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Kistchen fahren? Da hab ich Angst so gerne

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… sagte unsere damals dreijährige Jüngste beim Seilbahn fahren immer.

Und ich, gestern, beim Wandern, oh Mann, da hatte  ich Angst so gerne. Und wie!

Geplant war das natürlich ganz anders. Geplant war eine Herbstwanderung mit unseren Töchtern, nicht zu weit, nicht zu steil, mit schöner Aussicht, zweimal, einmal auf die Berge und einmal auf einen Genussfaktor am Schluss.

Ausgesucht hatte ich eine Wanderung von der Station de Jaman der MOB, der Montreux-Berner Oberland-Bahn, bis hoch auf die Rochers de Naye.

Weil wir nicht von Montreux aus fahren wollen, geht es per Auto nach Caux. Das beschert uns eine äußerst hübsche, aber sehr kurvenreiche Fahrt durch Montreux, vorbei an Glion, vor dessen weltberühmter Hotelfachschule junge Menschen in schicken Schuluniformen eine Pause im Sonnenschein genießen. Kurz vor Caux bremst uns ein Traktor aus, in Caux eine Baustelle: rechts steht ein Bogen eines Eisenbahnviadukts, links steht ein Bogen eines Eisenbahnviadukts, dazwischen viel Nichts. Erste Zweifel keimen auf. Vor dem Bahnhof wechseln wir in die Bergschuhe und lösen unser Ticket. Der Automat im Bahnhof hat nichts von der Werbeaktion unserer Hausbank gehört und verlangt den vollen Preis.

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Dann haben wir viel Zeit darüber zu sinnieren, dass die Schweizer Pünktlichkeit auch nicht mehr das ist, was sie mal war. Die angeschriebene Ankunftszeit ist um eine Viertelstunde überschritten und wir machen uns langsam mit dem Gedanken vertraut, dass aufgrund des fehlenden Viadukts vielleicht gar kein Zug fährt, da trudelt von oben ein Triebwagen ein, hält, öffnet die Türen. Ich will einsteigen, da steigt der Zugführer aus, sagt „Attendez, madame!“, schließt den Zug ab und verschwindet „für kleine Zugführer“ oder so. Nun für manche Sachen muss man einfach Verständnis haben. Dass er dann allerdings in aller Muße mit seinem Kollegen plaudert, den Zug noch dreimal ein, zwei Meter hin- und herrangiert, bevor wir einsteigen dürfen, finde ich schon seltsam. Wir sind – bis auf einen weiteren Gast – völlig allein im Wagen und freuen uns auf eine ruhige Fahrt. Das ändert sich in dem Moment, in dem zwei Ersatzbusse der MOB auf den Bahnhofsplatz fahren und ihre Ladung berggestählter Schweizer Rentner ausspucken. Da ist es dann aus mit der Ruhe. Andrerseits fühlen wir uns plötzlich ungeheuer jung.

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An der Station de Jaman steigen wir aus, vor uns ein Hang im Sonnenschein, den es erst hinunter und dann auf der anderen Seite, im Schatten, wieder hochgeht. Der Raureif ist zwar bildhübsch anzusehen, besonders die Kristalle, die der Wind über den Felsgrat bläst, aber unten bei uns im Tal ist das Ganze doch ein bisschen ungemütlich. Der Col de Bonaudon (1755 m) ist schnell erreicht und da wartet dann eine Überraschung auf uns.

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Sehr deutlich zu erkennen sind die Leiterpassagen, mit deren Hilfe man die gegenüberliegende Felswand erklimmen soll. Nun sind Leitern an sich ja irgendwie positiv. Jemand hat sich Gedanken gemacht, dass eine Passage für den normalen Sonntagswanderer zu schwierig sein könnte und Abhilfe geschaffen. Gut, irgendwann kommt bei mir immer der Moment, in dem mir nur allzu klar wird, dass da nur sehr wenig Metall zwischen mir und sehr viel Nichts ist. Da hilft meist ganz langsam atmen, nur auf die Hände schauen und sehr konzentriert die Schritte zählen. Seilpassagen finde ich da viel schlimmer. Die gibt es in der Wand auch, sie sind aber – zum Glück – aus unserer Entfernung nicht zu erkennen. Sonst wäre das der Punkt gewesen, an dem ich zur Station umgekehrt wäre und den Rest mit dem Zug gemacht hätte. So sprechen wir uns gegenseitig Mut zu und klettern über das Geröllfeld zum Fuß der Wand. Ich glaube, es hat nicht länger als eine halbe Stunde gedauert, bis wir über die Leiter- und Seilpassagen auf dem Berggrat ankommen – aber was habe ich in dieser Zeit abwechselnd geflucht, gezittert und geschimpft. Die Mädels sind natürlich vor mir oben und berichten ganz begeistert von der traumhaften Aussicht. Von mir kommt nur ein gestresstes: „Die Aussicht ist mir so was von egal, wie sieht der Weg aus?“

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Gut sieht er aus, der Weg: er verläuft auf dem Hochplateau durch Almwiesen und die Aussicht ist wirklich phantastisch. Eiger, Jungfrau und Mönch grüßen links, les Diablerets rechts, die Berge eine Sinfonie in Blau- und Weißtönen.

