Gönnen können (Réculet 1718 m)

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Monsieur möchte auf den Réculet, ich eher nicht. Ausgangspunkt des Aufstiegs ist Tiocan (860m), dann kraxelt man steil fast 1000 Höhenmeter hoch über das Chalet de Narderans zum Gipfel. Weiter geht es vom  Réculet über den Crêt de la Neige (1720m) in Richtung Montoisey, wo man dann die 1000 Höhenmeter wieder hinunter muss, irgendwie, Seilbahn läuft nämlich noch nicht.

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Kenne ich, habe ich schon gemacht, brauche ich – und vor allem meine Knie – heute eher nicht.

Aber ich kann gönnen, und so bringe ich Monsieur zum Tiocan (860m).

Monsieur kann auch gönnen und so kann ich die Fotos mit euch teilen.

 

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Kinder und Internet

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Kinder und Internet, da muss man ja immer ein bisschen aufpassen als Eltern. Wie schnell gelangen die lieben  Kleinen auf irgendwelche Internetseiten, was dann weit reichende Folgen haben kann. Unsere Jüngste, zum Beispiel, gelangt auf die Seite der 100 schönsten Dörfer Frankreichs, was für uns weit fahrende Folgen hat. Rückfahrt über Perouges und Oingt lehnen wir aber kategorisch ab, man muss sich als Eltern auch mal durchsetzen. Das ist kein Umweg, das ist ein eigener Ausflug. Damit haben wir dann aber keine richtig guten Argumente mehr bei Château-Chalon und Baume-les-Messieurs. Außer, dass es ab Tournus über die Autobahn doch deutlich schneller sei, aber das zählt nicht. Und Brancion, das bringe ich ein, das gehört einfach dazu, zum Burgund-Besuch.

p2017_06_26_14h58_53Wenn wir nach Burgund fahren, ist die Reihenfolge eigentlich Tournus – Brancion – Chapaize, heute ist es halt umgekehrt. Wir fahren von  Chapaize aus aus der Ebene hoch auf den Bergrücken, auf dem Brancion liegt. Brancion, ach, Brancion! Ihr erinnert euch: himmlisches Plasma, besondere Orte, Ruhe und innere Kraft. Ja, wie soll ich das nun sagen. Also, theoretisch ja. Aber praktisch, praktisch, da hakt es heute leider. Zwei Schulklassen sind auf Schatzsuche und dummerweise haben die Lehrer die Schatzkiste direkt im Garten neben der Kirche versteckt. Da können sie noch so viel „psss“ten und „du calme, s’il vous plaît“-en, das funktioniert nicht.

In der Kirche selber ist es einigermaßen ruhig, aber das Besondere an Brancion ist eben der Platz vor der Kirche. Eine einfache Wiese, auf der ein, zwei Steinbrocken als Bänke liegen, dahinter nur Blick. Blick auf die Ebene darunter mit ihren Feldern, Weinbergen und Bächen. Ab und zu ein paar Gehöfte, hier und da ein Kirchturm. Die Straßen kann man sich wegdenken und dann sieht es so aus wie vor Jahrhunderten. Im Rücken die geduckte Form der Kirche, vor mir dieser Blick: es ist nicht schwer zu verstehen, warum dieser Ort seit ewigen Zeiten Menschen anzieht.

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Nur das Besondere, das geht heute ein bisschen unter im Trubel der aufgeregten Schatzsuche. Wir überlassen die Kinder ihrem Schatzsucher-Glück und verlieren uns in den kleinen Gässchen, die fast alle zur großen mittelalterlichen Markthalle führen. Dort, unter beeindruckendem Holzgebälk, liegen in einer schnurgeraden Reihe zig Schulranzen aufgereiht. Da über den ganzen Ort Brancion Kunstobjekte verteilt sind, überlegen wir kurz, aber nur sehr kurz, was der Künstler uns wohl damit sagen will.

Tournus lassen wir dann ausfallen. St. Philibert mit seinen rotweißen Bögen, die Altstadt haben mehr Aufmerksamkeit verdient als wir ihnen heute zugestehen können.

Über die Saône geht es in die Bresse-Ebene, die – nun ja – eher langweilig ist. Louhans versucht uns zwar mit seinen 157 Arkaden zu locken, aber wir sehen nur die Kreisel der Stadt.

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Irgendwann kommen die ersten Hügel und mit ihnen die Weinberge. Und auf einem, genauer gesagt auf gleich zwei dieser Hügel liegt unser Ziel. Château-Chalon ist eine ganz reizende Mogelpackung, denn trotz seines Namen ist von einer Burg nichts zu sehen. Was es gibt, sind in einander verschachtelte Gässchen und zwei Ortskerne auf zwei Hügeln. Welcher jeweils ganz besondere Ausblicke auf den anderen bietet. Die natürlich gebührend bestaunt und fotografiert werden wollen. Und das dauert für Nicht-Fotografen gelegentlich etwas lang.

