Mogelpackung

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… oder eine gotische Kathedrale von 2001

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Wir tun uns ein bisschen schwer mit Trondheim. Was natürlich auch an uns, in diesem Fall an meiner Planung liegt. Ich habe mir nämlich gedacht, vom Schiff auf dem direkten Weg zum Dom und dann gemütlich über die Gamle Bybro und die Altstadtgässchen um Bakklandet zurück zu gehen. Erster Fehler, umgekehrt wäre es nämlich sehr viel hübscher gewesen und hätte sicher unser Herz für Trondheim geöffnet. So laufen wir durch die Gässchen um die Olav Tryggvasons und Nordre gate und kommen zum Marktplatz. Auf einer Liste der 100 uncharmantesten Plätze … – aber lassen wir das. Trondheim hatte es nämlich auch nicht leicht. Wie bisher jede norwegische Stadt, die wir besucht haben, brannte auch Trondheim mehrmals ab, bis nach dem Brand von 1681 der König selbst eingriff und den Stadtplan gestaltete. Alles schön gerade und übersichtlich, mit großen Hauptachsen, über die ein Feuer sich nicht ausbreiten sollte. Straßen als Brandschneisen, kein Wunder, dass da – Vorsicht, Kalauer-Alarm – keine Funken überspringt bei mir. Aber es wurde weiterhin auch in Holz gebaut. Das größte Palais, Stiftsgarden, wurde jedoch nicht vom König, sondern von einer Frau, der Geheimrätin Cecilie Christine Schøller errichtet. Frau, Geheimrätin und Bauherrin, das finde ich beim ersten Lesen sehr gut.  Bis sich heraus stellt, dass das Ganze so etwas wie einen Ü-40-Jugendtreff für Reiche war: fast 150 Räume mit gut 4000 m² Fläche, nur damit die Reichen sich treffen und dabei schön unter sich bleiben können. Das ist dann nicht mehr so positiv und dürfte damals wohl auch einige der weniger Reichen gestört haben.

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In der Ferne sehen wir den Nidaros-Dom, Ziel unserer Exkursion. Wir kaufen im Besucherzentrum unsere Eintrittskarte, 19 Euro für zwei. Erst dann bestellen wir einen Kaffee und lesen uns ein. Hätten wir mal besser anders herum gemacht, da hätten wir uns wahrscheinlich die 19 Euro Eintritt gespart. Denn dieser gotische Dom ist eine einzige große Mogelpackung. Zwar wird er tatsächlich im 12. Jahrhundert erbaut, aber dann passiert das Übliche: ein Brand nach dem anderen, praktisch alle hundert Jahre einmal, führt zu erheblicher Zerstörung. Nach der Reformation hat keiner mehr so richtig Lust, das Gebäude wieder aufzubauen. Das bisschen, was noch stand und notdürftig mit Notdächern und Zwischenwänden benutzbar gehalten wurde, brannte 1708 bis auf die Grundmauern ab. Und sogar bei dem Versuch des Wiederaufbaus schlug zehn Jahre später der Blitz ein und fackelte alles ab. Die Kirche wurde repariert, bröckelt aber so vor sich hin, bis im 19. Jahrhundert der Zustand im wahrsten Sinne unhaltbar wird: die großen tragenden Säulen tun ihre Arbeit nicht mehr. Und nun kommt das letzte und vielleicht tragischste Kapitel: ein junger begeisterter Architekt wird mit der Renovierung beauftragt. Nach einigen Hin und Her meist finanzieller Art beginnt er im Dom seinen Traum einer gotischen Kirche zu verwirklichen. Da es keine historischen Quellen zum Aussehen des Originaldoms gibt, bastelt er sich seine eigene Gotik zusammen. Als erstes reißt er ab, was jünger ist, also alle barocken An- und Umbauten. Nun bin ich ja nicht gerade ein Fan barocker Kirchenbauten, aber Baugeschichte ist nun mal Baugeschichte. So besichtigen wir also einen gotischen Dom, der nach einigen Wechseln der Architekten, aber nicht der Bauphilosophie, erst 2001 fertig geworden ist. Das mindert und schmälert nicht die Kunstfertigkeit der Handwerker, die über die Jahrzehnte gotische Rosetten und Statuen nach-kreieren. Aber die Atmosphäre ist eben eine ganz andere.