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Über die Wiesen geht es dann ganz entspannt hoch zum Bahnhof und Restaurant auf den Rochers de Naye. Das „Plein Roc“ ist wirklich völlig in den Felsen gebaut, die Fassade ein riesiges Panoramafenster auf den Genfer See. Allerdings macht es doch schon einen sehr in die Jahre gekommenen Eindruck und die Bedienung ist ausgesprochen unfreundlich. Wir lassen uns aber nicht von der Aussicht auf den See und unser wohlverdientes Roesti ablenken.

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Um Viertel nach fährt jede Stunde der Zug talabwärts – laut Fahrplan, theoretisch, so steht es zumindest auf einem DIN A 4 Zettel. Und dann steht da noch, dass man Platzkarten braucht, da aufgrund der Bauarbeiten das Platzangebot beschränkt sei. Allerdings ist nirgendwo auf dem Bergbahnhof ein Schalter, wo man diese Karten erhalten kann. Ein Fahrkarten-Automat, ja, aber sonst nichts. Wir fragen ein bisschen herum und erfahren, dass man diese Platzkarten in Montreux hätte ziehen müssen. Noch etwas, dass der Bahnhof in Caux offensichtlich nicht wusste.

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Während wir auf den Zug warten, passiert so etwas wie ein menschliches Lemming Phänomen: in dem Moment, in dem der Zug einfährt, stürzen sich von überallher Menschen auf den Quai und drängen in die zwei Triebwagen. Wir haben zwar nur Fahr- und keine Platzkarten, aber wir können hervorragend so gucken, als hätten wir welche. Im Zweifelsfall hätten wir die 20 Minuten einfach gestanden. So wie unsere Große und ein kleiner Junge es tun: in der Kabine direkt hinter dem Fahrer. Für den Kleinen sicher der Höhepunkt des Tages.

Letztendlich finden aber alle, die einen Sitzplatz wollen, auch einen und der Zug ruckelt mit sagenhaften 15 km/h ins Tal. In Caux strömen die Fahrgäste zu den bereitstehenden Ersatzbussen, während wir uns auf die Heimfahrt machen. Wir stürzen uns wieder in das Gewühl der Montreux-Gässchen. Just in dem Moment, in dem wir fast sicher sind, da nie wieder herauszufinden, taucht das Autobahnschild auf und danach ist es einfach.

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Ich finde es im Prinzip ja ganz gut, wenn man ab und an Dinge tut, die einem eigentlich Angst einjagen. Aber ganz so geballt hätte es dann doch nicht sein müssen. Und eines ist klar: ich werde mich nie wieder über bayrische Wanderweg-Autobahnen lustig machen!

Sag mir, wo die Blumen sind (Les Pléiades, 1365 m)

Oder: Wandern ist, wenn man trotzdem lacht…

pleiades3Gut, wir waren vielleicht auch einfach zu optimistisch. Die eine Wanderseite schlug für diese Wanderung Mitte Mai bis Mitte Juni vor, die andere Mitte April bis Mitte Mai. Dann sollten sich die Almwiesen der „Pléiades“ mit Tausenden und Abertausenden von weiß blühenden Narzissen schmücken. Da wir aber schon wussten, dass wir im Mai keine Zeit haben werden, haben wir eben der anderen geglaubt.

Sonntag war außerdem der einzige Tag mit einer einigermaßen guten Wettervorhersage vor der angekündigten Kaltfront. Während des Frühstücks schien die Sonne, während des Zusammensuchens von Schuhen, Mützen, Schals wurde es dunkler und erste Tropfen fielen, Ich machte sehr klar, dass ich keinesfalls vorhatte 2 ½ Stunden durch Regen zu laufen. Monsieur sagte, er werde sich darum kümmern. Es ist bei uns nämlich so, dass ich mich um die schöne Landschaft kümmere und Monsieur für das Wetter zuständig ist.