Meine Fotografen streifen durch die Straßen und Gässchen, darunter eine mit dem schönen Namen Rue sans culottes, Aufforderung oder Feststellung? Ich folge mal dem einem Fotografierer, mal der anderen und bewege unauffällig das Auto in Richtung Ortsausgang. Damit entfällt schon mal die Notwendigkeit, zum Ausgangspunkt zurück zu laufen und dabei die gleichen Gässchen – das ist aber ein ganz anderes Licht jetzt! – noch einmal zu fotografieren. Mein Plan ist gut, mein Timing noch besser, denn als wir uns auf dem Dorfplatz wieder treffen, setzt ein leichter Nieselregen ein. Die rue de la Roche bietet einen so schönen Ausblick, dass er trotz Regen einen Fotostopp erfordert, dann sind wir auf dem Weg zu unserem letzten Ziel, Baume-les-messieurs.

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Die messieurs, die hier wirkten, waren Benediktiner, die sich, nachdem sie diese Abtei aufgebaut hatten, aufmachten, um Cluny zu gründen. Was Baume-les-messieurs dann wohl zu einer Großmutter mit 1400 Enkelinnen macht. Die Abtei trägt die Verantwortung mit Gelassenheit. Sie liegt in einem Felskessel, einer „reculée“, umgeben von hohen Kalksteinwänden des Jura. Wir kommen kurz vor 18 Uhr dort an, auf dem Parkplatz sitzen Wanderer in ihren Autos und streifen die Wanderschuhen von den müden Füßen. Am Eingang der Abtei erklärt man uns, es gäbe jetzt keine Führungen mehr, wir könnten aber noch gut eine Stunde durch die Kirche und die Höfe streifen. Wir sind dann auch die einzigen, die noch streifen, bis auf einen Küster, der schon mal die Lichter in der Kirche aus – und für uns kurzfristig wieder an – macht. Und einen Gast in einem der als Chambre d’hôtes ausgebauten Klostergebäude, der den letzten Hof mit dem anachronistischen Lärm ärgerlich zugeknallter Autotüren erfüllt.

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Ansonsten liegt eine große Ruhe und ein etwas verschlafener Zauber über dieser einst so mächtigen Abtei. Auch das Dorf, wirklich zurecht in die oben erwähnte Liste aufgenommen, macht den Eindruck, als hätte es nach einem langen Tag endlich die Füße in die Pantoffeln gesteckt und sich vor dem Kamin hingesetzt.

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Auch wir merken langsam, dass dieser sehr erfüllte Tag uns doch etwas ermüdet hat. Gut, das Belvedere mit dem tollen Blick von oben auf Ort und Abtei, das geben wir uns noch. Aber dann geht es auf dem schnellsten Weg nach Hause. Das heißt nicht über die kleinen Jurasträßchen, sondern über RN 5. Doch kurz hinter Champagnole spielt uns die französische Straßenmeisterei einen ganz üblen Streich und schickt uns nach dem Einsturz einer Brücke weiter voraus fast wieder zurück nach Lons-le-Saunier. Und dann heißt das doch die kleinen Jurasträßchen. Was die unerwartete Nebenwirkung hat, dass wir einige Zeit später mit etwas wackeligen Knien auf der sehr luftigen Plattform oberhalb der Cascade du Saut Girard stehen.

Und nicht mehr ganz so sauer sind auf die Straßenmeisterei.

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Eine Mutter mit 1400 Töchtern

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Ich weiß nicht genau, woran es liegt, aber ich kann zu Cluny nicht wirklich eine Beziehung aufbauen. Auch Paray-le-Monial, das Cluny in klein sein soll, lässt mich seltsam kalt.

Was mich jedoch immer wieder begeistert, sind die vielen cluniziensischen Kirchen, die von hier ausgingen. Cluny ist sozusagen eine Mutter mit 1400 Töchtern. Auch das ferne Romainmôtier ist ja eine Tochter Clunys. Hier, im Maconnais muss man wirklich aufpassen. Einmal beim Niesen die Augen zugemacht und schon bist du an drei cluniziensisch- romanischen Kirchen vorbeigerauscht.

Im Museumsshop hängt eine Karte mit den romanischen Kirche der Umgebung. St. Hippolyth in Bonnay fällt auf. Erstens ist es eine Doyenné. Keine Ahnung, was das ist, und das ist schon mal ein sehr guter Grund da hinzufahren und nachzuschauen. Zweitens sehen die Bilder toll aus, noch ein guter Grund. Und drittens brauchen wir nicht mehr, denn wir sind schon auf dem Weg. St. Hippolyth ist dann von verwunschener Schönheit und bietet einige amüsante Informationen. Was nun genau die Doyenné ist, erfahren wir nicht, wohl aber, dass sie so etwas wie der Lieferservice für Cluny war, eine Dependance inmitten reicher Felder, die dafür zu sorgen hatte, dass die riesige Abtei mit ausreichenden Lebensmitteln versorgt wurde. Weiteres amüsantes Detail: Cluny hat die Kirche auf diesem Hügel errichtet, um den ortsansässigen weltlichen Machthaber daran zu hindern, eben dort eine Burg zu bauen. Das schlagende Argument im Machtkampf war die Nähe zu einer angeblich wundertätigen Quelle. Wahrscheinlich musste der Abt jedes Mal grinsen, wenn er an diesen genialen Coup dachte. Sozusagen Pflugscharen, um den Schwertern eins auszuwischen.

