was zugegebenermaßen nicht schwer ist. Die Fahrt in die Spitze des Mole ist durchaus die acht Euro wert. Ein gläserner Aufzug schwebt in der Mitte des riesigen Kuppelbaus in die Höhe, verschwindet dann durch die Öffnung und setzt mich in der Turmspitze ab. Einmal da angekommen, stehe ich mit ein paar anderen Tapferen im Nieselregen und bewundere, wie der Nebel die Stadt verzaubert.

c02Alles sehr schön, aber eben auch nichts, was man nun lange ausdehnen möchte. Zumal das von mir erwartete Café hier oben nicht existiert. Also bin ich eine Viertelstunde später wieder in der Halle und kämpfe mich durch gleich mehrere völlig aufgedrehte Grundschulklassen, da dies auch der Eingang zum Kino-Museum ist. Bis ich mich mit Monsieur treffen will, habe ich noch eine Stunde Zeit, zu wenig für die Königliche Residenz, zu viel, sie im Café zu vertrödeln. Die Alternative mit „im Park im Sonnenschein“ geht leider nicht wegen LSIP sowie mangelnder Kooperation eben dieser Sonne.

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In den Arkaden der Via Po hingen große Plakate der Fondazione Accorsi-Ometto zu Reisebildern zum Italien der frühen 1800, gemalt von einem Herren Giovanni Migliara. Ich mag solche Bilder, frühindustrielle Stätten, Ruinen, bevor sie wieder rekonstruiert wurden, alles sehr romantisch, ja gelegentlich auch idyllisch-kitschig. Tut doch ganz gut, sich ab und an in dieser Welt zu verlieren. Und dankbar zu sein, dass ich nicht in dieser „guten alten Zeit“ lebe, in der ein schmerzender Zahn und dessen Ziehung zum öffentlichen Spektakel auf dem Marktplatz wird.

In wenigen Schritten bin ich auf der Via Po und beim Museum. Damit beginnt eines meiner skurrilsten Museumserlebnisse. Die Dame gibt mir mein Ticket und informiert mich, dass das Museum nur mit Führer zu besichtigen sei. Mein Einwand – kein Italienisch – wird weggewischt und ich erhalte einen Ordner in Englisch in die Hand gedrückt. Ich soll also mit der italienischen Führung mittrotten, mir aber die Informationen im Hefter zusammensuchen. Okay, ist machbar. Sie schickt mich, rasch, rasch, über den Hof, rasch, rasch, die Treppe hoch, wo ein Herr mir, rasch, rasch, eine prunkvoll gequastete Kordel aushängt und mich, rasch, rasch, einer Großfamilie aufdrängt. Die Führerin, weit jenseits des Pensionsalters, schließt aus der Mappe und meiner Größe richtig „Tedesca?“ und strahlt. Ich habe endlich Zeit mich umzuschauen und kann ein Erschaudern gerade noch unterdrücken: Glasvitrinen voller Wegguckerchen der exquisitesten Art. Ein Miniatur-Bechstein-Flügel aus Bleikristall mit vergoldeten Füßen etwa. Und immer, wenn etwas entfernt mit Deutschland zu tun hat – und da schließt sie großzügig Österreich-Ungarn mit ein -, zeigt die Führerin strahlend lächelnd auf mich und verneigt graziös ihr Haupt. Ich lächle zurück, obwohl mir eher mulmig zu mute ist. Eine knappe Stunde habe ich, zwanzig Minuten sind inzwischen vergangen und wir sind erst im zweiten Raum, umgeben von – kleine Verbeugung in meine Richtung – Meißner Porzellan der Sorte „Upps, ach das tut mir jetzt aber leid!“ Der nächste Raum wird noch schlimmer: vergoldete Tabakdosen, Läusekämme aus Elfenbein und ich frage mich, wann wir endlich zu den Reisebildern kommen und wieviel Zeit – wenn überhaupt – ich haben werden, diese zu genießen.