Unser Ziel, die Narzissenwiesen Les Pléiades, liegt oberhalb von Vevey, eine gute Stunde Autofahrt. Los ging’s.

pleiades2Wir haben Freunde, die reisen immer mit einer „Veschper“, meist Beaufort-Käse und Salami. Ganz wichtig auch die Schokolade, die meist schon kurz hinter der Autobahnauffahrt aufgemacht wird. Bei uns war das etwas anders gestern. Monsieur will seinen Sitz zurückschieben, greift nach unten und hat eine Aubergine in der Hand. Rund, prall, violett – und ich erinnere mich Ende der Woche Auberginen gekauft zu haben. Der kleine Ausreißer wird auf die Mittelkonsole platziert, wo er uns ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Egal, wie schlecht das Wetter wird, egal, welche Straßenverhältnisse uns erwarten, wir haben etwas zu essen dabei. Eingeschneit in einem Schweizer Bergtal werden wir überleben, dank dieser Aubergine.

Hinter Lausanne fahren wir auf der Freiburger Autobahn steil bergauf, dann wechseln wir auf kleine und immer kleinere Landstraße. Einspurig geht es durch einen dunklen Wald, der atavistische Gefühle weckt. Ich schaue nicht in den Rückspiegel, ich will gar nicht wissen, ob der Wald sich hinter uns schließt.

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Orientierung ist einfach in der Schweiz. Die Wege sind alle beschildert…

Monsieur hat derweil am Wetter gearbeitet, der Regen geht in Schnee über. Wandern im Schnee ist schließlich etwas ganz anderes. Vom Wanderparkplatz Tenasses steigen wir steil auf, umtanzt von Schneeflocken. Der eisige Wind sorgt dafür, dass es nicht zu weihnachtlich-gemütlich wird, die dunkel treibenden Wolken dafür, dass man keine Fernsicht hat. Gut, wir erkennen die Bergstation der Golden Pass Linie, aber mit der Sicht auf Genfer See und Alpen ist nix.  Danach geht es im lockeren Wechsel bergauf und bergab durch die Narzissenwiesen. Da sind sie schon, die Narzissen, etwa fünf Zentimeter schauen die Blätter  aus der Erde heraus, aber sie haben noch nicht mal Knospen. Aber eine gute Stunde später bietet das La Cha einen sehr schönen Ausblick: Wärme, etwas zu essen (die Aubergine hatten wir dummerweise im Auto liegen lassen. Außerdem ist das Picknickpotential einer rohen Aubergine nicht so hoch). Der Wirt kocht weitgehend mit dem, was er vor Ort hat und findet. Und der Anblick des großen Tellers Löwenzahnsalat mit Speckwürfeln, das nenne ich mal „schöne Aussichten“.

Während wir aßen, wurde das Schneegestöber immer dichter, so dass wir uns nur eine kurze Aufwärmpause leisteten. Danach ging es quasi nur noch bergab, umtanzt von Schneeflocken. Irgendwie bekam ich Lust auf Weihnachtslieder und Plätzchenduft. Letzter Punkt der Wanderung war ein Hochmoor, in dem es – angeblich? Bei besserem Wetter? Jedenfalls heute nicht – fleischfressende Pflanzen geben soll. Was es in Hülle und Fülle gab, war Wasser. Wiese, Moor, Wege, alles stand unter Wasser. Kennt ihr dieses Geräusch, wenn bei jedem Schritt das Wasser aus den Schuhen quatscht? Faszinierend, gell?

pleiades4Wandern ist, wenn man trotzdem lacht…

Auch darüber, dass der Holzsteg erst kommt, wenn die Schuhe durchnässt sind.

Wir setzen uns ins Auto, es hört auf zu schneien. Wir fahren los in Richtung Vevey, der Himmel reißt auf und die Sonne kommt heraus.

Ich denke, da muss Monsieur noch ein bisschen üben…

Motivation, intrinsische, die (Plateau de Retord)

retord2Braucht man sonntagmorgens um sieben, um dem inneren Schweinehund einen Maulkorb zu verpassen.

Der schaut erst nur fassungslos und nölt: „Das kann doch nicht dein Ernst sein, oder?“, verlegt sich dann auf’s Argumentieren: „Deine blöde Berge sind in einer Stunde bestimmt auch noch da! Hast du überhaupt schon gesehen, wie kalt und dunkel es da draußen ist?“, und schließlich auf’s Betteln: „Okay, dreißig Minuten, ja? Eine klitzekleine Viertelstunde, bitte? Zehn Minuten? Fünf?“ Gut, fünf Minuten bekam er dann.