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Von Bonnay aus machen wir uns auf den Weg nach Chapaize, eine der wenigen nicht cluniziensischen Kirchen und ein ganz besonderer Ort für mich. Doch kurz hinter Bonnay lockt Malay, das nicht nur eine kleine Kirche mit perfekten Proportionen zu bieten hat, sondern auch ein verträumtes Dorfbild drum herum. Aber dann greifen wir streng durch. Wir werden uns auf dem Weg nach Chapaize nicht mehr ablenken lassen, von keiner Kirche. Das klappt auch – fast. Es ist dann keine Kirche, es ist die Crêperie direkt neben St. Martin in Chapaize. Die Kirche steht seit fast 1000 Jahren, da wird sie auch noch die 30 Minuten bestehen, die wir für unsere Buchweizen-Crêpes brauchen. Ganz unpädagogisch werden wir auch noch belohnt für unsere Bummelei. Denn während wir uns dem Portal nähern, hören wir Musik, immer einige wenige Takte, unterbrochen von Diskussionen. Das Trio (Geige, Cello, Querflöte), das hier am Sonntag ein Konzert geben soll, setzt erneut an und die Musik erfüllt die Kirche. Barocke Altäre in romanischen Kirchen finde ich ja ganz furchtbar – ich weiß nicht, ob ich das schon mal erwähnt habe -, aber barocke Musik passt wunderbar in diese Gewölbe und ich freue mich sehr über dieses Geschenk, das Chapaize uns macht.

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Die Kirche ist von großer Schlichtheit, die Front wirkt fast abweisend. Wenn da nicht dieser Kirchturm wäre, der einen sofort nach Italien transportiert. Das Innere erzählt für mich Geschichten. St. Martin ist eine der ältesten romanischen Kirchen Burgunds, fast so etwas wie ein Prototyp. Man hat also ausprobiert, wie das funktionieren kann mit diesem neumodischen modernen Bogengedöns. Da man aber noch nicht so ganz der Sache traute, hielt man sich an die bewährte Statiker-Weisheit: im Zweifel doppelt so dick bauen. In Chapaize sind wir weit entfernt von eleganten Säulen und Gewölben. Hier tragen stämmige, sehr stämmige Rundpfeiler dreieckige Schmuckelemente. p2017_06_26_13h55_28

Irgendwie musste man schließlich das Eckige der Wände auf das Runde der Pfeiler setzen. Die Wände selber sind von großer individueller Lebendigkeit, will sagen: nicht eine ist wirklich gerade. Das Ganze hat so viel Charme, versprüht so viel Leben, dass ich sie förmlich vor mir sehe, die Baumeister des 11. Jahrhunderts, wie sie ihr fertiges Werk begutachten. Das sollte halten, werden sie sich zugenickt haben. Recht haben sie, immerhin fast 1000 Jahre bisher. Und ja, das hat was, das neumodische Zeug, stimmen sie einander zu. Vielleicht setzt sich das doch durch. Und als sie sich dann an das neumodische Bogengebaue gewöhnt hatten, kommt ein Abt aus der Lombardei und skizziert einen Kirchturm, bei dem ihnen nur der Mund offen stehen bleibt.

Ich liebe sie einfach, die Geschichten, die diese Kirche mir erzählt.

Lancharre, Nachbarort von Chapaize, erzählt eine ganz andere Geschichte. Ebenfalls als romanische Kirche erbaut, diente sie dem Adel als Damenstift, als Ort er seine überzähligen Töchter oder verwitweten Verwandten parkte. Im 17. Jahrhundert ging den edlen Damen das Geld aus, die Kirche zerfiel langsam. Irgendwann war den Damen das Leben mit undichten Dächern nicht mehr standesgemäß und sie übersiedelten nach Chalon. Als letzten Akt ließen sie das inzwischen eh schon halb eingestürzte Hauptschiff einreißen und mit den Steinen den Chor zumauern. Wir stehen vor der seltsam proportionierten Kirche, vor dem zugemauerten Chor, in den eine einfache Holztür Einlass gewährt. Chapaize als Gemeinde muss den Erhalt gleich zweier romanischer Kirchen stemmen und Lancharre ist so etwas wie die ungeliebte Stiefschwester. Man spürt, sie weiß das und das macht den Ort bei aller Romantik auch sehr traurig.

Pilgern mit dem Eselchen

 