Vielleicht sollten Trondheim und Köln mal eine Städte- und Dom-Partnerschaft überlegen…

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Jetzt ist aber genug gemeckert, denn zum Schluss zeigt sich Trondheim von seiner heitersten Seite. Über die alte Brücke geht es in ein kleines Viertel, Bakklandet, dass die schnurgeraden Pläne des königlichen Baumeisters nicht umgesetzt und sich seine alten, krummen Gässchen und schnuckeligen Häuschen erhalten hat. Also, falls es euch mal nach Trondheim verschlägt, fangt mit Bakklandet an. Da gibt es auch die viel netteren Cafés.

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Zurück auf dem Schiff schreckt uns eine Lautsprecher-Durchsage auf: in wenigen Minuten links der schönste Leuchtturm Norwegens. Als er am Horizont erscheint, sieht er eher nach Minigolf als nach Schifffahrt aus, aber beim Näherkommen wächst er dann doch auf richtige Leuchtturmgröße. Rings um ihn herum kleine und kleinste Inselchen, alle mit diesen schrundigen, abgerundeten Rücken wie gerade auftauchende Wale. Ich sehe die Eiszeitgletscher förmlich vor mir, wie sie sich über die Inseln schieben und schaben und kratzen und schleifen…

Durch dieses Wirrwarr sucht das Schiff sich seinen Weg. Passagen, die zum Teil so eng und unübersichtlich sind, dass mit dem Nebelhorn entgegenkommende Schiffe gewarnt werden. Natürlich werden auch wir immer durch eine Durchsage auf diesen Ton vorbereitet. Aber, weil ich etwas der Welt entrückt am Geländer stehe und über die Inseln hinwegträume, trifft mich der Hornstoß jedes Mal unvorbereitet. Erna, mei Herzdroppe!

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Danke, Slartibartfast

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Er kann wirklich stolz sein auf sein Werk, Slartibartfast. Aber hat er auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, welch einen Stressfaktor er damit kreiert hat? Ich kann diese Küste, diese Felsen, Berge, Inseln kaum aus den Augen lassen. Und da gehen sie dahin, die Träume vom Buch lesen, Entschuldigung vom „mal ein gutes Buch lesen“, so sagt man doch. Auch das durchaus angebrachte Mittagsschläfchen fällt aus, weil ich Küste schauen will. Dabei war die Nacht nicht so richtig erholsam. Zum einem war sie eine Zeitlang doch sehr bewegt und ich stehe am Fenster, um den Wellen zuzuschauen. Zum anderen war sie sehr hell, in den Häfen, die das Schiff in der Nacht anlief: bunte Beleuchtung an Land und Nachbarschiffen und die Neugier dann doch so groß, dass ich – wieder – aufstehe und zuschaue.

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Und wenn das Schiff mal still liegt, klappt das auch nicht. Die Passagiere, die einen Landausflug gebucht haben, werden ausgeschifft und dann kommt das Boot zurück und holt uns und die anderen, die wie wir der Meinung sind, dass wir keinen Führer brauchen, um durch ein bisschen norwegische Gegend zu laufen. Erweist sich auch als richtig, denn am Anleger von Urke stehen freundliche (und geschäftstüchtige) Norweger und händigen uns einen Plan aus. Nun besteht Urke aus kaum mehr als einem Dutzend Häuser und am Anleger steht schon ein Schild „To down town Urke“, aber wir nehmen die Karte entgegen und erfahren, dass Urke ein Café und ein Geschäft nebst Apotheke hat. Aber auch, dass es eine kleine Rundwanderung ein Bachtal hoch gibt, 4,5 km, 70 Minuten. Das wäre doch was! Der Weg führt aus dem engen, im Schatten liegenden Fjord ein bisschen hoch auf Berghänge, wo wir dann in der Sonne laufen können. Jawohl, in der Sonne! Das Wetter ist fantastisch. Und dafür ist nicht Slartibartfast verantwortlich, dafür ist bei unseren Reisen immer Monsieur zuständig.

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Alesund

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Ich weiß nicht, warum das so ist, aber wenn es irgendwo einen Berg gibt, muss Monsieur da hoch. Nun ist dieser „Berg“ hier noch nicht einmal ein Hügel, aber der Aussichtspunkt auf dem Ascla ist immerhin 400 und ein paar Treppenstufen hoch. Und da gibt es Menschen, die behaupten, eine Schiffsreise wäre etwas für Faulenzer. Wir halten uns beim Aufstieg an die klassische Rollenverteilung: Monsieur vorne weg, ich jappse hinterher. Der inzwischen wieder einsetzende Regen dient auch nicht gerade meiner Motivation, Regenbogen hin und Aussicht her.