retord3Die extrinsische Motivation kommt dann in Gestalt der noch etwas verschlafen wirkenden Küchenhilfe, die uns im Le Cathray um 9:20 sagt, dass das mit der Tischreservierung kein Problem sei, aber man nach 13 Uhr nicht mehr Essen bestellen dürfte. Die geplante Wanderung aber war im Internet mit 4 Stunden angegeben. Wenige Minuten später stehen wir auf dem Wanderparkplatz, mein sehr kommunikatives Auto meint mir mitteilen zu müssen, dass die Außentemperatur unter 3° gefallen sei und wir somit mit Glatteis rechnen müssten. Der innere Schweinehund hebt nur eine Augenbraue und grinst sich eins ab.

retord5Der breite Waldweg liegt noch im Schatten der hohen Bäume, so dass das mit dem schneller Laufen schon aus wärmetechnischen Gründen eine gute Idee ist. Im Hinterkopf haben wir die Möglichkeit, die 14 km Schleife auf eine 10 km Schleife abzukürzen, wenn wir nicht mehr rechtzeitig zum Apéro im Restaurant sein können. Und dann stehen wir nach 15 Minuten vor einem Wegweiser, der zum Wanderparkplatz zeigt: Le Raymond 30 min. Ich glaube, unser Apéro ist gesichert.

Bald öffnet sich der Wald unretord1d wir laufen durch sanft gewellte Wiesen, vorbei an Buchen wie aus einem Märchenbuch. Keine großen schlanken Stämme wie aus deutschen Hochwäldern, nein, hier stehen Gruppen von Bäumen zusammen, wie Schüler auf dem Pausenhof, alte Männer auf dem Dorfplatz, Freunde beim Diskutieren. Fast glaubt man im Rascheln der Blätter im Wind ihre Stimmen zu hören. Und dazwischen hin und wieder eine breit hingeduckte Ferme. Bei einem dieser Bauernhöfe geht die Abkürzungsschleife rechts ab, die Wegweiser sind nicht wirklich hilfreich, aber wir hatten uns da eh schon entschieden, den ganzen Weg zu laufen. Noch ein Stück geht es weiter auf der „Schnellstraße für Wanderer“, dann verlässt unsere Schleife den Fernwanderweg und wir kommen ins Auenland. Rasenpfade führen zu Baumgruppen, durch raschelndes Buchenlaub steigen wir an Fels- und Wurzelformationen vorbei, die sicher jeden Hobbit locken würde.retord4

Die Ferme de Retord ist im Sommer und während der Skisaison bewirtschaftet, heute müssen wir uns mit einem Apfel aus dem Rucksack begnügen. Wir sind so gut in der Zeit, dass wir übermütig werden. Statt die vorgegebene Strecke bis zur Straße und auf dieser dann ein paar Minuten zu unserem Parkplatz zu laufen, entscheiden wir uns für einen kleinen Pfad, der nach rechts bis kurz vor den Parkplatz führt. Zumindest existiert dieser Weg auf der Karte. In der Realität auch, auf den ersten 500 Metern. Dann stehen wir auf einer Lichtung, auf dieser Lichtung eine „cabane“, eine kleine Hütte, grün gestrichen und mit der Hausnummer 4. Am anderen Ende der Lichtung, da wo der Weg weitergehen soll, gibt es im Zaun immerhin noch diese Zickzack-Lösung, durch die sich zwar Wanderer, nicht jedoch Kühe hindurchzwängen können.retord6 Dann steht da noch ein einsamer Stuhl auf der Wiese – und das war es dann. Genau diesen Moment sucht sich Monsieurs Lebensgefährtin aus für eine ihre Krisen, kein Satellitenempfang fürs GPS, das uns wenigstens grob die Richtung hätte angeben können. Irgendwann finden wir eine Spur im nassen Laub und folgen ihr bis zu einem Hochsitz. Danach verlassen wir uns auf unser Glück: irgendwo da drüben, in etwa dieser Richtung müsste unser Auto stehen, wie schwer wird das sein? Monsieur sinniert darüber nach, wie weise oder eben nicht es sei, in der Jagdsaison fernab von Wegen einfach durchs Unterholz zu preschen, aber ich vertraue darauf, dass die Jäger inzwischen alle beim Apéro sitzen. Plötzlich stehen wir vor einem Elefantenfriedhof. Nein, Tannenfriedhof natürlich, aber das andere war mein erster Gedanke. Eine große Lichtung, bedeckt mit ausgebleichten Ästen und Zweigen, dazwischen die Stümpfe der gefällten Baumriesen. Wir steigen durchs vermodernde Geäst, bis wir die halb zugewachsenen Spuren der schweren Maschinen finden, die die Stämme auf den Fahrweg gezogen haben. Und keine drei Minuten später sind wir am Auto.