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Bevor sie in Rom die Idee hatten, den Petersdom zu bauen, war Cluny die größte Kirche der Christenheit. Eine fünfschiffige Kirche von fast 200 Metern Länge, die sich zu 30 Metern Höhe aufschwingt, von mehreren Querschiffen gekreuzt, ein jedes mit einer Anzahl von Absiden, ein Bauwerk von schier unvorstellbarer Größe und Schönheit. Und genau hier liegt das Problem: man muss es sich vorstellen, denn sehen kann man es nicht mehr. Cluny, die Kirche, existiert nur noch in Puzzlesteinen: hier der in wenigen Meter Höhe abbrechende Bogen des Portals, dort ein Wald von Säulenstümpfen, hier ein einsamer Turm, dort Teile des Querschiffes. Und seltsamer Weise eine fast vollständig erhaltene gotische Seitenkapelle. Cluny fällt der Revolution zum Opfer, allerdings nicht – was ich noch hätte nachvollziehen können – dem aufgebrachten Volk, das zerstört, was sinnbildlich für die Unterdrücker und Ausbeuter steht. Nein, Cluny wird an einem Geschäftsmann verkauft, der die Kirche erst systematisch ausschlachtet und sie dann methodisch Stück für Stück abbrechen lässt, um das so gewonnene Material als Baustoff zu verkaufen. Paris ist zu sehr mit sich selbst beschäftig, Frankreich durchläuft in kaum zehn Jahren fünf Regierungsformen, eine davon Le terreur, Robespieres Terrorherrschaft. Als man den Kopf langsam wieder klar bekommt und sieht, welch ein Frevel in Cluny geschieht, ist es zu spät: gerade mal ein Zehntel des mächtigen Baus steht noch, der Rest ist eiskalter Profitgier zum Opfer gefallen.

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Als wir vor fast 40 Jahren zum ersten Mal nach Cluny kamen, ließ man die Autofahrer noch einfach durch die Gässchen fahren, bis kurz vor die Abtei. Heute werden die Touristenströme um den Ort gelenkt zu einem großen Parkplatz mit Besucherzentrum. Nun strömt an diesem Morgen Ende Juni nicht wirklich viel, aber wir parken trotzdem brav da und erhalten von der Dame im Zentrum zur Belohnung eine Faltblatt. Das Faltblatt ist auf Deutsch, die Erklärungen kommen auf Französisch. Wir sollten uns doch wie mittelalterliche Pilger der Abtei nähern. Zu diesem Zwecke sei der Pilgerweg gekennzeichnet, mit kleinen Bronzemedaillons im Boden, mit dem Symbol der Pilger. Sie sagt „agneau“, Lamm, aber mein Französisch ist noch nicht ganz wach und ich verstehe „anon“, Eselchen. Und das gebe ich so an Monsieur und unsere Jüngste weiter, weshalb wir uns auf die Suche nach dem Pilger-Eselchen machen. Wir sehen auch recht bald das erste, dann weitere, finden sie aber irgendwie nicht so richtig eselig, mehr so knubbelig, die tiefer gelegte Kompaktversion. Aber vielleicht empfanden mittelalterliche Pilger ihre Eselchen ja so und wer sind wir, da jetzt zu meckern. Außerdem sind wir eh nicht so richtig konzentriert bei der Sache, denn was wir gerade wirklich suchen ist nicht geistige Erbauung, sondern einen Kaffee mit Croissant. Wir sind heute früh ohne Frühstück losgefahren und das macht sich langsam bemerkbar. Das Eselchen führt uns zum Petit Marché und einem Café. Vor unserem Croissant sitzend, lesen wir – endlich – in dem Faltblatt und das Rätsel um das tiefer gelegte Eselchen wird gelöst.

p2017_06_26_11h06_31Wir fühlen uns jetzt so gut informiert, dass wir dem Lamm- Eselchen erst mal den Rücken kehren und durch das Notre-Dame-Viertel stöbern auf der Suche nach romanischen Häuserfassaden. Der Reichtum der Abtei macht auch Cluny wohlhabend und die Bürger zeigen es. Aber Cluny ist auch sehr überschaubar und so stehen wir drei Straßenecken weiter vor der Porte d’honneur, der Ehrenpforte zur Abtei. Wir schon, der Engländer, der mich zwei Straßen vorher, mit dem selben Faltblatt in der Hand, in seinem besten Französisch nach dem Weg fragt, nicht. Er schaut mit mir gemeinsam auf dem Plan nach, geradeaus, dann links, dann die zweite Straße rechts. Seine Frau kommt aber sehr resolut zu dem Entschluss, dass die erste rechts die richtige Straße sei. Er schaut mich an, dann seine Frau, dann wieder mich und zuckt resigniert mit den Schultern. Jedenfalls treffen wir ihn erst sehr viel später wieder.

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Durch die Porte d’honneur sehe ich erst – im Vordergrund – zwei abgebrochene Bögen des Portals, dann einiges an Baustelle, links das Hotel de Bourgogne und ganz weit hinten den einzigen überlebenden Vierungsturm. Ja, und das, was dazwischen liegt, war dann wohl einmal die Kirche. Wirklich schwer vorzustellen. Deshalb gibt es hier einen ersten Plan, einen Grundriss, der zeigt, was noch steht und was nicht mehr. Davor ein Ehepaar: er baut ihr Cluny III wieder auf, zieht hier mit beiden Händen ein Seitenschiff hoch, setzt dort mit vorsichtigen Gesten einen Turm hin, legt Hände zu Dächern zusammen. Ein ebenso rührender wie hilfloser Versuch, der andeutet, was das Grundthema dieses Besuchs sein wird: Hilflosigkeit. Es ist nicht möglich. Es ist einfach nicht machbar. Wir stehen vor den abgeholzten Stümpfen des Säulenwalds und sollen uns das Hauptschiff und die Seitenschiffe dazu denken. Wir stehen im Vierungsturm und versuchen die Querschiffe einzunorden. Es ist sehr schwierig, ein Gefühl für die schiere Größe der Kirche zu entwickeln. Und dann muss man ja nicht nur Wände, Säulen und Gewölbe hindenken. Genauso wichtig wäre es, Gebäude wegzudenken. Nach der Revolution kam irgendjemand auf die geniale Idee, dass die ehemals größte Kirche sich doch hervorragend als Pferdestall eignen würde. Da der Abbruch aber schon zu weit fortgeschritten war, baute man eben in die Überreste Stallungen – im Stil des 19. Jahrhunderts. Neben dem Haras National sind auch Studenten hier untergebracht. Es trifft sich, dass die École nationale supérieure d’arts et métiers, die in den alten Klostergebäuden residiert, eine Ingenieurshochschule ist, die sich – unter anderem – auf Computersimulationen und 3-D-Modelle spezialisiert. Wie praktisch! Trotzdem können die Simulationen mir auch nicht wirklich weiter helfen.