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Aber in dem Moment, in dem wir beschließen, jetzt reicht es mit dem Wetter, jetzt gehen wir zurück zum Schiff, klart es auf und wir können uns doch noch zu den Jugendstilschönheiten auf dem anderen Ufer durchringen. Alesunds Holzhäuser der Innenstadt brannten um 1900 fast vollständig ab. Kaiser Wilhelm II., sonst ja nicht so der Sympathieträger der jüngeren Geschichte, schickte sein Lieblingsspielzeug, die Flotte, mit Hilfsgütern und als Notlager für obdachlos Gewordene. Außerdem unterstützte er aus seinem eigenen Vermögen den Wiederaufbau. Die Stadtväter, aus Schaden klug geworden, ordneten den dann in Stein an, was zu dem berühmten Jugendstil-Stadtbild führte.  Und setzten dem Kaiser ein Denkmal.

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Trockene Statistik

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Bergen gilt mit 248 Regentagen pro Jahr als regenreichste Großstadt Europas, im Oktober fällt an 22 Tagen Regen, dafür scheint die Sonne im Durchschnitt nur 1,9 Stunden pro Tag. So weit die „trockene“ Statistik. Die nasskalte Realität sieht noch viel schlimmer aus. Unser Hotel ist ein altes Lagerhaus, unser Zimmer im Dachgeschoss hat zwei große Velux-Fenster, die das Prasseln des Regens richtig schön hervorheben. Und dieser Regen nimmt seinen Job sehr ernst. Er fällt nicht einfach so von oben nach unten. Zusammen mit seinem Kollegen Sturm zeigt er uns ein wahres Ballett von Regentropfen, die dann auch schon mal von rechts oder von links statt nur langweilig von oben kommen. Wir stehen unter den Fenstern, schauen hinaus und beschließen, dass wir da nicht hinaus wollen, nicht in dieses Wetter, und dass wir uns einen late check out gönnen. In der Hoffnung, dass vielleicht, eventuell, in einer Stunde oder so… Ist aber nicht der Fall. Monsieur wird unruhig, schließlich hält es ihn doch nicht mehr im schönen, gemütlichen Hotelzimmer. Man kann doch nicht in Bergen gewesen sein, ohne etwas davon gesehen zu haben. Mein Argument, dass wir 1976 mehrere Tage Bergen im strahlenden Sonnenschein hatten, lässt er nicht gelten. Dass wir bei dem Regen eh nichts sehen werden, auch nicht. Also schwimmen naja, laufen wir los. Regen von oben, altmodische Regenrinnenauslässe, die dir auf Kniehöhe die Hosen durchnässen, von rechts oder links, Pfützen von unten. Der Kollege Sturm greift sich meinen Regenschirm und zerbeult ihn, so dass ich den Rest der Bergen-Besichtigung damit beschäftigt bin, den Schirmrand festzuhalten. Das engt natürlich das Gesichtsfeld sehr ein. Im Grunde genommen sehe ich nur meine Füße. Gelegentlich auch ein anderes Paar Füße in der Gegenrichtung, dessen Besitzer genauso überrascht wie ich seinen Schirm hochreißt und Ausweichmanöver einleitet.

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Zum Glück war den Hanse-Kaufleuten das sch…öne Wetter in Bergen geläufig und ihre Holzhäuser haben überdachte Vorhallen, so dass ich wenigstens da etwas sehe. Ich folge Monsieur bis zur Festung, im Vertrauen darauf, dass das schwarz behoste Paar Schuhe, dem ich hinterher laufe, immer noch das selbe ist wie beim Verlassen des Hotels. Rosenkrantzturm und Haakonshalle sind geschlossen, was zeitsparend ist. Die Besichtigung der Festungsanlagen fällt ins Wasser.

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Dafür gönnen wir uns das Stadtmuseum. Nein, nicht nur, weil es regnet… Dann lasse ich Monsieur alleine weitertrapsen durch den Regen. Er will noch auf die andere Seite, ich nur noch zurück ins Hotel. Aber um halb zwei will er wieder da sein, ein bisschen trocknen, ein bisschen packen und dann ist es Zeit für unseren ersten Programmpunkt im Grieg-Haus.