Unser kleines Waldabenteuer hat die Durchschnittsgeschwindigkeit zwar arg gesenkt, trotzdem sind wir kurz nach zwölf im Restaurant. Auf einer Schiefertafel wird uns das Tagesmenü vorgeschlagen: retord7 copyLinsensalat mit geräucherter Entenbrust, Kalbsfilet mit Pilzen und eine pochierte Birne in heißer Schokolade,

Als Apéro gibt es einen Kir.

Ich finde, das hatten wir uns verdient!

La mer de brouillard

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(Das wird jetzt hart für dich, Pantouffle!)

November: Nebel, grauer Nebel, Dunkelheit von morgens bis abends, das saugt schon etwas an der Lebensenergie. Zu wissen, dass etwa 500 m höher, über dem Nebelmeer, die Sonne scheint, ist da auch nicht wirklich hilfreich. Was wirklich hilft: morgens den Allerwertesten aus den Betten zu kriegen und sich auf den Weg in die Berge zu machen.

p2015_11_01_10h01_14La Dôle, mit 1677 Metern fast der höchste Schweizer Berg in der Jurakette am Genfer See, und wir haben eine etwas schwierige Beziehung. Ein gutes halbes Dutzend Mal haben wir versucht, auf die Dôle zu kommen. Einmal ist es uns gelungen. Die anderen Male zwangen uns Schneestürme zum Umkehren. Und das egal, ob wir es im Mai oder Oktober versuchten.

Heute waren wir zum zweiten Mal erfolgreich!

Wir haben nicht in La Vattay  geparkt, sondern sind faul erst mal im Wald zum Wanderparkplatz gefahren. Es zeigte sich, dass unsere Faulheit diesmal berechtigt, ja schützend war. Der Wanderparkplatz spart etwa 2 Kilometer Straße und 100 Höhenmeter. Das ist ja an sich schon positiv. Auf dem Weg dorthin parkten rechts und links eine erstaunliche Anzahl Autos im Gebüsch. An jedem Seitenweg standen Schilder: „Jagd! Seien Sie vorsichtig.“ Seit der französischen Revolution – „égalité-fraternité- Leberpaté“ oder so – hat jeder Franzose das Recht, in den öffentlichen Wäldern Wild zu jagen. Und das tun sie auch, in Heerscharen. Dabei nehmen sie das mit dem Wild und den Wäldern nicht immer so genau. Eine Freundin von mir fand z.B. einen Jäger in ihrem Garten, der seinem Hund durch die Gartenhecke nachgeprescht war, um ein armes Häschen zu killen. Meine Freundin spricht sehr gut Französisch, farbige Schimpfwörter eingeschlossen. Das hat dem Häschen das Leben gerettet.

p2015_11_01_10h36_09Am Parkplatz angekommen, sahen wir in vielen Autos die Hundeboxen, des Weiteren zusätzliche Jagd, Vorsicht-Schilder. Es ist nämlich nicht Aufgabe der Jäger aufzupassen, das ist deine Sache. Der petit blanc, den es bei jeder Jagd zum Aufwärmen gibt, frühmorgens im Morgengrauen, feuert das Jagdfieber sicher an, senkt aber wahrscheinlich die Differenzierungsfähigkeiten. Oder wie mir mal ein Jäger sagte, als ich mit meinen Vieren im Wald spazieren ging: „Singen Sie, Madame, singen Sie laut und kräftig!“

Wir steigen aus dem Auto aus, hinter uns fällt ein Schuss. Wir ziehen die Wanderschuhe an, zwei Jagdhunde brechen aus dem Gebüsch, betrachten uns uninteressiert und laufen weiter.

Auf einmal sind wir froh, dass wir Jacken und Pullover in leuchtenden Farben tragen.

Auf der Karte schauen wir uns den Weg noch mal an und rechnen uns unsere Chancen aus. Durch den Wald bis zur Grande Grande ist es etwa ein Kilometer, dahinter beginnen die offenen Almwiesen und fünf Minuten später die Schweiz. Jagdfreies Gebiet. Da sollte zu schaffen sein.

dole2Und wenig später laufen wir auf dem tadellos asphaltierten Feldweg, der mehr als die Grenzsteine anzeigt, dass wir uns inzwischen in der Schweiz befinden. Die Grenzsteine begleiten uns ein Stück, sie sind zum Teil alt und verwittert. Die erste Zahl, 1761, kaum noch lesbar, darunter 1856 und dann 1922 als Zeugen für-immer mal wieder erneuerte – Grenzverträge zwischen Frankreich und der Schweiz.