Cluny, der Ort, ist wirklich schön, auf eine verträumte Art sehr anziehend.  Cluny, die Abtei, entlässt mich mit einem seltsamen Gefühl der Unzufriedenheit und Leere.

Himmlisches Plasma

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oder: Wundertüte III: Romainmôtier

 

Das wird jetzt etwas länger, frei nach Shakespeare: And thereby hangs a tale…

Im Juli 1983 hebt Jaruselski die Verhängung des Kriegsrechts über Polen auf. Wir packen unser Auto, damals ein knallroter Fiat Mirafiori, der auf den Namen „Mafioso“ hört, voll mit Lebensmittel und Kleiderspenden und fahren los. Einmal rund um Polen, das ist unser Plan. Beginnend in Rybnik, im oberschlesischen Kohlerevier, wo Ryszard wohnt. Ryszard ist Lehrer und hat seine Klappe nicht halten können. Deshalb muss er jetzt im Kohlebergwerk arbeiten, um seine Frau, arbeitslose Musiklehrerin, und seine fünf Töchter durchzubringen. Eine Zigeunerin hatte ihm weis gesagt, dass erst das zwölfte Kind ein Junge sein würde, aber irgendwann zwischendrin hatten sie das Gefühl, jetzt sei es genug. Das alles erfahren wir aus Briefen als Reaktion auf unsere Care-Pakete im Rahmen einer Partnerschaft zwischen unseren Gemeinden. Wir kommen über die Tschechoslowakei, mit Zwischenstopp in Prag, und haben Ziele wie Krakau, Warschau, Danzig, Masuren im Kopf. Es stellt sich heraus, dass auch Ryszard eine gesamte Reise für uns geplant hat, allerdings weniger nach den Gesichtspunkten: da ist es schön, da gibt es etwas zu sehen als mehr: da wohnt mein Freund, da können wir billig übernachten. Und dass noch einige andere Gründe mitspielen, was er uns aber erst beichtet, als wir uns in Krakow trennen. Es bedarf einiger Diplomatie im deutsch-polnischen Dialog, um die Pläne auf eine gemeinsame Fahrt durch Südpolen zu beschränken. Auf der Fahrt durch die Beskiden übernachteten wir bei Freunden. Ryszards Gepäck wird mit jeder Übernachtung weniger. Es ist immer lustig, oft feuchtfröhlich. Besonders bei dem einen Freund, Chemielehrer, der heimlich im Chemiesaal der Schule Alkohol braut. Die Nachwehen des Kriegszustandes kann man an den langen Schlangen vor den Bäckereien und den Tankstellen sehen. Und an den vielen Polizeikontrollen. Ryszard hält sich da meist raus, weil es in der Regel reicht, wenn wir freundlich auf Deutsch antworten, um durchgewinkt zu werden. Erst bei der letzten Kontrolle erweist sich ein einzelner Polizist als so stur, dass Ryszard auf Polnisch eingreift. Schließlich beugt Ryszard sich herüber, öffnet die Autotür und der Polizist steigt ein. Setzt seine Mütze auf und bellt etwas, das wie ein Befehl klingt und von Ryszard mit dem Namen der nächsten Stadt übersetzt wird. Es wird eine sehr einsilbige Fahrt, bis wir unseren unfreiwilligen Gast wieder los sind. Unser nächster Stopp  ist Krakau. Ryszard übergibt uns dort an Janik, einen Freund seiner Frau, nimmt  seine diversen Rucksäcke und Stofftaschen aus dem Kofferraum und verabschiedet sich von uns. Und erst da gesteht er uns endlich, dass wir seit Rybnik den Kofferraum voller Solidarnosc-Flugblätter gehabt haben, die er zu Mitstreitern bringen soll.