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Ich bin von Erziehung her eher höflich und von Natur aus eher schüchtern, das ist ein schweres Handicap in solchen Situationen. Außerdem redet die Dame ohne Punkt und Komma, nur unterbrochen durch die gelegentlichen strahlenden Referenzen in meine Richtung. Es fallen „degli Habsburgii“ und mit besonderem Strahlen in meine Richtung „Sissi“. Ja, Ginebra, ich weiß, war ja sozusagen vor meiner Haustür, wo sie ermordet wurde. Als aber nun die Familie mit der Führerin eine Diskussion anfängt, die sich für meine nicht existenten Italienischkenntnisse wie eine Abwägung der Rolle des Walbeinkorsetts in der Ermordung der Kaiserin anhört, nehme ich meinen ganzen Mut zusammen und stammle etwas von „Mostra temporana“ und deute auf meine Uhr. Ach herje, ist das plötzlich ein Geflatter von Händen und Armen. Sie ist völlig untröstlich ob des Missverständnisses, bringt mich zurück zum Eingang – weit waren wir ja eh nicht gekommen – und übergibt mich dem Herrn. Es stellt sich heraus, dass die Zeitausstellung genau in diesem Raum beginnt. Hätte der Herr mich nicht so resolut hinter die Purpurkordel befördert, könnte ich jetzt schon fertig sein mit meinem Kunsterlebnis. Allerdings hätte ich dann nie erfahren, dass es Mini-Flügel aus Bleikristall gibt. Mit vergoldeten Füßen.

Ein Ferrari sagt mehr als 1000 Worte

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Noch selten habe ich so viele Menschen lächeln gesehen.

Überall stehen Männer und Frauen in kleinen Grüppchen zusammen, diskutieren, bewundern, streicheln mit den Augen. Alle mit diesem Ausdruck kindlicher Freude und Begeisterung im Gesicht.

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Achja, das Essen, nachdem wir uns losreißen können, ist auch sehr gut.

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PS: Falls Ihr noch ein Geburtstagsgeschenk für einen autobegeisterten Freund sucht, hätte ich eine Idee…

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Von Hin- und Wegguckerchen

 

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Fast hatte ich ja Monsieur im Verdacht, da etwas gedreht zu haben, gestern am Nachmittag. Ich laufe zum Palazzo Madama – chiuso. Dumm, aber nicht weiter schlimm, gehe ich halt weiter zur Mole Antoniella. Auch geschlossen. Also, das fand ich schon ein bisschen auffällig. Was inzwischen offen hatte – ihr ahnt es – ist Monsieurs: Da musst du mal hin. Schöne Kuppel, muss ich zugeben und sehr licht und hell. Und dann stand ich kurz vor halb fünf vor dem königlichen Palast: fünf Museen – ein Ticket. Und das ist ein Muss. Ich darf nicht heute einen Teil und morgen den Rest besichtigen, nein, es gilt: alles oder nichts. Für alles war es mir zu spät, aber so ganz nichts, das wäre ja auch schade, also habe ich besichtigt, was frei zugänglich war, hinten links im Hof, kurz vor den königlichen Gärten. Es war eines der schönsten Museumscafés, die ich je besucht habe – und das waren einige.

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Heute Morgen stehe ich um drei vor zehn vor dem Palazzo Madama und darf miterleben, wie eine eher zierliche Angestellte mit den massiven, schmiedeeisernen Flügeltoren kämpft. Dann wuchtet sie noch zwei Mülleimer mit Aschenbecher vor die Flügel, blickt sich noch einmal um und nickt uns zu: wir dürfen eintreten. Für 20 € erhalte ich Eintritt zu drei Ausstellungen, zwei davon wollte ich sehen, die dritte gibt es als Bonus dazu. Ich fange mit Steve McCurrys „Lesen“-Fotoausstellung an, die es natürlich nicht schwer hat, mich zu begeistern. Menschen (fast) jeden Alters aus den verschiedensten Kulturen, in den unterschiedlichsten Situationen, alle vertieft in ein Buch. Dazu an den Wänden Zitate zum Zauber des Lesens. Einziger Misston ist das sehr laute Video-Interview mit dem Fotografen, das den ganzen Raum beschallt.