Der breite Weg ist natürlich als Wanderweg langweilig und deshalb biegt bald darauf ein Pfad rechts ab. Erst über eine Bruchsteinmauer, dann an ihr entlang steigen wir einen Weg hoch, der nur aus Steinen und Wurzeln zu bestehen scheint. Wir halten das beim Wandern ja mit der klassischen Rollenverteilung: Monsieur geht vorne weg, Madame jappst hinterher. Zum Glück gibt es, je höher wir kommen, immer mal wieder spektakuläre Ausblicke auf das Nebelmeer, so dass ich bewundernd stehen bleiben kann. Von hinten kommt dann so ein Extremsportler angejoggt und zieht im Laufschritt an mir vorbei den Berg hoch. Wahrscheinlich macht der die Strecke dreimal wöchentlich noch vor dem Frühstück und schaut gar nicht mehr hin auf die Aussichten.

p2015_11_01_10h55_45Der Gipfel der Dôle selber ist recht hässlich, da dort mächtige Radar- und Sendeanlagen stehen. Aber der Blick ist atemberaubend: rechts über die französischen Alpen, Mont Blanc, Aiguille de Midi, links ins Wallis. Auf dem Panorama sind auch Eigner, Mönch und Jungfrau eingezeichnet, aber die habe zumindest ich nicht erkennen können.

Hier oben sind dann auch plötzlich viele Menschen, da sich ein paar Meter weiter Gleitschirmflieger über den Rand stürzen.

Wir wählen dann den anderen Weg, den langsameren, über die Jurawiesen. Dieser Weg ist breit und von vielen Menschen ausgetreten, von denen uns auch Scharen entgegenkommen. Zum Glück müssen/wollen wir nicht zum Schweizer Ausgangspunkt dieser Wanderung, sondern unser Auto in Frankreich suchen. Unter dem Skilift trennen sich die Wege. Das ist nicht ganz richtig ausgedrückt: der breite Weg geht rechts runter und wir müssen ein paar Schritte bergauf nach unserem Weg suchen. Monsieur sieht den kleine Pfad etwas skeptisch an, aber ich erinnere mich noch genau an den verwunschenen Wald, den wir beim ersten Mal (vor 10 Jahren!) mit den Kindern rechts und links des Pfades gefunden hatten.

Dole1Wenig später öffnet sich der Wald zu parkähnlichen Wiesen mit großen alten Bäumen, an die sich nun wiederum Monsieur erinnert. Dazwischen einige Chalets und diese wunderschönen Bruchsteinmauern.

Bald darauf müssen wir dann die sichere Schweiz verlassen und uns wieder den Gefahren der Jagd stellen. Allerdings ist es inzwischen nach 13 Uhr, da werden die Jäger sicher schon beim Apéro im nächsten Lokal oder zu Hause am Tisch sitzen, und so erreichen wir unser Auto ungefährdet.

Auf dem Weg, auf dem wir heute früh – von den Hunden und unsichtbaren Jägern mal abgesehen – völlig allein waren, kommen uns vier Stunden später inzwischen ganz Familien entgegen.

Aus dem Nebel in den Sonnenschein aufzusteigen, ist das beste Antidepressivum, das man sich vorstellen kann. Und dann noch den Blick dazu – magnifique!

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Von goyas, greniers forts und jambon au foin

Beim Wandern haben wir eine eiserne Regel: die Laufzeit muss einen Ticken länger sein als die Zeit im Restaurant.

Sagen wir mal so: zum Glück haben wir uns zum Schluss verlaufen, falsch aufgestellte Schilder. Und dann hat’s geklappt. Zwei Stunden Hinweg, zwei Stunden Essen, und zweieinhalb Stunden zurück, knapp, aber immerhin.

jura1Eigentlich war es ja auch keine richtige Wanderung. Kilometerzahl zwar schon zweistellig (13,2), dafür nur Höhenmeter 300 und die auch nur kumulativ, das ganze im Jura. Also eigentlich mehr ein Spaziergang im Kurpark. Und wie bei jedem besseren Kurpark gab es auch ein Kurkonzert.

Vor das Wandern haben die Götter das Auto fahren gestellt, also erst den Col de la Faucille hoch, hinter Fahrradfahrern, Tieflader und dem Schrecken aller Bergstrecken: das belgische Wohnwagen-Gespann.