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Denn Bergen ohne Grieg geht nicht. Zumal Grieg der Lieblingskomponist unserer Kinder war. Nicht, dass ich es mit musikalischer Früherziehung hätte, aber „In der Halle des Bergkönigs“ gehörte mit Orffs „O fortuna“ zum Regenwetter-Indoor-Bewegungsprogramm für meine Viererbande. Erst schleichen alle vier als Zwerge in die Halle, um am Ende – vielleicht nicht ganz werksgetreu – den Drachen zu verjagen. Das Problem war nur, dass ich nach mehreren Durchläufen zum Schluss meist vier Drachen und keine Zwerge mehr hatte und dann erfahrungsgemäß auch schon unser bescheuerter Nachbar vor der Tür stand. Dann war es Zeit für Griegs „Morgenstimmung“, ein bisschen kitschig, ja, aber… Kennt ihr diese bunten Nylonkopftücher, die Inge Meysel oder Frau Hesselbach über ihren Lockenwicklern trugen? Gebt mal einer Gruppe Kinder solche bunten Tücher zusammengeknüllt in die Hände. Lasst die Kleinen sich ganz klein zusammenkauern, stellt die „Morgenstimmung“ an und lasst die Lieben als Blumen wachsen, der Sonne entgegenstreben, zu den letzten Takten die Hände öffnen und bunte Tuchblüten treiben. Reiner Kitsch, klar, aber glaubt mir, da bleibt kein Eltern- oder Großelternauge trocken.

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Für uns gibt es also vor der Einschiffung eine kleine musikalische Einstimmung im Konzertsaal des Grieg-Museums. Und dann geht es für mich in die Halle des …, also, dann geht es an Bord.

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Kein Happy End

Mit dem Begriff Reisen kann man ja wunderbar Bullshit-Bingo spielen. Ich könnte jetzt tief in die Klischee-Kiste greifen und die ganz großen Worte auspacken. Selbstfindung – Bingo! Komfortzone (Achtung: das zählt aber nur im Zusammenspiel mit „auch mal verlassen“!) – Bingo! Alles, was zu „fremde Kulturen und neue Erfahrungen“ passt – Bingo.

Und das Schlimme dabei ist, dass das alles auch noch richtig ist und stimmt, ich es aber trotzdem oft nicht mehr hören und schon gar nicht selber schreiben mag.

Deshalb heute mal kleine Dinge. Die bringen mich zum lächeln und treiben den Endorphinspiegel hoch, kurzum sind so ein kleines Glücksdoping im Alltag. Wie der Spatz, der am Gate 4 in Genf zwischen uns Wartenden umher hüpft. Nicht nur Kinder bleiben stehen und schauen, Erwachsene stubsen sich an und zeigen. Als er lange genug unsere Aufmerksamkeit genossen hat, legt er das Köpfchen schräg, betrachtet uns ein letztes Mal und fliegt davon, ohne so eine Blechkiste bemühen zu müssen wie wir.

Auf dem Flug nach Bergen sitzen zwei blonde Mädchen, vier oder fünf Jahre alt, schräg vor mir. Jedes hat ein rotes Gummibärchen in der Hand, Hauptdarsteller in einem jener kindlichen Rollenspiele, die zu 90% aus Konjunktiven bestehen: und dann hätte ich… und dann würdest du… und dann täte ich… und dann müsstest du… Die Handlung ist sehr komplex, die Bären erleben wilde Abenteuer auf der Mittellehne, bis… Bis das eine Mädchen mit einem frechen Grinsen seinem Bären den Kopf abbeißt und den Rest auch noch genüsslich verspeist. Das sieht nicht nach einem Happy End für diese Geschichte aus.

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Und zum guten Schluss lerne ich mein erstes Wort Norwegisch: rulletrappen.

Ist das nicht einfach herrlich?

 

 

 

 

Irgendetwas ist ja immer

Koffer sind auch schon gepackt – fast…

Eigentlich bin ich die Reiseplanerin. Mir macht das Spaß, in Reiseführern und -foren nach Tipps für die Planung zu suchen, besondere Hotels zu finden, Strecken und Stopps festzulegen, die ganze Reise schon einmal ein bisschen vor zu erleben. Monsieur macht es eher weniger Spaß und so überlässt er das gerne mir. Meistens ist er gut damit gefahren, in mehr als einer Hinsicht.