 

Gut, das war die erste Ausstellung im Hof des Palazzo mit glasüberdachtem Durchblick zu den römischen Grundmauern. Die Dauerausstellung ist dann recht chronologisch gehalten, was mich aber nicht darin hindert, mit dem Aufzug ein paar Jahrhunderte zu überspringen. In der Gotik sitzt und tobt abwechselnd eine Grundschulklasse. Es ist faszinierend, wie konzentriert und leise die Kleinen sind, wenn die Führerin etwas erklärt. Umso lauter sind sie auf den Wegstücken zwischen den Etappen.

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Im Lapidarium verliere ich sie an andere Abenteuer und bin allein im Depot. In alten Glaskabinetts und modernen Edelstahlvitrinen wird gezeigt, was sie nicht zeigen. Von Inka-Masken über kitschigste Porzellanfiguren und Hunderten von Teeservices bis hin zu alten Wälzern. Hat so einen Hauch von Kellerregal: Das haben uns die Schwiegereltern aus dem Urlaub mitgebracht. Aufstellen/aufhängen mögen wir es nicht, es wegzuschmeißen trauen wir uns nicht…

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Dafür ist es im Burggarten einfach nur herrlich. Vier Leute kümmern sich um Gemüse und Kräuterbeete und pflegen die Obstbäume und Zierpflanzen dazwischen. Richtig idyllisch, nur das eine Schild, das finde ich bei aller Abneigung gegen Rauch und Rauchen doch ein bisschen hart. In zwei Sprachen steht da, dass Rauchen im Garten generell verboten, der einzige Ort, an dem es erlaubt der Schweinestall sei.

War mir übrigens schon in der Gotik und Renaissance aufgefallen: alle Erklärungen nur auf Italienisch, aber die Verbote: Do not touch/cross, die gibt es zweisprachig.

Der Burggarten bietet in einem Castelloturm eine sehr willkommene Errungenschaft der Moderne. Mit dem Lift geht es hoch zum Dach des Turmes, wo ich nicht nach angreifenden Ritterheeren, wohl aber nach den Alpen Ausschau halte. Allerdings scheint Turin der Meinung, zwei Tage Sonnenschein sei genug, so hüllen sich Stadt und Umgebung in wolkigen Dunst.

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Die Etage darunter bietet Wegguckerchen vom Feinsten. Fast lebensgroße Meißener Kampfhunde – allerdings mit abgebrochenem Fangzahn – und Teller der Sorte, die ich ignorant und arrogant, eher für den Polterabend aufheben würde. Und ja, ich weiß, das ist Kunst, aber wie ein norddeutscher Freund fragen würden: Tut das denn not?

Im Stockwerk drunter wird es barock und überraschend. Das ist nämlich die Ausstellung, die ich eigentlich gar nicht sehen wollte, aber sozusagen im 3für2-Deal geschenkt bekommen habe. Es geht um Madame Reale, die diesen seltsamen Vorbau an das Castello angebastelt hat. Langsam kann ich nachvollziehen, dass eine Prinzessin vom französischen Hof nicht so recht zufrieden war mit dem dunklen, kalten und zugigen Castello, dass sie ein bisschen Flair in die Burg, eigentlich vor die Burg bringen wollte. Nebenbei war sie auch noch eine gewiefte Politikerin, die, früh verwitwet, die Regentschaft für ihren kleinen Sohn übernahm und diese gegen eine Menge Intrigen von Seiten ihrer Schwäger verteidigte. Das Einzige, was nicht so recht passt, war die Tatsache, dass sie dann nicht loslassen konnte, ihrem Sohn die Ehepartnerin vorschrieb und bis zum Ende ihrer Tage ihm in die Regierungsgeschäfte reinredete. Der Sohn konnte als Witwer doch noch ehelichen, wen sein Herz ausgesucht hatte, eine Dame, die – ihrem Auftreten und Bauvorhaben nachzuschließen – der Schwiegermama gar nicht so unähnlich war.

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Das Prunkstück der Ausstellung sind dann auch zwei Gemälde, fast gleich überwältigend groß. Sie zeigen beide Frauen, in ziemlich kriegerischer Pose und prachtvoller Kleidung auf wild aufbäumendem Pferd.

Und es ist wirklich schwer zu entscheiden, wer den schlimmeren „bad hair day“ erwischt hat: Ross oder Reiterin.