Dann wieder runter nach Mijoux und auf der „Route Royale“ wieder hoch Richtung Lamoura und La Pesse.

jura2Kurz hinter dem Parkplatz bietet ein Bauernhof Pferdecamp und Esel-Wandern an. In Erinnerung an wunderschöne Eselwanderungen mit den Kindern, frage ich Monsieur, ob wir nicht so einen süßen niedlichen kleinen Esel fürs Rucksacktragen mieten sollen. Monsieur brummt: „Du hast doch schon einen Esel, der dir….“

Also nix mit süß und niedlich…

jura5Der erste Teil führt durch eine „Combe“, ein Hochtal, vorbei an Goyas, Tränken für die Kühe. Eingestürzte Dolinen, von Menschenhand mit Lehm abgedichtet, vom Regen gefüllt, am Rand zertreten und voller Fußspuren der Gäste, die zum Trinken kommen. Wir laufen das Hochtal entlang, bis ein breiter Weg kreuzt. Unser Etappenziel, eine Ferme-Auberge, liegt im nächsten Tal. Also müssen wir den Bergrücken hoch – das war schon etwas weniger Kurpark – und auf der anderen Seite wieder runter. Und da wartet dann unser Kurorchester auf uns. Mitten auf dem Weg – wo auch sonst – steht ein Trupp von 20, 30 Jungkühen, eine jede mit einer anders klingenden Glocke. Und sie spielen eine lustige Melodie, während wir uns nähep2015_08_06_11h26_44rn. Irgendwann stellt sich dann die Frage, wer geht wem aus dem Weg. Weichen wir auf die Wiesen aus oder geben die Kühe uns den Weg frei. Letzen Endes haben die Kühe nachgegeben, was nun nicht gerade schmeichelhafte Überlegungen zu unserer Intelligenz nach sich zieht…

Der Waldweg mündet auf einen breiten Schotterweg und man kann zwei Jurabuckel weiter die Ferme Auberge sehen. Unsere „Angst“, dass wir zu früh zum Mittagessen sein könnten, war dank der Kühe und der Fotostopps besänftigt. Schlag zwölf lassen wir uns mit einem wohligem Plopp in die Stühle auf der Terrasse fallen.

Es gibt erst einen Apéro du Chef (ganz ehrlich? Meine Marquisette schmeckt besser) und dann wird man zum Essen in die Ferme gebeten. Wir fragen, ob wir nicht draußen essen können und Madame schreit nach hinten, wo der Chef gerade auftaucht: jura3„Dis, je peux les mettre dehors?“ Und das in einem Tonfall, der uns Zweifeln lässt. Mettre dehors heißt schließlich auch „rausschmeißen“.

Aber wir werden nicht rausgeschmissen, sondern mit den Vorspeisen bekannt gemacht und wählen die Croûte forestière, eine Scheibe geröstetes Brot mit Pilz-Soße. Dann gibt es eine kleine eheliche Auseinandersetzung, Monsieur möchte einen „demi“ des Hausweins bestellen, ich nur einen „quart“. Da Monsieur aber aus Erfahrung weiß, dass ich seinen „quart“ schwer schädigen werde, bestellt er den demi. Der Wein kommt. Monsieur probiert, verzieht das Gesicht und meint. „Du hattest Recht, von dem Wein wäre ein „quart“ mehr als genug gewesen.“ Hah!jura4

Bei der Croûte forestière nimmt er einen Bissen, schaut auf und sagt: „Du, heute Abend kochen wir was richtig Leckeres, ja?“ Ich fange an zu überlegen, ob ein Picknick auf der Wiese nicht die bessere Wahl gewesen wäre, da trägt der Chef den Hauptgang rein: jambon au foin, ein ganzer Schinken, der über Nacht im Heu gegart wurde.

Als wir zum ersten Mal hier waren, vor Jahrzehnten, mit den Kindern zum Langlaufen, hatte der Chef noch ein Loch in der Erde mit Holzkohle gefüllt und auf der glimmenden Glut den Schinken im Heu gegart, mit Erde abgedeckt. Heute gibt es ein kleines Nebengebäude, wo dieser Prozess auf einem Kaminpodest unter einer schweren Eisenhaube abläuft.

Der Schinken ist einfach toll: zart im Inneren, knuspriges Äußeres. Dazu gibt es Kartoffelgratin und gebratene Zucchini. Und wir haben noch den Rückweg vor uns.

Aber was soll’s, da müssen wir jetzt durch. Genauso wie durch die Käseplatte und den Nachtisch, Vacherin glacé für mich, Pfirsich im Weißweinsud für Monsieur. Nach dem Kaffee und der Rechnung setzen wir uns nach zwei Stunden Essen in Bewegung, widerstrebend, langsam, aber immerhin…

jura6Der Rückweg läuft durch eine weitere Combe, vorbei an alten Bauernhäusern mit ihren „greniers forts“. Ein gutes Dutzend Schritte abseits vom Haupthaus – und immer entgegen der vorherschenden Windrichtung – wurden kleine „Wehrspeicher“ angelegt, in denen das Saatgut, wichtige Papiere, die Finanzen und die Sonntagskleider untergebracht wurden. Brannte das Haupthaus ab, bildete der grenier fort sozusagen das Startkapital für den Neuanfang.