Nur zu diesem besonderen Anlass soll Monsieur das Planen übernehmen, als Geschenk für mich. Die Strecke steht schnell fest: entlang der norwegischen Küste, wie bei unserer ersten gemeinsamen Reise. Damals, vor langer Zeit, im letzten Jahrtausend.

Teil des Geschenkes ist das gemeinsame Buchen an meinem Geburtstag, zehn Monate vor der Reise. Tage vorher wird Monsieur ganz wuschig, die Steuerbordkabinen, die er eigentlich angedacht hatte, sind nun plötzlich alle auf einen Schlag weg, wohl eine größere Gruppe. Ob wir nicht doch jetzt, bevor die Backbordkabinen auch noch verschwinden? Ich suche mir eine Kabine aus, mit der glücksbringenden …13 am Ende und Monsieur beginnt den Buchungsprozess. Füllt alle Fenster aus, bis er zu der Frage kommt: Kreditkarte oder auf Rechnung? Er klickt das Erstere an und gibt unsere Daten ein. Worauf unsere Kreditkarte den Betrag ansieht, sich mit Schnappatmung auf den Rücken wirft und unter Zuckungen den Geist aufgibt. Von der Hurtigruten-Seite kommt: Karte nicht gültig, Buchung abgebrochen.

Monsieur brummelt etwas vor sich hin, zumal er jetzt wieder von neuem alle Felder ausfüllen muss. Und dann sehen wir, dass da jemand schneller als wir war und uns just in den wenigen Minuten, die wir mit Erster Hilfe für unsere Kreditkarte beschäftigt waren, unsere Wunschkabine weggeschnappt hat. Na gut, die …11 ist sicher genauso schön. Monsieur, potentiell lernfähig, klickt nun „Auf Rechnung“ an. Von der Hurtigruten-Seite kommt: Systemfehler, Buchung abgebrochen.

Monsieur brummelt schon etwas mehr, so in Richtung, dass er hofft, dass die Kapitäne der Hurtigruten kompetenter sind als das IT-Personal. Die Kabine …11 ist inzwischen auch weg und die …15 kommt doch langsam sehr nahe an Treppe und Liftgebimmel. Monsieur will jetzt  klare Verhältnisse und greift zum Telefon. Macht dem jungen Mann klar, dass er nun zum dritten Mal zu buchen versucht und ob das mit der Kabine …15 denn nun endlich klappen würde. Der junge Mann bestätigt dies, notiert auch unsere Rechnungsadresse und bedankt sich für unser Buchung. Alles ist gut, alles ist im Griff, die Reise organisiert.

Da sagt er kurz vorm Auflegen: „Ach ja, Herr M., Sie haben ja nun drei Kabinen gebucht. Brauchen Sie die wirklich alle drei?“

 

 

 

 

Die Könige der Republik

Zu den Geburten unserer ersten drei Kinder schenkte mir Monsieur jeweils ein mit viel Liebe ausgesuchtes Schmuckstück. Beim vierten Kind wurde er pragmatisch: „Jetzt bekommst du etwas Praktisches geschenkt.“ Es war ein Achtsitzer-Bus, japanisches Fabrikat, unser tapferer Samurai, den ich sofort Musashi taufte. Mit dem Bus ging es in Urlaub, unter anderem eben auch in die Provence, wo wir unsere Kinder mit Zeitziehen in Vaison-la-Romaine quälten. Zum Abschluss wollten wir über den Mt. Ventoux nach Hause fahren.  Aus heiterem Himmel – wortwörtlich – brach kurz unterhalb des Gipfels ein Hagelsturm los und in Sekundenschnelle war die Straße zentimeterdick mit einer Eisschicht bedeckt. Der Wagen schlingerte und rutschte, rechts der Abgrund, links der Fels, zu bremsen traute ich mich nicht, stehen bleiben war auch nicht wirklich eine Option. Im Wagen war es plötzlich mucksmäuschenstill, bis wir über die Kuppe fuhren und eitel Sonnenschein und trockene Straßen vorfanden. Da kam von hinten – glockenklar – die Stimme unseres damals sechsjährigen Jüngsten: „Danke, lieber Gott, jetzt schafft meine Mama das wieder alleine!“

 

Heute morgen fahren wir vom Feldweg auf das Sträßchen und er steht direkt vor uns, der Mt. Ventoux. Ich weiß genau, was Monsieur denkt, Monsieur weiß genau, was ich denke, weshalb mein „Eigentlich nicht!“ nur scheinbar zusammenhanglos ist.