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Janik ist ein ganz besonderer Mensch, ein über 70jähriger Ingenieur, der fließend Deutsch und Französisch spricht. Er – und somit auch wir  – wohnt in einem verwunschenen alten Holzhaus mit vielen Schnitzereien und einem prachtvollen Gemüsegarten. Morgens gibt es Brot und „grüne Wurst“, Salatgurke, abends oft Quark mit „Kompott“, eingekochtem Obst. Janik ist fest verankert in seinem Glauben, auch wenn dieser einige sehr unkatholische Ableger treibt.

p2017_06_22_16h56_45Er glaubt fest an das himmlische Plasma. Eine Art positiver Energie, sozusagen eine direkte Pipeline zu Gott, die den Menschen nährt und fördert. An einigen wenigen Stellen fließt dieses himmlische Plasma direkt aus dem Himmel, dem All, auf diese unsere Erde. Natürlich gehört Krakow zu diesen Orten und auch Zamosc. Monsieur, als Naturwissenschaftler, steht diesem Konzept sehr skeptisch gegenüber, ich, als Thomas-Mann-Leserin, weniger. Wenn ich Thomas Mann abnehmen kann, dass ein Papst zum Igel  mutiert und sich von einem Nährsekret der Zitzen der Mutter Erde ernährt, bietet das Konzept des himmlischen Plasmas nur geringfügige Stolpersteine.

 

Mein Kopf weiß natürlich, dass dieses himmlische Plasma wenig wahrscheinlich ist. Mein Herz hält dagegen, dass der Kopf auch nicht immer recht haben muss. Und damit sind wir – endlich – beim Grund für diese Erzählung. Für mich gibt es Orte, die diese besondere Wirkung haben, die eine Kraft besitzen, die über sie selber hinausgeht, die strahlen. Orte, die so viel zu geben haben, dass sie freigiebig teilen. Eine Art von Energiequelle, die sich nie erschöpft, egal, wie oft man diesen Ort besucht. Brancion gehört für mich dazu, Chapaize und eben Romainmôtier.

Romainmôtier ist für mich pure Magie. Wann immer ich auf dem Rückweg von Deutschland etwas Zeit habe, besuche ich meine Kraftquelle. Und Romainmôtier wirkt immer. Egal ob man im glühendheißen Sommer in die kühle Vorhalle tritt, ob man im Regen Schutz sucht unter den Gewölben oder ob an einem nebligen Novemberabend das Licht aus den Fenstern Orientierung bietet, Romainmôtier wirkt seinen Zauber.

Und wie das so ist mit den wirklich guten Dingen: sie werden noch besser, wenn man sie teilt.

Deshalb ist Romainmôtier das, was ich in die Wundertüte packe.

Wir kommen nach einem langen Tag voll vielfältiger Erfahrungen an und lassen den Ort auf uns wirken. Auf dem Berg war es wundervoll, die Einsiedelei war spannend und herausfordernd in ihrer Andersartigkeit, aber hier, hier, hier ist einfach „Ankommen“ und „Sein“.

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Wundertüte 2.0

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Offensichtlich funktioniert das mit dem Bildungsauftrag auch anders herum und so werde ich auf dem Weg nach Murten mit Wissenshäppchen gefüttert. Murten ist der Ort der gleichnamigen Schlacht von Anno 1476: eins zu null für die Schweiz gegen die damalige Supermacht Burgund. Dann verkündet meine Planerin, dass wir heute just am Jahrestag dieser Schlacht in Murten sein werden und mir ist klar, dass wir eigentlich gleich kehrt machen können. Die Stadt wird völlig überlaufen sein, es wird kein Durchkommen geben in den Sträßchen und Gassen und Parken wird unmöglich sein. Meine Planerin beruhigt mich, das große Jubiläum wäre letztes Jahr gewesen, in „normalen“ Jahren feuerten sie nur ein paar Kanonenschüsse ab. Das sollte überschaubar sein. Es stellt sich heraus, dass wir beide recht haben. Die Stadt ist festlich geschmückt und der Fahnenschmuck verstärkt den Eindruck, eine reiche selbstbewusste Mittelalter-Stadt zu betreten. Aber die Bürgerwehren und Spielmannszüge machen gerade Mittagspausen und auch die Zuschauer haben sich für ihre Siesta zurückgezogen. Ab und zu sieht man Gruppen von Jungen oder Mädchen in Uniformen durch die Gassen rennen, aber der überwiegende Eindruck ist „Mittagspause“.

p2017_06_22_13h37_50cMurten ist deutlich größer als Gruyère, es hat dann auch drei Straßen. Wir schlendern vom Berner Tor über die Hauptstraße, mit einem Zwischenstopp in der Konditorei Aebersold, um den berühmten Nidelkuchen zu probieren. Die Hauptstraße führt schnurstracks zur Burg. Vorbei an drei Brunnen, die in einem wahren Rausch namensgeberischer Fantasie Unterer, Mittlerer und Oberer Brunnen getauft wurden. So etwas schafft zumindest klare Verhältnisse. Warum die Rathausstraße Elefantengasse heißt, ist dann etwas verwirrender. Anscheinend war um 1860 ein Zirkus in der Stadt, der einen Elefanten zeigte. Dieses Tier riss sich los, tötete seinen Wärter und lief in den Gassen der Stadt Amok. Irgendwann schaffte die Bürgerwehr es, das Tier in die Enge zu treiben und hatte damit ein weiteres Problem: wie bringt man so einen Riesen um? Schließlich ließ man aus dem 20 Kilometer entfernten Fribourg eine Kanone anschleifen und erschoss das arme Tier mit einer Kanonenkugel.