Ziel unserer Wanderung war die „Borne au Lion“, ein Grenzstein von 1613, als sich die damaligen Weltmächte Frankreich, Savoyen und Burgund auf die Grenzen einigten.

Ich muss sagen, ich haben selten etwas gesehen, was mich weniger beeindruckt hat, als dieser Grenzstein!

jura8Viel beeindruckender fand ich ein anderes historisches Denkmal auf der Wiese vor einer Ferme.

Wir finden unser Auto wieder und trödeln langsam nach Hause. Mit einem Halt in Lamoura, wo wir im Maison des fromages du Haut-Jura zuschlagen: Morbier und Comté, Tomme de Jura, Ziegenkäse und einen unaussprechlichen Weichkäse.

Wer weiß, wann wir wieder zum Wandern in den Jura kommen!

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Langlaufen in Lappland (fast)

 

ski5Weite, schneeglitzernde Ebenen, dunkle Nadelwälder am Horizont, Loipen, die an zugefrorenen Seen entlanglaufen, hier und da ein Birkenwäldchen hineingetupft. Man könnte sich wirklich in Lappland glauben. Nur die wie dicke aufgeplusterte Glucken im Schnee sitzenden jurassischen Bauernhöfe passen nicht so recht in Bild. Trotzdem haben die Franzosen dieses Langlaufgebiet im Jura „Klein-Lappland“ getauft.

 

ski3Wir sind geflohen. Aus dem wochenlangen, deprimierend grauen, deprimierend dichten Nebel, der über dem Genfer Becken hängt. Über 1200 Meter ist man aus dem „mer de brouillard“ hinaus und strahlender Sonnenschein empfängt einen. Instant-Gute-Laune.

 

Dabei können wir gar nicht Ski fahren. Wir tun nur so. Vor langer Zeit haben wir zwar einen Langlauf-Kurs gemacht, uns aber leider eher lernresistent gezeigt. Und so ziehen wir vergnügt auf den Anfänger-Loipen unsere Runde, erfreuen uns an der Natur und dem, was sie zu bieten hat. Wie etwa eine Klasse Fünfjähriger, zum ersten Mal auf Langlaufskiern. Sie purzeln durcheinander wie junge Welpen und amüsieren sich königlich dabei. Oder die Dame mit schneeweißem Haar und der Vorkriegsausrüstung, die zügig an uns vorbeizieht, auf dem Rücken einen bunten Plastikrucksack mit der Aufschrift „Speed racer“.ski2

Auch ich trage zur Unterhaltung bei, als es mir keine hundert Meter von der Station entfernt, noch vor Beginn der Pisten, die Skier rückwärts wegzieht und mich unsanft nach hinten hinschlägt. Im Stehen umzufallen ist ja schon schlimm genug, wildfremde Menschen besorgt angeschossen kommen zu sehen, um dir beim Aufstehe zu helfen, peinlich, peinlich, peinlich.

Gut, damit hatte ich das Fallen dann für den Morgen erledigt.

beizlAuf dem Rückweg kamen wir an einem hübschen Bergbeizl vorbei, Essenszeit war auch gerade, passt! Aber dann greift Monsieur in seine Hosentasche und holt das Wechselgeld heraus, das ihm nach dem Kauf der Skipässe geblieben ist. Wir betrachten die Handvoll Münzen. Das reicht nie und nimmer für ein Essen. Aber für zwei Kir allemal! Und so beschließen wir unseren ersten Langlaufmorgen mit einem Kir und einem fantastischen Blick über das „mer de brouillard“ zur Alpenkski4ette.

 

 

Am nächsten Morgen geht es über den Jura Richtung Les Rousses. Auf einer Liste der 100 hässlichsten Dörfer Frankreichs käme Les Rousses locker ins obere Viertel. Deshalb wird es nur zügig durchquert, um zum See zu kommen. Die Loipe ist Teil der Transjurassienne und so laufen wir dieses kleine Stück der Rennstrecke, knapp 10 statt 56 km. Mehr schlecht als recht, denn die ski1Spuren am Hang sind vereist. Erst im zweiten Teil, am See, geht das knirschend, krachende Geklirr wieder in sanftes Gleiten über.

Auf der Heimfahrt kommen wir wieder am Bergbeizl vorbei. Diesmal habe wir zwar Geld dabei, aber leider keine Zeit.

Irgendwie müssen wir noch an der Organisation arbeiten.