Unsere Heimfahrt im Sonnenschein zeigt uns dann auf der Höhe von Vercors und Chartreuse, was wir alles durch Regen und/oder Umwege fahren auf der Hinfahrt nicht gesehen haben.

Und dann begegnen wir auf einer Autobahnraststätte einem Akt geradezu barbarischer Grausamkeit. An der Kasse, da wo sonst die Regale mit den Süßigkeiten sind, stehen diese typisch französischen Ferien-Übungshefte zu so spannenden Themen wie „L’Orthographe“ oder „La Conjugaison“, zu den Präsidenten der Republik oder den Königen Frankreichs (Wenn du bis sechzehn zählen kannst, ist das schon die halbe Miete).

Könnt Ihr Euch vorstellen, wie das sein muss? Du bist Kind, hast endlich Ferien und sechs Stunden Autofahrt hinter Dir, hast deine Eltern so lange genervt, dass sie nun einer Pause zustimmen. Du hüpfst fröhlich-unbeschwert in diesem Laden zur Kasse, ganz sicher, dass du deinen Eltern mit dem entsprechenden Einsatz noch einen Schokoriegel abquängeln kannst und stehst vor diesem Folterregal. Und dann, dann greift deine Mutter nach einem dieser Hefte und meint: „Du, die unregelmäßigen Verben – oder die Könige der Republik oder was auch immer – da könntest du doch während der Ferien…“

Grausam, ja geradezu barbarisch!

 

Provence – oder so

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Jeder hat da wohl so seine Provence- Bilder im Kopf: Dörfer aus sanft-goldenen Bruchsteinen gebaut, Senanque inmitten von Lavendelfeldern, kleine Cafés mit bunten Sonnenschirmen davor, Platanen umstandene Plätze, auf denen alte Männer Boules spielen, daneben fröhlich-bunter Markt mit fröhlich-bunten Menschen.

Das Problem ist nur, dass die Provence sich nicht an unsere Klischees hält, nicht in Fontaine-de-Vaucluse, nicht Anfang Oktober. Pardon, die Natur in etwa schon, die Hauptdarsteller nicht. Es ist, als herrsche eine geheime Absprache, alle Touristen zu vergraulen, damit man die Lokale schließen und den Winterschlaf einläuten kann. In einem Lokal gibt es Wasser nur, wenn man etwas zu essen bestellt. Es ist halb drei, wir möchten nichts essen, nur einen Kaffee und etwas Mineralwasser haben, was aber nicht möglich ist. Im nächsten will man uns nicht im schönen Garten am Mühlrad sitzen lassen. Kaffee nur vorne an den Zweiertischchen direkt an der Straße. Dass acht Personen nicht an drei Zweiertische passen, hat sich noch nicht herumgesprochen. Das nächste Café hat immerhin Vierertische, die wir aber nicht zusammenstellen dürfen. Ich habe selten eine so unfreundliche Haltung gegenüber Gästen gesehen.

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Die Sorgue dagegen tut ihr Bestes, bietet kristallklares Wasser über smaragdgrünen Unterwasserwiesen, Enten, Mühlräder, jede Menge Petrarca auf Italienisch und Mistral auf Provenzalisch und dann „Le gouffre“, der Schlund, Anfang Oktober mit Niedrigwasser. Dafür sind die Wasserstandsmesslatten, die bis weit über unsere Köpfe reichen, gut und deutlich sichtbar.

 

Irgendwo bekommen wir unseren Kaffee, die einen fahren zufrieden zurück zu Haus und Pool. Wir, die Nachzügler, wollen noch ein bisschen Provence-Feeling suchen und steuern Menerbes an. Und da gibt es dann die kleinen Sträßchen und die verträumten Ecken und ein Eiscafé mit einer fröhlich-lachenden Dame hinter dem Tresen. Die fragt Monsieur: „Haben Sie Ihr Glück gefunden?“ Worauf Monsieur zuerst zu seiner Frau und erst dann zum Eis schaut, nickt und „Limone-Basilikum“ sagt.

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Dass die meisten Sehenswürdigkeiten im Privatbesitz sind („ne se visite pas“), kommt uns ganz gelegen und trägt mit dazu bei, dass wir von Menerbes ein sehr positives Bild mitnehmen. Da sind wir ganz einfach: natürlich haben wir keine Vorurteile und Klischees, freuen uns aber immer, wenn sie uns bestätigt werden.