Da dem Rat der Stadt dadurch nicht unerhebliche Kosten entstanden waren, wurde pragmatisch beschlossen, das Fleisch des Elefanten an die Bürger zu verkaufen und das Skelett anschließend gegen Eintritt bestaunen zu lassen. Ist schon seltsam, welche Blüten Geschäftssinn so treibt.

p2017_06_22_14h11_33aIn der jetzigen Rathaus- und/oder Elefantengasse ist von der gruseligen Geschichte nichts mehr zu sehen und wir machen uns auf zur letzten Attraktion: der begehbaren Stadtmauer. Stadtmauer ja, begehbar heute leider nein. Schade! Als wir gegen Ende unserer Murtentour zur Deutschen Kirche kommen, tut sich was. Es sind wieder deutlich mehr Menschen auf der Straße, das Durchkommen wird schwieriger, zumal die anderen alle in die entgegen gesetzte Richtung wollen. Nun wäre das ja eigentlich ein guter Grund, mal mit zu gehen und nachzuschauen. Aber wo Blaskapellen und Fanfarenzüge ins Spiel kommen, sinkt meine Neugier.

p2017_06_22_14h13_46Wir kämpfen uns gegen den Strom durchs Stadttor und werden draußen von einer großen Vielfalt an jugendlichen Spielmannszügen und ganzen Horden weiß gekleideter Kinder empfangen, alle mit mehr oder weniger selbst gebastelt aussehenden weißgoldenen Krönchen auf dem Kopf. Wir kämpfen uns durch zum Parkplatz und steigen gerade ins Auto, da fällt hinter uns einen Kanonenschuss.

Dabei war weit und breit kein Elefant zu sehen…

 

Die Wundertüte

 

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Mein Navi darf es wissen, ich nicht. Der Ausflug, geplant von meiner Jüngsten, soll ein paar Überraschungen für mich enthalten. Ausflug als Wundertüte. Und ich schließe beide Augen und stecke meine Hände in die Wundertüte Das ist jetzt natürlich bildlich gesprochen, denn in der Realität ist es zielführender, dass ich die Augen offen und die Hände am Lenkrad habe.

p2017_06_22_08h46_12Mit der Abfahrt Bulle wird es dann einfach, ein Ziel zu identifizieren. Zwischen Bulle und Gruyère – ich weigere mich standhaft, den deutschen Namen zu benutzen, klingt wie ein Baby mit Magenkolik – ist die Schweiz Märklin-Eisenbahn-niedlich. Saftig grüne Wiesen, ein paar Dörfer hineingestreut und auf den Almen unterhalb der Bergriesen hingetupfte Kühe. Landschaft als ihr eigenes Klischee. Und mittendrin auf einem Bergrücken Gruyère. Die kleine Straße biegt um eine letzte Kurve, man sieht das Stadttor und da ist dann Schluss – jedenfalls für Besucher-PKWs. Wir sind so früh, dass der Ort noch verschlafen wirkt. Wer allerdings nicht schläft, sind die Zulieferer und so ist der kleine Marktplatz zugestellt mit kleineren und größeren Transportern, die anliefern, was Gruyère für den zu erwartenden Touristenstrom so braucht.

Die Stadt ist sehr besucherfreundlich: es gibt eigentlich nur eine Straße und die führt schnurstracks vom Stadttor zur Burg. Die Burg schläft auch noch, aber man kann sie am Fuße der Mauer umrunden und schon mal antesten, ob gleich für das zweite Frühstück das Panorama links oder rechts schöner ist. Auf dem Rückweg sind wir sehr erleichtert, dass auch das Giger-Museum noch geschlossen hat. Die vor der Tür stehende Alien-Frau mit ihren Kampf-Nippeln reicht mir.p2017_06_22_09h08_35

Auf dem Hauptplatz haben wir dann ein Problem: links ein Café avec terrasse panoramique, rechts ein Café avec terrasse panoramique und wir können uns nicht entscheiden. Da gibt uns das Leben einen kleinen freundlichen Schubs, denn aus der einen Tür tritt eine Frau und hängt ein Schild auf: heute erst ab 10:30 geöffnet. 10:30? Da sind wir längst woanders! Während wir Kaffee und Hörnchen genießen, stürmt die erst von vielen Schulklassen die Bollwerke der Stadt. Es scheint, dass wir uns den Gesamt-Schweizer-National-Wandertag ausgesucht haben. Wo auch immer die Wundertüte uns hinführt, sind die Schulklassen schon da – in Massen. Bis auf …

Wohin die Wundertüte uns als nächstes führt, finde ich sehr passend: der „gare des sorcières“, der Hexenbahnhof, der Moleson-Bergbahnen. Eine Pendelbahn fährt sehr steil – und dank gleich zweier mitfahrender Klassen auch sehr laut – auf eine Zwischenstation auf 1500m Höhe. Dort gibt es ein Bergrestaurant und schon mal jede Menge Aussicht.

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Die Klassen stürzen sich in die Räume der Via Ferrata und ich bewundere das Nervenkostüm der begleitenden Lehrer. Mit einer Horde Zwölfjähriger über einen Klettersteig – châpeau! Wir schauen uns ein bisschen in Plan-Francey um und gehen dann zur Seilbahn-Kabine für den zweiten Abschnitt der „Bergsteigerei“: die Fahrt zur Spitze des Moleson auf 2002 m. Just in dem Moment kommt die Bahn von unten und spuckt zwei weitere Klassen aus. Auch hier muss ich eine Lehrerin bewundern – für ihren modischen Geschmack. Während die Kinder alle Wanderschuhen tragen, kommt sie in schwarzen Flipflops daher, mit Strass besetzt. Das Rätsel löst sich, als die Seilbahntüren auf dem Gipfel aufgehen und Kinder und Lehrerin als erstes die vom Restaurants bereit gestellten Liegestühle stürmen. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass die obligatorischen „Mein Wandertag“-Aufsätze morgen sehr spannend zu lesen sein werden.

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Wir jedenfalls gehen einfach ein paar Hundert Meter (Distanz, nicht Höhe!) weiter, wo einige Holzbänke in einer Blumenwiese Bergglück pur versprechen: grandiose Aussicht, wohin man blickt. Aussicht mit Überraschungseffekt, denn es ist so diesig, dass man manche Bergkette erst beim zweiten oder dritten Blick entdeckt. Blumenteppich und Insektengesumm, ansonsten himmlische Stille. Irgendwann reißen wir uns los, kehren zurück zur Bergstation und erklimmen die Aussichtsplattform, was uns sicher auf 2012m, wenn nicht sogar 2015m Höhe bringt.

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Die Talfahrt ist dann sehr ruhig und entspannt in einer fast leeren Kabine und Bahn.

Und dann wird es spannend. Meine Planerin gibt die Koordinaten des nächsten Ziels ein, weigert sich aber es zu benennen, sagt mir außerdem freimütig, dass sie sich nicht sicher sei, ob wir das Gesuchte überhaupt finden. Ich finde das nur konsequent: wenn ich es nicht finde, weiß ich wenigstens nicht, was ich vermisst habe.

So weit kommt es dann doch nicht. Wir nähern uns auf kleinen Sträßchen der gestauten Saane und da steht dann ein Schild: Einsiedelei, XVII. Oh, Barock, wie schön, sage ich spöttisch. Meine Planerin schweigt dazu und konzentriert sich aufs Navigieren.

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Barock trifft es dann nicht so ganz. Was wir finden, nach einem kleinen Marsch über frisch gemähte Wiesen ist eine in die Sandsteinklippen gegrabene Felsenkirche. Von zwei Einsiedlern Ende 1600 eigenhändig aus dem Fels gehauen, war die über 120 Meter lange Anlage bis in 1970er eines der beliebtesten Wallfahrtsziele der Schweiz und angebliche eine der berühmtesten Attraktionen des Kantons Friburg.

Geriet dann irgendwie in Vergessenheit, fiel in einen Dornröschenschlaf, der bis heute anhält. Wir klettern jedenfalls ganz allein durch die Räume, vom großen Kirchenraum mit Altar – und meterweit durch den Fels nach oben gegrabenen Glocken“turm“ –  zum Saal mit Kamin und Brunnenschacht bis hin zu dem letzten, winzig kleinen Kämmerchen, das – etwas anachronistisch anmutend – eine Toilette enthält. Die Böden und Wände sind aus mehrfarbigem Sandstein, was das Graben wohl erleichtert hat, trotzdem ist die Weitläufigkeit der Anlage für zwei Bauherren fast nicht vorstellbar. Der Komfort war wohl auch mehr als rudimentär – was der Beruf des Einsiedlers halt so mit sich bringt. Dafür gehen die – nicht verglasten – Fensteröffnungen direkt auf das Tal der Saane, die heutzutage hier aufgestaut ist und eine türkisblaue Fläche bietet. Die Einsiedelei ist wirklich ein ganz besonders faszinierender Ort.  Und dann sind da die Wände. Es gibt einige Fresken und Skulpturen, die aber nicht wirklich ausdrucksstark sind. Dafür sind die ganzen Wände „geschmückt“ mit in den Fels geritzten Namen der Besucher. Der älteste, den wir finden, ist von 1709; ein Adliger des 19. Jahrhundert verewigte sich in 50 cm hohen, blutroten Buchstaben; ein anderer schaffte es irgendwie, seinen Namen in fünf Meter Höhe einzuritzen. Wir liefern uns einen kurzweiligen und dank der Kühle angenehm erfrischenden Wettbewerb, die ältestes, schönste, verrückteste Inschrift zu finden.

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Zurück am Parkplatz greift meine Planerin in die Wundertüte und zieht das nächste Ziel heraus: Murten. Dazwischen, gesteht sie, würde sie jedoch so gerne einen nicht eingeplanten Abstecher nach Avenches machen und ich sage: Avenches, das lohnt sich nicht wirklich. Aber weil es fast auf dem Weg liegt und so… In Avenches meint sie dann, in die Stadt müssten wir jetzt nicht unbedingt, nur das römische Amphitheater und ich sage: Das Amphitheater, das lohnt sich nicht wirklich. Aber wo wir jetzt gerade schon mal da sind und so… Ich halte vor dem Amphitheater, sie springt hinaus und ich suche einen Parkplatz. Das Auto steht noch nicht richtig, da kommt sie zurück. Und?, frage ich. Sie zuckt die Schultern: Lohnt sich nicht wirklich.